(/1911): Varia [Juli 1911]
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zweifellos ihre Mängel, wie sie von Aschaffenburg und Isserlin beleuchtet
wurden, und vielleicht sei dies eben der grösste Fehler der Freu d`schen Be-
hauptungen, dass sie sich eben auf die psychoanalytische Methode stiitzen, —
mit ihr stehen und fallen.Die Theorie Freud's hat nach der Ansicht Bornstein's viel Neues
und Befruchtendes gezcitigt und für seine jahrzehntelange miihevolle und auf
schlussreiche Arbeit habe sich Freud zumindest das Anrecht auf ernste und
gewissenhafte Kritik erworben. Und so müsse Redner den Anhängern Freud's
vollkommen beipflichten, wenn sie nur denjenigen das Recht der Kritik einräumen,
die diese Methode selbst angewendet und geprüft haben. —Der Gefertigte möchte diese von persönlichem Anstand und wissenschaft-
lichem Ernst getragenen Schlussbemerkungen Bornstein's speziell dem Kollegen
Higier, — dessen Kritik eine gånzlich fehlende praktische Erfahrung und krasse
theoretische Unkenntnis der Psychoanalyse verrät —, zur eingehendsten Beriick-
sichtigung empfehlen. —Berichtet nach der „Neurologia polska", Heft III (November—Dezember).
Dr. Jekels.
Varia.
Einige Stellen aus F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse. (Aus Abschnitt 269.)
„Je mehr ein Psycholog — ein geborener, ein unvermeidlicher Psychologund Seelen-Errater — sich den ausgesuchteren Fällen und Menschen zukehrt, um
so grösser wird seine Gefahr, am Mitleiden zu ersticken: er hat mehr Härte und
Heiterkeit nötig, mehr als ein anderer Mensch. — — —Die Furcht vor seinem Gedächtnis ist ihm eigen. Er kommt vor dem Urteil
anderer nicht zum Verstummen: er hört mit einem unbewegten Gesichte zu, wie
dort bewundert, verehrt, geliebt, verklårt wird, wo er gesehen hat, — oder er ver-
bricht noch sein Verstummen, indem er irgend einer Vordergrunds-Meinung ausdriick-
lich zustimmt. Vielleicht geht die Paradoxie seiner Lage soweit ins Schauerliche,
dass die Menge, die Gebildeten, die Schwårmer gerade dort, wo er das grosse Mit-
leiden neben der grossen Verachtung gelernt hat, ihrerseits die grosse Verehrung
lernen, — die Verehrung für „grosse Münner" und Wundertiere, um derentwillen
man das Vaterland, die Erde, die Würde der Menschheit, sich selber segnet und
in Ehren hält, auf welche man die Jugend hinweist, hinerzieht. . . Und wer weiss
ob sich nicht bisher in allen Füllen eben das Gleiche begab: dass die Menge einen
Gott anbetete, — und dass der „Gott“ nur ein armes Opfertier war.Der Erfolg war immer der grósste Lügner — "und das Werk selbst ist ein
Erfolg; der grosse Staatsmann, der Eroberer, der Entdecker ist in seine Erfolge
verkleidet bis ins Unerkennbare; das , Werk", das des Künstlers, des Philosophen,
erfindet erst den, der es geschaffen hat, geschaffen haben soll; die „grossen
Månner", wie sie verehrt werden, sind kleine schlechte Dichtungen hinlerdrein ;
in der Welt der geschichtlichen Werte herrscht die Falschmünzerei.Diese grossen Dichter z. B., diese Byron, Musset, Poe, Leopardi, Kleist,
Gogol (ich wage es nicht, gróssere Namen zu nennen, aber ich meine sie), — so
wie sie nun einmal sind, vielleicht sein müssen: Menschen des Augenblicks, be-
geistert, sinnlich, kindskópfisch im Misstrauen und Vertrauen leichtsinnig und
plótzlich mit Seelen, an denen gewóhnlich irgend ein Bruch verhehlt werden soll;
oft mit ihren Werken Rache nehmend für eine innere Besudelung, oft mit ihrenS.
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Auffügen Vergessenheit suchend von ihrem allzutreuen Gedächtnis, oft in den
Schlamm verirrt und beinahe verliebt, bis sie den Irrlichtern um die Siimpfe herum
gleich werden und sich zu Sternen verstellen — das Volk nennt sie dann wohl
Idealisten —, oft mit einem langen Ekel kåmpfend, mit einem wiederkehrenden
Gespenst von Unglauben, der kalt macht und sie zwingt, nach Gloria zu schmachten
und den „Glauben an sich" aus den Händen berauschter Schmeichler zu fressen:
— welche Marter sind diese grossen Künstler und überhaupt die höheren Menschen
für den, der sie einmal erraten hat.“ Dr. M. Eitingon.Inscinemneuesten Roman, DerNarrin Christo, Emanuel
Quint‘ lässt Gerhart Hauptmann einen Arzt, Dr. Húlsebusch,
sagen:3... Ich bin ein Gegner des Christentums, ich bin mit Goethe, Schiller
und unseren grössten Philosophen der Ansicht, אם ist durch die christliche Lehre
ein lebensfeindliches Element in die europäische Menschheit gekommen. Das
Christentum hat zum Beispiel mit der Verdammung, Entheiligung und Entwiirdigung
des Geschlechtslebens allein schon massloses Unheil angerichtet. Es hat den
Vorgang der Liebe der Geschlechter, aus dem die neuen Menschen hervorgehen,
auf eine Stufe mit den Vorgängen in einer Latrine oder Kloake gebracht. Ja
sogar auf eine noch ‚tiefere Stufe. Ich betrachte das Christentum noch immer über-
haupt als den wahren Krebsschaden finserer gesamten menschlichen Zustände.‘Uns später:
„Die Entwickelung, ein menschlicher Staat, die Kultur überhaupt, ist nicht
zu gründen auf Selbstlosigkeit. Kampf, Selbstsucht bleiben die mächtigsten Trieb-
federn. Das Christentum hat es darum auch in 2000 Jahren mit dieser falschen
Tendenz nur zu einer ungeheueren Heuchelei, zu einem ungeheucren Fiasko ge-
bracht. Die Welt wird überall von Selbstsucht getragen, die Nationen werden von
Selbstsucht aufrecht erhalten, von Selbstsucht werden alle grossen und kleinen
Handlungen den Menschen untereinander diktiert und inspiriert. Die Kirche übt die
Herrschaft in Gott und fordert dafür die Knechtschaft in Gott. Die Herren wollen
sich gegen die Herren und gegen die Knechte, die Knechte gegen die Knechte
und gegen die Herren durchsetzen. Da ist nicht einer in den wilden Interessen-
kämpfen unserer Zeit, der nicht seine eigene Festung ist. Soll er nun also selbstlos
sein und sogleich seine Festung schleifen lassen? Das allersterilste Prinzip, das
es geben kann, behaupte ich, ist die Selbstlosigkeit: denn wer sie wirklich und mit
ganzer Folgerichtigkeit wahrmachen will, der müsste, um den Frieden um jeden
Preis durchzusetzen, vom Schauplatz oder vom Kampfplatz abtreten, der müsste
freiwillig aus dem Leben gehen. Damit würde horribile dictu Selbstmord die echte
christliche Forderung, die eigentlich letzte Folge der Lehre sein.“Dr. W. St.
Wir entnehmen dem Korrespondenzblatt der internationalen psychoana-
Iytischen Vereinigung folgende Mitteilungen:Arbeitsprogramm der Ortsgruppe Berlin: Sitzung am 9. Februar 1911: 1. Dr.
Stegmann: Ergebnisse der Psychotherapie in einigen Fällen von Asthma. —
2. Dr. Abraham: Psychoanalyse einer Zwangsneurose. — Sitzung am 18. MärzS.
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1911. Dr. Körber: Uber Autoerotismus und Narzissismus, — Sitzung am 18. April
1911 in Dresden. Dr. Abraham: Psychoanalyse einer hysterischen Pseudoepilepsie.
Im März hielt Dr. Abraham einen vierwóchentlichen Kurs über Freud's Neu-
rosenlehre.
Ortsgruppe München,
Unter dem Vorsitz von Dr. Ludwig Seif hat sich in München eine Orts-
gruppe gebildet. Nähere, Mitteilungen stehen noch aus.Arbeitskalender der Ortsgruppe Zürich. Sitzungen. 10. März: Dr. C. G.
Jung: Kritik über „Interpretations of dreams“ von Morton Prince. — Dr. Bins-
wanger: Neue Kritiken über Traumanalyse. — 24. März: Dr. Mäder: Beobach-
tungen aus England. — Dr. 0. G. Jung: Ein Zahlentraum. — Uber Traumanalyse.Der diesjährige psychoanalytische Kongress findet am 21. und 22. September
in Weimar statt. Die Ortsgruppe Berlin hat sich anerboten, das Arrangement zuübernehmen,
In New-York hat sich die Ortsgruppe am 12. 11. d. J. organisiert. Zum Präsi-
denten wurde Dr. A. A. Brill gewählt. Vize-Prisident ist Dr. B. Onuf, Sekretär
und Kassier Dr. H, W. Frink. Die Gruppe zählt schon 21 Mitglieder. Die Sitzungen
finden am ersten Dienstag jeden Monates statt. Bisher wurden folgende Vorträge
gehalten: Dr. A. A. Brill: „A Fragment of the Analysis of a Compulsion Neu-
rosis*; Dr. Е. W. Scripture: ,Freud’s Theorie of Sex“; Demonstration eines
Falles von Dr. C. P. Oberndorf; Dr. H W. Fink: Analysis of a Mixed Neurosis,Am 28. März starb der hochtalentierte Kollege Dr. J. Honneger in Rheinau.
Alle, die den geistsprithenden, anregenden Menschen, der fiir die Psychoanalyse eine
grosse Zukunft bedeutete, gekannt haben, werden ihm ein freundliches Angedenkenbewahren. E m Fr
Im zweiten Heft, V. Band der Zeitschrift fir Religionspsychologie polemisiert
Pfarrer Dr. Oskar Pfister in sehr wirkungsvoller Weise in einem Artikel ,Hat
Zinzendorf die Frommigkeit sexualisiert? (Eine offene Frage an Herrn Lic.
Lehmann, zugleich eine Verteidigung) gegen eine ungerechte Kritik des Lic.
Lehmann, die ihm Einseitigkeit vorwirft, Er wiederholt in sehr eindringlicher
Weise alle Punkte seiner bekannten Monographie, die alle beweisen, dass Zinzen-
dorf tatsächlich seine Sexualität in seine religiösen Schwärmereien hineingetragen
habe. In demselben Hefte publiziert Lic. Lehmann „Eine offene Antwort auf die
offene Frage Pfisters, zugleich eine Ehrenrettung Zinzendorfs gegen Pfisters
Entwertung der Frömmigkeit Zinzendorfs.“ Pfister könne die Naivität des
Grafen Z. einfach nicht verstehen. Im ethischen Sinne sei Zinzend orf unschuldig
usw. Auch die Frage, ob es edel sei, nach 200 Jahren eine Person zu analysieren,
wird gestreift, An tatsächlicher Widerlegung findet sich in den Ausführungen Leh-manns kein Wort.
Redaktionelle Mitteilung.
Während der Sommermonate sind die Herren Mitarbeiter gebeten, fiir ihre Ein-sendungen an die Herausgeber sich nachstehender Adresse:
Dr. Wilhelm Stekel, Bad Ischl, Kaltenbachstrasse 26bedienen zu wollen,