Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene 1895-005/1893

Breuer, Josef, Freud, Sigmund (1895-005/1893): Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene

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    2. Ueber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene.

    (Vorläufige Mittheilung.)

    Von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. Freud in Wien.

    I.

    Angeregt durch eine zufällige Beobachtung forschen wir seit einer Reihe
    von Jahren bei den verschiedensten Formen und Symptomen der Hysterie nach
    der Veranlassung, dem Vorgange, welcher das betreffende Phänomen zum ersten

     

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    Mal, oft vor vielen Jahren, hervorgerufen hat. In der grossen Mehrzahl der
    Fälle gelingt es nicht, durch das einfache, wenn auch noch so eingehende Kranken-
    examen, diesen Ausgangspunkt klarzustellen, theilweise, weil es sich oft um Er-
    lebnisse handelt, deren Besprechung den Kranken unangenehm ist, hauptsächlich
    aber, weil sie sich wirklich nicht daran erinnern, oft den ursächlichen Zusammen-
    hang des veranlassenden Vorganges und des pathologischen Phänomens nicht
    ahnen. Meistens ist es nöthig, die Kranken zu hypnotisiren und in der Hypnose
    die Erinnerungen jener Zeit, wo das Symptom zum ersten Male auftrat, wach-
    zurufen; dann gelingt es, jenen Zusammenhang auf's Deutlichste und Ueber-
    zeugendste darzulegen.
     

    Diese Methode der Untersuchung hat uns in einer grossen Zahl von Fällen
    Resultate ergeben, die in theoretischer wie in praktischer Hinsicht werthvoll er-
    scheinen.
     

    In theoretischer Hinsicht, weil sie uns bewiesen haben, dass das acci-
    dentelle Moment weit über das bekannte und anerkannte Maass hinaus be-
    stimmend ist für die Pathologie der Hysterie. Dass es bei „traumatischer“
    Hysterie der Unfall ist, welcher das Syndrom hervorgerufen hat, ist ja selbst-
    verständlich, und wenn bei hysterischen Anfällen aus den Aeusserungen der
    Kranken zu entnehmen ist, dass sie in jedem Anfall immer wieder denselben
    Vorgang halluciniren, der die erste Attake hervorgerufen hat, so liegt auch hier
    der ursächliche Zusammenhang klar zu Tage. Dunkler ist der Sachverhalt bei
    den anderen Phänomenen.
     

    Unsere Erfahrungen haben uns aber gezeigt, dass die verschiedensten
    Symptome, welche für spontane, sozusagen idiopathische Leistungen
    der Hysterie gelten, in ebenso stringentem Zusammenhang mit dem
    veranlassenden Trauma stehen, wie die oben genannten, in dieser
    Beziehung durchsichtigen Phänomene. Wir haben Neuralgien wie An-
    ästhesien der verschiedensten Art und von oft jahrelanger Dauer, Contracturen
    und Lähmungen, hysterische Anfälle und epileptoide Convulsionen, die alle Be-
    obachter für echte Epilepsie gehalten hatten, Petit-mal und ticartige Affectionen,
    dauerndes Erbrechen und Anorexie bis zur Nahrungsverweigerung, die verschie-
    densten Sehstörungen, immer wiederkehrende Gesichtshallucinationen u. dgl. mehr
    auf solche veranlassende Momente zurückführen können. Das Missverhältniss
    zwischen dem jahrelang dauernden hysterischen Symptom und der einmaligen
    Veranlassung ist dasselbe, wie wir es bei der traumatischen Neurose regelmässig
    zu sehen gewohnt sind; ganz häufig sind es Ereignisse aus der Kinderzeit, die
    für alle folgenden Jahre ein mehr minder schweres Krankheitsphänomen her-
    gestellt haben.
     

    Oft ist der Zusammenhang so klar, dass es vollständig ersichtlich ist, wieso
    der veranlassende Vorfall eben dieses und kein anderes Phänomen erzeugt hat.
    Dieses ist dann durch die Veranlassung in völlig klarer Weise determinirt. So,
    um das banalste Beispiel zu nehmen, wenn ein schmerzlicher Affect, der während
    des Essens entsteht, aber unterdrückt wird, dann Uebelkeit und Erbrechen er-
    zeugt und dieses als hysterisches Erbrechen monatelang andauert. Ein Mädchen,
     

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    das in qualvoller Angst an einem Krankenbette wacht, verfällt in einen Dämmer-
    zustand und hat eine schreckhafte Hallucination, während ihr der rechte Arm,
    über der Sessellehne hängend, einschläft; es entwickelt sich daraus eine Parese
    dieses Armes mit Contractur und Anästhesie. Sie will beten und findet keine
    Worte; endlich gelingt es ihr, ein englisches Kindergebet zu sprechen. Als sich
    später eine schwere, höchst complicirte Hysterie entwickelt, spricht, schreibt
    und versteht sie nur Englisch, während ihr die Muttersprache durch 1½ Jahre
    unverständlich ist. — Ein schwerkrankes Kind ist endlich eingeschlafen, die
    Mutter spannt alle Willenskraft an, um sich ruhig zu verhalten, und es nicht
    zu wecken; gerade in Folge dieses Vorsatzes macht sie („hysterischer Gegen-
    wille“!) ein schnalzendes Geräusch mit der Zunge. Dieses wiederholt sich später
    bei einer anderen Gelegenheit, wobei sie sich gleichfalls absolut ruhig verhalten
    will, und es entwickelt sich daraus ein Tic, der als Zungenschnalzen durch
    viele Jahre jede Aufregung begleitet. — Ein hochintelligenter Mann assistirt,
    während seinem Bruder das ankylosirte Hüftgelenk in der Narkose gestreckt
    wird. Im Augenblick, wo das Gelenk krachend nachgiebt, empfindet er heftigen
    Schmerz im eigenen Hüftgelenk, der fast 1 Jahr andauert u. dgl. mehr.
     

    In anderen Fällen ist der Zusammenhang nicht so einfach; es besteht nur
    eine sozusagen symbolische Beziehung zwischen der Veranlassung und dem patho-
    logischen Phänomen, wie der Gesunde sie wohl auch im Traume bildet; wenn
    etwa zu seelischem Schmerze sich eine Neuralgie gesellt, oder Erbrechen zu dem
    Affect moralischen Ekels. Wir haben Kranke studirt, welche von einer solchen
    Symbolisirung den ausgiebigsten Gebrauch zu machen pflegten. — In noch
    anderen Fällen ist eine derartige Determination zunächst nicht dem Verständniss
    offen; hierher gehören gerade die typischen hysterischen Symptome, wie Hemi-
    anästhesie und Gesichtsfeldeinengung, epileptiforme Convulsionen u. dgl. Die
    Darlegung unserer Anschauungen über diese Gruppe müssen wir der ausführ-
    licheren Besprechung des Gegenstandes vorbehalten.
     

    Solche Beobachtungen scheinen uns die pathogene Analogie der
    gewöhnlichen Hysterie mit der traumatischen Neurose nachzuweisen
    und eine Ausdehnung des Begriffes der „traumatischen Hysterie“ zu
    rechtfertigen. Bei der traumatischen Neurose ist ja nicht die geringfügige
    körperliche Verletzung die wirksame Krankheitsursache, sondern der Schreck-
    affect, das psychische Trauma. In analoger Weise ergeben sich aus unseren
    Nachforschungen für viele, wenn nicht die meisten hysterischen Symptome
    Anlässe, die man als psychische Traumen bezeichnen muss. Als solches kann
    jedes Erlebniss wirken, welches die peinlichen Affecte des Schreckens, der Angst,
    der Scham, des psychischen Schmerzes hervorruft und es hängt begreiflicher
    Weise von der Empfindlichkeit des betroffenen Menschen (sowie von einer später
    zu erwähnenden Bedingung) ab, ob das Erlebniss als Trauma zur Geltung kommt.
    Nicht selten finden sich anstatt des einen grossen Traumas bei der gewöhnlichen
    Hysterie mehrere Partialtraumen, gruppirte Anlässe, die erst in ihrer Summirung
    traumatische Wirkung äussern konnten, und die insofern zusammengehören, als
    sie zum Theil Stücke einer Leidensgeschichte bilden. In noch anderen Fällen
     

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    sind es an sich scheinbar gleichgültige Umstände, die durch ihr Zusammentreffen
    mit dem eigentlich wirksamen Ereigniss oder mit einem Zeitpunkt besonderer
    Reizbarkeit eine Dignität als Traumen gewonnen haben, die ihnen sonst nicht
    zuzumuthen wäre, die sie aber von da an behalten.
     

    Aber der causale Zusammenhang des veranlassenden psychischen Traumas
    mit dem hysterischen Phänomen ist nicht etwa von der Art, dass das Trauma
    als Agent provocateur das Symptom auslösen würde, welches dann, selbstständig
    geworden, weiter bestünde. Wir müssen vielmehr behaupten, dass das psychische
    Trauma, resp. die Erinnerung an dasselbe, nach Art eines Fremdkörpers wirkt,
    welcher noch lange Zeit nach seinem Eindringen als gegenwärtig wirkendes Agens
    gelten muss, und wir sehen den Beweis hierfür in einem höchst merkwürdigem
    Phänomen, welches zugleich unseren Befunden ein bedeutendes praktisches
    Interesse verschafft.
     

    Wir fanden nämlich, anfangs zu unserer grössten Ueberraschung, dass die
    einzelnen hysterischen Symptome sogleich und ohne Wiederkehr
    verschwanden, wenn es gelungen war, die Erinnerung an den ver-
    anlassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu erwecken, damit auch
    den begleitenden Affect wachzurufen, und wenn dann der Kranke
    den Vorgang in möglichst ausführlicher Weise schilderte und dem
    Affect Worte gab. Affectloses Erinnern ist fast immer völlig wirkungslos;
    der psychische Process, der ursprünglich abgelaufen war, muss so lebhaft als
    möglich wiederholt, in statum nascendi gebracht und dann „ausgesprochen“
    werden. Dabei treten, wenn es sich um Reizerscheinungen handelt, diese:
    Krämpfe, Neuralgien, Hallucinationen — noch einmal in voller Intensität auf
    und schwinden dann für immer. Functionsausfälle, Lähmungen und Anästhesien
    schwinden ebenso, natürlich ohne dass ihre momentane Steigerung deutlich wäre.1
     

    Der Verdacht liegt nahe, es handle sich dabei um eine unbeabsichtigte
    Suggestion; der Kranke erwarte, durch die Procedur von seinem Leiden befreit
    zu werden und diese Erwartung, nicht das Aussprechen selbst, sei der wirkende
    Factor. Allein, dem ist nicht so; die erste Beobachtung dieser Art, bei welcher
    ein höchst verwickelter Fall von Hysterie auf solche Weise analysirt und die
    gesondert verursachten Symptome auch gesondert behoben wurden, stammt aus
    dem Jahre 1881, also aus „vorsuggestiver“ Zeit, wurde durch spontane Auto-
    hypnosen der Kranken ermöglicht und bereitete dem Beobachter die grösste
    Ueberraschung.
     

    1 Die Möglichkeit einer solchen Therapie haben Delboeuf und Binet klar erkannt, wie
    die beifolgenden Citate zeigen: Delboeuf, Le magnétisme animal. Paris 1889: „On s'ex-
    pliquerait dès lors comment le magnétiseur aide à la guérison. Il remet le sujet dans l'état
    où le mal s'est manifesté et combat par la parole le même mal, mais renaissant.“ —
    Binet, Les altérations de la personnalité. 1892. p. 243: „...peut-être verra-t-on qu'en re-
    portant le malade par un artifice mental, au moment même où le symptôme a apparu pour
    la première fois, on rend ce malade plus docile à une suggestion curative.“ — In dem in-
    teressanten Buche von P. Janet: L'automatisme psychologique, Paris 1889, findet sich die
    Beschreibung einer Heilung, welche bei einem hysterischen Mädchen durch Anwendung eines
    dem unserigen analogen Verfahrens erzielt wurde.
     

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    In Umkehrung des Satzes: cessante causa cessat effectus, dürfen wir wohl
    aus diesen Beobachtungen schliessen: der veranlassende Vorgang wirke in irgend
    einer Weise noch nach Jahren fort, nicht indirect durch Vermittelung einer
    Kette von causalen Zwischengliedern, sondern unmittelbar als auslösende Ur-
    sache, wie etwa ein im wachen Bewusstsein erinnerter psychischer Schmerz noch
    in später Zeit die Thränensecretion hervorruft: der Hysterische leide
    grösstentheils an Reminiscenzen.1
     

    II.

    Es erscheint zunächst wunderlich, dass längst vergangene Erlebnisse so in-
    tensiv wirken sollen; dass die Erinnerungen an sie nicht der Usur unterliegen
    sollen, der wir doch alle unsere Erinnerungen verfallen sehen. Vielleicht ge-
    winnen wir durch folgende Erwägungen einiges Verständniss für diese Thatsachen.
     

    Das Verblassen oder Affectloswerden einer Erinnerung hängt von mehreren
    Factoren ab. Vor allem ist dafür von Wichtigkeit, ob auf das afficirende
    Ereigniss energisch reagirt wurde oder nicht. Wir verstehen hier unter
    Reaction die ganze Reihe willkürlicher und unwillkürlicher Reflexe, in denen sich
    erfahrungsgemäss die Affecte entladen: vom Weinen bis zum Racheact. Erfolgt
    diese Reaction in genügendem Ausmaass, so schwindet dadurch ein grosser Theil
    des Affectes; unsere Sprache bezeugt diese Thatsache der täglichen Beobachtung
    durch die Ausdrücke „sich austoben, ausweinen“ u. dgl. Wird die Reaction
    unterdrückt, so bleibt der Affect mit der Erinnerung verbunden. Eine Beleidigung,
    die vergolten ist, wenn auch nur durch Worte, wird anders erinnert, als eine,
    die hingenommen werden musste. Die Sprache anerkennt auch diesen Unter-
    schied in den psychischen und körperlichen Folgen und bezeichnet höchst
    charakteristischerweise eben das schweigend erduldete Leiden als „Kränkung“.
    — Die Reaction des Geschädigten auf das Trauma hat eigentlich nur dann eine
    völlig „kathartische“ Wirkung, wenn sie eine adäquate Reaction ist, wie die
    Rache. Aber in der Sprache findet der Mensch ein Surrogat für die That, mit
    dessen Hülfe der Affect nahezu ebenso „abreagirt“ werden kann. In anderen
    Fällen ist das Reden eben selbst der adäquate Reflex, als Klage und als Aus-
    sprache für die Pein eines Geheimnisses (Beichte!). Wenn solche Reaction durch
    That, Worte, in leichtesten Fällen durch Weinen nicht erfolgt, so behält die
    Erinnerung an den Vorfall zunächst die affective Betonung.
     

    Das „Abreagiren“ ist indess nicht die einzige Art der Erledigung, welche
    dem normalen psychischen Mechanismus des Gesunden zur Verfügung steht,
    wenn er ein psychisches Trauma erfahren hat. Die Erinnerung daran, tritt,
    auch wenn sie nicht abreagirt wurde, in den grossen Complex der Associa-
    tion ein, sie rangirt dann neben anderen, vielleicht ihr widersprechenden Er-
     

    1 Wir können im Texte dieser vorläufigen Mittheilung nicht sondern, was am Inhalte
    derselben neu ist, und was sich bei anderen Autoren wie Moebius und Strümpell findet,
    die ähnliche Anschauungen für die Hysterie vertreten haben. Die grösste Annäherung an
    unsere theoretischen und therapeutischen Ausführungen fanden wir in einigen gelegentlich
    publicirten Bemerkungen Benedikt’s, mit denen wir uns an anderer Stelle beschäftigen
    werden.
     

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    lebnissen, erleidet eine Correctur durch andere Vorstellungen. Nach einem
    Unfall z. B. gesellt sich zu der Erinnerung an die Gefahr und zu der (ab-
    geschwächten) Wiederholung des Schreckens die Erinnerung des weiteren Ver-
    laufes, der Rettung, das Bewusstsein der jetzigen Sicherheit. Die Erinnerung
    an eine Kränkung wird corrigirt durch Richtigstellung der Thatsachen, durch
    Erwägungen der eigenen Würde u. dgl., und so gelingt es dem normalen Menschen
    durch Leistungen der Association den begleitenden Affect zum Verschwinden zu
    bringen.
     

    Dazu tritt dann jenes allgemeine Verwischen der Eindrücke, jenes Abblassen
    der Erinnerungen, welches wir „vergessen“ nennen und das vor allem die affectiv
    nicht mehr wirksamen Vorstellungen usurirt.
     

    Aus unseren Beobachtungen geht nun hervor, dass jene Erinnerungen, welche
    zu Veranlassungen hysterischer Phänomene geworden sind, sich in wunderbarer
    Frische und mit ihrer vollen Affectbetonung durch lange Zeit erhalten haben.
    Wir müssen aber als eine weitere auffällige und späterhin verwerthbare That-
    sache erwähnen, dass die Kranken nicht etwa über diese Erinnerungen wie über
    andere ihres Lebens verfügen. Im Gegentheile, diese Erlebnisse fehlen dem
    Gedächtniss der Kranken in ihrem gewöhnlichen psychischen Zu-
    stande völlig oder sind nur höchst summarisch darin vorhanden.
    Erst wenn man die Kranken in der Hypnose befragt, stellen sich diese Er-
    innerungen mit der unverminderten Lebhaftigkeit frischer Geschehnisse ein.
     

    So reproducirte eine unserer Kranken in der Hypnose ein halbes Jahr hin-
    durch mit hallucinatorischer Lebhaftigkeit alles, was sie an denselben Tagen des
    vorhergegangenen Jahres (während einer acuten Hysterie) erregt hatte; ein ihr
    unbekanntes Tagebuch der Mutter bezeugte die tadellose Richtigkeit der Re-
    production. Eine andere Kranke durchlebte theils in der Hypnose, theils in
    spontanen Anfällen mit hallucinatorischer Deutlichkeit alle Ereignisse einer vor
    10 Jahren durchgemachten hysterischen Psychose, für welche sie bis zum Momente
    des Wiederauftauchens grösstentheils amnestisch gewesen war. Auch einzelne
    ätiologisch wichtige Erinnerungen von 15—25jährigem Bestande erwiesen sich
    bei ihr von erstaunlicher Intactheit und sinnlicher Stärke und wirkten bei ihrer
    Wiederkehr mit der vollen Affectkraft neuer Erlebnisse.
     

    Den Grund hierfür können wir nur darin suchen, dass diese Erinnerungen
    in allen oben erörterten Beziehungen zur Usur eine Ausnahmestellung einnehmen.
    Es zeigt sich nämlich, dass diese Erinnerungen Traumen entsprechen,
    welche nicht genügend „abreagirt“ worden sind, und bei näherem Ein-
    gehen auf die Gründe, welche dieses verhindert haben, können wir mindestens
    zwei Reihen von Bedingungen auffinden, unter denen die Reaction auf das
    Trauma unterblieben ist.
     

    Zur ersten Gruppe rechnen wir jene Fälle, in denen die Kranken auf
    psychische Traumen nicht reagirt haben, weil die Natur des Traumas eine Re-
    action ausschloss, wie beim unersetzlich erscheinenden Verlust einer geliebten
    Person, oder weil die socialen Verhältnisse eine Reaction unmöglich machten,
    oder weil es sich um Dinge handelte, die der Kranke vergessen wollte, die er
     

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    darum absichtlich aus seinem bewussten Denken verdrängte, hemmte und unter-
    drückte. Gerade solche peinliche Dinge findet man dann in der Hypnose als
    Grundlage hysterischer Phänomene (hysterische Delirien der Heiligen und Nonnen,
    der enthaltsamen Frauen, der wohlerzogenen Kinder).
     

    Die zweite Reihe von Bedingungen wird nicht durch den Inhalt der Er-
    innerungen, sondern durch die psychischen Zustände bestimmt, mit welchen die
    entsprechenden Erlebnisse beim Kranken zusammengetroffen haben. Als Ver-
    anlassung hysterischer Symptome findet man nämlich in der Hypnose auch Vor-
    stellungen, welche, an sich nicht bedeutungsvoll, ihre Erhaltung dem Umstande
    danken, dass sie in schweren lähmenden Affecten, wie z. B. Schreck, entstanden
    sind, oder direct in abnormen psychischen Zuständen wie im halbhypnotischen
    Dämmerzustand des Wachträumens, in Autohypnosen u. dgl. Hier ist es die
    Natur dieser Zustände, welche eine Reaction auf das Geschehniss unmöglich
    machte.
     

    Beiderlei Bedingungen können natürlich auch zusammentreffen und treffen
    in der That oftmals zusammen. Dies ist der Fall, wenn ein an sich wirksames
    Trauma in einen Zustand von schwerem lähmendem Affect oder von verändertem
    Bewusstsein fällt, es scheint aber auch so zuzugehen, dass durch das psychische
    Trauma bei vielen Personen einer jener abnormen Zustände hervorgerufen wird,
    welcher dann seinerseits die Reaction unmöglich macht.
     

    Beiden Gruppen von Bedingungen ist aber gemeinsam, dass die nicht durch
    Reaction erledigten psychischen Traumen auch der Erledigung durch associative
    Verarbeitung entbehren müssen. In der ersten Gruppe ist es der Vorsatz der
    Kranken, welcher an die peinlichen Erlebnisse vergessen will und dieselben somit
    möglichst von der Association ausschliesst, in der zweiten Gruppe gelingt diese
    associative Verarbeitung darum nicht, weil zwischen dem normalen Bewusstseins-
    zustand und den pathologischen, in denen diese Vorstellungen entstanden sind,
    eine ausgiebige associative Verknüpfung nicht besteht. Wir werden sofort Anlass
    haben, auf diese Verhältnisse weiter einzugehen.
     

    Man darf also sagen, dass die pathogen gewordenen Vorstellungen
    sich darum so frisch und affectkräftig erhalten, weil ihnen die
    normale Usur durch Abreagiren und durch Reproduction in Zu-
    ständen ungehemmter Association versagt ist.
     

    (Schluss folgt.)