Wiener medicinischer Club 1893-411/1893.2

Schlesinger, Hermann (1893-411/1893.2): Wiener medicinischer Club

Zurück zum Werk
  • S.

    — 708 —

    Sitzung vom 16. Juni 1893. (Wiener klin. Wochenschr. 1893. Nr. 25.)

    Wiener medicinischer Club.

    Sitzung vom 17. Mai 1893. (Wiener med. Presse. 1893. Nr. 23.)

    Dr. Bikeles demonstrirt einen Fall von Poliomyelitis anterior acuta bei
    einem alten Manne. Ein 58jähr. Mann bietet Paraplegie an allen Extremitäten dar.
    Es besteht auch eine hochgradige Parese des M. erector trunci. Hirnnerven frei.
    Die Lähmung ist eine schlaffe, nirgends Contracturen. Die kleinen Handmuskeln
    atrophisch. Die elektrische Untersuchung ergiebt einfache Herabsetzung; in einzelnen
    Muskeln Entartungsreaction. Sensibilität normal. Reflexe an den unteren Extremi-
    täten links erloschen, rechts minimal. Beginn der Erkrankung vor 2 Monaten mit
    Diarrhöen; nach 10 Tagen Parästhesien und Lähmung des rechten, dann des linken
    Armes, dann erst beider Beine. Vorübergehende Urinbeschwerden, Nerven nie druck-
    empfindlich. Vortr. nimmt eine Poliomyelitis acuta an.

    Dr. H. Schlesinger demonstrirt einen Fall von wahrscheinlicher Blutung in
    die Medulla oblongata. Die Erscheinungen setzten bei dem nun 64jährigen Manne
    apoplectiform ein. Es besteht eine Parese des rechten Mundfacialis, des rechten sen-
    sibeln Trigeminus, rechtsseitige Gaumensegellähmung und Neurokeratitis. Extremi-
    täten ganz frei. Vortr. nimmt eine Blutung oder acute Erweichung in der Medulla
    oblongata an, welche die untersten Abschnitte des Facialiskernes, die oberen des
    Nucleus ambiguus und die aufsteigende Trigeminuswurzel betrifft.

  • S.

    — 709 —

    Sitzung vom 24. Mai 1893.

    Dr. S. Erben demonstrirt einen Fall von amyotrophischer Lateralsklerose
    mit cerebralen Erscheinungen. Bei einem Manne mit typischer amyotrophischer
    Lateralsklerose ist eine Reihe von corticalen Störungen vorhanden: Paraphasien,
    Störungen der Sprache und des Gedächtnisses. E. meint, dass in diesem Falle eine
    Erkrankung des Cortico-musculären Apparates in seiner ganzen Ausdehnung vorliegt.

    Docent S. Freud spricht über hysterische Lähmungen. Man kann die
    Lähmungen im Allgemeinen in cerebrale und peripher-spinale Analysen eintheilen.
    Vortr. führt diesen Gedanken ausführlich durch, und betont, dass die centralen Läh-
    mungen in der Regel Paralysen en masse sind, die peripher-spinalen hingegen oft nur
    isolirte Muskelgruppen befallen. Jede neuromusculäre Einheit ist im Rückenmarks-
    grau gleichsam projicirt, im Gehirne aber nur gleichsam repräsentirt. Redner unter-
    scheidet deshalb zwischen Projections- und Repräsentationslähmungen. Die Hysterie
    ahmt den Typus der centralen Lähmung nach; die unterscheidenden Merkmale zwischen
    hysterischen und organischen Paralysen sind in folgenden Momenten gegeben: Die
    hysterischen Lähmungen detailliren sich leichter als die organischen (treten z. B. als
    Monoplegien auf), zeigen ferner excessive Intensität, also complete Paralyse, complete
    Anästhesie, wie sie bei organischen Läsionen in solcher Intensität nur sehr selten
    zur Beobachtung gelangt. Bei hysterischen Paralysen ist oft die schwerere Function
    erhalten (z. B. Schreiben bei Brachialmonoplegie), bei den organischen umgekehrt die
    leichtere. Gewisse Störungen wie Hemianopsie fehlen bei H. völlig; ebenso fehlen
    bei dieser Erkrankung manche, für organische Läsionen charakteristische Combinationen,
    z. B. gleichzeitige Hemiplegie und Aphasie. Bei den organischen Lähmungen prä-
    valirt die Motilitäts-, bei den hysterischen die Sensibilitätsstörung. Der Grund für
    das Auftreten hysterischer Lähmungen ist ein rein psychologischer. Es ist wahr-
    scheinlich, dass bei der hysterischen Lähmung ein bestimmter Vorstellungskreis, der
    sich auf die Function des gelähmten Körpertheiles bezieht, ausgefallen ist, und dass
    eine associative Unzugänglichkeit dieses Vorstellungskreises besteht.
    Hermann Schlesinger (Wien).