Über die [organischen] Grundlagen der Neurosen. Vortragender Alfred Adler 1906-506/1906

Rank, Otto (1906-506/1906): Über die [organischen] Grundlagen der Neurosen. Vortragender Alfred Adler

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    Titel.


     

    Über die Grundlagen der Neurosen. (7. Nov. 06)


     

    Vortragender: Dr. Alfred Adler.

          Mit Rücksicht auf die von Adler in Aussicht gestellte baldige
    Publikation seiner Arbeit wird von einer ausführlichen
    Wiedergabe seines Vortrags abgesehen.

    Adler erwähnt zunächst, dass seine neue Arbeit an die von ihm
    im vorigen Jahre mitgeteilten Ergebnisse seiner Untersuchungen
    über die Physiologie und Pathologie der erogenen Zonen an-
    knüpfe.

    Als wichtig hebt er zunächst hervor, dass bei der Minderwertig-
    keit eines Organs gewisse morphologische Ausfallserscheinungen
    zu beobachten sind, die die ursprüngliche Minderwertigkeit
    kennzeichnen. Die Minderwertigkeit eines Organs könne aber
    auch verdeckt sein, so dass dieses Organ dann genügende oder
    selbst mehr als genügende (überwertige) Leistungen vollbringe.
    Die Mehrleistung eines Organs gehe aber nicht von ihm selbst aus,
    sondern von dem betreffenden Nervenabschnitt, der die höhere
    Funktion des minderwertigen Organs leitet. Die Minder-
    wertigkeit eines einzelnen Organs komme sehr selten vor; meist
    komme Minderwertigkeit von zwei oder mehr Organen zugleich vor.
    Das Organ, das die Minderwertigkeit anderer Organe meist be-
    gleitet, ist das Sexualorgan. Das hänge aber zum Teil mit
    der Heredität zusammen. Es seien jedoch damit nicht krank-
    hafte Erscheinungen gemeint, sondern es sei bei der Minderwertig-
    keit eines Organs vollkommene Gesundheit des Individuums möglich.
    In unzweifelhafter Weise festzustellen sei die Minderwertigkeit eines
    Organs allerdings erst dann, wenn sich gehäufte Krankheitser-
    scheinungen an diesem Organ zeigten. Ein zweites Charakteristikum

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    der Minderwertigkeit eines Organs seien die sogenannten Kinder-
    fehler, die zur Zeit der Entwicklung an dem Organ aufträten. So
    konnte Adler zum Beispiel bei Farbenblindheit, zeitweisem Schielen
    u. a. m. zugleich schwere Veränderungen des Augenbaues nachweisen.
    Bei einzelnen Familienmitgliedern äußern sich solche Erscheinungen
    schwächer, bei anderen stärker. Ein drittes Kennzeichen der
    Minderwertigkeit sei eine Anomalie der Reflexfähigkeit (bei
    deutlich betonten erogenen Zonen). Adler erwähnt u. a. seine Beobachtungen
    beim Gaumen-Rachen-Reflex; er konnte dreierlei Formen der Gaumen-
    Reflexfähigkeit unterscheiden: einen Reflexmangel, einen
    gesteigerten Reflex (z. B. vor der Berührung etc.) und einen ge-
    wöhnlichen (normalen Reflex). Auch diese Reflexanomalien ließen
    sich, ähnlich wie die Kinderfehler, im Stammbaum (hereditär)
    nachweisen.

    Adler kommt nun zu seinem eigentlichen Thema: wie es nämlich
    vom Organ aus zu einer Ausbildung der dazugehörigen Gehirn-
    partien und damit zur Grundlegung der Psyche kommt.
    Die funktionelle und morphologische Höherbildung eines Organs
    sei eine Folge der Reizaufnahme, die von außen erfolge, andrer-
    seits aber gehe sie aus dem Versuch hervor, das minderwertige
    Organ leistungsfähig zu machen. Das geschehe mittels der Kom-
    pensation: die Minderwertigkeit des Organs werde durch eine
    Mehrleistung des Gehirns ausgeglichen. Zunächst wird die
    dauernde Aufmerksamkeit des Individuums auf das minder-
    wertige Organ gelenkt, dem ja viel mehr Gefahr droht als dem
    vollwertigen; ein kleiner Schade, der das m. Organ betrifft, weckt
    in der Regel diese Aufmerksamkeit. Aber auch die organische
    Verdrängung (Freud), die dieses Organ betrifft, lenkt das Interesse
    der Psyche auf das minderwertige Organ. Von dieser Mehrarbeit
    des Zentral-Nervensystems im Kindesalter scheine eine direkte

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    Linie zu den Kinderfehlern zu führen. Bei den Neurotikern könne
    man in der Regel Kinderfehler nachweisen: die Überwindung
    dieser Kinderfehler sei für das ganze Leben des betreffenden
    Individuums markierend. Der Kinderfehler sei eigentlich nur
    die von uns wahrgenommene Erscheinung des Kampfes, der
    geführt wird, um das minderwertige Organ kulturfähig zu
    machen. Die Persistenz der Kinderfehler sei eine Folge des
    auf das Organ gelenkten Interesses. Alle Aktionen des Kindes seien
    auf Lust berechnet; mit diesen sinnlichen Lustgefühlen sei
    das Individuum an die Außenwelt gekettet. Bei vollwertiger
    Entwicklung wird allmählich der Lustgewinn zugunsten der
    Kulturfähigkeit aufgegeben; das minderwertige Organ aber er-
    beitet auch späterhin auf Lustgewinn und lebt sich darin ein.
    Es können aber auch gesteigerte äußere Ansprüche ein Organ als
    minderwertig entlarven. Die Mehrleistung des Gehirns bei minderw.
    Organ entspricht beim normalen Organ der psychische Oberbau.
    Die Harmonie der physischen mit den psychischen Leistungen,
    dieser psycho-physische Parallelismus im wahren Sinne, kennzeichne
    die Entwicklung des vollwertigen Kindes. Die „Kompensation“ führt
    oft zu einer Überwertigkeit des Organs und damit des psycho-motorischen
    Überbaus. Kann diese Überkompensation nicht durchgeführt
    werden, weil das minderwertige Organ auf ein minderwertiges
    Gehirn trifft, so wäre dieses Stehenbleiben auf halbem Weg eigentlich
    eine „missglückte Verdrängung“.

    Beiläufig erwähnt Adler noch, dass manche Kinderfehler nicht
    anderes seien als sichtbar gewordene Reflexe (so Blinzeln, Brechen etc.)
    Da jede Minderwertigkeit eines Organs von einer M. des Sexual-
    organs begleitet ist, wäre nach Adlers Ausführungen, bei Hin-
    zutreten der Kinderfehler, die Hauptursache für die sexuelle Frühreife.

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    Über den „Inhalt“ des psycho-motorischen Überbaues gibt Adler
    nur wenige Andeutungen; zunächst kämen Empfindung,
    Erinnerung und Gedächtnis, dann aber auch Kritik, Einsicht
    in den Zusammenhang und eine gewisse Komponente zur Berufs-
    wahl in Betracht. Als überwertige Leistungen führt er an:
    Halluzinationen, Intuition und Introspektion (die Einsicht
    in den psychischen Zusammenhang). Eine zweite Gruppe von
    psychischen Leistungen wäre eine gewisse Sublimierung
    der Reflexleistungen: so stammen die Affekte aus dem psych.
    Überbau der organischen Reflexe (Ekel, Angst, aber auch die
    Libido und der psych. Zwang).

    Jedes Organ hat sein Gedächtnis, das eine Funktion des
    psychomotorischen Überbaus ist. Dominieren wird jene
    Art des Gedächtnisses, die dem minderwertigen Organ ent-
    stammt. Bei sexueller Frühreife werden zwei dominierende
    Zentren vorhanden sein: im Laufe der Kulturentwicklung
    erhält das nichtsexuelle das Übergewicht. Der nichtsexuelle
    Überbau reißt dann den Akzent an sich; von da führt dann
    ein Weg ins Unbewusste (zum Sexuellen).

    Schließlich führt Adler noch einige Beispiele für überwertige
    Leistungen minderwertiger Organe bei allgemein bekannten
    Personen an: den Fall Beethoven; Mozart habe verbildete Ohren
    gehabt; Schumann habe an einer Psychose gelitten, die
    ihren Anfang mit Gehörshalluzinationen nahm.
    Er habe auch Gelegenheit gehabt eine Familie zu beobachten in
    der ein Ohrenleiden erblich war; einzelne Familienmitglieder
    seien aber hervorragende Musiker; in derselben Familie wären
    auch Frühreife und Neurose zu finden.

    (Freud bemerkt hier, dass Lenbach auf einem Auge blind war.)

    Ferner habe er mit einem Musiker eine Analyse vorgenommen,

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    der zwei verschieden gebildete Ohrmuscheln hatte. In der Kindheit
    hatte er eine Perforation des Trommelfells erlitten. Seine erste
    musikalische Erinnerung stammt aus dem vierten Lebensjahr;
    im Nebenzimmer spielte der Schullehrer Geige während der Knabe
    mit der erwachsenen Tochter des Schullehrers im Bette lag.
    Auch jede weitere Etappe seiner künstlerischen Entwicklung
    fällt mit sexuellen Erlebnissen zusammen.

    Bei Sängern, Schauspielern und Rednern habe er vielfach
    Sprachfehler nachweisen können (Demosthenes, Moses).
    Die Berufswahl geschähe auf Forderung des minderwertigen
    Organs; so fände man bei Köchinnen häufig Gaumenreflex-
    anomalien (aber auch bei Fettleibigen, die meist gar keinen
    Geruch [ausser dem Essen] hätten).


     

    Diskussion:

    Hitschmann bemerkt, er sei persönlich immer dafür einge-
    treten, hinter den Neurosen Organisches „zu suchen“.
    Man gebe der Psyche was der Psyche, und dem Körper was dem Körper
    gehöre. In Adlers Arbeit vermisst er die bei solchen Themen
    unerlässlichen statistischen Angaben. Als Argument
    gegen Adlers Ausführungen führt er an, dass organische
    Minderwertigkeit nicht immer eine Neurose zur Folge haben
    müsse. Er glaube aber, dass hinter den sogenannten
    nervösen Erkrankungen eine wirkliche Erkrankung eines
    Organs stecke, besonders für das Herz gelte dies (wo übrigens
    die Neurose auch sekundär zu organischen Veränderungen
    führen könne). Die Untersuchungen über den Rachen-
    reflex hält er, mit dem Hinweis auf neuere Publikationen
    darüber, für wenig wertvoll. — Schließlich wendet er sich
    im einzelnen gegen manche Beispiele Adlers, die er nicht

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    für zutreffend hält (so die Fälle Schumann, Mozart, Lenbach;
    so sei es doch zum Beispiel nicht zu verwundern, dass ein
    Musiker wie Schumann an Gehörshalluzinationen leide). Es gäbe
    doch zum Beispiel so viele blinde Musiker. — Es gäbe aber
    zu, dass der Kampf eines minderwertigen Organs um die Kultur-
    fähigkeit zu einer gewissen Vertiefung des Geistes führe.

    Freud wendet sich zunächst gegen Hitschmann und
    seine „rationalistische“ Auffassungsweise.
    Der Arbeit Adlers messe er grosse Bedeutung bei; sie habe
    seine eigenen Arbeiten um ein Stück weiter geführt. Nach dem
    unmittelbaren Eindruck zu schließen dürfte vieles daran
    richtig sein.

      2 Hauptideen hebe er als bedeutungsvoll und fruchtbar hervor:
    1.) den Begriff der Kompensation wonach eine organische Minder-
          wertigkeit durch eine überwertige Gehirntätigkeit
          ausgeglichen werde und
    2.) dass die Verdrängung durch die Gestaltung eines psychischen
          Oberbaues erfolge. — Eine ähnliche Formel
    habe sich ihm selbst auch schon aufgedrängt.

    Er könne anführen, dass bei Personen, die durch Ichsucht,
    besonderen Ehrgeiz etc. auffallen, die Analyse als letzten Grund
    schwere organische Defekte aufdecke. So habe er bei einem
    jungen Mann von ausserordentlichem Ehrgeiz Hypospadie gefund.
    Eine Frau von hohen intellektuellen Fähigkeiten habe eine Rück-
    gratverkrümmung gehabt. Er kenne auch Fälle bei Frauen,
    die das Vorstehen der kleinen Labien sehr „genierte“; die ganze
    Entwicklung dieser Personen sei darauf gerichtet, das auszu-
    gleichen.

    Für interessant und bedeutungsvoll halte er auch die von
    Adler hervorgehobene Tatsache der Betätigung des Kindes auf

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    freien Lustgewinn und das spätere Verlassen dieser Lustgefühle. —
    Er möchte Adler eine Formel zur Verfügung stellen, die sich ihm
    im Anschluss an die Untersuchungen Ehrenfels ergeben habe:
    die Neurose ist zurückzuführen auf das Missverhältnis zwischen
    konstitutioneller Anlage und den kulturellen Anforderungen,
    die an das Individuum gestellt werden. — In diesen Zusammen-
    hang gehöre auch das so häufig zu beobachtende Zugrundegehen
    der nächsten Generation in Familien, die vom Lande in die
    Stadt gezogen seien.

    Die Ableitung der Affektleistungen von den Reflexen müsse er auch
    als hübsch hervorheben.

    Zu den von Adler angeführten Beispielen aus der deutschen
    Mythologie, wonach der spätern Glanzzeit des Helden eine düstere
    Jugend (Kindheit) vorausgeht, könne er noch das Märchen
    anführen vom Entlein, das ein Schwan wird.

    Schließlich müsse er einen Haupteinwand machen, der aber nur
    die formelle Seite der Arbeit betreffe: das Wort Minderwertigkeit,
    gegen das er eine Abneigung habe, sei wenig originell gewählt;
    besser wäre vielleicht zu sagen: eine besondere Variabilität der
    Organe.

    Federn sagt, dass ihm die Arbeit sympathisch sei. Er sei
    dafür, die Überwertigkeit und die Unterwertigkeit von Personen
    nach der Einzelheit ihrer Begabung zu analysieren. Etwas
    in der Neurose sei gewiss auf organische Veranlagung zurück-
    zuführen; das müsse man aber erst spezialisieren.

    Gegen Adlers Behauptung, dass das Gedächtnis des minderwertigen
    Organs dominieren werde, wendet er ein, dass seiner Meinung
    nach das Gedächtnis gleichsam mit dem guten Organ arbeiten
    werde.

    Der erste Grad von Minderwertigkeit liege vielleicht schon darin,

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    dass sich die Induktionsfähigkeit des Organs langsam
    entwickle. Er habe ein Kind mit Farbenblindheit gekannt,
    das später ganz normal geworden sei.
    Adlers Erklärung von Beethovens Begabung erinnere ihn im
    grossen und ganzen an Lombrosos Theorie; beim Genie sei
    eben die Möglichkeit der Erkrankung viel grösser und die
    Krankheit selbst falle ihm eher auf.
    Er glaube, dass auch die Minderwertigkeit gewisser Motorgewebe
    bei neurotischen Erkrankungen in Betracht kommen könne u.
    erwähnt Menschen, die nicht tanzen, springen, tauchen etc. könn.
    Eine minderwertige Anlage der Muskulatur könne bei neurotischer
    Anlage zur Abulie führen. Eine kräftige Muskulatur schaffe
    dem Kinde Siegererlebnisse. Er geht im einzelnen auf die
    Muskulatur des Rachens, Afters, der Genitalorgane (Enuresis)
    etc. ein und weist besonders auf die „Pubertätsherzneurose“ hin.
    Eine der Hauptursachen aller Minderwertigkeit hänge vielleicht
    mit Gefässanomalien zusammen.
    Im Anschluss an die Bemerkung Freuds hebt Federn schließlich
    hervor, dass es ungünstig sei, wenn eine Familie plötzlich
    ihr Lebensniveau ändere.

    Reitler sagt, er müsse sich ablehnend gegen Adlers Vortrag
    verhalten. Zwei Hauptpunkte müsse er hervorheben: der eine
    enthalte etwas neues, der zweite etwas, was man bereits wusste.
    Der zweite sei, dass die organischen Lustgefühle des Kindes allmählich
    der kulturellen Betätigung weichen. Der neue sei, dass ein
    minderwertiges Organ durch kompensatorische Gehirnleistung
    zur Überwertigkeit gebracht werde; für diese Behauptung sei
    Adler den Beweis schuldig geblieben. Beim Künstler sei
    eine derartige Überwertigkeit möglicherweise nicht sicher.
    Kein hysterisches Symptom könne sich auf ein Organ werfen,

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    wo nicht ein locus minoris resistentiae sei. Das Primäre
    sei aber — im Gegensatz zu Adlers Behauptung — die Psyche,
    die sich dieses locus m. r. bemächtige.
    Schließlich bemerkt er, dass Adler der Heredität zu grosse Be-
    deutung beizulegen scheine.

    Häusler hebt hervor, dass sich auch in dieser Arbeit Adler’s
    Lieblingsidee, die Polarisation, finde. Bei der Höherentwicklung
    eines Organs, das minderwertig ist, durch Kompensation, komme
    ja vor allem die Grenze der Leistungsfähigkeit des Individuums
    in Betracht, die Freud so wichtig für die Entstehung von
    Neurosen hervorgehoben habe. Statt „Minderwertigkeit“ möchte
    er lieber sagen: zur Variation neigend. Die Möglichkeit der Ab-
    änderbarkeit könne man sich in einer Summe von Energie
    vorstellen. Neigt ein Organ mit dieser virtuellen Energie
    nicht zur Variation, so ist es normal; neigt es aber zur Variation,
    so wird ein Teil dieser Energie eben zum Variieren verwendet.

    Stekel kann in der Arbeit keinen Fortschritt erblicken; sie sei
    nur eine Paraphrasierung der Freud’schen Ideen ins Organische.
    Auch sei der Vortrag zu „schwer“ gewesen; Adler hätte von den
    praktischen Fällen aus in die Theorie einführen sollen.
    Er könne den Fall eines bedeutenden Pianisten anführen, der als
    Kind von drei Jahren sich auf den Fussboden legte um das
    Klavierspiel im Zimmer unterhalb zu hören; mit 5 Jahren
    habe das Kind gespielt, mit 7 komponiert. Da müsste die
    „Überkompensation“ in einer unmöglich frühen Zeit stattge-
    funden haben. —
    Ganz und gar müsse er der Behauptung widersprechen, dass
    bei der Hysterie dem Symptom immer eine organische Komponente
    entgegenkommen müsse. — Er führt den Fall eines Redners
    an, der eine Lähmung der Hand „als Strafe Gottes“ für einen „verbotenen“
    Händedruck bekam. —

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    Hollering begrüßt Adlers Arbeit sympathisch. Er findet
    ein Moment in der Arbeit, das er als Instinktprozess bezeichnen
    möchte: das Ererbte komme gleichsam in Konflikt mit den
    sozialen Verhältnissen; beim normalen Menschen ist ein Aus-
    gleich dieses Instinktprozesses möglich; ist der Ausgleich nicht
    möglich, so wird die Entwicklung abnormal sein. Das Ererbte
    ist aber oft atavistisch.

    Rank sagt, er könne auf den medizinischen Teil der Arbeit nicht
    eingehen. Ihn interessiere vornehmlich, was Adler über den
    Künstler vorgebracht habe: die Erklärung der „sexuellen“
    Kunstbetätigung (Maler, Musiker etc) erscheine ihm sehr plausibel
    und richtig. Beim Dichter lägen die Verhältnisse schon schwieriger,
    da käme vor allem der psychische Oberbau in Betracht. In seinem
    Inzest-Buch — führt Rank schließlich an — habe er von einer
    andern Seite her den Anschluss an Adlers Auffassung erreicht.
    Er habe nämlich bei den Dichtern als Abwehrerscheinung des
    Exhibitionismus Hautkrankheiten und Augenkrankheiten
    (Erblindung) gefunden; da sehe man deutlich, wie der psychische
    Oberbau auf dem Organ ruhe; denn bei solchen Dichtern
    könne es eben infolge ihrer Veranlagung leicht zu wirklichen
    Augen- oder Hautaffektionen kommen.

    Heller hat aus Adlers Arbeit den Eindruck einer grossartigen
    Leistung. Das Intuitive daran erscheine ihm sehr plausibel.
    Er sieht in der Arbeit eine Fortführung und Ergänzung
    der Leistungen Freuds. Unter den Malern seiner Bekannt-
    schaft habe er vielfach Augenstörungen und Sehfehler
    gefunden. Ein Münchner Arzt hat bei 70% der Kunstschüler
    organische Störungen im Auge konstatiert. —

    Gass dankt zunächst dem Vortragenden für die mannigfaltigen
    Anregungen, die ihm der Vortrag gegeben habe und stellt

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    einiges Material zur Verfügung. Er kenne einen Musiker, der in
    der Kindheit eine beiderseitige Perforation des Trommelfells
    erlitten habe; der Betreffende konnte keine Klaviermusik ver-
    tragen und bekommt dabei Samenorgasmen.
    Auch zur Heredität der Kinderfehler könne er ein Beispiel
    beibringen. Er selbst habe im Alter von 9 bis 10 Jahren ge-
    blinzelt; sein Kind sei bis zu seinem zweiten Lebensjahr
    für Licht sehr empfindlich gewesen; der Blitz eines in
    einem dunkeln Zimmer entzündeten Streichholzes
    habe es zum Niesen gereizt. Später habe sich diese Empfindlich-
    keit verloren. –

    Kürzlich habe er einen Patienten untersucht, der 28 Jahre alt u.
    187 cm hoch war, dabei hatte er das Genitale eines ungefähr
    14jährigen Knaben, ohne Behaarung. Er hat noch nicht ge-
    schlechtlich verkehrt und ist wegen seines Genitales psychisch
    sehr deprimiert. Seit einiger Zeit hat er ein Nachlassen
    seines Gedächtnisses bemerkt. (Adler fügt hinzu, daß
    Riesenwuchs bei kleinen Genitalien sehr häufig vorkomme).

    Freud erwähnt noch, daß Köchinnen sehr häufig zu psycho-
    neurotischen Geistesstörungen (insb. Paranoia) neigen, und
    daß gute Köchinnen immer schwer abnorm seien. (Er
    gedenkt einer eigenen Köchin, die in Vorbereitung einer Krank-
    heitsperiode immer bes. gut kochte. | 

    Adler hebt schließlich hervor, daß ihn in seinen Schlüssen
    die Tatsache bestärkt habe, daß man dieselben Gesetze in
    der gesamten Pathologie wiederfinde.
    Für Berufswahl erwähnt er noch, daß Bedienstete vielfach in
    ihrer Kindheit an Krankheiten gelitten hätten. –