Freud, Sigmund (1887-220/1887): Rezension von: Landois, L[eonard] ›Über die Erregung typischer Krampfanfälle nach Behandlung des centralen Nervensystems mit chemischen Substanzen, mit besonderer Berücksichtigung der Urämie‹
S.
Nr. 5. Centralblatt für Physiologie. 127
Physiologie des centralen und sympathischen Nerven-
systemes.L. Landois. Ueber die Erregung typischer Krampfanfälle nach Behandlung
des centralen Nervensystems mit chemischen Substanzen, mit besonderer
Berücksichtigung der Urämie (Wiener med. Presse, Nr. 7, 8, 9, 1887).In der Absicht, den Mechanismus der urämischen Krämpfe auf-
zuklären, hat L. in einer grösseren Versuchsreihe bei Kaninchen frei-
gelegte Theile des Centralnervensystems in directe Berührung mit
verschiedenen chemischen Substanzen gebracht. Die betreffende Sub-
stanz wurde dabei entweder in feingepulvertem Zustande in dünner
Schicht aufgetragen oder in verschieden concentrirter Lösung ver-
wendet. Er konnte durch solche Behandlung das Grosshirn in einen
Zustand versetzen, der in periodischen Zwischenräumen völlig typische
Krampfanfälle verursachte, während zwischen den Anfällen Ruhe
herrschte.Brachte er solche chemisch reizende Substanzen (saures, phosphor-
saures Kalium, Kreatin, Kreatinin, Uralsedimente aus Menschenharn etc.)
auf eine vorher in der Aethernarkose freigelegte Grosshirnoberfläche
des Kaninchens, so entwickelte sich, meist nach wenigen Minuten,
ein Krampfanfall, welcher zuerst der Reihe nach die Kau-, Lippen-,
Nasen-, Augen- und Ohrmuskeln der gekreuzten Seite in klonische
Zusammenziehungen versetzte. Darauf folgten Kopfdrehung, Rumpf-
drehung und Krämpfe in der Vorderextremität; das Hinterbein wurde
seltener befallen. Bei stärkeren Anfällen zeigte sich dieselbe Folge
von klonischen Zuckungen auch an der gleichnamigen Seite, aber stets
in geringerer Intensität. Athmung und Herzschlag blieben dabei un-
beeinträchtigt, die Empfindlichkeit der Haut erhalten. Solche Anfälle
wiederholen sich nun nach einmaliger chemischer Reizung der Gross-
hirnoberfläche durch etwa zwei Tage in Pausen von mehreren Minuten.
Zuletzt treten sie seltener auf und sind unvollkommener ausgebildet.
Nach besonders starken Anfällen zeigen die Thiere eigenthümliche
motorische Unruhe, indem sie meist mit der un-
gleichnamigen Gesichtshälfte an Gegenstände anlaufen. Erregung des
Thieres beschleunigt den Ausbruch eines neuen Anfalles. Die Körper-
temperatur wird meist erhöht gefunden.Bei beiderseitiger Application des chemischen Reizes auf die
Grosshirnoberfläche verfallen die Thiere sofort in einen Zustand von
Apathie, später zeigen sie hochgradige motorische Unruhe, stärkere
Sehstörung und klonische Krämpfe auf beiden Seiten. Tetanische An-
fälle wurden von der Grosshirnoberfläche aus nicht erzeugt.Bei Application des chemischen Reizes auf die freigelegte Medulla
oblongata tritt die Reizwirkung im Allgemeinen schneller und heftiger,S.
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oft blitzschnell hervor. Es kommt zu allgemeinen tetanischen Krämpfen,
an welche sich noch klonische Zuckungen anschliessen. Die Empfind-
lichkeit sinkt sehr bedeutend, Athmung und Herzschlag sind erheblich
beeinträchtigt, die Körpertemperatur kann nach einem Anfall erhöht
sein, sinkt aber im weiteren Verlaufe bedeutend unter die Norm. Im
Harn findet sich nach dem Anfall selten Eiweiss, häufiger reducirende
Substanz. Bei schwächerer Reizung zeigt sich zunächst nur ein gewisser
Grad von spastischer Steifheit in den Extremitäten und Erhöhung der
Reflexthätigkeit. Insbesondere erwies sich die Auftragung von Harn-
stoff auf die Oblongata als ein solcher gering wirkender Reiz.Auch die durch Reizung der Oblongata erzeugten Anfälle können
sich in nicht zu grossen Pausen periodisch wiederholen.Bei chemischer Reizung der Oberfläche des Rückenmarkes zeigte
sich als nächster Erfolg eine spastische Erschwerung in den Bewegungen
der Extremitäten und eine Erhöhung der Hautempfindlichkeit, so dass
das Thier schon bei mässigem Druck auf die Zehen laut und anhaltend
schreit. Auch spontan treten Bewegungen auf, welche auf ein Gefühl
von Irritation in der Haut deuten. In weiterer Folge Lähmung der
Motilität und Sensibilität in den hinter der bestrichenen Rückenmarks-
höhe liegenden Körpertheilen. Krämpfe mehr intermittirenden Charakters
wurden durch chemische Reizung des Rückenmarkes bei Fröschen
erzeugt.Eine Analyse der Symptome des urämischen Anfalles zeigt nach
Landois so bemerkenswerthe Uebereinstimmung mit den Folgen seiner
chemischen Grosshirnreizungen, dass er nicht ansteht, die Grosshirn-
rinde als den Ausgangsort der urämischen Krämpfe anzunehmen. —
Weitere Mittheilungen sind in Aussicht gestellt. Sigm. Freud (Wien).