Massenpsychologie und Ich-Analyse 1921-001/1921.02

Freud, Sigmund (1921-001/1921.02): Massenpsychologie und Ich-Analyse

Zurück zum Werk
  • S.

    73

    -lung des Totemismus, der die Anfänge von
    Religion, Sittlichkeit und sozialer Glieder-
    ung in sich faßt und der gewaltsamen
    Tötung des Oberhaupts und der Umwand-
    lung der Vaterhorde in eine Brüder-
    gemeinde zusam̄enhängt.x) Es ist dies zwar 
    nur eine Hypothese wie so viele andere,
    mit denen die Praehistoriker das
    Dunkel der Urzeit aufzuhellen ver-
    suchen – eine just so story nannte sie
    witzig ein nicht unliebenswürdiger engl-
    ischer Kritiker (Kroeger) – aber ich
    meine, es ist ehrenvoll für eine solche
    Hypothese, wenn sie sich geeignet zeigt
    Zusam̄enhang und Verständnis auf
    immer neuen Gebieten zu schaffen.

    Die menschlichen Massen zeigen uns
    wiederum das vertraute Bild des über-
    [starken] Einzelnen inmitten einer 
    [Schar von gleichen] Genossen, das auch in
    [der folgende Teil der Seite fehlt]

    x) Totem und Tabu, 2 Aufl 1920.

  • S.

    74

    so kann sich aus einem beliebigen 
    Menschenhaufen die Urhorde wieder 
    herstellen; sobald soweit die Massen-
    bildung die Menschen habituell beherrscht, 
    erkennen wir den Fortbestand der 
    Urhorde in ihr. Wir müßen schließen, 
    die Psychologie der Masse sei die 
    älteste Menschenpsychologie; was 
    wir unter Vernachlässigung aller 
    Massenreste als Individualpsychologie 
    isolirt haben, hat sich erst später, all-
    mälich und sozusagen immer noch 
    nur erst partiell aus der alten Massenpsychologie 
    herausgehoben. Wir werden noch 
    den Versuch wagen, den Ausgangspunkt 
    dieser Entwicklung anzugeben.

    Eine nächste Überlegung zeigt uns, 
    in welchem Punkt diese Behauptung 
    einer Berichtigung bedarf. Die Individual-

  • S.

    75

    Zu Eingang der Menschheitsgeschichte war 
    er der Übermensch, den Nietzsche erst 
    von der Zukunft erwartete. Noch heute 
    bedürfen die Massenindividuen der 
    Vorspiegelung, daß sie in gleicher und 
    gerechter Weise vom Führer geliebt 
    werden, aber der Führer selbst braucht 
    niemand anderen zu lieben, er darf 
    von Herrennatur sein, absolut narzißtisch, 
    aber selbstsicher und selbständig. Wir 
    wissen, daß die Liebe den Narzißmus 
    eindämmt und könnten nachweisen, wie 
    sie durch diese Wirkung Kultur-
    faktor geworden ist.

    Der Urvater der ¿¿ Horde war noch 
    nicht unsterblich, wie er es später durch 
    Vergottung wurde. Wenn er starb, mußte 
    er ersetzt werden; an seine Stelle 
    trat wahrscheinlich ein jüngster Sohn 
    [der] bis dahin Massenindividuum ge-
    [wesen war wie ein] anderer. Es muß 

  • S.

    76

    in die Massenpsychologie. Seine sexuelle 
    Eifersucht und Intoleranz sind in letzter 
    Linie die Ursache der Massenpsycho-
    logie geworden. x) Es läßt sich etwa annehmen, daß die 
    vertriebenen Söhne, vom Vater getrennt, 
    den Fortschritt von der Identifizirung 
    mit einander zur homoseullen Obejkt-
    liebe machten und so die Freiheit gewanen, 
    den Vater zu tödten. Für den, der sein 
    Nachfolger wurde, war auch die Möglich-
    keit der sexuellen Befriedigung 
    gegeben und damit der Austritt aus 
    den Bedingungen der Massenpsychologie 
    eröffnet. Die Fixirung der ¿¿ ¿¿ 
    Libido an das Weib, die Möglichkeit 
    der Befriedigung ohne Aufschub 
    und Aufspeicherung machte der Be-
    deutung zielgehemmter Sexualstreb-
    ungen ein Ende und ließ den Nar-
    zißmus immer zur gleichen Höhe an-
    steigen. Auf diese Beziehung der Liebe 
    zur Charakterbildung werden wir 
    in einem Nachtrag zurückkommen.

    Geben wir noch als besonders lehrreich 
    [hervor, in welcher] Beziehung […] 

  • S.

    76a

    Es läßt sich etwa annehmen, daß die 
    vertriebenen Söhne, vom Vater getrennt, 
    den Fortschritt von der Identifizirung 
    mit einander zur homoseullen Obejkt-
    liebe machten und so die Freiheit gewanen, 
    den Vater zu tödten.