• S.

    [PR]OF. DR. FREUD WIEN, IX., BERGGASSE 19.

    1.1.1929

    Dear Mark

    Sie haben mich plötzlich durch einen 
    langen und intimen Brief für Ihr 
    bisheriges Schweigen entschädigt. Ich danke 
    Ihnen dafür wie für das großartige 
    Buch über den Palast des Minos, das ich 
    täglich in kleinen Portionen während 
    der Nachmittagsruhe zu mir nehme. Als Beitrag 
    zur Kleinheit dieser Welt, also zur Reich-
    haltigkeit ihrer Beziehungen fällt mir 
    ein, daß der Mann unserer Prinzessin 
    zur Zeit der Ausgrabungen Evan’s Gouver-
    neur von Kreta war, alle Funden mit 
    großem Interesse verfolgt und sich 
    selbst einmal im „Labyrinth“ verirrt 
    hat. Sie hat bekanntlich keine archaeo-
    logischen  Interessen hat mir auch nichts 
    von der Vase erzält, die Sie Beide 
    ihr geschenkt haben. 

    Über Ihren Brief ließe sich viel schreiben. 
    Leider bin ich durch ein Unwolsein,
    das ich nicht ausführlich beschrieben,  
    heute recht leistungunfähig und will 
    doch die Antwort nicht aufschieben. 
    Es wundert mich aber daß grade Sie 
    die Unbehaglichkeiten des Lebens  in 
    Amerika so schwer empfinden. Das muß 
    doch erst jetzt zum Vorschein gekom̄wn 
    sein. Ich kann Sie natürlich sehr gut 
    verstehen, ich möchte sagen, ich war in 
    Amerika immer wie schwer beleidigt, 
    ganz klar ist mir micht geworden warum. 
    Unsere Empfindungen sind unserem 
    psychologischen Verständnis immer noch 
    weit voraus. 

    Sie haben Recht zu glauben, daß ich trotz 
    aller noch bestehenden Beschwerden 
    seit Berlin doch auf einem anderen, 
    besserem Niveau leebe. Vor allem, 
    ich habe, seit ich zurück bin, keinerlei 
    Hilfe gebraucht, früher 2‑3 mal in 
    der Woche. Ob die Lebensaufbesserung

  • S.

    soweit geht, daß ich einmal zu dem 
    Griechen reise, dessen Adreße in Paris 
    Sie mir gaben, bezweifle ich. Dazu müßte 
    sich auch noch etwas anderes ändern. 

    Ich kann es nicht unterlassen, Ihnen 
    einige Nachrichten über Ihren Bruder 
    zu geben. Er war der größte Ärger dieser 
    Monate. Etwas so Kindisch Sinnloses 
    wie sein Benehmen habe ich wirklich 
    lange nicht gesehen. Er hat besondere 
    Methoden entwickelt, um seine bedeut-
    ende Intelligenz ¿ ohnmächtig zu machen 
    und zum Werkzeug seiner Widerstände 
    zu erniedrigen, zeigt unzweifelhaft 
    paranoide Züge, nen̄t sich gelegentlich 
    selbst a paranoid‑borderline case. Sein 
    Ziel war, alles zum Stillstand zu bringen 
    absolut nichts zu thun und dabei brachte 
    er es noch zustande, aus diesem Verhalten 
    Selbstgefallen zu saugen. Im Ganzen 
    wirkt er auf mich wie eine fremdartige 
    Landschaft. Da er hartnäckig verweigert, 
    für seine anatomische Prüfung zu studiren, 
    habe ich verlangt, daß er die Medizin  
    fallen läßt und etwas anderes beginnt, 
    meinetwegen Musik. Auch dazu war 
    er unfähig. Endlich habe ich ihm ange-
    kündigt, daß er binnen kurzer Zeit 
    aus der Analyse hinausgeworfen werden 
    wird, u diese Drohung scheint eine 
    Wirkung zu äußern. Er hat sie natür-
    lich gewollt, aber es wäre bald sein 
    letzter Triumph geworden, denn ich 
    war fest entschloßen, ein Ende zu 
    machen. Auch seine Ehegeschichte ist 
    etwas so Klägliches, daß man leicht 
    die Lust an den Beiden verliert. 
    Die ¿¿¿nation  ist noch keineswegs gerettet.

    Wenn mir besser wäre würde ich David 
    zu einem Essay verarbeiten, aber ich 
    will nichts mehr schreiben. 

    Mit den herzlichsten Grüßen 
    [¿¿¿¿] für Sie beide