S.

Wien 13.7.1891

Liebe Minna

Die Ordination gibt jetzt sehr viel Anlaß zum Briefe schreiben. Ich habe vor, meine Photographie im Wartezimmer aufzuhängen, nachdem ich darunter geschrieben: Enfin seul. Leider wird es ihr dort an Bewunderern fehlen.

Aus Deiner karte vom Süllberg und aus vielen anderen Anzeichen schließe ich mit großer Befriedigung, daß es dir sehr gut geht, und gönne es dir von Herzen, wünsche auch, Daß Du den Aufenthalt recht ausnützen magst. 

Wit haben hier (dem Wetter den Vorrang!) beständigen Regen. Trotzdem war ich gestern auf der Rax und habe wieder Edelweiß  heimgbracht. Martha hat alle gepreßt, darum kann ich Dir nichts schicken. Aufs nächste Mal. Das Gesindel gedeiht sehr gut. Martin ist allerliebst geworden, so zärtlich und gutmütig und recht verständig; er spricht eine ganze Menge von Worten, sagt vieles nach und versteht fast alles, natürlich bis fachliche und wissenschaftliche Dinge. Oliver schreit noch immer wie besessen, ist aber hübsch und aufmerksam, nimmt 130 gr per Woche zu und hat ausgezeichnete Leistungen aufzuweisen. Nur mit dem kleinen Frauenzimmer ist , es ein Kreuz, sie hat so einen wilden Zug im Gesicht, weiß vor Übermut nicht, was sie anfangen soll, sagt prinzipiell nein auf alle Zumutungen und betrachtet sich jeder Verpflichtung zu gehorchen für überlegen. Dazu die schreckliche Erziehungsmethode der Kinderfrau, die ich doch bald pensionieren werde, und Marthas Schwäche, die sich nicht getraut, der Alten die unpassendsten Kritiken zu verweisen. Der kleine Kerl wird aber hoffentlich auch diese Einflüße überstehen und sich wieder ins Mädchenhafte finden.

Heute bin ich mit Martha nach Baden gefahren, gleichzeitig mit der Kassowitz. Mama sieht schlecht, behauptet, sich schon erholt zu haben, und gravidiert sehr nach Reichenhall. Sie hätte gerne gesehen, daß ich ihr dazu geredet hätte. Ich konnte es aber nicht tun. ein solcher  Diarrhoeanfall hätte sie an jedem Ort für einige Tage niedergeworfen. Sie denkt sehr daran,  das Zimmer gegen ein anderes in Annas Haus zu vertauschen. Sie hat in ihrem den herrlichsten Garten, benützt ihn aber nicht.  die Version kann ih

Ditha ist prächtig, Lucie so so, nicht mein Geschmack. Anna schaut schlecht aus und kann ihren Zustand natürlich nicht mehr verbergen. Die Version über die Zustände geht jetzt, daß Thorsch wieder Geld gegeben  haben und daß Eli jetzt als Börsenagent verdient. Ob und was wahr ist?

Die Aphasie ist, wie Du Dich gleichzeitig überzeugen kannst, bereits erschienen und hat mir schon jetzt eine schwere Enttäuschung bereitet. Breuers Ausnahme war nämlich eine so merkwürdige. Kaum gedankt und sehr verlegen gewesen und lauter unbegreiflich schlechte Sachen darüber gesagt, nichts Gutes im Gedächtnis behalten und am Schluß zur Besänftigung das Kompliment, es sei ausgezeichnet geschrieben. Ich glaube sein kopf war ganz wo anders. Mitten drin hat er gefragt, ob der Dr. Paul nicht da war, und als der kam und bei meinem Anblick zurückwich, bin ich natürlich gleich fort. Da reißt etwas immer mehr und mein Bemühen, durch die Widmung etwas gutzumachen, hat wahrscheinlich entgegengesetzten Erfolg gehabt. – Ich gehe Donnerstag durch nach Reichenau. Es ist doch zu dumm hier. 

Herzlichen Gruß
Dein
Sigmund

 

 

 

Enfin seul] Französisch; endlich allein