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XXVIII
Sigm. Freud: Nachwort zur „Frage der Laienanalyse“
Der unmittelbare Anlaß zur Abfassung meiner kleinen Schrift, an
welche die hier vorstehenden Diskussionen anknüpfen, war die Anklage
unseres nichtärztlichen Kollegen Dr. Th. Reik wegen Kurpfuscherei bei
der Wiener Behörde. Es dürfte allgemein bekannt geworden sein, daß
diese Klage fallen gelassen wurde, nachdem alle Vorerhebungen durch-
geführt und verschiedene Gutachten eingeholt worden waren. Ich glaube
nicht, daß dies ein Erfolg meines Buches war; der Fall lag wohl zu
ungünstig für die Klagführung und die Person, die sich als geschädigt
beschwert hatte, erwies sich als wenig vertrauenswürdig. Die Einstellung
des Verfahrens gegen Dr. Reik hat wahrscheinlich nicht die Bedeutung
einer prinzipiellen Entscheidung des Wiener Gerichts in der Frage der
Laienanalyse. Als ich die Figur des „unparteiischen“ Partners in meiner
Tendenzschrift schuf, schwebte mir die Person eines unserer hohen Funk-
tionäre vor, eines Mannes von wohlwollender Gesinnung und nicht
gewöhnlicher Integrität, mit dem ich selbst ein Gespräch über die Causa
Reik geführt und dem ich dann, wie er gewünscht, ein privates Gut-
achten darüber überreicht hatte. Ich wußte, daß es mir nicht gelungen
war, ihn zu meiner Ansicht zu bekehren, und darum ließ ich auch meinen
Dialog mit dem Unparteiischen nicht in eine Einigung ausgehen.Ich habe auch nicht erwartet, daß es mir gelingen werde, eine
einheitliche Stellungnahme zum Problem der Laienanalyse bei den Ana-
lytikern selbst herbeizuführen. Wer in dieser Sammlung die Äußerung
der Ungarischen Gesellschaft mit der der New Yorker Gruppe zusammen-
hält, wird vielleicht annehmen, meine Schrift habe gar nichts ausgerichtet,
jedermann halte den Standpunkt fest, den er auch vorher vertreten. Allein
auch dies glaube ich nicht. Ich meine, viele Kollegen werden ihre extreme
Parteinahme ermäßigt haben, die meisten haben meine Auffassung
angenommen, daß das Problem der Laienanalyse nicht nach hergebrachten
Gepflogenheiten entschieden werden darf, sondern einer neuartigen Situation
entspringt und darum eine neue Urteilsfällung fordert.Auch die Wendung, die ich der ganzen Frage gegeben, scheint Beifall
gefunden zu haben. Ich hatte ja den Satz in den Vordergrund gerückt,
es käme nicht darauf an, ob der Analytiker ein ärztliches Diplom besitzt,
sondern ob er die besondere Ausbildung erworben hat, deren es zur Aus-
übung der Analyse bedarf. Daran konnte die Frage anknüpfen, über die
die Kollegen so eifrig diskutiert haben, welche die für den Analytiker
geeignetste Ausbildung sei. Ich meinte und vertrete es auch jetzt, es sei
nicht die, welche die Universität dem künftigen Arzt vorschreibt. Die
sogenannte ärztliche Ausbildung erscheint mir als ein beschwerlicher
Umweg zum analytischen Beruf, sie gibt dem Analytiker zwar vieles, was
ihm unentbehrlich ist, lädt ihm aber außerdem zuviel auf, was er nieS.
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Diskussionen
ver-
werten kann, und bringt die Gefahr mit sich, daß sein Interesse wie
seine Denkweise von der Erfassung der psychischen Phänomene abgelenkt
wird. Der Unterrichtsplan für den Analytiker ist erst zu schaffen, er muß
geisteswissenschaftlichen Stoff, psychologischen, kulturhistorischen, sozio-
logischen ebenso umfassen wie anatomischen, biologischen und entwicklungs-
geschichtlichen. Es gibt dabei soviel zu lehren, daß man gerechtfertigt ist,
aus dem Unterricht wegzulassen, was keine direkte Beziehung zur ana-
lytischen Tätigkeit hat und nur indirekt wie jedes andere Studium zur
Schulung des Intellekts und der sinnlichen Beobachtung beitragen kann.
Es ist bequem, gegen diesen Vorschlag einzuwenden, solche analytische
Hochschulen gebe es nicht, das sei eine Idealforderung. Jawohl, ein
Ideal, aber eines, das realisiert werden kann und realisiert werden muß.
Unsere Lehrinstitute sind bei all ihrer jugendlichen Unzulänglichkeit doch
bereits der Beginn einer solchen Realisierung.Es wird meinen Lesern nicht entgangen sein, daß ich im vorstehenden
etwas wie selbstverständlich vorausgesetzt habe, was in den Diskussionen
noch heftig umstritten wird. Nämlich, daß die Psychoanalyse kein
Spezialfach der Medizin ist. Ich sehe nicht, wie man sich sträuben kann,
das zu erkennen. Die Psychoanalyse ist ein Stück Psychologie, auch nicht
medizinische Psychologie im alten Sinne oder Psychologie der krankhaften
Vorgänge, sondern Psychologie schlechtweg, gewiß nicht das Ganze der
Psychologie, sondern ihr Unterbau, vielleicht überhaupt ihr Fundament.
Man lasse sich durch die Möglichkeit ihrer Anwendung zu medizinischen
Zwecken nicht irreführen, auch die Elektrizität und die Röntgenstrahlen
haben Verwendung in der Medizin gefunden, aber die Wissenschaft von
beiden ist doch die Physik. Auch historische Argumente können an dieser
Zugehörigkeit nichts ändern. Die ganze Lehre von der Elektrizität hat
ihren Ausgang von einer Beobachtung am Nervmuskelpräparat genommen,
darum fällt es heute doch niemand ein zu behaupten, sie sei ein Stück
der Physiologie. Für die Psychoanalyse bringt man vor, sie sei doch von
einem Arzt erfunden worden bei seinen Bemühungen Kranken zu helfen.
Aber das ist für ihre Beurteilung offenbar gleichgültig. Auch ist dies
historische Argument recht gefährlich. In seiner Fortsetzung könnte man
daran erinnern, wie unfreundlich, ja, wie gehässig abweisend sich die
Ärzteschaft von Anfang an gegen die Analyse benommen hat; daraus
würde folgern, daß sie auch heute kein Anrecht auf die Analyse hat. Und
wirklich – obwohl ich eine solche Folgerung zurückweise – ich bin
noch heute mißtrauisch, ob die Werbung der Ärzte um die Psychoanalyse
vom Standpunkt der Libidotheorie auf die erste oder die zweite der
Abrahamschen Unterstufen zurückzuführen ist, ob es sich dabei um
eine Besitzergreifung mit der Absicht der Zerstörung oder der Erhaltung
des Objekts handelt.Um beim historischen Argument noch einen Augenblick zu verweilen:
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da es sich um meine Person handelt, kann ich dem, der sich dafür
interessiert, ein-
igen Einblick in meine eigenen Motive geben. Nach
41jähriger ärztlicher Tätigkeit sagt mir meine Selbsterkenntnis, ich sei
eigentlich kein richtiger Arzt gewesen. Ich bin Arzt geworden durch eine
mir aufgedrängte Ablenkung meiner ursprünglichen Absicht und mein
Lebenstriumph liegt darin, daß ich nach großem Umweg die anfängliche
Richtung wieder gefunden habe. Aus frühen Jahren ist mir nichts von
einem Bedürfnis, leidenden Menschen zu helfen, bekannt, meine sadistische
Veranlagung war nicht sehr groß, so brauchte sich dieser ihrer Abkömm-
linge nicht zu entwickeln. Ich habe auch niemals „Doktor“2 gespielt, meine
infantile Neugierde ging offenbar andere Wege. In den Jugendjahren
wurde das Bedürfnis, etwas von den Rätseln dieser Welt zu verstehen und
vielleicht selbst etwas zu ihrer Lösung beizutra-
gen, übermächtig. Die
Inskription an der medizinischen Fakultät schien der beste Weg dazu,
aber dann versuchte ich’s – erfolglos – mit der Zoologie und der
Chemie, bis ich unter dem Einfluß v. Brückes, der größten Autorität,
die je auf mich gewirkt hat, an der Physiologie haften blieb, die sich
damals freilich zu sehr auf Histologie einschränkte. Ich hatte dann bereits
alle medizinischen Prüfungen abgelegt, ohne mich für etwas Ärztliches zu
interessieren, bis ein Mahnwort des verehrten Lehrers mir sagte, daß ich
in meiner armseligen materiellen Situation eine theoretische Laufbahn
vermeiden müßte. So kam ich von der Histologie des Nervensystems zur
Neuropathologie und auf Grund neuer Anregungen zur Bemühung um
die Neurosen. Ich meine aber, mein Mangel an der richtigen ärztlichen
Disposition hat meinen Patienten nicht sehr geschadet. Denn der Kranke
hat nicht viel davon, wenn das therapeutische Interesse beim Arzt affektiv
überbetont ist. Für ihn ist es am besten, wenn der Arzt kühl und
möglichst korrekt arbeitet.Der vorstehende Bericht hat gewiß wenig zur Klärung des Problems
der Laienanalyse beigetragen. Er sollte bloß meine persönliche Legitimation
bekräftigen, wenn gerade ich für den Eigenwert der Psychoanalyse und
ihre Unabhängigkeit von ihrer medizinischen Anwendung eintrete. Man
wird mir aber hier entgegenhalten, ob die Psychoanalyse als Wissenschaft
ein Teilgebiet der Medizin oder der Psychologie ist, sei eine Doktorfrage,
praktisch ganz uninteressant. Was in Rede stehe, sei etwas anderes, eben
die Verwendung der Analyse zur Behandlung von Kranken, und insofern
sie dies beanspruche, müsse sie sich’s gefallen lassen, als Spezialfach in
die Medizin auf-
genommen zu werden, wie z. B. die Röntgenologie, und
sich den für alle therapeutischen Methoden geltenden Vorschriften unter-
werfen. Ich anerkenne das, gestehe es zu, ich will nur verhütet wissen,
daß die Therapie die Wissenschaft erschlägt. Leider reichen alle Vergleiche
nur ein Stück weit, es kommt dann ein Punkt, von dem an die beiden
Verglichenen auseinandergehen. Der Fall der Analyse liegt anders als derS.
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der Röntgenologie; die Physiker brauchen den kranken Menschen nicht,
um die Gesetze der Röntgenstrahlen zu studieren. Die Analyse aber hat
kein anderes Material als die seelischen Vorgänge des Menschen, kann nur
am Menschen studiert werden; infolge besonderer leicht begreiflicher
Verhältnisse ist der neurotische Mensch weit lehrreicheres und zugäng-
licheres Material als der Normale, und wenn man einem, der die Analyse
erlernen und anwenden will, dies Material entzieht, hat man ihn um die
gute Hälfte seiner Bildungsmöglichkeiten verkürzt. Es liegt mir natürlich
ferne, zu fordern, daß das Interesse des neurotisch Kranken dem des
Unterrichts und der wissenschaftlichen Forschung zum Opfer gebracht
werde. Meine kleine Schrift zur Frage der Laienanalyse bemüht sich eben
zu zeigen, daß unter Beobachtung gewisser Kautelen beiderlei Interessen sehr
wohl in Einklang gebracht werden können, und daß eine solche Lösung
nicht zuletzt auch dem richtig verstandenen ärztlichen Interesse dient.Diese Kautelen habe ich alle selbst angeführt; ich darf sagen, die
Diskussion hat hier nichts Neues hinzugefügt; ich möchte noch aufmerksam
machen, sie hat oft die Akzente in einer Weise verteilt, die der Wirk-
lichkeit nicht gerecht wird. Es ist alles richtig, was über die Schwierigkeit
der Differential-Diagnose, die Unsicherheit in der Beurteilung körperlicher
Symptome in vielen Fällen gesagt wurde, was also ärztliches Wissen oder
ärztliche Einmengung notwendig macht, aber die Anzahl der Fälle, in
denen solche Zweifel überhaupt nicht auftauchen, der Arzt nicht gebraucht
wird, ist doch noch ungleich größer. Diese Fälle mögen wissenschaftlich
recht uninteressant sein, im Leben spielen sie eine genug wichtige Rolle,
um die Tätigkeit des Laienanalytikers, der ihnen vollauf gewachsen ist,
zu rechtfertigen. Ich habe vor einiger Zeit einen Kollegen analysiert, der
eine besonders scharfe Ablehnung dagegen entwickelte, daß jemand sich
eine ärztliche Tätigkeit gestatte, der nicht selbst Arzt ist. Ich konnte ihm
sagen: Wir arbeiten jetzt länger als drei Monate. An welcher Stelle unserer
Analyse war ich veranlaßt, mein ärztliches Wissen in Anspruch zu nehmen?
Er gestand zu, daß sich kein Anlaß dafür gefunden hatte.Auch das Argument, daß der Laienanalytiker, weil er bereit sein muß,
den Arzt zu konsultieren, beim Kranken keine Autorität erwerben und
kein höheres Ansehen als das eines Heilgehilfen, Masseurs u. dgl. erreichen
kann, schätze ich nicht hoch ein. Die Analogie dürfte wiederum nicht
zutreffen, abgesehen davon, daß der Kranke die Autorität nach seiner
Gefühlsübertragung zu verleihen pflegt, und daß der Besitz eines ärztlichen
Diploms ihm lange nicht so imponiert, wie der Arzt glaubt. Der berufs-
mäßige Laienanalytiker wird es nicht schwer haben, sich das Ansehen zu
verschaffen, das ihm als einem weltlichen Seelsorger gebührt. Mit der
Formel „Weltliche Seelsorge“ könnte man überhaupt die Funktion
beschreiben, die der Analytiker, sei er nun Arzt oder Laie, dem Publikum
gegenüber zu erfüllen hat. Unsere Freunde unter den protestantischen undS.
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neuerlich auch katholischen Geistlichen befreien oft ihre Pfarrkinder
von ihren Lebenshemmungen, indem sie ihre Gläubigkeit herstellen,
nachdem sie ihnen ein Stück analytischer Aufklärung über ihre Konflikte
geboten haben. Unsere Gegner, die Adlerschen Individualpsychologen,
erstreben dieselbe Änderung bei den haltlos und untüchtig Gewordenen,
indem sie ihr Interesse für soziale Gemeinschaft wecken, nachdem sie
ihnen einen einzigen Winkel ihres Seelenlebens beleuchtet und ihnen gezeigt
haben, welchen Anteil ihre egoistischen und mißtrauischen Regungen an
ihrem Kranksein haben. Beide Verfahren, die ihre Kraft der Anlehnung
an die Analyse verdanken, haben ihren Platz in der Psychotherapie. Wir
Analytiker setzen uns eine möglichst vollständige und tiefreichende Analyse des
Patienten zum Ziel, wir wollen ihn nicht durch die Aufnahme in die
katholische, protestantische oder sozialistische Gemeinschaft entlasten, sondern
ihn aus seinem eigenen Inneren bereichern, indem wir seinem Ich die
Energien zuführen, die durch Verdrängung unzugänglich in seinem
Unbewußten gebunden sind, und jene anderen, die das Ich in unfrucht-
barer Weise zur Aufrechterhaltung der Verdrängungen verschwenden muß.
Was wir so treiben, ist Seelsorge im besten Sinne. Ob wir uns damit ein
zu hohes Ziel gesteckt haben? Ob auch nur die Mehrzahl unserer Patienten
der Mühe wert ist, die wir für diese Arbeit verbrauchen? Ob es nicht
ökonomischer ist, das Defekte von außen zu stützen als von innen zu
reformieren? Ich kann es nicht sagen, aber etwas anderes weiß ich. In
der Psychoanalyse bestand von Anfang ein Junktim zwischen Heilen und
Forschen, die Erkenntnis brachte den Erfolg, man konnte nicht behandeln,
ohne etwas Neues zu erfahren, man gewann keine Aufklärung, ohne ihre
wohltätige Wirkung zu erleben. Unser analytisches Verfahren ist das einzige,
bei dem dies kostbare Zusammentreffen gewahrt bleibt. Nur wenn wir
analytische Seelsorge treiben, vertiefen wir unsere eben aufdämmernde
Einsicht in das menschliche Seelenleben. Diese Aussicht auf wissenschaft-
lichen Gewinn war der vornehmste, erfreulichste Zug der analytischen
Arbeit; dürfen wir sie irgendwelchen praktischen Erwägungen zum Opfer
bringen?Einige Äußerungen in dieser Diskussion erwecken in mir den Verdacht,
als wäre meine Schrift zur Laienfrage doch in einem Punkte mißverstanden
worden. Die Ärzte werden gegen mich in Schutz genommen, wie wenn
ich sie allgemein als untauglich für die Ausübung der Analyse erklärt
und die Parole ausgegeben hätte, ärztlicher Zuzug sei fernzuhalten. Nun,
das liegt nicht in meiner Absicht. Der Anschein entstand wahrscheinlich
daraus, daß ich in meiner polemisch angelegten Darstellung die unaus-
gebildeten ärztlichen Analytiker für noch gefährlicher erklären mußte als
die Laien. Meine wirkliche Meinung in dieser Frage könnte ich klar
machen, indem ich einen Zynismus kopiere, der einst im Simplicissimus
über die Frauen vorgebracht wurde. Dort beklagte sich einer der PartnerS.
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über die Schwächen und Schwierigkeiten des schönen Geschlechts,
worauf der andere bemerkte: Die Frau ist aber doch das Beste, was wir
in der Art haben. Ich gestehe es zu, solange die Schulen nicht bestehen,
die wir uns für die Heranbildung von Analytikern wünschen, sind die
ärztlich vorgebildeten Personen das beste Material für den künftigen Ana-
lytiker. Nur darf man fordern, daß sie ihre Vorbildung nicht an Stelle
der Ausbildung setzen, daß sie die Einseitigkeit überwinden, die durch den
Unterricht an der medizinischen Schule begünstigt wird, und daß sie der
Versuchung widerstehen, mit der Endokrinologie und dem autonomen
Nervensystem zu liebäugeln, wo es darauf ankommt, psychologische Tat-
sachen durch psychologische Hilfsvorstellungen zu erfassen. Ebenso teile
ich die Erwartung, daß alle die Probleme, die sich auf die Zusammen-
hänge zwischen psychischen Phänomenen und ihren organischen, anato-
mischen und chemischen Grundlagen beziehen, nur von Personen, die
beides studiert haben, also von ärztlichen Analytikern, in Angriff genommen
werden können. Doch sollte man nicht vergessen, daß dies nicht alles an
der Psychoanalyse ist, und daß wir für deren andere Seite die Mitarbeit
von Personen, die in den Geisteswissenschaften vorgebildet sind, nie
entbehren können. Aus praktischen Gründen haben wir, auch für unsere
Publikationen, die Gewohnheit angenommen, eine ärztliche Analyse von
den Anwendungen der Analyse zu scheiden. Das ist nicht korrekt. In
Wirklichkeit verläuft die Scheidungsgrenze zwischen der wissenschaftlichen
Psychoanalyse und ihren Anwendungen auf medizinischem und nicht
medizinischem Gebiet.Die schroffste Ablehnung der Laienanalyse wird in diesen Diskussionen
von unseren amerikanischen Kollegen vertreten. Ich halte es nicht für
überflüssig, ihnen durch einige Bemerkungen zu erwidern. Es ist kaum
ein Mißbrauch der Analyse zu polemischen Zwecken, wenn ich die
Meinung ausdrücke, daß ihr Widerstand sich ausschließlich auf praktische
Momente zurückführt. Sie sehen in ihrem Lande, daß die Laienanalytiker
viel Unfug und Mißbrauch mit der Analyse treiben und infolgedessen die
Patienten, wie den Ruf der Analyse schädigen. Es ist dann begreiflich,
daß sie in ihrer Empörung weit von diesen gewissenlosen Schädlingen
abrücken und die Laien von jedem Anteil an der Analyse ausschließen
wollen. Aber dieser Sachverhalt reicht bereits aus, um die Bedeutung ihrer
Stellungnahme herabzudrücken. Denn die Frage der Laienanalyse darf
nicht allein nach praktischen Erwägungen entschieden werden und die
lokalen Verhältnisse Amerikas können für uns nicht allein maßgebend sein.Die wesentlich von praktischen Motiven geleitete Resolution unserer
amerikanischen Kollegen gegen die Laienanalytiker erscheint mir
unpraktisch, denn sie kann nicht eines der Momente verändern, welche
die Sachlage beherrschen. Sie hat etwa den Wert eines Versuches zur
Verdrängung. Wenn man die Laienanalytiker in ihrer Tätigkeit nichtS.
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behindern kann, im Kampf gegen sie nicht vom Publikum unterstützt
wird, wäre es dann nicht zweckmäßiger, der Tatsache ihrer Existenz
Rechnung zu tragen, indem man ihnen Gelegenheiten zur Ausbildung
bietet, Einfluß auf sie gewinnt und ihnen die Möglichkeit der Approbation
durch den Ärzte-
stand und der Heranziehung zur Mitarbeiterschaft als
Ansporn vorhält, so daß sie ein Interesse daran finden, ihr sittliches und
intellektuelles Niveau zu erhöhen?Wien, im Juni 1927.
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Nachwort zur „Frage der Laienanalyse”
1926-002/1927