S.
Von den erogenen Zonen Freuds unterzieht der Vortragende
zwei einer bes. Besprechung: die Haut mit ihrer Differen-
zierung in Schleimhaut u. Sinnesorganen u. die Muskulatur.
Daß die Haut sich stellenweise zur Schleimhaut um-
wandelt, hat neben dem physiol. noch einen erotischen
Zweck. Wo näml. dieser Übergang stattfindet,
liegt eine erogene Zone, die sich durch rein anatom. und
bes. reichliche Anastomose zw. d. Tastkörperchen
als solch documentirt. Ihre stete Durchfeuchtung
setzt ferner eine beständige sexuelle Bereitschaft.
Haut-, Schleimhaut- u. Muskelerotik kommen gew.
zusammen vor. Doch gibt es auch einige Fälle reiner
Hauterotik, wie z. B. die imLaufgeschlechtlich erregende
Wirkung kohlensaurer Bäder, die deshalb bei Herz-
neurosen nicht angewandt werden dürfen. Auch
die allg. Körpermassage bei der freilich auch die
Muskelerotik mitwirkt, hinterläßt das Gefühl
wollüstiger Ermattung. Wärme wie Kälte wirken
bei Hysterischen specifisch u. sexuell erregend, so daß
die einen nur Wärme, die andern nur Kälte vertra-
gen. Die richtigen Kaltwasserfanatiker, ferner Licht-,
Luft- u. Sonnenapostel sind Menschen m. bes. Hautero-
genität wobei allerdings auch die Exhib. lust stark
mitspielt. — Eine typische Äußerung der Haut-
sexualität ist das Kitzelgefühl das sich in eminenter
Weise nur bei Menschen findet, die noch keinen regelm.
Sexualverkehr haben, um nach Aufnahme desselben
zu schwinden. Häufig weist die Kitzeligkeit einer be-
sonderen Hautstelle z. B. am Halse auf eine Tiefen erogenität
hin (Asthma, stets recidivierende Angina etc.) Dem Kitzel-
nahe verwandt ist das grundlose Lachen u. Kichern der
Kinder u. halbwüchsigen Mädchen, ferner das nervöse
Hautjucken, u. zwar sowohl das örtliche, welches ausschl.
erogene Zonen befällt, als der Pruritus universalis. Auch
andre Dermatosen wie die Akne u. manche Formen v.
Urticaria u. Eczem haben nahe Beziehungen zur Haut-
erotik. Eine Neurose der letzteren ist die Akropar-
aesthesia Friedrich Schultze.
Haut-, Schleimhaut- u. Muskelerotik erklären
zum Teil auch die Stigmen der Hysterie u. traumatischerS.
Neurose. Bei beiden Neurosen findet sich eine akut unmittelbar auf-
tretende Libido, die bereit ist sich auf jeden Impuls zu
werfen. Namentl. findet gern eine Rückkehr zur
Kindererotik statt, die weniger Genital-, als vielmehr
Schleimhaut- u. Muskelerotik ist. Von Schleimhaut-
von der Muskelerotik kaum zu trennen. Doch gibt es sogar
Neurosen dieser beiden Gruppen wie das Asthma bronchiale,obzwdie Colitis muco-membranacea u. die Pertussis.
Die Erotik der Sinnesorgane verräth sich in dem lust-
vollen Nasenbohren u. dem Nichtschneuzenwollen
der Kinder u. Erwachsenen, ferner in den nervösen Seh-
u. Hörstörungen. Die Muskelerotik documentirt sich
in dem Strampeln, Springen u. Laufen der Kinder, d.
grundlosen Raufereien d. Schuljungen, dem häufigen
Verlangen auch erwachsener Menschen, hinzuhauen,
wenn kräftige Nates sich ihnen herausfordernd ent-
gegenstrecken, in dem heftigen Drange unsrer
Mädchen in der Pubertät zu Küssen, u. Umarmen
u. Anpressen, in ihrer Tanzwütigkeit u. ähnlichen
Dingen. Eine Neurose der Muskelerotik ist endlich d. Tic.
Haut-, Schleimhaut- u. Muskelerotik im Wesentl.
sind im Wesentl. autoerotisch die genitale auf ein
fremdes Object gerichtet u. dadurch social. Trotzdem
ist die erste von höchster Bedeutung nicht bloß
weil sie derandrenSexualität stets neue Kräfte zuführt u. in der
Kindheit wie im Alter alleinherrschend ist, sondern
auch um die genitale Erotik zur höchsten Entfaltung
kommen zu lassen. Muskel- und Hauterotik u. bes.
die Schmerzempfindlichkeit wurde durch die Cultur
ganz außerord. gesteigert. Die Unterempfindlichkeit
des Culturkindes gegen Schmerz ist nur eine scheinbare
weil jeder schmerzhafte Insult sofort eine ganz
ausnehmend starke Hauterotik miterregt
so daß einzwiespältigeszwiespältiges Empfinden
entsteht, nicht reine Unlustgefühle wie beim Erwachenen.
In der Pubertätszeit bestehen eine Zeitlang nebe-
neinander die infantile Haut- u. Muskelerotik
u. die genitale. Das bedingt die Genialität d. Ent-
wicklungsjahre. Um diese Zeit tritt die extrageni-
tale Erotik beim Gesunden zurück. Nun ist gerade anS.
ihr Fortbeihr Fortbestehen d. Culturfortschritt gebunden.
In der 2. Hälfte des 19 Jahrh. g. ging der enorme Fort-
schritt auf allen Gebieten Hand in Hand mit einem
enormen Zuwachs d. Sexualität u. z. vorwiegend
der extragenitalen. So wurde in dieser Zeit erst d.
Sport für die großen Massen entdeckt, also Betä-
tigung der Haut- u. Muskelerotik. Dies ist nun
von enormer Wichtigkeit. Denn gerade die extragenitale
Erotik wirkt wie eine Artv.Leydener Flasche
u. gestattet Aufspeicherung einer enormen
Menge v. Sexualität, ohne daß diese darum zügel-
los würde; sie ist ferner in weit höherem Grade
sublimirbar u. dadurch social weit wertvoller
als die genitale die altruistisch bloß für die Fami-
lie bestimmt ist. Sie ist ferner viel höher potenzirbar u. ist weit
mehr zu steuern, u. während ein Teil stets wieder
der Sublimirung verfällt, wird neue Autoerotik
gespeichert.
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Über Haut-, Schleimhaut- und Muskel-Erotik
1911-517/1911.02
1911-517/1911.02