Rank, Otto (1910-004/1909.01): Vortrag: Über einen besonderen Typus der männlichen Objektwahl
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Prof. Freud geht von einer Beobachtung aus, die er in den letzten
zwei Jahren besonders häufig machen konnte: dass nämlich
wiederholt männliche Patienten gewisse Eigentümlichkeiten in
dem gezeigt haben, was er die Liebesbedingungen geheissen
habe. Er ist darunter die Tatsache verstanden, dass es für jeden
Menschen gewisse ihm in der Regel unbekannte Bedingungen gibt,
deren Erfüllung die Voraussetzung ist, dass er sich verlieben.
So sei es z. B. für ein Mädchen eine Liebesbedingung gewesen, den
jemand sie ihrer Schwester vorziehe, und als ein junger Mann ge-
legentlich des Vergleichs von Photographien das tat, verliebt sie sich
sofort in ihn. Ein anderer Fall einer tiefer gehenden Liebesbe-
dingung erzählte kürzlich Paul Lindau in einem Feuilleton der
Neuen Freien Presse: ein Mann schreibt seinem Freunde seine ihm
ganz rätselhafte Liebesgeschichte, die so verläuft, dass der Be-
treffende, der seit dem Tode seiner Mutter ganz zurückgezogen ge-
lebt hatte, sich eines Tages mit einem in jeder Hinsicht liebens-
werten jungen Mädchen verlobt, in deren Begleitung sich eine
unscheinbare, von ihm gar nicht beachtete nahe Verwandte
befindet. Diese rettet er einst aus dem Meer und als sie schon fast
Erstarrte wieder ins Leben zurückgerissen wird, verliebt er sich nur
in diese & heiratet sie auch. Für den Psychoanalytiker sei die Sache
ganz unsaglich; die Liebesbedingung für den Mann sei eine
Leiche, die man lieben könne & in der Einleitung ist auch ange-
deutet, dass sich das auf die tote Mutter bezieht. – Das Thema der
Liebesbedingungen wäre sehr interessant, stünde aber nicht
im Mittelpunkt derheuteheute zu behandelnden Gegenstände zu dem
sich der Vortr. nun wendet.
Es gebe einige Männer mit folgenden merkwürdigen Liebes-
bedingungen, die sich schematisch unter 4 Punkten
gruppieren lassen:S.
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1. muss es die Frau eines andern sein. Sie verlieben sich also
viel eher in Frauen als in Mädchen und in diese nie, wenn
sie andern anzugehören sich anschicken.
2 betrifft die Art, wie sie sich gegen diese Objekte verhalten;
nämlich widerspruchsvoll: sie hängen diesen Personen mit
grosser Treue an und kommen auch schwer von ihnen los.
Anderseits zeigen sie aber auch eine Neigung zur Reihenbildung,
was ja der Treue widerspricht. Dieser Widerspruch löst sich da-
durch, dass diese Objekteeinandereinander vollkommen ersetzen,
denn sie eigentlich dieselben sind.
3 ist der auffalligste Punkt: die Frau muss sexuell unrichtig sein,
sie muss einen schlechten Ruf haben. Aus der Erfüllung
dieser Bedingung folgt, dass diese Personen nur dann voll
lieben, wenn sie eifersüchtig sein können. Hier zeigt sich
neben ein gewisser organischer Zusammenhang zwischen den ein-
zelnen Bedingungen: denn die Eifersucht hängt einerseits mit
Punkt 1 zusammen anderseits mit der sexuellen Verdächtigkeit.
4 klingt nur wie eine sekundäre Konsequenzdervon 3 ist es
aber nicht: es ist das Bedürfnis, diese Person retten zu wollen.
Auch dieser Punkt läuft sich mit den früheren schön vereinbar
und gibt mit ihnen einen sekundären, künstlichen Zusammen-
hang. Ist sie sexuell unrichtig, so ist sie ja in Gefahr zu fallen,
so rechtfertigt er anderseits auch sein Festhalten an ihr.
Der Vortr. geht nun daran, diese 4 Bedingungen im Zusammenhang
zu überblicken. Dieser Typus sei nicht als voller Krystall hingestellt,
der sich immer in vollkommener Ausbildung vorfinde, sondern die
verschiedenen Seiten treten bald mehr bald minder deutlich ausge-
prägt hervor. Der letzte Punkt sei auch literarisch von Interesse und
es sei nicht unmöglich, dass der so häufige Zug des Rettenwollens
der Prostituierten sich damit berührte.
Im Übrigen seien diese Personen eigentlich weder gesund zu nennen,
noch seien es Neurotiker. Die beobachteten Fälle waren es wenig-S.
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stens nicht in diesem Punkt, sie waren in anderer Hinsicht
Neurotiker, die unter anderm auch diese Eigentümlichkeiten
ihres Liebeslebens zeigten. – Was die Erklärung für dieses Zu-
sammentreffen von Eigentümlichkeiten betreffe, ent-
täusche sie zunächst, denn sie enthalte etwas uns längst Be-
kanntes. Aber darin liege vielleicht gerade ein Anreiz zur Ver-
tiefung in das Problem. Es sind Personen, deren Libido an die
Mutter fixiertistwar. Da wir aber annehmen, dass bei allen Men-
schen die Objektwahl von der Mutter ausgeht & dass sie bei Neu-
rotikern besonders lang auf diese fixiert ist, so ist zum spe-
ziellen Verständnis des vorliegenden Falles folgendes zu beachten:
es handelt sich hier um Personen, deren Libido lange Zeit und
intensiv auf die Mutter fixiert war, sich aber von der Mutter
abgelöst hat und auf andere Personen übertragen wurde.
Neben diesen Personen wird man also zwei andere Typen ohne
weiters unterscheiden müssen:
1. solche, die ihre Libido noch heute noch an die Mutter
fixiert haben & sie überhaupt von ihr nicht losge-
bracht haben. Das sind Neurotiker, die gar keine Objekt-
wahl haben.
2. solche, die auch Neurotiker sind, die nicht besonders
lange ihre Libido auf die Mutter fixiert hatten, sie recht-
zeitig abgelöst haben von ihr und andere Objekte ge-
wählt haben, die aber dann infolge anderer Einflüsse
neurotisch geworden sind und deren Libido infolge –
davon auf die Mutter zurückgegangen ist.
Im vorliegenden Fall aber, wo die Libido von der Mutter abgelöst und
auf andere Personen übertragen wurde, werden die mütterlichen
Bedingungen des Objekts so stark festgehalten.
Der Vortragende geht nun in die Detailerklärung der ge-
nannten Bedingungen ein:S.
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1 erklärt sich von selbst
desals Fall der Mutter. Für diese Bedingung,
die Frau einem andern wegzunehmen,könntekönnte etwa eine Verschränkung
mit dem sadistischen Zug eines Menschen leicht zustande kommen,
ohne dass darum das Eintreffen als sadistischer Erfolg anzusehen
wäre.
ad 2 ist auch nicht viel mehr zu sagen. Die grosse Treue entspricht
der grossen Bedeutung der Mutter, denn an ihr hängen etc. Bei
diesen Menschen ist ziemlich regelmässig die Ehephantasie
nachzuweisen. Sie heiraten zwar nicht leicht aber beim Ver-
lieben ist immer die Phantasie der Ehe dabei; obzwar es sich
in der Regel um Personen handelt, die man nicht heiraten kann.
Bei denselben Leutenistist aus Träumen und Phantasien der
„Geheimbund“ aus den Kinderjahren bekannt, der letzten
Ursprungs immer die Ehe bedeutet. –
Bei diesem Punkt kann man auch schon die Reihenbildung
beobachten, den Übergang zu den Personen, die leicht loskommen,
und eine grosse Reihe zustande bringen. Die einen gehen
von der Mutter aus, von der sie nicht loskönnen, die andern
suchen immer die Unersetzliche, was erst zur Reihenbildung
führt.
3 ist der interessanteste & rätselhafteste Punkt. Befremdend
ist zunächst schon der Gegensatz in dem diese Bedingung
zur Vorstellung der Mutter steht. Und doch ist gerade diese
Bedingung nach der Mutter gebildet. Hier lässt sich der Über-
gang zu einem regelmässigen Verhalten zeigen. Es lässt
sich oft beobachten, dass die jungen Leute zweierlei sexuelle
Einschätzungen haben; einerseits eine grosse Hochachtung
für die Frauen, auch Schwärmerei für sie; sie verlieben sich
auch einmal aber ziemlich unsinnlich. Sie haben seelische
und sinnliche Liebe voneinander geschieden; das rein
Sinnliche ist ihnen als Verboten und Verächtlich von der ErziehungS.
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vorgestellt worden. Wird die Sinnlichkeit bei ihnen stark genug, so
bricht sie gleichsam daneben durch: sexuell verkehren sie nur mit
Verachteten. Dieser Typus führt in seiner extremen Ausbildung
zur psychischen Impotenz, die nur ein Zeichen des Respekts ist,
der die Betreffenden unfähig macht, die grobe Sinnlichkeit mit
dem geliebten Weib in Beziehung zu bringen. Das ist der allgemeine
Fall. – Wenn nun der sexuelle Bedürfnis sehr intensiv ist und der
Zustand lange gedauert hat, so stellt sich eine Art Kompromiss
her, man findet dann in der unrichtigen Frau das mögliche Kompro-
miss, das eine Wiedervereinigung jener ursprünglichen Haltung
im Liebesleben gestattet. So kann man sich die Forderung dieser
Unrichtigkeit erklären. – Aus den Analysen ist bekannt, dass es
Zeiten in der Pubertät gibt, wo die Knaben ihre Mutter in aller-
lei Beziehungen bringen & ihr Verhältnis andichten.
Die Liebesbedingung ist dann das Abbild ihrer einstigen Phan-
tasie. Wie bei Punkt 1 die sadistische Komponente, so ist diesmal
die masochistische beteiligt. Denn diese unrichtigen Personen
geben natürlich zur Eifersucht sehr leicht Anlass und der Wunsch
nach dem Leiden unter dieser Eifersucht ist ein exquisit ma-
sochistischer Zug. Es kommen also auch die sonstigen Charakter-
eigenschaften eines Menschen bei der Bildung dieser Liebesbe-
dingungen auf ihre Rechnung.
4. der interessanteste Zug ist der Rettung. Wenn man versucht, ihn
lediglich aus dem Interesse abzuleiten, das manche Menschen
für die Besserung sexuell nicht einwandfreier Personen haben,
so ist das nur rationalistisch erklärt. Bei näherem Zusehen
zeigt sich, dass es ein ganz selbständiger Zug ist, der mit der
Unrichtigkeit verschmolzen wird. Es lohnte sich einmal eine
kleine Arbeit zu machen, die den Titel führen müsste: Motive
des Rettens und Erlösens in Phantasie und Neurose. Das Er-
löser-Motiv stammt aus dem Knabenkampf und bedeutet
die Sehnsucht nach dem Weib, das der Onanie ein EndeS.
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machen soll. Wenn die Erlöserin dabei mütterliche Züge trägt,
so hat das seinen guten Grund. In den Phantasien der Neurotiker
findet man häufig die Phantasie, die Mutter möge sich ihm
hingeben damit er von der Onanie loskommen kann. In der
Jugendgeschichte von Rousseau ist diese Tatsache im Verhältnis
zu Frau Warrens deutlich ausgesprochen. Auch in Wagner's flie-
gendem Holländer wie sonst in der Literatur lässt sich die indivi-
duelle Erlöserin (nicht Weltlöser, Menschheitserlöser) regel-
mässig auf die von derFlaOnanie befreiend in der Phantasie
herbeigewünschte Mutter zurückführen. Das Motiv des Rettens
kommt aber anderswoher. Im „Mythus von der Geburt des Helden“ ist
der Vater im Zusammenhang mit seinem Gegenstück vollkommen
aufgeklärt. Aussetzen, das regelmässig Geburt bedeutet, und Retten
gehören innig zusammen. Der Komplex des Rettens hat also mit
dem Kinderbekommen etwas zu tun. Das Retten ist der Dank,
der Ersatz für das Geborenwerden; es ist die Verpflichtung gegen die
Eltern, die aus dem Geschenk der Geburt hervorgeht u. zw. auf einem
einfachen Weg: das Retten ist das Gegengeschenk für das Zur-
weltbringen. Dieses Motiv hat dann eine verschiedene Aus-
bildung erfahren; es bekommt in Bezug auf den Vater einen
andern Sinn als in Bezug auf die Mutter. In der Beziehung auf
den Vater ist es die Phantasie den Vater (den Kaiser od. König)
zu retten. In den Analysen sieht man, wie sich hier die alte Phan-
tasie mit einem neuen Motiv verwoben hat. Diese Phantasie
kommt einem zu Bewusstsein in einer Zeit der Auflehnung
gegen den Vater, wenn es einem lästig wird, dass man dem
Vater das Leben verdankt. Beim Vater bekommt das Motiv also
einen feindseligen Sinn, während es bei der Mutter einen zärt-
lichen Sinn erhält. Besonders in Träumen ist diese Phantasie
des Rettens einer Frau aus dem Wasser häufig und heisst
mit Auflösung der Wassersymbolik: der Mutter ein Kind machen,S.
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ihr für das Geschenk der eigenen Geburt als Gegengeschenk
ein Kind zu machen. Von besonderem Interesse ist es, dazu die
Träume heranzuziehen, in denen ins Wasser stürzen etc. regelmässig
Geburt bedeutet. Die Rettungs-Phantasie sind nicht Hemmungs-Phantasie
was sich aus der Deutung (ihr ein Kind machen) leicht erklärt. In
einem Traum, den Pfister (evangelische Freiheit) mitteilt, ist eine
interessante Abweichung in einem solchen Traum, die die Be-
rechtigung der Deutung beweist. Die Frau, die dort ins Wasser
springt, rettet sich selbst; in der Deutung ergibt sich für diese
Frau die Madonna; die braucht allerdings niemand, der sie
rettet. Bei dieser Gelegenheit ist es von Interesse zu erwähnen,
dass auch das Motiv der Wasserleiche (Lindau Erzählung) in den-
selben Zusammenhang gehört und regelmässig auf die Mutter
deutet. Die aufgedunsene Wasserleiche wird zum Symbol der
graviden Mutter verwendet u. es ist verständlich, dass die leben-
spendende Mutter mit der Leiche zusammengeworfen wird.
In vielen ist es der Tod der Mutter, der diesen Komplex in den
Vordergrund treten lässt. – Schliesslich ist noch erwähnenswer,
dass das Retten in den meisten Romanen als Liebesbedingung
eine Rolle spielt & beständig von Dichtern verwendet wird.
Diskussion.
Stekel erfüllt zunächst die Pflicht, für die vielen Anregungen zu danken.
Das Thema habe ihn immer sehr beschäftigt u. zw. um so mehr als es
auffällig sei, dass der Arzt, auf den doch in der Kur regelmässig
die Übertragung stattfinde, die Liebesbedingungen aller Art.
immer zu erfüllen scheint. Dieser Widerspruch löst sich aber bei
Vertiefung in die Sache: die Leute lieben nie den Menschen an
sich sondern nur in dem Kostüm, das sie ihm angetan.
Das sei also den Ausführungen des Herrn Prof. hinzuzufügen, dass
diese Liebesbedingungen, wo sie das Leben recht betret-S.
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von den betreffenden Personen hineinplantiert werden. Hier ist
auch die Quelle der Eifersuchtswahn zu finden, den der Betr. braucht.
Er kenne selbst einige solche Fälle, von denen er einzelnes zu den
Ausführungen vollkommen passende mitteilt.
Es sei auffällig, welche Kleinigkeiten in der Wahl des Liebes-
objekts eine entscheidende Rolle spielen (die Anklänge an den Vo-
kalismus im Namen der Schwester etc.) Besonders auf dem Namen sei
eine bes. Illusions- u. Kostümierungsfähigkeit gegeben u. vielleicht
erkläre sich so auch die Vorliebe der Weiber für Kostümkränzchen, es
sei bekannt, wie prompt sich Männer in gewisse Kostüme, die
an infantile Reminiszenzen anklingen, (Zigeunerin etc.) verlieben.
doch bedürfe es nur eines Hinweises auf die grosse Fähigkeit der
seelischen Kostümierung bei Mädchen.
Für die Liebesbedingungen seiner eigenen Person kann er zu einem
Resultat nicht kommen. Die Liebesbedingungen bewegen sich
wahrscheinlich in zwei Extremen: sie sind entweder die Deckung
des infantilen Liebesideals oder das reine Gegensatz desselben. So
erkläre es sich vielleicht auch, dass Juden so gerne Christinnen heirat.
(als Gegensatz zur Mutter).
Was die Dirne betreffe, so könne tatsächlich eine Anzahl von Neu-
rotikern ihre Potenz nur bei ihr betätigen; aber auch da gelinge
es nicht oft bei derselben. Wie das Verhältnis droht stabiler zu werden
melden sich sogleich die Phantasien der Ehe.
Die neurotische Phantasie, die Mutter zur Dirne zu machen, be-
rechtigt nicht nur die Konkurrenzschaft des Vaters sondern erhöhe
auch die Chancen der Erreichbarkeit. Die infantile Erwartung der
Mutter sei bei jedem Menschen so gross, dass von diesem Standpunkt
aus ein sexuelles Karma von einer fremden Person als grosse
Wohltat bezeichnet werden muss, weil das Kind dadurch von der
Familie abgezogen wird.
Impotenz aus Respekt sei sicherlich eine sehr bedeutungsvolle
Regel. Die Bedeutung der Erlöser Motive kenne er aus seiner Erfah-S.
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rung bestätigen. Den Retten ein Kind bedeute habe er bisher nicht
gewusst. Zur Wassersymbolik stimme ein Vorfall, der sich auf der
Klinik Wagner ereignete, als eine psychotische Patientin das Nehmen
eines Bades mit den Worten verweigerte: ich will meine Unschuld
nicht verlieren. –
Pfisters Traum könnte auch eine Onaniebedeutung haben. –
Steiner meint, es sei bei den Liebesbedingungen klar, dass sie
auf die früheste Kindheit zurückgehen und da dort der Eltern –
komplex im Vordergrund stehe, so könne man nur die Gedanke-
gänge durchmachen, die man eben einmal durchgedacht habe.
Zu verwerfen ist auch die kindliche Vorstellung, dass Vater u. Mutter
schon früher, seit jeher, miteinander verwandt gewesen seien,
ein Irrtum, der wahrscheinlich auch später noch massge-
bend sein dürfte. Es scheine überhaupt in der Kindheit viel
bewusster zu sein, was später unbewusst wird.
Das im Liebesleben der meisten Menschen eine Person, die uner-
reichbar ist u. einem andern gehört eine grosse Rolle spielt, ist eine
Erscheinung, die vielleicht psychologisch nicht näher begrün-
det zu werden braucht. Man liebt immer und auf allen Gebieten
das, was man am wenigsten haben kann. – Auch der Widerstand der
Eltern spiele als Sporn & zur Reubliezierung eine grosse Rolle;
was vielleicht vielleicht psychologisch auf die Eltern, bes. die Mutter,
zurückgehe.
Federn betont, dass man kritisch zu den Sammelforschungen
Freuds sich nicht äussern könne.
Zu dem behandelten Typus könne er in seiner eigenen Person
mit dem Kontrast dienen. Die Mutter habe in seinem Leben gar keine
Rolle gespielt; ihre Stelle vertritt die Grossmutter. Im Gegensatz zu
Stekel müsse betont werden, dass es ein ebenso grosser Mangel ist,
wenn das Verhältnis zur Mutter so ganz gestört ist. – Wasserrettungs-
träume od. Phantasien habe er nie gehabt, dagegen andere Rettungs-
phantasien sehr viele. Seine Liebesbedingung bei FrauenS.
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war, dass sie vollkommen frei sein müssten. Auch hatte er nie
den Wunsch die Frau zu erheben oder sie zu retten, sondern eher
das Bedürfnis von der Frau erhoben zu werden, was vielleicht auf den
Onaniekampf zurückgehe.In der Bedingung des Wechsels auch der Dirne sei Stekel entschieden
zu weit gegangen. In solchen Fällen handle es sich vielleicht um Perso-
nen mit perversen Phantasien, die mit Mühe verdrängt würden; dieser Per-
versionen wegen könne der die Dirne nicht mehr ansehen.Sadger bemerkt, dass man den heutigen Vortrag nicht auf einmal
in sich aufnehmen u. gleich darüber äussern könne. Man sei über-
rascht von den neuen u. interessanten Dingen, die man heute
gehört habe. Er möchte ihnen nur ein paar kleine Bemerkungen
anfügen.Bei den 4 Liebesbedingungen sei ihm ein Drama von Wilbrandt,
Unerreichbar eingefallen, das den ersten Punkt behandle. Auch sei
ein Stückchen Homosexualität dabei, das dem Dichter aus eigener
Erfahrung nicht fremd zu sein scheine.Dirnenphantasie von der Mutter u. Wunsch der Onanie-Erlösung
durch sie könne er aus seinen Erfahrungen bestätigen. Neue Aufklä-
rungen seien heute zu dem Problem der Liebesbeziehung zur toten
Mutter hinzugekommen. Kleist suche z. B.auchimmer das Grab; seine
Mutter starb als er 10 Jahre alt war u. es ist möglich, dass sein Wunsch
darauf zurückgeht u. er die Erinnerung an die tote Mutter nicht losge-
worden ist.Adler hebt zunächst die Bedeutung des heutigen Vortrags hervor.
Über Liebesbedingungen sollte man einmal ausführlich sprechen, wenn
auch nicht alle eine solche Bedeutung haben, wie z. B. dass das Mädchen
älter sein soll oder grösser oder kleiner etc. —FürManche Menschen
finden ein Gegensatz zu ihrer eigenen Körperfigur ihre Liebesbedingung.
Wichtiger ist die heute gehörte Liebesbedingung, bei der es sich aber
nicht nur darum handeln wird, sich an den Begriff zu halten, sondern
das psychische Phänomen hervorzuheben, denn diese LiebesbedingungS.
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ihre Bedeutung verdankt. Und das ist um so mehr geboten, als
man dasselbe Phänomen in den meisten andern Bedingungen, die
heute hervorgehoben wurden, wiederfinden kann.An dem Typus, dessen Vorkommen unfraglich sei, möchte er sich eine
kleine Einschränkung gestatten; es scheint, dass ähnliche Bedingungen,
wenn man genauer darauf achtet, sich bei jedem Neurotiker finden.
Das kann uns nicht wundern, denn alle diese Bedingungen werden ja vom
Verhältnis zur Mutter genommen. Dauer, Intensität und Reaktion mag ja
dann den weitern Ausschlag geben, der uns beim fertigen Individuum
als so bedeutsamer Unterschied in die Augen fällt, während beim Ein-
gehen auf den Mechanismus diese Unterschiede zu verschwinden drohen.Auch die umgekehrten Verhältnisse findet man: z. B. die Neigung zur
Dirne, die später ins Gegenteil umschlagen kann. Der Versuch der
"Rettung" tritt häufig bei Personen einmal hervor u. verschwindet
dann wieder. Es scheine, dass alle Fälle die angeführten Punkte zu
einem grossen Teil aufweisen; nicht immer mit der gleichen Präzision,
aber doch in unverkennbaren Spuren. Eine der häufigsten Liebes-
bedingungen bei Neurotikern sei die Frau, die ihm die Liebe ent-
gegenbringt.Seine Impotenz-Analysen zeigen ihm das Gegenteil des von
Freud Gesagten. Die Pat. scheitern meist an Mangel von Entgegenkommenund das Versagen bei der Dirnebei der Dirne bedingt immer ein störendes Moment.Der Wunsch nach der Frau eines andern ist sehr häufig. Es stellt
sich heraus, dass diese Leute nicht nur in bezug auf ihr Liebesleben
eine derartige Aggression bekunden, sondern auch in ihrem
übrigen Leben Draufgänger sind, aggressive Naturen.Freud hat uns in dem Typus nur das Urbild gezeigt; das Dynamische
kommt erst hinein, wenn wir uns dem Gedankengang nähern, dass
auch in andern Fällen die wichtigste Rolle spielt: dem Zustand der
Empfindlichkeit bei allen diesen Menschen, der sich hier nur
in dieser bestimmten Form äussert, die aber immer ein Zurückgehen
auf die ursprünglichste Bedingung ist, in der ihre Empfindlich-S.
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keit gereizt wurde (in der Regel durch die Unzugänglichkeit der Mutter, die
ihm nicht ihre volle Zärtlichkeit zuwendet). Erst diese Empfindlich-
keit kann uns klar machen, wie das Urbild der Beziehung zur Mutter
dynamisch zu wirken beginnt. So kenne er den übrigens häufigen
Fall einer Frau, die ihren ungeliebten Mann zu lieben beginnt,
wenn er sich in eine andere Frau verliebt. Sie wollte ihn wohl ver-
lassen erträgt es aber nicht, dass er sie verlässt. Man gewinnt über-
haupt den Eindruck, dass das was man Liebe nennt etwas sehr Rah-
res ist und dassdieEmpfindlichkeit eine grössere Rolle spielt
dabei nicht als der normale Sexualtrieb. —Treue und Anhänglichkeit möchte man zurückführen auf den bei
diesen Charakteren anhaftenden Drang, ihr Reinlichkeitsgefühl
bis zu einem gewissen Grad durchzuführen u. auch diese Eigen-
schaft muss man auf die Empfindlichkeit basieren. Um die Gleichge-
wichtslage in der Psyche festzuhalten, gehören gewisse Reaktionen.
Eine derselben ist das Bewusstsein der Treue. —Schwieriger ist es neben diesen Mechanismus der Empfindlichkeit
festzuhalten, wo es sich um den schlechten Ruf handelt. Stekel
hat ganz Recht damit, dass die Phantasie diesen Menschen immer
einen Streich spielt; hinzuzufügen wäre nur, dass die kolossal ge-
steigerte Aufmerksamkeit des Neurotikers immer Details finden
würde, die zur Eifersucht genügen. Über den schlechten Ruf der Frau
könne er aus Analysen Erfahrungen anführen, welche die Bedeutung
der Empfindlichkeit des Pat. auch für diesen Punkt klarstellen. Es
handelt sich um Personen, die Zweifel an ihrem eigenen Wert haben.
Es drückt sie das Bewusstsein, dass das Weib höher stehen sollte als sie.
In der Herabsetzung derselben gehen sie stufenweise vor, sie
kommen beim Suchen nach Ersatz nicht gleich zur Prostituierten.Auch beim letzten Punkt, der die Auffassung Freuds am meisten kräf-
tigt, könne er hinzufügen, dass er sich seiner Auffassung einfügt. Auch die Phantasie des Rettenwollens dürfte gewiss von dem
Urbild abstammen aber wieder nur durch die Neigung dieserS.
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Leute, etwas Bedeutendes zu tun, ein Wunsch, der ihrer gesteigerten
Empfindlichkeit entspringt.Aus der Einsicht der Kompliziertheit aller dieser Verhältnisse sei
der Hinweis auf die Empfindlichkeit all dieser Personen berechtigt u.
wie er glaube von grosser Wichtigkeit.Stekel bemerkt, dass er in seinem Buch Dichtung u Neurose 14
als er für die Neurose die Bezeichnung „Störung der Affektivität“
vorgeschlagen habe, an das Wort Empfindlichkeit (für Neurose)
gedacht habe. Wozu Adler bemerkt, dass sein Vortrag, worin er
die Bedeutung der Empfindlichkeit für die Neurose dargelegt
habe schon vor einem halben Jahr in der Gesellsch. f. Psychologie
gehalten worden sei u dass übrigens auch der Name „Affektivität“
von Bleuler stamme.Professor Freud ergänzt in seinem Schlusswort zur heutigen Dis-
kussion (die ihre Fortsetzung nächstens findet) einen biologischen
Gesichtspunkt, der zu den Inzestphantasien gehört — nämlich
dass in denselben die alte Familieninzucht weiterlebe, die gewiss
einmal real war, dass sie also ein archaischer Zug der Neurotiker seien.Als erwünschte Erweiterung nehme er die verschiedenartigen
Reaktionen auf die Bedingungen dieses Typus bis zu seiner nega-
tiven Gestaltung entgegen, auf die der Vortrag nicht eingegangen
war. Eine Bereicherung habe Stekel mit der Bemerkung ein-
geführt, dass die Bedingungen in der Phantasie ergänzt werden.
Der Schilderung des Typus habe er den Normalen zugrunde ge-
legt, der wenigstens in dem Punkt kein Neurotiker ist. Die Stekel-
sche Ergänzung sei für den Neurotiker charakteristisch. Und das
Regelmässige Zustandekommen der Übertragung (Eintreffen der Liebesbedingung) in der Kur komme eben daher, dass man es mit solchen Neurotikern zu tun habe.Was Adler jetzt hervorhebt, sei etwas sehr Beachtenswertes, was
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in unseren Darstellungen nicht zum Vorschein komme. Wir ver-
folgen immer die Sexualtriebe und deren psychische Einwirkungen;
zur kompletten Schilderung gehört das Verhältnis des Ichtriebes u. Adler
verfolgt diese Stück des Verhaltens nach. Dieses ist die Zensur, die das Ich
übt an der jeweiligen sexuellen Situation u.dieserder eigentliche
Grund der Verdrängung. — Nur in einem könne er dabei nicht mit-
gehen in der Auffassung Adlers, dass das Dynamische regelmässig
von dem Ich-Trieb beigestellt werde; das scheine nicht nur willkürlich
sondern auch eine starke Unterschätzung der Sexualität zu sein, die eben-
sogut gewisse Formen mit Kraft besetzen kann, wie es auch hier der
Fall ist. — So lange es sich z. B. um den Sadismus handelt ist es
nicht zu entscheiden, ob es sich um ein Stück des Ichtriebes oder
um eine Komponente des Sexualtriebs handelt. Wo es sich aber
um Masochism. handelt, da ist die rein sexuelle Seite ziemlich evi-
dent.