Nachwort zur Diskussion über die Frage der Laienanalyse 1926-002/1927.01

Freud, Sigmund (1926-002/1927.01): Nachwort zur Diskussion über die Frage der Laienanalyse

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    Nachwort zur „Frage der Laienanalyse“
    von
    Sigm. Freud
     

    Der unmittelbare Anlaß zur Abfassung meiner
    kleinen Schrift an welche die hier vorsteh-
    enden Diskussionen anknüpfen war
    die Anklage unseres nichtärztlichen Collegen Dr.
    Th Reik wegen Kurpfuscherei bei der Wiener
    Behörde. Es dürfte allgemein bekannt geworden
    sein, daß diese Klage fallen gelassen wurde,
    nachdem alle Vorerhebungen durchgeführt und
    verschiedene Gutachten eingeholt worden waren.
    Ich glaube nicht, daß dies ein Erfolg meines
    Buches war; der Fall lag wol zu ungünstig
    für die Klageführung und die Person, die
    sich als geschädigt beschwert hatte, erwies sich
    als wenig vertrauenswürdig. Die Einstellung
    des Verfahrens gegen Dr. Reik hat wahrscheinlich
    nicht die Bedeutung einer prinzipiellen
    Entscheidung des Wiener Gerichts in der
    Frage der Laienanalyse.
    Als ich die Figur des „unparteiischen“ Partners
    in meiner Tendenzschrift schuf, schwebte
    mir die Person eines eines hohen
    Funktionärs vor eines Mannes von
    wohlwollender Gesinnung und nicht gewöhn-
    licher Integrität – mit dem ich selbst
    ein Gespräch über die Causa Reik geführt
    und dem ich dann, wie er gewünscht
    ein privates Gutachten darüber überreicht
    hatte. Ich wußte, daß es mir nicht gelungen
    war, ihn zu meiner Ansicht zu bekehren,
    und darum ließ ich auch meinen Dialog
    mit dem Unparteiischen nicht in eine
    Einigung ausgehen.
     

        Ich habe auch nicht erwartet, daß es mir gelingen
    werde eine einheitliche Stellungnahme zum
    Problem der Laienanalyse be bei den
    Analytikern selbst herbeizuführen. Wer in
    dieser Sammlung die Äußerung der Ungarischen
    Gesellschaft mit der der New Yorker Gruppe
    zusammenhält, wird vielleicht annehmen
    meine Schrift habe gar nichts ausgerichtet,
    jedermann vertrate den Standpunkt den
    er auch zuvor vorher vertreten. Allein auch
    dies glaube ich nicht. Ich meine, viele
    Collegen werden ihre extremen Partei-
    nahmen ermäßigt haben, die meisten
    haben meine Auffassung angenommen, daß
    das Problem der Laienanalyse nicht nach
    hergebrachten Gepflogenheiten entschieden
    werden darf, sondern einer neuartigen
    Situation entspringt und darum eine
     

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    neue Urteilsfällung fordert.
     

        Auch die Wendung, die ich der ganzen Frage
    gegeben, scheint Beifall gefunden zu
    haben. Ich hatte ja den Satz in den Vorder-
    grund gerückt, es käme nicht darauf an
    ob der Analytiker ein ärztliches Diplom
    besitzt, sondern ob er die besondere
    Ausbildung erworben hat, deren es zur
    Ausübung der Analyse bedarf. Daran
    konnte die Frage anknüpfen, über welche
    die Collegen so eifrig diskutiert haben
    welche die für den Analytiker geeignetste
    Ausbildung sei. Ich meinte und vertrete
    es auch jetzt, es sei nicht die, welche die
    Universität dem künftigen Arzt vorschreibt.
    Die sogenannte ärztliche Ausbildung erscheint
    mir als ein beschwerlicher Umweg zum
    analytischen Beruf, sie giebt dem Analytiker
    zwar vieles, was ihm unentbehrlich ist,
    lädt ihm aber außerdem zuviel auf, was
    er nie verwerten kann und bringt
    die Gefahr mit sich, daß sein Interesse wie
    seine Denkweise von der Erfassung
    der psychischen Phänomene abgelenkt
    wird. Der Unterrichtsplan für den Analyt-
    iker ist erst zu schaffen, er muß geistes-
    wissenschaftlichen Stoff, psychologischen, kultur-
    historischen, soziologischen ebenso ebenso umfassen
    wie anatomischen, biologischen und ent-
    wicklungsgeschichtlichen. Es giebt dabei soviel
    zu lehren, daß man gerechtfertigt ist
    aus dem Unterricht wegzulassen was
    keine direkte Beziehung zur analytischen
    Thätigkeit hat und nur indirekt wie jedes
    andere Studium zur Schulung des Intellekts
    und der sinnlichen Beobachtung beitragen
    kann. Es ist bequem, gegen diesen Vorschlag einzu-
    wenden, solche analytische Hochschulen gebe
    es nicht, das sei eine Idealforderung.
    Ja wol, ein Ideal, aber eines, das real-
    isiert werden kann und realisiert werden
    muß. Unsere Lehrinstitute sind bei all
    ihrer jugendlichen Unzulänglichkeit
    doch bereits der Beginn einer solchen
    Realisierung.
     

        Es wird meinen Lesern nicht entgangen sein,
    daß ich im Vorstehenden etwas wie selbst-
    verständlich vorausgesetzt habe, was in
    den Diskussionen noch heftig umstritten
    wird. Nämlich, daß die Psychoanalyse kein
     

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    Spezialfach der Medizin ist. Ich sehe nicht wie man
    sich dagegen sträuben kann, das zu erkennen.
    Die Psychoanalyse ist ein Stück Psychologie,
    auch nicht medizinische Psychologie im alten Sinne
    oder Psychologie der krankhaften Vorgänge
    sondern Psychologie schlechtweg, gewiß nicht
    das Ganze der Psychologie sondern ihr Unterbau
    vielleicht überhaupt ihr Fundament. Man lasse
    sich durch die Möglichkeit ihrer Anwendung
    zu medizinischen Zwecken nicht irre führen
    auch die Elektrizität und die Röntgenstrahlen
    haben Verwendung in der Medizin gefunden,
    aber die Wissenschaft von beiden ist doch
    die Physik. Auch historische Argumente können
    an dieser Zugehörigkeit nichts ändern.
    Die ganze Lehre von der Elektrizität hat
    ihren Ausgang von einer Beobachtung am
    Nerv - Muskelpräparat genommen, darum
    fällt es heute doch niemand ein zu be-
    haupten, sie sei ein Stück der Physiologie.
    Für die Psychoanalyse bringt man vor, sie
    sei doch von einem Arzt erfunden worden
    bei seinen Bemühungen Kranken zu
    helfen. Aber das ist für ihre Beurteilung
    offenbar gleichgiltig. Auch ist dies historische
    Argument recht gefährlich. In seiner Fort-
    setzung könnte man daran erinnern
    wie unfreundlich, ja wie gehässig abweisend
    sich die Ärzteschaft von Anfang an
    gegen die Analyse benommen hat; daraus
    würde folgern, daß sie auch heute kein
    Anrecht auf die Analyse hat. Und
    wirklich – obwol ich eine solche Folgerung
    zurückweise – ich bin noch heute miß-
    trauisch, ob die Werbung der Ärzte um
    die Psychoanalyse, vom Standpunkt
    der Libidotheorie auf die erste oder
    die zweite der Abraham'schen Unter-
    stufen zurückzuführen ist, ob es sich dabei
    um eine Besitzergreifung mit der Absicht
    der Zerstörung oder der Erhaltung des
    Objekts handelt.
     

        Um beim historischen Argument noch
    einen Augenblick zu verweilen: da
    es sich um meine Person handelt,
    kann ich dem, der sich dafür interessiert
    einigen Einblick in meine eigenen
    Motive geben. Nach 41 jähriger ärztlicher
    Thätigkeit sagt mir meine Selbsterkennt-
    nis, ich sei eigentlich kein richtiger Arzt
    gewesen. Ich bin Arzt geworden durch
     

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    eine mir aufgedrängte Ablenkung meiner ursprüng-
    lichen Absicht und mein Lebenstriumph
    liegt darin, daß ich nach großem Umweg
    die anfängliche Richtung wieder gefunden
    habe. Aus frühen Jahren ist mir nichts von einem
    Bedürfnis, leidenden Menschen zu helfen,
    bekannt, meine sadistische Veranlagung war
    nicht sehr groß, so brauchte sich dieser ihrer Ab-
    kömmling nicht zu entwickeln. Ich habe auch
    niemals „Doktor“ gespielt, meine infantile
    Neugierde gieng offenbar andere Wege. In
    den Jugendjahren wurde das Bedürfnis, etwas
    von den Rätseln dieser Welt zu verstehen
    und vielleicht selbst etwas zu ihrer Lösung
    beizutragen, übermächtig. Die Inskription
    an der medizinischen Fakultät schien der
    beste Weg dazu, aber dann versuchte
    ich's – erfolglos – mit der Zoologie und der
    Chemie bis ich unter dem Einfluß v. Brücke's
    der größten Autorität, die je auf mich
    gewirkt hat, an der Physiologie haften
    blieb, die sich damals freilich zu sehr auf
    Histologie einschränkte. Ich hatte dann bereits
    alle medizinischen Prüfungen abgelegt, ohne
    mich für etwas Ärztliches zu interessieren, bis
    ein Mahnwort des verehrten Lehrers mir
    sagte, daß ich in meiner armseligen
    materiellen Situation eine theoretische
    Laufbahn vermeiden müßte. So kam ich von
    der Histologie des Nervensystems zur
    Neuropathologie und auf Grund neuer
    Anregungen zur Bemühung um die
    Neurosen. Ich meine aber, mein Mangel
    an der richtigen ärztlichen Disposition hat
    meinen Patienten nicht sehr geschadet. Denn
    der Kranke hat nicht viel davon wenn
    das therapeutische Interesse beim Arzt
    affektiv überbetont ist. Für ihn ist es am
    besten, wenn der Arzt kühl und möglichst
    korrekt arbeitet.
     

        Der vorstehende Bericht hat gewiß wenig zur
    Klärung des Problems der Laienanalyse
    beigetragen. Er sollte bloß meine persönliche
    Legitimation bekräftigen, wenn gerade ich
    für den Eigenwert der Psychoanalyse und
    ihre Unabhängigkeit von ihrer medizinischen
    Anwendung eintrete. Man wird mir
    aber hier entgegenhalten, ob die Psycho-
    analyse als Wissenschaft ein Teilgebiet
    der Medizin oder der Psychologie ist,
    sei eine Doktorfrage, praktisch ganz
    uninteressant. Was in Rede stehe,
    sei etwas anderes, eben die Verwendung
    der Analyse zur Behandlung von
    Kranken, und insofern sie dies beanspruche,
     

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    müße sie sich's gefallen lassen als Spezialfach in die
    Medizin aufgenommen zu werden und sich den
    für alle therapeutischen Methoden geltenden
    Vorschriften unterzuwerfen. Ich anerkenne das,
    gestehe es zu, ich will nur verhütet wissen, daß
    die Therapie die Wissenschaft
    erschlägt. Leider reichen alle Vergleiche
    nur ein Stück weit, es kommt dann
    ein Punkt, von dem an die beiden
    Verglichenen auseinandergehen. Der Fall
    der Analyse liegt anders als der der Rönt-
    genologie; die Physiker brauchen den kranken
    Menschen nicht, um die Gesetze der Röntgen-
    strahlen zu studieren. Die Analyse aber
    hat kein anderes Material als die seelischen
    Vorgänge des Menschen, kann nur am
    Menschen studiert werden; infolge be-
    sonderer, leicht begreiflicher Verhältnisse
    ist der neurotische Mensch weit lehrreicheres
    und zugänglicheres Material als der
    Normale, und wenn man einem, der
    die Analyse erlernen und anwenden
    will, dies Material entzieht, hat man
    ihn um die gute Hälfte seiner Bild-
    ungsmöglichkeiten verkürzt. Es liegt mir
    natürlich ferne, zu fordern, daß das
    Interesse des neurotisch Kranken dem
    des Unterrichts und der wissenschaftlichen
    Forschung zum Opfer gebracht werde.
    Meine kleine Schrift zur Frage der Laien-
    analyse bemüht sich eben zu zeigen, daß
    unter Beobachtung gewisser Kautelen
    beiderlei Interessen sehr wol in Ein-
    klang gebracht werden können und
    daß eine solche Lösung nicht zuletzt
    auch dem richtig verstandenen ärzt-
    lichen Interesse dient.
     

        Diese Kautelen habe ich alle selbst angeführt;
    ich darf sagen, die Diskussion hat hier
    nichts Neues hinzugefügt; ich möchte noch
    aufmerksam machen, sie hat oft die Akzente
    in einer Weise verteilt, die der Wirk-
    lichkeit nicht gerecht wird. Es ist alles richtig
    was über die Schwierigkeit der Differential-
    diagnose, die Unsicherheit in der Beur-
    teilung körperlicher Symptome in vielen
    Fällen gesagt wurde, was also ärztliches
    Wissen oder ärztliche Einmengung not-
    wendig macht, aber die Anzahl der Fälle
    in denen solche Zweifel überhaupt
    nicht auftauchen, der Arzt nicht gebraucht
    wird, ist doch noch ungleich größer. Diese
    Fälle mögen wissenschaftlich recht uninter-
    ressant sein, im Leben spielen sie eine
     

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    genug wichtige Rolle, um die Tätigkeit des Laien-
    analytikers, der ihnen vollauf gewachsen ist
    zu rechtfertigen. Ich habe vor einiger Zeit
    einen Collegen analysiert, der eine besonders
    scharfe Ablehnung dagegen entwickelte,
    daß jemand sich eine ärztliche Tätigkeit
    gestatte, der nicht selbst Arzt ist. Ich konnte
    ihm sagen: Wir arbeiten jetzt länger als
    drei Monate. An welcher Stelle unserer
    Analyse war ich veranlaßt, mein ärztliches
    Wissen in Anspruch zu nehmen? Er
    gestand zu, daß sich kein Anlaß dafür
    gefunden hatte.
     

        Auch das Argument, daß der Laienanalytiker
    weil er bereit sein muß den Arzt zu kon-
    sultieren, beim Kranken keine Autorität
    erwerben und kein höheres Ansehen als
    das eines Masseurs Heilgehilfen, Masseurs u. dgl. erreichen
    kann, schätze ich nicht hoch ein. Die
    Analogie dürfte wiederum nicht zutreffen,
    abgesehen davon, daß der Kranke die Autor-
    ität nach seiner Gefühlsübertragung zu
    verleihen pflegt, und daß der Besitz
    eines ärztlichen Diploms ihm lange nicht
    so imponiert, wie der Arzt glaubt. Der
    berufsmäßige Laienanalytiker wird es nicht
    schwer haben, sich das Ansehen zu verschaffen,
    das ihm als einem weltlichen Seelsorger ge-
    bührt. Mit der Formel „Weltliche Seelsorge“
    könnte man überhaupt die Funktion be-
    schreiben, die der Analytiker, sei es
    ein Arzt oder Laie, dem Publikum
    gegenüber zu erfüllen hat. Unsere Freunde
    unter den protestantischen und neuerlich
    auch katholischen Geistlichen befreien
    oft ihre Pfarrkinder von ihren Lebenshem-
    mungen, indem sie ihre Gläubigkeit her-
    stellen, nachdem sie ihnen ein Stück analyt-
    ischer Aufklärung über ihre Konflikte
    geboten haben. Unsere Gegner, die Adler'-
    schen Individualpsychologen erstreben dieselbe
    Änderung bei den haltlos und untüchtig
    Gewordenen, indem sie ihr Interesse für
    soziale Gemeinschaft wecken, nachdem sie
    ihnen einen Winkel ihres Seelenlebens
    beleuchtet und ihnen gezeigt haben, welchen
    Anteil ihre egoistischen und mißtrauischen
    Regungen an ihrem Kranksein haben.
    Beide Verfahren, die ihre Kraft der An-
    lehnung an die Analyse verdanken,
    haben in der Psychotherapie
    ihren Platz. Wir Analytiker
    setzen uns eine möglichst vollständige
    und tiefreichende Analyse des Pat-
    ienten zum Ziel, wir wollen ihn nicht
     

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    durch die Aufnahme in die katholische, protestantische
    oder sozialistische Gemeinschaft entlasten, sondern
    ihn aus seinem eigenen Inneren bereichern
    indem wir seinem Ich die Energien zuführen
    die durch Verdrängung unzugänglich in seinem
    Unbewußten gebunden sind, und jene anderen
    die das Ich in unfruchtbarer Weise zur Auf-
    rechterhaltung der Verdrängungen verschwenden
    muß. Was wir so treiben, ist Seelsorge im
    besten Sinne. Ob wir uns damit ein zu hohes
    Ziel gesteckt haben? Ob auch nur die Mehrzahl
    unserer Patienten der Mühe wert ist, die
    wir für diese Arbeit verbrauchen? Ob es
    nicht ökonomischer ist, das Defekte von außen
    zu stützen, als von innen zu reformieren?
    Ich kann es nicht sagen, aber etwas anderes
    weiß ich. In der Psychoanalyse bestand von
    Anfang ein Junktim zwischen Heilen und
    Forschen, die Erkenntnis brachte den Erfolg,
    man konnte nicht behandeln ohne etwas
    Neues zu erfahren, man gewänne keine
    Aufklärung, ohne ihre wohltätige Wirkung
    zu erleben. Unser analytisches Verfahren
    ist das einzige, bei dem dies kostbare Zusamment-
    treffen gewahrt bleibt. Nur wenn wir analyt-
    ische Seelsorge treiben vertiefen wir unsere
    eben aufdämmernde Einsicht in das
    menschliche Seelenleben. Diese Aussicht
    auf wissenschaftlichen Gewinn war der vor-
    nehmste, erfreulichste Zug der analytischen
    Arbeit; dürfen wir sie irgendwelchen
    praktischen Erwägungen zum Opfer bringen?
     

        Einige Äußerungen in dieser Diskussion
    erwecken in mir den Verdacht, als wäre meine
    Schrift zur Laienfrage doch in einem Punkte
    mißverstanden worden. Die Ärzte werden
    gegen mich in Schutz genommen, wie wenn
    ich sie allgemein als untauglich für die Aus-
    übung der Analyse erklärt erklärt und die Parole
    ausgegeben hätte, ärztlicher Zuzug sei fernzu-
    halten. Nun, das liegt nicht nicht in meiner
    Absicht. Der Anschein entstand wahrscheinlich
    daraus, daß ich in meiner polemisch angelegten
    Darstellung die unausgebildeten ärztlichen
    Analytiker für noch gefährlicher erklären
    mußte als die Laien. Meine wirkliche
    Meinung in dieser Frage könnte ich deutlich
    klar machen, indem ich einen Zynismus kopiere,
    der einst im Simplicissimus über die Frauen
    vorgebracht wurde. Dort beklagte sich einer der
    Partner über die Schwächen und Schwierigkeiten
    des schöneren Geschlechts, worauf der andere
     

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    bemerkte: Die Frau ist aber doch das Beste, was wir
    in der Art haben. Ich gestehe es zu, solange
    die Schulen nicht bestehen, die wir uns für die
    Heranbildung von Analytikern wünschen, sind
    die ärztlich vorgebildeten Personen das beste
    Material für den künftigen Analytiker. Nur
    darf man fordern, daß sie ihre Vorbildung
    nicht an Stelle der Ausbildung setzen, daß
    sie die Einseitigkeit überwinden, die durch
    den Unterricht an der medizinischen Schule
    begünstigt wird, und daß sie der Versuch-
    ung widerstehen, mit der Endocrinologie
    und dem autonomen Nervensystem zu
    liebäugeln, wo es darauf ankommt, psychologische
    Tatsachen durch psychologische Hilfsvorstellungen
    zu erfassen. Ebenso teile ich die Erwartung,
    daß alle die Probleme, die sich auf die
    Zusammenhänge zwischen psychischen Phänomenen
    und ihren organischen, anatomischen und
    chemischen Grundlagen beziehen, nur von
    Personen, die beides studiert haben, also
    von ärztlichen Analytikern in Angriff
    genommen werden können. Doch sollte man
    nicht vergessen, daß dies nicht alles an der
    Psychoanalyse ist, und daß wir für deren
    andere Seite die Mitarbeit von
    Personen, die in den Geisteswissenschaften
    vorgebildet sind, nie entbehren können.
    Aus praktischen Gründen haben wir, auch
    für unsere Publikationen, die Gewohnheit
    angenommen, eine ärztliche Analyse von
    den Anwendungen der Analyse zu scheiden.
    Das ist nicht korrekt. In Wirklichkeit
    verläuft die Scheidungsgrenze zwischen der
    wissenschaftlichen Psychoanalyse und ihren
    Anwendungen auf medizinischem und
    nicht medizinischem Gebiet.
     

        Die schroffste Ablehnung der Laienanalyse
    wird in diesen Diskussionen von unseren
    amerikanischen Collegen vertreten. Ich
    halte es nicht für überflüssig, ihnen durch
    einige Bemerkungen zu erwidern. Es
    ist kaum ein Mißbrauch der Analyse zu
    polemischen Zwecken, wenn ich die Meinung
    ausdrücke, daß ihr Widerstand sich aus-
    schließlich auf praktische Momente zurück-
    führt. Sie sehen in ihrem Lande, daß
    die Laienanalytiker viel Unfug und
    Mißbrauch mit der Analyse treiben und folge-
    dessen die Patienten wie den Ruf
    der Analyse schädigen. Es ist dann be-
    greiflich, daß sie in ihrer Empörung
    weit von diesen gewissenlosen Schädlingen
    abrücken und die Laien von jedem
     

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    Anteil an der Analyse ausschließen wollen.
    Aber dieser Sachverhalt reicht bereits aus, um
    die Bedeutung ihrer Stellungnahme herab
    zudrücken. Denn die Frage der Laienanalyse
    darf nicht allein nach praktischen Erwägungen ent-
    schieden werden, und die lokalen Verhältnisse
    Amerikas können für uns nicht allgemein
    maßgebend sein.
     

        Die Einstellung der Amerikaner scheint aber
    gerade von praktischem Standpunkt der Zweckmäßigkeit
    der Kritik offen zu stehen. Halten wir uns
    die Frage, woher die Überwucherung der schäd-
    lichen Laienanalyse gerade in Amerika zu-
    rückzuführen ist. Soweit man es aus der
    Ferne beurteilen kann, treffen hier
    zahlreiche Momente zusammen, deren relat-
    ive Bedeutung sich allerdings nicht zu be-
    stimmen weiß. Zunächst mußte man an-
    nehmen, daß es den Psychoanalytikern
    nicht besonders gelungen gut gelungen
    ist, Ansehen beim Publikum und Einfluß
    auf dessen Entscheidungen zu gewinnen. Davon
    mag die Länder, das Mangel eines Zentrums,
    einer Hauptstadt, über die Grenzen eines Stadt-
    verbandes, die Organisation herren, die Autor-
    ität des der Amerikaner ihre Neigung zur
    Betätigung persönlicher Unabhängigkeit auf den wenigen
    Gebieten, die noch nicht durch den unerbitt-
    lichen Druck einer public opinion besetzt
    gehalten werden. Dieselbe amerikanische Zug
    auf dem politischen wie in dem wissenschaftlichen
    Betrieb übertragen zeigt sich ja in den analytischen
    Gruppen selbst durch die Bestimmung, daß jeder
    drei Jahre Wochen das Präsidium Präsidium der lokalen Gesellschaft
    wechseln muß. So ist sich seine ständige Führer-
    schaft sichern? Wenn die ärztliche Autorität in
    Amerika nicht stark genug ist, um das Publikum von
    Laienanalytikern fernzuhalten, wird sie es noch
    weniger können, wenn sie in dieselbe Schale
    noch das Odium einer gewerkschaftlichen
    Interessenvertretung wirft.
     

        Wir haben ferner gehört, daß es in Amerika
    ein ungeheures Heer von Kurpfuschern, Quacksalbern
    und Seelenärzten aller Art giebt. Man
    sieht nicht ein, warum sie vor der Psycho-
    analyse allein hätten Halt machen sollen.
    Im Gegenteil gerade diese lockte sie doch sehr
    an, durch die Auskunft, daß in ihr
    keine Medikamente und keine Instrumente
    gebraucht werden, und daß sie – das Publikum
    hatte hatte ja durch eine Reihe populärer
    Bücher Kenntnis von ihr erhalten – sexuelle
    Dinge unbefangen bespricht. Wie oft werden
    wir bei uns die Klage wiederholt
    gehört: Es giebt gar keine Psychoanalyse
     

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    Laienanalytiker der selben, die in Europa schon
    durch ihre Vorurteile vor dieser Gefahr geschützt
    wären.
     

        Welcher Zug der amerikanischen
    Mentalität dafür Schuld daran trägt, woher
    es kommt, daß Personen, derer höchstes
    Lebensideal doch die efficiency, die Brauch-
    barkeit ist, die einfachsten Vorsichten
    versäumen, wenn sie eine Falsch-
    kur ihrer seelischen Nöte aufnehmen, das
    weiß ich nicht zu sagen. Die Gerechtigkeit
    fordert indes daß man auf eine großmütige
    oder doch wenigstens teilweise Entlastung der
    Mißtäter aufmerksam mache. In einem Lande wie
    Amerika, wo sich das Zeit Etwas Geld ist, wo jeder Kranke
    sich beeilt, etwas ganz mit Leichtigkeit
    ins Geld zu haben, giebt es noch kein
    Institut, an dem Ärzte oder Nichtärzte
    in der Analyse unterrichtet werden können. Die
    verarmten Europäer hat bereits drei Lehrinstitute
    gegründet (Berlin, Wien und London), Amerika
    nicht. Somit scheitern amerikanische
    Kandidaten nicht daran als sich das bischen Über-
    mut, das sie doch für ihre Ausbeutung brauchen
    aus einer schlechten populären Darstellung
    der Analyse zu holen, die irgend ein Lands-
    mann zurechtgemacht hat. Sehr gute Institute
    im Reiche der Engländer ist welche sind, scheinen
    doch zu schweigen. Die durch plan ungezogene
    Haltung dieser Leute können ja das Vorurteil
    der amerikanischen Ärzte nach dem sie ihren Patienten
    dann psychische Hilfe und ratgeben
    verbürgt haben. Das Letztere Gewissen-
    haftigkeit nach Europa um und ist das Ver-
    hältnis zur Psychoanalyse unerträglich.
    Legitimere Vorlassen ihre Studien Absicht zu
    erörtern, und lehnen es in ungemessenen
    un verläumderischen Schriften ab. So ist
    nur gewöhnlich, daß wir uns diesen Fakten
    nicht überlegen.
     

        Sie weisen aber auch den Laien die
    ohne vorherigen Mißbrauch der Analyse
    eine Ausbildung an unseren Lehrinstituten
    gesucht haben und betiteln es auch die
    Gleichgiltigkeit des Jedermann, weil diese
    Leute ihr unbegründeten nach Amerika
    zurückkehren. Sie haben ja damit Recht
    gehandelt. Ist dies nicht unsere Schuld, sondern
    die Folge von zwei unüberdenkbaren
    Eigentümlichkeiten des amerikanischen
    Wesens auf die ich nicht hingedeutet
    brauche. Erstaunlich ist es unbestreitbar,
    daß die Abneigung des allgemeinen Bildungs-
    und intellektuellen Aufnahmefähigkeit
     

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    selbst bei Personen, die ein amerikanisches College
    besucht haben, weit niedriger liegt als in Europa.
    Wer dies nicht glaubt oder für üble Nachrede
    hält, mag sich die Belege aus amerikanischen
    Autoren selbst holen, z.B. etwa die Beispiele
    beobachten, die The Behaviour of Crowds
    in Martin nachlesen. Zweitens, man hält sich immer an der
    Sprichwörtliche, wenn man daran erinnert
    daß der Amerikaner keine Zeit hat. Wol
    ist Time = Money, aber man versteht nicht
    ganz, warum sie in solcher Eile in Geld
    umgesetzt werden muß. Sie büßte ja auch
    ihren Geldwert, wenn es langsamer gienge,
    und man sollte meinen je mehr Zeit
    man zur E Erfassung des Geistesmaßes
    räume ein um so besser verwerte sie anderen
    Abendländern lautet ein gewöhnlicher Gruß
    wenn sich zwei Bekannte begegnen oder
    verabschieden: Zeit lassen! Wir haben über
    dieses formal viel gespottet, aber angesichts
    der amerikanischen Hast haben wir einsehen
    gelernt, wieviel Lebensweisheit in ihr
    steckt. Doch der Amerikaner hat keine
    Zeit. Er schwärmt für die großen Zahlen,
    für Massenverbreitung aller Dimensionen,
    aber für die Abkürzung der Zeitaufwände
    will man in Europa Monate für eine Analyse
    gebrauchen, natürlich sollen auch die analyt-
    ischen Behandlungen nicht länger dauern.
    Ein europäischer Analytiker hat sich an diese
    diesem amerikanischen Verkürzungsdrang
    zur Verfügung gestellt, einen Schritt der
    im Abwägen des Bedeutenden umfaßte.
    Darauf umgerüstet und verdankt seinem „
    Wertgehalt“ in der ärztlichen Psychologie
    eine theoretische Begründung gegeben.
    Wir sind daran gewöhnt daß jedes praktische
    Bedürfnis sich eine entsprechende Theorie
    schafft.
     

        Psychische Abläufe zwischen Bewußtsein und Un-
    bewußten haben aber ihre besonderen
    zeitlichen Bedingungen, die schlecht zu
    der amerikanischen Forderung stimmen.
    Es ist nicht möglich in 2 oder 4 Monaten einem
    Menschen das, die wofür nicht von der
    Analyse verstanden hat, in einen
    leistungsfähigen Analytiker zu verwandeln.
    Es ist dort ebenso möglich, bei einem
    Neurotiker in ähnlich kurzer Zeit die
    Veränderungen herbeizuführen, die
     

  • S.

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    ihm die verlorene Arbeits- und Genußfähigkeit
    wiedergeben sollen. Der Amerikaner versteht
    also von unseren Lehrinstituten auch darum
    nichts, weil er in der Regel zu kurze
    Zeit an ihnen verbleibt. Übrigens ich habe
    wol von einzelnen Fällen gehört in Laien
    aus Amerika gehört, welche die ganze über
    zwei Jahre erstreckte Ausbildung durchmachen,
    die an unserem Lehrinstitute auch für die
    eigenen ärztlichen Kandidaten vorgeschrieben
    ist, aber auch diese von einem amerikanischen
    Arzt, der sich soviel Zeit genommen hatte,
    nein, ich muß mich korrigieren, ich erinnere
    mich doch einer solchen Ausnahme. Sie betrifft
    eine amerikanische Ärztin, die aber niemals
    in ärztlichem Beruf thätig war.
     

        Ich gestatte mir jetzt noch auf ein anderes Moment
    hinzuweisen, ohne welches die Situation in
    Amerika nicht verständlich wird. Das amerika-
    nische Ärztestand theilt mit eine strenge
    Interessen finden wir an, das sich in
    einigen Köpfen über dies Land gesetzt habe. Das
    wirkt uns zu danken wir in Medizin
    so unmündig gesagt haben.
     

        Ich komme zum Schluße. Die wesentlich von
    praktischen Motiven geleitete Resolution
    unserer amerikanischen Kollegen gegen die
    Laienanalytiker erscheint mir unpraktisch
    denn sie kann nicht eines der Momente
    verändern, welche die Sachlage beherrschen.
    Sie hat etwa den Wert eines Versuches zur
    Verdrängung. Wenn man die Laienanalytiker
    in ihrer Tätigkeit nicht behindern kann, im
    Kampf gegen sie nicht vom Publikum
    unterstützt wird, wäre es dann nicht zweck-
    mäßiger, der Tatsache ihrer Existenz Rechnung
    zu tragen, indem man ihnen Gelegenheiten
    zur besseren Ausbildung bietet, Einfluß
    auf sie gewinnt und ihnen die Mög-
    lichkeit der Approbation durch den Ärztestand
    und der Heranziehung zur Mitarbeiterschaft
    als Ansporn vorhält vorhält, damit sie sich
    bemühen, ihr sittliches und intellektuelles
    Niveau zu erhöhen?
     

    So daß sie ein Interesse daran finden
    Wien im Juni 1927.