S.
Zur Geschichte der analytischen
Bewegung.
Von Dr. Wilhelm Stekel.Unser Gedächtnis ist parteiisch. Freud hat es bewiesen und zahl-
reiche Beispiele erbracht, aus denen diese Tatsache hervorgeht. Wenn
ich es unternehme, eine Darstellung der analytischen Bewegung zu
geben, so kann ich mich darauf berufen, daß diese ,,parteiische Funktion
des Gedåehtnisses' bei mir sehr schwach entwickelt ist. Ich habe keine
Amnesien. Meine ersten Jugenderlebnisse stehen in voller Deut-
liehkeit vor meinen Augen. Ich war schon früh gewohnt, der Wahrheit
furchtlos ins Auge zu blicken und mich selbst zu verurteilen, wenn ich
gefehlt hatte. Ich bin nicht rachsiichtig und kann sehr leicht verzeihen,
weil ich das Allgemein-Menschliche vieler Reaktionen schon in Zeiten
eingesehen habe, in denen mir die Psychanalyse noch ein unbekannter
Begriff war.Wenn ich es unternehme, eine Geschichte der analytischen Be-
wegung zu schreiben, so habe ich kein anderes Motiv, als der Wahrheit
zu dienen und auf offene und versteckte Angriffe, die meine Forscher-
arbeit herabsetzen sollen, zu antworten.Ich war schon lange Sexualforscher, ehe ich Freud gekannt habe.
Ich habe schon als Gymnasialschüler unter meinen Freunden nach den
ersten sexuellen Erlebnissen geforscht und habe später als Mediziner
eine Art Enquete veranstaltet, in der jeder über sein erstes sexuelles
Erlebnis berichten sollte. 1895 habe ich — unabhängig von Freud noch
immer in Unkenntnis seiner Lehren 一 meine Studie ,,Koitus im Kindes-
alter" veröffentlicht. (Wiener med. Blatter, XVIII. Jahrg., Nr. 16,
1895.) Ungefähr ein Jahr später traf ich im ,, Wiener allgemeinen
Krankenhause‘“ den vor einigen Jahren verstorbenen, genialen Inter-
nisten Dr. Max Kahane. Wir studierten die Anschlagstafel, auf der die
verschiedenen Vorlesungen angekündigt waren. Kahane machte mich
auf den Kurs des Dozenten Dr. Sigmund Freud aufmerksam. „EsS.
540
würde Sie als Sexualforscher interessieren." Ich nahm mir vor, die Vor-
lesungen zu besuchen. Ich kam nieht dazu. Ich war ein vielbescháftigter
Praktiker, hatte viele schüngeistige Interessen und trachtete nach
Möglichkeit, mein medizinisches und besonders mein neurologisches
Wissen zu erweitern.Zu jener Zeit gab es in Wien eine Wochenschrift, als deren Heraus-
geber Hermann Bahr, Singer und Kanner zeichneten. Es gehürte
zum Erfordernis der Bildung ,,Die Zeit“ zu lesen. So stieß ich auf einen
Artikel von Max Burckhardt, in dem ein Buch von Freud ,,Die Traum-
deutung'" lächerlich gemacht wurde.Teh hatte bisher über das Problem ,, Traum" gar nicht nachgedacht.
Es war mir nur aufgefallen, daß der Traum mir verbotene sexuelle
Regungen geoffenbart hatte, deren ich mir im Wachen nicht bewußt
war. In diesen Pollutionstråumen war der sexuelle Charakter des Traumes
offen aufgetreten, der (als verbotener Wunsch) meinem Bewuftsein
vollkommen entgangen war. Ich nahm mir vor, Freud aufzusuchen.Die Gelegenheit sollte bald kommen. Wirrnisse lieben es
rátlich erscheinen, einen erfahrenen Sexualarzt aufzusuchen. Ich machte
meinen Besuch bei Freud, der meine kleine Arbeit über ,, Koitus im
Kindesalter“ in seiner Arbeit „Zur Ätiologie der Hysterie^^ (Wiener kl.
Rundschau 1896) zitiert hatte?), Ich war also kein Unbekannter, konnte
meine Beschwerden ungehemmt einem Verstehenden mitteilen und um
Rat und Hilfe ersuchen, Freud schlug mir eine Psychoanalyse vor, die
ungefähr acht Sitzungen umfaßte. Ich erzählte meine sehr interessante
Jugendgeschichte. Freud wunderte sich, daB ich keine Verdrångungen
hatte. Es kam auch zu einer Traumanalyse, in der Freud mir eine Fixation
an meine Mutter nachweisen wollte. Ich war erstaunt, Meine Neigung
zu meiner Mutter war die eines normalen Menschen, ich hatte mich
früh von ihr zu lösen vermocht. Zwei Inzesttriume waren mir in der
Jugend aufgefallen. Ich muDte sie nach Gesprüchen mit Freunden als
allgemein menschlich auffassen. Ich war mir eines Zusammenhanges |
meines Sexuallebens mit meiner viele Meilen entfernt wohnenden Mutter
nicht bewußt und muß noch heute betonen, daß ich auf dem gleichen
Standpunkte stehe. Der sogenannte Odipuskomplex ist eine normale?) Die Stelle lautet: „Es scheint sicher, daß unsere Kinder weit häufiger sexuellen Angriffen
ausgesetzt sind, als man der geringen, von den Eltern hierauf verwendeten Fürsorge erwarten sollte
Bel den ersten Erkundigungen, was über dies Thema bekannt sei, erfuhr ich von Kollegen, daß mehrere
Publikationen von Kinderürzten vorliegen, welche die Häufigkeit sexueller Praktiken selbst an Säug-
lingen von seiten der Ammen und Kinderfrautn anklagen, und aus den letzten Wochen ist mir eine
von Dr, Stekel in Wien herrührende Studie in die Hand geraten, welche sich mit dem ,,Koitus im
Kindesalter’ beschäftigt.S.
541
Erscheinung. Nur das Uberma macht ihn zu einem pathologischen
Phänomen. Ich machte Freud aufmerksam, ich wire anderer Ansicht.
Er sagte scherzend:„Sie wissen ja! Mit diesem Trank im Leibe, seh ich dann Helena
in jedem Weibe.“Teh erwiderte mit einem Kalauer:
„Auf meinem Kopf die Butter,
Seh ich in jedem Weib die Mutter!“
Wir lachten beide und die Stunde löste sich in Heiterkeit auf.
Freud betonte noch, ich wäre ein Ausnahmsmensch, ich hätte keine
Verdrängungen und sei schon aus diesem Grunde ein wertvoller Zeuge
für das Bestehen der infantilen Sexualität,Nun studierte ich die Traumdeutung und war begeistert. Ich schrieb
1901 ein Feuilleton im „Neuen Wiener Tagblatt‘ „Traumleben und
Traumdeutung“ in zwei großen Fortsetzungen und wagte es als Erster
offen für Freud und seine große Entdeckung einzutreten.Auch in reichsdeutschen Blättern (Vossische Zeitung und Frank-
furter Zeitung) trat ich kühn für den Meister in die Schranken, Freud
schenkte mir ein Exemplar seiner Traumdeutung mit der Widmung:
„Herrn Dr. W. Stekel mit herzlichem Dank für sein großes Verdienst
um die Würdigung dieses Buches. Am 23. Oktober 1902 konnte ich die
„Psychopathologie des Alltagslebens** besprechen, die damals in der
„Monatsschrift für Psych. п. Мег.“ erschienen war. Ich war unermiid-
lich in der Propaganda für Freud. Wittels hat nicht Unrecht, wenn er
sagt: „Die Rotationsmaschinen Europas seufzten unter der Last der
Arbeiten, in denen Stekel fiir Freud eintrat.“Ich kann nicht genau bestimmen, wann ich zu analysieren be-
gonnen habe. Es mag 1903 gewesen sein. Ich wußte, daß ein gewisser
Dr. Reitler sich schon in der Analyse versucht hatte. Ich glaube, er
war der Erste, der die Anwendung der Freud schen Lehren in der Praxis
versucht hatte. Er war ein begeisterter Anhänger Freuds und ist es bis
zu seinem Tode geblieben.Mein erster größerer Fall — in meiner Privatpraxis hatte ich schon
zahlreiche kleine Analysen gemacht — wurde mir von Freud überwiesen.
Eswar der Fall des Rabbiners, denichim Band I meiner Störungen aus-
führlich beschrieben habe. (Kap. XXII, Nr. 112, S. 336, der IV. Aufl.)Wenn ich es nachtráglich überdenke, war es eigentlich ein Wagnis.
Ich hätte den Fall gründlich verderben können. Ich kam wohl alle
zwei Wochen mit meinem Patienten zu Freud, sonst war er mir voll-S.
542
kommen ohne jede Beaufsichtigung überlassen. Freud hatte zu mir
großes Vertrauen — könnte man sagen. Ich habe aber später bemerkt,
daß er es mit weniger talentierten Schülern auch so hielt. Er schickte
ihnen die Fälle ohne sich die Möglichkeit einer Kontrolle zu wahren.
Ich hatte von Freud bloß die Traumdeutung und die Psychopathologie
des Alltagslebens gelesen. Die Studien über Hysterie habe ich viel später
genossen. Freud meinte, sie seien veraltet und ich wisse schon alles,
was daraus zu lernen wåre!),Mein erster Fall ging nach Überwindung der Widerstände über-
raschend gut.Er endete mit einem vollen Erfolge. Von nun an war ich mehr
Analytiker als praktischer Arzt. Endlich hatte ich die Methode gefunden,
die mir das Seelenleben meiner Kranken erschloß. Ich hatte schon
früher unabhängig von Freud mit den Kranken zu sprechen begonnen,
mich für ihr Leben interessiert und schließlich mein Glück mit Dubois
versucht, Jetzt erst eröffnete sich mir die Welt der Neurosen. Ich suchte
Freud öfters auf, berichtete ihm über meine Funde, kämpfte für ihn |
und seine neue Lehre in Wort und Schrift, Schließlich machte ich ihm
den Vorschlag, einen kleinen Kreis von Ärzten, Literaten und Künstlern
zu bilden, in dem psychologische Fragen und auch die neue Lehre be-
sprochen werden konnten. Freud war zuerst begeistert, fürchtete dann
Mißhelligkeiten und Unverständnis und schlug mir vor, erst einen kleinen
esoterischen Kreis zu bilden, an den sich der exoterische anschließen
sollte. Er hatte einige Freunde und Anhänger; diese wollte er in regel-
mäßigen Zusammenkünften um sich versammeln.So kam es zum ersten Abend. Er fand in der Wohnung von Freud
statt. Anwesend waren außer dem Meister und meiner Wenigkeit die
Ärzte: Dr. Rudolf Reitler, Dr. Alfred Adler und Dr. Max Kahane.
Freud führte ein gewisses Zeremoniell ein, das lange Jahre eingehalten
wurde. Wir kamen nach dem Abendbrot. Auf dem Tische standen
Zigarren, deren sich die meisten reichlich bedienten. Freud rauchte in
der ersten Zeit fast ununterbrochen eine kleine englische Pfeife, der er
seine geliebte Trabuko-Zigarre geopfert hatte, später wieder nur
Trabuko. Ich habe selten einen Mann so viel rauchen gesehen. Kaum
war er mit einer Pfeife fertig, so füllte er sich auch eine zweite. (Mir
hatte er auch eine englische Pfeife und englischen Rauchtabak geschenkt.
Das Rauchen muß ein Komplex des Meisters gewesen sein. Wie er mir*) In meiner Schule müssen die jüngeren Schüler mir täglich berichten, die älteren referieren
ihre Fälle in den wöchentlich stattfindenden Sitzungen, Die Fehler werden korrigiert und gemeinsam
besprochen,S.
543
erzählte, kam es vor, daß er sich ,iiberraucht“ hatte. Dann mußte er
fiir einige Tage das Rauchen unterbrechen.) Später wurde uns schwarzer
Kaffee serviert, der von einem der Herren eingeschenkt wurde.Es war selbstverståndlich, daß wir nach einigen einleitenden Worten
auf ein psychologisches Thema kamen. Kahane war es, der den Vor-
schlag machte, zwangslos iiber verschiedene Themen zu sprechen, und
brachte die Anregung, über das Rauchen zu sprechen.Ich habe das Gespräch am nächsten Morgen fixiert und in einem
Feuilleton des „Prager Tagblattes'" veröffentlicht. Ich lasse es wörtlich
folgen, weil es ein charakteristisches Bild unserer ersten zwanglosen
Unterhaltungen bietet.Gespräch über das Rauchen.
Ein kleines gemütliches Studierzimmer eines bedeutenden Nervenarztes.
Der Hausherr sitzt am Schreibtisch und dampft aus einer kleinen englischen
Pfeife. Der „Unruhige Geist‘ lehnt sich in einen weichen Fauteuil zurück
und raucht wie sein Meister womöglich noch behaglicher aus einer englischen
Pfeife. Der „Schweigsame‘‘ behandelt mit großer Sachkenntnis und Eleganz
eine feine Zigarette. Der ,,Sozialist“ saugt gemütlich an einer Virginia und
macht ein sehr ernstes Gesicht. -Es läutet.
Herein tritt der „Ведпете“. Der Hausherr bietet ihm eine Zigarre an.
Der Bequeme: „Ich danke. Ich rauche jetzt sehr wenig. Ich habe
mich überzeugt, daB ich viel freier denken kann, wenn ich nicht rauche. Das
Rauchen erzeugt ein gewisses Wohlgefühl. Es regt unsere schopferische Kraft
an. Aber es hat einen groBen Nachteil. Es raubt uns, ühnlich dem Alkohol, den
klaren Blick, es zerstört den wohltätigen Einfluß der Selbstkritik.“Der Meister: „Ich verstehe. Sie wollen sich durch das Rauchen nicht
ein Atom Ihres freien Willens rauben lassen.'*Der Bequeme: ,,So ist es. Ich arbeite jetzt viel klarer und nüchterner.
Es würde mich interessieren, was die anderen Herren dazu sagen. Künnte nicht
der Rückgang der metaphysischen Wissenschaften, das Zurücktreten der Philosophie
vor den anderen Wissenschaften auf die allzemeine Unsitte zurückzuführen sein,
während der geistigen Arbeit zu rauchen 2“Der Unruhige: „Das stimmt nicht mit meinen Erfahrungen überein,
Wenn ich genau zurückdenke, so füllt meine schriftstellerisehe Titigkeit gerade
in jene Zeiten, als ich zu rauchen begann."Der Bequeme: „Das beweist nur meine Annahme, daß das Rauchen
die Selbstkritik untergråbt."Der Hausherr: ,,Geistreich — aber boshaft.“
Der Unruhige: ,,— Und falsch. Denn ich rauche nur nach den Mahl-
zeiten und niemals während der geistigen Arbeit. Seit wann rauchen die Europäer ?
Zur allgemeinen Sitte ist das Rauchen erst seit zirka zwei Jehrhunderten geworden.
Bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein war das Rauchen auf der Straße verboten,
Gerade die letzten Jahrhunderte haben so einflußreiche Erfindungen, so ungeheure
geistige Arbeiten hervorgebracht.‘Der. Meister (zum Bequemen), Sie verkennen direkt das Wesen des
Schaffens. Ich wenigstens arbeite immer in zwei Etappen. Am ersten TageS.
544
konzipiere ich unter dem Eindrucke der Begeisterung meine Gedanken. Da muß
die Phantasie ordentlich mitarbeiten, wenn die Sache einen Zug ins Große erhalten
soll. Die Kritik kommt bei mir erst am zweiten Tage. Mit oder ohne Rauchen.
Ein kleiner Kern von Wahrneit scheint in diesen Ausführungen zu liegen. Wenn
ich ein gegnerisches Buch lesen soll, worüber ich mich voraussichtlich ürgern
werde, so rauche ich niemals, Ich lese es in groBer Aufregung rasch durch und
— — — rauche erst nachher. Das Rauchen bewirkt entschieden eine geringe
Narkose, ein Wohlgefühl der Nerven.Der Sehweigsame: ,Das Rauchen der Frauen, das gübe auch manche
berücksichtigenswerte Punkte, Ein Teil raucht nur aus Emanzipations-
geliisten. — —“Der Bequeme: „Bei manchen Damen sind es unschuldige Bahnen, auf
die sich Impulse sexueller PerversitütergieBen. — | —*,Der Unruhige: „Sie rauchen, um wie der Mann zu genießen. Wozu
tiefere Sünden suchen?“Der Meister: „Ein mir bekanntes, geistreiches Mädchen rauchte leiden-
schaftlich. Darüber zur Rede gestellt, verteidigte sie sich in einem reizenden
Gedichte. Der Sinn desselben war kurz und bündig: Ich rauche so viel, weil ich
so wenig geküßt werde —“Der Unruhige: , Das kann einen doppelten Sinn haben. Der Nikotin-
кепи В scheint unser Liebesbediirfnis herabzusetzen. Es sind Fille bekannt — — 一 “Der Meister: „Ich weiß, wo Sie hinauswollen. Wir wissen es alle. Des-
halb die ewige Gegnerschaft unserer Frauen gegen das Rauchen!“Der Bequeme: „Das ist köstlich! Und die Vorwürfe, der Rauch hafte
an den Vorhüngen — —**Der Meister: ,,— sind ein Vorwand!*
Der Unruhige: „Ein Vorhang, der uns den wahren Zusammenhang
verschleiern soll." (Alle lachen.)Der Schweigsame: „Es ist ganz klar.‘
Der Unruhige: „Gar nichts ist klar. Es stimmt wieder etwas nicht.
Ich kannte ein Mädchen, das ich liebte —“Der Bequeme: ,,Das wievielte?**
Der Unruhige: ,,— Nebensache . . . das ich liebte. Als ich sie küBte,
sagte sie: Du ranchst nicht? Das ist merkwürdig. Du riechst gar nicht wie ein
Mann. Ein Mann muß rauchen. Dieses ,, Manr“ sprach sie mit einer so feierlichen
Betonung aus. Ein Mann — förmlich dreimal unterstrichen,‘Der Bequeme: „Wie alt waren Sie damals 7“
Der Meister: „Das war nur der versteckte Wunsch, Sie als erwachsenen
Mann zu sehen.Der Sozialist: „Nach der Hochzeit hätte sie schon das Gegenteil von
Ihnen verlangt!*Der Schweigsame: „Das glaube ich auch.‘
Der Unruhige: „Das sind Witze, das ist keine Psychologie. Ich glaube
allen Ernstes, daß die Frauen in unseren Küssen den Tabakgeruch ungern ver-
missen wiirden.**Der Bequeme: „So wie den Schnurrbart, der doch beim Kusse störend
wirken sollte.“Der Sozialist: „Das Rauchen hat also in vielen Fällen intime sexuelle
Beziehungen. Dafür spricht auch der Umstand, daß die alten Sennerinnen im
Gebirge oft viel ärger dampfen als die Männer. Sie haben auf die Liebe schon
Verzicht geleistet.“S.
545
Der Unruhige: „Der Meister hat Recht. Das Rauchen ist eine kleine
Narkose. Wir als Årzte miissen aber zugeben, daB es auch ein gefåhrliches
Gift werden kann.“Der Meister: „In großen Dosen kann es dem Menschen gefährlich werden.
Was soll denn måfiges Rauchen fiir Schaden stiften können? Ich bin immer sehr
miBtrauisch, wenn ich höre, der oder jener Kranke sei infolge zu starken Rauchens
gestorben. Da stecken sehr häufig andere Dinge dahinter. Am häufigsten wohl
‚eine Kombination mit Alkoholismus, die besonders verderblich zu sein scheint.‘Der Unruhige: „Ich rauche eigentlich wenig. Fünf Zigarren im Tage,
immer eine nach einer Mahlzeit. Dabei habe ich die Empfindung, ich könnte
jeden Tag aufhören. Ja — nach einer besonders schlechten Zigarre nehme ich
mir’s vor: morgen hörst du auf. So betrüge ich mich schon jahrelang mit dem
Gedanken, es sei eigentlich das letztemal. Der abgenützte Trost aller Sünder!
groB und klein.“Der Meister: „Sie sind kein Raucher. Sie können das nicht verstehen. Ich
habe zwei Jahre nicht rauchen dürfen. Es war schrecklich. Ich hatte die Emp-
findung, es wire mir ein guter Freund gestorben und ich müBte von früh bis
abends seiner in Trauer gedenken, Auch jetzt habe ich dieselbe Empfindung
fiir meine Pfeife, Sie ist mein guter Freund, mein Berater, mein Gesellschafter,
mein Troster, mein Weggenosse, der mir die weitesten Wege verkürzt.“Die Uhr schlug zwólfe. Wir brachen das Gespräch ab. — 一
In diesem kleinen Gespriich haben wir den Nukleus der analytischen
Abende vor unseren Augen. Der Meister ist Freud, der Sozialist Adler,
der Bequeme Kahane, der Schweigsame Reitler und der Unruhige ich.Bald stellte sich das Bediirfnis ein, ein bestimmtes Programm fiir
jeden Abend vorherzubestimmen. Einer der fünf Herren übernahm das
Referat, dann erfolgte die Diskussion. Allmählich bildeten sich bestimmte
Regeln aus, die strenge eingehalten wurden. Es kamen neue Mitglieder
hinzu. Zuerst der Musikschriftsteller Dr. Max Graf, dann der Musik-
kritiker Dr. Max Bach. (Eine Sitzung — ich glaube die vierte oder
fünfte — findet sich in photographischer Treue in meiner Essaysammlung
„Masken der Sexualitàt unter dem Titel „Der kleine Kohn". Zur
Psychologie des Refrains. Der Ausgangspunkt war der damals populäre
Refrain „Haben Sie nicht den kleinen Kohn gesehen?'*) Von Ärzten
traten Dr. Paul Federnund Dr. Hitschmannein, später ein Herr Heitler,
Dr. Sadger, der wieder Dr. Wittels einführte. Als Gast hielt Dr. Ur-
bantschitz einen Vortrag, in dem er seine sehr interessante Lebens-
geschichte mitteilte.Die Abende fanden nach wie vor bei Freud in der Wohnung statt
und waren ziemlich zwanglos. Freud führte den Vorsitz. Der Referent
sprach über das angesagte Thema, dann wurden aus einer Urne die
Namen der einzelnen Sprecher gezogen.Die ersten Abende waren herrlich und werden jedem Teilnehmer
in unvergeßlicher Erinnerung bleiben. Noch hatten sich Eifersucht undFortschritte der Sexualwissenschaft IT, 35
2S.
546
Rivalitåt nicht gemeldet. Freud war noch nicht anerkannt, man hatte
ein gemeinsames Ziel: dem Meister zur gerechten Anerkennung zu ver-
helfen.Ich war zu jener Zeit der einzige Analytiker neben Freud. Reitler
war Kurarzt in Baden bei Wien, undin Wien in einer HeiBluftanstalt in
Anspruch genommen, Er analysierte, aber nicht mit jenem Feuereifer,
wie ich es getan habe.Leider sollte ich eine Entdeckung machen, die die ersten Schatten
auf mein Verhältnis zu Freud warf. Ich hielt eines Abends einen Vortrag
über „Die Psychologie der Angstneurose*'. Freud hielt die Angstneurose
fürein organisch bedingtes Leiden (später nannte er diese Leiden Aktual-
neurosen), das durch irgendeine schädliche Form des Sexuallebens ent-
stiinde. Ich konnte an drei genau analysierten Fillen von Angstneurose
den Nachweis liefern, daß es sich um seelische Vorgänge handle.Der erste Fall von Platzangst, der in meine Ordination kam, war
ein Kassier, dem ich nachweisen konnte, daB er mit dem Gedanken
spielte, zu defraudieren und mit dem Gelde nach Amerika durchzugehen.
(Band I, 4. Auflage, Fall 1, S. 13.) Freud hatte gelehrt, daß Phobien
psychisch unanfechtbar seien. Hier stand eine schwere Phobie vor mir
und hinter ihr steckte — ein seelischer Konflikt!Freud bemerkte, nachdem ich einen Fall von Angstneurose
analytisch erleuchtet hatte:Das ist keine Angstneurose, das ist eine Hysterie!)
Als Antwort zog ich eine Visitenkarte aus der Tasche. Ich hatte die
Kranke zu Freud geschickt, der sie mir mit der Diagnose ,,Angstneurose““
zuriiekstellte.Freud blickte die Karte stumm an und sagte später: „Publizieren
Sie die Fille nicht, che wir nicht darüber gesprochen haben.“Ich erhielt die Einladung, ihn am Sonntag zu besuchen. (Sonntag
pflegte Freud nie zu analysieren, nur zu lesen, zu schreiben oder seine
Freunde und Schiiler zu empfangen.)Ich kam also Sonntags zu Freud. Ich habe das Gespräch deutlich
in Erinnerung. Freud: „Ich habe lange über Ihre Analysen nachgedacht.
Ich will Ihnen ein kónigliches Geschenk machen. Ich schlage Ihnen vor,
die vorgetragenen Fille als ,,Angsthysterien zu beschreiben und sie von
den Angstneurosen scharf zu trennen. Angstkranke mit psychischer
Wurzel sind Angsthysteriker, solche, bei denen sich die Krankheit auf
Schädlichkeiten im Sexualleben zurückführen läßt, Angstneurotiker.“1) Fall Nr. 108, Кари. XVIII. „Analyse einer Herzneurose“. Band I. 4. Aufl. S 287.
S.
547
An dieser Einteilung hielt ich damals fest, obwohl ich sie mir nicht
ganz zu eigen machen konnte. In der 1907 in der „Med. Klinik" er-
schienenen Arbeit „Nervóse Angstzustände‘‘, ebenso in der im gleichen
Jahre erschienenen Broschüre ,,Ursachen der Nervositat (Verlag Paul
Knepler, Wien) stellte ich mich auf die Formel ein, der ich bis heute treu
geblieben bin: „Jede Neurose entsteht durch einen seelischen
Konflikt.“In der Vorrede meiner Broschüre, die Freud gewidmet war, sagte
ich: „Ich versuche nun den Beweis zu führen, daß jener Zustand, den
die Laien und Ärzte ,,Nervositåt" nennen, im tiefsten Wesen eine Seelen-
krankheit bedeutet. Zu dieser Erkenntnis bin ich durch jahrelange,
eingehende Beschäftigung mit der Psyche der Nervösen gekommen.
Und derjenige, der mir diesen Weg gezeigt hat und dem ich das neue
Licht verdanke, das mir vieles früher Dunkle erhellt hat, ist der große
Seelenkenner Professor Sigmund Freud. Ich bekenne mich stolz als
seinen Schüler, womit ich nicht sagen will, daß alles?), was ich ausführe,
seinen Anschauungen entspricht. Im Gegenteil! Ich bin dessen sicher,
daß er bei mancher Stelle den Kopf schütteln wird, als wollte er seine
Zustimmung versagen.“Ich hatte recht behalten. Freud hat den Kopf sehr energisch ge-
schüttelt und sich bis heute nicht dazu bekennen können, daß alle
Neurosen psychisch determiniert sind.In seiner soeben erschienenen fesselnden Selbstbiographie!), die
noch interessanter ist im Hinbliek darauf, was sie versehweigt, als was
sie gesteht, hält er die Lehre von den Aktualneurosen (Angstneurose und
Neurasthenie) noch aufrecht. Er unterscheidet nach wie vor Aktual-
neurosen und Psychoneurosen. (Die Psychoneurose Freuds zu meiner
Zeit war nur die bekannte Hysterie und Zwangsneurose. Phobien galten
noch als organisch bedingt. Der Fortschritt der Erkenntnis ist mir zu
verdanken.)Freud hat eine Eigenschaft, die ihm viel geschadet und die Ent-
wicklung der Analyse gehemmt, ja sie auf falsche Bahnen gedrängt hat:
Er sieht nie ein, daß er sieh geirrt hat!Er verschließt sich gegen jede Korrektur seiner festgelegten An-
schauungen. (Dieser Mann sollte seine Gegner verstehen, die sich ebenso
verschlieBen, wie er es tut, und gerne bei dem stehen bleiben, was sie
einmal als wahr erkannt haben.)1) Im Original gesperrt gedruckt,
7) Die Medizin der Gegenwart in Selbstdarstellungen. IV. Bd,, Felix Meixer, Leipzig 1925.35*
S.
548
Doch was ist wissenschaftliche Wahrheit? Wie viel besteht von
dem, was vor cinigen Jahrzehnten noch hohe Wissenschaft war? Und
wie viel wird von dem in einem Jahrhundert bestehen, was heute höchste
Wissenschaft ist? So beharrt Freud bei seinen Fehlern, spricht von
Aktualneurosen und Psychoneurosen, vom Unterschied zwischen
Neurasthenie und Angstneurose usw.In seiner Selbstbiographie sagt er wörtlich:
,Schirfere Beobachtung legte mir nahe, aus dem bunten Gewirre von
Krankheitsbildern, die man mit dem Namen Neurasthenie deckte, zwei grund-
verschiedene Typen herauszugreifen, die in beliebiger Vermengung vorkommen
konnten, aber doch in reiner Ausprägung zu beobachten waren. Bei dem einen
Typus war der Angstanfall das zentrale Phänomen mit seinen Åquivalenten,
rudimentiren Formen und chronischen Ersatzsymptomen; ich hieß ihn darum
auch Angstneurose. Auf den anderen Typus beschränkte ich die Bezeichnung
Neurasthenie. Nun war es leicht festzustellen, daß jedem dieser Typen eine andere
Abnormitiit des Sexuallebens als ätiologisches Moment entsprach (Coitus inter-
ruptus, frustrane Erregung, sexuelle Enthaltung hier, exzessive Masturbation,
gehäufte Pollutionen dort). Für einige besonders instruktive Fälle, in denen eine
überraschende Wendung des Krankheitsbildes von dem einen Typus zum anderen
stattgefunden hatte, gelang es auch, nachzuweisen, daB ein entsprechender Wechsel
des sexuellen Regimes zugrunde lag. Konnte man den MiBbrauch abstellen und
durch normale Sexualtätigkeit ersetzen, so lohnte sich dies durch eine auffällige
Besserung des Zustandes.So wurde ich dazu geführt, die Neurosen ganz allgemein als Störungen
der Sexualfunktion zu erkennen, und zwar die sogenannten Aktualneurosen
als direkten toxischen Ausdruck, die Psychoneurosen als psychischen Ausdruck
dieser Störungen. Mein årztliches Gewissen fühlte sich durch diese Aufstellung
befriedigt. Ich hoffte, eine Lücke in der Medizin ausgefüllt zu haben, die bei einer
biologisch so wichtigen Funktion keine anderen Schädigungen als durch Infektion
oder grobe anatomische Läsion in Betracht ziehen wollte, Außerdem kam der
ärztlichen Auffassung zugute, daß die Sexualität ja keine bloß psychische Sache
war. Sie hatte auch ihre somatische Seite, man durfte ihr einen besonderen
Chemismus zuschreiben und die Sexualerregung von der Anwesenheit bestimmter,
wenn auch noch unbekannter Stoffe ableiten. Es mußte auch seinen guten Grund
haben, daß die echten, spontanen Neurosen mit keiner anderen Krankheitsgruppe
so viel Ähnlichkeit zeigen, wie mit den Intoxikations- und Abstinenzerscheinungen,
hervorgerufen durch die Einführung und die Entbehrung gewisser toxisch
wirkender Stoffe oder mit dem M. Basedowii, dessen Abhängigkeit vom Produkt
der Schilddrüse bekannt ist.Ich habe später keine Gelegenheit mehr gehabt, auf die Untersuchungen
über die Aktualneurosen zurückzukommen. Auch von anderen ist dieses Stück
meiner Arbeit nicht fortgesetzt worden.“Wir ersehen aus diesem Zitate den ganzen Freud. Er weicht keinen
Zoll breit von seinen ersten Auffassungen ab. Die Angstneurose bleibt
bestehen, sie ist eine Aktualneurose, sie entsteht durch eine Schädlich-
keit des Sexuallebens, die Neurasthenie existiert noch immer als be-
sondere Krankheit, obgleich Freud sie nicht mehr sieht. Sein Material
hat sich geändert. Nicht die Art, wie er die Krankheiten sicht, nein, nur
sein Material hat sich geändert. Durch 20 Jahre hat er keinen Fall von
Neurasthenie mehr gesehen.S.
549
Freud will nicht zugeben, daß er alles, was man bisher als Neu-
rasthenie beschrieben hat, sofern es nicht Zyklothymie und beginnende
Schizophrenie war, als Angstneurose beschrieben hat.Wieder wird von dem Schaden der exzessiven Onanie gesprochen.
Freud konnte es mir nie verzeihen, daß ich es war, der die Harmlosigkeit
der Onanie nachgewiesen und seine SchluBfolgerung, die Neurasthenie
sei die Folge der Onanie, als einen TrugschluB bewiesen habe.Aber Stekel hat diese Wahrheiten erschiittert und das geniigt,
um sie weiter als Wahrheiten gelten zu lassen.Im Kreise der Freudianer, als ich noch das kåmpfende Mitglied der
Vereinigung war, hatte ich einen hohen Preis ausgesetzt. Ich wiirde ihn
bezahlen, wenn mir einer der Herren eine Neurasthenie vorstellen
würde, bei der ich keinen psychischen Konflikt nachweisen könnte.
Freud meinte, sein Material habe sich geändert. Das erklärt uns den
Satz der Selbstbiographie: , Ich habe später keine Gelegenheit mehr
gehabt, auf die Untersuchungen über die Aktualneurosen zurückzu-
kommen." Zugegeben! Aber was soll die Behauptung: „Auch von
anderen ist dieses Stück meiner Arbeit nicht fortgesetzt
worden.“ ?Hier liegt eine große Undankbarkeit des Meisters gegen seinen
Schüler vor. Ich habe diese Arbeiten fortgesetzt, ich habe an einem
großen Materiale nachgewiesen, wie bedeutsam der Einfluß der Psyche ist.Freud zieht sich auf das Organische zurück, auf die Konstitution,
mit der er jede Schwäche deckt, die sich in seinem Lehrgebäude zeigt.
Ist er so sicher, daß die Abstinenzerscheinungen nach Morphium-
entziehung nicht das Hervorbrechen der Neurose bedeuten, die durch
das Narkotikum verdeckt wurde? Weiß er nicht, daß viele seiner Schüler
der Ansicht sind, der Basedow sei psychisch bedingt ? Und wenn er schon
Stekel vergessen hat, so sollte er seinen englischen Liebling Jones
nicht vergessen, der sich über die Aktualneurosen sehr skeptisch aus-
gesprochen hat.Aber Stekel ist kein wissenschaftlicher Forscher. Anathema sit!
Freud weiß es allein, daß der Ausbau der Psychoanalyse in
praktischer Hinsicht mir zu verdanken ist. Hat er wirklich vergessen,
daß ich ein Buch (Nervüse Angstzustånde und ihre Behandlung) ge-
schrieben habe ?Von der Entstehung und von der Ausarbeitung dieses Buches muß
ich einiges erzählen, was der Mühe wert ist, festgehalten zu werden.S.
550
Nachdem ich die kleine Arbeit über Angstzustånde publiziert hatte,
faBte ich den Entschluß, ein gro Вегев Werk über diese Leiden zu schreiben.
Der Verleger Urban (in Urban & Schwarzenberg) war sofort einver-
standen, der Vertrag wurde nach einigen Tagen aufgesetzt und unter-
schrieben. Ich machte mich sogleich an die Arbeit.Freud fürchtete abweichende Ansichten und machte sich erbötig,
eine Vorrede zu schreiben, unter der Bedingung, daß ich ihm das Werk
zur Einsicht und Korrektur vorlegen würde. Ich willigte ein und nun
kam es zu einer miihevollen Arbeit. Ich arbeitete die ganze Woche an
einem Kapitel und las es dann am Sonntag dem Meister vor, der das ihm
nicht Passende strich, anderes erginzte, mir hie und da auch eine kleine
Anregung gab. (Freud pflegt seinen Schülern gerne kleine Ideen zu
schenken. Die großen hilt er ängstlich zurück.) Es ist selbstverständ-
lich, daß nun alles im Sinne Freuds geschildert wurde. Die Angst-
neurose trat als reine Aktualneurose hervor. Der Coitus interruptus war
der böse Dämon, der dic glücklichen Ehen zerstört und die robuste
Gesundheit des Mannes untergräbt.Mit Stolz kann ich sagen, daß ich in jenen Tagen die ganze Klinik
der Angstneurose aufbaute, und daß ich Freud viele Gesichts-
punkte eröffnete, die ihm bisher unbekannt geblieben waren.
Ich müßte Kapitel für Kapitel aufzählen, um alles zu betonen, was ich
damals geleistet habe.Ich kann und will es heute nicht entscheiden, wer damals mehr ge-
lernt hat: der Lehrer oder der Schüler.Man zeige mir ein Werk, in dem vor den „Angstzustanden”
die Organsprache der Seele in so erschópfender Weise ge-
schildert wurde!Dies Vorlesen dauerte einige Monate, aber dann kamen die etwas
schwereren Sonntage. Ich war mit der ,,Angstneurose" fertig und sollte
die ,,Angsthysterie* schildern. Ich konnte nicht die richtigen Worte
finden, — ich, dem die Feder sonst mühelos zur Verfügung steht. Freud
hat den Anfang des Kapitels über Angsthysterie selbst ausgearbeitet
und mir übergeben. Regis voluntas suprema lex discipuli! In der dritten
und vierten Auflage der Angstzustinde habe ich dem Meister zurück-
gegeben, was sein Eigentum war. Seine Ausführungen sind von meinen
getrennt worden.Während Freud vom ersten Teil des Buches sehr begeistert war,
merkte ich eine gewisse Zurückhaltung, als ich mit großen Analysen
herausrückte. Er meinte schlieBlich, diese Analysen würden dem BucheS.
551
schaden, ich solle mich auf die Publikation des ersten Teiles (Die Angst-
neurose) beschränken und die Angsthysterie erst nach Jahren ver-
öffentlichen.Nun stand ich vor der Eventualität, nur einen Teil meiner Arbeit zu
publizieren. Gerade auf die großen Analysen und auf die Entdeckung,
daß Angst wirkliche Angst und nicht konvertierte Libido sei, war ich
stolz und wollte diesen Teil unbedingt drucken lassen. Ich war aber von
Freud materiell abhängig, wie der ganze Klüngel, der jetzt aus seiner
Krippe ernährt wird. Freud meint in seiner Selbstbiographie, als er sich
gegen den Vorwurf der Intoleranz verteidigt: , Aber ich darf wohl für
mich geltend machen, daß ein intoleranter und von Unfehlbarkeits-
dünkel beherrschter Mensch niemals eine so große Schar geistig be-
deutender Menschen an sich hätte fesseln können, zumal wenn er nicht
über mehr praktische Verlockungen verfügte als ich.“Die Wahrheit: Ein großer Teil seiner bedeutenden Anhänger lebt
von seiner Gnade oder betätigt sich in einem nicht ärztlichen Berufe.
Seit die bedeutenden Ärzte (Jung, Adler, Stekel) abgefallen sind oder
viel besser ausgedrückt, abgestoßen wurden, sind die Philosophen Rank
und Reik, der Advokat Sachs, die Hauptsäulen der Analyse geworden
und betätigen sich als praktische Analytiker. Ich könnte aber eine lange
Liste von Analytikern aufzählen, die alle von Freud und seinem
glänzenden Namen leben! Wieviele Seelenkranke würden sich Laien
anvertrauen, wenn sie nicht von Freud dahingeschickt worden
wären? Darüber später mehr.Ich stand wie alle anderen Mitglieder des Kreises in materieller
Abhängigkeit von Freud. Er hatte unsere Visitenkarten und beglückte uns
nach seinem Gutdünken mit Patienten, Ich möchte gerne den Kreis
sehen, wenn dieses materielle Füllhorn sich schließen würde! Freud
wird auch aus dem Auslande ersucht, Schüler namhaft zu machen, und
hat es in seiner Macht, die entferntesten Anhänger zu belohnen oder zu
bestrafen.Kurz, ich war materiell von ihm abhängig, liebte ihn in dieser Zeit
trotz seiner Fehler und bewunderte sein überragendes Genie, wie ich es
auch noch heute bewundere.Was sollte ich tun, um den zweiten Teil zu retten?
Ich griff zu einer berechtigten Kriegslist.
Ich weihte meinen Verleger Urban ein und ließ mir einen Brief
schreiben, in dem er auf der Publikation des ganzen Werkes mit Ein-
schluß der Angsthysterie beharrte. Diesen Brief übergabich Freud, derS.
552
die Achseln zuckte und meinte: „Da können wir nichts machen. Aber
Sie werden sehen, wie die Kritik über Sie herfallen wird!“Das Buch war fertig. Es fehlte noch das letzte Kapitel.
Zu Ostern 1908 fand der erste analytische Kongreß (eigentlich eine
zwangslose Zusammenkunft) in Salzburg statt.Einige Monate vorher hatte ich ein kleines Büchlein von Jung
gelesen: Zur Psychologie der okkulten Phänomene. Zu meinem Er-
staunen war Freud darin lobend erwähnt, Ich brachte das Büchlein in
unseren Kreis und las die Stelle als Sensation vor. Einen Monat später
fand ich in der „Münchner med. Wochenschrift“ eine lobende Kritik
Bleulers, der erwåhnte, daB Freud uns gelehrt hat, was sich hinter
den Kulissen des BewuBtseins abspielte. Freud war iibergliicklich.
Beziehungen zwischen Burghólzli und Wien bahnten sich an. Endlich
sollten sich alle Anhånger treffen. Ostern 1908 fand die Zusammenkunft
im wunderschönen Salzburg statt. Da lernte ich Bleuler, dessen Werk
über „Affektivitit, Suggestion und Paranoia“ ich mit großem Interesse
studiert hatte, Jung, Jones, Ferenczi, Brill, Riklin und den hochbegabten
Otto GroB kennen. Freud sprach damals iiber den Zweifel und erklårte
den Zweifel als einen Zweifel an der Liebe. Ich sprach über Angstneurosen,
Sadger iiber die psychischen Wurzeln der Homosexualitåt. Die Tage
waren unvergeBlich schön. Noch zeigten sich nicht die Zeichen der Zer-
setzung, die bald deutlich hervortreten sollten. Herrlich war die Rede
von Otto Groß, damals Dozent der Neurologie in Graz. Freud wurde
mit Nietzsche als Bahnbrecher einer neuen Moral gefeiert. (Damals
kannte ich noch keine Zeile von Nietzsche, bloB einige seiner apho-
ristischen Ausspriiche, und nahm mir vor, Nietzsche zu studieren. Ich
lernte erst viel spåter, wieviel Gemeinsames beide hatten, der Philosoph
und der Arzt. Nietzsche hat vieles ausgesprochen, was Freud ohne
Kenntnis der Schriften Nietzsches gefunden hatte. Freud teilt mit mir
die Eigenschaft, daß er Philosophen sehr ungern liest. In den letzten
Jahren soll er sich Schopenhauer genåhert haben.) Brill war der erste
Amerikaner, der sich mit Freud beschiftigte, allerdings ist er kein
Vollblutamerikaner. Er ist ein kluger, sympathischer Mensch. Ferenczi
war der erste Ungar, der fiir Freud eintrat. Auch Abraham, damals ein
Bleulerschiiler und spåter der Berliner Fiihrer der Freudianer, war zu-
gegen, ferner Ricklin, Måder, Binswanger und fast alle Wiener Anhånger.Freud erwihnte auch, daB ein Werk iiber Angstzustånde aus meiner
Feder erscheinen werde. Ich mußte vielen darüber Rede und Antwort
stehen,S.
553
Auf der Heimreise las Freud das letzte Kapitel der Angstzustände
und meinte: „Es ist glänzend geschrieben.‘ Er war sehr guter Laune,
Wir sahen alle mit froher Zuversicht in die Zukunft. Waren wir ja nicht
mehr isoliert. Die Herausgabe eines Jahrbuches für analytische For-
schungen war beschlossen worden. Freud und Bleuler die Herausgeber,
Jung der Redakteur!In Wien sollte ich die erste bittere Enttäuschung erleben. Ich war
mit dem Buche fertig. Der letzte Bogen war gedruckt. Es fehlte mir
nur noch das Vorwort, das mir Freud versprochen hatte. Er sandte
‚über mein Ersuchen endlich das verlangte Manuskript. Ich bedauere,
daß ich keine Abschrift behalten habe, Es wäre außerordentlich lehrreich.
Ich bin aber kein Sammler historischer Dokumente. Das Vorwort war
so kühl, wie nur möglich, lehnte jede Verantwortung für das Buch ab,
enthielt keine Empfehlung. Ich gab es Freud zurück und sagte ihm, daß
ich unter diesen Umständen lieber auf das Vorwort verzichte. (Der Ver-
leger allerdings legte großen Wert darauf, meinte aber, das erste Vorwort
wäre unmöglich. Es sei eher eine Herabsetzung als eine Empfehlung.)Freud sandte mir einen zweiten Entwurf, den ich auch ablehnen
mußte. Erst der dritte Entwurf war einigermaßen möglich. Ich zitiere
daraus die charakteristischen Worte:„Herr Dr. W. Stekel, einer der ersten Kollegen, die ich in die
Kenntnis der Psychoanalyse einführen konnte, und gegenwärtig selbst
durch vieljährige Ausübung mit deren Technik vertraut, übernimmt es
nun, ein Kapitel aus der Klinik dieser Neurosen auf Grund meiner An-
sehauungen zu bearbeiten und seine mit der psychoanalytischen Methode
gewonnenen Erfahrungen für ürztliche Leser darzustellen. Wenn ich
in dem eben dargelegten Sinne bereitwillig (?) die Verantwortung für
seine Arbeit übernehme, so scheint es doch billig, daß ich ausdrücklich
erklire, mein direkter EinfluB auf das vorliegende Buch sei ein sehr
geringer gewesen. (?) Die Beobachtungen und alle Einzelheiten der Auf-
fassung und Deutung sind sein Eigentum; nur die Bezeichnung „Angst-
hysterie" geht auf meinen Vorschlag zurück.''Man beachte das kühle „Herr Dr. W. Stekel!* Das Exemplar der
Traumdeutung aus dem Jahre 1900 trägt die Widmung: „Herrn Dr.
Wilhelm Stekel mit herzlichem Dank für sein großes Verdienst um die
Würdigung dieses Buches." Die Psychologie des Alltagslebens „Herrn
Dr. W. Stekel kollegial, freundschaftlich", also schon um eine Nuance
schwächer, Wiederholt zitiert mich Freud „Herr Dr. Stekel“,
was sonst bei anderen Autoren (Adler u. s. w.) nie der Fall ist. EsS.
“ ⑤⑤④
driickt so die Distanz aus, die zwischen mir und ihm eingehalten
werden soll.Sonderbar die Bemerkung: „Mein direkter Einfluß auf das vor-
liegende Buch ist ein sehr geringer gewesen.** Wir hatten mindestens an
20 Sonntagen zusammen gearbeitet, ich habe jede Zeile meines Buches
vorgelesen, Stellen wurden gestrichen, neue hinzugefiigt. Und das
„kūnigliche“ Geschenk, der Ausdruck ,, Angsthysterie““, war als Eigen-
tum des Meisters reklamiert worden.Freud hatte wenig Vertrauen in den Erfolg dieses Buches. Er war
aber über Erwarten groß, Selbst die gegnerischen Blatter konnten dem
Werke die Anerkennung nicht versagen. Manche Kritiker waren über-
trieben enthusiastisch, sprachen von einem standard work, von einem
Markstein in der psychiatrischen Literatur. Auch Jung war damals noch
kein Stekelgegner. Er schrieb in der Med, Klinik: „Bisher hat uns die
Kasuistik in der Freudschen Analytik sehr gefehlt. Stekels Buch füllt
diese Lücke aus." Alfred Adler urteilte: „Ebensowenig wie die Leistung
Freuds, sollen die Arbeiten seines ebenbürtigsten Schülers verkleinert
werden“ usw.Dieser Erfolg bedeutet das Ende meiner Freundschaft mit Freud
und den Beginn meiner Leidensperiode im intimen Kreise, der sich in-
zwischen bedeutend vergrößert hatte. Freud hatte einen literarischen
Skandal prophezeit. Mein Erfolg machte ihn stutzig. Er sagte in unserem
Kreise: „Etwas muß an dem Buche schlecht sein. Sein großer Erfolg
macht es verdåchtig." Rasch war die erste Auflage vergriffen (1908).
Das Werk war eine Zeitlang vergriffen und erst 1912 erschien die zweite,
umgearbeitete Auflage, die ich diesmal nicht mehr von Freud revidieren
ließ. Sie erschien als erster Band der „Störungen des Trieb- und Affekt-
lebens". Das Vorwort der neuen Auflage beginnt mit den Worten:
„Kenner der ersten Auflage des Buches werden bemerken, daß sich
meine Auffassung des Problems ,, Angst‘ in mancherlei Hinsicht geändert
hat. Der Weg der Erkenntnis ist der gleiche geblieben: die Psychoanalyse.
Auch hat sich in dem therapeutischen Verfahren nichts geändert. Bloß
die Art, wie ich die Angstzustände auffasse und sehe, wird manchmal
neu erscheinen. Und doch finden sich die Keime der neuen Auffassung
in der ersten Auflage. Sie haben sich in mir organisch weiterentwickelt.“
Warum ich so kühn war und die Bogen nicht Freud vorlegte? Mein
Buch hatte mich bekannt und von Freud unabhängig gemacht. Ich ver-
fügte über eine große Privatpraxis, und zahlreiche analytische Fälle, die
direkt zu mir kamen oder mir von Kollegen gesandt wurden.S.
555
In dieser Vorrede kündigte ich einen Band über den Zweifel, über die
Perversionen und über die Depressionen an. ,,Das gibt mir reiches
Schaffen fiir ein Jahrzehnt und das Bewußtsein, die mühevolle Klein-
arbeit der Analyse nicht vergeblich geleistet zu haben. Auf diese Weise
will ich die große Dankesschuld abtragen, zu der ich meinem Lehrer
Freud verpflichtet bin.“Doch ich greife der Entwicklung der Ereignisse vor. Dazwischen
liegen schwere Kämpfe und Enttäuschungen, die mich immer mehr von
Freud ablösen sollten. Die Jahre 1908 —1912 bedeuten die Entwicklung
meiner Selbständigkeit.Meine Stellung in der Wiener analytischen Gesellschaft wurde
immer schwieriger. Freud brauchte mich nicht mehr und war meinen
Neuerungen und Erweiterungen der Erkenntnis abhold. Hielt ich einen
Vortrag, so fielen fast alle Mitglieder unisono über mich her, ließen kein
gutes Haar an dem, was ich gesagt hatte, um es später ruhig als Tatsache
anzunehmen. Ich war ungemein verstimmt und meldete auch für den
Kongreß in Nürnberg (30. und 31. März 1910) keinen Vortrag an. Ich
improvisierte einen Vortrag über Symbolik, der sich an vorherige Vor-
träge anschloß und großen Beifall fand, und regte eine Sammelforschung
für Symbolik an. Es wurde ein Komitee gegründet — aber wir erhielten
im Laufe von zwei Jahren keinen einzigen Beitrag. Der Kongreß sollte
der Ausgangspunkt einer Spaltung der Analytiker werden. Schon lange
war es uns aufgefallen, daß Freud von Zürich aus gegen die Wiener Schüler
„gehetzt* werde. Freud betonte mir oft, ich wisse nicht, wie oft er mich
gegen Jung verteidigen müsse. Ich klagte oft Adler meine Not. Er
meinte lakonisch: „Das geht ja gar nicht gegen Sie! Das geht gegen mich
— oder gegen uns beide.“ Adler hatte damals begonnen, seine eigenen
Wege zu gehen. Sein Buch über die Minderwertigkeit der Organe stand
zwar noch auf dem Boden der Freudschen Lehre, aber es ging darüber
hinaus. Freud blieb kühl gegen alles Neue, das wir beide berichteten. Wir
merkten den Einfluß von Zürich und waren beide etwas verstimmt und
beunruhigt.Ohne daß wir Wiener verständigt waren, erhob sich Ferenczi, der
inzwischen zum Intimus von Freud avanciert war, und stellte den Antrag,
die Analytiker zu organisieren.Seine Vorschläge waren folgende:
1. Es werden verschiedene Ortsgruppen gebildet.
2. Die Gruppe Zürich gilt als Vorort und übernimmt die ständige
Führung.S.
556
3. In Zürich wird eine Zensurstelle für alle analytischen Arbeiten
errichtet. Jede Arbeit muß eingereicht und das ,,Placet““ der Züricher
erhalten.4. Zum ständigen Präsidenten wird Jung vorgeschlagen.
Der Plan war fein ausgeheckt. Wir Wiener hätten iiberrumpelt
werden sollen. Ich und Adler wären mundtot gemacht worden.Ich erhob mich in gerechter Entrüstung und protestierte gegen
den Vorschlag. Die Psychoanalyse sei eine freie Wissenschaft, sei
eine werdende Wissenschaft, man könne ihr keinen Maulkorb um-
hängen. Ich verwies darauf, daß es lächerlich wäre, Jung zum
„ewigen Präsidenten‘‘ zu machen, wenn Freud der Begründer der
Analyse sei. Wenn es schon eine ewige Präsidentschaft gäbe, so gebühre
sie Freud. Ich erklärte: , Wir Wiener werden uns nie unter das ‚Joch
von Zürich beugen!*Adler sprach weniger temperamentvoll, aber im gleichen Sinne.
Die Wiener waren beleidigt, die deutschen Kollegen waren auf unserer
Seite, eine Probeabstimmung ergab, daß wir die Majoritåt hatten.
In größter Aufregung wurde die Sitzung zur „reiflichen Überlegung“
abgebrochen und der endgültige Beschluß auf den nächsten Tag ver-
schoben.Ich verstándigte mich rasch mit Adler. Wir beschlossen über
meine Anregung, ein Zentralblatt für Psychoanalyse herauszugeben,
das monatlich erscheinen sollte. Wir beriefen die Wiener Kollegen
zu einer geheimen Sitzung ein, um gegen den Antrag Stellung zu nehmen
und Wien die führende Rolle in der Analyse zu sichern.Wir waren ungeführ 15 Wiener versammelt und beratschlagten
über Gegenmaßnahmen, als sich die Türe öffnete und Freud eintrat.
Er war leichenblaB und so erregt, wie ich ihn in meinem Leben nicht
gesehen habe. (Einer der Wiener hat den Judas gespielt und dem
Meister verraten, daß wir heimlich berieten.)Freud versuchte uns umzustimmen und sich zu rechtfertigen.
Er schilderte die Zukunft der Analyse in grauen Farben. Die ganze.
wissenschaftliche Welt werde gegen uns Stellung nehmen. Zürich
sei die einzige Klinik, auf der Analyse gelehrt werde. Gegen die Analyse
würden antisemitisehe Hetzereien inszeniert. Sie werde zu einer
jüdischen Wissenschaft degradiert. Ein „Christ“ müsse an der Spitze
der Bewegung stehen.S.
557
Freud geriet dabei in einen Affekt, der mir noch heute unbegreiflich
ist. Tränen traten in seine Augen. „Es geht um meine Existenz!“
rief er aus. , Man gönnt mir nicht den Rock, den ich trage.“Wir waren tief erschüttert. Wir unterhandelten und schlugen
schließlich ein KompromiB vor, dem sich Freud fügen mußte. Der
führende Vorort sollte alle zwei Jahre neu gewählt werden. Für die
erste Periode wollten wir fiir Ziirich stimmen, dann miisse ein anderer
Ort (Wien) die Fiihrung iibernehmen. Die wissenschaftliche Zensur
müsse fallen. Sie wire schon durch die Tatsache überflüssig, daß ichund Adler ein eigenes Blatt herausgeben werden.
Diese Vorschläge wurden am nächsten Tage mit großer Majoritåt
angenommen. Freud hat es mir bis heute nicht verziehen, daß ich
damals der Stårkere war. In einer Hinsicht mag er mir dankbar ge-
wesen sein. Ich hatte verhindert, daß Jung für „ewige Zeiten“ zum
Präsidenten gewählt wurde. Jung erwies sich bald darauf als so un-
zuverlässig, daß Freud auch gegen ihn Stellung nehmen mußte.In der historischen Sitzung machten Adler und ich kund, daß
wir ein eigenes Organ herausgeben werden, das der Bedeutung der
Wiener Schule gerecht werden sollte. Denn das ,,Jahrbuch für ana-
lytische Forschungen" lag ganz in den Hånden der Schweizer und
verhinderte durch passive Resistenz das Erscheinen der Wiener Arbeiten.
Natürlich richtete sich die Opposition nicht gegen Freud, sondern gegen
seine Wiener Schüler (besonders Stekel), die angeblich die Analyse
in den Augen der wissenschaftlichen Welt lächerlich machten.Am gleichen Tage konstituierte sich die Wiener Gruppe als Verein,
Freud schlug Adler zum Obmann, mich als Stellvertreter vor. Freud
begnügte sich mit der Stelle eines wissenschaftlichen Vorsitzenden.Alles schien in bester Ordnung zu sein. Freud war nur beunruhigt,
wir könnten im Zentralblatte gegen ihn Stellung nehmen.Ich hatte mit zwei Verlegern Verhandlungen angeknüpft: Deuticke
in Wien und I. F. Bergmann in Wiesbaden, der meine kleine Schrift
„Dichtung und Neurose“ publiziert und mit mir den Vertrag eines
neuen Buches „Die Sprache des Traumes“ abgeschlossen hatte.Ich weiß nicht, durch wen Freud von dieser Tatsache unterrichtet
wurde. War ich unvorsichtig gewesen, hat er richtig kombiniert, oder
haben es wieder Zuträger mitgeteilt? Ich weiß es nicht. Tatsache
ist, daß er Deuticke aufgesucht hat und ihn mitteilte, er wäre bereit,
die Herausgeberschaft des Blattes anzunehmen, wenn es in seinem
Sinne geführt würde. An Bergmann schrieb er einen Brief des gleichenS.
558
Inhaltes. Bergmann teilte mir diese Tatsache mit und betonte, es
wäre ein großer Vorteil für das zu begründende Blatt, wenn Freud
die Herausgeberschaft übernehmen würde. In diesem Sinne hatte er
Freud geantwortet.Die entscheidende Sitzung fand im Cafe Mendl in der Rotenturm-
straße statt. Wir trafen uns um 9 Uhr abends, Freud eröffnete sofort
die Unterhandlungen: ,,Meine Herren! Ich habe die Fäden in der Hand.
Sowohl Deuticke als Bergmann legen Wert darauf, daß ich als
Herausgeber zeichne. Es hängt von mir ab, ob das Zentralblatt
erscheinen wird oder nicht. Welche Garantien geben Sie mir, daß
das Blatt nicht gegen mich geführt wird?"Adler erwiderte: , Wir haben gar keine Absicht, das Blatt
gegen Sie zu führen. Das Blatt dient der Psychoanalyse. Es ist logisch,
daß es für Sie geführt werden wird.“SchlieBlich einigten wir uns. Freud sollte alle Manuskripte er-
halten. Jeder von uns dreien hat das Vetorecht. Wohlgemerkt!
Jeder von uns dreien! Dies Vetorecht brauchte keine Begründung.
Jede Arbeit wurde allen dreien vorgelegt.Wir waren einig. Allerdings hatte Freud durch geschickte Schach-
züge unsere Absicht durchkreuzt, ein unabhängiges Organ in der Hand
zu haben. 1911 erschien das erste Heft des Zentralblattes. Zum
Zeichen des Friedensschlusses mit Zürich erschienen die Schweizer
alle auf der Liste der offiziellen Mitarbeiter. Freud eröffnete die erste
Nummer mit einem Aufsatze, À dler und ich waren reichlich vertreten.
Das Blatt fand allgemeinen Beifall und die Zahl der Abonnenten
stieg von Nummer zu Nummer.Sonderbarerweise war ich es, gegen dessen Arbeit Freud das erste
Veto einlegte Es war der Aufsatz „Die Verpflichtung des
Namens‘‘, von dem Freud behauptete, er werde böses Blut machen.
Ich veröffentlichte ihn dann in der „Zeitschrift fir Psychotherapie®,
(Herausgeber Moll), Band III, Heft 2, 1911. Ahnlich erging es mir
später mit der Arbeit über den ,,Zweifel“, die in derselben Zeitschrift
(Band IV, Heft 6, 1912) erschien. Ich habe nichts vom bösen Blut
gemerkt.Es war mir immer schwerer gemacht worden, mit Freud zu-
sammenzuarbeiten. Ich hatte schon lange vor Bleuler das Gesetz
der Ambivalenz als „Gesetz der Bipolaritat'" entdeckt. Dieses Gesetz
wurde verlacht und verhóhnt, und Paul Federn gab mir den Spitz-
namen ,,Stekel mit der Bipolarität“. Wie groß war mein Erstaunen,S.
559
als Freud in einer Arbeit „Zur Dynamik der Übertragung" die Ambi-
valenz als großen Fortschritt kennzeichnete. Ich zwang Freud, in
einer Anmerkung meine Priorität zu betonen. Auf Seite 172 des
II. Bandes des Zentralblattes fiir Psychoanalyse findet sich die bezeich-
nende Anmerkung: „Für die gleichen Phänomene hatte W. Stekel
vorher die Bezeichnung ,,Bipolaritãt“ vorgeschlagen." . . . Diese
erzwungene Anmerkung hinderte die Wiener Freudianer nicht, immer
wieder von Ambivalenz zu sprechen und das Verdienst Bleuler
zuzuschreiben, der das Gesetz unabhängig von mir gefunden hatte.
Ieh erzühle diese Kleinigkeit, um die Kleinlichkeit Freuds und seines
Kreises zu beleuchten. Ahnlich erging es mir mit allen neuen Gedanken,
die ich vorbrachte.Meine Situation verschlimmerte sich, als ein neues Mitglied Dr.
Viktor Tausk eingeführt wurde. Der einleitende Vortrag dieses
hochbegabten aber psychopathischen Menschen war eine der pein-
lichsten Szenen, dieich je erlebt habe, Ersprachiiber, Kant, Schopen-
hauer und Freud‘ und wollte die Brücke zwischen Philosophie
und Analyse schlagen. Mitten im Vortrage blieb der erregte Mann
stecken und konnte kein Wort mehr herausbringen. Ich ergriff schlieB-
lich das Wort, um die Situation zu retten und leitete eine Diskussion
über das Gesagte ein. Tausk war von glühendem Ehrgeiz zerfressen.
Er wollte der erste Dozent für Analyse werden. Er war ursprünglich
Richter, hatte seine Karriere seiner Überzeugung geopfert, war dann
Journalist in Berlin und warf sich mit Feuereifer auf die Analyse. Er
wollte nicht als Laie analysieren. Damals war Freud noch absolut
gegen die Laienanalyse. Rank und Reik durften nur theoretisch
arbeiten. Tausk begann Medizin zu studieren und brachte es auch
zum Doktor. Seine vielversprechende Karriere endete leider mit
Selbstmord am Vorabend seines Hochzeitstages.Mich hatte der Mann gehabt und vom ersten Tage an mit bitterem
Hohn verfolgt. Stand ich ihm im Wege? Er rationalisierte, daß er mit
meiner Forschungsweise nicht einverstanden sei So lang er wissen-
sehaftlieh opponierte, ließ ich es mir gefallen. Einmal wurde er per-
sónlich und behauptete, meine Krankengeschichten seien erfunden.)1) Diese Behauptung wird noch heute von vielen Freudianern wiederholt, Ich gestehe, ich würde
stolz sein, wenn es der Fall wäre. Denn ich wire der Dichter, dessen Phantasie und Erfindungsgabe
von keinem anderen übertroffen werden kdnnte und übertroffen wurde. Meine Schüler, denen ich all-
wöchentlich die verschiedenen Fille vortrage und die ich mit Material versorge, wissen, wie groß meine
Erfahrung ist. Im Durchschnitt werden 060—100 Patienten unter meiner Leitung analysiert, wenn
ich alle Schüler und Assistenten in Rechnung stelle, An diesem Material lernen alle, da die interessanten.
Fille allwóchentlich vorgetragen und kontrolliert werden.S.
560
Freud war der Vorsitzende und schwieg zu diesem Angriff. Ich
schrieb ihm einen Zettel folgenden Inhaltes: ,,Wenn Sie mich gegen
Tausk nicht in Schutz nehmen, so melde ich meinen Austritt an.“
Darauf bequemte sich Freud zu einer milden Vermahnung an Tausk,
das Personliche aus dem Spiele zu lassen.Ich hatte gerade mein Werk: Die Sprache des Traumes (1911)
veröffentlicht. Die Traumdeutung von Freud war ein gigantisches
Werk, aber es war nur ein Anfang. Seine Symbolik stak in den Kinder-
schuhen, er hatte die Bedeutung der Todessymbole und der Religiositåt
im Traume nicht erkannt. Mit der „Sprache des Traumes““ vollzog
sich der große Fortschritt der Traumdeutung, der den Analytiker
von den Einfällen des Patienten unabhängig machte. (Merkwürdiger-
weise ist es dieses Buch, das die orthodoxen Freudianer noch heute ihren
Schiilern wårmstens empfehlen. SchlieBlich ist es das einzige Buch,
aus dem man die Traumdeutung lernen kann. Ich halte es heute fiir
veraltet und weit überholt, und müßte es ganz neu schreiben. Ich
habe es gekürzt und etwas verbessert in zweiter Auflage erscheinen
lassen, beabsichtige aber einen neuen Band „Fortschritte der Traum-
deutung‘ zu schreiben.)Die Diskussion über dieses Buch bleibt mir unvergeBlich. Einer
der Herren nach dem anderen wies mir nach, wie oberflichlich und
unmöglich das Werk wäre. Tausk sprach fast eine Stunde über die
grammatikalischen Fehler der Vorrede. Freud wies mir nach, daß
ich dreimal die Präpositionen auf und am (meine grammatikalische
Achillesferse) verwechselt hätte, So ging es in dieser Tonart weiter.
Nur Adler, der sich mit mir solidarisch fühlte, sprach anerkennende
Worte über die geleistete Arbeit.Ich nahm die Sache von der humoristischen Seite. Ich hatte
meine Erfahrungen und hatte nichts anderes erwartet. Ich habe Freud
immer erbleichen und nervös werden gesehen, wenn einer seiner Schüler
einen eigenen Gedanken auszusprechen wagte. Er selbst gestand
mir in einer schwachen Stunde: ,,Ich verhalte mich ablehnend gegen
alles Neue und brauche eine Latenzzeit, um diese Abneigung zu über-
winden und mich mit dem Neuen zu befreunden.“ Ich will auch der
Wahrheit gerecht werden und zugeben, daB Freud stillsehweigend
nach dieser Debatte fast alles angenommen hat, was er in der denk-
würdigen Sitzung abgelehnt hatte. (Todessymbolik.) Freilich nahm
er vieles so an, daß es den Anschein hatte, es wäre seine Entdeckung
und vermied es; meinen Namen dabei zu nennen. Nun zurück zu dieserS.
561
Debatte. Ich hielt cine Rede, die ich wörtlich in Erinnerung
habe:Meine Herren! Ein Baumeister hatte einen massiven Bau zu-
stande gebracht, an dem er jahrelang gearbeitet hatte. Er war glücklich
über die prunkvolle Fassade, über die veschmackvoll eingerichteten
Räume, über die praktische Einteilung usw. Er glaubte, das Recht
zu haben, auf seine Leistung stolz zu sein, und lud seine Kollegen ein,
den Bau zu besichtigen und ihr Urteil abzugeben. Sie kamen alle
vollzählig, untersuchten den Bau sehr genau, betrachteten ihn von
allen Seiten, schwiegen, bis einer entdeckte, daß ein Abort kein Fenster
hatte."„Nachdem sie alles besichtigt hatten, fragte sie der Baumeister
um ihr Urteil.“„Fin Abort hat kein Fenster, sagte der eine.
„Sie haben vergessen, den einen Abort zu ventilieren^ sagte der
zweite.Und so ging es fort. Sie sprachen stundenlang nur von dem
schlecht ventilierten Abort., Meine Herren”, rief der Baumeister aus, „sprechen Sie doch
über die prunkvolle Fassade, über die Kinteilung und die Ausschmückung
der Räume!“„Der Abort ist verpfuscht!" ertónte eine Stimme.
„Und das neuartige Stiegenhaus, die Gliederung der einzelnen
Teile, die Verbindung der Motive" — 一— „Der Abort ist schlecht ventiliert.“
Und so ging es fort. Er hórte keine andere Kritik, als die sich
mit dem Aborte beschäftigte.„Meine Herren! Ich habe dieser Erzählung nichts hinzuzufügen.“
por
Hh - 。 - —— — ——
Ich verließ den Saal und dachte über die menschliche Kleinlichkeit
und Rachsucht nach.Adler war weitersehend. Er meinte immer: „Das geht gar nicht
gegen Sie. Das geht gegen mich!“Er schien mir im Unrecht zu sein. Denn Freud tiberbot sich in
Liebenswiirdigkeit Adler gegenüber, er sehmeichelte ihm und trachtete
ihn gänzlich für sich zu gewinnen. Adler nannte ihn einen ,,Seelen-
finger“ und traute ihm nicht. Adler wurde schließlich aufgefordert,
seine Lehre eingehend auseinanderzusetzen. Er hatte damals seinenFortschritte der Sexualwissenschaft II, 36
S.
562
„männlichen Protest" gefunden und glaubte damit den Schlüssel
zum Verständnis der Neurosen zu besitzen. Allerdings war der männ-
liche Protest damals noch nicht asexualisiert.„Wir wollen alle lernen!‘ sagte Freud. „Tragen Sie uns Ihre
Lehre vor!“Adler war damals unendlich glücklich und selbstbewußt. An drei
Abenden wollte er nur über seine neuen Ånsichten sprechen. Dann
sollte über seine Lehre diskutiert werden. Ein Monat der Lehre Adlers
gewidmet! Das war etwas Neues in den Annalen der analytischen
Sitzungen, in denen nur über Freud und über das, was sich auf
Freud bezog, gesprochen wurde,Adler war diesmal nicht skeptisch und glaubte an eine Wandlung
Freuds. Endlich wollte der Meister etwas Neues annehmen, seine
Lehre korrigieren und erweitern lassen. Wir hatten viele Besprechungen,
aber ahnten beide nicht, welches Gewitter sich vorbereitete.Adler sprach an drei Abenden und entwickelte seine Ansichten,
die er später im „Nervösen Charakter” niedergelegt hat. (Notabene:
Ich hatte ihm geraten, ein solches Buch zu schreiben und den Abschluß
des Vertrages bei Bergmann vermittelt.) Endlich am vierten Abend
kam es zur Diskussion. Da bemerkten wir, daß wir einer fórmlichen
Verschwörung gegeniiberstanden. Den Reigen eröffnete Reitler.
Er hatte seine Antwort vorbereitet und las sie aus einem Manuskripte
vor. Er kam zum Schlusse, daB das Neue Adlers schon alt, und das
wirklich Neue wertlos sel. Nach ihm sprach Rosenstein im gleichen
Sinne. Und so ging es fort, eine Verurteilung und Ablehnung nach der
anderen. Ich weiB nicht, ob das nun folgende am gleichen oder am
nåchsten Abende sich ereignet hat. Auch Freud kam zu Worte und
lehnte in energischer und etwas bissiger Weise alle Neuerungen Adlers
ab. Er war sichtlich sehr erregt und man merkte, daß er sich gründlich
vorbereitet hatte.Finige Anhänger Adlers sprachen fiir ihn, auch ich verteilte
Lob und Tadel, wie mir schien, in gerechter Weise.Nun kam die Uberraschung.
Dr. Maximilian Steiner ergriff das Wort. Die Lehren Adlers
seien keine Analyse mehr. Adler sei ein Gegner Freuds, und gehöre
nicht in den Verein. Das also war des Pudels Kern! Adler sollte aus
dem Vereine ausgestoDen werden!Die endgültige Entscheidung wurde auf die nächste Sitzung ver-
legt. Sie fand in einem Kaffeehause (Café Arkaden), in einem ärzt-S.
563
lichen Klublokale statt. Die Stimmung war sehr erregt. Ich trat
energisch für Adler und für die Freiheit der Forschung ein. Aber ich
und die Adlerianer wurden überstimmt. Adler verließ mit seinen An-
hängern den Saal. (Seine Anhänger waren durchwegs Sozialisten,
Parteigenossen. Soweit ich mich erinnere: Furtmiiller, Prof. Oppen-
heim, die Brüder Grüner u. a., es mögen acht oder zehn gewesen sein.)Mein erster Impuls war mitzugehen. Aber ich hatte gerade einen
Schritt getan, der mir den Austritt erschwerte. Ich hatte die allgemeine
Praxis aufgegeben und mich als Spezialarzt für Analyse niedergelassen.
Freud hatte mir seine Unterstützung versprochen. Ich war wieder
von ihm abhängig, und das wußte er ganz genau.Auch war es mir schwer, das von mir begründete Zentralblatt
im Stich zu lassen. Ich blieb — und Freud überhäufte mich eine
Zeitlang mit Liebenswürdigkeiten. In einer Sitzung, die nach dem
Austritt Adlers stattfand, erklärte er, Adler sei ein Paranoiker. Dies
war die Lieblingsdiagnose von Freud, er hat sie auch an einem anderen,
bedeutsamen Freunde gestellt, von dem er sich getrennt hatte. Sofort
fanden sich im Chore Sklavennaturen, die dieser lächerlichen Diagnose
begeistert zustimmten und verschiedene Züge berichteten, die diese
Diagnose bestätigen sollten.Freud trieb mit mir deutlich Seelenfångerei. Er erklärte, warum
er Adler und nicht Stekel zum Präsidenten der Wiener Gruppe
vorgeschlagen habe. Er wußte, daß Stekel nicht so empfindlich und
nicht so ehrgeizig sei. Stekel würde sich nichts daraus machen, der
Zweite zu sein.Mir sagte er: „Ich habe einen Großen neben mir übersehen und
einen Kleinen groß gemacht. Ein einziges Symbol, das Sie entdeckt
haben, hat für die Analyse mehr Wert, als die müßigen Spekulationen
von Adler.‘Aus Karlsbad sandte er mir eine kostbare Achatschale, die ich noch
heute besitze, und schrieb in einem Briefe: „Ich wüßte nicht, was
uns je trennen sollte . . .“Er ahnte wohl schon damals, daß er mich abstoBen werde, wie
er es mit Adler getan.Ich komme zum wichtigsten Punkte — zu meiner Trennung von
Freud. Freud schreibt dariiber in seiner Geschichte der analytischen
Bewegung: „Von der dritten Nummer des zweiten Jahrganges
(Winter 1912) ist Stekel fiir den Inhalt des Blattes allein verantwort-36%
S.
564
lich geworden. Sein in der Öffentlichkeit schwer darstellbares Verhalten
hatte mich genötigt, die Herausgeberschaft niederzulegen.“Warum in der Öffentlichkeit schwer darstellbar? Solche geheimnis-
volle Andeutungen grenzen an Herabwürdigung und Verleumdung,
da sich jedermann darunter vorstellen kann, ich hätte silberne Löffel
gestohlen, wie Wittels in seinem Buche über Freud treffend bemerkt.Hier umgeht Freud die Wahrheit, ebenso wie auf der vorherigen
Seite desselben Aufsatzes, in dem er betont, ,,daB sich Dr. Alfred Adler
wegen wissenschaftlicher Differenzen mit dem Herausgeber entschlossen
hat, freiwillig (sic!) aus der Redaktion auszuscheiden.‘Freud behauptet auch in diesem Aufsatze, er sei nicht in einem
wirksamen Ausmaße rachsiichtig. Ich muß hier leider das Gegenteil
behaupten. Ich habe im Leben keinem zweiten Manne von dieser
geistigen Größe begegnet, der in solchem pathologischen Ausmaße
rachsüchtig war. Mich hat er verfolgt und geschmäht, mir in klein-
licher Weise zu schaden versucht, mich in der Öffentlichkeit „Ver-
wahrlost" genannt, was allerdings für mich ein Ehrentitel geworden
ist. Denn es stiinde gut um die analytische Wissenschaft, wenn Freud
in seinem Kreise ein Dutzend soleher verwahrloster Schiiler aufzuweisen
hätte! Mit Rücksicht auf die Größe meiner wissenschaftlichen Leistung,
auf die ich mit Genugtuung zuriickblicke, kann ich mir den Vorwort
gefallen lassen. Aber er zeigt von grenzenloser Undankbarkeit, Denn
Freud weiß ganz gut, daß die Mehrzahl der praktischen Ärzte über
Stekel zu Freud kommen, wenn sie nicht bei Stekel stehen bleiben,
was für die analytische Praxis entschieden vorteilhafter ist, Freud ist
der geniale Theoretiker, ich bin der Praktiker, Freud ist der meta-
psychologische Philosoph, ich bin der nüchterne Beobachter, der aus
klinisch beobachteten Fällen seine zwingenden Schlüsse zieht.Nun einige historische Daten. April 1911 fand die Diskussion
über mein Buch „Die Sprache des Traumes" statt. September 1911
war der ITT. psychoanalytische Kongreß in Weimar. Adler und sein
Anhang fehlten. Ich ließ eine Festnummer des Zentralblattes mit
dem Bildnis von Freud erscheinen. Am Kongreß war noch alles eitel
Friede und Einigkeit. Ich hatte keinen Vortrag angemeldet. Wozu
sich wieder einer lächerlichen Diskussion aussetzen mit Menschen,
die einem übel gesinnt waren? Bleuler sprach über die Theorie des:
Autismus, Jung über Beiträge zur Symbolik, Bjerre über einen
geheilten Fall von Paranoia und Freud über „Nachträge zur Analyse
Schrebers*'.S.
565
In diesem Vortrag wurde über ein Wahnsystem von Schreber
gesprochen. Er sei ein Adler, und nur Adler dürften ungestraft in die
Sonne schauen. Ich erregte nicht endenwollende Lachstiirme, als
ich über die Wahl des Themas einige Bemerkungen machte. Auch
Freud habe in Wien einen Adler, der es gewagt habe, ungestraft
in die Sonne Freud zu blicken.Diese Bemerkung traf den Nagel auf den Kopf. Freud hatte
den Abfall von Adler viel zu leicht genommen. Adler wurde ein
furchtbarer Gegner. Dadurch, daß er die Sexualität aus seinem Lehr-
gebäude ausschloB und alles auf den gekrünkten Ehrgeiz stellte, gewann
er alle Menschen fiir sich, denen die Freud lehre aus persönlichen
Griinden unangenehm war. Bekanntlich haben die meisten Menschen
für ihre Sexualität ein psychisches Skotom. Für diese Art von Seelen-
blinden war Freud eine ewige Gefahr und Adler eine Erlösung.Adler richte sich bitter für seine Demiitigung. Fr nahm den
Kampf mit Freud auf, deckte die Schwiichen seines Systems mit
unbarmherziger Schirfe auf, baute den Willen zur Macht zu einem
neuen System aus. Er verzichtete auf die Ehre, ein ,,Psychoanalytiker
zu sein, und taufte seine Lehre ,,Individualpsychologie“. In Wahrheit
kann man bei Adler von einer Individualpsychologie nicht sprechen.
Alle Seelen- und Geisteskrankheiten werden auf eine und dieselbe
Ursache zurückgeführt. Als ,,Sozialpsychologie“ haben seine Lehren
gewiß Geltung und bilden eine wertvolle Ergänzung der Freudschen
Theorien und Hypothesen.Wie dem auch sein mag, Freud hätte aus dem Erfolg von Adler
lernen können, wie gefährlich es ist, begabte Schüler in die Opposition
zu drängen. Da er aber seinem eigenen Geständnisse nach das dringende
Bedürfnis hat, einen Feind zu haben, so schafft er sich Feinde, wenn
er zuviel Anerkennung findet. Es ist, als ob er nur in einer Atmo-
sphäre des Kampfes leben könnte. Kr fühlt sich nur im Kanonen-
donner und Pulverdampf wohl.Ich fühlte schon in Weimar, daß sich etwas gegen mich vorbereitete.
Es war das erstemal, daß ich keinen Vortrag hielt und mich nur lebhaft
an Diskussionen beteiligte, wobei es mir Freude machte, die Blößen
meiner versteckten Gegner bloßzulegen und in die eintönigen Vorträge
etwas Leben zu bringen.In Wien sollte die Eiterblase platzen. Freud wiederholte oft,
wie schwer sein Standpunkt sei, er müsse mich gegen die Schweizer
in Schutz nehmen. Die Behauptungen, ich schädige die Analyse undS.
566
mache sie lächerlich, nåhmen kein Ende. Aber ich hatte eine furcht-
bare Waffe in der Hand: das Zentralblatt. Ich referierte mit großem
Fleiße und immer objektiv. Diese Waffe sollte mir entwunden werden.Die Angriffe von Tausk wurden immer heftiger. Ich merkte
bald, daß sie nicht von Tausk, sondern von Freud ausgingen, und
daß Tausk nur der Sturmbock war, den Freud benützte, um die Festung
»Stekel** zu erschüttern.Man erinnert sich, daß wir uns gegenseitig das Recht des Vetos
eingeräumt hatten. Es war selbstverstindlich, daß ich keine Arbeit
von Tausk akzeptieren konnte. (Er hatte damals auch keine ge-
schrieben und auch nieht den Versuch, eine zu Schreiben, gemacht.)
Aber er steckte wohl Freud den Plan zu, daB man die Referate nach
bestimmten Gesichtspunkten an ständige Referenten verteilen sollte.
Das Jahrbuch war die Domäne von Jung. Im Zentralblatt konnte
ich seine Arbeiten kritisieren (was ich nie getan habe). Aber dieser
Möglichkeit sollte vorgebeugt werden. Freud stellte eines Tages
den Antrag, sämtliche Referate über das Jahrbuch und die analytische
Literatur Tausk zu übergeben. Tausk hätte also die Möglichkeit
mich in meinem eigenen Blatte zu kritisieren. Wie diese Kritik aus-
fallen würde, darüber war ich mir nicht im Zweifel.Aber Freud war es ja nur darum zu tun, mich zu demiitigen
und seine Macht fühlen zu lassen. Er hätte ja Fe dern, Hitschmann
oder andere Analytiker nominieren können, gegen die ich E.
Einwendungen erhoben hatte. Denn ich war zuviel selbstschaffender
Geist, um die Kleinarbeit der Referate für mich allein zu reklamieren.Ich ließ Freud verständigen (durch Dr. Jekels), daß ich diesen
Antrag als Kriegserklirung auffassen miisse. Teh kónnte memals
zugeben, daß Tausk sich in dem von mir gegründeten und geleiteten
Blatte breitmachen könne. Ich schlug ihm vor, einen anderen Re-
ferenten zu nominieren, wenn er mir nicht die Wahl des Referenten
überlassen wolle.Ich ließ Freud wissen, daß er zwischen Tausk und mir zu wählen
habe. Man muß den namenlosen Stolz und Eigensinn von Freud
kennen, um zu wissen, daß er unabänderlich meine volle Unterwerfung
unter seinen Willen verlangte.Er rechnete damit, daß ich meine glänzende Praxis aufgegeben
hatte und auf seine Hilfe angewiesen war. Er baute auf mein Entgegen-
kommen und hielt mich für schwächer, als ich war.S.
567
Tch hatte mittlerweile vom Verleger Bergmann die Versicherung
erhalten, daß er im Falle einer Trennung von Freud und Stekel
mir die Leitung des Zentralblattes iiberlassen wiirde. Bergmann
war über die Gründung der , Imago tief verstimmt und hatte ver-
geblich versucht, das Erscheinen einer Konkurrenzzeitschrift zu ver-
hindern. Wir hätten gerne den Raum vermehrt und der „angewandten
Seelenkunde“ genügend Spielraum gelassen.Es war wieder ein Sonntag, an dem ich Freud meinen Abschieds-
besuch machte. Ich sagte ihm prophetische Worte: , Ich weiß, daß
ich Jung geopfert werde. Der nächste, der von Ihnen abfallen wird,
wird Jung sein. Sie haben einen treuen Anhänger verstoßen, und
an den Menschen, an die Sie jetzt glauben, werden Sie krassen Undank
erleben.“Freud: ,,Es ist möglich, daß Sie recht haben. Ich bin vor X. mehr-
fach gewarnt worden. Aber ich habe offene Augen.“
So schieden wir. Es war das letztemal, daf ich Freud gesprochen
habe.
Nun kam das große Ereignis, die Demütigung, die mir Freud
nie verziehen hat. Er schrieb an Bergmann, er solle zwischen uns
beiden wählen, und Bergmann entschied sich fiir mich. Auch
Deuticke wollte nichts von einem neuen Zentralblatt wissen.Freud war genötigt, schließlich die „Internationale Zeitschrift
für Psychoanalyse" bei seinem Vereinsmitgliede Heller herauszugeben.Das ist der geheimnisvolle Vorgang meiner Trennung von Freud,
der sieh vor der Öffentlichkeit angeblich schwer darstellen lift. Er
ist freilich so kleinlich, daB ich selbst mich geschåmt habe, ihn mit-
zuteilen. Das heißt die Veranlassungen sind kleinlich. Aber was steckt
dahinter? Der Despotismus und Papismus eines Forschers, der selbst
so viel Anfeindung und Ablehnung erfahren hat, daß er die Freiheit
der individuellen Forschung über alles stellen sollte.Freud beliebt es, sieh als versóhnliehsten aller Menschen dar-
zustellen, und verweist auf die groBe Zahl der Schüler, die ihm geblieben
sind. Er zihlt die Namen auf: Eitingon, Ferenczi, Rank, Jones,
Brill, Sachs, Pfister, van Emden, Reik.Davon sind vier Laien! Und was bedeuten diese Namen gegen
Jung, Stekel, Adler?In dieser Liste fehlen gerade die bedeutenden Schüler, die es
gewagt haben, eigene Gedanken auszusprechen. Ich verweise nur
auf Professor Paul Schilder, der an der Wiener Universitit VorlesungenS.
568
über Psychoanalyse hilt, ich verweise weiter auf Pó tz] und viele andere.
Was ist Eitingon gegen Schilder ?Wie sieht aber die Liste der Freunde aus, die Freud im Laufe
der Jahre verloren hat? Würde er sich nicht geschimt haben und
hätte er nicht das Bedürfnis, der Welt zu zeigen, daß er bedeutende
Schüler halten kann, die ihm treu bleiben, er würde noch ein Dutzend
in die analytische Verbannung gejagt haben.Lassen wir seine Freunde und Mitarbeiter, die er verloren hat,
Revue passieren. Da ist zuerst Dr. Josef Breuer, der Entdecker
der Analyse, dem Freud seinen ganzen Lebensweg und seinen Ruhm
zu verdanken hat. (Man lese dariiber die Selbstbiographie von Freud
nach.) Wir Schüler wunderten uns, daß Freud den Verkehr mit Breuer
gänzlich abgebrochen hatte. Einmal — es war nach dem Rücktritt
von Adler — fragte ich ihn nach den Gründen des Zerwürfnisses.Die Darstellung von Freud verblüffte mich. Breuer hatte ihm
auf dem Wege der Sexualität nicht folgen wollen. Sie hatten oft darüber
diskutiert, aber Breuer ließ sich nicht überzeugen. Dozent Freud
hielt in jener Zeit einen Vortrag „Uber die Ätiologie der Neurosen'*
im Wiener med. Doktorenkollegium. Nach dem Vortrage beteiligte
sich Breuer an der Diskussion. Er machte die Versammlung auf
die Bedeutung der Mitteilungen aufmerksam. Man stünde an der Wiege
einer neuen Wissenschaft, von der die Welt noch mehr erfahren werde.Auf dem Heimwege sagte Freud zu Breuer: „Wie kommt es,
daf du hier so anerkennend gesprochen hast, wührend du mich sonst
bekämpfst ?Breuer: „Ich wollte dir nützen und dich beschützen!‘
Freud: „Es war also nicht deine Überzeugung? Dann will ich
mit dir nichts mehr zu tun haben . . .“Er kehrte ihm den Rücken und ging.
Und seit damals Abbruch aller Beziehungen! War je in solcher
Laun' ein Freund verloren?! Und hiitte Freud, wenn er versóhnlich
gewesen wäre, nicht später den Weg zu Breuer finden können? Hätte
er nieht als Analytiker erkennen müssen, daß Breuer damals noch
geschwankt hatte und im Affekte offen für Freud eintrat, weil sein
» Es“ es ihm geboten hat?Ist das ein Grund, einen Mann durch einige Jahrzehnte zu meiden
und nicht die Hand zur Versöhnung auszustrecken?Ich überlasse das Urteil der Offentlichkeit. |
Nun zum Fall FlieB. Wilhelm FlieB, der namhafte Berliner
S.
569
Forscher, war der intimste Freund von Freud. Ihre Freundschaft
war so groß, daß sie z. B. Osterferien benützten, um sich in Prag zu
treffen. (Flief wirkte in Berlin und Freud in Wien.) FlieB war es,
der Freud auf das gesetzmäBige Vorhandensein der Bisexualitåt auf-
merksam gemacht hatte. Freud hat es uns selbst im analytischen
Zirkel erzählt, ehe er noch mit 1116 В gebrochen hatte.Dann kam die unangenehme Plagiatgeschichte FlieB- Weiniger-
Swoboda. FlieB beschuldigte Freud, er habe Weiniger das
Gesetz der Bisexualitåt, Swoboda das Vorhandensein der Perioden
mitgeteilt.Weiniger und Swoboda haben ihre eigenen Werte und haben
es nicht nötig, von Fremden Anleihen zu machen. Ich will nicht unter-
suchen, ob ein Plagiat vorliegt. Ich habe mich wiederholt gegen diese
Annahme ausgesprochen. Die Idee der Bisexualitit war lange vor
FlieB bekannt, und Swoboda hat seine Periodenlehre unabhängig
von Fließ entdeckt und bewiesen, hat übrigens Fließ zitiert und
auf seine. Forschungen aufmerksam gemacht.Auch diesen Freund hat Freud verloren. Selbstverstindlich
stelltd er die Diagnose, mit der er schnell bei der Hand war: Paranoia.
Alsoffiaekter Verfolgungswahn. Hätte ein anderer Mann seinen einzigen
treuen und kongenialen Freund so leichten Sinnes geopfert ?Nun sollte ich über den Abfall von Jung und Bleuer sprechen.
Ich habe ihn nieht persónlich mitgemacht und móchte mich nicht
auf zweifelhafte Zeugen berufen. Jungs , Wandlungen der Libido
waren zu groß angelegt, um vom Meister widerspruchslos angenommen
werden zu kónnen. Der Libido-Begriff Freuds wandelte sich in Jungs
Händen zu einer Kraft um, die man ebensogut Energie wie Libido
hätte nennen können. Aber Jung glinzte durch enorme Belesenheit
und ethnographisches Wissen. Als Freud in unserem Kreise über
„Totem und Tabu" sprach, wußte ich gleich, daB das Duell Freud-
Jung begonnen hatte. Auf dem Kongreß in München kam es zur
Spaltung. Wien und Zürich lagen sich in den Haaren. Näheres über
die wissenschaftlichen Differenzen kann man bei Freud nachlesen.
Ich glaube mehr an persónliche Rivalitit als an diese sogenannten
wissenschaftlichen Differenzen. Jung war es müde, ewig den Kron:
prinzen zu spielen, wobei noch in Betracht zu ziehen ist, daß andere
Rivalen mächtig emporwuchsen.Was zwischen Bleuer und Freud vorgefallen ist, das entzieht
sich meiner Beurteilung und Kenntnis, Tatsache ist, daß beide genialenS.
570
Männer gänzlich auseinandergekommen sind, die gemeinsam hätten
einander befruchten können.Ich will nicht unerwähnt lassen, daß eines unserer ältesten Mit-
glieder, der geistreiche Max Kahane, auch in Feindschaft mit Freud
geriet. Ich habe Kahane nie um den Grund gefragt. Aber die Art
und Weise, wie er über Freud gesprochen hat, läßt sich hier unmöglich
wiedergeben. Nicht, daß er seine wissenschaftliche Bedeutung je
bezweifelt hätte, er sprach nur über die Art und Weise, wie Freud
mit seinen Freunden umsprang, zu denen sich Kahane zählen durfte.Ich glaube, diese Liste genügt. Sie ließe sich vielleicht noch ver-
mehren. Viele Schüler Freuds haben das Glück, daß sie ferne von dem
Meister leben und seine Empfindlichkeit zu schonen wissen. Leicht
dürfte es ihnen nicht fallen. Schon wieder sollen einige Zweige abgesägt
werden, sollen Schüler in Ungnade gefallen sein.Ich befinde mich also in guter Gesellschaft. Ich bin kein Ausnahms-
fall. Vielleicht doch ein Ausnahmsfall, wenn ich bedenke, mit welchem
unversöhnlichen Hasse mich Freud bedacht hat. Die Schmähung in
seinen Schriften habe ich schon erwähnt. Dazu kam, daß ich nicht
zitiert werden durfte. Anathema sit! Alles, was ich gefunden habe,
war Freigut oder wurde Freud zugeschrieben. Dafür könnte ich
unzählige Beweise erbringen. Ich will mich nicht in Kleinigkeiten
verlieren. Freud selbst leistete sich an einer Stelle die Bemerkung:
„Bo ungern ich es tue, so muß ich hier Stekel zitieren. Analytiker,
die zu mir hielten und mit mir verkehrten, wurden in Acht und Bann
getan, oder fielen in tiefe Ungnade. (Ein Beispiel der geniale Herbert
Silberer.!)Als ich in New-York mit Tannenbaum eine analytische Zeit-
schrift „Psyche and Eros" gründen wollte, schrieb Freud an
Tannenbaum, ich sei „a terrible man". Auch bezeichnete er mich
oft als seinen ärgsten Feind,Nun frage ich: Wie kommt Freud dazu, mich als seinen ärgsten
Feind zu bezeichnen? Hat ein anderer Arzt der Analyse so viel genützt
wie ich? Hat einer diese Propaganda fiir die Analyse entfaltet? Hat
einer sich so viel Miihe gegeben, die Fruchtbarkeit und Bedeutung
der Analyse zu beweisen? Hat einer den Mut gehabt, mit allen seinen
Beobachtungen vor die Offentlichkeit zu treten und zu beweisen:
Diesen Fortschritt verdanken wir Freud? Man zeige mir eine Stelle
in den „Störungen des Trieb- und Affektlebens“, in der ich Freud1) Siehe meines Nachruf an Silberer im Band I dieses Jahrbuches!
S.
571
herabsetze. Ich widerspreche ihm, ich bekåmpfe ihn, aber ich aner-
kenne immer seine überragende Bedeutung. Ich weil den Menschen
von dem Forscher Freud zu trennen. Es ist die Tragik Freuds, daB
er selbst nie analysiert wurde. Er hätte es ebenso nötig gehabt, wie
viele seiner Schüler.Die Größe eines Menschen mißt sich nicht nur an seiner geistigen
Begabung, sie miBt sich auch an der Fähigkeit, sich zu erkennen,
Fehler einzusehen, sich zu verbessern, zu verzeihen und — vergessen
zu können. Freud kann nicht vergessen. Er gleicht darin seinem
Gotte, dem ziirnenden Jehova, der die siindige Rotte Korah in die
Erde versinken låBt und sein bestes Kind Hiob in tiefstes Elend stürzt,
um seine Treue und seinen Glauben zu erproben. Aber nicht jeder ist
geboren, zu leiden und Gott zu preisen wie Hiob, und die analytische
Rotte Korah ist nur in eine Versenkung gesunken, um desto höher
emporzusteigen.Ich will mich nicht mit Freud messen. Ich habe es mir nie an-
gemaBt. Ich will nur Gerechtigkeit. Ich habe viel von Freud be-
kommen. Ich habe ihm ebensoviel, wenn nicht mehr gegeben. Wir
konnten quitt sein. Jedenfalls hat mein Abgang dem analytischen
Kreis um Freud nicht gut getan. Man sehe sich die letzten Publikationen
an, metaphysische und metapsychologische Spekulationen, endlose
Phantasien über den Kastrationskomplex, und vergleiche damit meine
„Störungen‘‘. Dort ist Spekulation, hier klinische Arbeit.Aber ich verlange strenge Objektivität. Ich lasse mich nicht um
die Früchte eines emsigen, der Arbeit gewidmeten Lebens bringen.
Ich verweise nur auf die Frage des Ideal-Ich. Jahrelang habe ich auf
die moralische Tendenz im Menschen hingewiesen, jahrelang hat
Silberer von der anagogischen Tendenz gesprochen. 1913 ist meine
Arbeit über den Fetischismus erschienen, in der ich auf das religiöse
Ich, auf die verdrängte Moral aufmerksam machte. In der Geschlechts-
kälte der Frau, in der Impotenz des Mannes (Band IV) wird hingewiesen,
wie das geheime ethische Ideal den Menschen und sein Handeln de-
terminiert. Nun kommt Freud und schreibt in seinem Buche „Das
Ich und das Es“: ,,Dabei rühren sie an Dinge, die bisher noch nicht
Gegenstand der psychoanalytischen Betrachtung gewesen sind (?),
und können es nicht vermeiden, manche Theorien zu streifen, die
von Nichtanalytikern oder ehemaligen Analytikern auf ihrem Rückzug
von der Analyse aufgestellt wurden. Ich bin sonst immer bereit gewesen,
meine Verbindlichkeiten gegen andere Arbeiter anzuerkennen (2), fühleS.
er
mich aber in diesem Falle durch keine solche Dankesschuld belastet.
Wenn die Psychoanalyse gewisse Dinge bisher nicht gewiirdigt hat,
so geschah es nie darum, weil sie deren Leistung übersehen hatte oder
deren Bedeutung verringern wollte, sondern weil sie einen bestimmten
Weg verfolgt, der noch nicht so weit geführt hatte. Und endlich,
wenn sie dahin gekommen ist, erscheinen ihr auch die
Dinge anders als den anderen.”Das mögen stolze Worte sein, aber sie entsprechen nicht dem
wissenschaftlichen Brauche, Ich zitiere meinen erbittertsten Gegner,
wenn ich etwas bei ihm gelernt habe. Freud ist sonst so empfindlich,
wenn er nicht genannt wird. Die analytischen Arbeiten wirken geradezu
lächerlich durch den unaufhorlichen Kotau vor Freud. „Freud hat
gesagt‘ — das klingt schon wie das Bibelzitat eines Predigers. Aber ich
erinnere mich an eine kleine Episode. Ich hatte im „Berliner Zeitgeist“
einen Aufsatz „Überwertige Ideen" veröffentlicht und dabei Wernicke
zitiert, Freud las den Artikel mit großem Interesse und sagte mir am
Schlusse etwas boshaft: ,,Sie beliebten, mich vergessen zu haben!“Wie oft hätte ich das Freud und seinen Schülern zurufen können.
Aber ich hasse die kleinlichen Prioritätsstreitigkeiten. Ideen liegen
in der Luft. Ich bin überzeugt, daß die Welt einen anderen Freud
geboren hätte, wenn dieser nicht gelebt hätte. Nietzsche und
Schopenhauer haben alles vorher gesagt, was Freud nachher aus-
gesprochen hat. Ist jemandem eingefallen, Freud des Plagiates zu
besehuldigen ? Nein. Aber Nietzsche sprach auch ein köstliches
Wort: „Man dient einem Lehrer schlecht, wenn man nicht über ihn
hinauswächst“. Ich war nie so unbescheiden, zu behaupten, daß ich
das geistige Format eines Freud habe. Ich habe den Vergleich gebraucht,
ein Zwerg auf den Schultern des Riesen sieht weiter als der Riese.
Damit habe ich meine Bedeutung eher heruntergesetzt.Aber ich möchte nach meinen Erfahrungen keinem Menschen
raten, mit Riesen zu verkehren. Sie sind nicht nur im Märchen
Menschenfresser. Und ein Genie wirkt am besten in der Ferne, wenn
man seine kleinen Schwächen nicht beobachten und belächeln
kann. Freud hat einen schönen Aufsatz über den ,,Gegensinn der
Urworte" geschrieben. Es gab eine Zeit, wo groß auch klein bedeutete,
und ein Riese und ein Zwerg den gleichen Ausdruck fanden. Heißt
das nicht, daß jeder Riese ein Zwerg und jeder Zwerg ein Riese ist?
Ach — es kommt alles darauf an, wie man etwas ansieht. Ich hätte
Freud immer nur mit den Augen der Liebe gesehen, wenn er michS.
573
nicht gezwungen hätte, mich zu erinnern . . . Der Meister, der die
Verdrängung gefunden hat, sollte doch wissen, daß auch ,,verdrängte
Schiiler als Konversionssymptom wiederkehren. Sie werden Kon-
vertiten. Ich war es nie. Ich schmeichle mir, der einzige
wirkliche Freudianer zu sein. Ich vertrete jetzt Freud viel
besser, als er es selbst tut. Das hoffe ich, wird einmal die Nachwelt
von mir sagen. Schon heute kann ich mit Stolz sagen, daß ich die Mehr-
zahl der Ärzte auf meiner Seite habe. Die Organisation der ärztlichen
unabhängigen Analytiker, erst zwei Jahre alt, umfaßt mehr Ärzte
als die alte Organisation der Freudianer. Von den 41 Mitgliedern der
Wiener analytischen Vereinigung sind 13 (!) Laien!In der Selbstbiographie schreibt Freud iiber die Laienanalyse:
„Es ist nicht mehr möglich, die Ausübung der Psycho-
analyse den Arzten vorzubehalten und die Laien von ihr
auszuschließen. In der Tat ist der Arzt, der nicht eine
besondere Ausbildung erfahren hat, trotz seines Diplomes
ein Laie in der Analyse, und der Nichtarzt kann bei ent-
sprechender Vorbereitung und gelegentlicher Anlehnung
an einen Arzt auch die Aufgaben der analytischen Behand-
lung von Neurosen erfüllen."Ich muß feierlich gegen diese Behauptungen protestieren. Die
Analyse eines Arztes ohne analytische Vorbildung ist nicht so gefährlich
wie die Analyse eines Laien ohne ärztliche Vorbildung. Der Laie kann
leicht ein lebensbedrohendes Symptom iibersehen. Nehmen wir den
Fall, daß ein Patient mit einer ,,Darmneurose* über Leibschmerzen
klagt. Dieser Schmerz ist das erste Symptom einer Appendizitis.
Der Laie iibersieht das Symptom, und die lebensrettende Operation
wird zu spit gemacht! Solcher Möglichkeiten gibt es tausende. Schickt
aber der Laie den Patienten zum Arzt, so kann der Arzt übersehen,
daß es sich um ein parapathisches Symptom handelt, und den Patienten
überflüssigerweise operieren lassen. Auf jeden Fall verliert der Analy-
tiker seine Autoritåt. Eine gelegentliche Beaufsichtigung durch einen
Arzt ist ein Unding und unmöglich. Ein ständiges Arbeiten neben
einem Arzt, der die Fille immer wieder kontrolliert und dem tåglich
berichtet wird, also eine Beschäftigung als Heilgehilfe ist möglich.Aber Freud spricht pro domo. Er will seinen besten Schülern,
den Laien: Rank, Reich, Sachs, Aichhorn, Lou-Andreas-
Salome, Bernfeld und vielleicht auch seiner Tochter Anna Freud
als Testament die venia Analysandi geben.S.
574
Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, daß eine gründliche Aus-
bildung in der Internen und Neurologie Grundbedingung einer erfolg-
reichen. Analyse ist. Meine Experimente mit selbständig arbeitenden
Laien (Herbert Silberer, der gewiß ein genialer Analytiker war) sind
alle sehr schlecht ausgefallen. Freud weiß es am besten, daß er ohne
ärztliche Kenntnisse nie zur Analyse gekommen wire.Diese Worte von Freud werden verheerend auf den Ausbau der
Analyse wirken. Schon heute wirken unzählige schwere Parapathiker,
die eine Analyse mitgemacht haben, als Analytiker. Jede verkrachte
Existenz wird versuchen, sich als Analytiker eine Lebensmôglichkeit
zu schaffen. Die Analyse gibt ein Machtgefühl, das die Analytiker
ausnützen: die Übertragung, sonst die wertvollste Waffe der Heilung,
kann den Kranken auch in Abhängigkeit von Kurpfuschern und
Schwindlern bringen.Freud håtte das wissen miissen. Oder soll der Schlag gegen mich
gehen, weilich die , Organisation der unabhångigenårztlichen Analytiker
geschaffen habe ? Oder will erseinen Schülern sein materielles Erbe über-
geben? Ich glaube nicht, daB Freud von so niederen Motiven geleitet
wurde. Ich glaube, es ist die Dankesschuld, die er seinen nichtärztlichen
Freunden abgestattet hat, weil sie so treu zu ihm gehalten haben.Freud soll sich geäußert haben: „Meine besten Schüler sind
Laien." Wer bürgt dafür, daß Charlatane unter Berufung auf
Freud, mit der Analyse nicht schweren Mißbrauch treiben?
Analyse ohne ürztliches Wissen ist ein Unding. Täglich können
Symptome auftreten, in denen nur der Arzt die Frage entscheiden kann:
Organisch oder seelisch. Man darf die Analyse nicht zum Couismus
degradieren. Soll das der letzte Trumpf sein, den Freud gegen mich
ausspielt? Wieder das lücherliche Spiel: , Wer kommt nach mir?
Wer wird mein Erbe verwalten?Die Wissenschaft kennt keine Testamente. Man ernennt
keine analytischen Thronfolger. Oder man ernennt sie, und die Welt
stürzt sie naeh einigen Tagen.Die Analyse mag für viele Analytiker ein Geschäft bedeuten.
Für mich bedeutet sie den künstlerischen Beruf. Ich will Kranke
heilen und Schüler heranbilden. Und ich freue mich auf den Schüler,
der über mich hinauswåchst und bei dem ich lernen kann. Kein Mensch
ist unfehlbar und der am wenigsten, der an seine Unfehlbarkeit glaubt.Ich möchte nicht unerwihnt lassen, daß ich wiederholt versucht
habe, meine Beziehungen mit Freud wieder anzuknüpfen. Ich habeS.
575
schon betont, daß ich von Haus aus gutmütig und versóhnlich bin.
Ich kann vergessen und verzeihen. Freud kann es nicht. Ich habe ihm
anläßlich eines kleinen Zwischenfalls geschrieben, daß ich nie ver-
gessen werde, daß er die Fackel entzündet hat, die die Wege meiner
Forschung beleuchtet. Ich habe gehofft, daß er seine Fehler einsehen
wird, und habe ihn um cine Aussprache ersucht. Vergeblich!Zweck dieses Aufsatzes ist es nicht, die Bedeutung eines genialen
Menschen herabzusetzen, der die Grenzen unserer Erkenntnis schier
ins Unendliche erweitert hat. Aber wo viel Licht ist, ist auch
viel Schatten.Ich ersuche meine Freunde, in diesen Ausführungen nichts anderes
zu sehen als einen Akt erzwungener Notwehr. Die Schatten, die dies
Genie geworfen hat, drohen mein eigenes Licht zu verdunkeln. Ich
bin mir selber schuldig, die Tatsachen zu schildern, wie sie sich wirklich
ereignet haben. Daß ich dazu gezwungen wurde, hat mir selber weh
getan. Jahrelang habe ich gegen den Entschluß gekämpft und mich
schlieBlich dazu gezwungen, weil die erwähnten herabsetzenden
Äußerungen des Meisters zu gewichtig sind, als daß man darüber zur
Tagesordnung übergehen könnte. Freud hat genug Gelegenheiten
gehabt, sie zurückzuziehen und zu korrigieren, Schließlich hätte ihn die
Achtung vor meiner Leistung dazu bewegen können. Aber er und seine
Schüler überbieten sich in der Entwertung und Herabsetzung meiner
Arbeiten. Man lese die Kritiken in den orthodoxen Freudblättern und
man wird mich begreifen. Schließlich will sich kein Mensch vor der
breiten Öffentlichkeit als verwahrlosten Menschen schildern lassen." Ich mache nicht den Anspruch darauf, ein Genie zu sein. Vielleicht habe
ich diesem Umstande zu verdanken, daß ich unbefangener bin. Ich be-
strebe mich, meine Fehler einzusehen, und scheue mich nicht, zu
Sestehen, wenn ich geirrt habe. Trotz allem, was mir Freud angetan
hat, bin ich ihm dankbar und schätze ihn vielleicht höher, als viele
Seiner Trabanten, die sich als seine besten Freunde ausgeben. Was ich
für ihn getan habe und noch tue, geschieht freudig und ohne Neid.
Und ich beuge mich gerne vor dem überragenden Genius, von dem die
Dichterworte gelten:
¡AS einem Wort: Ich bin kein ausgekliigelt Buch,
in ein Mensch mit seinem Widerspruch.Wien, im Juni 1995.
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Zur Geschichte der analytischen Bewegung
1903-411/1926
1903-411/1926