Freud, Sigmund (1922-002/1921.01): Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität
S.
Über einige neurotische Mechanismen
Über einige Mechanismen der Neurosenbildung
bei (Eifersucht,Homosexualitätu Paranoia)
von
Sigm. Freud1
a) Die Eifersucht gehört zu den Affektzuständen die man
ähnlich wie die Trauer als normal bezeichnen darf.
Wo sie im Charakter und Benehmen eines Menschen
zu fehlen scheint ist der Schluß gerechtfertigt, daß sie
einer starken Verdrängung erlegen ist und darum
im unbewußten Seelenleben eine um so größere
Rolle spielt. Die Fälle von abnorm verstärkter
Eifersucht, mit denen die Analyse zu tun bekommt,
erweisen sich als dreifach geschichtet. Die drei
Schichten oder Stufen der Eifersucht verdienen die
Namen der 1) konkurrierenden oder normalen
2) der projizierten 3) der wahnhaften.
Über die normale Eifersucht ist analytisch wenig zu
sagen. Es ist leicht zu sehen, daß sie sich wesentlich
zusammensetzt aus der Trauer, dem Schmerz um
das verloren geglaubte Liebesobjekt, und aus der
narzißtischen Kränkung, soweit sich diese vom
anderen sondern läßt, ferner aus feindseligen Gefühlen
gegen den bevorzugten Rivalen und aus einem
mehr oder minder großen Beitrag von Selbstkritik,
die das eigene Ich für den Liebesverlust verant--
wortlich machen will. Diese Eifersucht ist, wenn wir
sie auch normal heißen, keineswegs durchaus rationell,
d. heißt aus aktuellen Beziehungen entsprungen, den
wirklichen Verhältnissen proportional und restlos
vom bewußten Ich beherrscht, denn sie wurzelt
tief im Unbewußten, setzt früheste Regungen
der kindlichen Affektivität fort und stammt
aus dem Oedipus- oder aus dem Geschwisterkom--
plex der ersten Sexualperiode. Es ist immerhin
bemerkenswert, daß sie von manchen Personen
bisexuell erlebt wird, d. h. beim Manne wird
außer dem Schmerz um das geliebte Weib und
dem Haß gegen den männlichen RivalenunbewußtauchTrauerumdengeliebtenMannundHaß
auch Trauer um den unbewußt geliebten Mann und Haß
gegen das Weib als Rivalin bei ihm als
Verstärkung wirksam. Ich weiß auch von einem
Manne der sehr arg unter seinen Eifersuchtsan--
fällen litt und die nach seinen Angaben die ärgsten
Qualen in der bewußten Versetzung in
das ungetreue Weib durchmachte. Die Empfindung
der Hilflosigkeit, die er dann verspürte,
die Bilder die er für seinen Zustand fand,
als ob er wie Prometheus dem Geierfraß
preisgegeben oder gefesselt in ein Schlangennest
geworfen worden wäre, bezog er selbstS.
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auf den Eindruck mehrerer homosexueller Angriffe
die er als Knabe erlebt hatte.
Die Eifersucht der zweiten Schicht oder die projizierte
geht beim Manne wie beim Weibe aus der eigenen
im Leben betätigten Untreue oder aus Antrieben
zur Untreuehervordie der Verdrängung ver--
fallen sind. Es ist eine alltägliche Erfahrung, daß
die Treue, zumal die in der Ehe geforderte, nur
gegen beständige Versuchungen aufrecht er--
halten werden kann. Werdieseinsichverleugnetdieselben in sich verleugnet, verspürt deren Andrängen doch
so stark, daß er gerne einen unbewußten Me--
chanismus zu seiner Erleichterung in Anspruch nimmt.
Eine solche Erleichterung, ja einen Freispruch vor
seinem Gewissen, erreicht er wenn er die
eigenen Antriebe zur Untreue auf die andere
Partei, welcher er die Treue schuldig ist, pro--
jiziert. Dieses starke Motiv kann sich dann
des Wahrnehmungsmaterials bedienen, welches
die gleichartigen unbewußten Regungen des anderen
Teils verrät, und könnte sich durch die Über--
legung rechtfertigen, daß der Partner oder
die Partnerin wahrscheinlich auch nicht viel
besser ist als man selbst.x)
x) Vgl. die Strophe im Lied der Desdemona:
I called him thou false one, what answered he then?
If I court more women you will couch with more men.
(Ich nannt' ihn: Du Falscher. Was sagt er dazu?
Schau' ich nach den Mägdelein, nach den Büblein schielst du.)
Die gesellschaftlichen Sitten haben diesem allgemeinen
Sachverhalt in kluger Weise Rechnung getragen
indem sie der Gefallsucht der verheirateten Frau
und der Eroberungssucht des Ehemannes einen
gewissen Spielraum gestatten in der Erwartung
die unabweisbare Neigung zur Untreue dadurch
zu drainieren und unschädlich zu machen.
Die Konvention setzt fest, daß beide Teile diese kleinen
Schrittchen in der Richtung der Untreue einander
nichtanrechnenanzurechnen haben und erreicht zumeist, daß die
am fremden Objekt entzündete Begierde in
einer gewissen Rückkehr zur Treue am eigenen
Objekt befriedigt wird. Der Eifersüchtige will aber
diese konventionelle Toleranz nicht anerkennen,
er glaubt nicht, daß es ein Stillhalten oder Um--
kehren auf dem einmal betretenen Weg
giebt, daß der gesellschaftliche Flirt auch eine
Versicherung gegen wirkliche Untreue
sein kann. In der Behandlung eines solchen
Eifersüchtigen muß man es vermeiden, ihmS.
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das Material auf das er sich stützt zu bestreiten, man
kann ihn nur zu einer anderen Einschätzung desselben
bestimmen wollen.
Die durch solche Projektion entstandene Eifersucht hat
zwardeutlichfast wahnhaften Charakter, sie widersteht
aber nicht der analytischen Arbeit, welche die un--
bewußten Phantasien der eigenen Untreue
aufdeckt. Schlimmer ist es mit der Eifersucht der
dritten Schicht, der eigentlich wahnhaften. Auch diese
geht aus verdrängten Untreuestrebungen hervor,
aberderendie Objekte dieser Phantasien sind gleich--
geschlechtlicher Art. Die wahnhafte Eifersucht ent--
spricht einer vergorenen Homosexualität
und behauptet mit Recht ihren Platz unter den
klassischen Formen der Paranoia. Als Versuch
zur Abwehr einer überstarken homosexuellen
Regung wäre sie (beim Manne) durch die
Formel zu umschreiben:
Ich liebe ihn ja nicht, sie liebt ihn.x)
x) Vgl. die Ausführungen zum Falle Schreber in
Sammlung kl. Schriften vierte Folge: über
einen autobiographisch beschriebenen Fall von
Paranoia (Dementia paranoides).
In einem Fall von Eifersuchtswahn wird man darauf
vorbereitet sein, die Eifersucht aus allen drei
Schichten zu finden, niemals die aus der dritten
allein.
b) Paranoia.
Aus bekannten Gründen entziehen sich Fälle von
Paranoia zumeist der analytischen Untersuchung. Indes
konnte ich doch in letzter Zeit aus dem intensiven
Studium zweier Paranoiker einiges, was mir neu
war, entnehmen.
Der erste Fall betraf einen jugendlichen Mann mit
voll ausgebildeter Eifersuchtsparanoia, deren Objekt
seine tadellos getreue Frau war. Eine stürmische
Periode, in der ihn der Wahn ohne Unterbrechung
beherrscht hatte, lag bereits hinter ihm. Als ich ihn
sah produzierte er nur noch gut gesonderte Anfälle,
die über mehrere Tage anhielten und interessanter
Weise regelmäßig am Tage nach einem, übrigens
für beide Teile befriedigenden, Sexualakt
auftraten. Es ist der Schluß berechtigt, daß jedesmal
nach der Sättigung der heterosexuellen Libido die
mitgereizte homosexuelle Komponente sich ihren
Ausdruck im Eifersuchtsanfall erzwang.
Sein Material bezog der Anfall aus der Beo--
bachtung der kleinsten Anzeichen, durch die sich die unbe--
wußte Koketterie der Frau, einem anderen
unmerklich, ihm verraten hatte. Bald hatte sieS.
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den Herrn der neben ihr saß unabsichtlich mit ihrer Hand
gestreift, bald ihr Gesicht zu sehr gegen ihn geneigt
oder ein freundlicheres Lächeln aufgesetzt als wenn
sie mit ihrem Mann allein war. Für all diese
Äußerungen ihres Unbewußten zeigte er eine
außerordentliche Aufmerksamkeit und ver--
stand sie immer richtig zu deuten, so daß er
eigentlich immer Recht hatte und die Analyse
noch zur Rechtfertigung seiner Eifersucht anrufen
konnte. Eigentlich reduzierte sich seine Abnormität
darauf, daß er das Unbewußte seiner Frau
schärfer beobachtete und dann weit höher einschätzte
als einem anderen eingefallen wäre.
Wir erinnern uns daran, daß auch die verfolgten
Paranoiker sich ganz ähnlich benehmen. Auch
sie anerkennen bei anderen nichts Indifferentes
und verwerten in ihrem „Beziehungswahn“ die kleinsten
Anzeichen die ihnen diese Anderen, Fremden
geben. Der Sinn ihres Beziehungswahns ist nämlich
daß sie von allen Fremden etwas wie Liebe erwarten;
diese Anderen zeigen ihnen aber nichts dergleichen, sie
lachen vor sich hin, fuchteln mit ihren Stöcken
oder spucken sogar auf den Boden, wenn sie vorübergehen
und das tut man wirklich nicht wenn man an
der Person die in der Nähe ist, irgend ein
freundliches Interesse nimmt. Man tut es nur
dann, wenn einem diese Person ganz gleichgiltig
ist, wenn man sie als Luft behandeln kann,
und der Paranoiker hat bei der Grundverwandt--
schaft der Begriffe „fremd“ und „feindlich“ nicht
so unrecht, wenn er solche Indifferenz im
Verhältnis zu seiner Liebesforderung als
Feindseligkeit empfindet.
Es ahnt uns nun, daß wir das Verhalten des eifer--
süchtigen wie des verfolgten Paranoikers
sehr ungenügend beschreiben, wenn wir sagen
sie projizieren nach außen auf Andere hin
was sie im eigenen Innern nicht wahrnehmen
wollen. Gewiß tun sie das, aber sie projizieren
sozusagen nicht in's Blaue hinein, nicht dorthin
wo sich nichts Ähnliches findet, sondern sieverstehenes,sichlassen sich von ihrer Kenntnis des
Unbewußten leitenzulassenund verschieben auf das
Unbewußte der Anderen die Aufmerksamkeit,
die sie dem eigenen Unbewußten
entziehen. Unser Eifersüchtiger erkennt die
Untreue seiner Frau an Stelle seiner eigenen,
indem er die seiner Frau sich in riesiger Ver--
größerung bewußt macht, gelingt es ihm, die
eigene unbewußt zu erhalten. WennS.
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wir sein Beispiel für maßgebend erachten dürfen wir
schließen, daß auch die Feindseligkeit, die der Verfolgte
bei Anderen findet der Widerschein der eigenen
feindseligen Gefühle gegen diese Anderen ist. Da wir
wissen, daß beim Paranoiker gerade die geliebteste Person
des gleichen Geschlechts zum Verfolger wird entsteht
die Frage, woher diese Affektumkehrung rührt, und
die nahe liegende Antwort wäre, daß die stets vor--
handene Gefühlsambivalenz die Grundlage für den
Haß abgibt und die Nichterfüllung der Liebesan--
sprüche ihn verstärkt. So leistet die Gefühlsambival--
enz dem Verfolgten denselben Dienst zur Abwehr
der Homosexualität wie unserem Patienten die
Eifersucht.
Die Träume meines Eifersüchtigen bereiteten mir eine
große Überraschung. Sie zeigten sich zwar nicht gleichzeitig
mit dem Ausbruch des Anfalls aber doch noch unter
der Herrschaft des Wahns, waren vollkommen wahn--
frei und ließen die zu Grunde liegenden homosexuellen
Regungen in nicht stärkerer Verkleidung als sonst ge--
wöhnlich erkennen. Bei meiner geringen Erfahrung über
die Träume von Paranoikern lag es mir damals nahe
allgemein anzunehmen, die Paranoia dringe nicht in
den Traum.
Der Zustand der Homosexualität war bei diesem Patienten
leicht zu überblicken. Er hatte keine Freundschaft und
keine sozialen Interessen gebildet; man mußte den
Eindruck bekommen, als ob erst der Wahn die
weitere Entwicklung seiner Beziehungen zum Manne
übernommen hätte, wie um ein Stück des Versäumten
nachzuholen. Die geringe Bedeutung des Vaters in seiner
Familie und ein beschämendes homosexuelles Trauma
in frühen Knabenjahren hatten zusammengewirkt
um seine Homosexualität in die Verdrängung zu
treiben und ihr den Weg zur Sublimierung zu
verlegen. Seine ganze Jugendzeit war von einer
starken Mutterbindung beherrscht. Unter vielen
Söhnen war er der erklärte Liebling der
Mutter und entwickelte auf sie bezüglich eine starke
Eifersucht von normalem Typus. Als er später
eine Ehewahl traf, wesentlich unter der Herr--
schaft des Motivs die Mutter reich zu machen,
äußerte sich sein Bedürfnis nach einer vir--
ginalen Mutter in zwanghaften Zweifeln
an der Virginität seiner Braut. Die ersten
Jahre seiner Ehe waren von Eifersucht frei. Er
wurde dann seiner Frau untreu und ging ein
langdauerndes Verhältnis mit einer Anderen ein.
Erst als er diese Liebesbeziehung durch einen bestimmten
Verdacht geschreckt, aufgegeben hatte, brach bei
ihm eine Eifersucht vom zweiten, vom Projektions--
typus, los, mit welcher er die Vorwürfe wegen
seiner Untreue beschwichtigen konnte. Sie komplizierte
sich bald durch das Hinzutreten der homosexuellenS.
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Regungen, deren Objekt der Schwiegervater war, zur
vollen Eifersuchtsparanoia.
Mein zweiter Fall wäre wahrscheinlich ohne Analyse
nicht als Paranoia persecutoria klassifiziert worden,
aber ich mußte den jungen Mann als einen
Kandidaten für diesen Krankheitsausgang auffassen.
Es bestand bei ihm eine Ambivalenz im Verhältnis
zum Vater von ganz außerordentlicher Spann--
weite. Er war einerseits der ausgesprochenste Rebell
der sich manifest in allen Stücken von den
Wünschen und Idealen des Vaters weg entwickelt
hatte, anderseits in tieferer Schicht noch immer der
unterwürfigste Sohn, der nach dem Tod des Vaters
in zärtlichem Schuldbewußtsein sich den Genuß
des Weibes versagte. Seine realen Beziehungen
zu Männern standen offenbar unter dem Zeichen
des Mißtrauens; mit seinem starken Intellekt
wußte er diese Einstellung zu rationalisieren
und verstand es so einzurichten, daß er von
Bekannten und Freunden betrogen und ausgebeutet
wurde. Was ich neues an ihm lernte war, daß
klassische Verfolgungsgedanken vorhanden
sein können ohne Glauben und Anwert zu
finden. Sie blitzten während seiner Analyse
gelegentlich auf, aber er legte ihnen keine Bedeut--
ung bei und bespöttelte sie regelmäßig. Dies
mag in vielen Fällen von Paranoia ähnlich vor--
kommen, und wenn eine solche Erkrankung
losbricht, halten wir vielleicht die geäußerten
Wahnideen für Neuproduktionen, während
sie längst bestanden haben mögen.
Es scheint mir eine wichtige Einsicht daß ein qualitatives
Moment, das Vorhandensein gewisser neurotischer
Bildungen, praktisch weniger bedeutet als das quanti--
tative Moment, welchen Grad von Aufmerksamkeit,
richtiger, welches Maß von Besetzung diese
Gebilde an sich ziehen können. Die Erörterung unseres
ersten Falles der Eifersuchtsparanoia hatte uns
zur gleichen Wertschätzung des quantitativen Moments
aufgefordert, indem sie uns zeigte, daß dort die
Abnormität wesentlich in der Überbesetzung der
Deutungen des fremden Unbewußten bestand.
Aus der Analyse der Hysterie kennen wir längst
eine analoge Tatsache. Die pathogenen Phantasien,
Abkömmlinge verdrängter Triebregungen, werden
lange Zeit neben dem normalen Seelenleben ge--
duldet und wirken nicht eher pathogen als
bis sie aus einem Umschwung der Libidoöko--
nomie eine Überbesetzung erhalten; erst
dann bricht der Konflikt los, der zur Symptom--
bildung führt. Wir werden so im Fortschritt
unserer Erkenntnis immer mehr dazu gedrängt,
den ökonomischen Gesichtspunkt in den
Vordergrund zu rücken. Ich möchte auch die
Frage aufwerfen ob das hier betonte quanti--
tative Moment nicht hinreicht, um dieS.
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Phänomene zu decken, für die Bleuler und Andere neuer--
dings den Begriff der „Schaltung“ einführen wollen.
Man müßte nur annehmen, daß eine Widerstands--
steigerung in einer Richtung des psychischen Ablaufs
eine Überbesetzung eines anderen Weges und damit
die Einschaltung desselben in den Ablauf zur Folge hat.
Ein lehrreicher Gegensatz zeigte sich bei meinen zwei Fällen
von Paranoia im Verhalten der Träume. Während
im ersten Fall die Träume wie erwähnt wahnfrei
waren, produzierte der andere Patient in großer Zahl
Verfolgungsträume die man als Vorläufer oder Ersatz--
bildungen für die Wahnideen gleichen Inhalts ansehen
kann. Das Verfolgende, dem er sich nur mit großer
Angst entziehen konnte war in der Regel ein
starker Stier oder ein anderes Symbol der
Männlichkeit, das er manchmal noch im Traum selbst
als Vatervertretung erkannte. Einmal berichtete
er einen sehr charakteristischen paranoischen Über--
tragungstraum. Er sah, daß ich mich in seiner Gegenwart
rasierte und merkte am Geruche daß ich dabei
dieselbe Seife wie sein Vater gebrauchte. Das tat
ich, um ihn zur Vaterübertragung auf meine
Person zu nötigen. In der Wahl der geträumten
Situation erwies sich unverkennbar die Gering--
schätzung des Patienten für seine paranoischen
Phantasien und sein Unglaube gegen sie, denn
der alltägliche Augenschein konnte ihn belehren,
daß ich überhaupt nicht in die Lage komme, mich
einer Rasierseife zu bedienen und also in
diesem Punkte der Vaterübertragung keinen
Anhalt biete.
T 10 Einschaltung
c) Homosexualität.
Die Anerkennung des organischen Faktors der Homo--
sexualität überhebt uns nicht der Verpflichtung, die
psychischen Vorgänge bei ihrer Entstehung zu studieren.
Der typische, bereits bei einer Unzahl von Fällen
festgestellte Vorgang besteht darin, daß der bis
dahin intensiv an die Mutter fixierte junge Mann
einige Jahre nach abgelaufener Pubertät eine Wendung
vornimmt, sich selbst mit der Mutter identifiziert
und nach Liebesobjekten ausschaut in denen er sich selbst
wiederfinden kann, die er dann lieben möchte wie
die Mutter ihn geliebt hat. Als Merkzeichen dieses
Prozesses stellt sich gewöhnlich für viele Jahre die
Liebesbedingung her, daß die männlichen Liebes--
objekte das Alter haben müssen, in dem bei ihm
die Umwandlung erfolgt ist. Wir haben verschie--
dene Faktoren kennen gelernt die wahrscheinlich
in wechselnder Stärke zu diesem Ergebnis beitragen.
Zunächst die Mutterfixierung, die den Übergang zu
einem anderen Weibobjekt erschwert. Die Identifi--
zierung mit der Mutter ist ein Ausgang dieser Objekt--
bindung und ermöglicht es gleichzeitig, diesem erstenS.
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Objekt in gewissem Sinne treu zu bleiben. Sodann die
Neigung zur narzißtischen Objektwahl die im
Allgemeinen näher liegt und leichter auszuführen ist
als die Wendung zum anderen Geschlecht. Hinter diesem
Moment verbirgt sich ein anderes von ganz besonderer
Stärke oder es fällt vielleicht mit ihm zusammen: die
Hochschätzung des männlichen Organs und die Unfähig--
keit, auf dessen Vorhandensein beim Liebesobjekt
zu verzichten. Die Geringschätzung des Weibes, die
Abneigung gegen dasselbe, ja der Abscheu vor ihm,
leiten sich in der Regel von der früh gemachten
Entdeckung ab, daß das Weib keinen Penis besitzt.
Später haben wir noch als mächtiges Motiv für die
homosexuelle Objektwahl die Rücksicht auf den Vater
oder die Angst vor ihm kennen gelernt da der
Verzicht auf das Weib die Bedeutung hat daß
man der Konkurrenz mit ihm (oder allen
männlichen Personen die für ihn eintreten) aus--
weicht. Die beiden letzten Motive, das Festhalten
an der Penisbedingung, sowie das Ausweichen
können dem Kastrationskomplex zugezählt
werden. Mutterbindung – Narzißmus – Kastrati--
onsangst, diese übrigens in keiner Weise spezifischen
Momente haben wir bisher in der psychischen Ätiologie
der Homosexualität aufgefunden und zu ihnen ge--
sellten sich noch der Einfluß der Verführung, welche
eine frühzeitige Fixierung der Libido verschuldet,
sowie der des organischen Faktors, der die
passive Rolle im Liebesleben begünstigt.
Wir haben aber niemals geglaubt daß diese
Analyse der Entstehung der Homosexualität vollständig
ist. Ich kann heute auf einen neuen Mechanismus
hinweisen der zur homosexuellen Objektwahl
führt, wenngleich ich nicht angeben kann wie groß
seine Rolle bei der Gestaltung der extremen,
der manifesten und ausschließlichen Homosexualität
anzuschlagen ist. Die Beobachtung machte mich auf
mehrere Fälle aufmerksam bei denen in früher
Kindheit besonders starke eifersüchtige Regungen
aus dem Mutterkomplex gegen Rivalen, meist
ältere Brüder, aufgetreten waren. Diese Eifer--
sucht führte zu intensiv feindseligen und
aggressiven Einstellungen gegen die Geschwister
die sich bis zum Todeswunsch steigern konnten,
aber der Entwicklung nicht Stand hielten.
Unter den Einflüssen der Erziehung, gewiß auch
infolge der anhaltenden Ohnmacht dieser Regungen
kam es zur Verdrängung derselben und zu
einer Gefühlsumwandlung, so daß die früheren
Rivalen nun die ersten homosexuellen Liebes--
objekte wurden. Ein solcher Ausgang der
Mutterbindung zeigt mehrfache interessante Be--
ziehungen zu anderen uns bekannten Prozessen.S.
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Es ist zunächst das volle Gegenstück zur Entwicklung der
Paranoia persecutoria, bei welcher die zuerst geliebten
Personen zu den gehaßten Verfolgern werden, während
hier die gehaßten Rivalen sich in Liebesobjekte
umwandeln. Er stellt sich ferner als eine Übertreibung
des Vorgangs dar, welcher nach meiner Auffassung zur
individuellen Genese der sozialen Triebe führt. x)
x) s. Massenpsychologie und Ich-Analyse 1921.
Hier wie dort sind zunächst eifersüchtige und
feindselige Regungen vorhanden die es nicht zur
Befriedigung bringen können und die zärt--
lichen wie die sozialen Identifizierungsgefühle
entstehen als Reaktionsbildungen gegen die ver--
drängten Aggressionsimpulse.
Dieser neue Mechanismus der homosexuellen Objektwahl
die Entstehung aus überwundener Rivalität und ver--
drängter Aggressionsneigung mengt sich in manchen
Fällen den uns bekannten typischen Beding--
ungen bei. Man erfährt nicht selten aus der Lebens--
geschichte Homosexueller daß ihre Wendung eintrat
nachdem die Mutter einen anderen Knaben
gelobt und als Vorbild angepriesen hatte. Dadurch wurde
die Tendenz zur narzißtischen Objektwahl gereizt und
nach einer kurzen Phase scharfer Eifersucht war der Rivale
zum Liebesobjekt geworden. Sonst aber sondert sich
der neue Mechanismus dadurch ab, daß bei ihm
die Umwandlung in viel früheren Jahren vor
sich geht und die Mutteridentifizierung in den
Hintergrund tritt. Auch führte er in den von
mir beobachteten Fällen zu homosexuellen Einstell--
ungen, welche die Heterosexualität nicht ausschlossen
u. keinen horror feminae mit sich brachten.
Es ist bekannt, daß eine ziemliche Anzahl homosexueller
Personen sich durch besondere Entwicklung
der sozialen Triebregungen und durch Hingabe an
gemeinnützige Interessen auszeichnet. Man wäre
versucht dafür die theoretische Erklärung zu geben,
daß ein Mann, der in anderen Männern mögliche
Liebesobjekte sieht sich gegen die Gemeinschaft
der Männer doch anders benehmen muß als
ein anderer, der genötigt ist, im Mann zumeist
den Rivalen beim Weibe zu erblicken. Dem
steht nur die Erwägung entgegen daß es auch
bei homosexueller Liebe Eifersucht und Rival--
ität giebt und daß die Gemeinschaft der Männer
auch diese möglichen Rivalen umschließt. Aber
auch, wenn man von dieser spekulativen Begründ--
ung absieht kann die Tatsache für den Zusammenhang
von Homosexualität und sozialem Empfinden
nicht gleichgiltig sein, daß die homosexuelle Objekt--
wahl nicht selten aus frühzeitiger Überwindung
der Rivalität mit dem Manne hervorgeht.S.
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In der psychoanalytischen Betrachtung sind wir gewohnt
die sozialen Gefühle als Sublimierungen homosexueller
Objekteinstellungen aufzufassen. Bei den sozial ge--
sinnten Homosexuellen wäre die Ablösung der
sozialen Gefühle von der Objektwahl nicht voll
geglückt.7 EinschaltungDer Vergleich der Träume bei unseren beidenPatienten belehrt uns aber daß unsere Frage--stellung ob die Paranoia (oder eine anderePsychoneurose) auch in den Traum dringen könnenur auf einer unrichtigen Auffassung des Traumes beruht.Der Traum unterscheidet sich vom Wachdenken darindaß er Inhalte (aus dem Bereich des Verdrängten)aufnehmen kann die im Wachdenken nicht vor--kommen dürfen. Davon abgesehen ist er nur eineForm des Denkens einer eine Umformung des vorbe--wußten Denkstoffes durch die Traumarbeit undihre Bedingungen. Auf das Verdrängte ist unsereTerminologie der Neurosen nicht anwendbar eskann weder hysterisch, noch zwangsneurotisch, nochparanoisch genannt werden. Dagegen kann derandere Anteil des Stoffes, welcher der Traum--bildung unterliegt, die vorbewußten Gedankennormal sein oder den Charakter irgend einerNeurose an sich tragen. Die vorbewußten Ge--danken mögen Ergebnisse all jener pathogenen Pro--zesse sein, in denen wir das Wesen einerNeurose erkennen. Es ist nicht einzusehen warumnicht jede solche krankhafte Idee die Umformungin einen Traum erfahren sollte. Ein Traumkann also ohne Weiteres einer hysterischen Phan--tasie, einer Zwangsvorstellung, einer Wahnideeentsprechen, d. h. bei seiner Deutung eine solcheergeben. In unserer Beobachtung an zwei Paranoikernfinden wir, daß der Traum des Einen normal ist währendsich der Mann im Anfall befindet, und daßder des anderen einen paranoischen Inhalt hat, während derMann noch über seine Wahnideen spottet. DerTraum hat also in beiden Fällen aufgenommenwas im Wachleben derzeit zurückgedrängtwar. Aber das braucht nicht die Regel zu sein.S.