• S.

    PROF. DR. FREUD 
    WIEN, IX., BERGGASSE 19.

    20. X. 19
    Lieber Eli

    Dein betrübender Brief vom 28/IX mit der 
    Nachricht von Rosi’s Erkrankung ist heute 
    angelangt, hat also im̄er noch 3 Wochen ge-
    braucht.

    Wir können uns vorstellen, wie sehr Ihr 
    unter der peinlichen Überraschung gelitten 
    habt, aber unsere Überraschung ist gewiß 
    nicht minder groß. Seit 20 Jahren hat hier 
    niemand etwas von einer geistigen Ab-
    normität an ihr bemerkt, sie hat nicht 
    einmal eine der bei jungen Mädchen 
    so häuigen Exzentrizitäten oder Über-
    triebenheiten gezeigt, war eher etwas 
    indolent und schwer zu erschüttern. In 
    blühender Gesundheit und ruhiger, hoffnungs-
    freudiger Stim̄ung hat sie von uns Ab-
    schied genomen, ihre Briefe aus Zürich 
    und Genua waren klar und heiter. 

    Gestern hatte ich in den ersten Brief 
    Einsicht genom̄en, den ihre Mutter von 
    ihr erhalten hat, vom 22 Sept! Er ist 
    durchaus normal in Form und Inhalt, 
    in glücklicher Stimmung gehalten, lobt die 
    Liebe und Zärtlichkeit, von der sie sich 
    umgeben fühlt. Es ist also keine Rede 
    davon, daß wir eine Kranke die Reise 
    in Dein Haus haben unternehmen lassen; 
    wenn sich damals schon etwas Krank-
    haftes in ihr entwickelt hatte, so war 
    niemand im Stande es zu vermuten,

  • S.

    auch Caecilie (Mausi), ihre intimste Freundin 
    nicht. Wir fühlen uns so unbeteiligt an 
    diesem Unglück, als wenn sie 8 Tage nach 
    ihrer Ankunft einen Typhus mit Fieber‑
    Delirien bekom̄en hätte.

    Der Eindruck, den sie Dir von Anfang gemacht, 
    „eines mehr oder weniger überreifen blasierten 
    jungen Frauenzim̄ers“ stim̄t auch in keinem 
    Punkt zu dem, was wir von ihr wissen. Wir 
    stehen da vor Rätseln, umsomehr als Anna 
    aus denselben Tagen an die Mutter schrieb: 
    (wörtlich:) Rosel sieht prachtvoll aus und ich glaube, 
    es ist ein Glück, daß sie in USA ihren Weg 
    machen wird.

    Ich habe es natürlich schwer mir ein Urteil 
    über diese Erkrankung zu bilden, aber 
    ich getraue mich zu hoffen, daß dieser 
    höchst akute Zustand in einigen Wochen, 
    höchstens Monaten, schadlos abgelaufen 
    sein wird. Über das Weitere zu handeln, 
    scheint mir verfrüht. Mit Spannung 
    sehen wir den versprochenen Nachrichten 
    über den Verlauf entgegen.

    Von den vermißten Dankbriefen wirst 
    Du unterdeß einige erhalten haben. Ich 
    bekam von Dir am 21 Juli ein Kabel: 
    Retain second remittance one h. th. Kronen until 
    letter reaches you. Dieser Brief kam nicht, 
    dafür die Anweisung der Verteilung in 
    einem neuen Kabel am 23 Sept, worauf 
    ich Dir am 29 Sept einen langen Brief geschrieben. 
    (Am 25 Sept von Hamburg zurückgekehrt).

    Mit herzlichen Grüßen an Alle 
    Sigm