• S.

    PROF. DR. FREUD
    WIEN, IX., BERGGASSE 19

    30. 3. 1930.

    Sehr geehrter Herr Doktor

    Ihre beigelegte Popper‑Lynkeus‑Biographie hat 
    mir in ihrer Wahrhaftigkeit und Würde 
    so sehr gefallen, daß ich gern auch 
    Ihren Wunsch erfüllen möchte, Ihrer 
    Beispielsam̄lung von Problemlösungen 
    in der Wissenschaft meine Beiträge 
    zu leisten. Ich bin bei dem Versuch 
    aber auf merkwürdige und schwer 
    zu bewältigende Widerstände ge-
    stoßen, so als ob gewiße von anders-
    woher geholte Erwartungen auf 
    mein Stoffgebiet nicht anwendbar 
    wären. Vielleicht hängt dies damit 
    zusammen, daß unter unseren Ar-
    beitsmethoden das Experiment wie 
    es dem Physiker und dem Physiologen 
    dient, keinen Platz hat.

    Wenn ich mich an einzelne Fälle aus 
    der Geschichte meiner Arbeit be-
    sinne, so finde ich immer nur, die 
    Auffassung hat sich mir unmittelbar 
    als Niederschlag einer großen Anzal 
    von Eindrücken der Erfahrung 
    ergeben. Wo es mir vergönnt war, 
    eine solche Auffassung später als
    irrig zu erkennen, geschah deren 
    Ersetzung durch etwas hoffentlich 
    Besseres immer nur in der Art, 
    dass mir (auf Grund derselben und
     neuer Erfahrungen) eine andere

  • S.

    Idee einfiel, der ich dies Material unterwarf.

    Damit werden Sie wol für Ihre Sam̄lung 
    nicht viel anfangen können?

    Hochachtungsvoll
    Ihr ergebener
    Freud

  • S.

    Anmerkung zu diesem Brief

    Der brief ist gerichtet an Dr. Heinrich Löwy 
    (Physiker, jetzt in Cairo, Aegypten), der mit 
    mir ein „Beispielsammlung“ von Lösungen wis-
    senschaftlicher Probleme herausgeben wollte und 
    Freud um einen Beitrag ersucht. hatte. Der ülan 
    ist nicht realisiert worden.

    Di am Anfang des Briefes erwähnte Biographie 
    von Ppper‑Lynkeus ist im „Jüdischen Lexikon" 
    erschienen.

    R. v. Mim