Die Geschichte der Psychoanalyse 1924-005/1924.01

Freud, Sigmund (1924-005/1924.01): Die Geschichte der Psychoanalyse

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  • S.

    27

    Die Geschichte der Psychoanalyse.
    von
    Sigm. Freud
    I.

        Die Psychoanalyse ist sozusagen mit dem zwanzigsten
    Jahrhundert geboren; die Veröffentlichung mit
    welcher sie als etwas Neues vor die
    Welt tritt, meine „Traumdeutung“ trägt
    die Jahreszahl 1900. Aber sie ist, wie selbstver=
    ständlich, nicht aus dem Stein gesprungen
    oder vom Himmel gefallen, sie knüpft an
    Älteres an, das sie fortsetzt, sie geht aus An=
    regungen hervor, die sie verarbeitet. So muß
    ihre Geschichte mit der Schilderung der Einflüsse
    beginnen, die für ihre Entstehung maßgebend
    waren, und darf auch der Zeiten und der Zu=
    stände vor ihrer Schöpfung nicht vergessen.

        Die Psychoanalyse ist auf einem eng
    begrenzten Boden erwachsen. Sie kannte
    ursprünglich nur das eine Ziel, etwas von der
    Natur der sogenannt „funktionellen“ Nerven=
    krankheiten zu verstehen, um die bisherige
    ärztliche Ohnmacht in der Behandlung derselben
    zu überwinden. Die Ärzte dieser Zeit waren
    in der Wertschätzung Hochschätzung chemisch physikalischer und
    pathologisch-anatomischer Tatsachen erzogen worden,
    sie standen zuletzt unter dem Eindruck der
    Funde von Hitzig und Fritsch, Ferrier, Goltz
    u. A. welche eine innige, vielleicht eine aus=
    schließliche Bindung gewisser Funktionen
    an bestimmte Teile des Gehirns zu er=
    weisen schienen. Mit dem psychischen Moment
    wußten sie nichts anzufangen, sie konnten
    es nicht erfassen, überließen es den Philo=
    sophen und Mystikern Kurpfuschern und
    hielten es auch für unwissenschaftlich sich
    mit ihm abzugeben. Dementsprechend er=
    öffnete sich auch kein Zugang zu den Geheim=
    nissen der Neurosen, vor allem der
    rätselhaften „Hysterie“, die ja das Vorbild der
    ganzen Gattung war. Noch als ich 1885 an der
    Salpêtrière hospitierte, erfuhr ich, daß man
    sich für die hysterischen Lähmungen mit
    der Formel begnügte, sie seien in leichten
    funktionellen Störungen derselben Hirn=
    partien begründet, deren schwere
    Schädigung die entsprechende organische
    Lähmung hervorrufe.

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    2    Unter dem Mangel an Verständnis litt
    natürlich auch die Therapie dieser Krank=
    heitszustände. Sie bestand im allgemeinen
    in „roborierenden“ Maßnahmen, in der Ver=
    abreichung von Arzneimitteln und in meist
    sehr unzweckmäßigen, unfreundlich ausgeführ=
    ten Versuchen zur seelischen Beein=
    flussung wie Einschüchterungen, Verspott=
    ungen, Mahnungen, seinen Willen aufzu=
    bieten (to make an effort), sich zusammen=
    zu nehmen. Als spezifische Therapie der
    nervösen Zustände wurde die elektrische
    Behandlung ausgegeben, aber wer diese
    je nach den detaillierten Vorschriften
    von W. Erb auszuüben unternahm, 
    durfte sich verwundern, welchen Raum
    die Phantasie auch in der angeblich exak=
    ten Wissenschaft behaupten konnte.

        Die entscheidende Wendung trat ein, als in
    den achtziger Jahren die Phänomene des
    Hypnotismus wieder einmal um Einlaß
    in die medizinische Wissenschaft warben,
    diesmal dank der Arbeit von Liébault,
    Bernheim, Heidenhain, Forel mit besserem
    Erfolg als schon so oft vorher. Es kam vor
    allem darauf an, daß man die Echtheit dieser
    Erscheinungen anerkannte. War dies zuge=
    standen, so mußte man aus dem Hypnotis=
    mus zwei grundlegende und unvergeß=
    liche Lehren ziehen. Erstens überzeugte
    man sich, daß auffällige körperliche Ver=
    änderungen doch nur der Erfolg von
    seelischen Einflüssen waren, die man
    in diesem Falle selbst in Tätigkeit gerufen
    hatte; zweitens bekam man besonders aus
    dem Verhalten der Versuchspersonen
    nach der Hypnose den deutlichsten Ein=
    druck von der Existenz solcher seelischer
    Vorgänge, die man nur „unbewußte“
    nennen konnte. Das „Unbewußte“ stand
    zwar schon seit langem als theoretischer
    Begriff bei den Philosophen zur
    Diskussion, aber hier in den Erschei=
    nungen des Hypnotismus wurde es
    zuerst lebhaft, handgreiflich und
    Gegenstand des Experiments. Es kam hinzu,
    daß diese hypnotischen Phänomene eine unver=
    kennbare Ähnlichkeit mit den Äußerungen

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    mancher Neurosen zeigten.

        Man kann die Bedeutung des Hypnotismus
    für die Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse
    nicht leicht überschätzen. In theoretischer wie
    in therapeutischer Hinsicht verwaltet die
    Psychoanalyse ein Erbe, das sie vom
    Hypnotismus übernommen hat.

        Die Hypnose erwies sich auch als ein wertvolles Hilfsmittel
    zum Studium der Neurosen, wiederum in erster
    Linie der Hysterie. Einen großen Eindruck machten
    die Versuche von Charcot, der vermutet hatte,
    daß gewisse Lähmungen, die nach Trauma (Un=
    fall) aufgetreten waren, hysterischer Natur
    seien, und nun durch die Suggestion eines
    Traumas in der Hypnose Lähmungen von dem
    nämlichen Charakter künstlich hervorrufen
    konnte. Es verblieb seitdem die Erwartung,
    daß traumatische Einflüsse ganz allgemein an
    der Entstehung der hysterischen Symptome be=
    teiligt sein könnten. Charcot selbst bemühte
    sich weiter nicht um ein psychologisches Ver=
    ständnis der hysterischen Neurose, aber
    sein Schüler P. Janet nahm diese Studien
    auf und konnte mit Hilfe der Hypnose zeigen,
    daß die Krankheitsäußerungen der
    Hysterie in fester Abhängigkeit von gewissen
    unbewußten Gedanken (idées fixes) stehen.
    Janet charakterisierte die Hysterie durch eine
    von ihm angenommene konstitutionelle Unfähig=
    keit, die seelischen Vorgänge zusammenzuhalten,
    aus der ein Zerfall (Dissoziation) des Seelenlebens
    hervorgehe.

        Die Psychoanalyse knüpfte aber keineswegs
    an diese Forschungen Janets an. Für sie
    wurde die Erfahrung eines Wiener
    Arztes, Dr. Josef Breuer, maßgebend, der
    unabhängig von dem fremden Einfluß um
    das Jahr 1881 ein hysterisch erkranktes
    Mädchen von hoher Begabung mit Hilfe
    der Hypnose studieren und herstellen konnte.
    Breuer's Ergebnisse sind der Öffentlichkeit
    erst fünfzehn Jahre später mitgeteilt
    worden, nachdem er den Referenten
    (Freud) zum Mitarbeiter angenommen
    hatte. Der von ihm behandelte Fall hat
    seine einzigartige Bedeutung für unser
    Verständnis der Neurosen bis auf den
    heutigen Tag behalten, so daß es unvermeid=
    lich ist, länger bei ihm zu verweilen.

  • S.

    4    Es ist notwendig klar zu erfassen, worin die
    Eigentümlichkeit des Breuer'schen Falles bestand.
    Das Mädchen war an der Pflege ihres zärtlich
    geliebten Vaters erkrankt. Breuer konnte
    ihr nachweisen, daß alle ihre Symptome sich
    auf diese Krankenpflege bezogen und durch
    sie ihre Aufklärung fanden. Es war also
    zum ersten Mal ein Fall der rätselhaften
    Neurose restlos durchschaut worden und
    alle Krankheitserscheinungen hatten sich
    als sinnvoll herausgestellt. Ferner war
    es ein allgemeiner Charakter der Symptome,
    daß sie in Situationen entstanden waren,
    welche einen Impuls zu einer Handlung
    enthielten, der aber dann nicht ausgeführt
    worden war, sondern infolge anderer
    Motive unterdrückt worden war. An
    Stelle dieser unterbliebenen Aktionen
    waren eben die Symptome aufgetreten.
    Somit wurde man für die Ätiologie der
    hysterischen Symptome auf das Gefühlsleben
    (die Affektivität) und auf das Spiel
    der seelischen Kräfte (den Dynamismus)
    verwiesen, und diese beiden Gesichtspunkte
    sind seither niemals wieder fallen ge=
    lassen worden.

        Die Anlässe für die Entstehung der Symptome
    wurden von Breuer den Charcot'schen
    Traumen gleichgestellt. Es war nun bemerkens=
    wert, daß diese traumatischen Anlässe und
    alle seelischen Regungen, die sich an sie knüpften
    für die Erinnerung der Kranken verloren
    waren, während deren Wirkungen, eben
    die Symptome, unveränderlich fortbestanden,
    als ob es für sie keine Abnützung
    durch die Zeit gäbe. Man hatte also hier
    einen neuen Beweis für die Existenz
    unbewußter, aber gerade darum besonders
    mächtiger, seelischer Vorgänge gefunden,
    wie man sie zuerst an den posthypnotischen
    Suggestionen kennengelernt hatte. Die
    Therapie, die Breuer übte, bestand darin, daß
    er die Kranke in der Hypnose veranlaßte,
    die vergessenen Traumen zu
    erinnern und mit kraftvollen Affekt=
    äußerungen auf sie zu reagieren. Dann
    verschwand das Symptom, das bisher an
    Stelle einer solchen Gefühlsäußerung
    gestanden war. Dasselbe Verfahren diente

  • S.

    5 also gleichzeitig der Erforschung und der Beseitig=
    ung des Leidens und auch diese ungewöhn=
    liche Vereinigung wurde von der späteren
    Psychoanalyse festgehalten.

        Nachdem Referent in den ersten neunziger
    Jahren die Breuer'schen Ergebnisse an
    einer größeren Anzahl von Kranken
    bestätigt hatte, entschlossen sich die beiden,
    Breuer und Freud, zu einer Publikation,
    welche ihre Erfahrungen und den Versuch
    einer auf sie gegründeten Theorie ent=
    hielt. (Studien über Hysterie 1895). Diese
    sagte aus, das hysterische Symptom entstehe
    wenn der Affekt eines stark affektiv
    besetzten seelischen Vorgangs von der
    normalen bewußten Verarbeitung
    abgedrängt und somit auf eine falsche Bahn
    gewiesen werde. Er gehe dann im Falle der
    Hysterie in ungewöhnliche Körperinnervation
    über (Konversion), könne aber durch
    Auffrischung des Erlebnisses in der Hypnose
    anders gelenkt und erledigt werden (Ab=
    reagieren). Die Autoren nannten ihr Ver=
    fahren Katharsis (Reinigung, Befreiung vom
    eingeklemmten Affekt).

        Die kathartische Methode ist der unmittelbare
    Vorläufer der Psychoanalyse und trotz
    aller Erweiterungen der Erfahrung und
    aller Modifikationen der Theorie immer
    noch als Kern in ihr enthalten. Aber sie
    war nichts anderes als ein neuer Weg zur
    ärztlichen Beeinflussung gewisser nervöser
    Erkrankungen und nichts ließ ahnen, daß
    sie Gegenstand des allgemeinsten Inter=
    esses und des heftigsten Widerspruches
    werden könnte.

    II.

        Bald nach der Veröffentlichung der „Studien über
    Hysterie“ brach die Arbeitsgemeinschaft von
    Breuer und Freud zusammen. Breuer, der
    eigentlich Internist war, gab die Behandlung
    von Nervenkranken auf, Freud bemühte
    sich, das ihm von dem älteren Kollegen
    überlassene Instrument weiter zu vervoll=
    kommnen; die technischen Neuerungen, die
    er einführte, und die Funde, die er
    machte, wandelten das kathartische Ver=
    fahren in die Psychoanalyse um.

  • S.

    6    Der folgenschwerste Schritt war wol der, daß er
    sich entschloß auf das technische Hilfsmittel
    der Hypnose zu verzichten. Er tat es aus zwei
    Motiven, erstens weil es ihm, trotz eines
    Unterrichtskurses bei Bernheim in Nancy,
    nicht gelang, eine genügend große Anzahl von
    Patienten in Hypnose zu versetzen und
    zweitens weil er mit den therapeutischen
    Erfolgen der auf Hypnose gegründeten
    Katharsis unzufrieden war. Diese Erfolge
    waren zwar sehr auffällig und traten
    nach kurzer Behandlungsdauer auf, er=
    wiesen sich aber als nicht haltbar
    und allzu abhängig vom persönlichen
    Verhältnis des Patienten zum Arzte.
    Das Aufgeben der Hypnose bedeutete einen Bruch
    mit der bisherigen Entwicklung des Verfahrens
    und einen neuen Anfang.

        Die Hypnose hatte aber den Dienst geleistet
    das vom Kranken Vergessene seiner
    bewußten Erinnerung zuzuführen. Sie
    mußte durch eine andere Technik ersetzt
    werden. Freud verfiel damals darauf, an
    ihre Stelle die Methode der freien Assozia=
    tion zu setzen, d. h. er verpflichtete die
    Kranken dazu, auf alles bewußte Nach=
    denken zu verzichten und sich in ruhiger
    Konzentration der Verfolgung ihrer
    spontanen (ungewollten) Einfälle hin=
    zugeben („die Oberfläche ihres Bewußtseins
    abzutasten“). Diese Einfälle sollten sie dem
    Arzt mitteilen, auch wenn sie Einwendungen
    dagegen verspürten, wie z. B. der Gedanke sei
    zu unangenehm, zu unsinnig oder zu un=
    wichtig oder er gehöre nicht hieher.

        Die Wahl der freien Assoziation als Hilfsmittel
    zur Erforschung des vergessenen Unbewußten
    erscheint so befremdend, daß ein Wort
    zu ihrer Rechtfertigung nicht überflüssig
    sein wird. Freud wurde dabei von der Er=
    wartung geleitet, daß sich die sogenannt
    „freie Assoziation“ in Wirklichkeit
    als unfrei erweisen werde, indem nach
    der Unterdrückung aller bewußten
    Denkabsichten eine Determinierung der
    Einfälle durch das unbewußte Material
    zum Vorschein käme. Diese Erwartung
    ist durch die Erfahrung gerechtfertigt
    worden. Durch die Verfolgung der
    freien Assoziation unter Einhaltung
    der oben gegebenen „analytischen
    Grundregel“ erhielt man ein reiches
    Material von Einfällen, welches auf

  • S.

    7 die Spur des vom Kranken Vergessenen
    führen konnte. Dies Material brachte
    zwar nicht das Vergessene selbst, aber
    so deutliche und reichliche Andeutungen
    desselben, daß der Arzt mit gewissen Ergänz=
    ungen und Deutungen das Vergessene
    daraus erraten (rekonstruieren) konnte.
    Freie Assoziation und Deutungskunst
    leisteten also nun das Gleiche wie früher
    die Versetzung in Hypnose.

        Anscheinend hatte man sich die Arbeit sehr
    erschwert und kompliziert; der unschätzbare
    Gewinn war aber, daß man Einblick
    in ein Kräftespiel gewann, welches dem
    Beobachter durch den hypnotischen Zustand
    verhüllt worden war. Man erkannte,
    daß sich die Arbeit zur Aufdeckung des patho=
    genen Vergessenen gegen einen
    beständigen und sehr intensiven Wider=
    stand zu wehren hatte. Schon die krit=
    ischen Einwendungen, mit denen der
    Patient die in ihm auftauchenden Ein=
    fälle von der Mitteilung hatte ausschließen
    wollen und gegen welche die analytische
    Grundregel gerichtet war, waren Äuße=
    rungen dieses Widerstandes gewesen.
    Aus der Würdigung der Widerstandsphänomene
    ergab sich einer der Grundpfeiler der psychoanaly=
    tischen Neurosenlehre, die Theorie der
    Verdrängung. Es lag nahe anzunehmen,
    daß dieselben Kräfte, die sich gegenwärtig
    gegen die Bewußtmachung des pathogenen
    Materials sträubten, dasselbe Bestreben
    auch seinerzeit mit Erfolg geäußert hatten.
    Nun war eine Lücke in der Ätiologie
    der neurotischen Symptome ausgefüllt.
    Die Eindrücke und seelischen Regungen, für
    welche jetzt die Symptome als Ersatz standen,
    waren nicht grundlos oder infolge einer
    konstitutionellen Unfähigkeit zur Syn=
    these, wie Janet meinte, vergessen wor=
    den, sondern sie hatten durch den Einfluß
    anderer seelischer Kräfte eine Ver=
    drängung erfahren, deren Erfolg und
    Zeichen eben ihre Abhaltung vom Bewußt=
    sein und ihr Ausschluß aus der Erinnerung
    war. Erst infolge dieser Verdrängung
    waren sie pathogen geworden, d. h. sie
    hatten sich auf ungewöhnlichem Wegen einen
    Ausdruck als Symptome geschafft.

  • S.

    8 Als Motiv der Verdrängung und somit als
    Ursache jeder neurotischen Erkrankung
    mußte man den Konflikt zwischen zwei
    Gruppen von seelischen Strebungen ansehen.
    Und nun lehrte die Erfahrung eine ganz
    neue und überraschende Tatsache über die
    Natur der mit einander ringenden Kräfte
    kennen. Die Verdrängung ging regel=
    mäßig von der bewußten Persön=
    lichkeit (dem Ich) des Erkrankten aus
    und berief sich auf ethische und
    ästhetische Motive; von der Verdrängung betroffen
    wurden Regungen von Selbstsucht und
    Grausamkeit, die man allgemein als
    böse zusammenfassen kann, vor allem aber
    sexuelle Wunschregungen, oft von der
    grellsten und verbotensten Art. Die
    Krankheitssymptome waren also ein Ersatz
    für verbotene Befriedigungen und
    die Krankheit schien einer unvollkommenen
    Bändigung des Unmoralischen im Menschen
    zu entsprechen.

        Der Fortschritt der Erkenntnis machte es immer
    deutlicher, welch ungeheuer große Rolle die sexuellen
    Wunschregungen im Seelenleben spielen, und
    gab die Veranlassung, die Natur und Ent=
    wicklung des Sexualtriebes eingehend zu
    studieren. (Freud: Drei Abhandlungen zur Sexual=
    theorie. 1905.) Man stieß aber auch auf ein
    anderes, rein empirisches Ergebnis, indem
    man entdeckte, daß die Erlebnisse und
    Konflikte der ersten Kinderjahre eine
    ungeahnt wichtige Rolle in der Entwick=
    lung des Individuums spielen und unver=
    wischbare Dispositionen für die Zeit der
    Reife zurücklassen. So kam man dazu
    etwas aufzudecken, was bisher von der
    Wissenschaft grundsätzlich übersehen
    worden war, die infantile Sexualität,
    die sich vom zartesten Alter an in körper=
    lichen Reaktionen wie in seelischen
    Einstellungen äußert. Um diese kindliche
    Sexualität mit der sogenannt normalen
    der Erwachsenen und dem abnormen
    Sexualleben der Perversen zusammen
    zubringen, mußte der Begriff des Sexuellen
    selbst eine Berücksichtigung und Erweiter=
    ung erfahren, die sich durch die Ent=
    wicklungsgeschichte des Sexualtriebs
    rechtfertigen ließ.

  • S.

    9    Seit dem Ersatz der Hypnose durch die
    Technik der freien Assoziation war das
    kathartische Verfahren Breuer's zur
    Psychoanalyse geworden, die nun durch
    länger als ein Jahrzehnt von dem Refer=
    enten (Freud) allein entwickelt wurde.
    Die Psychoanalyse kam in dieser Zeit allmählich
    in den Besitz einer Theorie, welche über
    die Entstehung, den Sinn und die Absicht
    der neurotischen Symptome zureichende
    Auskunft zu geben schien und eine ration=
    elle Grundlage für die ärztlichen Be=
    mühungen zur Aufhebung des Leidens lief=
    erte. Ich will die Momente, welche den In=
    halt dieser Theorie ausmachen, nochmals
    zusammenstellen. Es sind: die Betonung
    des Trieblebens (Affektivität), der seelischen
    Dynamik, der durchgehenden Sinnhaftigkeit
    und Determinierung auch der anscheinend
    willkürlichsten seelischen Phänomene,
    die Lehre vom psychischen Konflikt und von
    der pathogenen Natur der Verdrängung,
    die Auffassung der Krankheitssymptome als
    Ersatzbefriedigungen, die Erkenntnis von
    der ätiologischen Bedeutung des Sexuallebens,
    insbesondere der Ansätze zur kindlichen Sexualität.
    In philosophischer Hinsicht mußte diese Theorie den
    Standpunkt einnehmen, daß das Seelische
    nicht mit dem Bewußten zusammenfalle,
    daß die seelischen Vorgänge an sich unbe=
    wußt seien und nur durch die Leistung be=
    sonderer Organe (Instanzen, Systeme) bewußt
    gemacht würden. Ich füge als ergänzend zu
    dieser Aufzählung hinzu, daß sich unter den
    affektiven Einstellungen der Kindheit die
    komplizierte Gefühlsbeziehung zu den
    Eltern, der sog. Oedipuskomplex, hervorhob
    in welchem man immer deutlicher den Kern
    eines jeden Falles von Neurose erkannte
    und daß im Benehmen des Analysierten gegen
    den Arzt gewisse Erscheinungen der Gefühls=
    übertragung auffielen, welche für die Theorie wie
    für die Technik gleich große Bedeutung
    gewannen.

        Die psychoanalytische Theorie der Neurosen enthielt
    in dieser Ausgestaltung schon manches, was
    herrschenden Meinungen und Neigungen
    zuwiderlief und bei Fernstehenden Be=

  • S.

    10 fremden, Abneigung und Unglauben hervor=
    rufen konnte. So die Stellungnahme zum
    Problem des Unbewußten, die Aner=
    kennung einer kindlichen Sexualität
    und die Betonung des sexuellen Mo=
    ments im Seelenleben überhaupt, aber
    es sollte noch anderes hinzukommen.

    III

        Um halbwegs zu verstehen, wie sich bei einem
    hysterischen Mädchen ein verbotener sexueller
    Wunsch in ein schmerzhaftes Symptom um=
    setzen kann, hatte man tiefgehende und
    verwickelte Annahmen über Struktur und
    Leistung des seelischen Apparats machen
    müssen. Das war ein offenbarer Wider=
    spruch zwischen Aufwand und Erfolg. Wenn
    die von der Psychoanalyse behaupteten
    Verhältnisse wirklich bestanden, so waren
    sie fundamentaler Natur und mußten
    sich auch in anderen Phänomenen als
    den hysterischen äußern können. Traf
    diese Folgerung aber zu, so hätte die
    Psychoanalyse aufgehört, nur für Neurologen
    interessant zu sein; sie durfte dann Anspruch
    auf die Aufmerksamkeit aller erheben,
    denen psychologische Forschung etwas be=
    deutete. Ihre Ergebnisse kamen dann
    nicht nur für das Gebiet des patholog=
    ischen Seelenlebens in Betracht, sondern
    durften auch für das Verständnis der
    normalen Funktion nicht vernachlässigt
    werden.

        Der Nachweis ihrer Brauchbarkeit zur Auf=
    klärung anderer als krankhafter Seelen=
    tätigkeit gelang der Psychoanalyse früh=
    zeitig an zweierlei Phänomenen, bei
    den so häufigen alltäglichen Fehlleist=
    ungen (Vergessen, Versprechen, Verlegen
    usw), und bei den Träumen gesunder
    und psychisch normaler Menschen.
    Die kleinen Fehlleistungen, wie das zeitweilige
    Vergessen von sonst bekannten Eigennamen,
    das Versprechen, Verschreiben und ähnliches
    waren bisher einer Erklärung
    überhaupt nicht gewürdigt worden oder sollten
    in Zuständen von Ermüdung, Ablenkung
    der Aufmerksamkeit u. dgl. ihre Aufklärung
    finden. Referent wies nun in seiner

  • S.

    11 „Psychopathologie des Alltagslebens“ (1901 und 1904)
    an zahlreichen Beispielen nach, daß solche Vor=
    kommnisse sinnreich sind und durch die Störung
    einer bewußten Intention durch eine andere,
    unterdrückte, oft direkt unbewußte, ent=
    stehen. Meist reicht eine rasche Besinnung oder
    eine kurze Analyse, um den störenden
    Einfluß aufzufinden. Bei der Häufigkeit
    solcher Fehlleistungen wie das Versprechen
    wird es jedermann leicht gemacht, sich an
    der eigenen Person die Überzeugung von
    der Existenz nicht bewußter seelischer Vorgänge
    zu holen, die doch wirksam sind und sich
    wenigstens als Hemmungen und Modifikationen
    anderer, beabsichtigter, Akte Ausdruck ver=
    schaffen.

        Weiter führte die Analyse der Träume, die
    Referent schon 1900 in der „Traumdeutung“
    der Öffentlichkeit vorlegte. Es ergab sich aus
    ihr, daß der Traum nicht anders gebaut ist
    als ein neurotisches Symptom. Er mag wie
    ein solches fremdartig und sinnlos erscheinen;
    wenn man ihn mittels einer Technik unter=
    sucht, die sich von der in der Psychoanalyse
    verwendeten freien Assoziation wenig
    unterscheidet, gelangt man von seinem mani=
    festen Inhalt zu einem geheimen Sinn des
    Traumes, zu den latenten Traumgedanken.
    Dieser latente Sinn ist allemal eine Wunsch=
    regung, die als in der Gegenwart erfüllt
    dargestellt wird. Aber außer bei kleinen
    Kindern oder unter dem Druck imperativer
    Körperbedürfnisse kann dieser geheime
    Wunsch niemals kenntlich ausgesprochen
    werden. Er muß sich erst eine Entstellung
    gefallen lassen, welche das Werk einschränkender,
    zensurierender Kräfte im Ich des Träumers
    ist. So entsteht der manifeste Traum, wie
    er im Wachen erinnert wird, zur Unkenntlichkeit entstellt durch die Kon=
    zessionen als ein Kom=
    promiß an die Traumzensur, durch die
    Analyse aber noch als Ausdruck einer
    Befriedigungssituation oder Wunscherfüllung
    zu entlarven, ein Kompromiß
    zwischen zwei miteinander ringenden
    Gruppen seelischer Strebungen, ganz so,
    wie wir es für das hysterische Symptom ge=
    funden haben. Die Formel: der Traum
    ist eine (verkappte) Erfüllung eines

  • S.

    12   (verdrängten) Wunsches, trifft im Grunde
    das Wesen des Traumes am besten. Durch
    das Studium jenes Prozesses, der den
    latenten Traumwunsch in den mani=
    festen Trauminhalt umwandelt (die
    Traumarbeit), haben wir das beste, was wir
    vom unbewußten Seelenleben wissen,
    erfahren.

        Nun ist der Traum kein krankhaftes Symptom,
    sondern eine Leistung des normalen Seelen=
    lebens. Die Wünsche, die er als erfüllt darstellt,
    sind die nämlichen, die in der Neurose der
    Verdrängung verfallen. Der Traum verdankt
    die Möglichkeit seiner Entstehung bloß
    dem günstigen Umstand, daß sich während
    des Schlafzustandes, der die Motilität des
    Menschen lähmt, die Verdrängung zur
    Traumzensur ermäßigt. Doch wenn die Traum=
    bildung gewisse Grenzen überschreitet, macht
    ihm der Träumer ein Ende und wacht er=
    schreckt auf. Es ist also erwiesen, daß im nor=
    malen Seelenleben dieselben Kräfte
    und dieselben Vorgänge zwischen ihnen bestehen
    wie im krankhaften.

        Von der Traumdeutung an hatte die Psychoanalyse
    eine zweifache Bedeutung, sie war nicht
    nur eine neue Therapie der Neurosen,
    sondern auch eine neue Psychologie; sie
    erhob den Anspruch, nicht nur von Nerven=
    ärzten, sondern von allen, die eine Geistes=
    wissenschaft betrieben, beachtet zu werden.

        Der Empfang aber, der ihr in der wissen=
    schaftlichen Welt bereitet wurde, war kein
    freundlicher. Etwa ein Jahrzehnt lang küm=
    merte sich niemand um die Arbeiten Freud's.
    (Etwa um das Jahr 1907 wurde durch eine
    Gruppe von Schweizer Psychiatern (Bleuler
    und Jung in Zürich) die Aufmerksamkeit
    auf die Psychoanalyse gelenkt und nun
    brach, besonders in Deutschland, ein Sturm
    der Entrüstung los, der in seinen Mitteln
    und Argumenten wahrlich nicht wählerisch
    war. Die Psychoanalyse teilte dabei das Schick=
    sal von so vielen Neuheiten, die dann nach
    Ablauf einer gewissen Zeit allgemeine
    Anerkennung gefunden haben. Allerdings
    lag es in ihrem Wesen, daß sie besonders
    heftigen Widerspruch erwecken mußte. Sie
    verletzte die Vorurteile der Kulturmenschheit
    an einigen besonders empfindlichen Stellen,

  • S.

    13   unterwarf gewissermaßen alle Menschen der analyt=
    ischen Reaktion, indem sie das aufdeckte, was
    durch allgemeines Übereinkommen ins Unbe=
    wußte verdrängt worden war, und zwang
    so die Zeitgenossen, sich wie die Kranken zu
    benehmen, die in der analytischen Behand=
    lung vor allem ihre Widerstände zum
    Vorschein bringen. Es muß auch zugestanden
    werden, daß es nicht leicht war, sich von
    der Richtigkeit der psychoanalytischen Lehren
    zu überzeugen oder Unterricht in der
    Ausübung der Analyse zu bekommen.

        Die allgemeine Feindseligkeit konnte indes nicht
    verhindern, daß sich die Psychoanalyse im
    Laufe des nächsten Jahrzehnts ständig nach
    zwei Richtungen ausdehnte; auf der Land=
    karte, indem sie in immer neuen Ländern
    auftauchte, und auf dem Felde der Geisteswis=
    senschaften, indem sie auf immer neue Disziplinen Anwendung
    fand. 1909 lud Präsident G. Stanley Hall Freud
    und Jung ein, an der von ihm geleiteten
    Clark University in Worcester, Mass., Vorlesungen
    über Psychoanalyse zu halten, denen auch eine
    freundliche Aufnahme zuteil wurde. Die
    Psychoanalyse ist seither in Amerika populär
    geblieben, wenngleich gerade in diesem Lande
    viel Seichtigkeit und mancher Mißbrauch sich
    mit ihrem Namen deckt. Schon 1911 konnte
    Havelock Ellis konstatieren, daß die Analyse
    nicht nur in Österreich und der Schweiz, sondern
    ebensowol in den Vereinigten Staaten, in
    England, Indien, Canada und gewiß auch in
    Australien gepflegt und betrieben werde.

        In dieser Zeit des Kampfes und der ersten
    Blüte entstanden auch die literarischen Organe,
    die ausschließlich der Psychoanalyse dienten. Es
    waren das „Jahrbuch für psychoanalytische und
    psychopathologische Forschungen“, herausgegeben
    von Bleuler und Freud, redigiert von
    Jung (1909—1914), das mit dem Ausbruch
    des Weltkrieges eingestellt wurde, das
    „Zentralblatt für Psychoanalyse“ (1911), redigiert
    von Adler und Stekel, das alsbald
    von der „Internat. Zeitschrift für Psycho=
    analyse“ (1913, heute im Xten Jahrgang) abgelöst
    wurde; ferner seit 1912 die von Rank
    und Sachs begründete „Imago“, eine Zeitschrift

  • S.

    14   für die Anwendung der Psychoanalyse auf
    die Geisteswissenschaften. Das große Interesse
    der anglo-amerikanischen Ärzte äußerte
    sich 1913 in der Gründung der noch jetzt beste=
    henden „Psychoanalytic Review“ durch White
    und Jelliffe. Später, 1920, trat das speziell
    für England bestimmte, von Ernest Jones
    redigierte „International Journal of
    Psycho-Analysis“ ins Leben. Der Internat.
    Psychoanalytische Verlag und das ihm ent=
    sprechende englische Unternehmen (I. Ps.A.
    Press) bringen unter dem Namen einer
    Internationalen Psychoanalytischen Bibliothek (Int. Ps.A. Library)
    eine fortlaufende Reihe analytischer
    Publikationen. Natürlich ist die Literatur
    der Psychoanalyse nicht ausschließlich in
    diesen periodischen Veröffentlichungen
    zu finden, die zumeist von psychoanalytis=
    schen Vereinigungen unterhalten werden,
    sondern an einer Unzahl von Stellen zerstreut,
    in wissenschaftlichen wie in literarischen Pro=
    duktionen. Unter den Zeitschriften der
    romanischen Welt, die der Psychoanalyse
    besondere Aufmerksamkeit schenken, ist
    die von H. Delgado in Lima (Peru) geleit=
    ete „Rivista de Psiquiatria“ hervorzuheben.

        Ein wesentlicher Unterschied dieses zweiten
    Jahrzehnts der Psychoanalyse vom ersten lag darin,
    daß Referent nicht mehr ihr einziger
    Vertreter war. Ein stetig wachsender Kreis
    von Schülern und Anhängern hatte sich um
    ihn gesammelt, deren Arbeit zuerst für
    die Ausbreitung der psychoanalytischen
    Lehren sorgte und dieselben dann fortführte,
    ergänzte und vertiefte. Von diesen Anhängern
    fielen im Laufe der Jahre, wie unvermeidlich,
    mehrere ab, gingen ihre eigenen Wege oder
    wandten sich zu einer Opposition, welche die
    Kontinuität in der Entwicklung der
    Psychoanalyse zu bedrohen schien. Zwischen 1911
    und 1913 waren es C. G. Jung in Zürich und
    Alfred Adler in Wien, die durch ihre
    Umdeutungsversuche an den analytischen
    Tatsachen und ihre Bestrebungen zur Ablenkung
    von den Gesichtspunkten der Psychoanalyse
    eine gewisse Erschütterung hervorriefen,

  • S.

    15   aber es zeigte sich bald, daß diese Sezessionen keinen
    nachhaltigen Schaden gestiftet haben. Was ihnen
    an zeitweiligem Erfolg zugefallen war, erklärte
    sich leicht aus der Bereitwilligkeit der Menge,
    sich vom Druck der psychoanalytischen Anfor=
    derungen befreien zu lassen, welchen Weg
    immer man ihnen dazu eröffnete. Die überwie=
    gende Mehrzahl der Mitarbeiter hielt aus
    und setzte die Arbeit längs der ihnen angezeigten
    Richtlinien fort. Wir werden ihren Namen
    in der nun folgenden, sehr verkürzten
    Darstellung der Ergebnisse der Psychoanalyse
    auf verschiedenen den mannigfachen Gebieten
    ihrer Anwendung wiederholt begegnen.

    IV

        Die geräuschvolle W Ablehnung welche der Psychoan=
    alyse von Seiten der ärztlichen Welt widerfuhr,
    hat ihre Anhänger nicht abhalten können,
    sie zunächst in ihrer ursprünglichen Absicht zu
    einer speziellen Pathologie und Therapie
    der Neurosen zu entwickeln, eine Aufgabe,
    welche auch gegenwärtig noch nicht vollkommen
    gelöst ist. Die unleugbaren Heilerfolge, welche
    weit über alles bisher Erreichte hinausgingen,
    spornten zu immer neuen Bemühungen an und
    die Schwierigkeiten, die sich bei tieferem Ein=
    dringen in die Materie erhoben, veranlaßten
    tiefgreifende Veränderungen der analytischen
    Technik und bedeutsame Korrekturen an
    den Annahmen und Voraussetzungen der
    Theorie.

        Die Technik der Psychoanalyse ist im Laufe dieser
    Entwicklung so bestimmt (definite) und so
    heikel (refined) geworden wie die irgend
    einer anderen medizinischen Spezialität. In Ver=
    kennung dieser Tatsache wird besonders in
    England und Amerika viel gesündigt, indem
    Personen, die sich durch Lektüre eine nur
    literarische Kenntnis der Psychoanalyse
    erworben haben, sich für befähigt halten,
    analytische Behandlungen zu unternehmen,
    ohne sich einer besonderen Schulung zu unter=
    ziehen. Die Erfolge eines solchen Vorgehens
    sind unheilvoll sowohl für die Wissenschaft wie
    für die Patienten und haben viel zur
    Diskreditierung der Psychoanalyse beigetragen.
    Die Gründung der ersten psychoanalytischen
    Poliklinik (durch M. Eitingon in Berlin,
    1920) ist daher ein Schritt von hoher praktischer
    Bedeutung geworden. Dieses Institut bemüht
    sich einerseits, die analytische Therapie weiten

  • S.

    16   Volkskreisen zugänglich zu machen, andrerseits
    übernimmt es die Ausbildung von Ärzten
    zu praktischen Analytikern in einem Lehr=
    kurs, welcher die Bedingung einschließt,
    daß der Lernende an sich selbst eine
    Psychoanalyse vollziehen läßt.

        Unter den Hilfsbegriffen, welche dem Arzt
    die Bewältigung des analytischen Materials
    ermöglichen, ist an erster Stelle der der
    „Libido“ zu nennen. Libido bedeutet in der
    Psychoanalyse zunächst die (als quantitativ veränder=
    lich und meßbar gedachte) Kraft der auf das
    Objekt gerichteten Sexualtriebe (in dem
    durch die analytische Theorie erweiterten Sinne).
    Bei weiterem Studium ergab sich die Nötigung,
    dieser „Objektlibido“ eine auf das eigene Ich
    gerichtete „narzißtische oder Ichlibido“ an
    die Seite zu stellen, und die Wechsel=
    wirkungen dieser beiden Kräfte haben es
    gestattet, von einer großen Anzahl normaler
    wie pathologischer Vorgänge im Seelen=
    leben Rechenschaft zu geben. Es ergab sich
    bald die grobe Scheidung der sogenannten
    „Übertragungsneurosen“ von den narzißtisch=
    en Affektionen, die ersteren (Hysterie und
    Zwangsneurose) als die eigentlichen Objekte
    der psychoanalytischen Therapie, während die
    anderen, die narzißtischen Neurosen, zwar
    die Untersuchung mit Hilfe der Analyse
    gestatten, aber einer therapeutischen Be=
    einflussung prinzipielle Schwierigkeiten bereiten.
    Es ist richtig, daß die Libido=
    theorie der Psychoanalyse keineswegs
    abgeschlossen und ihr Verhältnis zu einer
    allgemeinen Trieblehre noch nicht ge=
    klärt ist, die Psychoanalyse ist eben
    eine junge, durchwegs unfertige, in rascher
    Entwicklung begriffene Wissenschaft,
    aber es ist hier die Stelle zu betonen,
    wie irrig der Vorwurf des Pansexual=
    ismus ist, der so häufig gegen die Psycho=
    analyse erhoben wird. Er will besagen,
    daß die psychoanalytische Theorie keine
    anderen seelischen Triebkräfte als
    bloß sexuelle kennt, und macht sich dabei
    populäre Vorurteile zu Nutze, indem er
    „sexuell“ nicht im analytischen, sondern
    im vulgären Sinne verwendet.

  • S.

    17 181 Zu den narzißtischen Affektionen müßte
    die psychoanalytische Auffassung auch alle die
    Leiden rechnen, die in der Psychiatrie
    „funktionelle Psychosen“ genannt werden.
    Es ließ sich nicht bezweifeln, daß Neurosen und
    Psychosen nicht durch eine scharfe Grenze getrennt
    waren, so wenig wie Gesundheit und Neurose,
    und es lag zu nahe zur Erklärung der so
    rätselhaften psychotischen Phänomene die Ein=
    sichten heranzuziehen, die man an den bisher
    ebenso undurchsichtigen Neurosen gewonnen
    hatte. Schon Referent hatte in der Zeit seiner
    Vereinsamung einen Fall von paranoider Er=
    krankung durch analytische Untersuchung
    halbwegs verständlich gemacht und in dieser
    unzweideutigen Psychose dieselben Inhalte
    (Komplexe) und ein ähnliches Kräftespiel wie
    bei simplen Neurosen nachgewiesen. E. Bleuler
    verfolgte bei einer ganzen Anzahl von Psychosen
    die Anzeichen von dem, was er „Freud'sche
    Mechanismen“ nannte, und C. G. Jung erwarb
    sich mit einem Schlage ein großes Ansehen
    als Analytiker (als er 1901) für die absonder=
    lichsten Symptome in den Endausgängen
    der Dementia praecox die Aufklärung aus
    der individuellen Lebensgeschichte dieser
    Kranken gab. Die umfassende Bearbeitung
    der Schizophrenie durch Bleuler (1911)
    hat dann die Berechtigung psychoanalytischer
    Gesichtspunkte für die Auffassung dieser
    Psychosen in wahrscheinlich endgiltiger
    Weise dargetan.

        In solcher Art wurde die Psychiatrie das
    nächste Anwendungsgebiet der Psychoanalyse
    und ist es auch seither geblieben. Dieselben
    Forscher, welche am meisten für eine ver=
    tiefte analytische Kenntnis der Neurosen
    getan haben, wie K. Abraham in Berlin
    und S. Ferenczi in Budapest (um nur die
    hervorragendsten zu nennen), sind auch in
    der analytischen Durchleuchtung der Psychosen
    führend geblieben. Die Überzeugung von
    der Einheit und Zusammengehörigkeit all
    der Störungen, die sich uns als neurotische
    und psychotische Phänomene kundgeben, setzt
    sich trotz alles Sträubens der Psychiater
    immer stärker durch. Man fängt an zu ver=
    stehen, — vielleicht am besten in Amerika —,
    daß nur das psychoanalytische Studium der
    Neurosen die Vorbereitung für ein

  • S.

    18 182 Verständnis der Psychosen ergeben kann, daß
    die Psychoanalyse dazu berufen ist, eine
    wissenschaftliche Psychiatrie der Zukunft
    zu ermöglichen, die sich nicht mehr mit
    der Beschreibung sonderbarer Zustandsbilder,
    unbegreiflicher Abläufe, und mit der Ver=
    folgung des Einflusses grober anatomischer
    und toxischer Traumen auf den unseren
    Kenntnis unzugänglichen seelischen Apparat
    zu begnügen braucht.

    V.

        Aber niemals hätte die Psychoanalyse durch
    ihre Bedeutung für die Psychiatrie die
    Aufmerksamkeit der intellektuellen
    Welt auf sich gezogen oder einen Platz
    in "The History of our times" erobert.
    Diese Wirkung ging von der Beziehung der
    Psychoanalyse zum normalen Seelenleben
    aus. Ursprünglich beabsichtigte die analytische Forschung ja
    nichts anderes als die Entstehungsbeding=
    ungen (Genese) einiger krankhafter Seelenzustände
    zu ergründen, aber in dieser Bemühung
    gelangte sie dazu, Verhältnisse von grundleg=
    ender Bedeutung aufzudecken, geradezu
    eine neue Psychologie zu schaffen, so daß
    man sich sagen mußte, die Giltigkeit solcher
    Funde könne unmöglich auf das Gebiet
    der Pathologie beschränkt sein. Wir
    wissen bereits, wann der entscheidende
    Nachweis für die Richtigkeit dieses Schlusses
    erbracht wurde. Es war, als die Deutung
    der Träume durch die analytische Technik
    gelang, der Träume, die ja dem Seelen=
    leben der Normalen angehören und doch
    eigentlich pathologischen Produktionen
    entsprechen, die regelmäßig unter den
    Bedingungen der Gesundheit entstehen können.
    Hielt man an den psychologischen Einsichten
    fest, die man durch das Studium der Träume
    gewonnen hatte, so war nur noch ein Schritt
    zu tun, um die Psychoanalyse als Lehre
    von den tieferen, dem Bewußtsein nicht
    direkt zugänglichen, seelischen Vorgängen,
    als „Tiefenpsychologie“ zu proklamieren und
    auf fast sämtliche Geisteswissenschaften

  • S.

    19 183 anwenden zu können. Dieser Schritt bestand in
    dem Übergang von der seelischen Tätigkeit des
    Einzelmenschen zu den psychischen Leistungen von
    menschlichen Gemeinschaften und Völkern, also
    von der Individual- zur Massenpsychologie, und
    man sah sich durch so viele überraschende
    Analogien zu ihm gedrängt. So hatte man z. B.
    erfahren, daß in den tiefen Schichten unbe=
    wußter Geistestätigkeit Gegensätze nicht
    von einander unterschieden, sondern
    durch das nämliche Element ausgedrückt
    werden. Aber der Sprachforscher K. Abel hatte schon
    1884 die Behauptung aufgestellt („Über den
    Gegensinn der Urworte“), daß die ältesten
    uns bekannten Sprachen mit dem Gegensatz
    nicht anders verfahren sind. So hat das Altägypt=
    ische z. B. für stark und schwach zunächst nur ein
    Wort und erst später werden die beiden
    Seiten der Antithese durch leichte Modifikat=
    ionen auseinandergehalten. Noch in den modern=
    sten Sprachen lassen sich deutliche Überreste
    dieses Gegensinnes aufzeigen, so im deutschen
    „Boden“ — das Oberste wie das Unterste im Haus
    ähnlich wie „altus“ — hoch und tief — im Lateinischen.
    So ist die Gleichstellung der Gegensätze im
    Traum ein allgemeiner archaischer Zug
    menschlichen Denkens.

        Um ein Beispiel aus einem anderen Gebiet zu
    geben: es ist unmöglich sich dem Eindruck der
    vollen Übereinstimmung zu entziehen, die
    man zwischen den Zwangshandlungen gewisser
    Zwangskranker und den religiösen Betätig=
    ungen der Frommen in aller Welt entdeckt.
    Manche Fälle von Zwangsneurose benehmen sich
    geradezu wie eine karikierte Privatreligion,
    so daß man die offiziellen Religionen einer
    durch ihre Allgemeinheit ermäßigten Zwangs=
    neurose gleichsetzen möchte. Dieser für alle
    Gläubigen gewiß höchst anstößige Vergleich
    ist psychologisch doch sehr fruchtbar geworden.
    Denn für die Zwangsneurose ist es der Psycho=
    analyse bald bekannt worden, welche Kräfte
    hier mit einander ringen, bis ihre Konflikte
    sich den merkwürdigen Ausdruck durch
    das Zeremoniell der Zwangshandlungen ge=
    schaffen haben. Nichts ähnliches war für das
    religiöse Zeremoniell vermutet worden,
    bis es gelang, durch die Zurückführung

  • S.

    20 184 des religiösen Gefühls auf das Vaterverhältnis
    als seine tiefste Wurzel auch hier die analoge
    dynamische Situation nachzuweisen. Dies Beispiel
    mag übrigens den Leser daran mahnen,
    daß auch die Anwendung der Psychoanalyse
    auf nicht ärztliche Gebiete nicht umhin kann,
    hochgehaltene Vorurteile zu verletzen, an
    tiefwurzelnde Empfindlichkeiten zu rühren
    und so Feindschaften hervorzurufen, die
    eine wesentliche affektive Grundlage haben.

        Wenn wir die allgemeinsten Verhält=
    nisse des unbewußten Seelenlebens (die
    Konflikte der Triebregungen, Verdrängungen und Ersatz=
    befriedigungen) als überall vorhanden annehmen dürfen und
    wenn es eine Tiefenpsychologie gibt,
    welche zur Kenntnis dieser Verhältnisse
    führt, so ist es eine billige Erwartung, daß
    die Anwendung der Psychoanalyse auf die
    mannigfachsten Gebiete der menschlichen Geistes=
    tätigkeit überall wichtige und bisher un=
    erreichbare Resultate zu Tage fördern
    wird. Eine überaus gehaltvolle Studie
    von Otto Rank und H. Sachs hat sich bemüht
    zusammenzustellen, inwieweit die
    Arbeit der Psychoanalytiker diese
    Erwartungen bis zum Jahre 1913 erfüllen
    konnte. Der Raummangel verbietet es mir,
    hier eine Vervollständigung dieser
    Aufzählung zu versuchen. Ich kann nur
    das wichtigste Ergebnis herausheben und
    einige Einzelheiten daran anlehnen.

        Wenn man von wenig bekannten inneren
    Antrieben absieht, so darf man sagen, der
    Hauptmotor der menschlichen Kulturentwick=
    lung ist die äußere reale Not gewesen,
    die ihm die bequeme Befriedigung seiner
    natürlichen Bedürfnisse verweigerte und ihn
    übergroßen Gefahren preisgab. Diese
    äußere Versagung zwang ihn zum Kampf
    mit der Realität, der teils in Anpassung
    an dieselbe, teils in Beherrschung derselben
    ausging, aber auch zur Arbeitsgemeinschaft
    und zum Zusammenleben mit seines=
    gleichen, womit bereits ein Verzicht
    auf mancherlei sozial nicht zu befriedig=
    ende Triebregungen verbunden war.

  • S.

    21 185 Mit den weiteren Fortschritten der Kultur
    wuchsen auch die Ansprüche der Verdrängung.
    Die Kultur ist doch überhaupt auf Triebverzicht
    aufgebaut und jedes einzelne Individuum
    soll auf seinem Wege von der Kindheit
    zur Reife an seiner Person diese Entwick=
    lung der Menschheit zur verständigen Re=
    signation wiederholen. Die Psychoanalyse
    hat gezeigt, daß es vorwiegend, wenn auch
    nicht ausschließlich, sexuelle Triebregungen
    sind, welche dieser kulturellen Unterdrückung
    verfallen. Ein Teil derselben wird in der
    wertvollen Eigenschaft, sich von ihren nächsten
    Zielen ablenken zu lassen und so als
    „sublimierte“ Strebungen ihre Energie
    der kulturellen Entwicklung zur Ver=
    fügung zu stellen. Ein anderer Anteil
    bleibt aber als unbefriedigte Wunschregung
    im Unbewußten bestehen und drängt
    nach irgend welcher, wenn auch entstellter,
    Befriedigung.

        Wir haben gehört, daß ein Stück der Geistes=
    tätigkeit (menschlichen) auf die Bewältig=
    ung der Außenwelt, realen, gerichtet ist.
    Nun fügt die Psychoanalyse hinzu, ein and=
    eres, besonders hochgeschätztes Stück der
    seelischen Schaffens dient der Wunscher=
    füllung, der Ersatzbefriedigung jener ver=
    drängten Wünsche, die seit den Jahren der
    Kindheit unbefriedigt in der Seele eines
    jeden wohnen. Zu diesen Schöpfungen, deren
    Zusammenhang mit einem unfaßbaren Un=
    bewußten immer vermutet wurde, gehören
    Mythus, Dichtung und Kunst, und wirklich
    hat die Arbeit der Psychoanalytiker eine
    Fülle von Licht auf die Gebiete der Mytho=
    logie, der Literaturwissenschaft und der
    Künstlerpsychologie geworfen; als Vorbild
    sei hier nur die Leistung von O. Rank
    hervorgehoben erwähnt. Man hat gezeigt,
    daß Mythen und Märchen eine Deutung
    zulassen wie die Träume, hat die verschlung=
    enen Wege verfolgt, die vom Antrieb
    des unbewußten Wunsches bis zur Realisier=
    ung im Kunstwerk führen, hat die affektive

  • S.

    22 186 Wirkung des Kunstwerks auf den Empfänger
    verstehen gelernt und beim Künstler
    selbst dessen innere Verwandtschaft und
    Verschiedenheit vom Neurotiker geklärt
    und den Zusammenhang zwischen seiner
    Anlage, seinem zufälligen Erleben und
    seiner Leistung aufgezeigt. Die ästhet=
    ische Würdigung des Kunstwerks sowie
    die Aufklärung der künstlerischen Be=
    gabung kommen zwar als Aufgaben
    für die Psychoanalyse nicht in Betracht.
    Es scheint aber, daß die Psychoanalyse im Stande
    ist in all den Fragen, die das mensch=
    liche Phantasieleben betreffen, das
    entscheidende Wort zu sprechen.

        Und nun zudritt: Die Psychoanalyse hat uns
    zu unserem wachsenden Erstaunen er=
    kennen lassen, welch ungeheuer große
    Rolle die Bedeutung der sogenannte Oedipuskom=
    plex, d. i. die affektive Beziehung des
    Kindes zu seinen beiden Eltern, im
    Seelenleben des Menschen spielt. Dies Erstaunen
    ermäßigt sich, wenn wir erfassen, daß
    der Oedipuskomplex das psychische Kor=
    relat zweier fundamentaler biolog=
    ischer Tatsachen ist, der langen infantilen
    Abhängigkeit des Menschen und der
    merkwürdigen Art, wie sein Sexualleben
    im 3-5 Jahr des Lebens einen ersten Höhe=
    punkt erreicht, um dann nach einer
    Periode der Hemmung mit der Pubertät
    neu einzusetzen. Dann aber eröffnete sich
    die Einsicht, daß ein drittes höchst ernst=
    haftes Stück der menschlichen Geistestätig=
    keit, jenes, das die großen Institut=
    ionen der Religion, des Rechts, der
    Ethik und all der Formen der Staatlich=
    keit geschaffen hat, im Grunde darauf
    abzielt, dem Einzelnen die Bewältigung
    seines Oedipuskomplexes zu ermög=
    lichen und seine Libido aus ihren
    infantilen Bindungen in die end=
    giltig erwünschten sozialen überzu=
    leiten. Die Anwendungen der

  • S.

    23 187 Psychoanalyse auf Religionswissenschaft und
    Soziologie werden (Referent, Th. Reik, O. Pfister)
    die zu diesem Ergebnis geführt haben sind
    noch jung und nicht genügend gewürdigt
    aber es ist nicht zu bezweifeln, daß weitere
    Studien die Sicherheit dieser wichtigen
    Aufschlüsse nur erhöhen werden.

        Wie als Anhang muß ich noch erwähnen, daß auch
    die Pädagogik es nicht unterlassen kann
    sich die Winke zu Nutze zu machen, die
    ihr die analytische Erforschung des kind=
    lichen Seelenlebens giebt. Ferner, daß
    sich unter den analytischen Therapeuten
    Stimmen erhoben haben (Groddeck, Jelliffe)
    die auch die psychoanalytische Behandlung
    schwerer organischer Leiden für aussichts=
    voll erklären, da bei vielen dieser
    Affektionen auch ein psychischer Faktor mit=
    gewirkt hat, auf den man Einfluß gewinnen
    kann.

        So darf man die Erwartung aussprechen, daß
    die Psychoanalyse, deren Entwicklung und
    bisherige Leistung hier in knapper und
    unzureichender Weise dargestellt wurde
    als ein bedeutsames Ferment in die Kultur=
    entwicklung der nächsten Dezennien
    eingehen und dazu verhelfen wird, unser
    Weltverständnis zu vertiefen und
    manchem im Leben als schädlich Erkanntem
    zu widerstreben. Nur vergesse man nicht
    daran, daß die Psychoanalyse für sich
    allein ein vollständiges Weltbild
    nicht liefern kann. Wenn man die
    Unterscheidung annimmt, welche ich kürzlich
    vorgeschlagen habe, die den seelischen
    Apparat in ein der Außenwelt zuge=
    wendetes, mit Bewußtsein ausgestattetes
    Ich und ein unbewußtes, von seinen
    Triebbedürfnissen beherrschtes Es zerlegt,
    so ist die Psychoanalyse als eine Psychologie
    des Es (und dessen seiner Einwirkungen auf das
    Ich) zu bezeichnen. Sie kann also auf jedem
    Wissensgebiet nur Beiträge liefern, welche
    aus der Psychologie des Ichs zu ergänzen sind.

  • S.

    24 188 Wenn diese Beiträge oft gerade das Wes=
    entliche eines Tatbestandes enthalten, so
    entspricht dies nur der Bedeutung,
    welche das lange unerkannt gebliebene
    seelisch Unbewußte für unser Leben bean=
    spruchen darf.

    W. XI. 23.