• S.

    8. 8. 14
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Lieber Herr Doktor

    Ich bin seit einigen Tagen zurück, um 
    meinen Anteil an den Aufregungen 
    dieser schweren Zeit an der Quelle 
    zu geniessen. Zu unruhig um noch zu ar-
    beiten und natürlich völlig unbeschäf-
    tigt bis auf die eine Aufgabe: die 
    Abwehr von Zeugnißen. Ich halte es 
    so damit: Ich kann niemand die Be-
    stätigg verweigern, daß ich ihn behandelt 
    habe oder daß ich die Diagnose seines 
    Leidens kenne, vermeide es aber 
    strengstens, daraus einen Schluß auf 
    seine Leistungsfähigkeit im Falle der 
    Einberufung zu ziehen. Denn erstens 
    weiss ich, daß die Militärbehörden 
    auf solche Zeugniße gar nichts geben, 
    ganz mit Recht, diese Krankheits-
    praemie darf nicht anerkannt werden, 
    zweitens macht man sich selbst misliebig, 
    drittens darf man auch vom Neurotiker 
    verlangen, daß er in solchen Zeiten 
    versucht sozial zu fühlen. Gelingt es ihm, 
    so thut es ihm gut.

  • S.

    Ich werde also auch Herrn Schw. kein 
    Zeugnis ausstellen, bin aber bereit, 
    auf dem Ihrigen die Diagnose zu 
    bestätigen.

    Meine Söhne sind nicht eingerückt, sondern 
    warten als Nichtkombattanten wenig-
    stens vorläufig ihre Einberufung ab.  
    Alle unsere Besitztümer sind vorläufig 
    entwertet. Den Feldzug gegen die 
    Schweizer haben wir gewonnen, ob die 
    anderen ihre Kriege siegreich beenden 
    werden, und zwar, so lange wir das 
    Warten aushalten? Wir wollen 
    es intensiv hoffen. Der deutsche Furor 
    scheint dafür zu bürgen und die österreich-
    ische Wiedergeburt es zu versprechen.

    Ich hoffe, Ihrer kleinen Familie 
    geht es dauernd gut.

    Herzlich Ihr
    Freud