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    29. 5. 1938
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Meine liebe Dorothy

    Überrascht wie alle durch die Nachricht, dass Robert gestorben ist -- wir wissen noch nicht woran -- fragen meine Gedanken zuerst, wie Sie es aufnehmen werden, die es am nächsten angeht.  Vielleicht sollten selbst intime Freunde mit deren Leben sich Ihres unauflöslich verflochten hat, sich in dieser Zeit fern halten und es Ihnen überlassen, Ihre Erinnerungen und Empfindungen zu sichten und zu bewältigen, aber mich bedrängt die Sorge, Sie könnten sich ungerechtfertigter Weise allzu wehe thun, im begreiflichen Bestreben, den Verstorbenen zu entschuldigen und Ihrer Liebe, die nie ganz erloschen war, eine letzte Äusserung zu gönnen.  Darum mag es auch einem Fremderen erlaubt sein, daran zu mahnen, wie wenig Schuld im gewöhnlichen Sinne an Ihren Beziehungen zu Ihrem Mann beteiligt war und wie überwätligend der Einfluss der Krankheit, die ein befriedigendes Verhältnis unmöglich machte und die hingenommen werden muss wie jedes andere Stück Schicksal, das uns Menschenkinder trifft und an dem kein Grübeln,

  • S.

    keine Selbstprüfung etwas ändern kann.

    Auch hat es der Fremde leichter, auf eine Ansicht des Ereignisses hinzuweisen, bei der die liebevolle Trauer gewiss nicht gern verweilen wird.  Dass dieser Tod nämlich nicht nur bei Ihnen etwas zu Ende bringt, woran sich doch nie eine Hoffnung für die Zukunft knüpfen konnte, sondern dass er auch eine Erlösung bedeutet für einen Unglücklichen, dessen leer gewordenes Leben keinen Inhalt mehr hätte gewinnen können, und vor Allem eine ausserordentliche Erleichterung für die vier hoffnungsvollen, schön geratenen Kinder bedeutet, die Sie unter so grossen Opfern gefährlichen Einflüssen entzogen und in günstigerer Atmosphäre zur Entwicklung gebracht haben.  Und darum hoffen wir, Ihre Freunde, dass Sie sich von der Erschütterung sehr bald erholen und im Stande sein werden, sich ungebrochen dem neuen Leben im neuen Land hinzugeben.  Sie wissen, wir zälen die Tage, bis es uns möglich sein wird, dies Leben wiederum mit Ihnen zu teilen, wie es durch so lange Zeit hier in der Berggasse geschehen ist, die uns vorläufig noch nicht frei lässt.

    Ihr alter, herzlich ergebener
    Freud