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Nr. 23693
Im redaktionellen Teil (Kleine Chronik, Lokalbericht, Theater-
nachrichten, Ekonomik) enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind
durch ein vorgesetztes E (E) kenntlich gemacht.
Ab heute Brotpreis-
ermäßigung.
Ein Laib um 4 Groschen billiger und um
Morgenblatt.
Wien, Freitag, den 29. August
Eine Enquete über den Brot-
preis.
Zunächst Verbilligung des Brotlaibes um vier Groschen bei
gleichzeitiger Gewichtsverminderung.
Wien, 29. August.
Die Dringlichkeit der Frage ist klar. Auch das Inter-
esse ist begreiflich, das die ganze Oeffentlichkeit an ihr
nimmt. Der Brotpreis spielt trotz allem noch immer eine
erste Rolle in dem Budget der großen Masse der Be-
völkerung, und wie notwendig es ist, daß hier jede Möglich-
keit auch der geringsten Verbilligung ausgenützt und jeder
halbe Groschen auf und ab sorgfältig in Erwägung gezogen
werde, das bedarf nicht erst langer Beweise in einer Zeit
der drückendsten und sich leider immer noch weiter ver-
schärfenden Arbeitslosigkeit. In Wien allein müssen etwa
achtzigtausend Menschen und mit Zurechnung der Familien-
angehörigen gewiß die doppelte Zahl von der Unterstützung
leben, die, so schwer sie den Staat und die Gesamtheit
belastet, doch nur eine karge Nothilfe sein kann, und
mindestens ebensowiele andere Wiener sehen sich, auch ohne-
in die Kategorie der offiziellen Arbeitslosen zu fallen, durch
die wirtschaftliche Krise in ihrem Erwerb auf äußerste
eingeengt und zur höchsten Sparsamkeit gezwungen. Da ist
es selbstverständlich, daß in allen diesen Haushaltungen
auch geringe Preisverschiebungen schon ihre Wirkung üben.
Das Ergebnis der gestrigen Besprechungen im Bundes-
ministerium ist die Vereinbarung, daß das Brot von heute
Preis in Wien: 32 Groschen.
Inseraten-Annahme laut aufliegendem
Tarif in unseren Bureaux:
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„Kleiner Anzeiger“ und Chiffrebriefe-Abt.
I., Schulerstraße 1–3, Tel. R-21-3-80,
und bei allen Inseraten-Bureaux des
In- und Auslandes.
Für die an Agenten, Austräger oder
Verschleißer bezahlten Beträge leisten
wir keine Garantie.
1930.
4 Dekagramm leichter.
Die gestern im Bundeskanzleramt abgehaltenen Be-
sprechungen mit den Vertretern der Brotfabrikanten und
Bäcker haben als Resultat gezeitigt, daß der Normal-
laib Brot ab heute nicht mehr 76, sondern
72 Groschen kostet. Das bisherige Gewicht von
1.3 Kilogramm wird auf 1.26 Kilogramm reduziert. Die
Verbilligung beträgt sonach rund zwei Groschen per Laib.
Die englische Bankrate
unverändert.
Telegramm unseres Korrespondenten.
London, 28. August.
Die Diskontrate der Bank von England bleibt
unverändert drei Prozent. Zuletzt hatte man in
der City trotz der starken Abschwächung des Privatdiskonts
nicht mehr mit einer Herabsetzung gerechnet, da eine Fort-
setzung des Diskontabbaues nur im Rahmen eines inter-
national gemeinsamen Vorgehens Erfolg haben könnte.
Die Bank von England konnte am Mittwoch erstmals
einen großen Goldposten von 164.000 Pfund
in Sovereigns aufnehmen. Tagesgeld blieb trotz des
Ultimos flüssig und Prolongationen waren wieder
zu 11/2, Neuausleihungen meist zu 11/4 Prozent
erhältlich.
Gerüchte über liberal-sozialistische
Arbeitsgemeinschaft im englischen
nicht mehr so ganz wenige, schon bisher vorgenommenen
Preisreduktionen erscheinen nach Ansicht der Teilnehmer
an der Besprechung nicht so geartet, daß daraus
Schlüsse gezogen werden können. Denn, so wurde erklärt,
einerseits seien dabei Gewichts- und Qualitätsänderungen
mit im Spiel gewesen und anderseits habe man, wie im Falle
der Konsumgenossenschaft, von Voraussetzungen ausgehen-
können, die in Betrieben, welche nach rein kaufmännischen
Grundsätzen geführt werden müssen, nicht gegeben sind. Der
Schluß der Beratung ergab indessen die Bereitwilligkeit, dem
Appell des Vertreters der Regierung zu folgen und die schon
erwähnte Ermäßigung sofort eintreten zu lassen. Es wird
in der Weise durchgeführt werden, daß der übliche Brotlaib
künftig um vier Groschen weniger kostet, gleichzeitig aber
etwas geringeres Gewicht erhält.
Von besonderer Wichtigkeit ist jedoch die Ankündigung,
daß am Schluß der offiziellen Verlautbarung befindet.
Bundesminister Schumy teilte mit, daß er die drei wirtschaft-
lichen Hauptkörperschaften für Wien, die Handelskammer,
die Landwirtschaftskammer und die Kammer für Arbeiter
und Angestellte, ersuchen werde, die Frage des Brotpreises
und die etwaigen Möglichkeiten einer allgemeinen Ver-
billigung durch eine gemeinsame Kommission überprüfen zu
lassen und der Regierung auf Grund der Ergebnisse dieser
Parlament.
Befriedigender Verlauf der Aussprache
zwischen Macdonald und Lloyd-George.
Telegramm unseres Korrespondenten.
London, 28. August.
In liberalen und sozialistischen Kreisen wird jetzt über-
einstimmend bestätigt, daß die gestrige zweistündige
Aussprache zwischen Macdonald, Snowden und
Lloyd-George befriedigend verlaufen ist.
Während man gestern vormittag den definitiven Abbruch der
Aussprache über die Bekämpfung der Arbeits-
losigkeit erwartete, ist man heute so optimistisch ge-
stimmt, daß der „Manchester Guardian“ sogar eine
liberal-sozialistische Arbeitsgemeinschaft
im Parlament und die Börse sogar ein Koalitions-
kabinett Macdonald-Lloyd-George bei Aus-
scheiden Snowdens geradezu in den Bereich der Diskussion-
zieht. Bei den starken persönlichen Strömungen, die seit
dem Friedensschluß zwischen den liberalen und den sozialisti-
schen Führern herrschen, wird man diese Gerüchte mit
großer Vorsicht aufnehmen müssen. Wahrscheinlicher ist eine
vorwiegend in Wirtschaftskreisen verbreitete Version, wonach
Snowden seinen grundsätzlichen Widerstand gegen
den von Keynes verfochtenen Gedanken einer „wirt-
schaftlichen Inflation“ an Stelle der bisher ge-
übten Krediteinschränkung fallen gelassen haben soll.
Eine Reform der englischen Geldpolitik in diesem Sinne
würde zweifellos nicht nur die Auflage der Regierungs-
anleihe zur Beschäftigung der Arbeitslosen, sondern auch die
Unterbringung von Industrieobligationen und -Aktien er-
ab auf siebenundfünfzig Groschen verbilligt wird. Der Erfolg
ist gewiß ein bescheidener, aber er erweckt die Hoffnung,
daß es nach dem ersten Schritt bald zu einem zweiten kommen
wird, und die Mitteilung des Communiqués, das abends ver-
sendet wurde, ist geeignet, uns in dieser Erwartung zu
bestärken.
Dieses Communiqué, das über die gemeinsame Konferenz
unter dem Vorsitz des Ministers Schumy berichtet, setzt
zunächst auseinander, daß in den ausschlaggebenden Faktoren
für die Herstellungskosten in der letzten Zeit keine wesent-
lichen Veränderungen eingetreten sind. Wir lesen, daß
die Regieen heute gegenüber den Ansätzen der Friedens-
zeit bedauerlich hoch gestiegen sind, und hören von dem neuer-
lichen Einwand der Vertreter der Brotproduzenten, daß dies
nicht zuletzt auf die Aenderung der Arbeitsverhältnisse durch
das Verbot der Nachtarbeit zurückzuführen sei. Die in
einzelnen Fällen, und es sind, wie wir wissen, ihrer neuestens
überprüfung ein Gutachten zu erstatten. Es werden
so maßgebende Männer der Wirtschaft selbst in die
Delegation versetzt sein, in einer Sache das Wort zu er-
greifen, die ihrer ganzen Natur gemäß alle angeht,
Männer, die imstande sind, das Problem von beiden
Seiten zu beurteilen und ebenso die Argumente der Ver-
braucher zu würdigen wie die der Produzenten abzuwägen.
Es ist sicher, daß der ungeheure Rückgang der Getreidepreise
auf dem Weltmarkt zu der Erwartung verführen muß, die
künftigen Auswirkungen dieses Ereignisses würden auch
dem einzelnen zugute kommen. Haben wir doch gehört,
daß im Laufe eines Jahres in Chicago der Weizen von
hundertdreiundvierzig auf vierundachtzig, der Roggen von
hundertzehn auf dreiundfünfzig gesunken ist, und machen
wir doch immer wieder die Erfahrung, daß in den
günstigsten Rückwirkungen die Vorgänge auf den Welt-
märkten nur allzubald uns erreichen. Es ist aber
oder auch sicher, daß die Rohstoffe nur einen Teil,
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Feuilleton.
Der Mann von heute.
Von Rudolf Jeremias Kreuz.
Es ist der stete Wunschtraum der meisten Menschen
beiderlei Geschlechtes, geistig spannkräftig und körperlich
elastisch zu bleiben. Dies bis an die äußersten Grenzen
physischen Seins. Sport, Gesundheitssturnen und Diät sollen
den Organismus hindern, behäbig und schlaff zu werden.
Dennoch genügt ein Blick in das Straßengewimmel, genügen
kürzeste Beobachtungen in Theatern, Konzertsälen, Schwimm-
bädern, um zu erkennen, daß die schönsten Vorsätze, die treff-
lichsten modernen Behelfe an der Lücke des Objektes zu-
schanden werden. Das Objekt: der irdische Leib, Ak-
kumulator unserer Faulheiten und Energien, spottet des
Bemühens, ihn antiken Schönheitsmaßen anzunähern. Er
rundet sich just dort, wo er schlank bleiben sollte und schrumpft,
wo ihn Fülle zieren würde. Der Resignierenden an ihm sind
viele. Sie tragen mit verbissenem Gleichmut ihr Kummerfett
und sind, ungeachtet theoretisch-praktischer Vorbeugungs-
weisheiten kurzatmig, steif und gymnastischer Form unendlich
fern. Zumal in jenen „besten“ Jahren, da beim Mann und
Weib um den Gürtel herum Hypertrophien der Massage
spotten. Erste Jugend hat es leicht. Ihr braucht noch nicht
bange zu werden. Sie „jezt nicht an“, wofern sie nur einiger-
maßen vernünftig ißt und trinkt. Aeltere Menschen hingegen
schleppen in der Regel schwer an allerhand strokenden „Ruck-
säcken des Fleisches“, die durchaus nicht nur den Rücken ver-
Um sie zu entfernen, tragen die billigen Rezepte des
zu optimistischen Coué nicht das geringste bei. „Bilde dir
ein, schlank zu bleiben, und du bist es.“ Welch ein läppischer
Trainingsbehelf! Ein bißchen Gymnastik fördert Appetit
und Durst. Wer hemmungslos beides stillt, dem wäre besser,
schätte mit dem Turnen gar nicht begonnen. Marienbader
Kurgäste, die den Ehrgeiz haben, das Verlorene wieder
hereinzubringen, nehmen höchstens um die Kurkosten ab.
Der „Drahtige“ allein formt seinen Körper nach
seinem Gutdünken und braucht dazu nichts als stete, rück-
sichtslose Kontrolle über sich selbst. Es sei die Behauptung
gewagt, daß jedermann Herr über ein leidliches anmutiges
Profil ist, solange er sich nicht „gehen läßt“, wie der Volks-
ausdruck lautet. Sich aus der Hand geben, heißt sich auf-
geben, gleichgültig, ob es hiebei um geistige oder leibliche
Dinge geht. Der geistig Träge bewilligt sich allzuviel Denk-
pausen. Sein Hirn entblutet zu Gallert. Der physisch Schlaffe
genehmigt Bier, Mehlspeisen und Schlaf in Mengen und
formiert zum weich überpolsterten Typus. Der Drahtige
braucht durchaus kein Adept freudloser Gewißheit, kein
Kontinenzler oder Mönch zu sein. Was ihm aber unbedingt
eigen muß, ist Gleichmut gegen jegliches Uebermaß in
rationalen Freuden und Mut zur Mühe körperlicher Er-
tüchtigung. Mit spielerischem Geplänkel, mit dilettantischem
Muskelspiel, das Anstrengung meidet, ist freilich wenig ge-
wonnen. Ein straffer Körper baut sich erst dem, der ihn
achtsam in seinem Schweiße gehärtet hat.
Binsenwahrheiten, die zu wiederholen gleichwohl keine
Banalität ist. Man sehe sich ihre Verächter an und betrachte
die, die sie befolgen. Hier Schwammigkeit, dort federnde
Massen, hier faules Fett, dort kerniges Fleisch. Hier
jammernde Hilflosigkeit den versagenden Bewegungs-
leistern. Große Geldflüssigkeit der Industrie würde aber auch
ihrerseits befruchtend auf den Arbeitsmarkt wirken.
Bundeskanzler Dr. Schober in
Genf.
Die österreichische Delegation zur Völker-
bundversammlung.
Wien, 29. August.
Amtlich wird verlautbart: Die österreichische Delegation
zur diesjährigen Völkerbundversammlung besteht aus dem
Botschafter a. D. Albert Mensdorff, den Gesandten
Pflügl und Hoffinger und dem Sekretär Doktor
Matsch. Als Ersatzdelegierte fungieren Sektionschef
Dr. Schüller und Ministerialrat Dr. Leitmaier.
Bundeskanzler Dr. Schober begibt sich am 6. Sep-
tember in Begleitung des Legationsrates Bischoff zu
der bereits am 8. September beginnenden europäischen
Konferenz nach Genf und wird auch noch als
Führer der österreichischen Delegation an den ersten
Sitzungen der am 10. September beginnen-
den Völkerbundversammlung teilnehmen.
Die 5. Fortsetzung des Romans „Ein Leben
ist nicht genug“ von Ann Tizia Leitsch
befindet sich auf Seite 9.