S.
PROF. DR. S. FREUD (Osterreich) Wien.
Sehr geehrter Herr,
Ich kann meine Bedenken gegen öffentliche Außerungen
über Dinge, von denen ich so wenig verstehe, nicht über-
winden.
Ihr sehr ergebener
Freud.
Herr Prof. Freud versteht trotzdem sehr wohl die sozialen
Gegebenheiten, wie es die folgenden Auszüge aus seinen
Werken beweisen:
"Völker werden ungefähr durch die Staaten, die sie bilden,
repräsentiert diese Staaten durch die Regierungen, die sie92
S.
leiten. Der einzelne Volksangehörige kann im Kriege mit
Schrecken feststellen, was sich im gelegentlich schon in
Friedenszeiten aufdringen wollte. daß der Staat dem
Enschen den Gebrauch des Unrechts untersagt hat, nicht
weil er es abschaffen, sondern weil er es monopolisieren.
will, wie Salz und Tabak
Der krieghrende Staat gibt sich jedes Unrecht... jede
Gewalttätigkeit frei, die den Einzelnen entehen würde. Er
bedient sich nicht nur der erlaubten List, sondern auch der
bewußten Liige und des absichtlichen Betruges weten den
Lind, und dies zwar in einem Maße, weldies, das in iri
heren Kriegen Gebriamhiche zu übersteigen scheint. Der
Staat ford das Xußerste an Gehorsam mad Antiopferung
von seinen Bündera, entaündigt sie aber dabei durch ein
thermaß an Verheimlichung und eine Zensate der Mitteilung
mid Meinungsäußerung, die die Stimmung der su intellek-
tell Unterdrückten wehrlos macht geden jede ungünstige
Situation und jedes wirste Geridn Er ist sich los von
Zusicherungen und Verträgen, durch die er sich gegen ans
dere Staaten sebunden hatte, bekennt sich ungeschen zu
seiner Habeier und seinem Machtstreben, die dann der Ene
zele aus Patriotismus gutheißen soll.
Man wende nicht ein daß der Staat auf den Gebrauch
de Unredas nicht verzichten kam, weil er sich dadurch in
Nachteil settle. Auch für den Hinzelnen ist die Befolgung
der sittidien Normen, der Verzicht auf brutale Macbetäti-
gung in der Regel sehr unvorteilhaft, und der Staat zeigt
sid nur sollen dazu fähig, den Einzelnen für das Opfer zu
entschädigen, das er von inn gefordert hat. Man dari sich
auch nicht darüber verwundern, daß die Lockerung aller
siliden Beziehungen zwischen den Großindividuen der
Menschheit eine Rückwirkung and die Sittlichkeit der Ein-
zelnen ausgelöst hat, dem unser Gewissen ist nicht der una
henésante Richter, für den die Ethiker es ausgeben, es ist
in seinem Ursprung soziale Angst" und nichts anderes. Wo
die Gemeinschaft den Vorwurf aufhebt. hört auch die Un-
terdrückung der bösen Geliste ani, und die Menschen ber
gehen Taten von Grausamkeit, Tücke, Verrat und Roheit.
deren Möglichkeit man mit ihrem kulturellen Niveau für
unvereinbar gehalten hatte."
Siegmund Frend: (Zeitgemäßes über Krieg und Tod")
93
S.
„Das Gebot ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ ist
die stärkste Abwehr der menschlichen Aggression und ein
ausgezeichnetes Beispiel für das unpsychologische Vorgehen
des Kultur-U e b e r-Ichs. Das Gebot ist undurchführbar;
so eine großartige Inflation der Liebe kann nur deren Wert herab-
setzen, nicht die Not beseitigen. Die Kultur vernachläs-
sigt all das, sie mahnt nur, je schwerer die Befolgung der
Vorschrift ist, desto verdienstvoller ist sie. Allein wer in
den gegenwärtigen Kultur eine solche Vorschrift einhält, setzt
sich nur in Nachteil gegen den, der sich über sie hinwegsetzt.
Wie gewaltig muß das Kulturhindernis der Aggression sein,
wenn die Abwehr derselben ebenso unglücklich machen
kann wie die Aggression selbst! Die sogenannte natürliche
Ethik hat hier nichts zu bieten außer der narzistischen Be-
friedigung, sich für besser halten zu dürfen, als die anderen
sind. Die Ethik, die sich an die Religion anlehnt, läßt hier
ihre Versprechungen eines besseren Jenseits eingreifen.
Ich meine, solange sich die Tugend nicht schon auf Erden lohnt,
wird die Ethik vergeblich predigen. Es scheint auch mir
unzweifelhaft, daß eine reale Veränderung in den Beziehun-
gen der Menschen zum Besitz hier mehr Abhilfe bringen
wird, als jedes ethische Gebot; doch wird diese Einsicht bei
den Sozialisten durch ein neuerliches idealistisches Verken-
nen der menschlichen Natur getrübt und für die Ausführung
entwertet.“ (Seite 132–133).
S i g m u n d F r e u d : Das Unbehagen in der Kultur. (Inter-
nationaler Psychoanalytischer Verlag,
Wien, 1930).
PROF. DR. C. FRIES, (Deutschland) Berlin.
Wer heute in Friedensgesellschaften und pazifistisch ein-
gestellte Organisationen kommt, der gewinnt den Eindruck,
daß hier gute Kräfte am Werk sind und daß ernst und red-
lich gearbeitet, auch viele Mühe aufgewandt wird, aber —
um irgendwie nach außen hin bemerkbar zu werden oder
gar die Physiognomie unserer Öffentlichkeit zu beeinflussen,
reichen diese kleinen, vereinzelten Bemühungen nicht aus.
Wer nimmt von ihnen Notiz? Wo bleiben die Auswirkun-
gen? Die schönsten Reden verpuffen, wenn sie nicht die
Resonanz der Massen finden; die Massen aber stehen immer
94
You are here
Sigmund Freud an Eugen Relgis: Brief vom 25.1.1930
1930-072/1932
1930-072/1932