S.
27
Die Geschichte der Psychoanalyse.
von
Sigm. Freud
I.Die Psychoanalyse ist sozusagen mit dem zwanzigsten
Jahrhundert geboren; die Veröffentlichung mit
welcher sie als etwas Neues vor die
Welt tritt, meine „Traumdeutung“ trägt
die Jahreszahl 1900. Aber sie ist, wie selbstver=
ständlich, nicht aus dem Stein gesprungen
oder vom Himmel gefallen, sie knüpft an
Älteres an, das sie fortsetzt, sie geht aus An=
regungen hervor, die sie verarbeitet. So muß
ihre Geschichte mit der Schilderung der Einflüsse
beginnen, die für ihre Entstehung maßgebend
waren, und darf auch der Zeiten und der Zu=
stände vor ihrer Schöpfung nicht vergessen.Die Psychoanalyse ist auf einem eng
begrenzten Boden erwachsen. Sie kannte
ursprünglich nur das eine Ziel, etwas von der
Natur der sogenannt „funktionellen“ Nerven=
krankheiten zu verstehen, um die bisherige
ärztliche Ohnmacht in der Behandlung derselben
zu überwinden. Die Ärzte dieser Zeit waren
in derWertschätzungHochschätzung chemisch physikalischer und
pathologisch-anatomischer Tatsachen erzogen worden,
sie standen zuletzt unter dem Eindruck der
Funde von Hitzig und Fritsch, Ferrier, Goltz
u. A. welche eine innige, vielleicht eine aus=
schließliche Bindung gewisser Funktionen
an bestimmte Teile des Gehirns zu er=
weisen schienen. Mit dem psychischen Moment
wußten sie nichts anzufangen, sie konnten
es nicht erfassen, überließen es den Philo=
sophen undMystikernKurpfuschern und
hielten es auch für unwissenschaftlich sich
mit ihm abzugeben. Dementsprechend er=
öffnete sich auch kein Zugang zu den Geheim=
nissen der Neurosen, vor allem der
rätselhaften „Hysterie“, die ja das Vorbild der
ganzen Gattung war. Noch als ich 1885 an der
Salpêtrière hospitierte, erfuhr ich, daß man
sich für die hysterischen Lähmungen mit
der Formel begnügte, sie seien in leichten
funktionellen Störungen derselben Hirn=
partien begründet, deren schwere
Schädigung die entsprechende organische
Lähmung hervorrufe.S.
S.
2 Unter dem Mangel an Verständnis litt
natürlich auch die Therapie dieser Krank=
heitszustände. Sie bestand im allgemeinen
in „roborierenden“ Maßnahmen, in der Ver=
abreichung von Arzneimitteln und in meist
sehr unzweckmäßigen, unfreundlich ausgeführ=
ten Versuchen zur seelischen Beein=
flussung wie Einschüchterungen, Verspott=
ungen, Mahnungen, seinen Willen aufzu=
bieten(to make an effort), sich zusammen=
zu nehmen. Als spezifische Therapie der
nervösen Zustände wurde die elektrische
Behandlung ausgegeben, aber wer diese
je nach den detaillierten Vorschriften
von W. Erb auszuüben unternahm,
durfte sich verwundern, welchen Raum
die Phantasie auch in der angeblich exak=
ten Wissenschaft behaupten konnte.Die entscheidende Wendung trat ein, als in
den achtziger Jahren die Phänomene des
Hypnotismus wieder einmal um Einlaß
in die medizinische Wissenschaft warben,
diesmal dank der Arbeit von Liébault,
Bernheim, Heidenhain, Forel mit besserem
Erfolg als schon so oft vorher. Es kam vor
allem darauf an, daß man die Echtheit dieser
Erscheinungen anerkannte. War dies zuge=
standen, so mußte man aus dem Hypnotis=
mus zwei grundlegende und unvergeß=
liche Lehren ziehen. Erstens überzeugte
man sich, daß auffällige körperliche Ver=
änderungen doch nur der Erfolg von
seelischen Einflüssen waren, die man
in diesem Falle selbst in Tätigkeit gerufen
hatte; zweitens bekam man besonders aus
dem Verhalten der Versuchspersonen
nach der Hypnose den deutlichsten Ein=
druck von der Existenz solcher seelischer
Vorgänge, die man nur „unbewußte“
nennen konnte. Das „Unbewußte“ stand
zwar schon seit langem als theoretischer
Begriff bei den Philosophen zur
Diskussion, aber hier in den Erschei=
nungen des Hypnotismus wurde es
zuerst lebhaft, handgreiflich und
Gegenstand des Experiments. Es kam hinzu,
daß diese hypnotischen Phänomene eine unver=
kennbare Ähnlichkeit mit den ÄußerungenS.
mancher Neurosen zeigten.
Man kann die Bedeutung des Hypnotismus
für die Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse
nicht leicht überschätzen. In theoretischer wie
in therapeutischer Hinsicht verwaltet die
Psychoanalyse ein Erbe, das sie vom
Hypnotismus übernommen hat.Die Hypnose erwies sich auch als ein wertvolles Hilfsmittel
zum Studium der Neurosen, wiederum in erster
Linie der Hysterie. Einen großen Eindruck machten
die Versuche von Charcot, der vermutet hatte,
daß gewisse Lähmungen, die nach Trauma (Un=
fall) aufgetreten waren, hysterischer Natur
seien, und nun durch die Suggestion eines
Traumas in der Hypnose Lähmungen von dem
nämlichen Charakter künstlich hervorrufen
konnte. Es verblieb seitdem die Erwartung,
daß traumatische Einflüsse ganz allgemein an
der Entstehung der hysterischen Symptome be=
teiligt sein könnten. Charcot selbst bemühte
sich weiter nicht um ein psychologisches Ver=
ständnis der hysterischen Neurose, aber
sein Schüler P. Janet nahm diese Studien
auf und konnte mit Hilfe der Hypnose zeigen,
daß die Krankheitsäußerungen der
Hysterie in fester Abhängigkeit von gewissen
unbewußten Gedanken (idées fixes) stehen.
Janet charakterisierte die Hysterie durch eine
von ihm angenommene konstitutionelle Unfähig=
keit, die seelischen Vorgänge zusammenzuhalten,
aus der ein Zerfall (Dissoziation) des Seelenlebens
hervorgehe.Die Psychoanalyse knüpfte aber keineswegs
an diese Forschungen Janets an. Für sie
wurde die Erfahrung eines Wiener
Arztes, Dr. Josef Breuer, maßgebend, der
unabhängig von dem fremden Einfluß um
das Jahr 1881 ein hysterisch erkranktes
Mädchen von hoher Begabung mit Hilfe
der Hypnose studieren und herstellen konnte.
Breuer's Ergebnisse sind der Öffentlichkeit
erst fünfzehn Jahre später mitgeteilt
worden, nachdem er den Referenten
(Freud) zum Mitarbeiter angenommen
hatte. Der von ihm behandelte Fall hat
seine einzigartige Bedeutung für unser
Verständnis der Neurosen bis auf den
heutigen Tag behalten, so daß es unvermeid=
lich ist, länger bei ihm zu verweilen.S.
4 Es ist notwendig klar zu erfassen, worin die
Eigentümlichkeit des Breuer'schen Falles bestand.
Das Mädchen war an der Pflege ihres zärtlich
geliebten Vaters erkrankt. Breuer konnte
ihr nachweisen, daß alle ihre Symptome sich
auf diese Krankenpflege bezogen und durch
sie ihre Aufklärung fanden. Es war also
zum ersten Mal ein Fall der rätselhaften
Neurose restlos durchschaut worden und
alle Krankheitserscheinungen hatten sich
als sinnvoll herausgestellt. Ferner war
es ein allgemeiner Charakter der Symptome,
daß sie in Situationen entstanden waren,
welche einen Impuls zu einer Handlung
enthielten, der aber dann nicht ausgeführt
worden war, sondern infolge anderer
Motive unterdrückt worden war. An
Stelle dieser unterbliebenen Aktionen
waren eben die Symptome aufgetreten.
Somit wurde man für die Ätiologie der
hysterischen Symptome auf das Gefühlsleben
(die Affektivität) und auf das Spiel
der seelischen Kräfte (den Dynamismus)
verwiesen, und diese beiden Gesichtspunkte
sind seither niemals wieder fallen ge=
lassen worden.Die Anlässe für die Entstehung der Symptome
wurden von Breuer den Charcot'schen
Traumen gleichgestellt. Es war nun bemerkens=
wert, daß diese traumatischen Anlässe und
alle seelischen Regungen, die sich an sie knüpften
für die Erinnerung der Kranken verloren
waren, während deren Wirkungen, eben
die Symptome, unveränderlich fortbestanden,
als ob es für sie keine Abnützung
durch die Zeit gäbe. Man hatte also hier
einen neuen Beweis für die Existenz
unbewußter, aber gerade darum besonders
mächtiger, seelischer Vorgänge gefunden,
wie man sie zuerst an den posthypnotischen
Suggestionen kennengelernt hatte. Die
Therapie, die Breuer übte, bestand darin, daß
er die Kranke in der Hypnose veranlaßte,
die vergessenen Traumen zu
erinnern und mit kraftvollen Affekt=
äußerungen auf sie zu reagieren. Dann
verschwand das Symptom, das bisher an
Stelle einer solchen Gefühlsäußerung
gestanden war. Dasselbe Verfahren dienteS.
5 also gleichzeitig der Erforschung und der Beseitig=
ung des Leidens und auch diese ungewöhn=
liche Vereinigung wurde von der späteren
Psychoanalyse festgehalten.Nachdem Referent in den ersten neunziger
Jahren die Breuer'schen Ergebnisse an
einer größeren Anzahl von Kranken
bestätigt hatte, entschlossen sich die beiden,
Breuer und Freud, zu einer Publikation,
welche ihre Erfahrungen und den Versuch
einer auf sie gegründeten Theorie ent=
hielt. (Studien über Hysterie 1895). Diese
sagte aus, das hysterische Symptom entstehe
wenn der Affekt eines stark affektiv
besetzten seelischen Vorgangs von der
normalen bewußten Verarbeitung
abgedrängt und somit auf eine falsche Bahn
gewiesen werde. Er gehe dann im Falle der
Hysterie in ungewöhnliche Körperinnervation
über (Konversion), könne aber durch
Auffrischung des Erlebnisses in der Hypnose
anders gelenkt und erledigt werden (Ab=
reagieren). Die Autoren nannten ihr Ver=
fahren Katharsis (Reinigung, Befreiung vom
eingeklemmten Affekt).Die kathartische Methode ist der unmittelbare
Vorläufer der Psychoanalyse und trotz
aller Erweiterungen der Erfahrung und
aller Modifikationen der Theorie immer
noch als Kern in ihr enthalten. Aber sie
war nichts anderes als ein neuer Weg zur
ärztlichen Beeinflussung gewisser nervöser
Erkrankungen und nichts ließ ahnen, daß
sie Gegenstand des allgemeinsten Inter=
esses und des heftigsten Widerspruches
werden könnte.II.
Bald nach der Veröffentlichung der „Studien über
Hysterie“ brach die Arbeitsgemeinschaft von
Breuer und Freud zusammen. Breuer, der
eigentlich Internist war, gab die Behandlung
von Nervenkranken auf, Freud bemühte
sich, das ihm von dem älteren Kollegen
überlassene Instrument weiter zu vervoll=
kommnen; die technischen Neuerungen, die
er einführte, und die Funde, die er
machte, wandelten das kathartische Ver=
fahren in die Psychoanalyse um.S.
6 Der folgenschwerste Schritt war wol der, daß er
sich entschloß auf das technische Hilfsmittel
der Hypnose zu verzichten. Er tat es aus zwei
Motiven, erstens weil es ihm, trotz eines
Unterrichtskurses bei Bernheim in Nancy,
nicht gelang, eine genügend große Anzahl von
Patienten in Hypnose zu versetzen und
zweitens weil er mit den therapeutischen
Erfolgen der auf Hypnose gegründeten
Katharsis unzufrieden war. Diese Erfolge
waren zwar sehr auffällig und traten
nach kurzer Behandlungsdauer auf, er=
wiesen sich aber als nicht haltbar
und allzu abhängig vom persönlichen
Verhältnis des Patienten zum Arzte.
Das Aufgeben der Hypnose bedeutete einen Bruch
mit der bisherigen Entwicklung des Verfahrens
und einen neuen Anfang.Die Hypnose hatte aber den Dienst geleistet
das vom Kranken Vergessene seiner
bewußten Erinnerung zuzuführen. Sie
mußte durch eine andere Technik ersetzt
werden. Freud verfiel damals darauf, an
ihre Stelle die Methode der freien Assozia=
tion zu setzen, d. h. er verpflichtete die
Kranken dazu, auf alles bewußte Nach=
denken zu verzichten und sich in ruhiger
Konzentration der Verfolgung ihrer
spontanen (ungewollten) Einfälle hin=
zugeben („die Oberfläche ihres Bewußtseins
abzutasten“). Diese Einfälle sollten sie dem
Arzt mitteilen, auch wenn sie Einwendungen
dagegen verspürten, wie z. B. der Gedanke sei
zu unangenehm, zu unsinnig oder zu un=
wichtig oder er gehöre nicht hieher.Die Wahl der freien Assoziation als Hilfsmittel
zur Erforschung des vergessenen Unbewußten
erscheint so befremdend, daß ein Wort
zu ihrer Rechtfertigung nicht überflüssig
sein wird. Freud wurde dabei von der Er=
wartung geleitet, daß sich die sogenannt
„freie Assoziation“ in Wirklichkeit
als unfrei erweisen werde, indem nach
der Unterdrückung aller bewußten
Denkabsichten eine Determinierung der
Einfälle durch das unbewußte Material
zum Vorschein käme. Diese Erwartung
ist durch die Erfahrung gerechtfertigt
worden. Durch die Verfolgung der
freien Assoziation unter Einhaltung
der oben gegebenen „analytischen
Grundregel“ erhielt man ein reiches
Material von Einfällen, welches aufS.
7 die Spur des vom Kranken Vergessenen
führen konnte. Dies Material brachte
zwar nicht das Vergessene selbst, aber
so deutliche und reichliche Andeutungen
desselben, daß der Arzt mit gewissen Ergänz=
ungen und Deutungen das Vergessene
daraus erraten (rekonstruieren) konnte.
Freie Assoziation und Deutungskunst
leisteten also nun das Gleiche wie früher
die Versetzung in Hypnose.Anscheinend hatte man sich die Arbeit sehr
erschwert und kompliziert; der unschätzbare
Gewinn war aber, daß man Einblick
in ein Kräftespiel gewann, welches dem
Beobachter durch den hypnotischen Zustand
verhüllt worden war. Man erkannte,
daß sich die Arbeit zur Aufdeckung des patho=
genen Vergessenen gegen einen
beständigen und sehr intensiven Wider=
stand zu wehren hatte. Schon die krit=
ischen Einwendungen, mit denen der
Patient die in ihm auftauchenden Ein=
fälle von der Mitteilung hatte ausschließen
wollen und gegen welche die analytische
Grundregel gerichtet war, waren Äuße=
rungen dieses Widerstandes gewesen.
Aus der Würdigung der Widerstandsphänomene
ergab sich einer der Grundpfeiler der psychoanaly=
tischen Neurosenlehre, die Theorie der
Verdrängung. Es lag nahe anzunehmen,
daß dieselben Kräfte, die sich gegenwärtig
gegen die Bewußtmachung des pathogenen
Materials sträubten, dasselbe Bestreben
auch seinerzeit mit Erfolg geäußert hatten.
Nun war eine Lücke in der Ätiologie
der neurotischen Symptome ausgefüllt.
Die Eindrücke und seelischen Regungen, für
welche jetzt die Symptome als Ersatz standen,
waren nicht grundlos oder infolge einer
konstitutionellen Unfähigkeit zur Syn=
these, wie Janet meinte, vergessen wor=
den, sondern sie hatten durch den Einfluß
anderer seelischer Kräfte eine Ver=
drängung erfahren, deren Erfolg und
Zeichen eben ihre Abhaltung vom Bewußt=
sein und ihr Ausschluß aus der Erinnerung
war. Erst infolge dieser Verdrängung
waren sie pathogen geworden, d. h. sie
hatten sich auf ungewöhnlichem Wegen einen
Ausdruck als Symptome geschafft.S.
8 Als Motiv der Verdrängung und somit als
Ursache jeder neurotischen Erkrankung
mußte man den Konflikt zwischen zwei
Gruppen von seelischen Strebungen ansehen.
Und nun lehrte die Erfahrung eine ganz
neue und überraschende Tatsache über die
Natur der mit einander ringenden Kräfte
kennen. Die Verdrängung ging regel=
mäßig von der bewußten Persön=
lichkeit (dem Ich) des Erkrankten aus
und berief sich auf ethische und
ästhetische Motive; von der Verdrängung betroffen
wurden Regungen von Selbstsucht und
Grausamkeit, die man allgemein als
böse zusammenfassen kann, vor allem aber
sexuelle Wunschregungen, oft von der
grellsten und verbotensten Art. Die
Krankheitssymptome waren also ein Ersatz
für verbotene Befriedigungen und
die Krankheit schien einer unvollkommenen
Bändigung des Unmoralischen im Menschen
zu entsprechen.Der Fortschritt der Erkenntnis machte es immer
deutlicher, welch ungeheuer große Rolle die sexuellen
Wunschregungen im Seelenleben spielen, und
gab die Veranlassung, die Natur und Ent=
wicklung des Sexualtriebes eingehend zu
studieren. (Freud: Drei Abhandlungen zur Sexual=
theorie. 1905.) Man stieß aber auch auf ein
anderes, rein empirisches Ergebnis, indem
man entdeckte, daß die Erlebnisse und
Konflikte der ersten Kinderjahre eine
ungeahnt wichtige Rolle in der Entwick=
lung des Individuums spielen und unver=
wischbare Dispositionen für die Zeit der
Reife zurücklassen. So kam man dazu
etwas aufzudecken, was bisher von der
Wissenschaft grundsätzlich übersehen
worden war, die infantile Sexualität,
die sich vom zartesten Alter an in körper=
lichen Reaktionen wie in seelischen
Einstellungen äußert. Um diese kindliche
Sexualität mit der sogenannt normalen
der Erwachsenen und dem abnormen
Sexualleben der Perversen zusammen
zubringen, mußte der Begriff des Sexuellen
selbst eine Berücksichtigung und Erweiter=
ung erfahren, die sich durch die Ent=
wicklungsgeschichte des Sexualtriebs
rechtfertigen ließ.S.
9 Seit dem Ersatz der Hypnose durch die
Technik der freien Assoziation war das
kathartische Verfahren Breuer's zur
Psychoanalyse geworden, die nun durch
länger als ein Jahrzehnt von dem Refer=
enten (Freud) allein entwickelt wurde.
Die Psychoanalyse kam in dieser Zeit allmählich
in den Besitz einer Theorie, welche über
die Entstehung, den Sinn und die Absicht
der neurotischen Symptome zureichende
Auskunft zu geben schien und eine ration=
elle Grundlage für die ärztlichen Be=
mühungen zur Aufhebung des Leidens lief=
erte. Ich will die Momente, welche den In=
halt dieser Theorie ausmachen, nochmals
zusammenstellen. Es sind: die Betonung
des Trieblebens (Affektivität), der seelischen
Dynamik, der durchgehenden Sinnhaftigkeit
und Determinierung auch der anscheinend
willkürlichsten seelischen Phänomene,
die Lehre vom psychischen Konflikt und von
der pathogenen Natur der Verdrängung,
die Auffassung der Krankheitssymptome als
Ersatzbefriedigungen, die Erkenntnis von
der ätiologischen Bedeutung des Sexuallebens,
insbesondere der Ansätze zur kindlichen Sexualität.
In philosophischer Hinsicht mußte diese Theorie den
Standpunkt einnehmen, daß das Seelische
nicht mit dem Bewußten zusammenfalle,
daß die seelischen Vorgänge an sich unbe=
wußt seien und nur durch die Leistung be=
sonderer Organe (Instanzen, Systeme) bewußt
gemacht würden. Ich füge als ergänzend zu
dieser Aufzählung hinzu, daß sich unter den
affektiven Einstellungen der Kindheit die
komplizierte Gefühlsbeziehung zu den
Eltern, der sog. Oedipuskomplex, hervorhob
in welchem man immer deutlicher den Kern
eines jeden Falles von Neurose erkannte
und daß im Benehmen des Analysierten gegen
den Arzt gewisse Erscheinungen der Gefühls=
übertragung auffielen, welche für die Theorie wie
für die Technik gleich große Bedeutung
gewannen.Die psychoanalytische Theorie der Neurosen enthielt
in dieser Ausgestaltung schon manches, was
herrschenden Meinungen und Neigungen
zuwiderlief und bei Fernstehenden Be=S.
10 fremden, Abneigung und Unglauben hervor=
rufen konnte. So die Stellungnahme zum
Problem des Unbewußten, die Aner=
kennung einer kindlichen Sexualität
und die Betonung des sexuellen Mo=
ments im Seelenleben überhaupt, aber
es sollte noch anderes hinzukommen.III
Um halbwegs zu verstehen, wie sich bei einem
hysterischen Mädchen ein verbotener sexueller
Wunsch in ein schmerzhaftes Symptom um=
setzen kann, hatte man tiefgehende und
verwickelte Annahmen über Struktur und
Leistung des seelischen Apparats machen
müssen. Das war ein offenbarer Wider=
spruch zwischen Aufwand und Erfolg. Wenn
die von der Psychoanalyse behaupteten
Verhältnisse wirklich bestanden, so waren
sie fundamentaler Natur und mußten
sich auch in anderen Phänomenen als
den hysterischen äußern können. Traf
diese Folgerung aber zu, so hätte die
Psychoanalyse aufgehört, nur für Neurologen
interessant zu sein; sie durfte dann Anspruch
auf die Aufmerksamkeit aller erheben,
denen psychologische Forschung etwas be=
deutete. Ihre Ergebnisse kamen dann
nicht nur für das Gebiet des patholog=
ischen Seelenlebens in Betracht, sondern
durften auch für das Verständnis der
normalen Funktion nicht vernachlässigt
werden.Der Nachweis ihrer Brauchbarkeit zur Auf=
klärung anderer als krankhafter Seelen=
tätigkeit gelang der Psychoanalyse früh=
zeitig an zweierlei Phänomenen, bei
den so häufigen alltäglichen Fehlleist=
ungen (Vergessen, Versprechen, Verlegen
usw), und bei den Träumen gesunder
und psychisch normaler Menschen.
Die kleinen Fehlleistungen, wie das zeitweilige
Vergessen von sonst bekannten Eigennamen,
das Versprechen, Verschreiben und ähnliches
waren bisher einer Erklärung
überhaupt nicht gewürdigt worden oder sollten
in Zuständen von Ermüdung, Ablenkung
der Aufmerksamkeit u. dgl. ihre Aufklärung
finden. Referent wies nun in seinerS.
11 „Psychopathologie des Alltagslebens“ (1901 und 1904)
an zahlreichen Beispielen nach, daß solche Vor=
kommnisse sinnreich sind und durch die Störung
einer bewußten Intention durch eine andere,
unterdrückte, oft direkt unbewußte, ent=
stehen. Meist reicht eine rasche Besinnung oder
eine kurze Analyse, um den störenden
Einfluß aufzufinden. Bei der Häufigkeit
solcher Fehlleistungen wie das Versprechen
wird es jedermann leicht gemacht, sich an
der eigenen Person die Überzeugung von
der Existenz nicht bewußter seelischer Vorgänge
zu holen, die doch wirksam sind und sich
wenigstens als Hemmungen und Modifikationen
anderer, beabsichtigter, Akte Ausdruck ver=
schaffen.Weiter führte die Analyse der Träume, die
Referent schon 1900 in der „Traumdeutung“
der Öffentlichkeit vorlegte. Es ergab sich aus
ihr, daß der Traum nicht anders gebaut ist
als ein neurotisches Symptom. Er mag wie
ein solches fremdartig und sinnlos erscheinen;
wenn man ihn mittels einer Technik unter=
sucht, die sich von der in der Psychoanalyse
verwendeten freien Assoziation wenig
unterscheidet, gelangt man von seinem mani=
festen Inhalt zu einem geheimen Sinn des
Traumes, zu den latenten Traumgedanken.
Dieser latente Sinn ist allemal eine Wunsch=
regung, die als in der Gegenwart erfüllt
dargestellt wird. Aber außer bei kleinen
Kindern oder unter dem Druck imperativer
Körperbedürfnisse kann dieser geheime
Wunsch niemals kenntlich ausgesprochen
werden. Er muß sich erst eine Entstellung
gefallen lassen, welche das Werk einschränkender,
zensurierender Kräfte im Ich des Träumers
ist. So entsteht der manifeste Traum, wie
er im Wachen erinnert wird, zur Unkenntlichkeit entstellt durch die Kon=
zessionenals ein Kom=promißan die Traumzensur, durch die
Analyse aber noch als Ausdruck einer
Befriedigungssituation oder Wunscherfüllung
zu entlarven, ein Kompromiß
zwischen zwei miteinander ringenden
Gruppen seelischer Strebungen, ganz so,
wie wir es für das hysterische Symptom ge=
funden haben. Die Formel: der Traum
ist eine (verkappte) Erfüllung einesS.
12 (verdrängten) Wunsches, trifft im Grunde
das Wesen des Traumes am besten. Durch
das Studium jenes Prozesses, der den
latenten Traumwunsch in den mani=
festen Trauminhalt umwandelt (die
Traumarbeit), haben wir das beste, was wir
vom unbewußten Seelenleben wissen,
erfahren.Nun ist der Traum kein krankhaftes Symptom,
sondern eine Leistung des normalen Seelen=
lebens. Die Wünsche, die er als erfüllt darstellt,
sind die nämlichen, die in der Neurose der
Verdrängung verfallen. Der Traum verdankt
die Möglichkeit seiner Entstehung bloß
dem günstigen Umstand, daß sich während
des Schlafzustandes, der die Motilität des
Menschen lähmt, die Verdrängung zur
Traumzensur ermäßigt. Doch wenn die Traum=
bildung gewisse Grenzen überschreitet, macht
ihm der Träumer ein Ende und wacht er=
schreckt auf. Es ist also erwiesen, daß im nor=
malen Seelenleben dieselben Kräfte
und dieselben Vorgänge zwischen ihnen bestehen
wie im krankhaften.Von der Traumdeutung an hatte die Psychoanalyse
eine zweifache Bedeutung, sie war nicht
nur eine neue Therapie der Neurosen,
sondern auch eine neue Psychologie; sie
erhob den Anspruch, nicht nur von Nerven=
ärzten, sondern von allen, die eine Geistes=
wissenschaft betrieben, beachtet zu werden.Der Empfang aber, der ihr in der wissen=
schaftlichen Welt bereitet wurde, war kein
freundlicher. Etwa ein Jahrzehnt lang küm=
merte sich niemand um die Arbeiten Freud's.
(Etwa um das Jahr 1907 wurde durch eine
Gruppe von Schweizer Psychiatern (Bleuler
und Jung in Zürich) die Aufmerksamkeit
auf die Psychoanalyse gelenkt und nun
brach, besonders in Deutschland, ein Sturm
der Entrüstung los, der in seinen Mitteln
und Argumenten wahrlich nicht wählerisch
war. Die Psychoanalyse teilte dabei das Schick=
sal von so vielen Neuheiten, die dann nach
Ablauf einer gewissen Zeit allgemeine
Anerkennung gefunden haben. Allerdings
lag es in ihrem Wesen, daß sie besonders
heftigen Widerspruch erwecken mußte. Sie
verletzte die Vorurteile der Kulturmenschheit
an einigen besonders empfindlichen Stellen,S.
13 unterwarf gewissermaßen alle Menschen der analyt=
ischen Reaktion, indem sie das aufdeckte, was
durch allgemeines Übereinkommen ins Unbe=
wußte verdrängt worden war, und zwang
so die Zeitgenossen, sich wie die Kranken zu
benehmen, die in der analytischen Behand=
lung vor allem ihre Widerstände zum
Vorschein bringen. Es muß auch zugestanden
werden, daß es nicht leicht war, sich von
der Richtigkeit der psychoanalytischen Lehren
zu überzeugen oder Unterricht in der
Ausübung der Analyse zu bekommen.Die allgemeine Feindseligkeit konnte indes nicht
verhindern, daß sich die Psychoanalyse im
Laufe des nächsten Jahrzehnts ständig nach
zwei Richtungen ausdehnte; auf der Land=
karte, indem sie in immer neuen Ländern
auftauchte, und auf dem Felde der Geisteswis=
senschaften, indem sie auf immer neue Disziplinen Anwendung
fand. 1909 lud Präsident G. Stanley Hall Freud
und Jung ein, an der von ihm geleiteten
Clark University in Worcester, Mass., Vorlesungen
über Psychoanalyse zu halten, denen auch eine
freundliche Aufnahme zuteil wurde. Die
Psychoanalyse ist seither in Amerika populär
geblieben, wenngleich gerade in diesem Lande
viel Seichtigkeit und mancher Mißbrauch sich
mit ihrem Namen deckt. Schon 1911 konnte
Havelock Ellis konstatieren, daß die Analyse
nicht nur in Österreich und der Schweiz, sondern
ebensowol in den Vereinigten Staaten, in
England, Indien, Canada und gewiß auch in
Australien gepflegt und betrieben werde.In dieser Zeit des Kampfes und der ersten
Blüte entstanden auch die literarischen Organe,
die ausschließlich der Psychoanalyse dienten. Es
waren das „Jahrbuch für psychoanalytische und
psychopathologische Forschungen“, herausgegeben
von Bleuler und Freud, redigiert von
Jung (1909—1914), das mit dem Ausbruch
des Weltkrieges eingestellt wurde, das
„Zentralblatt für Psychoanalyse“ (1911), redigiert
von Adler und Stekel, das alsbald
von der „Internat. Zeitschrift für Psycho=
analyse“ (1913, heute im Xten Jahrgang) abgelöst
wurde; ferner seit 1912 die von Rank
und Sachs begründete „Imago“, eine ZeitschriftS.
14 für die Anwendung der Psychoanalyse auf
die Geisteswissenschaften. Das große Interesse
der anglo-amerikanischen Ärzte äußerte
sich 1913 in der Gründung der noch jetzt beste=
henden „Psychoanalytic Review“ durch White
und Jelliffe. Später, 1920, trat das speziell
für England bestimmte, von Ernest Jones
redigierte „International Journal of
Psycho-Analysis“ ins Leben. Der Internat.
Psychoanalytische Verlag und das ihm ent=
sprechende englische Unternehmen (I. Ps.A.
Press) bringen unter dem Namen einer
Internationalen Psychoanalytischen Bibliothek (Int. Ps.A. Library)
eine fortlaufende Reihe analytischer
Publikationen. Natürlich ist die Literatur
der Psychoanalyse nicht ausschließlich in
diesen periodischen Veröffentlichungen
zu finden, die zumeist von psychoanalytis=
schen Vereinigungen unterhalten werden,
sondern an einer Unzahl von Stellen zerstreut,
in wissenschaftlichen wie in literarischen Pro=
duktionen. Unter den Zeitschriften der
romanischen Welt, die der Psychoanalyse
besondere Aufmerksamkeit schenken, ist
die von H. Delgado in Lima (Peru) geleit=
ete „Rivista de Psiquiatria“ hervorzuheben.Ein wesentlicher Unterschied dieses zweiten
Jahrzehnts der Psychoanalyse vom ersten lag darin,
daß Referent nicht mehr ihr einziger
Vertreter war. Ein stetig wachsender Kreis
von Schülern und Anhängern hatte sich um
ihn gesammelt, deren Arbeit zuerst für
die Ausbreitung der psychoanalytischen
Lehren sorgte und dieselben dann fortführte,
ergänzte und vertiefte. Von diesen Anhängern
fielen im Laufe der Jahre, wie unvermeidlich,
mehrere ab, gingen ihre eigenen Wege oder
wandten sich zu einer Opposition, welche die
Kontinuität in der Entwicklung der
Psychoanalyse zu bedrohen schien. Zwischen 1911
und 1913 waren es C. G. Jung in Zürich und
Alfred Adler in Wien, die durch ihre
Umdeutungsversuche an den analytischen
Tatsachen und ihre Bestrebungen zur Ablenkung
von den Gesichtspunkten der Psychoanalyse
eine gewisse Erschütterung hervorriefen,S.
15 aber es zeigte sich bald, daß diese Sezessionen keinen
nachhaltigen Schaden gestiftet haben. Was ihnen
an zeitweiligem Erfolg zugefallen war, erklärte
sich leicht aus der Bereitwilligkeit der Menge,
sich vom Druck der psychoanalytischen Anfor=
derungen befreien zu lassen, welchen Weg
immer man ihnen dazu eröffnete. Die überwie=
gende Mehrzahl der Mitarbeiter hielt aus
und setzte die Arbeit längs der ihnen angezeigten
Richtlinien fort. Wir werden ihren Namen
in der nun folgenden, sehr verkürzten
Darstellung der Ergebnisse der Psychoanalyse
aufverschiedenenden mannigfachen Gebieten
ihrer Anwendung wiederholt begegnen.IV
Die geräuschvolle
WAblehnung welche der Psychoan=
alyse von Seiten der ärztlichen Welt widerfuhr,
hat ihre Anhänger nicht abhalten können,
sie zunächst in ihrer ursprünglichen Absicht zu
einer speziellen Pathologie und Therapie
der Neurosen zu entwickeln, eine Aufgabe,
welche auch gegenwärtig noch nicht vollkommen
gelöst ist. Die unleugbaren Heilerfolge, welche
weit über alles bisher Erreichte hinausgingen,
spornten zu immer neuen Bemühungen an und
die Schwierigkeiten, die sich bei tieferem Ein=
dringen in die Materie erhoben, veranlaßten
tiefgreifende Veränderungen der analytischen
Technik und bedeutsame Korrekturen an
den Annahmen und Voraussetzungen der
Theorie.Die Technik der Psychoanalyse ist im Laufe dieser
Entwicklung so bestimmt(definite)und so
heikel(refined)geworden wie die irgend
einer anderen medizinischen Spezialität. In Ver=
kennung dieser Tatsache wird besonders in
England und Amerika viel gesündigt, indem
Personen, die sich durch Lektüre eine nur
literarische Kenntnis der Psychoanalyse
erworben haben, sich für befähigt halten,
analytische Behandlungen zu unternehmen,
ohne sich einer besonderen Schulung zu unter=
ziehen. Die Erfolge eines solchen Vorgehens
sind unheilvoll sowohl für die Wissenschaft wie
für die Patienten und haben viel zur
Diskreditierung der Psychoanalyse beigetragen.
Die Gründung der ersten psychoanalytischen
Poliklinik (durch M. Eitingon in Berlin,
1920) ist daher ein Schritt von hoher praktischer
Bedeutung geworden. Dieses Institut bemüht
sich einerseits, die analytische Therapie weitenS.
16 Volkskreisen zugänglich zu machen, andrerseits
übernimmt es die Ausbildung von Ärzten
zu praktischen Analytikern in einem Lehr=
kurs, welcher die Bedingung einschließt,
daß der Lernende an sich selbst eine
Psychoanalyse vollziehen läßt.Unter den Hilfsbegriffen, welche dem Arzt
die Bewältigung des analytischen Materials
ermöglichen, ist an erster Stelle der der
„Libido“ zu nennen. Libido bedeutet in der
Psychoanalyse zunächst die (als quantitativ veränder=
lich und meßbar gedachte) Kraft der auf das
Objekt gerichteten Sexualtriebe (in dem
durch die analytische Theorie erweiterten Sinne).
Bei weiterem Studium ergab sich die Nötigung,
dieser „Objektlibido“ eine auf das eigene Ich
gerichtete „narzißtische oder Ichlibido“ an
die Seite zu stellen, und die Wechsel=
wirkungen dieser beiden Kräfte haben es
gestattet, von einer großen Anzahl normaler
wie pathologischer Vorgänge im Seelen=
leben Rechenschaft zu geben. Es ergab sich
bald die grobe Scheidung der sogenannten
„Übertragungsneurosen“ von den narzißtisch=
en Affektionen, die ersteren (Hysterie und
Zwangsneurose) als die eigentlichen Objekte
der psychoanalytischen Therapie, während die
anderen, die narzißtischen Neurosen, zwar
die Untersuchung mit Hilfe der Analyse
gestatten, aber einer therapeutischen Be=
einflussung prinzipielle Schwierigkeiten bereiten.
Es ist richtig, daß die Libido=
theorie der Psychoanalyse keineswegs
abgeschlossen und ihr Verhältnis zu einer
allgemeinen Trieblehre noch nicht ge=
klärt ist, die Psychoanalyse ist eben
eine junge, durchwegs unfertige, in rascher
Entwicklung begriffene Wissenschaft,
aber es ist hier die Stelle zu betonen,
wie irrig der Vorwurf des Pansexual=
ismus ist, der so häufig gegen die Psycho=
analyse erhoben wird. Er will besagen,
daß die psychoanalytische Theorie keine
anderen seelischen Triebkräfte als
bloß sexuelle kennt, und macht sich dabei
populäre Vorurteile zu Nutze, indem er
„sexuell“ nicht im analytischen, sondern
im vulgären Sinne verwendet.S.
17 181 Zu den narzißtischen Affektionen müßte
die psychoanalytische Auffassung auch alle die
Leiden rechnen, die in der Psychiatrie
„funktionelle Psychosen“ genannt werden.
Es ließ sich nicht bezweifeln, daß Neurosen und
Psychosen nicht durch eine scharfe Grenze getrennt
waren, so wenig wie Gesundheit und Neurose,
und es lag zu nahe zur Erklärung der so
rätselhaften psychotischen Phänomene die Ein=
sichten heranzuziehen, die man an den bisher
ebenso undurchsichtigen Neurosen gewonnen
hatte. Schon Referent hatte in der Zeit seiner
Vereinsamung einen Fall von paranoider Er=
krankung durch analytische Untersuchung
halbwegs verständlich gemacht und in dieser
unzweideutigen Psychose dieselben Inhalte
(Komplexe) und ein ähnliches Kräftespiel wie
bei simplen Neurosen nachgewiesen. E. Bleuler
verfolgte bei einer ganzen Anzahl von Psychosen
die Anzeichen von dem, was er „Freud'sche
Mechanismen“ nannte, und C. G. Jung erwarb
sich mit einem Schlage ein großes Ansehen
als Analytiker (als er 1901) für die absonder=
lichsten Symptome in den Endausgängen
der Dementia praecox die Aufklärung aus
der individuellen Lebensgeschichte dieser
Kranken gab. Die umfassende Bearbeitung
der Schizophrenie durch Bleuler (1911)
hat dann die Berechtigung psychoanalytischer
Gesichtspunkte für die Auffassung dieser
Psychosen in wahrscheinlich endgiltiger
Weise dargetan.In solcher Art wurde die Psychiatrie das
nächste Anwendungsgebiet der Psychoanalyse
und ist es auch seither geblieben. Dieselben
Forscher, welche am meisten für eine ver=
tiefte analytische Kenntnis der Neurosen
getan haben, wie K. Abraham in Berlin
und S. Ferenczi in Budapest (um nur die
hervorragendsten zu nennen), sind auch in
der analytischen Durchleuchtung der Psychosen
führend geblieben. Die Überzeugung von
der Einheit und Zusammengehörigkeit all
der Störungen, die sich uns als neurotische
und psychotische Phänomene kundgeben, setzt
sich trotz alles Sträubens der Psychiater
immer stärker durch. Man fängt an zu ver=
stehen, — vielleicht am besten in Amerika —,
daß nur das psychoanalytische Studium der
Neurosen die Vorbereitung für einS.
18 182 Verständnis der Psychosen ergeben kann, daß
die Psychoanalyse dazu berufen ist, eine
wissenschaftliche Psychiatrie der Zukunft
zu ermöglichen, die sich nicht mehr mit
der Beschreibung sonderbarer Zustandsbilder,
unbegreiflicher Abläufe, und mit der Ver=
folgung des Einflusses grober anatomischer
und toxischer Traumen auf den unseren
Kenntnis unzugänglichen seelischen Apparat
zu begnügen braucht.V.
Aber niemals hätte die Psychoanalyse durch
ihre Bedeutung für die Psychiatrie die
Aufmerksamkeit der intellektuellen
Welt auf sich gezogen oder einen Platz
in "The History of our times" erobert.
Diese Wirkung ging von der Beziehung der
Psychoanalyse zum normalen Seelenleben
aus. Ursprünglich beabsichtigte die analytische Forschung ja
nichts anderes als die Entstehungsbeding=
ungen (Genese) einiger krankhafter Seelenzustände
zu ergründen, aber in dieser Bemühung
gelangte sie dazu, Verhältnisse von grundleg=
ender Bedeutung aufzudecken, geradezu
eine neue Psychologie zu schaffen, so daß
man sich sagen mußte, die Giltigkeit solcher
Funde könne unmöglich auf das Gebiet
der Pathologie beschränkt sein. Wir
wissen bereits, wann der entscheidende
Nachweis für die Richtigkeit dieses Schlusses
erbracht wurde. Es war, als die Deutung
der Träume durch die analytische Technik
gelang, der Träume, die ja dem Seelen=
leben der Normalen angehören und doch
eigentlich pathologischen Produktionen
entsprechen, die regelmäßig unter den
Bedingungen der Gesundheit entstehen können.
Hielt man an den psychologischen Einsichten
fest, die man durch das Studium der Träume
gewonnen hatte, so war nur noch ein Schritt
zu tun, um die Psychoanalyse als Lehre
von den tieferen, dem Bewußtsein nicht
direkt zugänglichen, seelischen Vorgängen,
als „Tiefenpsychologie“ zu proklamieren und
auf fast sämtliche GeisteswissenschaftenS.
19 183 anwenden zu können. Dieser Schritt bestand in
dem Übergang von der seelischen Tätigkeit des
Einzelmenschen zu den psychischen Leistungen von
menschlichen Gemeinschaften und Völkern, also
von der Individual- zur Massenpsychologie, und
man sah sich durch so viele überraschende
Analogien zu ihm gedrängt. So hatte man z. B.
erfahren, daß in den tiefen Schichten unbe=
wußter Geistestätigkeit Gegensätze nicht
von einander unterschieden, sondern
durch das nämliche Element ausgedrückt
werden. Aber der Sprachforscher K. Abel hatte schon
1884 die Behauptung aufgestellt („Über den
Gegensinn der Urworte“), daß die ältesten
uns bekannten Sprachen mit dem Gegensatz
nicht anders verfahren sind. So hat das Altägypt=
ische z. B. für stark und schwach zunächst nur ein
Wort und erst später werden die beiden
Seiten der Antithese durch leichte Modifikat=
ionen auseinandergehalten. Noch in den modern=
sten Sprachen lassen sich deutliche Überreste
dieses Gegensinnes aufzeigen, so im deutschen
„Boden“ — das Oberste wie das Unterste im Haus
ähnlich wie „altus“ — hoch und tief — im Lateinischen.
So ist die Gleichstellung der Gegensätze im
Traum ein allgemeiner archaischer Zug
menschlichen Denkens.Um ein Beispiel aus einem anderen Gebiet zu
geben: es ist unmöglich sich dem Eindruck der
vollen Übereinstimmung zu entziehen, die
man zwischen den Zwangshandlungen gewisser
Zwangskranker und den religiösen Betätig=
ungen der Frommen in aller Welt entdeckt.
Manche Fälle von Zwangsneurose benehmen sich
geradezu wie eine karikierte Privatreligion,
so daß man die offiziellen Religionen einer
durch ihre Allgemeinheit ermäßigten Zwangs=
neurose gleichsetzen möchte. Dieser für alle
Gläubigen gewiß höchst anstößige Vergleich
ist psychologisch doch sehr fruchtbar geworden.
Denn für die Zwangsneurose ist es der Psycho=
analyse bald bekannt worden, welche Kräfte
hier mit einander ringen, bis ihre Konflikte
sich den merkwürdigen Ausdruck durch
das Zeremoniell der Zwangshandlungen ge=
schaffen haben. Nichts ähnliches war für das
religiöse Zeremoniell vermutet worden,
bis es gelang, durch die ZurückführungS.
20 184 des religiösen Gefühls auf das Vaterverhältnis
als seine tiefste Wurzel auch hier die analoge
dynamische Situation nachzuweisen. Dies Beispiel
mag übrigens den Leser daran mahnen,
daß auch die Anwendung der Psychoanalyse
auf nicht ärztliche Gebiete nicht umhin kann,
hochgehaltene Vorurteile zu verletzen, an
tiefwurzelnde Empfindlichkeiten zu rühren
und so Feindschaften hervorzurufen, die
eine wesentliche affektive Grundlage haben.Wenn wir die allgemeinsten Verhält=
nisse des unbewußten Seelenlebens (die
Konflikte der Triebregungen, Verdrängungen und Ersatz=
befriedigungen) als überall vorhanden annehmen dürfen und
wenn es eine Tiefenpsychologie gibt,
welche zur Kenntnis dieser Verhältnisse
führt, so ist es eine billige Erwartung, daß
die Anwendung der Psychoanalyse auf die
mannigfachsten Gebiete der menschlichen Geistes=
tätigkeit überall wichtige und bisher un=
erreichbare Resultate zu Tage fördern
wird. Eine überaus gehaltvolle Studie
von Otto Rank und H. Sachs hat sich bemüht
zusammenzustellen, inwieweit die
Arbeit der Psychoanalytiker diese
Erwartungen bis zum Jahre 1913 erfüllen
konnte. Der Raummangel verbietet es mir,
hier eine Vervollständigung dieser
Aufzählung zu versuchen. Ich kann nur
das wichtigste Ergebnis herausheben und
einige Einzelheiten daran anlehnen.Wenn man von wenig bekannten inneren
Antrieben absieht, so darf man sagen, der
Hauptmotor der menschlichen Kulturentwick=
lung ist die äußere reale Not gewesen,
die ihm die bequeme Befriedigung seiner
natürlichen Bedürfnisse verweigerteund ihnübergroßen Gefahren preisgab. Diese
äußere Versagung zwang ihn zum Kampf
mit der Realität, der teils in Anpassung
an dieselbe, teils in Beherrschung derselben
ausging, aber auch zur Arbeitsgemeinschaft
und zum Zusammenleben mit seines=
gleichen, womit bereits ein Verzicht
auf mancherlei sozial nicht zu befriedig=
ende Triebregungen verbunden war.S.
21 185 Mit den weiteren Fortschritten der Kultur
wuchsen auch die Ansprüche der Verdrängung.
Die Kultur ist doch überhaupt auf Triebverzicht
aufgebaut und jedes einzelne Individuum
soll auf seinem Wege von der Kindheit
zur Reife an seiner Person diese Entwick=
lung der Menschheit zur verständigen Re=
signation wiederholen. Die Psychoanalyse
hat gezeigt, daß es vorwiegend, wenn auch
nicht ausschließlich, sexuelle Triebregungen
sind, welche dieser kulturellen Unterdrückung
verfallen. Ein Teil derselben wird in der
wertvollen Eigenschaft, sich von ihren nächsten
Zielen ablenken zu lassen und so als
„sublimierte“ Strebungen ihre Energie
der kulturellen Entwicklung zur Ver=
fügung zu stellen. Ein anderer Anteil
bleibt aber als unbefriedigte Wunschregung
im Unbewußten bestehen und drängt
nach irgend welcher, wenn auch entstellter,
Befriedigung.Wir haben gehört, daß ein Stück der Geistes=
tätigkeit (menschlichen) auf die Bewältig=
ung der Außenwelt, realen, gerichtet ist.
Nun fügt die Psychoanalyse hinzu, ein and=
eres, besonders hochgeschätztes Stück der
seelischen Schaffens dient der Wunscher=
füllung, der Ersatzbefriedigung jener ver=
drängten Wünsche, die seit den Jahren der
Kindheit unbefriedigt in der Seele eines
jeden wohnen. Zu diesen Schöpfungen, deren
Zusammenhang mit einem unfaßbaren Un=
bewußten immer vermutet wurde, gehören
Mythus, Dichtung und Kunst, und wirklich
hat die Arbeit der Psychoanalytiker eine
Fülle von Licht auf die Gebiete der Mytho=
logie, der Literaturwissenschaft und der
Künstlerpsychologie geworfen; als Vorbild
sei hier nur die Leistung von O. Rank
hervorgehoben erwähnt. Man hat gezeigt,
daß Mythen und Märchen eine Deutung
zulassen wie die Träume, hat die verschlung=
enen Wege verfolgt, die vom Antrieb
des unbewußten Wunsches bis zur Realisier=
ung im Kunstwerk führen, hat die affektiveS.
22 186 Wirkung des Kunstwerks auf den Empfänger
verstehen gelernt und beim Künstler
selbst dessen innere Verwandtschaft und
Verschiedenheit vom Neurotiker geklärt
und den Zusammenhang zwischen seiner
Anlage, seinem zufälligen Erleben und
seiner Leistung aufgezeigt. Die ästhet=
ische Würdigung des Kunstwerks sowie
die Aufklärung der künstlerischen Be=
gabung kommen zwar als Aufgaben
für die Psychoanalyse nicht in Betracht.
Es scheint aber, daß die Psychoanalyse im Stande
ist in all den Fragen, die das mensch=
liche Phantasieleben betreffen, das
entscheidende Wort zu sprechen.Und nun zudritt: Die Psychoanalyse hat uns
zu unserem wachsenden Erstaunen er=
kennen lassen, welch ungeheuer große
Rolledie Bedeutungder sogenannte Oedipuskom=
plex, d. i. die affektive Beziehung des
Kindes zu seinen beiden Eltern, im
Seelenleben des Menschen spielt. Dies Erstaunen
ermäßigt sich, wenn wir erfassen, daß
der Oedipuskomplex das psychische Kor=
relat zweier fundamentaler biolog=
ischer Tatsachen ist, der langen infantilen
Abhängigkeit des Menschen und der
merkwürdigen Art, wie sein Sexualleben
im 3-5 Jahrdes Lebenseinen ersten Höhe=
punkt erreicht, um dann nach einer
Periode der Hemmung mit der Pubertät
neu einzusetzen. Dann aber eröffnete sich
die Einsicht, daß ein drittes höchst ernst=
haftes Stück der menschlichen Geistestätig=
keit, jenes, das die großen Institut=
ionen der Religion, des Rechts, der
Ethik und all der Formen der Staatlich=
keit geschaffen hat, im Grunde darauf
abzielt, dem Einzelnen die Bewältigung
seines Oedipuskomplexes zu ermög=
lichen und seine Libido aus ihren
infantilen Bindungen in die end=
giltig erwünschten sozialen überzu=
leiten. Die Anwendungen derS.
23 187 Psychoanalyse auf Religionswissenschaft und
Soziologiewerden(Referent, Th. Reik, O. Pfister)
die zu diesem Ergebnis geführt haben sind
noch jung und nicht genügend gewürdigt
aber es ist nicht zu bezweifeln, daß weitere
Studien die Sicherheit dieser wichtigen
Aufschlüsse nur erhöhen werden.Wie als Anhang muß ich noch erwähnen, daß auch
die Pädagogik es nicht unterlassen kann
sich die Winke zu Nutze zu machen, die
ihr die analytische Erforschung des kind=
lichen Seelenlebens giebt. Ferner, daß
sich unter denanalytischenTherapeuten
Stimmen erhoben haben (Groddeck, Jelliffe)
die auch die psychoanalytische Behandlung
schwerer organischer Leiden für aussichts=
voll erklären, da bei vielen dieser
Affektionen auch ein psychischer Faktor mit=
gewirkt hat, auf den man Einfluß gewinnen
kann.So darf man die Erwartung aussprechen, daß
die Psychoanalyse, deren Entwicklung und
bisherige Leistung hier in knapper und
unzureichender Weise dargestellt wurde
als ein bedeutsames Ferment in die Kultur=
entwicklung der nächsten Dezennien
eingehen und dazu verhelfen wird, unser
Weltverständnis zu vertiefen und
manchem im Leben als schädlich Erkanntem
zu widerstreben. Nur vergesse man nicht
daran, daß die Psychoanalyse für sich
allein ein vollständiges Weltbild
nicht liefern kann. Wenn man die
Unterscheidung annimmt, welche ich kürzlich
vorgeschlagen habe, die den seelischen
Apparat in ein der Außenwelt zuge=
wendetes, mit Bewußtsein ausgestattetes
Ich und ein unbewußtes, von seinen
Triebbedürfnissen beherrschtes Es zerlegt,
so ist die Psychoanalyse als eine Psychologie
des Es (unddessenseiner Einwirkungen auf das
Ich) zu bezeichnen. Sie kann also auf jedem
Wissensgebiet nur Beiträge liefern, welche
aus der Psychologie des Ichs zu ergänzen sind.S.
S.
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Die Geschichte der Psychoanalyse
1924-005/1924.01
1924-005/1924.01