S.
XXVIII.
ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD.*)
I. DIE ENTTÄUSCHUNG DES KRIEGES.
Von dem Wirbel dieser Kriegszeit gepackt, einseitig un-
terrichtet, ohne Distanz von den großen Veränderungen, die
sich bereits vollzogen haben oder zu vollziehen beginnen,
und ohne Witterung der sich gestaltenden Zukunft, werden
wir selbst irre an der Bedeutung der Eindrücke, die sich uns
aufdrängen, und an dem Werte der Urteile, die wir bilden.
Es will uns scheinen, als hätte noch niemals ein Ereignis
so viel kostbares Gemeingut der Menschheit zerstört, so viele
der klarsten Intelligenzen verwirrt, so gründlich das Hohe
erniedrigt. Selbst die Wissenschaft hat ihre leidenschafts-
lose Unparteilichkeit verloren; ihre aufs tiefste erbitterten
Diener suchen ihr Waffen zu entnehmen, um einen Beitrag
zur Bekämpfung des Feindes zu leisten. Der Anthropologe
muß den Gegner für minderwertig und degeneriert erklären,
der Psychiater die Diagnose seiner Geistes- oder Seelen-
störung verkünden. Aber wahrscheinlich empfinden wir das
Böse dieser Zeit unmäßig stark und haben kein Recht, es
mit dem Bösen anderer Zeiten zu vergleichen, die wir nicht
erlebt haben.
*)Imago, IV, 1915. (Seither ins Holländische und Englische
übersetzt.)S.
487
Der Einzelne, der nicht selbst ein Kämpfer und somit
ein Partikelchen der riesigen Kriegsmaschinerie geworden ist,
fühlt sich in seiner Orientierung verwirrt und in seiner
Leistungsfähigkeit gehemmt. Ich meine, ihm wird jeder
kleine Wink willkommen sein, der es ihm erleichtert, sich
wenigstens in seinem eigenen Innern zurechtzufinden. Unter
den Momenten, welche das seelische Elend der Daheimgeblie-
benen verschuldet haben, und deren Bewältigung ihnen so
schwierige Aufgaben stellt, möchte ich zwei hervorheben und
an dieser Stelle behandeln: Die Enttäuschung, die dieser
Krieg hervorgerufen hat, und die veränderte Einstellung zum
Tode, zu der er uns – wie alle anderen Kriege – nötigt.Wenn ich von Enttäuschung rede, weiß jedermann sofort,
was damit gemeint ist. Man braucht kein Mitleidsschwärmer
zu sein, man kann die biologische und psychologische Not-
wendigkeit des Leidens für die Ökonomie des Menschenlebens
einsehen und darf doch den Krieg in seinen Mitteln und
Zielen verurteilen und das Aufhören der Kriege herbeisehnen.
Man sagte sich zwar, die Kriege könnten nicht aufhören,
solange die Völker unter so verschiedenartigen Existenzbe-
dingungen leben, solange die Wertungen des Einzellebens bei
ihnen weit auseinandergehen, und solange die Gehässig-
keiten, welche sie trennen, so starke seelische Triebkräfte
repräsentieren. Man war also darauf vorbereitet, daß Kriege
zwischen den primitiven und den zivilisierten Völkern, zwi-
schen den Menschenrassen, die durch die Hautfarbe vonein-
ander geschieden werden, ja Kriege mit und unter den wenig
entwickelten oder verwilderten Völkerindividuen Europas die
Menschheit noch durch geraume Zeit in Anspruch nehmen
werden. Aber man getraute sich sich etwas anderes zu hoffen.
Von den großen weltbeherrschenden Nationen weißer Rasse,S.
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denen die Führung des Menschengeschlechtes zugefallen ist,
die man mit der Pflege weltumspannender Interessen be-
schäftigt wußte, deren Schöpfungen die technischen Fort-
schritte in der Beherrschung der Natur wie die künstlerischen
und wissenschaftlichen Kulturwerte sind, von diesen Völkern
hatte man erwartet, daß sie es verstehen würden, Mißhellig-
keiten und Interessenkonflikte auf anderem Wege zum Aus-
trage zu bringen. Innerhalb jeder dieser Nationen waren hohe
sittliche Normen für den einzelnen aufgestellt worden, nach
denen er seine Lebensführung einzurichten hatte, wenn er
an der Kulturgemeinschaft teilnehmen wollte. Diese oft über-
strengen Vorschriften forderten viel von ihm, eine ausgiebige
Selbstbeschränkung, einen weitgehenden Verzicht auf Trieb-
befriedigung. Es war ihm vor allem versagt, sich der außer-
ordentlichen Vorteile zu bedienen, die der Gebrauch von Lüge
und Betrug im Wettkampfe mit den Nebenmenschen schafft.
Der Kulturstaat hielt diese sittlichen Normen für die Grund-
lage seines Bestandes, er schritt ernsthaft ein, wenn man
sie anzutasten wagte, erklärte es oft für untunlich, sie auch
nur einer Prüfung durch den kritischen Verstand zu unter-
ziehen. Es war also anzunehmen, daß er sie selbst respek-
tieren wolle und nichts gegen sie zu unternehmen gedenke,
wodurch er der Begründung seiner eigenen Existenz wider-
sprochen hätte. Endlich konnte man zwar die Wahrnehmung
machen, daß es innerhalb dieser Kulturnationen gewisse ein-
gesprengte Völkerreste gäbe, die ganz allgemein unliebsam
wären und darum nur widerwillig, auch nicht im vollen Um-
fange, zur Teilnahme an der gemeinsamen Kulturarbeit zu
gelassen würden, für die sie sich als genug geeignet erwiesen
hätten. Aber die großen Völker selbst, konnte man meinen,
hätten so viel Verständnis für ihre Gemeinsamkeiten und soS.
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viel Toleranz für ihre Verschiedenheiten erworben, daß „fremd“
und „feindlich“ nicht mehr wie noch im klassischen Alter-
tume für sie zu einem Begriffe verschmelzen durften.Vertrauend auf diese Einigung der Kulturvölker haben
ungezählte Menschen ihren Wohnort in der Heimat gegen
den Aufenthalt in der Fremde eingetauscht und ihre Existenz
an die Verkehrsbeziehungen zwischen den befreundeten Völ-
kern geknüpft. Wen aber die Not des Lebens nicht ständig
an die nämliche Stelle bannte, der konnte sich aus allen
Vorzügen und Reizen der Kulturländer ein neues größeres
Vaterland zusammensetzen, in dem er sich ungehemmt und
unverdächtigt erging. Er genoß so das blaue und das graue
Meer, die Schönheit der Schneeberge und die der grünen
Wiesenflächen, den Zauber des nordischen Waldes und die
Pracht der südlichen Vegetation, die Stimmung der Land-
schaften, auf denen große historische Erinnerungen ruhen,
und die Stille der unberührten Natur. Dies neue Vaterland
war für ihn auch ein Museum, erfüllt mit allen Schätzen,
welche die Künstler der Kulturmenschheit seit vielen Jahr-
hunderten geschaffen und hinterlassen hatten. Während er
von einem Saale dieses Museums in einen anderen wanderte,
konnte er in parteiloser Anerkennung feststellen, was für ver-
schiedene Typen von Vollkommenheit Blutmischung, Ge-
schichte und die Eigenart der Mutter Erde an seinen wei-
teren Kompatrioten ausgebildet hatten. Hier war die kühle
unbeugsame Energie aufs höchste entwickelt, dort die gra-
ziöse Kunst, das Leben zu verschönern, anderswo der Sinn
für Ordnung und Gesetz oder andere der Eigenschaften, die
den Menschen zum Herrn der Erde gemacht haben.Vergessen wir auch nicht daran, daß jeder Kulturwelt-
bürger sich einen besonderen „Parnaß“ und eine „Schule vonS.
490
„Athen“ geschaffen hatte. Unter den großen Denkern, Dich-
tern, Künstlern aller Nationen, hatte er die ausgewählt, denen
er das Beste zu schulden vermeinte, was ihm an Lebensgenuß
und Lebensverständnis zugänglich geworden war, und sie den
unsterblichen Alten in seiner Verehrung zugesellt wie den
vertrauten Meistern seiner eigenen Zunge. Keiner von diesen
Großen war ihm darum fremd erschienen, weil er in anderer
Sprache geredet hatte, weder der unvergleichliche Ergünder
der menschlichen Leidenschaften, noch der schönheitstrun-
kene Schwärmer oder der gewaltig drohende Prophet, der
feinsinnige Spötter, und niemals warf er sich dabei vor, ab-
trünnig geworden zu sein der eigenen Nation und der ge-
liebten Muttersprache.Der Genuß der Kulturgemeinschaft wurde gelegentlich
durch Stimmen gestört, welche warnten, daß infolge altüber-
kommener Differenzen Kriege auch unter den Mitgliedern
derselben unvermeidlich wären. Man wollte nicht daran glau-
ben, aber wie stellte man sich einen solchen Krieg vor, wenn
es dazu kommen sollte? Als eine Gelegenheit die Fortschritte
im Gemeingefühle der Menschen aufzuzeigen seit jener Zeit,
da die griechischen Amphiktyonien verboten hatten, eine dem
Bündnisse angehörige Stadt zu zerstören, ihre Ölbäume um-
zuhauen und ihr das Wasser abzuschneiden. Als einen ritter-
lichen Waffengang, der sich darauf beschränken wollte, die
Überlegenheit des einen Teiles festzustellen, unter möglich-
ster Vermeidung schwerer Leiden, die zu dieser Entscheidung
nichts beitragen könnten, mit voller Schonung für den Ver-
wundeten, der aus dem Kampfe ausscheiden muß, und für
den Arzt und Pfleger, der sich seiner Herstellung widmet.
Natürlich mit allen Rücksichten für den nicht kriegführen-
den Teil der Bevölkerung, für die Frauen, die dem Kriegs-S.
491
handwerk ferne bleiben, und für die Kinder, die, herange-
wachsen, einander von beiden Seiten Freunde und Mithelfer
werden sollen. Auch mit Erhaltung all der internationalen
Unternehmungen und Institutionen, in denen sich die Kultur-
gemeinschaft der Friedenszeit verkörpert hatte.Ein solcher Krieg hätte immer noch genug des Schreck-
lichen und schwer zu Ertragenden enthalten, aber er hätte
die Entwicklung ethischer Beziehungen zwischen den Groß-
individuen der Menschheit, den Völkern und Staaten, nicht
unterbrochen.Der Krieg, an den wir nicht glauben wollten, brach nun
aus und er brachte die – Enttäuschung. Er ist nicht nur
blutiger und verlustreicher als einer der Kriege vorher, in-
folge der mächtig vervollkommneten Waffen des Angriffes
und der Verteidigung, sondern mindestens ebenso grausam,
erbittert, schonungslos wie irgend ein früherer. Er setzt sich
über alle Einschränkungen hinaus, zu denen man sich in
friedlichen Zeiten verpflichtet, die man das Völkerrecht ge-
nannt hatte, anerkennt nicht die Vorrechte des Verwundeten
und des Arztes, die Unterscheidung des friedlichen und des
kämpfenden Teiles der Bevölkerung, die Ansprüche des Privat-
eigentumes. Er wirft nieder, was ihm im Wege steht, in
blinder Wut, als sollte es keine Zukunft und keinen Frieden
unter den Menschen nach ihm geben. Er zerreißt alle Bande
der Gemeinschaft unter den miteinander ringenden Völkern
und droht eine Erbitterung zu hinterlassen, welche eine Wie-
deranknüpfung derselben für lange Zeit unmöglich machen
– wird.Er brachte auch das kaum begreifliche Phänomen zum
Vorscheine, daß die Kulturvölker einander so wenig kennen
und verstehen, daß sich das eine mit Haß und AbscheuS.
492
gegen das andere wenden kann. Ja, daß eine der großen
Kulturnationen so allgemein mißliebig ist, daß der Versuch
gewagt werden kann, sie als „barbarisch“ von der Kultur-
gemeinschaft auszuschließen, obwohl sie ihre Eignung durch
die großartigsten Beitragsleistungen längst erwiesen hat. Wir
leben der Hoffnung, eine unparteiische Geschichtsschreibung
werde den Nachweis erbringen, daß gerade diese Nation, die,
in deren Sprache wir schreiben, für deren Sieg unsere Lieben
kämpfen, sich am wenigsten gegen die Gesetze der mensch-
lichen Gesittung vergangen habe, aber wer darf in solcher
Zeit als Richter auftreten in eigener Sache?Völker werden ungefähr durch die Staaten, die sie bil-
den, repräsentiert; diese Staaten durch die Regierungen, die
sie leiten. Der einzelne Volksangehörige kann in diesem
Kriege mit Schrecken feststellen, was sich ihm gelegentlich
schon in Friedenszeiten aufdrängen wollte, daß der Staat
dem Einzelnen den Gebrauch des Unrechtes untersagt hat,
nicht weil er es abschaffen, sondern weil er es monopoli-
sieren will wie Salz und Tabak. Der kriegführende Staat
gibt sich jedes Unrecht, jede Gewalttätigkeit frei, die den
Einzelnen entehren würde. Er bedient sich nicht nur der
erlaubten List, sondern auch der bewußten Lüge und des
absichtlichen Betruges gegen den Feind, und dies zwar in
einem Maße, welches das in früheren Kriegen Gebräuchli-
che zu übersteigen scheint. Der Staat fordert das Äußerste an
Gehorsam und Aufopferung von seinen Bürgern, entmündigt
sie aber dabei durch ein Übermaß von Verheimlichung und
eine Zensur der Mitteilung und Meinungsäußerung, welche
die Stimmung der so intellektuell Unterdrückten wehrlos
macht gegen jede ungünstige Situation und jedes wüste Ge-
rücht. Er löst sich los von Zusicherungen und Verträgen,
S.
493
durch die er sich gegen andere Staaten gebunden hatte, be-
kennt sich ungescheut zu seiner Habgier und seinem Macht-
streben, die dann der Einzelne aus Patriotismus gutheißen soll.
Man wende nicht ein, daß der Staat auf den Gebrauch
des Unrechtes nicht verzichten kann, weil er sich dadurch
in Nachteil setzte. Auch für den Einzelnen ist die Befolgung
der sittlichen Normen, der Verzicht auf brutale Machtbe-
tätigung in der Regel sehr unvorteilhaft, und der Staat zeigt
sich nur selten dazu fähig, den Einzelnen für das Opfer zu
entschädigen, das er von ihm gefordert hat. Man darf sich
auch nicht darüber verwundern, daß die Lockerung aller sitt-
lichen Beziehungen zwischen den Großindividuen der Mensch-
heit eine Rückwirkung auf die Sittlichkeit der Einzelnen ge-
äußert hat, denn unser Gewissen ist nicht der unbeugsame
Richter, für den die Ethiker es ausgeben, es ist in seinem
Ursprunge „soziale Angst“ und nichts anderes. Wo die
Gemeinschaft den Vorwurf aufhebt, hört auch die Unter-
drückung der bösen Gelüste auf, und die Menschen begehen
Taten von Grausamkeit, Tücke, Verrat und Rohheit, deren
Möglichkeit man in ihrem kulturellen Niveau für unvereinbar
gehalten hätte.So mag der Kulturweltbürger, den ich vorhin eingeführt
habe, ratlos dastehen in der ihm fremd gewordenen Welt,
sein großes Vaterland zerfallen, die gemeinsamen Besitztümer
verwüstet, die Mitbürger entzweit und erniedrigt!Zur Kritik seiner Enttäuschung wäre einiges zu bemer-
ken. Sie ist, strenge genommen, nicht berechtigt, denn sie
besteht in der Zerstörung einer Illusion. Illusionen emp-
fehlen sich uns dadurch, daß sie Unlustgefühle ersparen und
uns an ihrer Statt Befriedigungen genießen lassen. Wir müs-
sen es dann ohne Klage hinnehmen, daß sie irgend einmalS.
494
mit einem Stücke der Wirklichkeit zusammenstoßen, an dem
sie zerschellen.Zweierlei in diesem Kriege hat uns unsere Enttäuschung rege
gemacht: die geringe Sittlichkeit der Staaten nach außen,
die sich nach innen als die Wächter der sittlichen Normen
gebärden, und die Brutalität im Benehmen der Einzelnen,
denen man als Teilnehmer an der höchsten menschlichen
Kultur ähnliches nicht zugetraut hat.Beginnen wir mit dem zweiten Punkte und versuchen
wir es, die Anschauung, die wir kritisieren wollen, in einen
einzigen knappen Satz zu fassen. Wie stellt man sich denn
eigentlich den Vorgang vor, durch welchen ein einzelner Mensch
zu einer höheren Stufe von Sittlichkeit gelangt? Die erste
Antwort wird wohl lauten: Er ist eben von Geburt und von
Anfang an gut und edel. Sie soll hier weiter nicht berück-
sichtigt werden. Eine zweite Antwort wird auf die Anregung
eingehen, daß hier ein Entwicklungsvorgang vorliegen müsse,
und wird wohl annehmen, diese Entwicklung bestehe darin,
daß die bösen Neigungen des Menschen in ihm ausgerottet
und unter dem Einflusse von Erziehung und Kulturumgebung
durch Neigungen zum Guten ersetzt werden. Dann darf man
sich allerdings verwundern, daß bei dem so Erzogenen das
Böse wieder so tatkräftig zum Vorschein kommt.Aber diese Antwort enthält auch den Satz, dem wir
widersprechen wollen. In Wirklichkeit gibt es keine „Aus-
rottung“ des Bösen. Die psychologische – im strengeren
Sinne die psychoanalytische – Untersuchung zeigt vielmehr,
daß das tiefste Wesen des Menschen in Triebregungen be-
steht, die elementarer Natur, bei allen Menschen gleichartig-
sind und auf die Befriedigung gewisser ursprünglicher Be-
dürfnisse zielen. Diese Triebregungen sind an sich wederS.
495
gut noch böse. Wir klassifizieren sie und ihre Äußerungen
in solcher Weise, je nach ihrer Beziehung zu den Bedürf-
nissen und Anforderungen der menschlichen Gemeinschaft.
Zugegeben ist, daß alle die Regungen, welche von der Ge-
sellschaft als böse verpönt werden – nehmen wir als Ver-
tretung derselben die eigensüchtigen und die grausamen –
sich unter diesen primitiven befinden.Diese primitiven Regungen legen einen langen Entwick-
lungsweg zurück, bis sie zur Betätigung beim Erwachsenen
zugelassen werden. Sie werden gehemmt, auf andere Ziele
und Gebiete gelenkt, gehen Verschmelzungen miteinander
ein, wechseln ihre Objekte, wenden sich zum Teile gegen die
eigene Person. Reaktionsbildungen gegen gewisse Triebe täu-
schen die inhaltliche Verwandlung derselben vor, als ob aus
Egoismus – Altruismus, aus Grausamkeit – Mitleid gewor-
den wäre. Diesen Reaktionsbildungen kommt zugute, daß
manche Triebregungen fast von Anfang an in Gegensatz-
paaren auftreten, ein sehr merkwürdiges und der populären
Kenntnis fremdes Verhältnis, das man die „Gefühlsambivalenz“
benannt hat. Am leichtesten zu beobachten und vom Verständ-
nis zu bewältigen ist die Tatsache, daß starkes Lieben und
starkes Hassen so häufig miteinander bei derselben Person
vereint vorkommen. Die Psychoanalyse fügt dem zu, daß
die beiden entgegengesetzten Gefühlsregungen nicht selten
auch die nämliche Person zum Objekte nehmen.Erst nach Überwindung all solcher „Triebschicksale“
stellt sich das heraus, was man den Charakter eines Men-
schen nennt, und was mit „gut“ oder „böse“ bekanntlich nur
sehr unzureichend klassifiziert werden kann. Der Mensch ist
selten im ganzen gut oder böse, meist „gut“ in dieser Rela-
tion, böse in einer anderen oder „gut“ unter solchen äußerenS.
496
Bedingungen, unter anderen entschieden „böse“. Interessant
ist die Erfahrung, daß die kindliche Präexistenz starker
„böser“ Regungen oft geradezu die Bedingung wird für eine
besonders deutliche Wendung des Erwachsenen zum „Gu-
ten“. Die stärksten kindlichen Egoisten können die hilfreich-
sten und aufopferungsfähigsten Bürger werden; die meisten
Mitleidsschwärmer, Menschenfreunde, Tierschützer haben sich
aus kleinen Sadisten und Tierquälern entwickelt.Die Umbildung der „bösen“ Triebe ist das Werk zweier
im gleichen Sinne wirkenden Faktoren, eines inneren und
eines äußeren. Der innere Faktor besteht in der Beeinflussung
der bösen – sagen wir: eigensüchtigen – Triebe durch die
Erotik, das Liebesbedürfnis des Menschen im weitesten Sinne
genommen. Durch die Zumischung der erotischen Kom-
ponenten werden die eigensüchtigen Triebe in soziale um-
gewandelt. Man lernt das Geliebtwerden als einen Vorteil
schätzen, wegen dessen man auf andere Vorteile verzichten
darf. Der äußere Faktor ist der Zwang der Erziehung, welche
die Ansprüche der kulturellen Umgebung vertritt, und die
dann durch die direkte Einwirkung des Kulturmilieus fort-
gesetzt wird. Kultur ist durch Verzicht auf Triebbefriedigung
gewonnen worden und fordert von jedem neu Ankommenden,
daß er denselben Triebverzicht leiste. Während des indivi-
duellen Lebens findet eine beständige Umsetzung von äußerem
Zwange in inneren Zwang statt. Die Kultureinflüsse leiten
dazu an, daß immer mehr von den eigensüchtigen Strebungen
durch erotische Zusätze in altruistische, soziale verwandelt
werden. Man darf endlich annehmen, daß aller innere Zwang,
der sich in der Entwicklung des Menschen geltend macht,
ursprünglich, d. h. in der Menschheitsgeschichte nur
äußerer Zwang war. Die Menschen, die heute geboren werden,S.
497
bringen ein Stück Neigung (Disposition) zur Umwandlung
der egoistischen in soziale Triebe als ererbte Organisation
mit, die auf leichte Anstöße hin diese Umwandlung durch
führt. Ein anderes Stück dieser Triebumwandlung muß im
Leben selbst geleistet werden. In solcher Art steht der ein-
zelne Mensch nicht nur unter der Einwirkung seines gegen-
wärtigen Kulturmilieus, sondern unterliegt auch dem Einflusse
der Kulturgeschichte seiner Vorfahren.Heißen wir die einem Menschen zukommende Fähigkeit
zur Umbildung der egoistischen Triebe unter dem Einflusse
der Erotik seine Kultureignung, so können wir aus-
sagen, daß dieselbe aus zwei Anteilen besteht, einem ange-
borenen und einem im Leben erworbenen, und daß das Ver-
hältnis der beiden zueinander und zu dem unverwandelt ge-
bliebenen Anteile des Trieblebens ein sehr variables ist.Im allgemeinen sind wir geneigt, den angeborenen Anteil
zu hoch zu veranschlagen, und überdies laufen wir Gefahr,
die gesamte Kultureignung in ihrem Verhältnisse zum pri-
mitiv gebliebenen Triebleben zu überschätzen, d. h. wir wer-
den dazu verleitet, die Menschen „besser“ zu beurteilen, als
sie in Wirklichkeit sind. Es besteht nämlich noch ein an-
deres Moment, welches unser Urteil trübt und das Ergebnis
im günstigen Sinne verfälscht.Die Triebregungen eines anderen Menschen sind unserer
Wahrnehmung natürlich entrückt. Wir schließen auf sie aus
seinen Handlungen und seinem Benehmen, welche wir auf
Motive aus seinem Triebleben zurückführen. Ein solcher
Schluß geht notwendigerweise in einer Anzahl von Fällen
irre. Die nämlichen, kulturell „guten“ Handlungen können
das einemal von „edlen“ Motiven herstammen, das andere-
mal nicht. Die theoretischen Ethiker heißen nur solcheS.
498
Handlungen „gut“, welche der Ausdruck guter Triebregungen
sind, dem anderen versagen sie ihre Anerkennung. Die von
praktischen Absichten geleitete Gesellschaft kümmert sich
aber im ganzen um diese Unterscheidung nicht; sie begnügt
sich damit, daß ein Mensch sein Benehmen und seine Hand-
lungen nach den kulturellen Vorschriften richte, und fragt
wenig nach seinen Motiven.Wir haben gehört, daß der äußere Zwang, den Er-
ziehung und Umgebung auf den Menschen üben, eine weitere
Umbildung seines Trieblebens zum Guten, eine Wendung vom
Egoismus zum Altruismus herbeiführt. Aber dies ist nicht
die notwendige oder regelmäßige Wirkung des äußeren Zwan-
ges. Erziehung und Umgebung haben nicht nur Liebesprä-
mien anzubieten, sondern arbeiten auch mit Vorteilprämien
anderer Art, mit Lohn und Strafen. Sie können also die Wir-
kung äußern, daß der ihrem Einflusse Unterliegende sich
zum guten Handeln im kulturellen Sinne entschließt, ohne
daß sich eine Triebveredlung, eine Umsetzung egoistischer
in soziale Neigungen, in ihm vollzogen hat. Der Erfolg wird
im groben derselbe sein; erst unter besonderen Verhältnissen
wird es sich zeigen, daß der eine immer gut handelt, weil
ihn seine Triebneigungen dazu nötigen, der andere nur gut
ist, weil, insolange und insoweit dies kulturelle Verhalten
seinen eigensüchtigen Absichten Vorteile bringt. Wir aber
werden bei oberflächlicher Bekanntschaft mit den Einzelnen
kein Mittel haben, die beiden Fälle zu unterscheiden, und
gewiß durch unseren Optimismus verführt werden, die
Anzahl der kulturell veränderten Menschen arg zu über-
schätzen.Die Kulturgesellschaft, die die gute Handlung fordert
und sich um die Triebbegründung derselben nicht kümmert,S.
499
hat also eine große Zahl von Menschen zum Kulturgehorsam
gewonnen, die dabei nicht ihrer Natur folgen. Durch diesen
Erfolg ermutigt, hat sie sich verleiten lassen, die sittlichen
Anforderungen möglichst hoch zu spannen und so ihre Teil-
nehmer zu noch weiterer Entfernung von ihrer Triebveran-
lagung gezwungen. Diesen ist nun eine fortgesetzte Trieb-
unterdrückung auferlegt, deren Spannung sich in den merk-
würdigsten Reaktions- und Kompensationserscheinungen kund-
gibt. Auf dem Gebiete der Sexualität, wo solche Unter-
drückung am wenigsten durchzuführen ist, kommt es so zu
den Reaktionserscheinungen der neurotischen Erkrankungen.
Der sonstige Druck der Kultur zeitigt zwar keine pathologi-
sche Folgen, äußert sich aber in Charakterverbindungen und
in der steten Bereitschaft der gehemmten Triebe, bei passen-
der Gelegenheit zur Befriedigung durchzubrechen. Wer so
genötigt wird, dauernd im Sinne von Vorschriften zu reagieren,
die nicht der Ausdruck seiner Triebneigungen sind, der lebt,
psychologisch verstanden, über seine Mittel und darf objek-
tiv als Heuchler bezeichnet werden, gleichgültig ob ihm diese
Differenz klar bewußt worden ist oder nicht. Es ist unleug-
bar, daß unsere gegenwärtige Kultur die Ausbildung dieser
Art von Heuchelei in außerordentlichem Umfange begünstigt.
Man könnte die Behauptung wagen, sie sei auf solcher Heu-
chelei aufgebaut und müßte sich tiefgreifende Abänderungen
gefallen lassen, wenn es die Menschen unternehmen würden,
der psychologischen Wahrheit nachzuleben. Es gibt also un-
gleich mehr Kulturheuchler als wirklich kulturelle Menschen,
ja man kann den Standpunkt diskutieren, ob ein gewisses
Maß von Kulturheuchelei nicht zur Aufrechterhaltung der
Kultur unerläßlich sei, weil die bereits organisierte Kultur-
eignung der heute lebenden Menschen vielleicht für dieseS.
500
Leistung nicht zureichen würde. Anderseits bietet die Auf-
rechterhaltung der Kultur auch auf so bedenklicher Grund-
lage die Aussicht, bei jeder neuen Generation eine weiter-
gehende Triebumbildung als Trägerin einer besseren Kultur
anzubahnen.Den bisherigen Erörterungen entnehmen wir bereits den
einen Trost, daß unsere Kränkung und schmerzliche Ent-
täuschung wegen des unkulturellen Benehmens unserer Welt-
mitbürger in diesem Kriege unberechtigt waren. Sie beruhten
auf einer Illusion, der wir uns gefangen gaben. In Wirklich-
keit sind sie nicht so tief gesunken, wie wir fürchten, weil
sie gar nicht so hoch gestiegen waren, wie wirs von ihnen
glaubten. Daß die menschlichen Großindividuen, die Völker
und Staaten, die sittlichen Beschränkungen gegeneinander
fallen ließen, wurde ihnen zur begreiflichen Anregung, sich
für eine Weile dem bestehenden Drucke der Kultur zu ent-
ziehen und ihren zurückgehaltenen Trieben vorübergehend
Befriedigung zu gönnen. Dabei geschah ihrer relativen Sitt-
lichkeit innerhalb des eigenen Volkstumes wahrscheinlich kein
Abbruch.Wir können uns aber das Verständnis der Veränderung,
die der Krieg an unseren früheren Kompatrioten zeigt, noch
vertiefen und empfangen dabei eine Warnung, kein Unrecht
an ihnen zu begehen. Seelische Entwicklungen besitzen näm-
lich eine Eigentümlichkeit, welche sich bei keinem anderen
Entwicklungsvorgang mehr vorfindet. Wenn ein Dorf zur
Stadt, ein Kind zum Manne heranwächst, so gehen dabei
Dorf und Kind in Stadt und Mann unter. Nur die Erinnerung
kann die alten Züge in das neue Bild einzeichnen; in Wirk-
lichkeit sind die alten Materialien oder Formen beseitigt und
durch neue ersetzt worden. Anders geht es bei einer seelischenS.
501
Entwicklung zu. Man kann den nicht zu vergleichenden Sach-
verhalt nicht anders beschreiben als durch die Behauptung,
daß jede frühere Entwicklungsstufe neben der späteren, die
aus ihr geworden ist, erhalten bleibt; die Sukzession bedingt
eine Koexistenz mit, obwohl es doch dieselben Materialien
sind, an denen die ganze Reihenfolge von Veränderungen ab-
gelaufen ist. Der frühere seelische Zustand mag sich jahre-
lang nicht geäußert haben, er bleibt doch soweit bestehen,
daß er eines Tages wiederum die Äußerungsform der seeli-
schen Kräfte werden kann, und zwar die einzige, als ob alle
späteren Entwicklungen annulliert, rückgängig gemacht wor-
den wären. Diese außerordentliche Plastizität der seelischen
Entwicklungen ist in ihrer Richtung nicht unbeschränkt;
man kann sie als eine besondere Fähigkeit zur Rückbildung
– Regression – bezeichnen, denn es kommt wohl vor, daß
eine spätere und höhere Entwicklungsstufe, die verlassen
wurde, nicht wieder erreicht werden kann. Aber die pri-
mitiven Zustände können immer wieder hergestellt wer-
den; das primitive Seelische ist im vollsten Sinne un-
vergänglich.Die sogenannten Geisteskrankheiten müssen beim Laien
den Eindruck hervorrufen, daß das Geistes- und Seelenleben
der Zerstörung anheimgefallen sei. In Wirklichkeit betrifft
die Zerstörung nur spätere Erwerbungen und Entwicklungen.
Das Wesen der Geisteskrankheit besteht in der Rückkehr
zu früheren Zuständen des Affektlebens und der Funktion.
Ein ausgezeichnetes Beispiel für die Plastizität des Seelen-
lebens gibt der Schlafzustand, den wir allnächtlich anstreben.
Seitdem wir auch tolle und verworrene Träume zu übersetzen
verstehen, wissen wir, daß wir mit jedem Einschlafen unsere
mühsam erworbene Sittlichkeit wie ein Gewand von unsS.
502
werfen – um es am Morgen wieder anzutun. Diese Ent-
blößung ist natürlich ungefährlich, weil wir durch den Schlaf
zustand gelähmt, zur Inaktivität verurteilt sind. Nur der
Traum kann von der Regression unseres Gefühlslebens auf
eine der frühesten Entwicklungsstufen Kunde geben. So ist
es z. B. bemerkenswert, daß alle unsere Träume von rein
egoistischen Motiven beherrscht werden. Einer meiner eng-
lischen Freunde vertrat einmal diesen Satz vor einer wissen-
schaftlichen Versammlung in Amerika, worauf ihm eine an-
wesende Dame die Bemerkung machte, das möge vielleicht
für Österreich richtig sein, aber sie dürfe von sich und ihren
Freunden behaupten, daß sie auch noch im Traume altruistisch
fühlen. Mein Freund, obwohl selbst ein Angehöriger der eng-
lischen Rasse, mußte auf Grund seiner eigenen Erfahrungen
in der Traumanalyse der Dame energisch widersprechen: Im
Traume sei auch die edle Amerikanerin ebenso egoistisch wie
der Österreicher.Es kann also auch die Triebumbildung, auf welcher un-
sere Kultureignung beruht, durch Einwirkungen des Lebens
– dauernd oder zeitweilig – rückgängig gemacht werden.
Ohne Zweifel gehören die Einflüsse des Krieges zu den Mäch-
ten, welche solche Rückbildung erzeugen können, und darum
brauchen wir nicht allen jenen, die sich gegenwärtig un-
kulturell benehmen, die Kultureignung abzusprechen, und dür-
fen erwarten, daß sich ihre Triebveredlung in ruhigeren Zeiten
wieder herstellen wird.Vielleicht hat uns aber ein anderes Symptom bei un-
seren Weltmitbürgern nicht weniger überrascht und geschreckt
als das so schmerzlich empfundene Herabsinken von ihrer
ethischen Höhe. Ich meine die Einsichtslosigkeit, die sich
bei den besten Köpfen zeigt, ihre Verstocktheit, Unzugäng-
S.
503
lichkeit gegen die eindringlichsten Argumente, ihre kritiklose
Leichtgläubigkeit für die anfechtbarsten Behauptungen. Dies
ergibt freilich ein trauriges Bild, und ich will ausdrücklich
betonen, daß ich keineswegs als verblendeter Parteigänger
alle intellektuellen Verfehlungen nur auf einer der beiden
Seiten finde. Allein diese Erscheinung ist noch leichter zu
erklären und weit weniger bedenklich als die vorhin gewür-
digte. Menschenkenner und Philosophen haben uns längst
belehrt, daß wir Unrecht daran tun, unsere Intelligenz als
selbständige Macht zu schätzen und ihre Abhängigkeit vom
Gefühlsleben zu übersehen. Unser Intellekt könne nur ver-
läßlich arbeiten, wenn er den Einwirkungen starker Gefühls-
regungen entrückt sei; im gegenteiligen Falle benehme er
sich einfach wie ein Instrument zu Handen eines Willens
und liefere das Resultat, das ihm von diesem aufgetragen
sei. Logische Argumente seien also ohnmächtig gegen affek-
tive Interessen, und darum sei das Streiten mit Gründen,
die nach Falstaffs Wort so gemein sind wie Brombeeren,
in der Welt der Interessen so unfruchtbar. Die psychoana-
lytische Erfahrung hat diese Behauptung womöglich noch
unterstrichen. Sie kann alle Tage zeigen, daß sich die scharf-
sinnigsten Menschen plötzlich einsichtslos wie Schwachsin-
nige benehmen, sobald die verlangte Einsicht einem Gefühls-
widerstand bei ihnen begegnet, aber auch alles Verständnis
wieder erlangen, wenn dieser Widerstand überwunden ist.
Die logische Verblendung, die dieser Krieg oft gerade bei
den besten unserer Mitbürger hervorgezaubert hat, ist
also ein sekundäres Phänomen, eine Folge der Gefühls-
erregung, und hoffentlich dazu bestimmt, mit ihr zu ver-
schwinden.Wenn wir solcher Art unsere uns entfremdeten Mitbürger
S.
504
wieder verstehen, werden wir die Enttäuschung, die uns die
Großindividuen der Menschheit, die Völker, bereitet haben,
um vieles leichter ertragen, denn an diese dürfen wir nur-
weit bescheidenere Ansprüche stellen. Dieselben wiederholen
vielleicht die Entwicklung der Individuen und treten uns
heute noch auf sehr primitiven Stufen der Organisation, der
Bildung höherer Einheiten, entgegen. Dementsprechend ist
das erziehliche Moment des äußeren Zwanges zur Sittlichkeit,
welches wir beim Einzelnen so wirksam fanden, bei ihnen
noch kaum nachweisbar. Wir hatten zwar gehofft, daß die
großartige, durch Verkehr und Produktion hergestellte In-
teressengemeinschaft den Anfang eines solchen Zwanges er-
geben werde, allein es scheint, die Völker gehorchen ihren
Leidenschaften derzeit weit mehr als ihren Interessen. Sie
bedienen sich höchstens der Interessen, um die Leidenschaften
zu rationalisieren; sie schieben ihre Interessen vor, um
die Befriedigung ihrer Leidenschaften begründen zu können.
Warum die Völkerindividuen einander eigentlich geringschät-
zen, hassen, verabscheuen, und zwar auch in Friedenszeiten,
und jede Nation die andere, das ist freilich rätselhaft. Ich
weiß es nicht zu sagen. Es ist in diesem Falle gerade so,
als ob sich alle sittlichen Erwerbungen der Einzelnen aus-
löschten, wenn man eine Mehrheit oder gar Millionen Men-
schen zusammennimmt, und nur die primitivsten, ältesten
und rohesten, seelischen Einstellungen übrig blieben. An
diesen bedauerlichen Verhältnissen werden vielleicht erst
späte Entwicklungen etwas ändern können. Aber etwas mehr
Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit allerseits, in den Bezie-
hungen der Menschen zueinander und zwischen ihnen und
den sie Regierenden, dürfte auch für diese Umwandlung die
Wege ebnen.
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Zeitgemäßes über Krieg und Tod1915-002/1922
1915-002/1922/1