Über Bleulers Buch: Affektivität, Suggestibilität und Paranoia (Carl Marhold, Halle a./S. 1906). [Vortragender Eduard] Hitschmann 1906-505/1906

Rank, Otto (1906-505/1906): Über Bleulers Buch: Affektivität, Suggestibilität und Paranoia (Carl Marhold, Halle a./S. 1906). [Vortragender Eduard] Hitschmann

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             über Bleulers Buch: Affektivität, Suggestibilität
             und Paranoia (Carl Marhold, Halle a./S. 1906) referiert.

    (30. Okt. 06.)

    Hitschmann: Er hebt zunächst die schon von der
       „Psychiatrie“ erkannte Tatsache hervor, dass die
       menschliche Seele typisch erkrankt; daraus ergäbe
       sich die Vermutung, dass die menschliche Seele ein-
       fach aufgebaut sei.
       Bleuler versuche in seinem Buche, die so rätselhafte
       Krankheit der Paranoia dem Verständnis näher zu bringen.
       Nach Kraepelin entwickelt sich bei der Paranoia ein dauerndes
       unerschütterliches Wahngebilde. Bei der kombinatorischen
       Paranoia beruht die Krankheit auf einer falschen Deutung
       unrichtiger Eindrücke, bei der phantastischen beruht
       sie lediglich auf Sinnestäuschungen. Nach Bleulers
       Behauptung aber ist es ein chronischer Affekt, der
       einem wirklichen Erlebnis entspricht; dieser Affekt wird
       dann der Ausgang der Wahnidee. Dazu kommt eine noch
       unbekannte Disposition und gewisse prädisponierende
       Erlebnisse, die Bleuler meist im Anschluss an Freud, im
       Sexualleben des Individuums sucht.
       An die Stelle der unbestimmten Begriffe Gefühl, Empfindung
       etc. setzt Bleuler den Begriff der Affektivität, worunter er
       alles versteht was mit Lust- und Unlustgefühlen zu-
       sammenhängt. Bleuler hebt die Bedeutung des Affekts
       für das psychische Leben hervor; durch den Affekt werden
       die Assoziationen gehemmt oder gefördert. Auch beim
       Wunschtraum und bei der Wunschhysterie sei es nur das

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    Gefühl, der Affekt, der den Wunsch erfülle. Der Affekt
    aber resultiere aus der ganzen psychischen Konstellation
    des Individuums. Je nach der verschiedenen Reaktion
    einzelner auf die Affekte unterscheidet Bleuler versch.
    Typen der Verdrängung. Mit der Affektivität hänge es auch
    zusammen, dass wir die Aufmerksamkeit nur auf
    Dinge richten, die uns interessieren. Bei der Untersuchung
    des Verhältnisses der Affekte zu den Instinkten kommt
    Bleuler zu dem Schluss, dass es nur einen Instinkt – nämlich
    den sexuellen – gäbe. Bei den Psychosen wären die Affekte ab-
    norm verstärkt. Die Affektivität liege den Willensvor-
    gängen, den Trieben, näher; Affekt und Strebung seien
    eigentlich eins.
       Die Suggestibilität fasst Bleuler als Teilerscheinung der
    Affektivität auf. In der Hypnose spiele der Affekt des
    Sich-imponieren-Lassens die Hauptrolle. Es bestehe aber
    ev. auch
    keine primäre Neigung, Einflüsse von außen abzulehnen
    (eigensinnig). Wunschträume seien eine Wirkung der
    Autosuggestion.
       Im Abschnitt „Paranoia“ bringt Bleuler einige Beispiele
    und hebt überall die Anknüpfung des „erlebten“ Affekts
    an einen bestimmten Ideenkomplex hervor. Jeder Vor-
    stellungskomplex habe die Tendenz, die neuen Erfahrungen
    anzugliedern. Solcher Komplexe stellt Bleuler einige auf:
    so das Vorwärtswollen, das zum Verfolgungswahn werden könnte,
    wenn sich ihm Personen hindernd in den Weg stellen; das
    Selbstgefühl, das zum Größenwahn führen könne, das Geliebt-
    werdenwollen, das zur erotischen Paranoia führen könne u. a. m.
    Aber weder das Wesen der Paranoia vermag Bleuler zu erklären,
    noch weiß er die „Disposition“ näher zu bestimmen. –

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    Diskussion.
    Adler betont zunächst, dass durch Bleulers Buch kein Psychiater
    weiter aufgeklärt werde. Eine Untersuchung der Paranoia
    müsse von dem Punkt ausgehen lassen, wo die
    fixe Idee und die Halluzinationen entstehen. Freud
    habe durch sein Beispiel gelehrt, psychisches Geschehen rein
    psychisch und in psychologischer Weise zu untersuchen.
    Bleuler mische physiologische Betrachtungsweisen mit
    psychologischen.
    Freud sagt, er könne sich, bis auf einen Punkt, den Aus-
    führungen Adlers anschließen. Bleulers Buch sei
    eine schwächliche Arbeit, aber sie enthalte doch eine grosse
    Neuigkeit: nämlich die Zurückführung der Erkrankung
    auf einen Affektanlass, was man in der gesamten Litteratur
    über Paranoia sonst nirgends finde. Die „Affektivität“
    sei nur – wie schon Hitschmann beim Vortrag angedeutet habe –
    ein blosser Name, der nichts erkläre; Bleuler treibe über-
    haupt einen Wortgötzendienst (so mit dem Wort „Komplex“ u. a.).
    Auch hebt Freud die Halbheit in Bleulers Anhängerschaft
    hervor (so stehe er dem Sexuellen verständnislos gegenüber).
    Bei der Suggestion hebe er wohl den Affekt des „Sich-imponieren-
    lassens“ hervor, übersehe aber, dass das ein „sexueller Affekt“
    sei, der seine Wurzel in der sadistisch-masochistischen
    Komponente d. Sexualtriebs habe.
       Beim Mechanismus der Paranoia nenne Bleuler die Ver-
    drängung gar nicht. Die Erinnerungsfälschungen in
    der Paranoia wären doch tendenziös (ob auch Resultate der
    Verdrängung). Das Wesen der Paranoia vermutet Freud in
    ganz bestimmten Sexual-Einflüssen. Ferner müsse man
    die Affektquelle und die Wahnidee aufklären. Bei der über-

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    starken Vorstellung, der überwertigen Idee, betont Freud,
    dass diese Ideen durch Verdrängungen überwertig ge-
    worden seien. Ein solcher Verdrängungstypus wäre die
    V. durch das ins Bewusstsein dringende Gegenteil. Solche
    Reaktionen seien das Wesentliche am Parvenu. Die Reaktions-
    symptome kämen auch bei vielen paranoischen Gedanken
    vor: dieser Mechanismus verdiene den Namen Projektions-
    mechanismus. Er finde sich auch häufig im normalen
    Leben und von diesen normalen Beispielen müsse man
    ausgehen. – Der Mechanismus der Paranoia sei ziemlich klar,
    aber der Prozess, der zur Paranoia führe sei noch zu erforschen.
    X Rank bemerkt gleich, dass er eigentlich keine Beziehungen
    zu Bleulers Arbeit habe. Auch ihm scheine bei allen (normalen
    sowie pathologischen) Vorgängen der Affekt die Hauptrolle
    zu spielen, während die „Vorstellung“ zurücktrete: denn am
    Affekt hänge gleichsam der ganze Mensch mit seiner ganzen
    Vergangenheit. An eine Bemerkung Bleulers anknüpfend,
    wo von Konversion die Rede ist, wirft Rank die Frage
    nach dem Wesen, den Bedingungen, den Ursachen und
    dem Mechanismus der Konversion auf (die Frage beantwortet
    Freud mit Hinweis auf Adler dahin, dass die Bedingungen für
    die Konversion auf sexuellem Boden zu suchen seien und mit
    den erogenen Zonen zusammenhängen).
    X Stekel rügt die „objektive“ Art des Referates u. vermisst die
    persönliche Note in Hitschmanns Ausführungen.
    Auch beim normalen fände man mächtige Affekte, überwertige
    Ideen u. a. m. Aber wir könnten das – im Gegensatz zum Paranoiker –
    korrigieren, ausgleichen. Der Paranoiker befände sich in dem
    Zustand, wie wir alle im Traum; bei der Paranoia verbreite
    sich das Unbewusste über das ganze Wachleben d. Individuums.

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    Stekel versucht dann die verschiedenen Psycho-Neurosen
    auf Grund des „psychischen Konflikts“ in kurze Formel zu
    bringen; so könne man die Neurasthenie aus dem Konflikt
    zwischen dem kranken Sexualvermögen und dem grossen
    Sexualtrieb erklären, während die Hysterie aus dem
    Konflikt zwischen Neigung und Sexualabneigung entspringe.
    Bei der Hypochondrie gerate der Sexualtrieb in einen Kon-
    flikt mit der Angst, während bei der Paranoia eine ge-
    wisse Sublimierung des Sexualtriebes stattfände (beim Er-
    finderwahn sei diese Sublimierung deutlich sichtbar).
    Schließlich bemerkt Stekel, dass seiner Meinung nach nichts
    Neues und Bedeutendes von Bleuler zu erwarten sei; in dieser
    Ansicht habe ihn auch Bleulers letzte Buch „Unbewusste Gemein-
    heiten“ bestärkt.
    Als wichtig hebt Stekel aber doch hervor, dass Bleuler die affektive
    Färbung der Suggestion betont habe; es werde nicht die Vor-
    stellung, sondern der Affekt suggeriert (übertragen).
    X Hollerung findet nichts Interessantes in Bleulers Ausführungen.
    Er vermisst präzise Begriffsbestimmungen (wie beim Be-
    griff: Wille u. a.). An Freud richtet er die Frage, ob er die
    psychische Zensur als Resultat der sozialen Erziehung im
    Sinne Freuds auffasse (was Freud verneint: die Zensur sei vor
    allem das Ergebnis der organischen Sexualverdrängung, die soziale
    Erziehung käme erst in zweiter Linie in Betracht).
    Federn hebt hervor, dass beim Kind und beim primären
    Menschen kein Gedanke ohne Affektivität möglich sei; in
    der Rückkehr vom Intellektuellen zum Affektiven läge also
    vielleicht ein infantiles Moment der Paranoia. Von
    Interesse wäre es auch zu wissen, aus welchen gesellschafts-

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    schichten sich die Paranoiker rekrutieren (wozu Freud be-
                             von
    merkt, dass gerade bei dieser Neurose alle Kreise der Bevölkerung
    betroffen würden).
    Schließlich betont Federn, dass es von Interesse wäre, die
    Wirkung des Affektes zu bestimmen; ob er eine bestimmte
    Intensität haben müsse, oder ob nur eine entsprechende
    Disposition (bei verhältnismäßig normalem Affekt) genüge.
    Hitschmann (Ref.) bemerkt nun, im Anschluss an Federn, das
    auch ihm der Affekt bei der Paranoia ein kleiner (sozusagen
    normaler) zu sein scheine. Er hält eine scharfe Abgrenzung
    des Begriffs der Paranoia für wünschenswert.
    Freud hebt schließlich noch hervor, dass viele Schwachsinnige
    zur Paranoia inklinieren, dass aber andererseits auch
    hochbedeutende und begabte Menschen paranoisch erkranken.
    Auch erwähnt er eine gewisse Augeninnervation bei
    Paranoischen (was Stekel bestätigt): es sei das Obere im Auge
    bloßgelegt. –
    Als Beispiel, wie der Mensch unter der Affekthemmung ver-
    blödet, führt Freud an, dass eine seiner Patientinnen eines
    Tages vollständig verständnislos war, während sie sich am
    nächsten Tag hochintelligent zeigte.
    An Bleulers Bemerkung von der Charakterähnlichkeit Kinder und
    Hysterischer, dass sie nämlich bald eigensinnig, bald zugänglich
    seien, knüpft Freud die Erklärung, dass beide geliebten Personen
    gegenüber zugänglich, ungeliebten gegenüber unzugänglich seien.
    So fände auch die Unerziehbarkeit „schlimmer“ Kinder seine Er-
    klärung im Autoerotismus: wenn das Kind die „Liebe“ bei sich
    selbst hat, braucht es die der Eltern und Erzieher nicht.
    In dieser Zugänglichkeit sei auch die Quelle der Urteilsfähigkeit
    zu suchen: die Quelle des Urteils sei die Zustimmung zum Urteil
    der geliebten Person. Hier sähe man die Abkunft des Glaubens
    von der Liebe. – Selbständig urteilsfähig aber mache den Menschen
    erst der Zweifel an der Autorität der Eltern.