S.
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Die psychoanalytische
BewegungI. Jahrgang NovembersDezember 1929 Heft 4
OO וו ווDas ozeanische Gefiihl
Von
:
iSigm. Freud
Anfangs Januar erscheint im Internationalen
Psychoanalytischen Verlag unter dem Titel
„Das Unbehagen in der Kultur“ eine
neue Schrift von Sigm. Freud. Das erste Kapitel
dieses neuen Buches bringen wir hier zum
Vorabdruck.Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschen
gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum
für sich anstreben und bei anderen bewundern, die wahren Werte
des Lebens aber unterschätzen. Und doch ist man bei jedem solchen
allgemeinen Urteil in Gefahr, an die Buntheit der Menschenwelt und
ihres seelischen Lebens zu vergessen. Es gibt einzelne Männer, denen
sich die Verehrung ihrer Zeitgenossen nicht versagt, obwohl ihre Größe
auf Eigenschaften und Leistungen ruht, die den Zielen und Idealen
der Menge durchaus fremd sind. Man wird leicht annehmen wollen,
daß es doch nur eine Minderzahl ist, welche diese großen Männer
anerkennt, wihrend die grofie Mehrheit nichts von ihnen wissen will.
Aber es dürfte nicht so einfach zugehen, dank den Unstimmigkeiten
zwischen dem Denken und dem Handeln der Menschen und der Viel-
stimmigkeit ihrer Wunschregungen.Einer dieser ausgezeichneten Minner nennt sich in Briefen meinen
PsA. Bewegung — 289 — 19
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Freund. Ich hatte thm meine kleine Schrift zugeschickt, welche die
Religion als Illusion behandelt, und er antwortete, er wäre mit meinem
Urteil über die Religion ganz einverstanden, bedauerte aber, daß ich
die eigentliche Quelle der Religiositát nicht gewürdigt hätte. Diese sei
ein besonderes Gefühl, das ihn selbst nie zu verlassen pflege, das er
von vielen anderen bestätigt gefunden und bei Millionen Menschen
voraussetzen dürfe. Ein Gefühl, das er die Empfindung der „Ewigkeit“
nennen möchte, ein Gefühl wie von etwas Unbegrenztem, Schranken-
losem, gleichsam ,Ozeanischem*. Dies Gefühl sei eine rein subjektive
Tatsache, kein Glaubenssatz; keine Zusicherung persönlicher Fortdauer
kniipfe sich daran, aber es sei die Quelle der religiösen Energie, die
von den verschiedenen Kirchen und Religionssystemen gefaßt, in be-
stimmte Kanäle geleitet und gewiß auch aufgezehrt werde. Nur auf
Grund dieses ozeanischen Gefühls dürfe man sich religiös heißen, auch
wenn man jeden Glauben und jede Illusion ablehne.Diese Auferung meines verehrten Freundes, der selbst einmal den
Zauber der Illusion poetisch gewiirdigt hat, brachte mir nicht geringe
Schwierigkeiten, Ich selbst kann dies „ozeanische* Gefühl nicht in mir
entdecken. Es ist nicht bequem, Gefühle wissenschaftlich zu bearbeiten.
Man kann versuchen, ihre physiologischen Anzeichen zu beschreiben.
Wo dies nicht angeht, — ich fiirchte, auch, das ozeanische Gefühl wird
sich einer solchen Charakteristik entziehen, = bleibt doch nichts übrig,
als sich an den Vorstellungsinhalt zu halten, der sich assoziativ am
ehesten zum Gefühl gesellt. Habe ich meinen Freund richtig verstanden,
so meint er dasselbe, was ein origineller und ziemlich absonderlicher
Dichter seinem Helden als Trost vor dem freigewåhlten Tod mitgibt :
„Aus dieser Welt können wir nicht fallen.“ Also ein Gefühl der un-
auflôsbaren Verbundenheit, der Zusammengehôrigkeit mit dem Ganzen
der Außenwelt. Ich möchte sagen, für mich hat dies eher den Charakter
einer intellektuellen Einsicht, gewiß nicht ohne begleitenden Gefühls-
ton, wie er aber auch bei anderen Denkakten von åhnlicher Tragweite"7 1) D. Chr. Grabbe: Hannibal: „Ja, aus der Welt werden wir nicht fallen. Wir sind
einmal darin.“— 290 —
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nicht fehlen wird. An meiner Person könnte ich mich von der pri-
måren Natur eines solchen Gefiihls nicht überzeugen. Darum darf ich
aber sein tatsåchliches Vorkommen bei anderen nicht bestreiten. Es
fragt sich nur, ob es richtig gedeutet wird und ob es als ,fons et origo"
aller religiösen Bedürfnisse anerkannt werden soll.Ich habe nichts vorzubringen, was die Losung dieses Problems ent-
scheidend beeinflussen würde. Die Idee, daß der Mensch durch ein
unmittelbares, von Anfang an hierauf gerichtetes Gefühl Kunde von
seinem Zusammenhang mit der Umwelt erhalten sollte, klingt so fremd-
artig, fügt sich so übel in das Gewebe unserer Psychologie, daß eine
psychoanalytische, d. i. genetische Ableitung eines solchen Gefiihls ver-
sucht werden darf. Dann stellt sich uns folgender Gedankengang zur
Verfügung: Normalerweise ist uns nichts gesicherter als das Gefühl
unseres Selbst, unseres eigenen Ichs. Dies Ich erscheint uns selbstindig,
einheitlich, gegen alles andere gut abgesetzt. Daß dieser Anschein ein
Trug ist, daß das Ich sich vielmehr nach innen ohne scharfe Grenze
in ein unbewuft seelisches Wesen fortsetzt, das wir als Es bezeichnen,
dem es gleichsam als Fassade dient, das hat uns erst die psychoanaly-
tische Forschung gelehrt, die uns noch viele Auskiinfte iiber das Ver-
hältnis des Ichs zum Es schuldet, Aber nach außen wenigstens scheint
das Ich klare und scharfe Grenzlinien zu behaupten. Nur in einem
Zustand, einem aufergewôhnlichen zwar, den man aber nicht als krank-
haft verurteilen kann, wird es anders. Auf der Héhe der Verliebtheit
droht die Grenze zwischen Ich und Objekt zu verschwimmen. Allen
Zeugnissen der Sinne entgegen behauptet der Verliebte, daß Ich und
Du Eines seien und ist bereit, sich, als ob es so wire, zu benehmen.
Was vorübergehend durch eine physiologische Funktion aufgehoben
werden kann, muß natürlich auch durch krankhafte Vorgänge gestört
werden können. Die Pathologie lehrt uns eine große Anzahl von Zu-
ständen kennen, in denen die Abgrenzung des Ichs gegen die Außen-
welt unsicher wird, oder die Grenzen wirklich unrichtig gezogen
werden; Fälle, in denen uns Teile des eigenen Körpers, ja, Stücke
des eigenen Seelenlebens, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle wie— 291 — -
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fremd und dem Ich nicht zugehörig erscheinen, andere, in denen man
der Außenwelt zuschiebt, was offenbar im Ich entstanden ist und von
ihm anerkannt werden sollte. Also ist auch das Ichgefühl Störungen
unterworfen und die Ichgrenzen sind nicht beständig. 1
Eine weitere Überlegung sagt: Dies Ichgefühl des Erwachsenen
kann nicht von Anfang an so gewesen sein. Es muf eine Entwick-
lung durchgemacht haben, die sich begreiflicherweise nicht nachweisen,
aber mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit konstruieren läßt.‘ Der Säug-
ling sondert noch nicht sein Ich von einer Außenwelt als Quelle der
auf ibn einstrômenden Empfindungen. Er lernt es allmählich auf ver-
schiedene Anregungen hin. Es muß ihm den stärksten Eindruck
machen, daß manche der Erregungsquellen, in denen er später seine
Körperorgane erkennen wird, ihm jederzeit Empfindungen zu-
senden können, während andere sich ihm zeitweise entziehen —
darunter das Begehrteste: die Mutterbrust — und erst durch ein Hilfe
heischendes Schreien herbeigeholt werden. Damit stellt sich dem Ich
zuerst ein „Objekt“ entgegen, als etwas, was sich „außerhalb“ befin-
det und erst durch eine besondere Aktion in die Erscheinung gedrängt
wird. Einen weiteren Antrieb zur Loslösung des Ichs von der Empfin-
dungsmasse, also zur Anerkennung eines „Draußen“,. einer Außen-
welt, geben die häufigen, vielfältigen, unvermeidlichen Schmerz- und
Unlustempfindungen, die das unumschränkg herrschende Lustprinzip
aufheben und vermeiden heißt. Es entsteht die Tendenz, alles, was
Quelle solcher Unlust werden kann, vom Ich abzusondern, es nach
außen zu werfen, ein reines Lust-Ich zu bilden, dem ein fremdes,
drohendes Draußen gegeniibersteht. Die Grenzen dieses primitiven
Lust-Ichs können der Berichtigung durch die Erfahrung nicht ent-
gehen. Manches, was man als lustspendend nicht aufgeben möchte, ist
doch nicht Ich, ist Objekt, und manche Qual, die man hinausweisen
will, erweist sich doch als unabtrennbar vom Ich, als innerer Her-1) 8. die zahlreichen Arbeiten über Ichentwicklung und Ichgefühl von Ferenczi,
Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes (1913), bis zu den Beiträgen von P. Federn
1926, 27 und später.— 292 —
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kunft. Man lernt ein Verfahren kennen, wie man durch absichtliche
Lenkung der Sinnestitigkeit und geeignete Muskelaktion Innerliches
— dem Ich angehôriges — und Auferliches — einer Außenwelt ent-
stammendes — unterscheiden kann und tut damit den ersten Schritt
zur Einsetzung des Realitåtsprinzips, das die weitere Entwicklung be-
herrschen soll. Diese Unterscheidung dient natürlich der praktischen
Absicht, sich der verspürten und der drohenden Unlustempfindungen
zu erwehren. Daß das Ich zur Abwehr gewisser Unlusterregungen aus
seinem Inneren keine anderen Methoden zur Anwendung bringt, als
deren es sich gegen Unlust von Außen bedient, wird dann der Aus-
gangspunkt bedeutsamer krankhafter Störungen.Auf solche Art löst sich also das Ich von der Außenwelt. Richtiger
gesagt: Ursprünglich enthält das Ich alles, später scheidet es eine
Außenwelt von sich ab. Unser heutiges Ichgefühl ist also nur ein ein-
geschrumpfter Rest eines weitumfassenderen, ja, — eines allumfassen-
den Gefühls, welches einer innigeren Verbundenheit des Ichs mit der
Umwelt entsprach. Wenn wir annehmen dürfen, daß dieses primäre
Ichgefühl sich im Seelenleben vieler Menschen — in größerem oder
geringerem Ausmaße — erhalten hat, so würde es sich dem enger
und schärfer umgrenzten Ichgefühl der Reifezeit wie eine Art Gegen-
stück an die Seite stellen, und die zu ihm passenden Vorstellungs-
inhalte wären gerade die der Unbegrenztheit und der Verbundenheit
mit dem All, dieselben, mit denen mein Freund das „ozeanische“ Ge-
fühl erläutert. Haben wir aber ein Recht zur Annahme des Über-
lebens des Ursprünglichen neben dem Späteren, das aus ihm gewor-
den ist?Unzweifelhaft; ein solches Vorkommnis ist weder auf seelischem,
noch auf anderen Gebieten befremdend. Für die Tierreihe halten wir
an der Annahme fest, daß die höchstentwickelten Arten aus den
niedrigsten hervorgegangen sind. Doch finden wir alle einfachen
Lebensformen noch heute unter den Lebenden. Das Geschlecht der
großen Saurier ist ausgestorben und hat den Säugetieren Platz ge-
macht, aber ein richtiger Vertreter dieses Geschlechts, das Krokodil,— 298 —
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lebt noch mit uns. Die Analogic mag zu entlegen sein, krankt auch
an dem Umstand, daß dic iiberlebenden niedrigen Arten zumeist nicht
die richtigen Ahnen der heutigen, höher entwickelten sind, Die
Zwischenglieder sind in der Regel ausgestorben und nur durch Re.
konstruktion bekannt. Auf seelischem Gebiet hingegen ist die Erhal-
tung des Primitiven neben dem daraus entstandenen Umgewandelten
so häufig, daß es sich erübrigt, es durch Beispiele zu beweisen. Meist
ist dieses Vorkommen Folge einer Entwicklungsspaltung. Ein quantita-
tiver Anteil einer Einstellung, einer Triebregung, ist unverändert er-
halten geblieben, ein anderer hat die weitere Entwicklung erfahren,Wir rühren hiermit an das allgemeinere Problem der Erhaltung im
Psychischen, das kaum noch Bearbeitung gefunden hat, aber so reiz-
voll und bedeutsam ist, daß wir ihm auch bei unzureichendem Anlaß
eine Weile Aufmerksamkeit schenken dürfen. Seitdem wir den Irrtum
überwunden haben, daß das uns geläufige Vergessen eine Zerstörung
der Gedächtnisspur, also eine Vernichtung bedeutet, neigen wir zu
der entgegengesetzten Annahme, daß im Seelenleben nichts, was ein-
mal gebildet wurde, untergehen kann, daß alles irgendwie erhalten
bleibt und unter geeigneten Umständen, z. B. durch eine so weit
reichende Regression wieder zum Vorschein gebracht werden kann,
Man versuche sich durch einen Vergleichemus einem anderen Gebiet
klar zu machen, was diese Annahme zum Inhalt hat. Wir greifen etwa
die Entwicklung der Ewigen Stadt als Beispiel auf." Historiker be-
lehren uns, das älteste Rom war die Roma quadrata, eine umzäunte
Ansiedlung auf dem Palatin. Dann folgte die Phase des Septimontium,
eine Vereinigung der Niederlassungen auf den einzelnen Hügeln,
darauf die Stadt, die durch die Servianische Mauer begrenzt wurde,
und noch später, nach all den Umwandlungen der republikanischen
und der frühen Kaiserzeit die Stadt, die Kaiser Aurelianus durch seine
Mauern umschloß. Wir wollen die Wandlungen der Stadt nicht weiter
verfolgen und uns fragen, was ein Besucher, den wir mit den voll-1) Nach The Cambridge Ancient History, T. VII, 1928. „The founding of Rome“
by Hugh Last. -— 294 —
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kommensten historischen und topographischen Kenntnissen ausgestattet
denken, im heutigen Rom von diesen frühen Stadien noch vorfinden
mag. Die aurelianische Mauer wird er bis auf wenige Durchbrüche
fast unverändert sehen, An einzelnen Stellen kann er Strecken des
Servianischen Walles durch Ausgrabung zu Tage gefördert finden.
Wenn er genug weiß, — mehr als die heutige Archäologie, — kann
er vielleicht den ganzen Verlauf dieser Mauer und den Отв
der Roma quadrata ins Stadtbild einzeichnen. Von den Gebåuden,
die einst diese alten Rahmen ausgefüllt haben, findet er nichts oder
geringe Reste, denn sie bestehen nicht mehr. Das Auferste, was ihm
die beste Kenntnis des Roms der Republik leisten kann, wire, daß
er die Stellen anzugeben weiß, wo die Tempel und öffentlichen Ge-
båude dieser Zeit gestanden hatten. Was jetzt diese Stellen einnimmt,
sind Ruinen, aber nicht ihrer selbst, sondern ihrer Erneuerungen aus
späteren Zeiten nach Brånden und Zerstörungen. Es bedarf kaum
noch einer besonderen Erwåhnung, daf alle diese Uberreste des alten
Roms als Einsprengungen in das Gewirre einer Großstadt aus den
Jetzten Jahrhunderten seit der Renaissance erscheinen. Manches Alte
ist gewiß noch im Boden der Stadt oder unter ihren moderneren Bau-
werken begraben. Dies ist die Art der Erhaltung des Vergangenen,
die uns an historischen Stådten wie Rom entgegentritt.Nun machen wir die phantastische Annahme, Rom sei nicht eine
menschliche Wohnstitte, sondern ein psychisches Wesen von åhnlich
langer und reichhaltiger Vergangenheit. In dem also nichts, was ein-
mal zustande gekommen war, untergegangen ist, in dem neben der
letzten Entwicklungsphase auch alle fritheren noch fortbestehen. Das
würde für Rom also bedeuten, daß auf dem Palatin die Kaiserpaläste
und das Septizonium des Septimius Severus sich noch zur alten Höhe
erheben, daß die Engelsburg noch auf ihren Zinnen die schönen
Statuen trågt, mit denen sie bis zur Gothenbelagerung geschmiickt
war, usw. Aber noch mehr: an der Stelle des Palazzo Caffarelli stiinde
wieder, ohne daß man dieses Gebäude abzutragen brauchte, der Tem-
pel des Kapitolinischen Jupiter, und zwar dieser nicht nur in seiner— 295 —
S.
letzten Gestalt, wie ihn die Römer der Kaiserzeit sahen, sondern auch
in seiner frühesten, als er noch etruskische Formen zeigte und mit
tônernen Antifixen geziert war. Wo jetzt das Coliseo steht, könnten
wir auch die verschwundene Domus aurea des Nero bewundern, auf
dem Pantheonplatze finden wir nicht nur das heutige Pantheon, wie
es uns von Hadrian hinterlassen wurde, sondern auf demselben Grund
auch den ursprünglichen Bau des M. Agrippa, ja, derselbe Boden triige
die Kirche Maria sopra Minerva und den alten Tempel, über dem sie
gebaut ist. Und dabei brauchte es vielleicht nur eine Anderung der
Blickrichtung oder des Standpunktes von seiten des Beobachters, um
den einen oder den anderen Anblick hervorzurufen.Es hat offenbar keinen Sinn, diese Phantasie weiter auszuspinnen,
sie führt zu Unvorstellbarem, ja, zu Absurdem. Wenn wir das histo-
rische Nacheinander råumlich darstellen wollen, kann es nur durch
ein Nebeneinander im Raum geschehen; derselbe Raum verträgt nicht
zweierlei Ausfüllung. Unser Versuch scheint eine müßige Spiclerei zu
sein; er hat nur eine Rechtfertigung; er zeigt uns, wie weit wir davon
entfernt sind, die Eigentümlichkeiten des seelischen Lebens durch an-
schauliche Darstellung zu bewältigen.Zu einem Einwand sollten wir noch Stellung nehmen, Er fragt uns,
warum wir gerade die Vergangenheit cingr Stadt ausgewählt haben,
um sie mit der seelischen Vergangenheit zu wergleichen. Die Annahme
der Erhaltung alles Vergangenen gilt auch fúr das Seelenleben nur
unter der Bedingung, daß das Organ der Psyche intakt geblieben ist,
daß sein Gewebe nicht durch Trauma oder Entzündung gelitten hat.
Zerstórende Einwirkungen, die man diesen Krankheitsursachen gleich-
stellen kónnte, werden aber in der Geschichte keiner Stadt vermifit,
auch wenn sie eine minder bewegte Vergangenheit gehabt hat als
Rom, auch wenn sie, wie London, kaum je von einem Feind heim-
gesucht wurde. Die friedlichste Entwicklung einer Stadt schließt Demo-
lierungen und Ersetzungen von Bauwerken ein, und darum ist die
Stadt von vorneherein fiir einen solchen Vergleich mit einem seeli-schen Organismus ungeeignet.
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S.
Wir weichen diesem Einwand, wenden uns unter Verzicht auf eine
eindrucksvolle Kontrastwirkung zu einem immerhin verwandteren Ver-
gleichsobjekt, wie es der tierische oder menschliche Leib ist. Aber auch
hier finden wir das nämliche. Die früheren Phasen der Entwicklung
sind in keinem Sinn mehr erhalten, sie sind in den späteren, zu denen
sie den Stoff geliefert haben, aufgegangen. Der Embryo läßt sich im
Erwachsenen nicht nachweisen, die Thymusdriise, die das Kind besaß,
ist nach der Pubertät durch Bindegewebe ersetzt, aber selbst nicht mehr
vorhanden; in den Röhrenknochen des reifen Mannes kann ich zwar
den Umriß des kindlichen Knochens einzeichnen, aber dieser selbst ist
vergangen, indem er sich streckte und verdickte, bis er seine endgültige
Form erhielt. Es bleibt dabei, daß eine solche Erhaltung aller Vor-
stufen neben der Endgestaltung nur im Seelischen möglich ist, und
daß wir nicht in der Lage sind, uns dies Vorkommen anschaulich zu
machen.Vielleicht gehen wir in dieser Annahme zu weit. Vielleicht sollten
wir uns zu behaupten begnügen, daß das Vergangene im Seelenleben
erhalten bleiben kann, nicht notwendigerweise zerstört werden
muß. Es ist immerhin möglich, daß auch im Psychischen manches Alte
— in der Norm oder ausnahmsweise — soweit verwischt oder auf-
gezehrt wird, daß es durch keinen Vorgang mehr wiederhergestellt
und wiederbelebt werden kann, oder daß die Erhaltung allgemein an
gewisse günstige Bedingungen geknüpft ist. Es ist möglich, aber wir
wissen nichts darüber. Wir dürfen nur daran festhalten, daß die Er-
haltung des Vergangenen im Seelenleben eher Regel als befremdliche
Ausnahme ist.Wenn wir so durchaus bereit sind, anzuerkennen, es gebe bei vielen
Menschen ein „ozeanisches“ Gefühl, und geneigt, es auf eine frühe
Phase des Ichgefühls zurückzuführen, erhebt sich die weitere Frage,
welchen Anspruch hat dieses Gefühl, als die Quelle der religiösen
Bedürfnisse angesehen zu werden.Mir erscheint dieser Anspruch nicht zwingend. Ein Gefühl kann
doch nur dann eine Energiequelle sein, wenn es selbst der Ausdruck— 297 —
S.
cines starken Bedürfnisses ist. Für die religiösen Bedürfnisse scheint
mir die Ableitung von der infantilen Hilflosigkeit und der durch sie
geweckten Vatersehnsucht unabweisbar, zumal, da sich dies Gefühl
nicht einfach aus dem kindlichen Leben fortsetzt, sondern durch die
Angst vor der Übermacht des Schicksals dauernd erhalten wird. Ein
ähnlich starkes Bedürfnis aus der Kindheit wie das nach dem Vater-
schutz wüßte ich nicht anzugeben. Damit ist die Rolle des ozeanischen
Gefühls, das etwa die Wiederherstellung des uneingeschränkten Nar-
zißmus anstreben könnte, vom Vordergrund abgedrångt. Bis zum Ge-
fühl der kindlichen Hilflosigkeit kann man den Ursprung der religiösen
Einstellung in klaren Umrissen verfolgen. Es mag noch anderes dahinter-
stecken, aber das verhüllt einstweilen der Nebel.Ich kann mir vorstellen, daß das ozeanische Gefühl nachträglich in
Beziehungen zur Religion geraten ist. Dies Eins-sein mit dem All, was
als Gedankeninhalt ihm zugehört, spricht uns ja an wie ein erster Ver-
such einer religiösen Tröstung, wie ein anderer Weg zur Ableugnung
der Gefahr, die das Ich als von der Außenwelt drohend erkennt. Ich
wiederhole das Bekenntnis, daß es mir sehr beschwerlich ist, mit diesen
kaum faßbaren Größen zu arbeiten. Ein anderer meiner Freunde, den
ein unstillbarer Wissensdrang zu den ungewöhnlichsten Experimenten
getrieben und endlich zum Allwisser gemacht hat, versicherte mir, daß
man in den Yogapraktiken durch Abwendeng von der Außenwelt,
durch Bindung der Aufmerksamkeit an körperliche Funktionen, durch
besondere Weisen der Atmung tatsächlich neue Empfindungen und
Allgemeingefühle in sich erwecken kann, die er als Regressionen zu
uralten, längst überlagerten Zuständen des Seelenlebens auffassen will,
Er sieht in ihnen eine sozusagen physiologische Begründung vieler
Weisheiten der Mystik. Beziehungen zu manchen dunkeln Modifikati-
onen des Seelenlebens wie Trance und Ekstase lägen hier nahe. Allein
mich drängt es, auch einmal mit den Worten des Schiller schen Tauchers
auszurufen : „Es freue sich, wer da atmet im rosigen Licht.“וו ו ו ו KELL ו ו ו ו UPR DR ו ee
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Das ozeanische Gefühl
1930-001/1929