Rank, Otto (1906-510/1906): Über Stekels Broschüre „Die Ursachen der Nervosität“ (Wien 1907) referiert Hitschmann
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/ 5. Dez. 06
Über Stekels Broschüre:
Die Ursachen der Nervosität (Wien 1907)
referiert Hitschmann. |Schon Stekels Definition: die Nervosität sei jener Zustand,
in dem das Individuum auf äußere und innere Reize
abnorm reagiere, findet Hitschmann unzureichend.
In Stekels Behauptung, daß die Neurosen nur auf seelischen
Konflikten beruhen, findet Ref. einen Widerspruch zu
den Freudschen Anschauungen.
Den Unterschied zwischen dem Gesunden und dem Nervösen
sieht Stekel darin, daß beim Normalen die Vorstellungskomplexe
bewußt sind, beim Nervösen nicht. In jedem Fall von
Neurose könne man die zwei Bedingungen: den psychischen
Konflikt und die unbewußten Vorstellungskomplexe nach-
weisen – beide einander bedingend.
Das zweite Kapitel handelt vom Wesen und der Wirkung der Ver-
drängung, die ohne Mithilfe des Bewußtseins geschehe.
Die Kraft, die aufgewendet werde um den Vorgang zu vergessen,
kehre dann als Krankheit wieder. Sexuelles Begehren und
sexuelle Abneigung schaffe den Konflikt, der den Neurosen
zugrunde liege. Hier hebt Hitschmann den Widerspruch
in Stekels Arbeit hervor, daß das Sexuelle nirgends zugegeben
wird aber doch als häufige Ursache der Nervosität besonders
betont ist.
Das nächste Kapitel handelt von der Verhütung der Nervosität:
die Freude in jeder Form sei die beste Medizin gegen Nervosität.
Zur „Verdrängung“ bemerkt Hitschmann noch, daß das
Kind vielleicht das „Verdrängen“ am Sexuellen lerne, und daß esS.
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dann die Methode später in der Neurose verwende. Die sexuelle
Entwicklung der jugendlichen Seele sei vielleicht analog der
späteren Entwicklung. Eine so und so geartete Seele gehe
in der Jugend so vor und im Alter so.
Kurz zusammenfassend wendet Hitschmann gegen Stekels
Darstellungen ein: es sei nicht klar ausgesprochen wie weit
das Pathologische der Sexualität die Ursache der Nervosität sei.
Ferner: die Konflikte, die Stekel für die Entstehung der
Neurosen verantwortlich macht, können unmöglich dazu
genügen. Endlich sei die Prädisposition und das konstitutionelle
Moment ignoriert.| Federn will gewisse Unzulänglichkeiten der Arbeit mit dem
Hinweis auf das breite Publikum, für das die Broschüre ge-
schrieben sei, entschuldigen. Mitunter könne wohl auch
der psychische Konflikt genügen, um eine Neurose zu schaffen; die
Mehrzahl der Fälle beruhe aber doch auf äußerst komplizierten
Veränderungen. – Das von andern unterdrückt werden sei auch
eine Ursache von Nervosität neben der eignen Unterdrückung.
Bei Grillparzer vermutet er eine andre Ursache der Nervosität
als sie Stekel annimmt. Um sich vor Nervosität zu be-
wahren dürfe der Normale seine Gedanken nicht zu Ende
denken wollen, es gebe im Normalen Seelenleben ein
Abortiv-Werden (Vergessen) der Eindrücke. Er zitiert
schließlich Goethes Wort: nicht über sich nachzudenken. |Häutler hebt hervor, daß nicht jeder psychische Konflikt
zur Nervosität führe. Im Anschluß an Adlers Aus-
führungen bemerkt er, daß die Belastungen entscheiden
ob der psychische Konflikt ertragen werden kann oder
nicht. Bei jeder nervösen Erkrankung komme es auf
die Summation an.S.
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Reitler bezeichnet Stekels Broschüre als ein „neurotisches Symptom“;
beim Autor sei eine „asexuelle Welle“ eingetreten. Die rein psychische
Basis der Neurosen, wie sie Stekel annehme, müsse er bestreiten;
er habe in allen seinen Fällen von Hysterie organische Veränderungen
des Zerebralsystems gefunden; besonders häufig in der Aszendenz
Syphilis. Die Definition Stekels vom Wesen der Nervosität entwertet
Reitler durch die Einwendung, daß die Nervösen nur scheinbar
abnorm reagieren. In der Definition der Gewissens vermißt er
die Betonung der Gefühlssphäre, der das Gewissen doch angehöre.
In den meisten der von Stekel angeführten Beispielen, findet R.
die Analyse und die Lösung unzureichend. Der Titel des Buches
müßte heißen: Die auslösenden Ursachen der Nervosität.Kahane bezeichnet die infantile Masturbation als die Quelle aller
psychischen Konflikte. Das Verhältnis des Menschen zur Masturbation
sei die sexuelle Komponente, welche die Eignung zur Neurose mit-
bringe. Deutlich sehe man das bei der Zwangsneurose, die wohl die
reinste Psychose sei. Seiner Ansicht von der „Therapie“ d. Neurosen
möchte K. „allegorisch“ ausdrücken: der Mensch habe ein Be-
dürfnis gegen alle Hemmungen zu reagieren, ein Schwein zu
werden. Der beste Schutz gegen die Neurose sei, von der ethischen
Höhe herabzusinken: ein Schwein zu werden.| Freud ist mit Hitschmann völlig einer Meinung im Urteil
über Stekels Arbeit. Das Populärmachen sei sehr schwierig
und es müßten dabei wohl einige Entstellungen mit unterlaufen.
Gegen Stekels Broschüre aber müsse er zwei Haupteinwendungen
machen: 1.) gegen den Begriff der „Ursache“; es gibt keine Ursache,
d.h. nicht die Ursache. 2.) nehme Stekel mit willkürlichem
Stehenbleiben die Sexualität noch im populären Sinne. Den
weitern Sinn, die infantile Sexualität, habe er beiseite gelassen;
die müsse man aber unbedingt berücksichtigen.S.
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Stekel hätte auch die Definitionen vermeiden sollen und
die Berufung auf die Phänomene vorziehen sollen. Zur De-
finition der Nervosität teilt Freud eine Beobachtung mit:
wenn man nämlich Einblick in die Mechanismen der Psychosen
gewonnen hat, so geht einem die Definitionsgrenze zwischen
gesund und krank verloren. Es erscheine uns dann eigentlich
natürlich, daß der Kranke auf einen gewissen Eindruck in
einer Weise reagiere, die dem Laien abnorm erscheine.
(Reitler habe ganz richtig bemerkt: der Nervöse reagiere nur
scheinbar abnorm).Freud wirft nun einen kurzen Rückblick auf den historischen
Entwicklungsgang der Ätiologie der Neurosen und zeigt,
daß Stekel auf dem Standpunkt der „Studien“ stehen
geblieben sei. Sein „psychischer Konflikt“ sei das, was
dort „Verdrängung“ genannt werde. Damit kommt
man aber weder therapeutisch noch theoretisch aus. So
kam man aufs sexuelle Thema (gleichsam die zweite Stufe);
die sexuellen Momente erzeugen die psychischen Konflikte:
der gewöhnliche Konflikt muß sich mit dem sexuellen
Konflikt verlöten. Nun ist aber doch der sexuelle Kon-
flikt banal und so kam als neues auswählendes
Moment die infantile Sexualität hinzu. Endlich müßte
man aber auf die Konstitution u. zw. auf die sexuelle
Konstitution des Individuums zurückgehen.So wüßten wir z.B., daß in den Konflikten zwischen Unter-
gebenen und Vorgesetzten (wie sie Stekel für die Entstehung
nervöser Erscheinungen anführt) die homosexuelle Kom-
ponente die Hauptrolle spiele, daß dieser Konflikt eigentlich
ein Liebeskummer sei.Auch sei nicht die Verdrängung die Ursache der Neurose
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sondern das Mißglücken der Verdrängung. Hitschmanns
Bemerkung, wonach die Verdrängungsmethode am Sexuellen
erlernt und aufs Spätere übertragen werde, ergänzt Freud
dahin, daß das Verdrängen eben am Sexuellen prinzipiell
nicht gelinge.Als Resultat aus seinen Erfahrungen teilt Freud mit, daß
die Neurotiker die Perversionen auf anscheinend Fremdes nur
dann übertragen, wenn dieses Fremde ein Sexuelles wird (Symbolik).
Zwei Menschenklassen seien am meisten frei von Neurose: die Proletarier
und die Fürsten. |Sadger kann das Vorkommen der Syphilis in der Aszendenz von
Neurotikern nicht bestätigen. Er erwähnt die unter den polnischen
Juden sehr verbreitete Nervosität (bes. Zwangsneurosen und Hysterie).Stekel gesteht, die Broschüre unter seiner schweren psychischen
Depression geschrieben zu haben, er habe sich die Arbeit abgezwungen,
sie sei nicht gut. Das Thema sei eigentlich: wann führt der
psychische Konflikt zur Neurose; welche Leute werden nervös.
Er meine immer nur in seinen Ausführungen nervöse
Symptome, nicht Hysterie, Zwangsneurose etc. Die Sexualität
leugne er übrigens nicht als wirkenden Faktor bei den Neurosen.S.
ad IX (VII.)
5.12.06Dr. R e i t l e r :
Ist es korrekt
so etwas öffentlich
zu sagen?Die vorliegende Arbeit Dr. Stekels macht den Ein-
druck eines "neurotischen Symptomes." Es wäre interessant,
zu eruieren, wo in diesem Falle der "psychische Konflikt"
zu suchen ist. Wahrscheinlich dürfte momentan eine asexu-
elle Lebenswelle störend dem Autor sich fühlbar gemacht ha-
ben, und eben diese Störung fand ihren Ausdruck als "Symptom"
in der vorliegenden Broschüre.
Zum Inhalt der Arbeit selbst übergehend, wäre nur nebst-
bei zu bemerken, daß in der Einleitung (pag. 6) Dr. Stekel sich
als Dualist declarirt. Er behauptet, daß den functionellen
Neurosen keine organischen Veränderungen zu Grunde lägen, daß
solche auch nie nachweisbar sein werden und daß schließlich
"Seelenkrankheiten" nur auf "seelische" Ursachen zurückgeführt
werden können.
Ich halte es von meinem mechanistischen Standpunkte
für notwendig, daß in unserem Kreise eine derart mystische
"Ignorabimus"- Auffassung nicht unwidersprochen bleibe, um-
somehr als die Freud'schen Forschungen mit methaphysischen
Problemen absolut nichts zu tun haben.
Doch dies nur nebenbei.
Viel wichtiger ist für das Lesepublikum die im Nachfol-
genden gegebene Definition der "Nervosität". Dr. Stekel be-
trachtet als Nervosität jenen Zustand, in dem das Individuum
auf äussere und innere Reize "abnorm reagiert".
Das ist gänzlich falsch.
Gerade durch die Erkenntnisse, die wir durch Freud ge-
wonnen, wissen wir, daß die Neurotiker ganz normal reagieren,
nur liegen die Ursachen der abnorm scheinenden Reactionen
nicht klar zu Tage. Wenn wir aber durch Psychoanalyse die-
se Ursachen aufgedeckt haben, dann müssen wir ohneweiters zu-S.
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geben, daß alle Reactionen der Neurotiker, mögen sie noch
so sonderbar und grotesk aussehen, vollständig plausibel
sind, daß wir dann ganz gut begreifen, warum der Eine zu to-
ben beginnt, der Andere in melancholischen Stupor verfällt,
daß mit einem Worte die "abnormen" Reactionen eigentlich ganz
"normale" sind.
Die Definition müßte also richtig lauten :
"Wir betrachten als Nervosität jenen Zustand, in dem das In-
dividuum auf äussere und innere Reize scheinbar abnorm reagiert."
Sehr zutreffend scheint mir in dem Kapitel "Kultur und
Nervosität" die Bermerkung Stekels, daß es gewiss kein Zufall
sei, daß gerade in Amerika die Neurasthenie so kolossalüber-
hand nehme. Uebrigens wäre noch hinzuzufügen, daß die purita-
nischen Uebertreibungen der Lebensführung als eine Consequenz
der ursprünglichen Verbrecherinstincte der Ureinwanderer und
deren Nachkommen aufzufassen sein dürften, im Sinne der aus
den Psychoanalysen bekannten "Umkehr ins Gegenteil mit Ten-
denz zur Uebertreibung".
Der Autor polemisiert des weiteren gegen die Lehre
von der "erblichen Belastung".
Bezüglich einer Gruppe der Psychoneurosen, der Hysterie,
kann ich für meine Person nur ganz dezidiert erklären, daß
in allen von mir beobachteten schweren Fällen Syphilis der
Eltern nachweisbar war.
Stekel wendet sich dann (pag. 19) mit Recht gegen die
übertriebene Abstinenzbewegung, die dazu führen könne, manche
Menschen, die auf mäßigen Alkoholgenuß schwer verzichten kön-
nen, in peinliche psychische Konflikte zu bringen. Der moder-
ne Mensch lasse sich nach Stekel am ehesten noch als "Angst-
meier" charakterisieren. "Vor lauter Hygiene, die sein Le-
ben erhalten soll, lebt er überhaupt nicht; und gerade durch
diese Angst wird er krank", behauptet der Autor.S.
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Diesen letzteren Ausführungen kann man sich nun absolut nicht
anschließen.
Die hypochondrische Angst ist sicherlich nicht eine
Folge übertriebener hygienischer Vorschriften, der Neurotiker
wird nicht "aus Angst" krank, sondern umgekehrt : weil er eben
"krank" ist, bekommt er die Angstgefühle, die er auf das ihm
zunächst liegende Gebiet projiciert.
Er fürchtet sich in Wirklichkeit keineswegs vor den
Folgen des Nikotins, des Alkohols, vor allen möglichen Infec-
tionen, besonders der mit Syphilis und Gononrrhoe, etc.- als
tatsächlichen Grund dieser Angst ergibt die Psychoanalyse in
allen diesen Fällen :
1.tens) daß es sich um Personen handelt, deren libido nicht
voll befriedigt ist, und
2.tens) daß die geäußerten Angstgefühle sich auf die Furcht
vor den Folgen abnormer Sexualbetätigung (Onanie, Coitus in-
terruptus, etc.) zurückführen lassen, eine Furcht, welche die
Patienten einfach auf ein "harmloses", hygienisches Gebiet ver-
schoben haben, und zwar gerade auf ein solches, bezüglich des-
sen sie sich wirklich auch nicht die geringsten Vorwürfe zu
machen brauchten.
Auf Seite 20 ist dem sonst so stilgewandten Autor
eine stilistische Entgleisung passiert. Er schreibt :
"Freud hat, einen alten Aberglauben neu begründend, der Sexu-
alität die Hauptrolle in der Aetiologie der Neurosen zugeschrie-
ben." Jedenfalls hat Dr. Stekel damit nicht ausdrücken wollen,
daß die Forschungsergebnisse Freuds blos ein "alter Aberglaube"
in neuer, wissenschaftlicher Fassung sei. Dieser Satz dürfte
also wol nur als stilistischer Lapsus beurteilt werden; immer-
hin erklärt der Autorsich"von jener Straße, welche Freud so
mühsam und kunstvoll angelegt hat", auf einen kleinen Abweg
sich entfernen zu müssen. Nicht eine abnorme vita sexualis,S.
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sondern der "psychische Konflikt" sei das ausschlaggebende
Moment in der Neurosetiologie.
"Nur wenn inunseremInnern zwei Strömungen um die
Herrschaft ringen, nur wenn bewußtes und unbewußtes Fühlen
einander befehden, nur wenn ein großer Teil unserer Ener-
gien zur Unterdrückung und Hemmung seelischer Konflikte ver-
schwendet werden muß, kann sich eine Neurose entwickeln,"*schreibt Stekel.
Als Beispiele führt er an den Onanisten, der sich
vornimmt, keusch zu bleiben und in diesem Kampfe "Unmasse
Energien" ausgibt und dadurch "nervös" wird, den "geistigen
Arbeiter", der gezwungen und widerwillig im Bureau sitzen
muß, schließlich den Offizier, der von seinem Vorgesetzten
"sich herunterkanzeln und dabei ruhig "habtacht" stehen muß",
obwol er ihm am liebsten "gehörigseineMeinung" sagen wollte.
Alle drei Beispiele sind höchst unglücklich ausgewählt, denn
in all diesen Fällen spielt sich der "psychische Konflikt"
in der Sphäre des Bewußten ab, während Dr. Stekel auf Seite 21
gerade den Kampf zwischen "bewußten und unbewußten Fühlen"
(soll wol heißen "Wünschen" oder "Trieben") als pathogen er-
klärt.
Tatsächlich kann ein bewußter Konflikt einen Menschen
wol unglücklich, aber nie krank machen.
Dr. Stekel sagt weiters: "Einrorobustes Gewissen*wä-
re das beste Heilmittel gegen die Nervosität. Unter "Gewissen"
verstehe ich die Summe aller Hemmungen, die sich zwischen
unseren Instinkt und unsere ethischen Anschauungen geschoben
haben."
Diese Definition ist zweifellos unrichtig. Nicht auf
die "Summe der Hemmungen" an und für sich kommt es an, son-
dern wie der Einzelne diese Hemmungen bezüglich seiner un-
ethischen Triebe verwertet. Nur diese Relation zwischen Hem-S.
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mungen und Trieben ergibt das Gefühl, welches wir "Gewissen"
nennen, keineswegs ein Factor für sich allein, wie es Dr.
Stekel von der "Summe der Hemmungen" behauptet.
Dr. Stekel beschuldigt auf Seite 25 die "Verdrängung",
sie sei "die Ursache zahlreicher Nervenleiden".
Er behauptet : "Die Kraft, die aufgewendet wird, um
gewisse Vorgänge und Phantasien zu vergessen, geht nicht ver-
loren, sie kehrt als Krankheit, als Angstvorstellung, als
Zwangsneurose oder in anderer Gestalt wieder."
Diese Ausführungen könnten beinahe die Meinung er-
wecken, als ob man "Verdrängung" = "lebender Kraft", und
"Neurose" = "Spannkreft" setzen dürfte. Ueberdies ist dieser
denn doch allzu physikalischer Vergleich schon deshalb ganz
unzulässig, weil die Kraft, welche zur Verdrängungsarbeit
aufgewendet wurde, durchaus nicht "in anderer Gestalt", als
Neurose wieder zum Vorscheine kommt, sondern in genau derselben
Gestalt wie früher, nämlich als "Widerstand" des Patienten bei
derPsychoanalytischen Behandlung gegen das Bewußtwerden der
mit Unlust betonten und deshalb verdrängten Vorstellungen.
Schließlich muß noch hervorgehoben werden, daß eine
"Verdrängung" an und für sich, - wenn sie nur usque ad finem
durchgeführt ist, - niemals irgend eine Neurose erzeugt; nur
die "mißglückten" Verdrängungen wirken pathogen.
Es folgt nun in Stekels Arbeit eine Schilderung von
Krankheitsfällen, deren psychische Behandlung in Analogie der
bekannten "Concert-Malerei",wobeiin 10 Minuten einvollstän-
diges Oelgemälde hergestellt wird, als "Concert-Analysen"
bezeichnet werden kann.
Fall I betrifft einen Herrn mit Platzangst, die
Stekel wol fälschlich in das Gebiet der Neurasthenie zählt.
Wenn ein in der Psychoanalyse Unerfahrener die Be-
sprechung des Arztes mit dem Kranken, sowie sie Dr. StekelS.
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schildert, liest, muß ganz entschieden der Eindruck resultieren,
daß die ganze Psychotherapie bodenlos einfach ist, und in gün-
stigenen Fällen schon in einer einzigen Sitzung mit fabelhafter
Schnelligkeit zur Heilung führt.
Die Einfachheit und Schnelligkeit ist aber leider nur
dadurch bedingt, daß Stekel auf die tieferen Gründe der Erkran-
kung gar nicht eingegangen ist. So kommt z.B. Dr. Stekel unter
Anderem auf den Verdacht, "daß es sich um einen Fall von Homo-Ssexualität handelt; aber dies leugnet der alles freimütig ein-
gestehende Patient entschieden."
Und damit gibt sich Dr. Stekel zufrieden! Es ist ja
ganz klar, daß selbst ein Ideal-Patient, der so freimütig,
als nur möglich "alles eingesteht", auf die Frage, ob er ho-
mosexuelle Neigungen habe, beim besten Willen nicht bejahend
antworten kann, - (manifest Invertirte natürlich ausgenommen) -
und zwar einfach deshalb, weil der Patient selbst von seiner
Perversion keine Ahnung hat. Er hat ja seinen abnormen Sexual-
trieb größten Teils verdrängt, und den übrig bleibenden Rest,
der der Verdrängung entgangen, in ein "Symptom" verwandelt.
Wenn nun Stekel mit der ganz selbstverständlichen
Verneinung des Patienten dieses Thema für abgetan hält, so
beweist dies eben, daß er sich in dieser Analyse nur
ganzganz
auf der psychischen "Oberfläche" bewegt hat und daß ihm alle
tieferen Determinierungen, wie es ja in einer einzigen Sitzung
auch gar nicht anders möglich , total entgangen sind.
Dem entsprechend findet Dr. Stekel als Ursache der Platzangst
des Patienten (eines Kassiers) die "Verdrängung des Gedankens,
mit einer großen Summe durchzugehen." Und als Therapie empfiehlt
er ganz konsequent die Vermeidung des "psychischen Konfliktes."
Er rät dem Patienten : "Ich sehe kein anderes Mittel zu Ihrer
Heilung, als daß Sie den Posten eines Kassiers gegen einen an-
deren umtauschen, der Ihnen vielleicht mehr Arbeit, aber weni-
ger Versuchungen)bereitet."S.
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Nach Befolgung dieses Rates soll der Patient, wie Dr. Stekel
von der Familie hört binnen eines halben Jahres geheilt ge-
wesen sein.
Zweifellos leistet die Psychotherapie, wie sie Freud
lehrt, unendlich viel mehr, als Dr. Stekeldannselbstverständ-
lich in einer einzigen Besprechung erreichen konnte.
Die exact durchgeführte Psychotherapie heilt nicht dadurch,
daß sie den Kranken ihre "pPsychischen Konflikte" wegräumt;
denn das ist ja in den meisten Fällen gar nicht möglich, und
die überwiegendste Mehrzahl der Patienten wäre somit nach
Stekels Methode von vorne herein unheilbar; - die exacte
Psychotherapie erzielt im Gegenteile ihre Erfolge trotz be-
stehender Conflicte dadurch, daß sie peinliche Vorstellungs-
reihen, deren Verdrängung nur ungenügend geglückt ist, voll-
ständig zum hellen Bewußtsein bringt, und daß es dem Patienten
dadurch ermöglicht wird, zwischen seinen schlecht unter-
drückten Trieben und den Anforderungen der Aussenwelt ein ihm
selbst klar bewußtes Compromiss zu schaffen. Nun schließt ein
jedes Compromiss eine mehr oder minder große Verzichtleistung
in sich;undder auf diese Weise geheilte Patient wird sich
vielleicht mit vollem Rechte unglücklich fühlen dürfen, - aber
Neurotisch wird er nicht mehr sein.-
Schließlich muß auch die endgiltige "Heilung" in
Stekels Fall ganz entschieden angezweifelt werden.
Dr. Stekel hat ja nichts weiter getan, als die Ursache
aufgedeckt, warum der Phobiker gerade "Platzangst" bekommen hat.
Die Determinierung lag eben, wie der Autor ganz richtig
herausgefunden, in dem schlecht unterdrückten Mißtrauen des
Kassiers gegen sich selbst, er könnte mit dem anvertrauten
Gelde durchgehen.
Es war also sehr zweckmäßig, wenn er seine Angst ge-
rade auf das Gebiet der Locomotion warf, weil er sich dadurchS.
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vor sich selbst schützen, das Durchgehen sich unmöglich machen
konnte.
Wenn er nun durch Dr. Stekel die Aufklärung dieses
psychischen Mechanismus erhielt, wenn er überdies den Posten
als Kassier aufgab, dann hatte wohl die auf Locomotion bezüg-
liche Angst für den Patienten gar keinen Sinn mehr. Aber von
lange
seiner Phobie war er darum ganz sicher nocht/ nicht geheilt.
Seine "Platzangst" konnte er wol aufgeben, dafür hat er ganz
zweifellos seine Angstgefühle auf irgend ein anderes Gebiet
geworfen; - das eine Symptom war beseitigt, die Neurose geblieben.
Nicht besser steht es mit dem zweiten Beispiele psycho-
analytischer Schnellheilung.
In diesem Falle handelt es sich um eine Patientin, wel-
che erklärte, "sie könne nicht im Zimmer bleiben, wenn keine
zweite Person bei ihr sei, und zwar dürfe dies keine Fremde
sein, sondern es müsse eine ihremManne nahestehende Verwandte
sein. In den letzten Tagen bestand sie darauf, daß ihr Mann
fortwährend bei ihr bleiben solle."
Dr. Stekel eruiert nun, daß ihr Mann nur über eine
geringe Potenz verfüge, und kommt auf den wahrscheinlich ganz
richtigen Verdacht, daß die sexeuull unbefriedigte Frau sich in
Ehebruchsphantasien ergieang,zu deren Abwehr sie die beständige
Gegenwart ihres Mannes oder mindestens eines Familienmitgliedes
zwangmäßig wünscht, um dadurch ihrer ehelichen Treue umso si-
cherer sein zu können. In Folge dieser Aufklärung soll sich
schon nach einer einzigen Aussprache der Zustand "in bedeuten-
dem Maße gebessert haben, ja fast ganz verschwunden sein."
Auch hier hat die Analyse nur die Oberfläche gestreift
undgar nichtsweiter erklärt, als warum die Zwangsvorstellung
"Wunsch"
sich gerade auf denBundkonzentrierte, nicht schutzlos und allein
den sexuellen Phantasien überlassen zu bleiben. Es liegt also
auch hier nur die Erklärung, eventuell Beseitigung eines neuro-S.
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tischen Symptomes vor, keineswegs aber die Aufdeckung der je-
denfalls tief liegenden Wurzeln der Neurose selbst, geschweige
deren Heilung.
Dasselbe gilt mutatiomutandis von dem 3ten angeführtenangeführtenKrankheitsfalle, indem der krankmachende,- übrigens
ganz bewußte Konfliktezwischen "Frömmigkeit" und Sexual-Sünden"
sogar durch den Beichtvater zur heilenden Lösung gebracht worden
sein soll.
Sehr interessant ist der Fall № 4.
Hier lag nach Stekel ein "fast unlösbarer psychischer Konflikt"
vor und der Autor erklärt resigniert: "Selbstredend kann auch
ein Seelenarzt in einem solchen Falle nicht viel helfen."
Mit dieser Resignation kann man sich nun ganz entschie-
den nicht einverstanden erklären. Auch in diesem Falle hätte
trotz Bestehenbleibens der äusseren Verhältnisse eine wirkliche,
gründliche Psychotherapie zum Ziele führen müssen, daß eine nur
oberflächliche Analyse versagen mußte, ist selbstverständlich.
In dem 5.ten und letzten Falle konntemzum Glück für
den Patienten die äusseren Verhältnisse wieder einmal geändert
werden : Der Beamte ließ sich in ein anderes Amt versetzen
und "wurde bald ein vollkommen gesunder Mensch."
Es kann mit Prof. Freud nicht scharf genug hervorge-
hoben werden, daß die banalen Unannehmlichkeiten des sozialen
Lebens nur scheinbar die Ursache der Neurosen sind, daß sie
höchstens die Form der neurotischen Symptome bestimmen, daß
aber die eigentlichen Krankheitswurzeln viel tiefer zu suchen
sind und zwar regelmäßig in associativen Beziehungen zum Sexu-
alleben, dessen Abnormitäten eine beim Neurotiker nur ungenügende
Verdrängung erfahren haben.
Die Tatsache nun, daß Stekel diese ihn ja wol bekann-
ten tief liegenden Beziehungen zur Sexualität einfach ignoriert,S.
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ja sie sogar direkt ableugnet und nur den auf der psychischen
Oberfläche schwebenden Konflikt als Krankheitsursache anerkennen
will, diese Tatsache rechtfertigt wol die Eingangs geäusserte
Meinung, daß die ganze vorliegende Arbeit nur als ein neuroti-
sches Abwehrsymptom gegen den eigenen Sexualtrieb aufzufassen
sei.
Alles in Allem wäre die Arbeit nach Correctur aller
in ihr enthaltenden Irrtuümer eine ganz verdienstliche zu
nennen, nur müßte schließlich auch der Titel korréigiert werden.
Er dürfte nämlich nicht lauten : "Die Ursachen der Nervosität",
sondern richtiger "Die Ursachen einiger neurotischenSymptome."