Protokoll der (XVIII. / 8.) Sitzung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 7. März 1920. Paul Schilder: Über Identifizierung 1920-505/1920

Reik, Theodor (1920-505/1920): Protokoll der (XVIII. / 8.) Sitzung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 7. März 1920. Paul Schilder: Über Identifizierung

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        Sitzung am 7/III 1920        Dr Jokl | Dr Winterstein

    Prof. Freud, Dr Federn, Dr Sadger, Dr Nunberg, Dr Jekels, Dr Varga, Dr
    Weiss, Herr Kohn, Fokschaner, Dr Deutsch, Kaplan, Frau Dr Deutsch
    Dr Schilder, A. J. Storfer, Dr Nepallek, Dr Schmideberg, Anna Freud,
    Dr Hitschmann, Dr Reik, Dr Rank. Frau Dr Hug entschuldigen.
        Dr Schilder hat ein 1stündiges Kolleg samstag 12-1 „Psychoanalytische
    Demonstrationen“ angekündigt.

    Prof. Freud kündigt einen griechischen Aufsatz an mit Titel „Der
    Ursprung der Sprache und die Freudsche Psychologie.“

    Dr Federn über neue Arbeiten von Steinach über Homosexualität.
    Dr Schilder: Kretschmer und Bleuler Polemik über „Unbewußte“ in
    „Neurologie Zeitschrift für die gesamte Neurologie
    und Psychiatrie“.

        Dr Schilders Vortrag über „Identifizierung“: Lehnt sich an ei-
    nen Fall von Homosexualität an. 37 jähriger Mann. Perversion
    Interesse für 12-14 jähr. Knaben. Tendenz für sie zu sorgen, gelegent-
    lich sadistische Tendenzen. Erektionen ohne Samenerguß bei
    Phantasien. Für Frauen kein Interesse. Verblüffende Unkenntnis
    der sexuellen Tatsachen z. B. die Vagina dient gleich zur Abfuhr
    von Kot. Früher hatte er im Zusammenschlafen den Geschlechts-
    verkehr gesehen. Kinderszene aus 8. Lebensjahr: Erektion beim
    Geschlagenwerden verbindet sie mit dem Gefühl des Beschämt-
    seins. Sträubt sich gegen Phimosenoperation. Hat in der Nacht
    vor Operation Traum, der Fuß werde operiert. Erinnerung
    aus 4. Lebensjahr: Kastrationsdrohung von Mutter und
    Kinderfrau. In liebeleerer Umgebung aufgewachsen, sein

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    Bruder wurde von Mutter bevorzugt, der Vater als krankhaft gütig
    geschildert. Deckt sich mit vielem, was Sadger an Homosexuellen
    gefunden hat. Pat. identifiziert sich mit Knaben, die gezüch-
    tet werden, andererseits mit Mutter. Wesentlich Zärtlichkeits-
    entzug von seiten der Mutter. Identifiziert sich teilweise mit
    Masochismus des Vaters. Knabe wurde in Entwicklung von Kin-
    derfrau und Mutter. Prinzipielle Fragestellung: Ist die Metho-
    de der Symboldeutung oder die einfacher Ausfragung sicher.
    Ein Traum eines Schizophrenen: ein Pferd stürzt auf die am Boden
    liegende los. Die Psychoanalyse hat die zeitlichen Bedingungen
    des psychischen Geschehens aufgeklärt. Bemerkungen über
    das Zeitproblem. Ein Willensfaktor bestimmt das Auftauchen
    von Assoziationsverläufen. Jeder Gedanke hat einen unschar-
    fen Rand. Unser vergangenes Leben in dem enthalten, was wir
    momentan erleben. Das Unbewußte wirft seine Reflexe
    ins das bewußte Leben, erscheinen in Form von Gedanken-
    keimen. Die symbolischen Gebilde liegen an Kreuzungs-
    stelle von Bremsungen und Antrieben. Identifizierung:
    Pat. identifiziert sich mit Mutter (grob sexueller Charakter). Iden-
    tifizierung wird vom Spiel geschieden: Spiel besteht in Über-
    nahme einer Rolle. Für Identifizierung wesentlich: Aufnahme
    der fremden Persönlichkeit unbewußt. Doppelte Richtung
    der Aktion: identifiziert sich mit aktiver und passiver
    Person. Statt Begriff des Leidens und Tuns ein Begriff der beide
    verbindet, diese Verwischung charakteristisch für Unbewußtes.
    XXXX Für Projektion: eigene Erlebnisteile werden abgestoßen,
    aber nicht vollständig, das Individuum behält Teile bei
    sich zurück. Lust an motivischen Variationen in unbewuß-
    ten Aktionen. Wechsel von Projektion und Identifikation.
    Ins Objekt abstoßen und vom Objekt übernehmen. Große Rolle
    der Prozesse beim Normalen. Die biologische Fixierung der
    Objekt-Subjektbeziehungen ist nicht straff, der Traum,
    Krankheit ist Sprengung der organischen Form. Ein 30

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    jähr. Schizophrener hört Stimmen, die Befehle zum Losschlagen geben.
    Sein System: Teilchen in sich, die in Fremde eindringen. Ident-
    ifizierung stört nicht den Persönlichkeitsbegriff. Der Vorgang der Glei-
    chsetzung außenstehender Persönlichkeiten sollte nicht Identi-
    fizierung heißen. Fremdwahrnehmung psychischen Erlebens:
    Ein Problem der Psychologie: hier liegt ein primäres psychisches
    Erlebnis vor. Ist sie nicht oft Projektion und Identifikation
    zurückzuführen? Die Psychoanalyse wäre dann Methode, die
    uns Vermutungen über Bauplan des psychischen Lebens nahe-
    legt. Die Frage kausaler Wirksamkeit psychologischer Momente
    z. B. bei Schizophrenie berechtigt. Die Grenze zwischen ererbtem
    physischen und psychischem Elementen ist nicht starr. Diese
    Fragestellung gilt auch für Homosexualität. Der Typus des Me-
    lancholikers

    Prof. Varga: Identifikation ist eine allgemeine Erscheinung des
    sozialen Lebens. An bestimmter Stelle fließt Projektion und
    Identifikation zusammen. Das soziale Leben besteht in Iden-
    tifikation. Die Wirkung einer Rede ist Identifikation
    ad hoc. Philosophische Systeme beruhen auf Identifika-
    tion.

    Dr Nunberg: Es gibt 2 Identifizierungen: hysterische und nar-
    zißtische. Bei der hysterischen Identifizierung bleibt Objekt
    erhalten.

    Dr Federn: Jede Identifizierung setzt eine Projektion voraus.

    Dr Reik einzelne Bemerkungen zur Identifikation.

    Dr Schilder will zwischen Introjektion und Projektion scheiden.
    Jedes psy Jedes psychische Phänomen kann man in anderes in Schat-
    tierungen überleiten. Quantitative Unterschiede gehen in quali-
    tative über. Wieso kommt es, daß bei gewissen Neurosen die-
    se Mechanismen vorgehen.

    XXXXXX Prof. Freud: Fremder Ton im Vortrag, kommt durch ver-
    schiedene Wege ins selbe Material. Die Schule Dr Schilder
    kommt von Selbstbeobachtung her, die Psychoanalyse kümmert
    sich nicht um Oberfläche - Von Vogel- und Froschperspektive.

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    Hat verschiedene Arbeitsweisen zur Folge vom psychologischen und me-
    tapsychologi tapsychologischen Standpunkt. Die Identifikation
    ist Art, Objekte aufzugeben, wird Objektlibido los. Homose-
    xuellen haben Objektbesetzung verloren, identifizieren sich
    mit Mutter; ist Regression in Ich. Analyse des Ichs wäre
    das Resultat, in Instanzen. Ein Einwand: der Homosexuelle
    identifiziert sich mit Mutter, die Identifizierung mit
    Knaben gehört der Vergangenheit an. Alternierende Identi-
    fikationen mit Vater und Mutter kommen vor. Nach
    Identifikation mit Mutter geht er zur neuerlichen Objekt-
    besetzung über.

    Dr Schilder. Schlußwort.

        Für den 21. März: Kritiken und Referate.