S.
12
II. Unser Verhältnis zum Tode.
Das zweite Moment, von dem ich es ableite, daß wir uns so
befremdet fühlen in dieser einst so schönen und trauten Welt, ist
die Störung des bisher von uns festgehaltenen Verhältnisses zum
Tode.Dies Verhältnis war kein aufrichtiges. Wenn man uns an-
hörte, so waren wir natürlich bereit zu vertreten, daß der Tod
der notwendige Ausgang alles Lebens sei, daß jeder von uns der
Natur einen Tod schulde und vorbereitet sein müsse, die Schuld
zu bezahlen, kurz, daß der Tod natürlich sei, unabbleugbar und un-
vermeidlich. In Wirklichkeit pflegten wir uns aber zu benehmen, als
ob es anders wäre. Wir haben die unverkennbare Tendenz gezeigt,
den Tod beiseite zu schieben, ihn aus dem Leben zu eliminieren.
Wir haben versucht, ihn totzuschweigen, wir besitzen ja auch das
Sprichwort: man denke an etwas wie an den Tod. Wie an den
eigenen natürlich. Der eigene Tod ist ja auch unvorstellbar, und so
oft wir den Versuch dazu machen, können wir bemerken, daß wir
eigentlich als Zuschauer weiter dabei bleiben. So konnte in der
psychoanalytischen Schule der Ausspruch gewagt werden: Im
Grunde glaube niemand an seinen eigenen Tod oder, was dasselbe
ist: Im Unbewußten sei jeder von uns von seiner Unsterblichkeit
überzeugt.Was den Tod eines anderen betrifft, so wird der Kultur-
mensch es sorgfältig vermeiden, von dieser Möglichkeit zu sprechen,
wenn der zum Tode Bestimmte es hören kann. Nur Kinder setzen
sich über diese Beschränkung hinweg; sie drohen einander unge-
scheut mit den Chancen des Sterbens und bringen es auch zustande,
einer geliebten Person dergleichen ins Gesicht zu sagen, wie z. B.:
Liebe Mama, wenn du leider gestorben sein wirst, werde ich diesS.
13
oder jenes. Der erwachsene Kultivierte wird den Tod eines anderen
auch nicht gerne in seine Gedanken einsetzen, ohne sich hart oder
böse zu erscheinen, – es sei denn, daß er berufsmäßig als Arzt,
Advokat u. dgl. mit dem Tode zu tun habe. Am wenigsten wird
er sich gestatten, an den Tod des anderen zu denken, wenn mit
diesem Ereignis ein Gewinn an Freiheit, Besitz, Stellung verbunden
ist. Natürlich lassen sich Todesfälle durch dies unser Zartgefühl
nicht zurückhalten, wenn sie sich ereignet haben, sind wir jedesmal
tief ergriffen und wie in unseren Erwartungen erschüttert. Wir be-
tonen regelmäßig die zufällige Veranlassung des Todes, den Unfall,
die Erkrankung, die Infektion, das hohe Alter, und verraten so
unser Bestreben, den Tod von einer Notwendigkeit zu einer Zu-
fälligkeit herabzudrücken. Eine Häufung von Todesfällen erscheint
uns als etwas überaus Schreckliches. Dem Verstorbenen selbst
bringen wir ein besonderes Verhalten entgegen, fast wie eine Be-
wunderung für einen, der etwas sehr Schwieriges zustande gebracht hat.
Wir stellen die Kritik gegen ihn ein, sehen ihm sein etwaiges Un-
recht nach, geben den Befehl aus: De mortuis nil nisi bene, und
finden es gerechtfertigt, daß man ihm in der Leichenrede und auf dem
Grabstein das Vorteilhafteste nachrühmt. Die Rücksicht auf den
Toten, deren er doch nicht mehr bedarf, steht uns über der Wahr-
heit, den meisten von uns gewiß auch über der Rücksicht für den
Lebenden.Diese kulturell-konventionelle Einstellung gegen den Tod er-
gänzt sich nun durch unseren völligen Zusammenbruch, wenn das
Sterben eine der uns nahestehenden Personen, einen Eltern- oder
Gattenteil, ein Geschwister, Kind oder teuren Freund getroffen hat.
Wir begraben mit ihm unsere Hoffnungen, Ansprüche, Genüsse,
lassen uns nicht trösten und weigern uns, den Verlorenen zu er-
setzen. Wir benehmen uns dann wie eine Art von Asra, welche
mitsterben, wenn die sterben, die sie lieben.Dies unser Verhältnis zum Tode hat aber eine starke Wir-
kung auf unser Leben. Das Leben verarmt, es verliert an Interesse,
wenn der höchste Einsatz in den Lebensspielen, eben das Leben
selbst, nicht gewagt werden darf. Es wird so schal, gehaltlos wie
etwa ein amerikanischer Flirt, bei dem es von vorneherein fest-
steht, daß nichts vorfallen darf, zum Unterschied von einer konti-
nentalen Liebesbeziehung, bei welcher beide Partner stets der ernsten
Konsequenzen eingedenk bleiben müssen. Unsere Gefühlsbindungen,
die unerträgliche Intensität unserer Trauer, machen uns abgeneigt,
für uns und die unserigen Gefahren aufzusuchen. Wir getrauen
uns nicht, eine Anzahl von Unternehmungen in Betracht zu ziehen,
die gefährlich, aber eigentlich unerläßlich sind wie Flugversuche, Ex-
peditionen in ferne Länder, Experimente mit explodierbaren Sub-
stanzen. Uns lähmt dabei das Bedenken, wer der Mutter den Sohn,
der Gattin den Mann, den Kindern den Vater ersetzen soll, wenn
ein Unglück geschieht. Die Neigung, den Tod aus der Lebens-S.
14
rechnung auszuschließen, hat so viele andere Verzichte und Aus-
schließungen im Gefolge. Und doch hat der Wahlspruch der Hansa
gelautet: Navigare necesse est, vivere non necesse! (Seefahren
muß man, leben muß man nicht.)Es kann dann nicht anders kommen, als daß wir in der Welt
der Fiktion, in der Literatur, im Theater Ersatz suchen für die
Einbuße des Lebens. Dort finden wir noch Menschen, die zu sterben
verstehen, ja die es auch zustande bringen, einen anderen zu töten.
Dort allein erfüllt sich uns auch die Bedingung, unter welcher wir uns
mit dem Tod versöhnen könnten, wenn wir nämlich hinter allen
Wechselfällen des Lebens noch ein unantastbares Leben übrig be-
hielten. Es ist doch zu traurig, daß es im Leben zugehen kann wie
im Schachspiel, wo ein falscher Zug uns zwingen kann, die Partie
verloren zu geben, mit dem Unterschied aber, daß wir keine zweite,
keine Revanchepartie beginnen können. Auf dem Gebiete der Fiktion
finden wir jene Mehrheit von Leben, deren wir bedürfen. Wir
sterben in der Identifizierung mit dem einen Helden, überleben
ihn aber doch und sind bereit, ebenso ungeschädigt ein zweites Mal
mit einem anderen Helden zu sterben.Es ist evident, daß der Krieg diese konventionelle Behandlung
des Todes hinwegfegen muß. Der Tod läßt sich jetzt nicht mehr
verleugnen, man muß an ihn glauben. Die Menschen sterben wirk-
lich, auch nicht mehr einzeln, sondern viele, oft Zehntausende an
einem Tag. Er ist auch kein Zufall mehr. Es scheint freilich noch
zufällig, ob diese Kugel den einen trifft oder den andern, aber diesen
anderen mag leicht eine zweite Kugel treffen, die Häufung macht
dem Eindruck des Zufälligen ein Ende. Das Leben ist freilich
wieder interessant geworden, es hat seinen vollen Inhalt wieder be-
kommen.Man müßte hier eine Scheidung in zwei Gruppen vornehmen,
diejenigen, die selbst im Kampf ihr Leben preisgeben, trennen von
den anderen, die zu Hause geblieben sind und nur zu erwarten
haben, einen ihrer Lieben an den Tod durch Verletzung, Krankheit
oder Infektion zu verlieren. Es wäre gewiß sehr interessant, die
Veränderungen in der Psychologie der Kämpfer zu studieren, aber
ich weiß zu wenig darüber. Wir müssen uns an die zweite Gruppe
halten, zu der wir selbst gehören. Ich sagte schon, daß ich meine,
die Verwirrung und die Lähmung unserer Leistungsfähigkeit, unter
denen wir leiden, seien wesentlich mitbestimmt durch den Umstand,
daß wir unser bisheriges Verhältnis zum Tode nicht aufrecht halten
können und ein neues noch nicht gefunden haben. Vielleicht hilft es
uns dazu, wenn wir unsere psychologische Untersuchung auf zwei
andere Beziehungen zum Tode richten, auf jene, die wir dem Ur-
menschen, dem Menschen der Vorzeit zuschreiben dürfen, und jene-
andere, die in jedem von uns noch erhalten ist, aber sich unsicht-
bar für unser Bewußtsein in tieferen Schichten unseres Seelenlebens
verbirgt.S.
15
Wie sich der Mensch der Vorzeit gegen den Tod verhalten,
wissen wir natürlich nur durch Rückschlüsse und Konstruktionen,
aber ich meine, daß diese Mittel uns ziemlich vertrauenswürdige
Auskünfte ergeben haben.Der Urmensch hat sich in sehr merkwürdiger Weise zum
Tode eingestellt. Gar nicht einheitlich, vielmehr recht widerspruchs-
voll. Er hat einerseits den Tod ernst genommen, ihn als Auf-
hebung des Lebens anerkannt und sich seiner in diesem Sinne
bedient, anderseits aber auch den Tod geleugnet, ihn zu nichts
herabgedrückt. Dieser Widerspruch wurde durch den Umstand er-
möglicht, daß er zum Tode des anderen, des Fremden, des Feindes
eine radikal andere Stellung einnahm als zu seinem eigenen. Der
Tod des anderen war ihm recht, galt ihm als Vernichtung des
Verhaßten, und der Urmensch kannte kein Bedenken, ihn herbei-
zuführen. Er war gewiß ein sehr leidenschaftliches Wesen, grau-
samer und bösartiger als andere Tiere. Er mordete gerne und wie
selbstverständlich. Den Instinkt, der andere Tiere davon abhalten
soll, Wesen der gleichen Art zu töten und zu verzehren, brauchen
wir ihm nicht zuzuschreiben.Die Urgeschichte der Menschheit ist denn auch vom Morde
erfüllt. Noch heute ist das, was unsere Kinder in der Schule als
Weltgeschichte lernen, im wesentlichen eine Reihenfolge von Völker-
morden. Das dunkle Schuldgefühl, unter dem die Menschheit seit
Urzeiten steht, das sich in manchen Religionen zur Annahme einer
Urschuld, einer Erbsünde, verdichtet hat, ist wahrscheinlich der
Ausdruck einer Blutschuld, mit welcher sich die urzeitliche Mensch-
heit beladen hat. Ich habe in meinem Buche »Totem und Tabu« (1913),
den Winken von W. Robertson Smith, Atkinson und Ch.
Darwin folgend, die Natur dieser alten Schuld erraten wollen,
und meine, daß noch die heutige christliche Lehre uns den Rückschluß
auf sie ermöglicht. Wenn Gottes Sohn sein Leben opfern mußte,
um die Menschheit von der Erbsünde zu erlösen, so muß nach der
Regel der Talion, der Vergeltung durch Gleiches, diese Sünde
eine Tötung, ein Mord gewesen sein. Nur dies konnte zu seiner
Sühne das Opfer eines Lebens erfordern. Und wenn die Erbsünde
ein Verschulden gegen Gott-Vater war, so muß das älteste Ver-
brechen der Menschheit ein Vatermord gewesen sein, die Tötung
des Urvaters der primitiven Menschenhorde, dessen Erinnerungs-
bild später zur Gottheit verklärt wurde1).Der eigene Tod war dem Urmenschen gewiß ebenso unvor-
stellbar und unwirklich, wie heute noch jedem von uns. Es ergab
sich aber für ihn ein Fall, in dem die beiden gegensätzlichen Ein-
stellungen zum Tode zusammenstießen und in Konflikt miteinander
gerieten, und dieser Fall wurde sehr bedeutsam und reich an fern-
wirkenden Folgen. Er ereignete sich, wenn der Urmensch einen1)Vgl. diese Zeitschr. Bd. II. 1913. (Die infantile Wiederkehr des Totemismus.)
S.
16
seiner Angehörigen sterben sah, sein Weib, sein Kind, seinen Freund,
die er sicherlich ähnlich liebte wie wir die unseren, denn die Liebe
kann nicht um vieles jünger sein als die Mordlust. Da mußte er
in seinem Schmerz die Erfahrung machen, daß man auch selbst
sterben könne, und sein ganzes Wesen empörte sich gegen dieses
Zugeständnis, jeder dieser Lieben war ja doch ein Stück seines
eigenen geliebten Ichs. Anderseits war ihm ein solcher Tod doch auch
recht, denn in jeder der geliebten Personen stak auch ein Stück
Fremdheit. Das Gesetz der Gefühlsambivalenz, das heute noch
unsere Gefühlsbeziehungen zu den von uns geliebtesten Personen
beherrscht, galt in Urzeiten gewiß noch uneingeschränkter. Somit
waren diese geliebten Verstorbenen doch auch Fremde und Feinde
gewesen, die einen Anteil von feindseligen Gefühlen bei ihm hervor-
gerufen hatten1).Die Philosophen haben behauptet, das intellektuelle Rätsel,
welches das Bild des Todes dem Urmenschen aufgab, habe sein
Nachdenken erzwungen und sei der Ausgang jeder Spekulation
geworden. Ich glaube, die Philosophen denken da zu – philosophisch,
nehmen zu wenig Rücksicht auf die primär wirksamen Motive. Ich
möchte darum die obige Behauptung einschränken und korrigieren:
an der Leiche des erschlagenen Feindes wird der Urmensch trium-
phiert haben, ohne einen Anlaß zu finden, sich den Kopf über die
Rätsel des Lebens und des Todes zu zerbrechen. Nicht das intellek-
tuelle Rätsel und nicht jeder Todesfall, sondern der Gefühlskonflikt
beim Tode geliebter und dabei doch auch fremder und gehaßter
Personen hat die Forschung der Menschen entbunden. Aus diesem
Gefühlskonflikt wurde zunächst die Psychologie geboren. Der Mensch
konnte den Tod nicht mehr von sich ferne halten, da er ihn in dem
Schmerz um den Verstorbenen verkostet hatte, aber er wollte ihn
doch nicht zugestehen, da er sich selbst nicht tot vorstellen konnte.
So ließ er sich auf Kompromisse ein, gab den Tod auch für sich zu,
bestritt ihm aber die Bedeutung der Lebensvernichtung, wofür ihm
beim Tode des Feindes jedes Motiv gefehlt hatte. An der Leiche
der geliebten Person ersann er die Geister, und sein Schuldbewußt-
sein ob der Befriedigung, die der Trauer beigemengt war, bewirkte,
daß diese erstgeschaffenen Geister böse Dämonen wurden, vor denen
man sich ängstigen mußte. Die Veränderungen des Todes legten
ihm die Zerlegung des Individuums in einen Leib und in eine –
ursprünglich mehrere – Seelen nahe, in solcher Weise ging sein
Gedankengang dem Zersetzungsprozeß, den der Tod einleitet, parallel.
Die fortdauernde Erinnerung an den Verstorbenen wurde die
Grundlage der Annahme anderer Existenzformen, gab ihm die Idee
eines Fortlebens nach dem anscheinenden Tode.Diese späteren Existenzen waren anfänglich nur Anhängsel
1)Siehe diese Zeitschr. Bd. I. 1912, Tabu und Ambivalenz. Und »Totem
und Tabu«.S.
17
an die durch den Tod abgeschlossene, schattenhaft, inhaltsleer und
bis in späte Zeiten hinauf geringgeschätzt, sie trugen noch den
Charakter kümmerlicher Auskünfte. Wir erinnern, was die Seele
des Achilleus dem Odysseus erwidert:»Denn dich Lebenden einst verehrten wir, gleich den Göttern,
Argos Söhn’, und jetzo gebietest du mächtig den Geistern,
Wohnend allhier. Drum laß dich den Tod nicht reuen, Achilleus.
Also ich selbst, und sogleich antwortet’ er, solches erwidernd:
Nicht mir rede vom Tod ein Trostwort, edler Odysseus!
Lieber ja wollt’ ich das Feld als Tagelöhner bestellen
Einem dürftigen Mann, ohn’ Erb’ und eigenen Wohlstand,
Als die sämtliche Schaar der geschwundenen Toten beherrschen.«
‹Odyssee XI v. 484–491›Oder in der kraftvollen, bitter-parodistischen Fassung von
H. Heine:»Der kleinste lebendige Philister
Zu Stuckert am Neckar
Viel glücklicher ist er
Als ich, der Pelide, der tote Held,
Der Schattenfürst in der Unterwelt«.Erst später brachten es die Religionen zustande, diese Nach-
existenz für die wertvollere, vollgültige auszugeben und das durch
den Tod abgeschlossene Leben zu einer bloßen Vorbereitung herab-
zudrücken. Es war dann nur konsequent, wenn man auch das
Leben in die Vergangenheit verlängerte, die früheren Existenzen,
die Seelenwanderung und Wiedergeburt ersann, alles in der Absicht,
dem Tod seine Bedeutung als Aufhebung des Lebens zu rauben.
So frühzeitig hat die Verleugnung des Todes, die wir als konven-
tionell-kulturell bezeichnet haben, ihren Anfang genommen.An der Leiche der geliebten Person entstanden nicht nur die
Seelenlehre, der Unsterblichkeitsglaube und eine mächtige Wurzel
des menschlichen Schuldbewußtseins, sondern auch die ersten ethischen
Gebote. Das erste und bedeutsamste Verbot des erwachenden
Gewissens lautete: Du sollst nicht töten. Es war als die Reaktion
gegen die hinter der Trauer versteckte Haßbefriedigung am geliebten
Toten gewonnen worden, und wurde allmählich auf den ungeliebten
Fremden und endlich auch auf den Feind ausgedehnt.An letzterer Stelle wird es vom Kulturmenschen nicht mehr
verspürt. Wenn das wilde Ringen dieses Krieges seine Entscheidung
gefunden hat, wird jeder der siegreichen Kämpfer froh in sein Heim
zurückkehren, zu seinem Weib und Kindern, unverweilt und un-
gestört durch Gedanken an die Feinde, die er im Nahekampf oder
durch die fernwirkende Waffe getötet hat. Es ist bemerkenswert, daß
sich die primitiven Völker, die noch auf der Erde leben und dem
Urmenschen gewiß näher stehen als wir, in diesem Punkte anders
verhalten – oder verhalten haben, so lange sie noch nicht denS.
18
Einfluß unserer Kultur erfahren hatten. Der Wilde – Australier,
Buschmann, Feuerländer – ist keineswegs ein reueloser Mörder,
wenn er als Sieger vom Kriegspfade heimkehrt, darf er sein Dorf
nicht betreten und sein Weib nicht berühren, ehe er seine kriegerischen
Mordtaten durch oft langwierige und mühselige Bußen gesühnt hat.
Natürlich liegt die Erklärung aus seinem Aberglauben nahe, der
Wilde fürchtet noch die Geisterrache der Erschlagenen. Aber die
Geister der erschlagenen Feinde sind nichts anderes als der Ausdruck
seines bösen Gewissens ob seiner Blutschuld, hinter diesem Aber-
glauben verbirgt sich ein Stück ethischer Feinfühligkeit, welches uns
Kulturmenschen verloren gegangen ist1).Fromme Seelen, welche unser Wesen gerne von der Berührung
mit Bösem und Gemeinem ferne wissen möchten, werden gewiß
nicht versäumen, aus der Frühzeitigkeit und Eindringlichkeit des
Mordverbotes befriedigende Schlüsse zu ziehen auf die Stärke ethischer
Regungen, welche uns eingepflanzt sein müssen. Leider beweist dieses
Argument noch mehr für das Gegenteil. Ein so starkes Verbot
kann sich nur gegen einen ebenso starken Impuls richten. Was keines
Menschen Seele begehrt, braucht man nicht zu verbieten2), es schließt
sich von selbst aus. Gerade die Betonung des Gebotes: Du sollst
nicht töten, macht uns sicher, daß wir von einer unendlich langen
Generationsreihe von Mördern abstammen, denen die Mordlust, wie
vielleicht noch uns selbst, im Blute lag. Die ethischen Strebungen der
Menschheit, an deren Stärke und Bedeutsamkeit man nicht zu nörgeln
braucht, sind ein Erwerb der Menschengeschichte, in leider sehr
wechselndem Ausmaße sind sie dann zum ererbten Besitz der heute
lebenden Menschen geworden.Verlassen wir nun den Urmenschen und wenden wir uns dem
Unbewußten im eigenen Seelenleben zu. Wir fußen hier ganz auf
der Untersuchungsmethode der Psychoanalyse, der einzigen, die in
solche Tiefen reicht. Wir fragen: wie verhält sich unser Unbewußtes
zum Problem des Todes? Die Antwort muß lauten: fast genau so
wie der Urmensch. In dieser wie in vielen anderen Hinsichten lebt
der Mensch der Vorzeit ungeändert in unserem Unbewußten fort.
Also unser Unbewußtes glaubt nicht an den eigenen Tod, es ge-
bärdet sich wie unsterblich. Was wir unser »Unbewußtes« heißen,
die tiefsten, aus Triebregungen bestehenden Schichten unserer Seele,
kennt überhaupt nichts Negatives, keine Verneinung – Gegensätze
fallen in ihm zusammen – und kennt darum auch nicht den eigenen
Tod, dem wir nur einen negativen Inhalt geben können. Dem Todes-
glauben kommt also nichts Triebhaftes in uns entgegen. Vielleicht
ist dies sogar das Geheimnis des Heldentums. Die rationelle Be-
gründung des Heldentums ruht auf dem Urteil, daß das eigene
Leben nicht so wertvoll sein kann wie gewisse abstrakte und all-1)S. diese Zeitschr., Bd. II. l. c.
2)Vgl. die glänzende Argumentation von Frazer in dieser Zeitschr., Bd. III.
p. 377.S.
19
gemeine Güter. Aber ich meine, häufiger dürfte das instinktive und
impulsive Heldentum sein, welches von solcher Motivierung absieht
und einfach nach der Zusicherung des Anzengruber’schen Stein-
klopferhanns: Es kann dir nix g’scheh’n, den Gefahren trotzt.
Oder jene Motivierung dient nur dazu, die Bedenken wegzuräumen,
welche die dem Unbewußten entsprechende heldenhafte Reaktion
hintanhalten können. Die Todesangst, unter deren Herrschaft wir
häufiger stehen, als wir selbst wissen, ist dagegen etwas Sekundäres,
und meist aus Schuldbewußtsein hervorgegangen.Anderseits anerkennen wir den Tod für Fremde und
Feinde und verhängen ihn über sie ebenso bereitwillig und un-
bedenklich wie der Urmensch. Hier zeigt sich freilich ein Unterschied,
den man in der Wirklichkeit für entscheidend erklären wird. Unser
Unbewußtes führt die Tötung nicht aus, es denkt und wünscht sie
bloß. Aber es wäre unrecht, diese psychische Realität im Ver-
gleiche zur faktischen so ganz zu unterschätzen. Sie ist bedeutsam
und folgenschwer genug. Wir beseitigen in unseren unbewußten
Regungen täglich und stündlich alle, die uns im Wege stehen, die
uns beleidigt und geschädigt haben. Das »Hol’ ihn der Teufel«, das
sich so häufig in scherzendem Unmut über unsere Lippen drängt,
und das eigentlich sagen will: Hol’ ihn der Tod, in unserem Un-
bewußten ist es ernsthafter, kraftvoller Todeswunsch. Ja, unser Un-
bewußtes mordet selbst für Kleinigkeiten, wie die alte athenische
Gesetzgebung des Drakon kennt es für Verbrechen keine andere
Strafe als den Tod, und dies mit einer gewissen Konsequenz, denn
jede Schädigung unseres allmächtigen und selbstherrlichen Ichs ist im
Grunde ein crimen laesae majestatis.So sind wir auch selbst, wenn man uns nach unseren unbe-
wußten Wunschregungen beurteilt, wie die Urmenschen eine Rotte
von Mördern. Es ist ein Glück, daß alle diese Wünsche nicht die
Kraft besitzen, die ihnen die Menschen in Urzeiten noch zutrauten1),
in dem Kreuzfeuer von gegenseitigen Verwünschungen wäre die
Menschheit längst zugrunde gegangen, die besten und weisesten
der Männer darunter wie die schönsten und holdesten der Frauen.Mit Aufstellungen wie diese findet die Psychoanalyse bei den
Laien meist keinen Glauben. Man weist sie als Verleumdungen zurück,
welche gegen die Versicherungen des Bewußtseins nicht in Betracht
kommen, und übersieht geschickt die geringen Anzeichen, durch welche
sich auch das Unbewußte dem Bewußtsein zu verraten pflegt. Es
ist darum am Platze darauf hinzuweisen, daß viele Denker, die nicht
von der Psychoanalyse beeinflußt sein konnten, die Bereitschaft unserer
stillen Gedanken, mit Hinwegsetzung über das Mordverbot zu be-
seitigen, was uns im Wege steht, deutlich genug angeklagt haben.
Ich wähle hiefür ein einziges berühmt gewordenes Beispiel an Stelle
vieler anderer:
1)Vgl. über »Allmacht der Gedanken« in dieser Zeitschr., Bd. III. 1913.
S.
20
Im »Père Goriot« spielt Balzac auf eine Stelle in den Werken
J. J. Rousseau’s an, in welcher dieser Autor den Leser fragt, was
er wohl tun würde, wenn er – ohne Paris zu verlassen und natür-
lich ohne entdeckt zu werden – einen alten Mandarin in Peking
durch einen bloßen Willensakt töten könnte, dessen Ableben ihm
einen großen Vorteil einbringen müßte. Er läßt erraten, daß er das
Leben dieses Würdenträgers für nicht sehr gesichert hält. »Tuer son
mandarin« ist dann sprichwörtlich worden für diese geheime Bereitschaft
auch der heutigen Menschen.Es gibt auch eine ganze Anzahl von zynischen Witzen und
Anekdoten, welche nach derselben Richtung Zeugnis ablegen, wie
z. B. die dem Ehemanne zugeschriebene Äußerung: Wenn einer von
uns beiden stirbt, übersiedle ich nach Paris. Solche zynische Witze
wären nicht möglich, wenn sie nicht eine verleugnete Wahrheit mit-
zuteilen hätten, zu der man sich nicht bekennen darf, wenn sie ernst-
haft und unverhüllt ausgesprochen wird. Im Scherz darf man be-
kanntlich sogar die Wahrheit sagen.Wie für den Urmenschen, so ergibt sich auch für unser Un-
bewußtes ein Fall, in dem die beiden entgegengesetzten Einstellungen
gegen den Tod, die eine, welche ihn als Lebensvernichtung anerkennt,
und die andere, die ihn als unwirklich verleugnet, zusammenstoßen
und in Konflikt geraten. Und dieser Fall ist der nämliche wie in
der Urzeit, der Tod oder die Todesgefahr eines unserer Lieben,
eines Eltern- oder Gattenteils, eines Geschwisters, Kindes oder lieben
Freundes. Diese Lieben sind uns einerseits ein innerer Besitz, Be-
standteile unseres eigenen Ichs, anderseits aber auch teilweise Fremde,
ja Feinde. Den zärtlichsten und innigsten unserer Liebesbeziehungen
hängt mit Ausnahme ganz weniger Situationen ein Stückchen Feind-
seligkeit an, welches den unbewußten Todeswunsch anregen kann.
Aus diesem Ambivalenzkonflikt geht aber nicht wie dereinst die
Seelenlehre und die Ethik hervor, sondern die Neurose, die uns tiefe
Einblicke auch in das normale Seelenleben gestattet. Wie häufig
haben die psychoanalytisch behandelnden Ärzte mit dem Symptom
der überzärtlichen Sorge um das Wohl der Angehörigen oder mit
völlig unbegründeten Selbstvorwürfen nach dem Tode einer geliebten
Person zu tun gehabt. Das Studium dieser Vorfälle hat ihnen über
die Verbreitung und Bedeutung der unbewußten Todeswünsche
keinen Zweifel gelassen.Der Laie empfindet ein außerordentliches Grauen vor dieser
Gefühlsmöglichkeit und nimmt diese Abneigung als legitimen Grund
zum Unglauben gegen die Behauptungen der Psychoanalyse. Ich
meine mit Unrecht. Es wird keine Herabsetzung unseres Liebeslebens
beabsichtigt, und es liegt auch keine solche vor. Unserem Verständnis
wie unserer Empfindung liegt es freilich ferne, Liebe und Haß in
solcher Weise miteinander zu verkoppeln, aber indem die Natur
mit diesem Gegensatzpaar arbeitet, bringt sie es zustande, die Liebe
immer wach und frisch zu erhalten, um sie gegen den hinter ihrS.
21
lauernden Haß zu versichern. Man darf sagen, die schönsten Ent-
faltungen unseres Liebeslebens danken wir der Reaktion gegen
den feindseligen Impuls, den wir in unserer Brust verspüren.Resümieren wir nun: unser Unbewußtes ist gegen die Vor-
stellung des eigenen Todes ebenso unzugänglich, gegen den Fremden
ebenso mordlustig, gegen die geliebte Person ebenso zwiespältig
(ambivalent) wie der Mensch der Urzeit. Wie weit haben wir uns
aber in der konventionell-kulturellen Einstellung gegen den Tod von
diesem Urzustand entfernt!Es ist leicht zu sagen, wie der Krieg in diese Entzweiung
eingreift. Er streift uns die späteren Kulturauflagerungen ab und
läßt den Urmenschen in uns wieder zum Vorschein kommen. Er
zwingt uns wieder, Helden zu sein, die an den eigenen Tod nicht
glauben können, er bezeichnet uns die Fremden als Feinde, deren
Tod man herbeiführen oder herbeiwünschen soll, er rät uns, uns
über den Tod geliebter Personen hinwegzusetzen. Der Krieg ist
aber nicht abzuschaffen, solange die Existenzbedingungen der Völker
so verschieden und die Abstoßungen unter ihnen so heftig sind, wird
es Kriege geben müssen. Da erhebt sich denn die Frage: Sollen
wir nicht diejenigen sein, die nachgeben und sich ihm anpassen?
Sollen wir nicht zugestehen, daß wir mit unserer kulturellen Ein-
stellung zum Tode psychologisch wieder einmal über unseren Stand
gelebt haben, und vielmehr umkehren und die Wahrheit statieren?
Wäre es nicht besser, dem Tod den Platz in der Wirklichkeit und
in unseren Gedanken einzuräumen, der ihm gebührt, und unsere
unbewußte Einstellung zum Tode, die wir bisher so sorgfältig unter-
drückt haben, ein wenig mehr hervorzukehren? Es scheine das keine
Höherleistung zu sein, eher ein Rückschritt in manchen Stücken, eine
Regression, aber es hat den Vorteil, der Wahrhaftigkeit mehr Rech-
nung zu tragen und uns das Leben wieder erträglicher zu machen.
Das Leben zu ertragen, bleibt ja doch die erste Pflicht aller Lebenden.
Die Illusion wird wertlos, wenn sie uns darin stört.Wir erinnern uns des alten Spruches:
Si vis pacem, para bellum.
(Wenn du den Frieden erhalten willst, so rüste zum Krieg.)Es wäre zeitgemäß ihn abzuändern:
Si vis vitam, para mortem.
(Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein.)
You are here
Zeitgemäßes über Krieg und Tod1915-002/1915.2
1915-002/1915.2/2