Protokoll der 20. Sitzung am 22. Februar 1911. Diskussion über Adler: Der männliche Protest, seine Rolle und Bedeutung in der Neurose 1911-508/1911.01

Rank, Otto (1911-508/1911.01): Protokoll der 20. Sitzung am 22. Februar 1911. Diskussion über Adler: Der männliche Protest, seine Rolle und Bedeutung in der Neurose

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    P R O T O K O L L

    der

    20. S I T Z U N G

    am 22. Februar 1911.



     

    D I S K U S S I O N

    über


     

    Adler: Der männliche Protest, seine Rolle und Bedeutung in der Neurose

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        Herr Bernhard Dattner, abs. Jurist, derzeit Student der Medizin,
    wird mit 14 Stimmen in den Verein aufgenommen.

    D I S K U S S I O N.

        Tausk findet nach Rosensteins Ausführungen nicht mehr viel Ma-
    terial zur kritischen Behandlung vor. Wie man beim Aggressionstrieb
    fragen müsse, wer aggrediert, so müsse man beim männlichen Protest die
    keineswegs philosophische Frage stellen, wer protestiert? Offenbar je-
    mand, der unterdrückt wird und das kann doch nur ein Trieb sein. Da -
    rin lässt sich aber die grundlegende Bedeutung für die Neurose nicht
    erblicken, da dieser Trieb (den Adler im Trotz des Kindes findet) dem Bewusstsein so unbekannt sein kann, dass
    daraus die Neurosenbildung folgen müsste. (nicht) Der wahrhaft unterdrückte
    und protestierende Trieb kann nur die Libido sein, denn bei den an-
    deren Trieben handelt es sich um eine einfache Auseinandersetzung
    mit der Aussenwelt. Bei der Libido dagegen ist das Objekt unbewusst,
    sei es nun die eigene Person oder die Verwandten des Kindes (inzes-
    tuöse Neigung) als auch fremde Personen; denn der Sexualtrieb wird ge-
    zwungen unbewusst zu werden, da sein Objekt immer ein anderes ist,
    als er will. Und dagegen protestiert der Sexualtrieb. Wozu man dann
    noch männlich und weiblich sagen soll, bleibt unerklärlich. Hier fin-
    den wir nun die Antwort auf die aufgeworfene Frage: Das Subjekt ist
    die Libido; sie protestiert, weil man ihr entweder das Objekt entzieht
    oder ihr ein anderes gibt. Die Notwendigkeit fehlt, die de Libido als
    männlich und weiblich zu qualifizieren.

        Eine andere Frage ist, wie weit Adler damit Recht habe, dass die-
    se Wertungen in die kulturelle r Einstellung eingeführt werden und
    zur Neurose beitragen. Wenn man auch den Protest als Zentralpunkt der
    Neurose leugnen müsse, könne man doch gelten lassen, dass in der Ver-
    arbeitung dieser Protesteinstellung männlich und weiblich vorkommen
    kann. Ja es gibt vielleicht keinen Fall, wo es nicht vorkommt. Wissen
    wir ja, dass der Ausbruch der Neurose daran geknüpft ist, dass der
    Unterschied der Geschlechter dem Menschen bewusst wird und dass er
    die daraus folgende geforderte Einstellung nicht vollziehen kann.
    Aber diese Qualifikation ist jenes Gebiet, wo die Neurose ihre Ver-
    anlassung findet. Der Motor der Neurose braucht nur eine gehemmte
    Energie zu sein, die ihren Weg nicht findet. Dass Libido haben wollen

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    immer männlich sein müsse, ist nicht einzusehen; die andern Momente
    aber fallen in die bewusste Einstellung der Geschlechter, es ist das
    Material, dessen sich die gehemmte Libido bedient. Der Neurotiker
    stellt sich dar als ein Mensch, der über seine Libido nicht verfügt,
    der den Aufgaben, die die allgemeine Sexualität an ihn stellt, nicht
    gewachsen ist. Wenn er nun sieht, dass die Männer freier sind als die
    Frauen und aggressiv, was er selbst nicht kann, so fällt es ihm leicht
    seine Situation in die Worte zu kleiden: ich will ein Mann sein. Das
    ist nur ein so spätes Stadium der Entwicklung, dass man es in die
    oberflächlichen Schichten der Neurose verlegen muss.

        Adler findet, der Redner habe versucht, sich eine Entwicklung des
    kindlichen Trieblebens zu konstruieren, indem er seine (Adlers) psycho-
    analytisch gefundenen Ergebnisse leugne und seine eigene Auffassung
    gegenüberstelle. - Auf die Frage: wer protestiert, ist zu erwidern, es
    protestiert das Kind sofort wenn es unsicher geworden ist und Be-
    fürchtungen ausgesetzt ist. Wenn Tausk männlich und weiblich in die
    Zeit des Ausbruchs der Neurose verlegen möchte, so sei zu erwidern,
    dass dieser Ausbruch oft recht frühzeitig erfolge. Anderseits sei es
    nicht klar, wo bei Tausk die Verdrängung beginne, da nach seinen Aus-
    führungen der Wunsch der Frau, ein Mann zu sein, meist bewusst sei,
    während er nach Adlers Befunden die Betreffenden nichts davon wissen.

        Rosenstein rekurriert auf einige Ausführungen Furtmüllers, die
    er kritisch zu widerlegen versucht. Wenn Furtmüller behauptet habe,
    dass Adler der Sexualität ihr Recht lasse und den männlichen Protest
    nur als richtungsgebend für die sexuellen Kräfte annehme, so sei zu
    erwidern, dass Adler der u Sexualität an sich noch gar keine Kraft zu-
    schriebe, wenigstens nicht zu pathogenen Wirkungen. - Was die Frage der
    falschen Wertungen betreffe, so lässt sich schliesslich alles im Le-
    ben männlich oder weiblich werten; es handelt es sich aber darum, ob
    es bei jeder Handlung, jedem Zustand bewusst oder unbewusst mitgedacht
    wird, ja dass es nur darum ausgeführt wird, weil dieser Gedanke an
    männlich und weiblich mitschwingt.

        Furtmüller meint Adler ganz richtig verstanden zu haben, dass er
    der Sexualität nicht jede Existenz an sich abspreche.

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        Klemperer findet keinen Widerspruch zwischen den Adlerschen
    Auffassungen und der Freudschen Lehre, ohne dass darum zuzugeben
    wäre, die Adlerschen Anschauungen wären nur Neubezeichnungen Freud-
    scher Begriffe. Nach Adler verdrängt der Pat., um der Gefahr unten zu
    sein, zu entgehen, alles seine libidinösen Regungen. Die verdrängende
    Kraft ist nach Freud der Zwang der Kultur. Für Adler ist es anders;
    die Befürchtung, unten zu sein, hätte wohl nie die Kraft, einem natür-
    lichen Trieb wie die Sexualität zu unterdrücken. Nach Adler sind
    aber diese Triebregungen nicht natürlich, sondern erst durch diese
    Befürchtung geschaffen worden. - Mit dem männlichen Protest ist für
    Freudschüler natürlich der Begriff der Verdrängung schon gesetzt.
    Der männliche Protest verlangt aber die Verdrängung nicht. Aehnlich
    verhält es sich mit der (Auffassung der Sicherungstendenz als Flucht in die Krankheit) da die Neurose nicht der
    einzige Fall ist, wo uns diese Sicherung entgegentritt. Es ist zweif-
    fellos, dass die Verdrängung bei Freud eine Sicherungstendenz hat, aber
    für Adler beginnt die Sicherungstendenz schon in der Kompensation
    des Nervensystems; erst mit dem minderwertigen Organ ist die Siche-
    rungstendenz gesetzt. Wir werden immer mehr dazu gedrängt, die Krank-
    heit als Symptom eines minderwertigen Organs aufzufassen und der
    neurotisch Disponierte ist ja eigentlich schon ein Neurotiker. In
    diesem Sinne müssen wir Adler dankbar sein, dass er der Neurosenfor-
    schung einen Platz in der Gesamtpathologie geschaffen hat.

        Prof. Freud muss den Bodensatz der vorigen Diskussion über
    Adlers Vortrag nochmals aufrühren, um sich gegen drei Aeusserungen
    von Adler zu wenden.

        1. Gegen einen Satz, der die Herstellung einer Absurdität auf
    künstlichem Wege bezweckte. Adler habe angeführt, die Verdrängungs-
    lehre behaupte, die Verdrängung komme von der Kultur und die Kultur
    komme wieder von der Verdrängung. Das ist nun kein Spiel mit Worten,
    sondern gerade der Einwand und wenn die Sätze, wie sie es auch ursp-
    rünglich waren, ausgeführt werden, so liegt kein Widersinn darin. Die
    Verdrängung geht beim Einzelnen vor sich und wird gefordert durch
    den Anspruch der Kultur. Was ist nun die Kultur? Sie ist ein Nieder-
    schlag der Verdrängungsarbeit aller Generationen vorher. Vom einzel-
    nen wird gefordert, alle Verdrängungen zu leisten, die vor ihm schon

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    geleistet wurden. - Gerade jemand, der so viel Wert darauf lege, dass
    an seinen Worten nicht gerüttelt werde und der anderen das Melken
    an Worten zum Vorwurfe mache, sollte sich am allermeisten davor hü-
    ten, selber in diesen Fehler zu verfallen. Dabei war dieser Vorwurf
    Rosensteins sachlichen und massvollen Ausführungen gegenüber, die
    doch das Recht hatten, an den Wortlaut anzuknüpfen, gar nicht berech-
    tigt. Doch haben diese Ausführungen offenbar Adlers wundesten Punkt,
    die Aufklärung des Traumes getroffen. Rosenstein hat vollkommen Recht,
    dass die Traumbildung vom Adlerschen Standpunkt völlig unverstanden
    bleibe.

        Ein dritter Punkt zeige von grosser Empfindlichkeit. Adler habe
    gebeten, die nachträglichen Anerkennungen, die viele Redner auf ihre
    Kritik folgen liessen, zu unterlassen und hat ihnen damit Unrecht ge-
    tan, denn er hat kein Recht anzunehmen, dass diese Anerkennung unauf-
    richtig gewesen sei. Prof. Freud hält die Adlerschen Lehren für falsch
    und für die Entwicklung der Psychoanalyse gefährlich. Aber das sind
    wissenschaftliche Irrtümer, die durch eine falsche Methodik (durch
    das Hereinziehen von sozialen und biologischen Gesichtspunkten) her-
    vorgerufen sind; und es sind Irrtümer, die ihrem Urheber alle Ehre ma-
    chen? Und ungeachtet der Ablehnung des Inhalts der Adlerschen An-
    schauungen, kann man doch ihre Konsequenz und ihren Sinne anerkennen.

        Stekel findet die immer vorgebrachte Einwendung, dass alles schon
    bei Freud stehe, unwissenschaftlich. Er selbst hat sich allmählich in
    die Adlerschen Anschauungen erst hineingearbeitet und gefunden, dass
    es sich keineswegs um Abstraktionen oder Irrtümer, sondern um grosse
    Fortschritte in der Neurosenlehre handle, die wir noch nicht vollkom-
    men fassen können. Wer nicht praktisch arbeitet und selb Material di-
    rekte daraufhin nachprüft, ist nicht imstande ein Urteil darüber zu
    fällen. Nach Freud haben wir Adler die wichtigsten Aufschlüsse über
    die Dynamik des Traumes zu verdanken; der psychische Hermaphroditis-
    mus findet sich tatsächlich in jedem Traum, ebenso wie man auch den
    männlichen Protest in jedem Traum nachweisen könne. Wenn wir nur statt
    männlichen Protest Herrschsucht setzen, so finden wir in jedem Traum
    die Tendenz des Neurotikers herrschen zu wollen, oben zu sein. - Der
    männliche Protest des Neurotikers zeigt sich auch in der Todesklau-

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    sel, die sich in irgend einer Form in jedem Traume nachweisen lässt;
    mit Hilfe des Todes will der Neurotiker über seine Rivalen triumphie-
    ren. -

        Redner berichtet nun über zwei praktische Fälle, die beweisen,
    von welch eminenter Bedeutung Sicherungstendenzen in der Dynamik der
    Neurosen sind.

        Adlers Auffassungen sind eine Vertiefung und ein Ausbau der bis
    jetzt von uns gefundenen Ttasachen, die in keinem Gegensatz dazu ste-
    hen. Sie sind einfach auf dem Freudschen Fundament weiter gebaut. Der
    wirklich grosse Fortschritt Adlers beruht auf psychologischem Gebiet
    und zeigt, wie sich der Charakter des Neurotikers aus gewissen Ein-
    stellungen entwickeln muss.

        Prof. Freud sieht sich genötigt, Stekel gegenüber in eine Spe-
    zialkritik einzugehen, da Stekel die Verteidigung Adlers von einem
    falschen Standpunkte aus unternommen habe. Dass sich diese Dinge fin-
    den, hat niemand bestritten; aber sie sind nicht dort vorhanden, wo sie
    Adler hinstellt. Adler sieht die Dinge vom Standpunkt des Ich und be-
    schreibt und erklärt sie so, wie es das Ich tut. Wir haben für diese
    Art der Betrachtung den T Terminus "Rationalisation": das Ich hält alles
    für sein bewusstes Tun und übersieht die unbewussten Motive. Ebenso
    ist es bei Adler und dadurch muss er oft sekundäres für primär neh-
    men. - Wenn Stekel behauptet, er finde keinen Widerspruch zwischen den
    Anschauungen und der Freudschen Lehre, so muss doch darauf hingewie-
    sen werden, dass zwei von den Beteiligten diesen Widerspruch doch fin-
    den: nämlich Adler und Freud.

        Das Verständnis des Traumes ist vom Verständnis der Kleinkin -
    derträume ausgegangen und Stekel wird aufgefordert in solchen Träu-
    men das Motiv des Todes und die Bisexualität aufzuzeigen. - Wenn er
    Herrschsucht für männlichen Protest setze, dann bestehe natürlich
    kein Widerspruch. Das Ueberlegenseinwollen muss nicht mit einem sexu-
    ellen Sinn verbunden sein. Er mache sich erbötig an einer Kranken-
    geschichte den Nachweis zu erbringen, dass die von Adler aufgezeigten
    Dinge wirklich bestehen, wie das aber sekundär durch Libidoströmung
    en bedingt ist.

        Adler verweist darauf, dass er bei seinen Traumdeutungen immer d
    die psychische Situation des Träumers in Betracht gezogen habe.

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    Seine Befunde lägen aber nicht in allen Träumen bloss und lassen
    sich auch nicht so leicht aufdecken. Es fragt sich, warum träumt der
    Mann immer mit Herrschsucht; woher kommt es, dass sie ihn immer be -
    schäftigt, dass sie sein treibender Motor ist und dass sie ihn an der
    Einfügung hindert.

        Seine Arbeiten seien von Freud und einigen Kollegen als Provo-
    kation aufgefasst worden. Sie wären aber nicht möglich gewesen, wenn
    Freud nicht sein Lehrer gewesen wäre. Seine wissenschaftliche und per-
    sönliche Situation sehe er einigermassen bedroht und werde sich nich
    scheuen, die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen, um einem solchen
    Fortgang der Dinge im Interesse der psychoanalytischen Bewegung Ein-
    halt zu tun.

        Redner geht nun auf die Spezialkritiken von Freud näher ein. Es
    gehe nicht, die Kultur als Verdrängung der vorhergehenden Geschlech-
    ter aufzufassen. Denn wie erklärt sich die Verdrängungsarbeit eines
    Kindes, das gegen die Masturbation anzukämpfen beginnt.

        Was die Bisexualität betreffe, so ist damit das Angeborene zwei-
    er Sexualregungen gegeben; eine Annahme, die der Ausdruck psychischer
    Hermaphroditismus vermeide. Dieser Hermaphroditismus mit folgendem
    männlichen Protest ist in allen Träumen zu finden; man muss ihn nur
    aufzuspüren wissen, muss wissen, dass ein Mann mit zwei Mädchen, oder
    ein Mädchen mit zwei Männern (Also der Don Juan- und der Messalinen-
    Typus) Ausdrücke des männlichen Protestes sind. - So findet sich bei-
    spielsweise bei eine neben dem Loreleytypus des oben befindlichen
    Weibes auch die Tendenz, die Frau zu entwerten und Befürchtungen, dass
    sie durch das Weib zugrunde gerichtet werden, Regungen denen ein ge-
    fühlsmässiger männlicher Protest, ein Streben nach oben entspricht (zB
    in dem Gedichte vom Armen Peter). Jeder dieser Frauententwerter hat
    aber daneben ein Mädchenideal, dass er immer noch höher stellt und
    die er nie koitiren würde. - All das findet sich aber nicht im einzel-
    nen Traum, sondern nur in der Kontinuität einer längeren Reihe und
    wenn man die psychische Situation des Träumers berücksichtigt.

        Federn: In der Frage der Beziehung der Verdrängung zur Kultur
    habe Adler Unrecht anzunehmen, dass die (z.B. der Masturbation) Verdrängung eine Folge der
    Kultur sei. Die durch den Fortschritt der Kultur bedingte Protrak -
    tion der Sexualentwicklung des Kindes bestätige den von Freud auf-

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    deckten Zusammenhang; und je älter die Menschheit werde, desto län-
    ger habe der einzelne bis zu seiner vollen sexuellen Entwicklung
    zu kämpfen. - Im Uebrigen halte er Adlers Arbeiten für ungewöhnlich
    wertvoll. Nur habe er sich ein paar Denkfehler zuschulden kommen
    lassen, wodurch es ihm gelingt, das gesamte psychoanalytische Materi-
    al für sich zu verwerten. Der Aggressionstrieb sei eine wichtige und
    wertvolle Beobachtung; jedes Individuum hat den angeborenen Trieb,
    sich zu behaupten und zu wehren. Auch scheine es ja plausibel anzu-
    nehmen, dass wo die Befriedigung weit abgerückt sei, ein dauernder
    Reizzustand bleiben könne. Aber wir sehen in der Natur, dass gerade
    das mildeste Tier wild wird sobald die Sexualität dazukommt. Es ist
    gerade umgekehrt als Adler meint: Die unbefriedigte Libido heizt.
    Ebenso verhält es sich mit der Behauptung, die Libido des Neurotikers
    sei arrangiert, was ja ganz richtig sei; nur ist dahinter die echte
    ursprüngliche Libido verdrängt und zur Neurose umgewandelt. Das ist
    der grosse Denkfehler Adlers, dass er hinter all dem nicht die libi-
    dinösen Wünsche sieht, wie ja auch der männliche Protest selbst nur
    einem Wunsche entspricht: Adler setzt einfach für jeden Wunsch männ-
    lich, für jeden verzicht weiblich. Es wäre geraten und den wertvollen
    Anschauungen Adlers nur zuträglich, wenn er etwas skeptischer gegen
    seine eigenen Befunde wäre und dahinter doch nach dem verdrängten
    Libidinösen suchen würde.

        Steiner hat in der Diskussion auffallende Affekte gemerkt, die
    eine psychologische Aufklärung erfordern. Sie stammen offenbar daher,
    dass diese Dinge an unsere geheimsten Komplexe gerührt haben. Das Be-
    ginnen Adlers halte er für ein verfehltes und gefährliches. Deshalb
    haben auch Adlers Anhänger ihre Sache auffallend schlecht geführt;
    aber auch Freud sei der Vorwurf nicht zu ersparen, dass er seinen
    Affekt zu lange aufgespart habe. Seit der wertvollen Studie über die
    Minderwertigkeit der Organe hat sich Adler immer mehr von der Lehre
    entfernt; und seine urochristenmässige Abkehr von der Sexualität mutet
    heute, wo wir in einer Art Renaissance wieder an die Sinnesfreude der
    Antike anzuknüpfen versuchen geradezu anachronistisch an. Seine Ein-
    heit der Neurose hat nichts getan, als die klassische Einteilung,
    die wir Freud verdanken, wieder zunichte zu machen versucht. Ferner
    hat er uns, die wir zusammengetreten sind, um die Schicksale der Libi-

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    do zu erforschen, in solchem Grade wieder der Oberflächenpsycholo-
    gie anzunähern versucht, dass wir unsere Vereinigung, in deren Pro-
    gramm und Rahmen die Adlerschen Ideen gar nicht passen, würden um-
    taufen müssen. Wenn von einem Antimodernisteneid hier gesprochen
    wurde, so sei er auch bereit, einen solchen zu schwören.

        Adler meint in seinem Schlusswort zunächst die allgemeinen
    Einwendungen xxxxxxxxxxxxxxxxxx Steiners einfach abschütteln
    zu können, jedoch nicht ohne zu bemerken, dass er an Steiners Stel-
    le nicht den Mut zu solcher Rede gefunden hätte. Was die Einheit
    der Neurosen betreffe, so habe er seinerzeit behauptet, dass beim
    Neurastheniker, der nach Freud an einem Abusus erkrankt, dahinter
    ein Motiv aufgedeckt werden könne; und zwar dient seine Onanie nur
    einer Sicherungstendenz. Das gleiche gelte für die Angstneurose.
    Es handelt sich dabei um Menschen, die in jeder Hinsicht sich Sich-
    rungstendenzen zurecht gelegt haben unter denen die Angst prävalie.rt.
    Er habe damit versucht, hinter einer biologischen eine psychologi-
    sche Auffassung geltend zu machen.

        Federn sei zu erwidern, dass natürlich auch der Neurotiker
    von seinen Trieben getrieben werde; es handle sich nur darum, wie
    er das verwende. Dasselbe gilt von der arrangierten Analerotik, wo-
    bei er wohl darauf hingewiesen habe, dass es sich um eine empfind-
    liche Stelle handle; aber wozu verwendet der die. - Dass jeder
    Wunsch männlich sei: Was der Neurotiker wünscht, sind nicht Wünsche
    in seinem Sinne, sondern er wünscht nur in der Richtung des männli-
    chen Protestes. Und es ist alles das minderwertig, was der Neuroti-
    ker eben als minderwertig auffassen will.

        In den Freudschen Mechanismen gebe es einen Punkt, den er oft
    bestätigen konnte: die Verschiebung von unten nach oben. Aber immer
    habe er gefunden, dass diese Tendenz eine gefühlsmässige sei und sich
    im Leben des Pat. in gleicher Weise zum Ausdruck bringe wie
    der männliche Protest.

    *o*o*o*o*o*o*o*o*o*o*o*o*

        In der darauf folgenden Ausschuss-Sitzung legt Adler seine
    Stelle als Obmann der Vereinigung wegen Inkompatibilität seiner
    wissenschaftlichen Stellung und seiner Stellung im Vereine nieder
    und Stekel erklärt sich mit ihm insofern solidarisch, als er glei-
    falls auf seine Stelle als Obmann-Stellvertreter verzichtet.