Protokoll der I. Sitzung am 5. Oktober 1910. Vortrag: Zur Psychologie des einzigen und des Lieblingskindes. Referent: Dr. Sadger. Korref. Dr. Friedjung 1910-522/1910.01

Rank, Otto (1910-522/1910.01): Protokoll der I. Sitzung am 5. Oktober 1910. Vortrag: Zur Psychologie des einzigen und des Lieblingskindes. Referent: Dr. Sadger. Korref. Dr. Friedjung

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    P  R  O  T  O  K  O  L  L
    der

    I.  S  I  T  Z  U  N  G

    am 5.Oktober 1910.





    V  o  r  t  r  a  g:


    Z U R   P S Y C H O L O G I E   D E S   E I N Z I G E N   U N D
    D E S   L I E B L I N G S K I N D E S.

    Referent:Dr.S  A  D  G  E  R Korref.:Dr.F  R  I  E  D  J  U  N  G
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    T A G E S   -  O R D N U N G. 


     

              I. Bericht des Obmannes.
              II.     "         "  Kassiers.
              III.    "         "  Bibliothekars.
              IV .    "         "  Schriftführers.
              V. Anträge und Interpellationen.
              VI.Wissenschaftlicher Vortrag.

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    adI. 1)Der Obmann teilt mit,dass die Statthalterei die Gründung des
         Vereines gestattet habe und dass demnach in der nächsten Sitz
         ung die konstituierende Generalversammlung abgehalten werde,
         wobei die Funktionäre des Vereines zu wählen seien.
        2)
         liegen folgende Bewerbungen um Aufnahme in die Vereinigung
         vor:
                     Herr Dozent Holzknecht
                       "   Dr.iur.Hans Sachs
                       "   Herbert Silberer
                       "   Gustav Grüner
                       "   stud.med.Paul Klemperer
                       "     "     "   Richard Wagner
                       "   General-Direktor Leopold Rechnitzer,
         deren Anmeldung in der nächsten Sitzung zur Abstimmung gebracht
         werden soll.Eventuelle Aeusserungen über die Aufnahmewerber
         sind entweder dem Ausschusse,event.auch dem Plenum bekannt  zu
         geben.

               Herr Dr.Stefan Máday,der sich im laufenden Jahre studien-
         halber in Innsbruck aufhalten wird,bittet für diese Zeit um
         Suspendierung seiner Mitgliedschaft .

               Herr Dr.Fritz Wittels ist vor einiger zeit aus dem Verein
         ausgetreten.
        3)fordert der Obmann zur Anmeldung von Vorträgen auf.
         Sadger plädiert für strenge Durchführung der Gepflogenheit   ,
         wonach sich jedes neueingetretene Mitglied mit einem selb -
         ständigen Vortrag einzuführen habe,eine Anregung ,die Adler
         nur begrüssen und aufs kräftigste unterstützen kann.

    adII. gibt der Kassier bekannt,dass der Mitgliedsbeitrag,incl.des
         Beitrags für die "Internationale Vereinigung",für Aerzte K60.-
         für Nichtärzte K30.-pro Jahr betrage und jewááls halbjährig
         im vorhinein mittels Erlagscheines zu entrichten sei.

    ad III.legt der Bibliothekar den Büchereinlauf vor und beantragt das
         Abonnement der Noll'schen Zeitschrift für Psychotherapie so-
         wie des Zentralblattes für Neurologie.
         Furtmüller schlägt vor,die Zeitschriften im Wege von Tausch-
         exemplaren zu verlangen,worauf Adler die Abonnementfrage zu
         verschieben beantragt.
         Auf Antrag Heller wird das Journal of abnormal Psychology auf
         drei Jahre im voraus abonniert.

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    ad IV.Anfrage des Schriftführers,in welcher Weise er die Berichte
         an das Korrespondenzblatt abfassen soll;insbesondere ob nur
         die Titel der Vorträge oder auch die kurze Inhaltsangabe an-
         zuzeigen sei.
         Stekel meint,dass eine Inhaltsangabe von 1-2 Zeilen genügen
         dürfte,da die Absicht bestehe,die Sitzungsberichte ständig
         vom Sekretär im Zentralblatt referieren zu lassen.
         Federn und Hilferding machen dagegen geltend,dass die Ungezwung-
         genheit der Diskussion darunter leiden würde und auch
         Freud meint,dass der bisherige Modus seine Vorzüge habe.Kurze
         Berichte über den Inhalt der Vorträge wären ganz erwünscht,wo
         bei die Art des Referats zwischen dem Sekretär und dem Herrn
         Vortragenden zu vereinbaren ist.Die Diskussion jedoch müsse
         man wol freigeben.-Die Redaktion sollte sich aber auch der
         Sitzungsberichte von Zürich,Berlin und Budapest versichern .
         Adler ist auch für kurze Mitteilungen im Sinne Freuds,da die
         Stimmung im allgemeinen geneigt sei,so wenig als möglich frei
         zugeben;auch dieses wenige wäre am besten dem Vortragenden u.
         dem Ausschusse vorzulegen.Auch wäre zu gestatten,dass der Vor-
         tragende manchmal ein kurzes Autoreferat zur Darstellung brin-
         ge.Für das Korrespondenzblatt dürfte die blosse Titelangabe
         genügen.
         Stekel erklärt sich mit dem Antrag Freud völlig einverstanden,
         meint aber doch,das eine oder andere treffende Wort aus der
         Diskussion in den Bericht aufnehmen zu sollen;natürlich nur m
         mit Einwilligung des Referenten,

    ad V.  verliest Dr.Oppenheim eine Zuschrift von Dr.J.Breuer,die auf
         den Beitrag "Unus multorum" aus der Selbstmordbroschüre bezug
         nimmt und die Verwunderung darüber ausspricht,dass keiner von

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         den Diskussionsrednern auf den so wichtigen Punkt näher eingegan-
         gen sei,dass die meisten dieser jugendlichen Selbstmörder den
         Begriff des Todes nicht zu realisieren vermögen.
         Prof.Freud hält diesen Punkt tatsächlich für das Entscheidende
         und meint,Breuer knüpfe mit dieser Bemerkung an das an,was in der
         Traumdeutung über die Vorstellung des Kindes vom Totsein ausge-
         führt sei.Ein Stück dieser Anschauung scheint sich bis in die
         Zeit der Pubertät hineinzuziehen,was sich auch mit der direkten
         Beobachtung in vivo decke (Ein 11jährig.Knabe äussert kurz nach
         dem Tode seines Vaters: "Dass der Papa gestorben ist,verstehe ich
         sehr gut,aber warum er nicht zum Nachhmahl kommt,kann ich nicht
         begreifen).

         Tausk legt 10 Selbstbekenntnisse von Maturantinnen vor und stellt
         sie einem Interessenten zur Verfügung.Furtmüller übernimmt sie
         zur Durchsicht.      |

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    V  O  R  T  R  A  G . 

     

              Sadger hebt eingangs hervor,dass der Titel seines heutigen
    Themas zu enge gefasst sei,da die Psychologie des Lieblingskindes
    bei der Psychologie der betreffenden Eltern anfange.Jene Kinder sind
    nämlich buchstäblich die Geliebten ihrer Eltern,zumal des andersges
    schlechtlichen Teils ,wobei die Knaben besonders exponiert sind.
    solche Eltern suchen das Kindeszeit häufig zu verlängern durch al-
    lerlei künstliche Mittel und kommen dem bei Lieblingskindern meist
    von Haus aus verstärkten erotischen-und Zärtlichkeitsbedürfnissen
    in überschwenglicher Weise entgegen.Daraus wird ihre besondere Dis-
    position zu den verschiedensten Neurosen sofort verständlich.

              Ref.bespricht dann den individuellen Einfluss,den jeweils Vat
    ter oder Mutter auf ihr Lieblingskind ausüben und geht dabei ausfihr-
    lich auf das bei weitm intensivere und folgenschwerere Verhältnis
    zwischen Mutter und Sohn ein.Der Einfluss der Mutter beginne meist
    schon bei der Beschränkung der Kinderzahl auf dieses eine,das sie un-
    geteilt besitzen will und sie suche dann in masslosem Auskosten
    des Mutterglücks,das wir durhh Freud als Auffrischung der eigenen
    infantilen Perversionen kennen gelernt haben,die in der Ehe vermisste
    Befriedigung(Anal-u.Urethralerotik,Schau-u.Exhibitionslust).Sie su-
    chen das Kind von jeder Kameradschaft und Erotik fernzuhalten(so-
    weit sie sich auf andere Personen bezeeht) und erschweren,ja ver-
    hindern so die notwendige Ablösung von den ersten Objekten,nämlich
    der eigenen Person des Kindes und den Eltern.Dass mit solchen Kind-
    heitseindrücken die Bedingungen für psychische Impotenz resp.natu-
    ra frigida bei Frauen gegeben sind,liegt auf der Hand.Anderseits
    erwächst aus dem langen Festhalten und der gesteigerten Intensität
    des Autoerotismus eine verhängnisvolle Neigung zur Homosexualität
    (Mutterliebe und Narzissismus)wie zur Dementia praecox(Autoerotis-
    mus).Auch wird die zur kulturellen Einordnung und Entwicklung so

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    notwendige Sublimierung mindestens gehemmt und diese Kinder behal-
    ten ein grosses Stück Perversität fürs leben,was wieder ihre normale
    entwicklung erschwert ,Referent schliesst seine Ausführungen mit dem
    treffenden Worte von Wittels,man solle den Kindern möglichst viel
    Freiheit lassen und so wenig als möglich an ihnen herumerziehen.

    Friedjung bemerkt,dass er keinen abgerundeten Vortrag bieten kön-
    ne(er habe nämlich die Absicht später in der Gesellschaft der Aerz-
    te über dasselbe Thema zu sprechen),sondern lediglich sein gesammel-
    tes referat Material zur Diskussion stellen wolle.

              In den letzten zwei Jahren habe er 91 Fälle von einzigen Kinder
    dern beobachtet;die Lieblingskinder habe er ausgeschaltet,weil da-
    bei der Willkür des Beobachters zu viel Spielraum gewährt sei und
    ebenso habe er nur Kinder von zwei Jahren aufwärts in die Statistik
    auggenommen,weil ja jedes erste Kind über ein Jahr lang das einzige sei.
    Es handelte sich um 41 Knaben und 50 Mädchen im Alter vom vollen-
    deten 2.bis zum 14.Jahre.Es bestätigt unsere Erwartungen,dass unter
    diesen 91 Kindern nur 12 normale oder annähernd normale waren,die
    anderen 79 dagegen mehr oder minder pathologische namentlich patho-
    logisch-neurotische Anzeichen aufwiesen;darunter sogar 17 ziemlich
    schwere Anzeichen.-Im Gegensatz zu Neter und Sadger konnte Ref.be-
    obachten,dass die Mädchen schwerer erkrankten.

              Die Erkrankungen zerfallen in zwei Gruppen:
                    I.Allgemeine Symptome
                    II.Organsymptome

    Diese zerfallen wieder:
                         a)in solche rein körperlicher Natur (Distrophie)
                         b) " " psychischer Natur .

    Hier interessieren uns besonders nur die letzteren.Abgesehen von den
    bei den anderen Autoren gewürdigten Charaktereigenschafteh des ein-
    zigen Kindes(wie Mangel an Mut etz.)sind in der Gruppe II,b beson-
    ders hervorzuheben:die ungewöhnliche Aengstlichkhheit (22Knaben,29Mäd-
    chen),die in verschiedenen Graden auftreten kann.Dazu gehört auch u
    die nächtliche Unruhe,die sich bis zu der pathologisch wichtigen Ef-

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    scheinung des Pavor nocturnus steigern kann(ausgesprochen 8mal).
    Auf die Launenhaftigkeit und Ungeselligkeit dieser Kinder möchte
    er nicht weiter eingehen.Einige von ihnen zeigten sich direkt ei-
    fersüchtig.Bei fast allen war der Intellekt weit über den Durchschni
    entwickelt,bei einem Kinde nur fanden sich Züge von moralischer
    Schwäche .

              ad a)zeigten sich 14 Knaben und 18 Mädchen ausdrücklich dis-
    trophisch,was in der Mehrzahl der Fälle auf Appetitlosigkeit zurück-
    ging.Damit greifen wir auf Gruppe II über;es erweist sich die Ver-
    dauung dieser Kinder nachdrei Seiten hin abnorm:
                         1.Geringer Nahrungsbedarf
                         2.Erbrechen
                         3. Stuhltätigkeit gestört.

    Auch das Nässen spielt bei diesen Kindern eine grosse Rolle.(Pollaki
    surie,Enuresis:8Knaben u.2Mädchen),ferner kann sehr häufig bei ih-
    nen das sog.Wegbleiben beobachten,das mit dem Morbus sacer nichts
    zu tun hat und bei dem oft der blosse Milieuwechsel hilft.Auch ner-
    vöses Asthma findet sich nicht selten.Endlich ist noch der Nessel-
    ausschlag zu erwähnen(25Knaben,28Mädchen),von dem hauptsächlich die
    neurotischen Kinder sehr belästigt werden.

              Auch im Wirken des Arztes macht sich die Einzigkeit des Kindes
    unangenehm bemerkbar u.zw.bei drei Formen von Krankheiten: 1.wo ner-
    vöse Komponenten ins Spiel treten(so dauert z.B.eine Pertussis  bei
    einem einzigen Kind länger),2.bei Blutungen und3.bei besonders
    schmerzhaften Erkrankungen.

              Ref.hofft,dass seine Beobachtungen als Relief zu den Ausfüh-
    rungen Sadgers nicht unwillkommen sein werden.

      ->
    Prof.Freud hebt als wissenschaftlicher Vorsitzender die beiden Re-
    ferate als interessantes Beispiel hervor auf wie verschiedenen We-
    gen man dasselbe Thema angreifen kann und dass die Diskussion nach
    beiden Richtungen,nach der der Beobachtung wie der Erklärung ge-
    wiss vieles hinzuzufügen haben werde.

              Der Vorsitzende schliesst die Versammlung,indem er die Abhal-
    tung der Diskussion aufs nächste Mal vertagt,mit zwei technischen
    Bemerkungen,die er an die beiden Referenten richtet.Sadger möchte

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    er auf eine Arbeit von Haberlin aufmerksam machen, die sich mit dem
    Inhalt seines Vortrages berührt und den Titel führt: Zärtliche und
    unzärtliche Erziehung .

          Friedjung möchte er zu Bedenken geben, dass seine Absicht in
    der Gesellschaft der Aerzte über dasselbe Thema zu sprechen und
    dabei einzelne in unserer Diskussion vorgebrachten Gesichtspunkte
    zu verwerten, vielleicht nicht sehr politisch sei; es könnte bei die-
    ser Gelegenheit, wo von unserer Seite selbst die Psychoanalyse vor  d
    das Forum der Wiener Aerzteschaft geschleppt würde, der lange schon
    vorbereitete Sturm losbrechen . Es wäre also erwünscht auch diese
    technische Frage mit zur Diskussion zu stellen, womit sich Fried-
    jung bereitwillig einverstanden erklärt. /

    -o-o-o-o-o-o-o-o-o-o-o-o-