Über Haut-, Schleimhaut- und Muskel-Erotik 1911-517/1911.02

Sadger, Isidor (1911-517/1911.02): Über Haut-, Schleimhaut- und Muskel-Erotik

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  • S.

    Von den erogenen Zonen Freuds unterzieht der Vortragende
    zwei einer bes. Besprechung: die Haut mit ihrer Differen-
    zierung in Schleimhaut u. Sinnesorganen u. die Muskulatur.
    Daß die Haut sich stellenweise zur Schleimhaut um-
    wandelt, hat neben dem physiol. noch einen erotischen
    Zweck. Wo näml. dieser Übergang stattfindet,
    liegt eine erogene Zone, die sich durch rein anatom. und
    bes. reichliche Anastomose zw. d. Tastkörperchen
    als solch documentirt. Ihre stete Durchfeuchtung
    setzt ferner eine beständige sexuelle Bereitschaft.
    Haut-, Schleimhaut- u. Muskelerotik kommen gew.
    zusammen vor. Doch gibt es auch einige Fälle reiner
    Hauterotik, wie z. B. die im Lauf geschlechtlich erregende
    Wirkung kohlensaurer Bäder, die deshalb bei Herz-
    neurosen nicht angewandt werden dürfen. Auch
    die allg. Körpermassage bei der freilich auch die
    Muskelerotik mitwirkt, hinterläßt das Gefühl
    wollüstiger Ermattung. Wärme wie Kälte wirken
    bei Hysterischen specifisch u. sexuell erregend, so daß
    die einen nur Wärme, die andern nur Kälte vertra-
    gen. Die richtigen Kaltwasserfanatiker, ferner Licht-,
    Luft- u. Sonnenapostel sind Menschen m. bes. Hautero-
    genität wobei allerdings auch die Exhib. lust stark
    mitspielt. — Eine typische Äußerung der Haut-
    sexualität ist das Kitzelgefühl das sich in eminenter
    Weise nur bei Menschen findet, die noch keinen regelm.
    Sexualverkehr haben, um nach Aufnahme desselben
    zu schwinden. Häufig weist die Kitzeligkeit einer be-
    sonderen Hautstelle z. B. am Halse auf eine Tiefen erogenität
    hin (Asthma, stets recidivierende Angina etc.) Dem Kitzel-
    nahe verwandt ist das grundlose Lachen u. Kichern der
    Kinder u. halbwüchsigen Mädchen, ferner das nervöse
    Hautjucken, u. zwar sowohl das örtliche, welches ausschl.
    erogene Zonen befällt, als der Pruritus universalis. Auch
    andre Dermatosen wie die Akne u. manche Formen v.
    Urticaria u. Eczem haben nahe Beziehungen zur Haut-
    erotik. Eine Neurose der letzteren ist die Akropar-
    aesthesia Friedrich Schultze.
            Haut-, Schleimhaut- u. Muskelerotik erklären
    zum Teil auch die Stigmen der Hysterie u. traumatischer

  • S.

    Neurose. Bei beiden Neurosen findet sich eine akut unmittelbar auf-
    tretende Libido, die bereit ist sich auf jeden Impuls zu
    werfen. Namentl. findet gern eine Rückkehr zur
    Kindererotik statt, die weniger Genital-, als vielmehr
    Schleimhaut- u. Muskelerotik ist. Von Schleimhaut-
    von der Muskelerotik kaum zu trennen. Doch gibt es sogar
    Neurosen dieser beiden Gruppen wie das Asthma bronchiale,
    obzw die Colitis muco-membranacea u. die Pertussis.
    Die Erotik der Sinnesorgane verräth sich in dem lust-
    vollen Nasenbohren u. dem Nichtschneuzenwollen
    der Kinder u. Erwachsenen, ferner in den nervösen Seh-
    u. Hörstörungen. Die Muskelerotik documentirt sich
    in dem Strampeln, Springen u. Laufen der Kinder, d.
    grundlosen Raufereien d. Schuljungen, dem häufigen
    Verlangen auch erwachsener Menschen, hinzuhauen,
    wenn kräftige Nates sich ihnen herausfordernd ent-
    gegenstrecken, in dem heftigen Drange unsrer
    Mädchen in der Pubertät zu Küssen, u. Umarmen
    u. Anpressen, in ihrer Tanzwütigkeit u. ähnlichen
    Dingen. Eine Neurose der Muskelerotik ist endlich d. Tic.
            Haut-, Schleimhaut- u. Muskelerotik im Wesentl.
    sind im Wesentl. autoerotisch die genitale auf ein
    fremdes Object gerichtet u. dadurch social. Trotzdem
    ist die erste von höchster Bedeutung nicht bloß
    weil sie der andren Sexualität stets neue Kräfte zuführt u. in der
    Kindheit wie im Alter alleinherrschend ist, sondern
    auch um die genitale Erotik zur höchsten Entfaltung
    kommen zu lassen. Muskel- und Hauterotik u. bes.
    die Schmerzempfindlichkeit wurde durch die Cultur
    ganz außerord. gesteigert. Die Unterempfindlichkeit
    des Culturkindes gegen Schmerz ist nur eine scheinbare
    weil jeder schmerzhafte Insult sofort eine ganz
    ausnehmend starke Hauterotik miterregt
    so daß ein zwiespältiges zwiespältiges Empfinden
    entsteht, nicht reine Unlustgefühle wie beim Erwachenen.
    In der Pubertätszeit bestehen eine Zeitlang nebe-
    neinander die infantile Haut- u. Muskelerotik
    u. die genitale. Das bedingt die Genialität d. Ent-
    wicklungsjahre. Um diese Zeit tritt die extrageni-
    tale Erotik beim Gesunden zurück. Nun ist gerade an

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    ihr Fortbe ihr Fortbestehen d. Culturfortschritt gebunden.
    In der 2. Hälfte des 19 Jahrh. g. ging der enorme Fort-
    schritt auf allen Gebieten Hand in Hand mit einem
    enormen Zuwachs d. Sexualität u. z. vorwiegend
    der extragenitalen. So wurde in dieser Zeit erst d.
    Sport für die großen Massen entdeckt, also Betä-
    tigung der Haut- u. Muskelerotik. Dies ist nun
    von enormer Wichtigkeit. Denn gerade die extragenitale
    Erotik wirkt wie eine Art v. Leydener Flasche
    u. gestattet Aufspeicherung einer enormen
    Menge v. Sexualität, ohne daß diese darum zügel-
    los würde; sie ist ferner in weit höherem Grade
    sublimirbar u. dadurch social weit wertvoller
    als die genitale die altruistisch bloß für die Fami-
    lie bestimmt ist. Sie ist ferner viel höher potenzirbar u. ist weit
    mehr zu steuern, u. während ein Teil stets wieder
    der Sublimirung verfällt, wird neue Autoerotik
    gespeichert.