• S.

    1. Jan. 1896

    Mein teurer Wilhelm

    Die erste Muße im neunen Jahr
    gehört Dir, um Dir über die paar
    Kilometer weg die Hand zu schütteln
    u  Dir zu sagen, wie froh mich Deine
    letzten Nachrichten aus Familien = und
    Studierzimmer machen. Daß Du einen
    Sohn hast – mit ihm die Anwartschaft
    auf andere Kinder –: ich wollte es
    weder Dir noch mir vorher eingestehen,
    was Du vermißt hättest, als die
    Hoffnung auf ihn noch ferne war.
    Die Art wie Du sollte nicht aussterben,
    mein lieber Freund; wir Anderen
    bedürfen Deines gleichen zu sehr. Was
    danke ich Dir alles an Trost, Verständniß,
    Anregung in meiner Einsamkeit, an
    Lebensinhalt, den ich auf Dich zurück-
    führe, und zuletzt noch an Gesundheit,

    ---

    Sohn: Robert Fließ

  • S.

    die mir kein Anderer hätte wieder-
    bringen können. Es ist wesentlich Dein
    Beispiel, wenn ich intellektuell die
    Kraft gewonnen habe, meinen Urtehilen
    zu vertrauen, auch wo man mich
    allein läßt – allerdings Du nicht –, und
    wenn mit überlegener Demuth wie
    Du allem entgegensehe, was an
    Schwerem die Zukunft bringen
    mag. Für das alles nun meinen
    einfachen Dank! Ich weiß Du hast
    mich nicht so nöthig wie ich Dich, aber
    ich weiß doch auch, ich habe meinen
    sicheren Platz in Deiner Neigg.

    Daß Dein Glaube an Deine Therapie
    endlich auch an Dir selbst Bestätigg
    gefunden hat, würde ich merken,
    auch wen̄ Du es nicht ausdrücklich
    sagtest. Deine Briefe, so der letzte
    wieder, enthalten eine Fülle
    von wissenschaftl Einsichten u Ahnungen,

  • S.

    zu denen ich leider nichts sagen kann, als
    daß sie mich packen u überwältigen.
    Es ist der erfreulichste Gedanken, den ich
    derzeit fassen kann, daß uns beide
    die gleiche Arbeit beschäftigt. Ich sehe,

    wie Du auf dem Umwege über
    das Arztsein Dein erstes Ideal
    erreichst, den Menschen als Physiologe
    zu verstehen, wie ich im Geheimsten
    die Hoffng nähre, über dieselben
    Wege zu meinem Anfangsziel
    der Philosophie zu kom̄en. Den̄ das
    wollte ich ursprünglich, als mir noch
    gar nicht klar war, wozu ich auf der Welt
    bin. Ich war in den letzten Wochen
    wiederholt damit beschäftigt, Dir
    Deine Mittheilgen in Etwas zu
    vergelten, indem ich Dir meine
    letzten Erkenntnisse über die
    Abwehrneurosen in kurzer Zusam̄en-
    stellg einschicke, aber meine Denkfähig-
    keit hat sich im Frühjahr so

  • S.

    erschöpft, daß ich jetzt nichts zu Stande
    bringe. Ich überwinde mich doch, Dir
    das Fragment zu senden; eine feine
    Stim̄e hat mir gerathen, die Dar-
    stellg der Hysterie noch aufzuschieben,
    es sei zu viel Unsicherheit dabei.
    Mit der Zw. wirst Du wahrscheinlich
    zufrieden sein. Die paar Bemerkgen
    über Paranoia stam̄en von einer
    kürzlich begon̄enen Analyse, welche
    bereits über jeden Zweifel festge-
    stellt hat, daß Paranoia wirklich
    eine Ne Abwehrneurose ist.
    Ob diese
    Aufklärg auch therap. Werth besitzt,
    muß sich noch erst zeigen.

    Deine Migränebemerkgen haben mich zu
    einer Idee geführt, die eine complete
    Umarbeitg aller meiner φψω Theorien
    zur Folge hätte, was ich jetzt nicht

  • S.

    wagen darf. Ich will doch versuchen, sie
    anzudeuten:

    Ich gehe von den 2 Arten von Nerven-
    endiggen aus; die freien nehmen nur
    Quantität auf u leiten sie durch Sum̄ation
    nach ψ, haben aber keine Macht, Empfindg
    hervorzurufen, dh auf ω zu wirken. Die
    NBewegg behält hierbei ihre genuinen
    u monotonen qualit. Charactere. Dieß
    sind die Wege für alle ψ erfüllende
    Quantität, auch für die sexuelle Energie
    natürlich. Die Nervenbahnen, die mit
    Endorganen ausgehen, leiten nicht Quantität,
    sondern den ihnen besonderen qualit.
    Character, fügen der Sum̄e in den ψ Neuronen
    nichts hinzu, sondern versetzen diese
    N(eurone) blos in Erregung. Die ωN sind
    solche ψN, welche nur sehr geringer quant.
    Besetzg fähig sind. Das Zusam̄entreffen
    dieser mindesten Quant. mit der ihnen

  • S.

    getreulich übertragenen Qualität vom
    Endorgan her ist wieder die Bedingg
    für die Entstehg von Bewußtsein.
    Ich schiebe jetzt diese ωN zwischen
    die φ und die ψ N ein, so daß φ
    seine Qualität an ω überträgt, ω jetzt
    an ψ weder Qual. noch Quant. überträgt
    sondern ψ nur anregt, dh ¿¿¿ der
    freien ψ Energie ihre Wege anweist.

    (Ich weiß nicht ob Du das Kauderwälsch ver-
    stehen kan̄st. Es gibt sozusagen 3 Arten,
    wie die N auf einander wirken: 1). Sie
    übertragen einander Quantität, 2) sie
    übertragen einander Qualität, 3). sie
    wirken nach gewissen Regeln erregend
    aufeinander.)

    Demnach würden die Wahrnehmgsvorgänge
    eo ipso Bewußtsein involviren und
    erst nach dem Bewußtwerden ihre
    weiteren psych. Wirkgen üben, die
    ψ Vorgänge wären an u für sich unbe-
    wußt u würden ein sekundäres

  • S.

    artificielles Bewußts erst nachträglich
    erhalten, indem sie mit Abfuhr- u Wahrnehmgs-
    vorgängen verknüpft werden (Sprachassociation).
    Eine ω-Abfuhr, die ich bei anderer Darstellg
    benöthigte, fällt hier weg; die Hallucination,
    die im̄er der Erklärg Schwierigkeiten
    bereitet hat, ist jetzt nicht mehr ein
    Rückschreiten der Erregg nach φ, sondern
    blos nach ω. Die Abwehrregel, die für
    Wahrnehmgen nicht gilt, sondern blos für
    ψ Vorgänge, versteht man heute viel
    leichter. Das Nachhinken des sek. Bewußt-
    seins gestattet, die Neurosenvorgänge
    einfach zu beschreiben. Auch bin ich die
    lästige Frage los, wieviel von der Stärke
    der φ Erregg (des Empfindgsreizes) auf
    ψN übertragen wird. Antwort: direkte
    gar nichts, die Q in ψ hängt nur davon
    ab, wieweit durch die ωN die freie
    ψ Aufmerksamkeit dirigirt wird.

    Die neue Annahme stim̄t auch dazu besser,
    daß die objektiven Empfindgsreize so minimal
    sind, daß es schwer hält aus dieser Quelle

  • S.

    die Willenskraft nach dem Constanzprinzip
    herzuleiten. Die Empfindg bringt eben gar
    keine Q nach ψ, die Quelle der ψ Energie
    sind die Organleitungen.

    Aus dem Conflict zwischen der rein quantit
    Organleitg und den durch die bewußte
    Empfindg in ψ angeregten Vorgängen
    erkläre ich mir auch die Unlustentbindg
    die ich bei den Sexualneurosen zur
    Verdrängg brauche.

    Für Deine Seite der Frage fällt die
    Möglichkeit ab, daß Reizzustände in Organen
    bestehen können, die keine spontane
    Empfindg erzeugen (wol aber Druckempfindl
    zeigen müßen), die aber reflectorisch
    dh durch Gleichgewichtsbeeinflußung
    Störungen von anderen Ncentren her
    anregen können. Der Gedanke einer
    gegenseitigen Bindg der N oder der
    Ncentren legt es nämlich auch nahe,
    daß die motorischen Abfuhrsymptome
    ganz verschiedener Natur sind.

  • S.

    Die willkürl. Handlgen sind wahrscheinlich
    durch Q. AbführÜbertrag bedingt, da sie die
    psychische Span̄ung entladen. Daneben
    giebt es eine Lustabfuhr, Zuckungen udgl,
    die ich mir so erkläre, nicht daß
    auf das motorische Centrum Q übertragen
    wird, sondern daß sie dort frei wird,
    weil sich die bindende Q im gepaarten
    sensiblen Centrum etwa verringert hat.
    Das wäre der lange gesuchte Unterschied
    zwischen „willkürlichen u krampfhaften« Beweggen,
    gleichzeitig der Weg, die eine Gruppe von
    somatischen Nebenwirkgen etwa der Hysterie
    zu erklären.

    Für die rein quantit Übertraggsvorgänge
    auf ψ giebt es eine Möglichkeit das
    Bewußtsein auf sich zu ziehen, nämlich
    wen̄ diese QLeitg die Schmerzbedinggen
    erfüllt. Wahrscheinlich ist Aufhebg der
    Sum̄ation, continuirlicher Zufluß nach ψ
    für eine Weile das Wesentliche dieser

  • S.

    Bedinggen. Gewisse ωN werden dann über-
    besetzt und geben die Unlustempfindg
    verursachen auch eine Fesselg der Aufmerk-
    samkeit auf diesem Punkte. So wäre die
    „neuralgische Veränderg" zu denken, über
    eine gewiße Grenze gesteigerte
    Zufuhr von Q aus einem Organ, bis
    zur Aufhebg der Sum̄ation, Überbesetzg
    von ωN u Fesselg von freier ψ Energie.

    Du siehst, daß wir so auf die Migraine
    hinauskom̄en; die Existenz von Nasen-
    bezirken in jenem Reizzustand, den
    Du mit freiem Auge erken̄st, wäre
    die Bedingg. Der Qüberschuß würde
    sich auf verschiedene subcorticale
    Wege vertheilen, ehe er ψ erreicht
    hat. Ist dieß einmal der Fall, so dringt
    jetzt continuirlich Q in ψ ein und
    nach der Aufmerksregel strömt
    die freie ψ Energie an die Stelle der
    Eruption zu.

  • S.

    Es fragt sich nun, welches die Quelle der
    Reizzustände in den Nasenorganen sein
    mag. Da bietet sich die Auffassg, daß
    die Schneider'sche Membran das qualit.
    Organ für die Riechreize ist, die Schwell-
    körper das davon gesonderte quantitative.
    Die Riechstoffe sind, wie Du ja meinst u wie
    wir von Blumen wissen, Zerfalls-
    stoffe des Sexualstoffwechsels; sie würden
    als Reize auf beide Organe wirken.
    Bei der Menstruation u anderen Sexual-
    vorgängen producirt der Körper eine gesteigerte
    Q solcher Stoffe, also solcher Reize. Man
    müßte sich entscheiden, ob diese durch die
    Exspirationsluft oder durch die Blutbahnen
    auf die Nasenorgane wirken; wahr-
    scheinlich letzteres, da man keine subjekt.
    Geruchsempfindg vor der Migraine hat.
    Mittels der Schwellkörper würde also
    die Nase sich gewissermaßen über die
    Bin̄enriechreize orientiren, wie mit
    der M. Schneideri über die Außenreize,
    würde sich am eigenen Körper verderben!

  • S.

    Die beiden Wege, Migr zu bekom̄en, spontan
    und durch Gerüche, Menschengifte, würden
    einander so gelichgestellt, können ihre
    Wirkgen auch jederzeit sum̄iren.

    Die Anschwellg der nasalen Q.Organe
    wäre demnach eine Art Adaption
    des Sinnesrgans in Folge des stärkeren
    internen Reizes, analog bei den wirklichen
    (qualit.) Sinnesorganenen, dem Augenaufreißen,
    Einstellen, Gehörspan̄en udgl.

    Die Übertragg dieser Anschauung auf die
    anderen Migrquellen u Migr-ähnlichen
    Zustände wäre vielleicht nicht zu schwierig;
    ich sehe aber noch nicht, wie das zu machen
    ist. Jedenfalls ist die Prüfg am Haupt-
    thema das Wichtigere.

    Eine Menge unklarer uralter Vorstellgen
    der Medizin bekäme so Leben und Geltg.

    – Nun aber genug! Prosit 1896
    und schreib mir sehr bald ein Wort,
    wie es Mutter u Sohn geht. Du kan̄st
    Dir denken, wie sehr sich Martha für
    alles interessirt.

    Dein Sigmund