• S.

    2. 6. 1929
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Liebe Jeanne

    Ich gestehe, dass ich beim ersten Blick auf die Ihrem Brief beigelegten Bildchen sehr überrascht war.  Sollten Sie sich wirklich im unbegrenzten Ehrgeiz schon ein drittes Kind erlaubt haben, weil die beiden ersten so nett geraten waren?  Das stimmte doch gar nicht mit der Zeit, es war verwirrend und ein dummer Trost schien es, dass Sie ein so hübsches Kindermädchen aufgenommen hatte [sic].  Der Text Ihre Briefes gab dann die natürliche Erklärung und ich that Ihnen wegen des Argwohns Abbitte.  Es ist aber wirklich eine sehr schöne Gesellschaft auf diesen Bildern und sie könnte einen an allerlei garstiges, was es auch im Leben giebt, für eine Zeit vergessen lassen.

    Wolkenstein habe ich in schönster Erinnerung.  Wenn ich nicht irre, war Ihr späterer Mann dort bei uns zu Besuch und ich habe ihm im Wald den ersten Unterricht im Schwammsuchen gegeben.  Ich werde aber eben unsicher, das wird doch eher in Karersee gewesen sein.  Fragen Sie ihn lieber, mein Kopf ist doch schon 73 Jahre alt.  Jedenfalls wünsche ich Ihnen dort oben eine Zeit, die so herrlich ist, wie sie nur in den Dolomiten sein kann.  Grüssen Sie mir -- ausser Jetti und Edith [--] auch die Geisslerspitzen.

    Herzlich Ihr
    Freud