Varia [Oktober 1911] /1911

(/1911): Varia [Oktober 1911]

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    gebnisse derselben negiert und die sexuelle Ausforschung als direkt schädlich
    bezeichnet.

    Rydel hegt bei aller Anerkennung der Genialität Freud’s das Bedenken,
    dass der Arzt die aus der analytischen Erforschung des Patienten gezogenen
    Schlüsse zu stark durch seine subjektiven Komplexe färben und sogar beein-
    flussen kann.

    Blassberg frigt, wo die Sicherheitsgrenze für die richtige und objektive
    Deutung des Symbols gegeben sei und der Schutz vor willkürlicher Interpretierung
    desselben seitens des Arztes,

    Jekels beantwortet diese Einwände dahin, dass die Symbole doch von
    den Patienten selbst und nicht von dem Arzte gedeutet werden, so dass dieser
    am Anfang seiner psychoanalytischen Erfahrung oft selber davon überrascht wird,
    ferner dass die Gefahr des Subjektivismus in der Psychoanalyse nicht grösser
    sei als in jeder anderen Wissenschaft, und betont zum Schlusse mit grossem
    Nachdrucke, dass über jeglichen theorelischen Erwägungen die persönliche prak-
    tische Erfahrung stehe. Hinter all diesen intellektuellen Einwänden verbergen sich
    nur Widerstände affektiver Natur, nämlich gegen die in der Psychoanalyse regel-
    g aufgedeckten eigenen Komplexe. Der einzig richtige Weg sei es, dieser
    Widerstände Herr zu werden und mit derselben Methode wie der Analytiker objektiv
    zu forschen; dann werden die heutigen Gegner zu den gleichen Resultaten gelangen,
    nämlich: Die Neurose sei der Ausdruck der gestörten Sexualität.

    Varia.

    Aus den Thesen für die Diskussion über die sexuelle Abstinenzirage
    (auf der Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der
    Geschlechtskrankheiten am 9. und 10. Juni 1911 in Dresden) von Dr. med. Magnus
    Hirschfeld (Berlin) und Dr. med. Iwan Bloch (Charlottenburg) heben wir
    hier einige hervor:

    1. Die in der sexuellen Abstinenzliteratur oft wiederkehrende, an sich
    begreifliche Behauptung, die Gefahren der Geschlechtskrankheiten seien grösser
    als die der Enthaltung, leidet daran, dass zwei heterogene Dinge miteinander ver-
    glichen werden. Der Arzt darf nicht ein Übel durch ein anderes, sondern muss
    jedes für sich bekämpfen,

    2. Die Abstinenzleiden betreffen hauptsächlich das Nervensystem als eigent-
    liches Organ der Abstinenz. Es handelt sich dabei im wesentlichen. um leichte,
    schwere und schwerste Formen sexueller Neurasthenie und Hysterie. Es ist ein
    Trugschluss, aus der mehr funktionellen Natur dieser Leiden schliessen zu wollen,
    dass es harmlose, leicht zu beseitigende Störungen sind.

    3. Wir verfügen über eine grössere Anzahl von Krankengeschichten normal-
    sexueller Personen. Diese Patiehten litten hauptsächlich an hochgradiger Be-
    einträchtigung ihrer Arbeitsfähigkeit, Schlaflosigkeit, Kopfdruck,
    Angstzuständen, übergrosser Reizbarkeit usw. Medikamentöse, hydriatische, diäte-
    tische, psychotherapeutische und sonstige Behandlungsmethoden erwiesen sich als
    erfolglos. Hingegen wirkte der sexuelle Verkehr wie ein Spezi-
    fikum.

    4. Nach eindeutigen Beobachtungen bei ethisch hochstehenden Individuen,
    die trotz starker Libidio aus moralischen Prinzipien eine jahrelange sexuelle

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    Abstinenz (ohne Onanie) durchführten, hat solche schliesslich zum Teil chro-
    nische Impotenz im Gefolge gehabt. (Iwan Bloch.)

    5. Die Ansicht Max Marcuses, dass Homosexualität durch sexuelle
    Enthaltung entstehen könne, ist dahin richtig zu stellen, dass es sich dabei nur
    um pseudohomosexuelle, der Masturbation gleichwertige Akte, nicht um eigent-
    liche Homosexualität handelt, die sich durch Enthaltung ebensowenig entwickeln
    kann wie durch Übersättigung.

    6. Welchen Weg dann der Patient einschlägt, hängt ausschliesslich
    von seinem Ermessen ab. Das Sexualleben geschlechtsreifer Menschen
    gehört zu den privatesten und individuellsten Angelegenheiten, in das nur ein-
    gegriffen werden sollte, wenn ein freier Wille verletzt wird.

    Aus der „Ethik“ von Baruch Spinoza,

    1. Zum psychischen Determinismus. „In der Seele gibt es
    keinen unbedingten oder freien Willen, sondern die Seele wird zu diesem oden
    jenem Wollen durch eine Ursache bestimmt, welche ebenfalls von einer anderen
    bestimmt ist und diese wieder von einer anderen und so fort ohne Ende,“
    II. Teil. L. 48.

    2. Zum Mechanismus der Affekte. „Jeder Gegenstand kann durch
    Zufall die Ursache einer Fróhlichkeit, einer Traurigkeit oder einer Begierde
    sein.“ L. 5.

    „Wenn die Seele einmal durch zwei Affekte erregt gewesen ist, so wird,
    wenn sie später von einem derselben wieder erregt wird, sie auch von dem anderen
    erregt werden.” III. Teil. L. 14.

    „Je mehr cin Bild auf mehrere Gegenstände sich bezicht, desto häufiger
    kommt es und desto öfter besteht es und desto mehr erfiillt es die Seele."
    YE Tail LA;

    3. Zur Psychotherapie. „Die Handlungen der Seele entspringen
    nur aus zureichenden Vorstellungen, ihre leidenden Zustände hängen aber bloss
    von unzureichenden Vorstellungen ab.“ ei, L. 8.

    „Der Affekt, welcher ein Leiden ist, hórt auf, ein solches zu sein, wenn
    man seine klare und bestimmte Vorstellung bildet. V. Teil. L. 3. i

    „Soweit die Seele alle Dinge als notwendige erkennt, soweit hat die Seele
    eine grössere Macht über die Affekte oder leidet weniger von ihnen."
    Vara I 6

    4 Zur Sublimierung. Wenn man die Erregung der Seele oder den
    Affekt von der Vorstellung der äusseren Ursache trennt und mit anderen Gedanken
    verbindet, so werden die Liebe oder der Hass gegen die äussere Ursache sowie
    die Schwankungen der Scele, welche aus diesen Affekten entspringen, beseitigt
    werden. V. Teil. L. 2. Theodor Reik.

    Zwei Stellen aus Guttzeit, „Dreissig Jahre Praxis“ 1). (S. 343.) „Ich
    habe gezeigt, dass der einzige Grund der hysterischen Erscheinungen beim
    Weibe deprimierende Gemiitsbewegungen sind. Der Arzt also, welchem die Be-
    handlung einer Hysterischen übertragen wird, kann mit mathematischer Gewiss-
    heit überzeugt sein und erklären, dass seine Kranke an irgend einem Seelenaffekt
    leidet. Vor allem hiite sich der Arzt an Hysteria cum materia zu glauben, oder den
    Versicherungen der Kranken oder ihrer Verwandtschaft Glauben zu schenken,

    1) Verlag von Wilhelm Brumiiller. Wien 1873

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    wenn diese behaupten, dic Ursache der Anfälle sei durchaus keine moralische,
    Die Kranke selbst verheimlicht den ihr noch Unbekannten gern die wahre Ursache;
    die Umgebung aber ist darüber oft vollkommen im Dunkeln. Ebenso hiite sich
    der Arzt, die Krankheitserscheinungen aus Abnormititen der Menstruation, aus
    zurückgetretenen Schårfen oder Schweissen, von starkem Schniiren, von anomalen
    Erregungen des Geschlechistriebes, von übermässiger Befriedigung desselben, von
    Descensio, Obliquitas uteri, Metritis chronica, Fluor albus, Anschwellungen der
    Eierstócke herleiten zu wollen, oder schwichende Einflüsse zu beschuldigen.
    Gerät er einmal in dieses Irrsal, das heisst: kehrt er das Ding um und nimmt,
    Wirkung für Ursache, so wird er wohl seine Kranken lege artis sehr rationell
    behandeln, nimmer aber heilen, Im Gegenteil, er wird gestehen miissen, dass die
    meisten seiner Heilprozeduren der Kranken nur Schaden bringen, und. dies wird
    um so mehr der Fall sein, als er Polypharmokaster und energischer Allopath
    ist oder „Spezialarzt für Weiberkrankheiten", der durch Egel an die Portio
    vaginalis, durch Atzungen der hier entdeckten Exulzerationen, durch tägliches Ein-
    fithren des Mutterspiegels, durch Manipulationen mit der Uterinsonde, durch
    Pessarien und durch Uterinduschen die vermeintlichen Causae proximae beseitigen
    zu können glaubt.

    Die Hysterie in ihrer Totalität kann nur durch Auf-
    hebung des deprimierenden Seelenaffektes oder dadurch ge-
    heilt werden, dass jener durch einen anderen angenehmen
    Eindruck auf das Gemüt des Weibes in den Hintergrund ge-
    drängt wird, So kann ein verliebtes Mädchen, welches durch Trennung von
    ihrem Liebhaber in Hysterie verfiel, dadurch geheilt werden, dass sic wieder mit
    dem Geliebten zusammen kommt oder die Aussicht ihn zu heiraten eine sichere
    wird; aber auch dadurch, dass ein anderer Platz in ihrem Herzen gewinnt
    und den früheren Corydon vergessen macht. Weil aber das Bedürfnis geliebt
    zu sein und zu lieben, nebst Eitelkeit, Vergnügungs- und Gefallsucht die schwachen
    Seiten alles weiblichen Seins und Treibens ausmachen, so muss die Hysterische
    von diesen empfänglichsten Punkten aus angegriffen werden, um den depri-
    mierenden Gemütsaffekt, ist er direkt nicht entfernbar, indirekt abzuschwächen und
    in den Hintergrund zu drängen.“

    „Wenn Weiber in hysterischer Gemütsstimmung sind und die Zeit eines
    kleinen oder grossen hysterischen Anfalles naht, so kann derselbe durch gewalt-
    same Einwirkung in seinem Erscheinen zuweilen verzögert, selbst verhindert
    werden, So sieht man, dass Hysterische, wenn sie sich in Gesellschaft oder ausser
    dem Hause befinden, imstande sind, den Paroxysmus so lange, bis sie nach
    Hause gelangten, zu unterdrücken. Fester Vorsatz dies zu tun, Drohung eines
    Vergnügens beraubt zu werden, wenn der Anfall käme, zwangsweises Hinaus-
    führen oder Spazierenfahren der Kranken, welche, die Vorboten des Anfalles
    fühlend, sich der Ruhe überlassen will, können den Anfall verzögern, in seltenen
    Fällen sogar verhindern. Immer wird man aber sehen, dass diese Mittel keinen
    wahren Nutzen bringen, weil jeder Anfall selbst gleichsam eine somatische Krise
    vorstellt, in welcher sich die krankhafte Nervenspannung entladet. Die Weiber
    fühlen sich daher nach gewaltsamer Unterdrückung des Anfalles sehr gereizt,
    mürrisch, mit Schwere im Kopf und den Gliedern, während alle diese Symptome,
    wenn der Anfall ungestörten Verlauf nahm, vollkommen verschwinden. Es ist
    aber durchaus nicht immer möglich, den Anfall zu verhindern, und am schwersten;
    wenn er Periodizitåt zeigt.“