Sigmund Freud an Eugen Relgis: Brief vom 25.1.1930 1930-072/1932

Freud, Sigmund (1930-072/1932): Sigmund Freud an Eugen Relgis: Brief vom 25.1.1930

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  • S.

    PROF. DR. S. FREUD (Osterreich) Wien.


    Sehr geehrter Herr,
    Ich kann meine Bedenken gegen öffentliche Außerungen
    über Dinge, von denen ich so wenig verstehe, nicht über-
    winden.

    Ihr sehr ergebener

    Freud.

    Herr Prof. Freud versteht trotzdem sehr wohl die sozialen
    Gegebenheiten, wie es die folgenden Auszüge aus seinen
    Werken beweisen:
    "Völker werden ungefähr durch die Staaten, die sie bilden,
    repräsentiert diese Staaten durch die Regierungen, die sie

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    leiten. Der einzelne Volksangehörige kann im Kriege mit
    Schrecken feststellen, was sich im gelegentlich schon in
    Friedenszeiten aufdringen wollte. daß der Staat dem
    Enschen den Gebrauch des Unrechts untersagt hat, nicht
    weil er es abschaffen, sondern weil er es monopolisieren.
    will, wie Salz und Tabak
     

    Der krieghrende Staat gibt sich jedes Unrecht... jede
    Gewalttätigkeit frei, die den Einzelnen entehen würde. Er
    bedient sich nicht nur der erlaubten List, sondern auch der
    bewußten Liige und des absichtlichen Betruges weten den
    Lind, und dies zwar in einem Maße, weldies, das in iri
    heren Kriegen Gebriamhiche zu übersteigen scheint. Der
    Staat ford das Xußerste an Gehorsam mad Antiopferung
    von seinen Bündera, entaündigt sie aber dabei durch ein
    thermaß an Verheimlichung und eine Zensate der Mitteilung
    mid Meinungsäußerung, die die Stimmung der su intellek-
    tell Unterdrückten wehrlos macht geden jede ungünstige
    Situation und jedes wirste Geridn Er ist sich los von
    Zusicherungen und Verträgen, durch die er sich gegen ans
    dere Staaten sebunden hatte, bekennt sich ungeschen zu
    seiner Habeier und seinem Machtstreben, die dann der Ene
    zele aus Patriotismus gutheißen soll.
     

    Man wende nicht ein daß der Staat auf den Gebrauch
    de Unredas nicht verzichten kam, weil er sich dadurch in
    Nachteil settle. Auch für den Hinzelnen ist die Befolgung
    der sittidien Normen, der Verzicht auf brutale Macbetäti-
    gung in der Regel sehr unvorteilhaft, und der Staat zeigt
    sid nur sollen dazu fähig, den Einzelnen für das Opfer zu
    entschädigen, das er von inn gefordert hat. Man dari sich
    auch nicht darüber verwundern, daß die Lockerung aller
    siliden Beziehungen zwischen den Großindividuen der
    Menschheit eine Rückwirkung and die Sittlichkeit der Ein-
    zelnen ausgelöst hat, dem unser Gewissen ist nicht der una
    henésante Richter, für den die Ethiker es ausgeben, es ist
    in seinem Ursprung soziale Angst" und nichts anderes. Wo
    die Gemeinschaft den Vorwurf aufhebt. hört auch die Un-
    terdrückung der bösen Geliste ani, und die Menschen ber
    gehen Taten von Grausamkeit, Tücke, Verrat und Roheit.
    deren Möglichkeit man mit ihrem kulturellen Niveau für
    unvereinbar gehalten hatte."
     

    Siegmund Frend: (Zeitgemäßes über Krieg und Tod")
     

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    „Das Gebot ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ ist
    die stärkste Abwehr der menschlichen Aggression und ein
    ausgezeichnetes Beispiel für das unpsychologische Vorgehen
    des Kultur-U e b e r-Ichs. Das Gebot ist undurchführbar;
    so eine großartige Inflation der Liebe kann nur deren Wert herab-
    setzen, nicht die Not beseitigen. Die Kultur vernachläs-
    sigt all das, sie mahnt nur, je schwerer die Befolgung der
    Vorschrift ist, desto verdienstvoller ist sie. Allein wer in
    den gegenwärtigen Kultur eine solche Vorschrift einhält, setzt
    sich nur in Nachteil gegen den, der sich über sie hinwegsetzt.
    Wie gewaltig muß das Kulturhindernis der Aggression sein,
    wenn die Abwehr derselben ebenso unglücklich machen
    kann wie die Aggression selbst! Die sogenannte natürliche
    Ethik hat hier nichts zu bieten außer der narzistischen Be-
    friedigung, sich für besser halten zu dürfen, als die anderen
    sind. Die Ethik, die sich an die Religion anlehnt, läßt hier
    ihre Versprechungen eines besseren Jenseits eingreifen.
    Ich meine, solange sich die Tugend nicht schon auf Erden lohnt,
    wird die Ethik vergeblich predigen. Es scheint auch mir
    unzweifelhaft, daß eine reale Veränderung in den Beziehun-
    gen der Menschen zum Besitz hier mehr Abhilfe bringen
    wird, als jedes ethische Gebot; doch wird diese Einsicht bei
    den Sozialisten durch ein neuerliches idealistisches Verken-
    nen der menschlichen Natur getrübt und für die Ausführung
    entwertet.“ (Seite 132–133).
     

    S i g m u n d F r e u d : Das Unbehagen in der Kultur. (Inter-
    nationaler Psychoanalytischer Verlag,
    Wien, 1930).
     


    PROF. DR. C. FRIES, (Deutschland) Berlin.
    Wer heute in Friedensgesellschaften und pazifistisch ein-
    gestellte Organisationen kommt, der gewinnt den Eindruck,
    daß hier gute Kräfte am Werk sind und daß ernst und red-
    lich gearbeitet, auch viele Mühe aufgewandt wird, aber —
    um irgendwie nach außen hin bemerkbar zu werden oder
    gar die Physiognomie unserer Öffentlichkeit zu beeinflussen,
    reichen diese kleinen, vereinzelten Bemühungen nicht aus.
    Wer nimmt von ihnen Notiz? Wo bleiben die Auswirkun-
    gen? Die schönsten Reden verpuffen, wenn sie nicht die
    Resonanz der Massen finden; die Massen aber stehen immer
     

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