Varia [Oktober 1912] /1912

(/1912): Varia [Oktober 1912]

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    Varia.
    Der Dichter über infantile Tranmen. Unter den Gedichten von Hammer
    finden sich einige hübsche Verse, welche die Unzerstórbarkeit infantiler Eindrücke

    behandeln:
    „Stūr' nicht den Traum der Kinder, Es trägt wohl mancher Alte,

    Wenn eine Lust sie herzt: Dess’ Herz längst nicht mehr flammt,

    Ihr Weh' schmerzt sie nicht minder, Im Antlitz eine Falte,

    Als dich das deine schmerzt! Die aus der Kindheit stammt.“
    Stekel.

    J. J. Rousseau als Psychoanalytiker. In den ,Réveries du Prome-
    neuz solitaire“, seinem letzten Werk, schildert Rousseau eine Beobachtung, die
    er an sich selber macht und die Reflexionen, die er daran kniipfte. Wie aus dem
    folgenden ersichtlich ist, handelt es sich um eine Symptomhandlung einfachster
    Art und deren Analyse. In der ,sixième promenade“ heisst es:

    Wir machen wohl niemals eine mechanische Bewegung, deren Ursache wir
    nicht in unserm Innern auffinden könnten, wenn wir sie nur dort aufzufinden ver-
    stünden.

    Gestern ging ich die neue Strasse am Ufer der Biårre entlang, um zu botani-
    sieren. Als ich mich der Barriere d’Enfer näherte, bog ich plötzlich rechts in die
    Felder ab und ging auf die Höhenzüge zu, welche das Flüsschen einrahmen. Dies
    ist nun an und für sich nichts besonderes; aber als ich mich erinnerte, dass ich
    schon mehreremals ganz mechanisch diesen Umweg gemacht hatte, da suchte ich die
    Ursache in mir selber und musste lachen, als ich sie entdeckt hatte.

    Hinter der Barrière d'Enfer postierte sich täglich eine Frau, welche Er-
    frischungen, Früchte und Brötchen verkaufte. Diese Frau hat einen armen kleinen
    Jungen, der an Krücken geht und die Voriibergehenden um ein Almosen bittet, ohne
    aufdringlich zu sein. Ich unterhielt mit dem Kleinen eıne Art Bekanntschaft. Er
    versåumte nie, mich zu begrüssen und bekam jedesmal von mir eine Kleinigkeit. An-
    fangs machte es mir Vergnügen, ihn zu sehen; ich beschenkte ihn gern und fuhr eine
    Zeitlang so fort, indem ich ihn gewöhnlich noch veranlasste, mir etwas zu erzählen.
    Ich hörte seinem Geplauder gern zu. Nach und nach war dieses Vergnügen Gewohn-
    heit geworden und hatte sich in eine Art Pflicht verwandelt, die mir bald lästig fiel,
    namentlich wegen des Geschwätzes, das ich nun jedesmal anzuhören genötigt war
    und in welchem er mich immer bei meinem Namen nannte, um zu zeigen, dass er
    mich wohl kenne. Von da an ging ich ungern da vorbei und machte schliesslich
    ganz mechanisch den Umweg.

    Das also förderte ich zutage, als ich darüber nachdachte; denn nichts von
    alledem war mir bis dahin bewusst gewesen (rien de tout cela ne s'était offert jusqu’
    alors distinctement a ma fensée). Dr. E. Jung.

    Ein treffendes Bild des ,Unbewussten“. Unter O. Liebmann's ,Ge-
    danken und Tatsachen“ (2. Aufl., Strassburg, 1899) findet sich folgende Bemerkung:
    „Es gibt Dramen, die vollkommen unverständlich bleiben würden ohne das, was
    hinter der Szene vorgeht. Zu diesen Dramen gehört das menschliche Seelenleben.
    Was sich auf der Bühne des hellen Bewusstseins vollzieht, sind lediglich abgerissene
    Bruchstücke und Fetzen des persönlichen Seelenlebens. Es wäre unbegreiflich, ja
    unmöglich ohne das, was sich hinter den Kulissen zuträgt, d. h. ohne unbewusste
    Prozesse.“ (Zit. nach M. Offner „Das Gedächtnis“.) Ferenczi.

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    Deutung unbewusster Inzestphantasien aus einer Fehlleistung (von
    Brantóme). In seiner „La Vie des Femmes Galantes“ erzählt Brantôme (geb.
    1539, gest. 1614) u. a. folgende Anekdote: „Ich erinnere mich eines grossen Fürsten,
    den ich gekannt habe. Dieser sagte, wenn er eine Frau, deren Liebe er genossen,
    loben wollte: „Sie ist eine sehr schöne Buhlin, gross wie meine Frau Mutter“. Wegen
    der Zweideutigkeit dieses Ausspruches fügte er hinzu, er habe nicht sagen wollen,
    die Dame sei eine so grosse Bublerin wie seine Frau Mutter, sondern sie sei ebenso
    gross gewachsen wie diese. Manchmal sagt man Dinge, an die man nicht
    denkt, oft aber auch, ohne daran zu denken, dass man die Wahrheit
    sagt.“ Ferenczi.

    Religiöse Ekstase und Sexnalität. Wir wissen, wieviel sexuelle Gefühle
    ihren Ausdruck und ihre Ersatzbefriedigung in religiösen Schwärmereien und Ekstasen
    finden.

    Die Person oder ein Bild des Gottsohnes spielt in den Äusserungen „heiliger
    Frauen“ und Nonnen in dieser Hinsicht die grösste Rolle; „Von der Lieblichkeit der
    Einwohnung des Herrn“, „Von der Umarmung und dem Herzen des Herrn“, „Von
    der göttlichen Einströmung“ heisst es u. a.

    Maria Magdalena de "Pazzi (1566—1607) erzählt von sich:

    „Ich sah, dass Jesus sich seiner Braut mit engster Einung vereinigte,
    sein Haupt auf das Haupt seiner Braut legte, seine Augen auf die ihren, seinen
    Mund, seine Hände, seine Füsse, alle seine Glieder auf die ihren, so dass die Braut
    ein Ding mit ihm wurde und alles wollte, was der Bräutigam wollte, alles sah, was
    der Bräutigam sah, alles kostete, was der Bräutigam kostete.‘ Und nichts anderes
    will Gott, als dass die Seele sich ihm in dieser Weise vereinige und dass er ganz
    mit ihr vereinigt sei . . . .“

    Ferner wird über dieselbe berichtet: „Ausser der beständigen Inbrunst, die ihr
    das Herz schmelzen, sie unablässig an Gott denken, von Gott reden... machte und
    sie oftmals von Sinnen brachte und ganz in Gott setzte, kam sie zuweilen in eine
    so grosse Glut, dass sie sich nicht mehr in ihrer Brust vorschliessen liess, sondern
    sich über ibr Angesicht, in ihr Tun ergoss und in ihren Worten ausbrach. Sie, die
    gewöhnlich infolge der Busseübung schwach, bleich und abgezehrt war, erstarkte
    ganz, wenn sie von diesen Flammen der Liebe überrascht wurde, und ihr Angesicht
    wurde voll und glühend. Sie fand keine Ruhe, kein Bleiben... Daher sah man sie
    in diesen Ausbrüchen schnell von Ort zu Ort laufen; wie rasend vor Liebe ging sie
    durch das Kloster und rief: „Liebe, Liebe, Liebe!“ Und da sie. einen so grossen
    Brand der Liebe nicht ertragen konnte, sprach sie: „О mein Herr, nicht mehr Liebe,
    nicht mehr Liebe!“ Zu den Schwestern sagte sie: „Mein Jesus ist nichts anderes
    als Liebe, ja toll von Liebe. Du bist, mein Jesus, ganz lieblich und fröhlich, du
    erquickst und tröstest, du nährst und vereinigst, bist Pein und Kühlung. Was ist
    nicht in dir? Du bist weise und mutwillig, erhaben und masslos, wunderbar und
    unsiiglich.“ 一

    Dass auch die Figur des Jesus-Kindleins die gleiche Rolle gelegentlich
    spielen muss, wäre ein Postulat, Und tatsächlich finden sich solche Äusserungen,
    wie ich sie gleichfalls dem Buche von Martin Buber, „Ekstatische Kon-
    fessionen“ (Diederichs, 1909) entnehme. Fs heisst dort in den Mitteilungen
    der Margaretha Ebner (1291—1851):

    „Ich habe ein Bild der Kindheit unseres Herrn in einer Wiege,
    Wenn ich dann von meinem Herrn so kräftig gezwungen werde mit so grosser
    Süssigkeit und mit Lust und Begierde und auch von seiner gütigen Bitte und mir

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    auch von meinem Herrn zugesprochen wird: „Säugest du mich nicht, so will ich dir
    mich entziehen, wenn du mich am allerliebsten hast“, so nehme ich das Bild aus
    der Wiege und lege es an mein nacktes Herz mit grosser Lust und Siissigkeit und
    empfinde dann die allerkriftigste Gnade mit der Gegenwart Gottes, dass ich mich
    darnach wundere, wie unsere liebe Frau die stete Gegenwart Gottes je ertragen
    konnte: dann wird mir geantwortet mit den wirklichen Worten des Engels Gabriel:
    „Spiritus sanctus supervenit in te“. Aber meine Begierde und Lust ist in dem
    Säugen, dass ich aus seinem lauteren Menschtum gereinigt werde und mit seiner
    inbrünstigen Liebe aus ihm entzündet werde und ich mit seiner Gegenwart und mit
    seiner süssen Gnade durchgossen werde . . . ©

    An anderer Stelle: „Und von dem Jesuskinde in dor Wiege wurde mir
    eines Nachts gegeben, dass ich es mit Freuden und lebhaftem Gebaren mit sich selber
    in der Wiege spielen sah. Da sprach ich zu ihm: „Warum bist du nicht artig
    und lässt mich nicht schlafen? Ich habe dich doch gut gebettet.“ Da sprach das
    Kind: Ich will dich nicht schlafen lassen, du musst mich zu dir nehmen.“ So
    nahm ich es mit Begier und mit Freude aus der Wiege und stellte es auf meinen
    Schoss. Da war es ein lebendiges Kind. Da sprach ich: „Küsse mich, so will ich
    es fahren lassen, dass du mich geplagt hast. Da fiel es mit seinen Armen um
    mich und halste mich und kiisste mich.“ Dr. Е. Hitschmann.

    George Meredith über Träume. Meredith schreibt in seinem Roman
    „Celt and Saxon“ Folgendes:

    Wir sprechen nicht iiber unsere Tråume, wenigstens nicht tiber jeden Traum.
    Besonders zurückhaltend sind wir über die Träume, die unser stolzes Ich, des leiten-
    den Willens beraubt und steuerlos den Wellen preisgegeben, offenbaren. Wie ver-
    worfen kommen wir uns vor! Das abgetakelte Schiff umgibt noch etwas von der Grösse
    des überstandenen Sturmes, die von Leidenschaften hin und her geworfene Seele
    aber wird gleichmütig entblósst, niedergeschlagen und ausgenutzt. Wenn das Un-
    bewusste dir wührend des Schlafes phantastische Streiche spielt, so lüfte den Vor-
    hang nicht; erst wenn wir uns blosstellen, kann man uns eine Schuld beimessen.
    Das Ideal des gebildeten Englünders ist rómischen Ursprungs in der streng
    geforderten Selbstunterdrückung und, dass ihm dies gelegentlich schwer fällt, zeigt
    den verwandten Typus. Willst du, o Beobachter der Rasse, das vielleicht hypo-
    kritisch nennen? Es ist ihre wahre Natur, deren Disziplin mit der Zivilisation
    Schritt gehalten hat.* Ernest Jones.

    Ein rationalisiertes Vergessen. In dem Roman ,Celt and Saxon* von
    G. Meredith findet sich nachstehendes schöne Beispiel eines missglückten Ver-
    suches, durch Rationalisieren zu vergessen; er scheitert, weil sich dem Verstand des
    Helden zu viele Entschuldigungen bieten, die sich gegenseitig widersprechen und so
    seiner Erkenntnis den wahren Grund des Vergessens offenbaren.

    Die Handlung ist kurz folgende:

    Philipp, mit dem ein Mädchen falsches Spiel getrieben hat, kann diesen Schlag
    nur schwer verwinden. Sein Bruder Patrick, der ihm sehr zugetan ist, reist in die
    Heimat der jungen Dame, geht in ihr Elternhaus und findet, dass sie mit einem
    Liebhaber geflohen ist. Alles, was er über sie hort, erregt sein lebhaftes Interesse,
    besonders entzückt ihn ihr Miniaturbild, um das er ihren Vater bittet, angeblich um
    es seinem Bruder zu bringen. Nach Haus zurückgekehrt, zeigt er es ihm, sagt ihm
    dann gute Nacht und verlässt das Zimmer, um zu Bett zu gehen, immer noch mit
    dem Bild in der Hand.

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    Philipp hält Patrick zurück: „Du kannst das hier lassen“. Er macht ihm ein
    Zeichen, die Miniatur auf den Tisch zu legen. Patrick legt sie hin. Sein Bruder
    hatte das Bild nicht berührt und er hätte sich damit entschuldigen können, es ver-
    gessen zu haben, um seinem Bruder den Schlaf nicht zu stören, andererseits auch
    damit, dass Philipp keine grosse Freude an dem Besitz haben wiirde. Diese beiden
    Kinwände gaben aber keine harmonische Entschuldigung ab und so ging er grad-
    wegs zur Türe in sonderbarem Schweigen mit dem Schritt eines braven Handlungs-
    gehilfen, den Rücken Philipp zugewandt, um ihm den Anblick seines Kummers zu
    verbergen. Ernest Jones.

    Strindberg über Geburt und Tod. Nachfolgende Stelle aus Strindberg's
    „Richtfest“ weist deutlich auf die Ähnlichkeit zwischen Tod und Geburt resp. Wieder-
    geburt hin, wie auf die auch von Freud erwähnte ,Rettungsphantasie“. Der
    Held beschwärt auf dem Totenbett seine Frau, ihn zu retten und identifiziert sich
    sowohl mit einer Mutter während dem Geburtsakt wie auch mit dem Kind selbst.

    „Darauf begann die Tortur wieder und sein Schrei: „Hilf mir, Elisabeth!“ Die
    erste und letzte (!) Illusion des Mannes ist: die Erlösung durch das Weib zu suchen,
    warum, das weiss niemand. Aber (!) die Schmerzen kamen periodisch, ganz wie die
    Wehen des Kindbettes: es sah ‘aus, als gebiire er jemand anderswo in einem unbe-
    kannten Land, als werde die Seele mit einer Ståubemaschine in einen neuen Körper
    hinüber gepumpt, und als werde er gleichzeitig wieder Kind. Sein Schreien glich
    zuweilen dem des gebirenden Weibes und seine Bewegungen auch.“

    Ernest Jones.

    Die Priigelstrafe als ärztliche Methode, Es kommen noch sonderbare
    Ereignisse in dem Zeitalter der Psychoanalyse vor. Sehr merkwürdig dürfte unsere
    Leser die Methode anmuten, mit der Dr. Fróschels eine nervóse Sprachstórung
    geheilt und behandelt hat. Er stellte diesen Fall in der Sitzung der Wiener Gesell-
    schaft fiir innere Medizin und Kinderheilkunde vom 11. Januar d. J. vor:

    „Ein 7jåhriges Bauernmädchen, das bis zum 4. Lebensjahre geistig und sprach-
    lich vollkommen normal entwickelt war, erlitt um diese Zeit einen psychischen Chok
    in der Weise, dass ein Knabe im Spiel mit erhobenem Messer sich auf sie stiirzte.
    Während der nächsten Wochen fiel das Kind wiederholt zu Boden und schrie:
    „Vater, nicht stechen!“ Bei einem derartigen Anfall soll das Kind zum ersten-
    mal das Wort ,stechen" gestottert haben. Seit dieser Zeit stotterte das
    Kind immer årger, und zwar handelte es sich anfangs um das sog. tonische
    Stottern (jene Form der Koordinationsstórung, bei welcher sich an der Stelle dos
    Mundes, an weleher der betreffende Laut gebildet wird, ein tonischer Krampf ein-
    stellt, so dass der Patient nur mit Mihe in der Lage ist, einen Laut zu erzeugen);
    bald darauf stellte sich die klonische Form des Stotterns ein, das in einem håufigen
    Wiederholen eines Lautes oder einer Silbe besteht, ehe der nächste Laut gebildet
    werden kann. Gleichzeitig wurde das Kind immer wortkarger, bis es vor drei Jahren
    ganz zu sprechen aufhórte. Auch das Sprachverståndnis, das anfangs gut war, nahm
    allmählich ab und seit einem halben Jahre reagiert das Kind auf Aufforderungen
    nicht mehr, wobei aber sein sonstiges Benehmen nicht unverniinftig ist.

    Differentialdiagnostisch kamen hier in Betracht: 1. Ertaubung eines Kindes,
    das frühzeitig die Sprache verloren hat, eine nicht seltene Erscheinung. (Das Gehör,
    das die Hauptrolle beim Erlernen einer Sprache spielt, muss weit über das 8. Jahr
    hinaus funktionieren, soll die Sprache erhalten bleiben, und zwar so lange, bis die
    Lautklangbilder genügend fest im Gedächtnis haften, um immer wieder von selbst
    produziert zu werden.) Um Ertaubung festzustellen oder auszuschliessen, schickte

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    Fróschels das Kind mit dem Vater scheinbar weg und rief, als die Patientin am
    Ende des Saales war, ihren Namen. Daraufhin drehte sich das Kind blitzschnell
    um — Ertaubung lag also nicht vor. 2. konnte hier ein Fall von Mutismus wegen
    Stotterns vorliegen: Es ereignet sich nämlich oft, dass ein Kind, zumal wenn es von
    Kameraden verhóhnt, von Eltern und Lehrer gescholten wird, seelisch so leidet, dass
    es das Sprechen ganz aufgibt. Damit war aber der Verlust des Sprachverständnisses
    nicht in Einklang zu bringen. 3. Progressive Verblädung war aus dem sonstigen
    Gehaben und dem vollkommen normalen Nervenbefund auszuschliessen.

    Es blieb also nur die Diagnose Hysterie übrig. Als auch die weitere Beob-
    achtung diese Diagnose immer mehr bestätigte, beschloss Fróschels, dem Kinde
    eine Ohrfeige zu geben. Er sah das Kind, nachdem er nochmals alle
    anderen Methoden versucht hatte, streng an und versetzte ihm
    eine Maulschelle. Sofort darnach sprach das Kind die Laute A, I,
    O, S, La und M nach. Die vollkommene Heilung aber wird wohl einige Monate
    in Anspruch nehmen, denn die Überwindung der hysterischen Renitenz erfordert viel
    Arbeit. Das Kind hat wihrend seiner Stummheit alle Sprachbewegungen vergessen,
    so dass sie jetzt neu eingoübt werden müssen. Diese Übungen geschehen in der
    Weise, dass der Patientin der Laut erst ins Ohr gesagt, worauf ihr sofort gezeigt
    wird, wie der Laut zu bilden ist. Das Kind kann jetzt schon einige Laute vom Ohr
    aus nachsprechen.* (Ars Medici 1912, Nr. 2.)

    Gründung einer Gesellschaft für positivistische Philosophie. Auf Initiative
    mehrerer bedeutender Männer — wir nennen nur die Namen Lamprecht, Mach
    Josef Popper, Verworn, Freud, Liszt, Wernicke, Ziehen, Forel,
    Baege — hat sich eine ,Gesellschaft für positivistische Philosophie* konstituiert.
    Her Prof. Dr. J. Petzoldt-Spandau ist zum ersten Vorsitzenden, Herr Prof.
    Dr. Potonié-Gross-Lichterfelde zum zweiten Vorsitzenden und Dozent M. 11.
    Baege-Friedrichshagen zum Sekretär der Gesellschaft gewählt worden. Als
    Beisitzer des geschüftsführenden Vorstandes wurde Herr Obergeneralarzt Prof. Dr.
    Kern-Berlin gewählt. Weitere Zuwahlen zum "Vorstand sind geplant. Das Amt
    eines Schatzmeisters wird wahrscheinlich Herr Fabrikbesitzer Eugen Dietzgen über-
    nehmen. Ferner hat die konstituierende Versammlung beschlossen, die Unterzeichner
    des Aufrufes zu Ehrenmitgliedern der Gesellschaft zu ernennen.

    Auf die Verüffentlichung des Aufrufes hin, sind so zahlreiche zustimmende
    Zuschriften und Mitgliedsanmeldungen zugegangen, dass die Gesellschaft nach kurzer
    Zeit einige Hundert Mitglieder zühlen dürfte. Der Mitgliedsbeitrag soll 10 Mk. be-
    tragen (auch zahlbar in zwei Halbjahresraten). Dafür erhalten die Mitglieder die zu
    begründende Zeitschrift und alle ev. weiteren Druckschriften der Gesellschaft gratis.
    Was die geplante Zeitschrift anbetrifft, soll sie am 1. Januar zu erscheinen anfangen;
    sie wird mindestens Vierteljahresschrift sein, es ist aber wahrscheinlich, dass sie von
    Anfang an sofort öfter als vierteljährlich erscheinen wird. Der Sitz der Gesellschaft,
    die international ist, soll Berlin sein. Ferner soll die Gesellschaft ins Vereins-
    register eingetragen werden. In allen Orten, wo mehrere Mitglieder der Gesellschaft
    wohnen, kónnen sich diese zu Zweiggesellschaften zusammenschliessen, Die Sitzungen
    der Gesellschaft sollen mindestens monatlich einmal stattfinden. Der Vorstand hofft
    hier in Berlin eine positivistisch-philosophische Zentralbibliothek begründen zu können,
    die selbstverstündlich allen Mitgliedern zur Verfügung stehen wird.