• S.

    Rebenburg [Grundlsee]

    PROF. DR. FREUD       WIEN, IX., BERGGASSE 19.

    8. 8. 1930

     

    Lieber Alexander

     

    Nach so langem Suchen haben wir heuer etwas besonders Schönes gefunden.  Allgemeines Urteil, dass wir doch nie so gewohnt haben.  Das Wetter ist leider nicht besser als anderswo.

     

    Am 18 Aug werden wir uns ja in Ischl sehen, vielleicht schliesst Du dann den Besuch in Grlsee an.

     

    Am 28 dM soll Anna in Frankfurt sein, um an einer Feier im Goethehaus teilzunehmen.  Sie geht als meine Vertretung hin.  Der diesjährige Goethepreis der Stadt Frankfurt ist nämlich - unbegreiflicher Weise für das heutige Deutschland - mir zuerkannt worden!  Anna wird einige Sätze vorlesen, in denen ich meinen Dank ausdrücke u G.'s Verhältnis zur Psychoanalyse behandle.

  • S.

    Ich hoffe, sie wird für ihre Reisestrapaze eine schöne Erinnerung eintauschen.  Der Preis wird als hohe Ehre geschätzt, er ist mit 10,000 M ausgestattet, die, wenn nicht durch Abgaben verkürzt, die Kosten des diesjährigen Berliner Aufenthalts einbringen würden.

     

    Mit der Gesundheit geht es wie mit den Büchern der Sibylle, wenn Du die römische Anekdote noch erinnerst.  Je weniger davon übrig, desto theurer kostet es.  Mit der Prothese komme ich notdürftig aus, nicht mehr; wie lange ich mit dem Gehör ausreiche, ist nicht zu erraten, vom Übrigen zu schweigen.  Ich gestatte mir täglich 1 Zigarre u quäle mich wie ein Missethäter, wenn ich das Quantum überschreite.

     

    Mit herzlichem Gruss für Dich, Sophie u Harry

    Dein

    Sigm