• S.

    PROF. DR. FREUD 
    WIEN IX., BERGGASSE 19

    Lavaroné
    Hotel du Lac

    8. 8. 23.

    Lieber Herr Doktor

    Als mein Leibarzt haben 
    Sie ein Anrecht auf aus-
    führliche Berichte und Kla-
    gen. Das Gerücht befleißt sich dies-
    mal einer bemerkenswerten 
    Objektivität, denn subjektiv 
    habe ich seit Wien noch 
    keine gute Stunde gehabt. 
    Der Darm hat sich zwar – bei 
    gewißen Verzichten – tadel-
    los benom̄en, aber in 
    Gastein bekam ich meinen 
    jedesmal dort auftretenden 
    Magenkatarrh, der dies-
    mal, von weiblicher Autorität 
    auf das Trinkwasser zurück-
    geführt, sich auch durch 
    neuerlichen Verzicht 
    auf diesen harmlosen 
    Genuß wieder einschränken 
    ließ. Hier in L., wo das 
    Wasser noch besser schmeckt,

  • S.

    hat er sich rasch wieder aufge-
    bäumt, so daß ich von 
    Neuem ¿¿ die natürliche 
    Durstlöschung aufgegeben 
    habe.

    Das Andere ist ekelhaft. 
    Wenn ich mir nicht sagen müß-
    te, es ist artifiziell u ist 
    mir versprochen worden, 
    hielte ich es psychisch 
    kaum aus. Jedesmal wenn eine 
    Schwellung dort in der 
    Radiumregion stärker 
    wird, kom̄t auch eine 
    toxische Depression und 
    eine Auswal von übeln 
    Allgemeinsymptomen. Die 
    tastende Zunge findet 
    zwar nichts Neues u nichts 
    Anderes u in Gastein hat 
    mein Hausherr, der Dr Wassing 
    die Narbe inspizirt und 
    sie sehr gelobt, aber er 
    ist ein deutlicher Esel u 
    im Grunde weiß ich doch 
    nicht, woran ich bin.

  • S.

    Unter diesen Umständen 
    werden Sie fragen, warum 
    ich nichts Ende Juli zu Hajek 
    gereist bin, mich anschauen 
    zu lassen. Aber erstens 
    gieng es mir damals mit 
    diesen „Reaktionen“ viel 
    besser, u zweitens hat Hajek 
    da wieder eine seiner 
    Zweideutigkeiten geleistet. 
    Ich habe ihn natürlich, ehe 
    ich die Pläne für Italien 
    machte, gefragt, ob ich 
    mich heuer soweit ent-
    fernen darf u er hat 
    mir unbedenklich die 
    Freiheit dazu gegeben.  
    Es werde sich nichts er-
    eignen; u wenn starke 
    Radiumwirkungen kom̄en, 
    so thue man doch nichts 
    dagegen.  Aber vor meiner 
    Abreise schrieb er in 
    einem ziemlich überflüß-
    igen Dankbrief, er möchte

  • S.

    doch alle 14 Tage von meinem 
    Befinden hören u mich Ende 
    Juli u Ende Aug wieder 
    sehen. Entsetzt über die 
    Zumutung dieser Rück-
    reisen, die mir einfach 
    den Som̄er zerstört hätten, 
    schrieb ich ihm Mitte Juli, 
    es gienge mir besser, ich 
    spürte nichts Neues u bäte 
    ihn, auf meinen Besuch,
    wenn es nicht dringend 
    wäre, zu verzichten.  Darauf 
    Ende Juli die Antwort, ich 
    bräuchte nicht zu kom̄en, 
    ich sollte nur den Som̄er 
    genießen usw. Stellen Sie 
    sich also vor, wie groß 
    meine Bereitwilligkeit 
    ist, von hier nach Wien oder 
    Aussee in dieser Som̄erg-
    lut zu reisen, um viel-
    leicht zu hören, das seien 
    eben die Reaktionen, 
    die man sich gefallen 
    lassen müße.

  • S.

    Mein liebes Neugebilde hatte 
    mich wirklich nicht viel ge-
    stört, aber diese Therapie 
    die einen aus Vorsicht lieber 
    gleich elend macht, hat nicht 
    meine Zärtlichkeit.

    Soweit das Leibärztliche. 
    Auch sonst mag ich psychisch 
    noch nicht in Ordnung sein. 
    Aus einer greifbaren 
    Gleichgiltigkeit gegen 
    die meisten kleineren 
    Dinge schließe ich, daß 
    die Trauerarbeit im 
    Dunkeln weiter geht. 
    Zu diesen Kleinigkeiten 
    gehört auch die Wissen-
    schaft. Kein Einfall u 
    keine Zeile.

    Unser Wetter hier ist 
    so ideal schön, daß ich 
    Sie gerne daran beteil-
    igen möchte. Etwas Regen 
    könnte uns ja nicht schaden.

  • S.

    Ich möchte fragen, wer geht 
    auch an die Ostsee, wenn 
    er nicht aus Italien aus-
    gewiesen worden ist. 
    Wenn sich mein Befinden 
    noch hebt u nichts Neues 
    kom̄t, will ich doch anfangs 
    Sept mit Anna nach 
    Rom, wo ich schon oft 
    meine Spannung wieder-
    gefunden habe, u wo 
    ich genau 10 J. lang nicht 
    war.

    Ich erwarte, daß Sie 
    diesen Brief eines ordin-
    ären Patienten diskret 
    behandeln werden 
    u grüße Sie u Ihre 
    Frau herzlich 
    Ihr
    Freud