Nachwort zur „Frage der Laienanalyse” 1926-002/1927

Freud, Sigmund (1926-002/1927): Nachwort zur „Frage der Laienanalyse”

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    XXVIII

    Sigm. Freud: Nachwort zur „Frage der Laienanalyse“

    Der unmittelbare Anlaß zur Abfassung meiner kleinen Schrift, an
    welche die hier vorstehenden Diskussionen anknüpfen, war die Anklage
    unseres nichtärztlichen Kollegen Dr. Th. Reik wegen Kurpfuscherei bei
    der Wiener Behörde. Es dürfte allgemein bekannt geworden sein, daß
    diese Klage fallen gelassen wurde, nachdem alle Vorerhebungen durch-
    geführt und verschiedene Gutachten eingeholt worden waren. Ich glaube
    nicht, daß dies ein Erfolg meines Buches war; der Fall lag wohl zu
    ungünstig für die Klagführung und die Person, die sich als geschädigt
    beschwert hatte, erwies sich als wenig vertrauenswürdig. Die Einstellung
    des Verfahrens gegen Dr. Reik hat wahrscheinlich nicht die Bedeutung
    einer prinzipiellen Entscheidung des Wiener Gerichts in der Frage der
    Laienanalyse. Als ich die Figur des „unparteiischen“ Partners in meiner
    Tendenzschrift schuf, schwebte mir die Person eines unserer hohen Funk-
    tionäre vor, eines Mannes von wohlwollender Gesinnung und nicht
    gewöhnlicher Integrität, mit dem ich selbst ein Gespräch über die Causa
    Reik geführt und dem ich dann, wie er gewünscht, ein privates Gut-
    achten darüber überreicht hatte. Ich wußte, daß es mir nicht gelungen
    war, ihn zu meiner Ansicht zu bekehren, und darum ließ ich auch meinen
    Dialog mit dem Unparteiischen nicht in eine Einigung ausgehen.

    Ich habe auch nicht erwartet, daß es mir gelingen werde, eine
    einheitliche Stellungnahme zum Problem der Laienanalyse bei den Ana-
    lytikern selbst herbeizuführen. Wer in dieser Sammlung die Äußerung
    der Ungarischen Gesellschaft mit der der New Yorker Gruppe zusammen-
    hält, wird vielleicht annehmen, meine Schrift habe gar nichts ausgerichtet,
    jedermann halte den Standpunkt fest, den er auch vorher vertreten. Allein
    auch dies glaube ich nicht. Ich meine, viele Kollegen werden ihre extreme
    Parteinahme ermäßigt haben, die meisten haben meine Auffassung
    angenommen, daß das Problem der Laienanalyse nicht nach hergebrachten
    Gepflogenheiten entschieden werden darf, sondern einer neuartigen Situation
    entspringt und darum eine neue Urteilsfällung fordert.

    Auch die Wendung, die ich der ganzen Frage gegeben, scheint Beifall
    gefunden zu haben. Ich hatte ja den Satz in den Vordergrund gerückt,
    es käme nicht darauf an, ob der Analytiker ein ärztliches Diplom besitzt,
    sondern ob er die besondere Ausbildung erworben hat, deren es zur Aus-
    übung der Analyse bedarf. Daran konnte die Frage anknüpfen, über die
    die Kollegen so eifrig diskutiert haben, welche die für den Analytiker
    geeignetste Ausbildung sei. Ich meinte und vertrete es auch jetzt, es sei
    nicht die, welche die Universität dem künftigen Arzt vorschreibt. Die
    sogenannte ärztliche Ausbildung erscheint mir als ein beschwerlicher
    Umweg zum analytischen Beruf, sie gibt dem Analytiker zwar vieles, was
    ihm unentbehrlich ist, lädt ihm aber außerdem zuviel auf, was er nie

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    Diskussionen


    ver-
    werten kann, und bringt die Gefahr mit sich, daß sein Interesse wie
    seine Denkweise von der Erfassung der psychischen Phänomene abgelenkt
    wird. Der Unterrichtsplan für den Analytiker ist erst zu schaffen, er muß
    geisteswissenschaftlichen Stoff, psychologischen, kulturhistorischen, sozio-
    logischen ebenso umfassen wie anatomischen, biologischen und entwicklungs-
    geschichtlichen. Es gibt dabei soviel zu lehren, daß man gerechtfertigt ist,
    aus dem Unterricht wegzulassen, was keine direkte Beziehung zur ana-
    lytischen Tätigkeit hat und nur indirekt wie jedes andere Studium zur
    Schulung des Intellekts und der sinnlichen Beobachtung beitragen kann.
    Es ist bequem, gegen diesen Vorschlag einzuwenden, solche analytische
    Hochschulen gebe es nicht, das sei eine Idealforderung. Jawohl, ein
    Ideal, aber eines, das realisiert werden kann und realisiert werden muß.
    Unsere Lehrinstitute sind bei all ihrer jugendlichen Unzulänglichkeit doch
    bereits der Beginn einer solchen Realisierung.

    Es wird meinen Lesern nicht entgangen sein, daß ich im vorstehenden
    etwas wie selbstverständlich vorausgesetzt habe, was in den Diskussionen
    noch heftig umstritten wird. Nämlich, daß die Psychoanalyse kein
    Spezialfach der Medizin ist. Ich sehe nicht, wie man sich sträuben kann,
    das zu erkennen. Die Psychoanalyse ist ein Stück Psychologie, auch nicht
    medizinische Psychologie im alten Sinne oder Psychologie der krankhaften
    Vorgänge, sondern Psychologie schlechtweg, gewiß nicht das Ganze der
    Psychologie, sondern ihr Unterbau, vielleicht überhaupt ihr Fundament.
    Man lasse sich durch die Möglichkeit ihrer Anwendung zu medizinischen
    Zwecken nicht irreführen, auch die Elektrizität und die Röntgenstrahlen
    haben Verwendung in der Medizin gefunden, aber die Wissenschaft von
    beiden ist doch die Physik. Auch historische Argumente können an dieser
    Zugehörigkeit nichts ändern. Die ganze Lehre von der Elektrizität hat
    ihren Ausgang von einer Beobachtung am Nervmuskelpräparat genommen,
    darum fällt es heute doch niemand ein zu behaupten, sie sei ein Stück
    der Physiologie. Für die Psychoanalyse bringt man vor, sie sei doch von
    einem Arzt erfunden worden bei seinen Bemühungen Kranken zu helfen.
    Aber das ist für ihre Beurteilung offenbar gleichgültig. Auch ist dies
    historische Argument recht gefährlich. In seiner Fortsetzung könnte man
    daran erinnern, wie unfreundlich, ja, wie gehässig abweisend sich die
    Ärzteschaft von Anfang an gegen die Analyse benommen hat; daraus
    würde folgern, daß sie auch heute kein Anrecht auf die Analyse hat. Und
    wirklich – obwohl ich eine solche Folgerung zurückweise – ich bin
    noch heute mißtrauisch, ob die Werbung der Ärzte um die Psychoanalyse
    vom Standpunkt der Libidotheorie auf die erste oder die zweite der
    Abrahamschen Unterstufen zurückzuführen ist, ob es sich dabei um
    eine Besitzergreifung mit der Absicht der Zerstörung oder der Erhaltung
    des Objekts handelt.

    Um beim historischen Argument noch einen Augenblick zu verweilen:

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    da es sich um meine Person handelt, kann ich dem, der sich dafür
    interessiert, ein-
    igen Einblick in meine eigenen Motive geben. Nach
    41jähriger ärztlicher Tätigkeit sagt mir meine Selbsterkenntnis, ich sei
    eigentlich kein richtiger Arzt gewesen. Ich bin Arzt geworden durch eine
    mir aufgedrängte Ablenkung meiner ursprünglichen Absicht und mein
    Lebenstriumph liegt darin, daß ich nach großem Umweg die anfängliche
    Richtung wieder gefunden habe. Aus frühen Jahren ist mir nichts von
    einem Bedürfnis, leidenden Menschen zu helfen, bekannt, meine sadistische
    Veranlagung war nicht sehr groß, so brauchte sich dieser ihrer Abkömm-
    linge nicht zu entwickeln. Ich habe auch niemals „Doktor“2 gespielt, meine
    infantile Neugierde ging offenbar andere Wege. In den Jugendjahren
    wurde das Bedürfnis, etwas von den Rätseln dieser Welt zu verstehen und
    vielleicht selbst etwas zu ihrer Lösung beizutra-
    gen, übermächtig. Die
    Inskription an der medizinischen Fakultät schien der beste Weg dazu,
    aber dann versuchte ich’s – erfolglos – mit der Zoologie und der
    Chemie, bis ich unter dem Einfluß v. Brückes, der größten Autorität,
    die je auf mich gewirkt hat, an der Physiologie haften blieb, die sich
    damals freilich zu sehr auf Histologie einschränkte. Ich hatte dann bereits
    alle medizinischen Prüfungen abgelegt, ohne mich für etwas Ärztliches zu
    interessieren, bis ein Mahnwort des verehrten Lehrers mir sagte, daß ich
    in meiner armseligen materiellen Situation eine theoretische Laufbahn
    vermeiden müßte. So kam ich von der Histologie des Nervensystems zur
    Neuropathologie und auf Grund neuer Anregungen zur Bemühung um
    die Neurosen. Ich meine aber, mein Mangel an der richtigen ärztlichen
    Disposition hat meinen Patienten nicht sehr geschadet. Denn der Kranke
    hat nicht viel davon, wenn das therapeutische Interesse beim Arzt affektiv
    überbetont ist. Für ihn ist es am besten, wenn der Arzt kühl und
    möglichst korrekt arbeitet.

    Der vorstehende Bericht hat gewiß wenig zur Klärung des Problems
    der Laienanalyse beigetragen. Er sollte bloß meine persönliche Legitimation
    bekräftigen, wenn gerade ich für den Eigenwert der Psychoanalyse und
    ihre Unabhängigkeit von ihrer medizinischen Anwendung eintrete. Man
    wird mir aber hier entgegenhalten, ob die Psychoanalyse als Wissenschaft
    ein Teilgebiet der Medizin oder der Psychologie ist, sei eine Doktorfrage,
    praktisch ganz uninteressant. Was in Rede stehe, sei etwas anderes, eben
    die Verwendung der Analyse zur Behandlung von Kranken, und insofern
    sie dies beanspruche, müsse sie sich’s gefallen lassen, als Spezialfach in
    die Medizin auf-
    genommen zu werden, wie z. B. die Röntgenologie, und
    sich den für alle therapeutischen Methoden geltenden Vorschriften unter-
    werfen. Ich anerkenne das, gestehe es zu, ich will nur verhütet wissen,
    daß die Therapie die Wissenschaft erschlägt. Leider reichen alle Vergleiche
    nur ein Stück weit, es kommt dann ein Punkt, von dem an die beiden
    Verglichenen auseinandergehen. Der Fall der Analyse liegt anders als der

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    der Röntgenologie; die Physiker brauchen den kranken Menschen nicht,
    um die Gesetze der Röntgenstrahlen zu studieren. Die Analyse aber hat
    kein anderes Material als die seelischen Vorgänge des Menschen, kann nur
    am Menschen studiert werden; infolge besonderer leicht begreiflicher
    Verhältnisse ist der neurotische Mensch weit lehrreicheres und zugäng-
    licheres Material als der Normale, und wenn man einem, der die Analyse
    erlernen und anwenden will, dies Material entzieht, hat man ihn um die
    gute Hälfte seiner Bildungsmöglichkeiten verkürzt. Es liegt mir natürlich
    ferne, zu fordern, daß das Interesse des neurotisch Kranken dem des
    Unterrichts und der wissenschaftlichen Forschung zum Opfer gebracht
    werde. Meine kleine Schrift zur Frage der Laienanalyse bemüht sich eben
    zu zeigen, daß unter Beobachtung gewisser Kautelen beiderlei Interessen sehr
    wohl in Einklang gebracht werden können, und daß eine solche Lösung
    nicht zuletzt auch dem richtig verstandenen ärztlichen Interesse dient.

    Diese Kautelen habe ich alle selbst angeführt; ich darf sagen, die
    Diskussion hat hier nichts Neues hinzugefügt; ich möchte noch aufmerksam
    machen, sie hat oft die Akzente in einer Weise verteilt, die der Wirk-
    lichkeit nicht gerecht wird. Es ist alles richtig, was über die Schwierigkeit
    der Differential-Diagnose, die Unsicherheit in der Beurteilung körperlicher
    Symptome in vielen Fällen gesagt wurde, was also ärztliches Wissen oder
    ärztliche Einmengung notwendig macht, aber die Anzahl der Fälle, in
    denen solche Zweifel überhaupt nicht auftauchen, der Arzt nicht gebraucht
    wird, ist doch noch ungleich größer. Diese Fälle mögen wissenschaftlich
    recht uninteressant sein, im Leben spielen sie eine genug wichtige Rolle,
    um die Tätigkeit des Laienanalytikers, der ihnen vollauf gewachsen ist,
    zu rechtfertigen. Ich habe vor einiger Zeit einen Kollegen analysiert, der
    eine besonders scharfe Ablehnung dagegen entwickelte, daß jemand sich
    eine ärztliche Tätigkeit gestatte, der nicht selbst Arzt ist. Ich konnte ihm
    sagen: Wir arbeiten jetzt länger als drei Monate. An welcher Stelle unserer
    Analyse war ich veranlaßt, mein ärztliches Wissen in Anspruch zu nehmen?
    Er gestand zu, daß sich kein Anlaß dafür gefunden hatte.

    Auch das Argument, daß der Laienanalytiker, weil er bereit sein muß,
    den Arzt zu konsultieren, beim Kranken keine Autorität erwerben und
    kein höheres Ansehen als das eines Heilgehilfen, Masseurs u. dgl. erreichen
    kann, schätze ich nicht hoch ein. Die Analogie dürfte wiederum nicht
    zutreffen, abgesehen davon, daß der Kranke die Autorität nach seiner
    Gefühlsübertragung zu verleihen pflegt, und daß der Besitz eines ärztlichen
    Diploms ihm lange nicht so imponiert, wie der Arzt glaubt. Der berufs-
    mäßige Laienanalytiker wird es nicht schwer haben, sich das Ansehen zu
    verschaffen, das ihm als einem weltlichen Seelsorger gebührt. Mit der
    Formel „Weltliche Seelsorge“ könnte man überhaupt die Funktion
    beschreiben, die der Analytiker, sei er nun Arzt oder Laie, dem Publikum
    gegenüber zu erfüllen hat. Unsere Freunde unter den protestantischen und

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    neuerlich auch katholischen Geistlichen befreien oft ihre Pfarrkinder
    von ihren Lebenshemmungen, indem sie ihre Gläubigkeit herstellen,
    nachdem sie ihnen ein Stück analytischer Aufklärung über ihre Konflikte
    geboten haben. Unsere Gegner, die Adlerschen Individualpsychologen,
    erstreben dieselbe Änderung bei den haltlos und untüchtig Gewordenen,
    indem sie ihr Interesse für soziale Gemeinschaft wecken, nachdem sie
    ihnen einen einzigen Winkel ihres Seelenlebens beleuchtet und ihnen gezeigt
    haben, welchen Anteil ihre egoistischen und mißtrauischen Regungen an
    ihrem Kranksein haben. Beide Verfahren, die ihre Kraft der Anlehnung
    an die Analyse verdanken, haben ihren Platz in der Psychotherapie. Wir
    Analytiker setzen uns eine möglichst vollständige und tiefreichende Analyse des
    Patienten zum Ziel, wir wollen ihn nicht durch die Aufnahme in die
    katholische, protestantische oder sozialistische Gemeinschaft entlasten, sondern
    ihn aus seinem eigenen Inneren bereichern, indem wir seinem Ich die
    Energien zuführen, die durch Verdrängung unzugänglich in seinem
    Unbewußten gebunden sind, und jene anderen, die das Ich in unfrucht-
    barer Weise zur Aufrechterhaltung der Verdrängungen verschwenden muß.
    Was wir so treiben, ist Seelsorge im besten Sinne. Ob wir uns damit ein
    zu hohes Ziel gesteckt haben? Ob auch nur die Mehrzahl unserer Patienten
    der Mühe wert ist, die wir für diese Arbeit verbrauchen? Ob es nicht
    ökonomischer ist, das Defekte von außen zu stützen als von innen zu
    reformieren? Ich kann es nicht sagen, aber etwas anderes weiß ich. In
    der Psychoanalyse bestand von Anfang ein Junktim zwischen Heilen und
    Forschen, die Erkenntnis brachte den Erfolg, man konnte nicht behandeln,
    ohne etwas Neues zu erfahren, man gewann keine Aufklärung, ohne ihre
    wohltätige Wirkung zu erleben. Unser analytisches Verfahren ist das einzige,
    bei dem dies kostbare Zusammentreffen gewahrt bleibt. Nur wenn wir
    analytische Seelsorge treiben, vertiefen wir unsere eben aufdämmernde
    Einsicht in das menschliche Seelenleben. Diese Aussicht auf wissenschaft-
    lichen Gewinn war der vornehmste, erfreulichste Zug der analytischen
    Arbeit; dürfen wir sie irgendwelchen praktischen Erwägungen zum Opfer
    bringen?

    Einige Äußerungen in dieser Diskussion erwecken in mir den Verdacht,
    als wäre meine Schrift zur Laienfrage doch in einem Punkte mißverstanden
    worden. Die Ärzte werden gegen mich in Schutz genommen, wie wenn
    ich sie allgemein als untauglich für die Ausübung der Analyse erklärt
    und die Parole ausgegeben hätte, ärztlicher Zuzug sei fernzuhalten. Nun,
    das liegt nicht in meiner Absicht. Der Anschein entstand wahrscheinlich
    daraus, daß ich in meiner polemisch angelegten Darstellung die unaus-
    gebildeten ärztlichen Analytiker für noch gefährlicher erklären mußte als
    die Laien. Meine wirkliche Meinung in dieser Frage könnte ich klar
    machen, indem ich einen Zynismus kopiere, der einst im Simplicissimus
    über die Frauen vorgebracht wurde. Dort beklagte sich einer der Partner

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    über die Schwächen und Schwierigkeiten des schönen Geschlechts,
    worauf der andere bemerkte: Die Frau ist aber doch das Beste, was wir
    in der Art haben. Ich gestehe es zu, solange die Schulen nicht bestehen,
    die wir uns für die Heranbildung von Analytikern wünschen, sind die
    ärztlich vorgebildeten Personen das beste Material für den künftigen Ana-
    lytiker. Nur darf man fordern, daß sie ihre Vorbildung nicht an Stelle
    der Ausbildung setzen, daß sie die Einseitigkeit überwinden, die durch den
    Unterricht an der medizinischen Schule begünstigt wird, und daß sie der
    Versuchung widerstehen, mit der Endokrinologie und dem autonomen
    Nervensystem zu liebäugeln, wo es darauf ankommt, psychologische Tat-
    sachen durch psychologische Hilfsvorstellungen zu erfassen. Ebenso teile
    ich die Erwartung, daß alle die Probleme, die sich auf die Zusammen-
    hänge zwischen psychischen Phänomenen und ihren organischen, anato-
    mischen und chemischen Grundlagen beziehen, nur von Personen, die
    beides studiert haben, also von ärztlichen Analytikern, in Angriff genommen
    werden können. Doch sollte man nicht vergessen, daß dies nicht alles an
    der Psychoanalyse ist, und daß wir für deren andere Seite die Mitarbeit
    von Personen, die in den Geisteswissenschaften vorgebildet sind, nie
    entbehren können. Aus praktischen Gründen haben wir, auch für unsere
    Publikationen, die Gewohnheit angenommen, eine ärztliche Analyse von
    den Anwendungen der Analyse zu scheiden. Das ist nicht korrekt. In
    Wirklichkeit verläuft die Scheidungsgrenze zwischen der wissenschaftlichen
    Psychoanalyse und ihren Anwendungen auf medizinischem und nicht
    medizinischem Gebiet.

    Die schroffste Ablehnung der Laienanalyse wird in diesen Diskussionen
    von unseren amerikanischen Kollegen vertreten. Ich halte es nicht für
    überflüssig, ihnen durch einige Bemerkungen zu erwidern. Es ist kaum
    ein Mißbrauch der Analyse zu polemischen Zwecken, wenn ich die
    Meinung ausdrücke, daß ihr Widerstand sich ausschließlich auf praktische
    Momente zurückführt. Sie sehen in ihrem Lande, daß die Laienanalytiker
    viel Unfug und Mißbrauch mit der Analyse treiben und infolgedessen die
    Patienten, wie den Ruf der Analyse schädigen. Es ist dann begreiflich,
    daß sie in ihrer Empörung weit von diesen gewissenlosen Schädlingen
    abrücken und die Laien von jedem Anteil an der Analyse ausschließen
    wollen. Aber dieser Sachverhalt reicht bereits aus, um die Bedeutung ihrer
    Stellungnahme herabzudrücken. Denn die Frage der Laienanalyse darf
    nicht allein nach praktischen Erwägungen entschieden werden und die
    lokalen Verhältnisse Amerikas können für uns nicht allein maßgebend sein.

    Die wesentlich von praktischen Motiven geleitete Resolution unserer
    amerikanischen Kollegen gegen die Laienanalytiker erscheint mir
    unpraktisch, denn sie kann nicht eines der Momente verändern, welche
    die Sachlage beherrschen. Sie hat etwa den Wert eines Versuches zur
    Verdrängung. Wenn man die Laienanalytiker in ihrer Tätigkeit nicht

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    behindern kann, im Kampf gegen sie nicht vom Publikum unterstützt
    wird, wäre es dann nicht zweckmäßiger, der Tatsache ihrer Existenz
    Rechnung zu tragen, indem man ihnen Gelegenheiten zur Ausbildung
    bietet, Einfluß auf sie gewinnt und ihnen die Möglichkeit der Approbation
    durch den Ärzte-
    stand und der Heranziehung zur Mitarbeiterschaft als
    Ansporn vorhält, so daß sie ein Interesse daran finden, ihr sittliches und
    intellektuelles Niveau zu erhöhen?

    Wien, im Juni 1927.