Nachschrift 1925-041/1925.01

Freud, Sigmund (1925-041/1925.01): Nachschrift

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    Nachschrift (1935).

          Der Herausgeber dieser Sammlung von
    „Selbstdarstellungen“ hatte es meines Wissens
    nicht in Aussicht genommen, daß eine der-
    selben nach Ablauf eines gewissen Zeitraumes
    eine Fortsetzung finden sollte. Es ist möglich,
    daß es hier zum ersten Mal geschieht. Anlaß
    zu diesem Unternehmen wurde der Wunsch
    des amerikanischen Verlegers, die kleine
    Schrift seinem Publikum in einer neuen
    Ausgabe vorzulegen. Sie war zuerst im Jahre
    1927 in Amerika (bei Brentano) erschienen
    unter dem Titel: „An Autobiographical Study“,
    aber ungeschickter Weise mit einem anderen
    Essay von mir verkoppelt und durch dessen Titel
    „The Problem of Lay-Analyses“ verdeckt.
    Zwei Themen ziehen sich durch diese Arbeit,
    das meiner Lebensschicksale und das der Ge-
    schichte der Psychoanalyse. Sie treten in die
    innigste Verbindung zu einander. Die „Selbst-
    darstellung“ zeigt, wie die Psychoanalyse mein
    Lebensinhalt wird, und folgt dann der
    berechtigten Annahme, daß nichts, was mir
    persönlich begegnet ist, neben meinen Be-
    ziehungen zur Wissenschaft Interesse ver-
    dient. Kurz vor der Abfassung der Selbst-
    darstellung hatte es den Anschein gehabt, als
    würde mein Leben durch die Rezidive
    einer bösartigen Erkrankung zu einem
    baldigen Abschluß kommen; allein die
    Kunst des Chirurgen hatte mir 1923
    Rettung gebracht und ich blieb lebens- und
    leistungsfähig, wenn auch nie mehr beschwerde-
    frei. In den mehr als zehn Jahren seither
    habe ich nicht aufgehört, analytisch zu
    arbeiten und zu publizieren, wie meine
    mit dem XII Band abgeschlossenen „Gesam-
    melten Schriften“ (beim Internat. Psycho-
    analyt. Verlag in Wien) erweisen. Aber
    ich finde selbst einen bedeutsamen Unter-
    schied gegen früher. Fäden, die sich in meiner
    Entwicklung mit einander verschlungen
    hatten, begannen sich von einander zu
    lösen, später erworbene Interessen sind
    zurückgetreten und ältere, ursprünglichere
    haben sich wieder durchgesetzt. Zwar habe
    ich in diesem letzten Dezennium noch

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    manch wichtiges Stück analytischer Arbeit unternommen,
    wie die Revision des Angstproblems in der
    Schrift „Hemmung, Symptom und Angst“ 1926 oder
    es gelang mir 1927 die glatte Lösung des Aufklärung
    Rätsels des männlichen Fetischismus des sexuellen „Fetischismus“
    aber es ist doch richtig zu sagen, daß ich seit der
    Aufstellung der zwei Triebarten (Eros und Todes-
    trieb) und der Zerlegung der psychischen Persön-
    lichkeit in Ich, Über-Ich und Es (1923) keine ent-
    scheidenden Beiträge mehr zur Psychoanalyse
    geliefert, und was ich später geschrieben habe,
    hätte schadlos wegbleiben können oder wäre
    bald von anderer Seite beigebracht worden.
    Dies hing mit einer Wandlung bei mir zusammen,
    mit einem Stück regressiver Entwicklung,
    wenn man es so nennen will. Nach dem
    lebenslangen Umweg über die Naturwissen-
    schaften, Medizin und Psychotherapie war
    mein Interesse zu jenen früheren kulturellen
    Problemen zurückgekehrt, die dereinst
    den kaum zum Denken erwachten Jüngling
    gefesselt hatten. Bereits mitten auf der Höhe
    der psychoanalytischen Arbeit, im Jahre 1912,
    hatte ich in „Totem und Tabu“ den Versuch gemacht,
    die neu gewonnenen analytischen Einsichten
    zur Erforschung der Ursprünge von
    Religion und Sittlichkeit auszunützen.
    Zwei spätere Essays „Die Zukunft einer Illusion“
    1927 und „Das Unbehagen in der Kultur“
    1930 setzten dann diese Arbeitsrichtung
    fort. Immer klarer erkannte ich, daß
    die Geschehnisse der Menschheitsgeschichte, die
    Wechselwirkungen zwischen Menschennatur,
    Kulturentwicklung und jenen Niederschlägen
    urzeitlicher Erlebnisse, als deren Vertretung
    sich die Religion vordrängt, nur die
    Spiegelung der dynamischen Konflikte zwischen
    Ich, Es und Über-Ich sind, welche die Psycho-
    analyse beim Einzelmenschen studiert, die
    gleichen Vorgänge auf einer weiteren
    Bühne wiederholt. In der „Zukunft einer
    Illusion“ hatte ich die Religion haupt-
    sächlich negativ gewürdigt; ich fand später
    die Formel, die ihr bessere Gerechtigkeit
    erweist: ihre Macht beruhe allerdings auf
    ihrem Wahrheitsgehalt, aber diese

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    Wahrheit sei keine materielle, sondern eine 3
    historische.
          Hier darf ich mir gestatten, meine autobiograph-
    ischen Mitteilungen abzuschließen. Was
    sonst meine persönlichen Verhältnisse, meine
    Kämpfe, Enttäuschungen und Erfolge betrifft,
    so hat die Öffentlichkeit kein Recht, mehr
    davon zu erfahren. Ich bin ohnedies in einigen
    meiner Schriften – Traumdeutung, Alltags-
    leben – offenherziger und aufrichtiger
    gewesen, als Personen zu sein pflegen, die
    ihr Leben für Mit- oder Nachwelt be-
    schreiben. Man hat mir wenig Dank
    dafür gewußt; ich kann nach meinen
    Erfahrungen niemand raten, es mir
    gleich zu tun.
          Diese von der Psychoanalyse ausgehenden,
    aber weit über sie hinausgreifenden Stu-
    dien haben vielleicht mehr Anklang beim
    Publikum gefunden als die Psychoanalyse
    selbst. Sie mögen ihren Anteil an der
    Entstehung der kurzlebigen Illusion ge-
    habt haben, daß man zu den Autoren ge-
    hört, denen eine große Nation wie die
    deutsche bereit ist, Gehör zu schenken. Es war
    im Jahre 1929, daß Thomas Mann, einer
    der berufensten Wortführer des
    deutschen Volkes, mir eine Stellung in
    der modernen Geistesgeschichte zuwies,
    in ebenso inhaltsvollen wie wohlwollenden
    Sätzen. Wenig später wurde meine
    Tochter Anna auf dem Rathaus von
    Frankfurt a/M gefeiert, als sie dort in
    meiner Vertretung erschienen war,
    um den mir verliehenen Goethepreis
    für 1930 zu holen. Es war der Höhepunkt
    meines bürgerlichen Lebens; kurze
    Zeit nachher hatte sich unser Vaterland
    verengt und die Nation wollte nichts
    von uns wissen.
          Noch einige Worte über die Schicksale der
    Psychoanalyse in diesem letzten Jahrzehnt!
    Es ist kein Zweifel mehr, daß sie fortbe-
    stehen wird, sie hat ihre Lebens- und Ent-
    wicklungsfähigkeit erwiesen als Wissenszweig
    wie als Therapie. Die Anzahl ihrer
    Anhänger, die in der „Internationalen Psycho-
    analytischen Vereinigung“ organisiert sind,
    hat sich erheblich vermehrt; zu den älteren
    Ortsgruppen

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    Ortsgruppen Wien Berlin Budapest London Holland 4
    Schweiz sind neue hinzugekommen in Paris,
    Calcutta, zwei in Japan, mehrere in den Ver-
    einigten Staaten, zuletzt je eine in Jerusalem,
    Südafrika und in Skandinavien. Diese Orts-
    gruppen unterhalten aus ihren eigenen Mitteln
    Lehrinstitute, in denen die Unterweisung in
    der Psychoanalyse nach einem einheitlichen
    Lehrplan geübt wird, und Ambulatorien,
    in denen erfahrene Analytiker wie Zöglinge
    den Bedürftigen unentgeltliche Behandlung
    geben, oder sie sind um die Schöpfung solcher
    Institute bemüht. Die Mitglieder der I. P. V.
    treffen jedes zweite Jahr in Kongressen zu-
    sammen, in denen wissenschaftliche Vorträge
    gehalten und Fragen der Organisation ent-
    schieden werden. Der XIII dieser Kongresse,
    den ich selbst nicht mehr besuchen kann, fand
    1934 in Luzern statt. Die Bestrebungen der
    Mitglieder gehen von dem allen Gemein-
    samen aus nach verschiedenen Richtungen
    auseinander. Die einen legen den Hauptwert
    in die Klärung und Vertiefung der psycho-
    logischen Erkenntnisse, andere bemühen sich
    um die Pflege der Zusammenhänge mit der
    internen Medizin und der Psychiatrie.
    In praktischer Hinsicht hat sich ein Teil der
    Analytiker zum Ziel gesetzt, die Anerken-
    nung der Psychoanalyse durch die Universitäten
    und ihre Aufnahme in den medizinischen
    Lehrplan zu erreichen, andere bescheiden
    sich damit, außerhalb dieser Institutionen
    zu bleiben, und wollen die pädagogische
    Bedeutung der Psychoanalyse nicht gegen
    ihre ärztliche zurücktreten lassen. Von Zeit
    zu Zeit ereignet es sich immer wieder, daß
    ein analytischer Mitarbeiter sich bei der
    Bemühung isoliert, einen einzigen der psycho-
    analytischen Funde oder Gesichtspunkte
    auf Kosten aller anderen zur Geltung
    zu bringen. Das Ganze macht aber den
    erfreulichen Eindruck von ernsthafter
    wissenschaftlicher Arbeit auf hohem Niveau.