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    PROF. DR. FREUD
    WIEN IX., BERGGASSE 19

    Salzberg  10. 9. 22

    Lieber Herr Doktor

    Als ich Ihren Brief öffnete u auf den ersten 
    flüchtigen Blick erkannte, er wolle meinen 
    neuesten Spekulationen widersprechen, fühlte 
    ich mich nicht ganz behaglich, denn erstens bin 
    ich dieser letzten Dinge so gar nicht sicher, 
    u zweitens habe ich, wie Sie wissen, einen guten 
    Respekt vor Ihren Gedanken u Ahnungen 
    der Wahrheit. Es ist mir also eine Art von 
    Genugthuung, dass der Eindruck der 
    Lektüre keine Erschütterung meiner Theorien 
    hervorgerufen hat, obwol ich Ihrem Haupt-
    einwand durchaus Recht gebe, man solle 
    nicht aus der individuell psychologischen 
    in die biologische Denkweise übergreifen.

    Ich habe im „Jenseits“ eine gewisse neutrale 
    Einstellung zu meinen eigenen Gedanken ge-
    wält, konnte sie aber nicht festhalten und 
    bin in der nächsten, noch ungedruckten 
    Schrift „Das Ich und das Es“, durchaus Partei 
    geworden. Hier wird es klarer werden, daß 
    ich dem Individuum keineswegs einen 
    „Arttrieb zumute. Die Fortpflanzung 
    kom̄t zu ihrem Recht, indem der im 
    Ich herrschende Todestrieb sich gegen 
    die Strömungen des den Eros verteidigt, sein 
    stärkstes Mittel ist dann die Abstoß-
    ung der mit dem Eros am intensivst 
    geladenen Substanz, was dann ohne 
    Weiteres den Wert eines partiellen 
    Todes für das Ich haben mag, ohne 
    daß dadurch der Eros selbst zum 

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    Todestrieb würde.

    Der Wendepunkt der ganzen Entwicklung war 
    die Aufstellung des Narzißmus u die Ein-
    sicht von der Umsetzung der Objectlibido 
    in narzißt‑ (Ich)Libido. Von da an konnten 
    die Ichtriebe, wenn man nicht die Jung’schen 
    Irrwege wandeln wollte, nicht mehr als ver-
    schieden von den libidinösen gewertet 
    werden.

    Ich getraue mich kaum der Hoffnung, dass es 
    Ihnen mit dem „Jenseits“ u seiner Forsetzg 
    im „Ich u Es“ doch so ergehen wird, wie Sie 
    es so schön von anderen Gelegenheiten 
    bekennen. Es ist auch nicht mehr derselbe 
    Fall u ich schreibe diese neueren spekul-
    ativen Dinge nicht ohne einen inneren Einspruch.  
    Eigentlich sollte ich, dem Drängen der Todes-
    triebe gehorchend, mir u anderen Ruhe 
    geben. Aber ist es nun der noch nicht 
    beschwichtigte Eros oder die Not der Zeit, 
    die auch dem Alter keine Muße gönnt, 
    ich sehe mich gezwungen, weiter zu 
    arbeiten, zu analysiren u dann auch zu 
    schreiben, möchte aber keinem der Jüngeren 
    u Kräftigeren damit den Weg versperren.

    Auf ein gutes Wiedersehen in 
    Berlin! 
    Mit herzlichen Grüßen 
    Ihr 
    Freud