• S.

    Vorwort des Uebersetzers.

    Die hier mit gütiger Erlaubniss des Autors in's Deutsche
    übertragenen Vorträge Charcot's führen im Französischen den
    Namen „Lecons du Mardi à la Salpétriére* nach dem Wochen-
    tag, an welchem dort der klinische Professor die in ambulanter Be-
    handlung stehenden Kranken persönlich vor semen Hôrern erledigt.
    Der erste Band dieser Lecons erschien im Jahre 1888 in sehr be-
    scheidenem Gewande als „Notizen der Herren Blin, Charcot jun.
    und Colin“. Er hat in diesem Jahre (1892) eine Umarbeitung von
    der Hand des Autors erfahren, welche unserer deutschen Ausgabe
    zu Grunde liegt.

    Die französische Ausgabe war mit einer Vorrede des Dr. Ba-
    binski eingeleitet, in welcher dieser bevorzugte Schiller Charcot's
    mit berechtigtem Stolz hervorhebt, welche fast unerschopfliche Fülle
    von Anregung und Belehrung seit vielen Jahren von dem „Meister“
    ausgeht. und wie wenig das Studium seiner Publikationen seine
    mündliche Unterweisung ersetzen kann. Er hilt es daher für ein
    berechtigtes Unternehmen, auch diese improvisirten Vortrige Charcot's
    in die Oeffentlichkeit zu bringen und dadurch den Kreis seiner Schiiler
    und Hører in's Unabsehbare zu erweitern. Und ich meine, wer auch
    nur für kurze Zeit das Glück genossen hat, den grossen Forscher
    bei seiner Arbeit zu sehen und seine Mittheilungen in sich aufzu-
    nehmen. wird Dr. Babinski freudig beistimmen.

    Diese Vorträge enthalten thatsächlich so viel des Neuen, dass
    sie Niemand. auch nicht der Fachkundige. ohne wesentliche Berei-
    cherung seines Wissens lesen wird. Sie bringen dieses Neue aber in
    einer so anregenden und eindringlichen Form. dass sie sich wie viel-
    leicht kein anderes Werk seit den Lecons von Trousseau zum
    Lesebuch für den Studenten und für den Arzt eignen möchten. der
    sein Interesse an der Neuropathologie aufrecht erhalten will.

  • S.

    23 HAT ‏ל‎

    Einen eigenthümlichen Reiz verdanken diese Vorträge dem
    Umstande, dass sie ganz oder grôsstentheils Improvisationen sind. Der
    Professor kennt den Kranken nicht, der ihm vorgefiihrt wird. oder
    kennt ihn nur oberflächlich. Er ist genóthigt, sich vor seinen Hôrern
    so zu benehmen, wie sonst nur in seiner ärztlichen Thåtigkeit. mit
    dem Unterschiede, dass er laut denkt und seine Hører an dem Gang
    seiner Vermuthungen und Untersuchungen theilnehmen lässt. Er fragt
    den Kranken aus, prüft das eine oder andere Symptom und bestimmt
    damit die Diagnose des Falles, die er durch weitere Untersuchung
    einschrinkt oder bestätigt. Man merkt, er hat den vorliegenden Fall
    mit einer Summe von Krankheitsbildern verglichen, die aus der Er-
    fahrung stammend, in seinem Gedåchtniss ruhen, und hat dessen Er-
    scheinung mit einem dieser Bilder identificirt. Dies ist ja auch die
    Art, wie wir Alle am Krankenbette Diagnose machen, wenngleich der
    officielle klinische Unterricht es dem Studierenden gelegentlich anders
    darstellt. Daran knüpfen sich differentiell-diagnostische Bemerkungen;
    der Vortragende sucht die Gründe klarzulegen, welche seine Identi-
    fieirung geleitet haben, Gründe, die, wie bekannt, mancher gute
    Diagnostiker nicht angeben kann, während er sich von ihnen bestimmen
    lässt. Die weitere Erörterung gehört der klinischen Besonderheit des
    Falles. Das Krankheitsbild. die ,éntité morbide“ bleibt die Grund-
    lage der ganzen Betrachtung, aber das Krankheitsbild besteht in
    einer Erscheinungsreihe, oft einer Reihe, die nach mehrfachen
    Richtungen auseinander geht. Die klinische Würdigung des Falles
    besteht darin, ihm seinen Platz innerhalb dieser Reihe anzuweisen.
    In der Mitte der Reihe befindet sich der „Type“, die bewusst und
    absichtlich schematisirte, extreme Form des Krankheitsbildes, oder es
    lassen sich mehrere soleher Typen aufstellen, die durch Uebergangs-
    formen miteinander verbunden sind. Gewiss kann man auch den „Type“.
    die vollständige und charakteristische Ausprägung des Krankheits-
    bildes antreffen, aber die wirklich beobachteten Fille weichen meist
    vom Typus ab, haben den einen oder anderen Zug des Bildes ver-
    wischt, sie ordnen sich in eine oder mehrere, von den Typen weg-
    strebende Reihen, die schliesslich als ganz versehwommene, rudi-
    mentåre Formen (Formes frustes) aufhören, in denen nur der Fr-
    fahrene noch Abbilder des Typus erkennt. Während die Nosographie
    die Sehilderung der Krankheitsbilder zum Inhalt hat, ist es die
    Aufeabe der Klinik, der individuellen Ausprägung der Fille und der
    Combination der Symptome nachzugehen.

    Ich habe die Begriffe der Entité morbide, der Reihe, des Typus
    und der Formes frustes hier hervorgehoben, weil in deren Verwendung
    ein Hauptcharakter der franzósischen Art, Klinik zu treiben, gelegen

  • S.

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    ‎URS‏ איה

    ‎ist. Der deutschen Art ist eine solche Betrachtungsweise eigentlich
    fremd: das Krankheitsbild, der Typus spielen hier keine Hauptrolle,
    dagegen tritt ein anderer Zug hervor, der sich aus der Entwicke-
    lungsgeschichte der deutschen Kliniker erklärt, die Neigung zur
    physiologischen Deutung des Krankheitszustandes und des Zusammen-
    hanges der Symptome. Die klinische Beobachtung der Franzosen
    gewinnt unzweifelhaft an Selbstständigkeit, indem sie physiologische
    Gesichtspunkte an die zweite Stelle bannt. Der Ausfall derselben
    mag uns aber hauptsächlich den befremdenden Eindruck erklären,
    den die französische Klinik dem Uneingeweihten macht. Es liegt hier
    übrigens kein Versäumen, sondern eine absichtliche, für zweckmässig
    erachtete Ausschliessung vor. Ich habe Charcot sagen gehört: Je
    fais la morphologie pathologique, je fais même un peu l'anatomie
    pathologique, mais je ne fais pas la physiologie pathologique. j'attends
    que quelqu'un autre la fasse.

    ‎Die Würdigung dieser Vortrüge wire in arger Weise unvoll-
    ständig, wenn sie hier abbrechen wollte. Das Interesse an der Vor-
    lesung erwacht oft erst recht, wenn die Diagnose gestellt und der
    Krankheitsfall nach seinen Besonderheiten erledigt worden ist. Dann
    bedient sich Charcot der Freiheit, die diese Art des Unterrichtes
    gestattet, an das Gesehene Bemerkungen über ähnliche Fälle aus seiner
    Erinnerung zu knüpfen, die wichtigsten Erórterungen über die echt
    klinischen Themata der Aetiologie. der Hereditåt, des Zusammen-
    hanges mit anderen Erkrankungen vorzubringen. Dann lauscht man
    von der Kunst des Erzåhlers nicht minder als von dem Scharfsinn
    des Beobachters gefesselt, jenen kleinen Geschichten, die darthuen,
    wie sich aus einem ärztlichen Erlebniss eine neue Erkenntniss
    ergeben hat; dann erhebt man sich mit dem Lehrer von der be-
    trachtung eines Krankheitsbildes der Neuropathologie zur Erórterung
    eines grundlegenden Problems der allgemeinen Krankheitslehre, dann
    sieht man auch mit einem Male den Lehrer und den Arzt hinter
    dem Weisen zurücktreten, dessen offener Sinn das grosse, bunte
    Bild des Weltgetriebes in sich aufgenommen hat, und der uns ahnen
    làsst. dass die Nervenkrankheiten nicht als eine Laune der Patho-
    logie, sondern als ein nothwendiger Bestandtheil des ganzen Zusammen-
    hanges aufzufassen sind. Diese Vortrige geben so genau das Bild der
    Sprech- und Denkweise Charcot's wieder, dass für jeden, der einmal
    unter Charcot's Hórern gesessen ist, die Erinnerung an die Stimme und
    Miene des Meisters wieder lebendig wird, und die schönen Stunden wieder-
    kehren. in denen ihn der Zauber einer grossen Persónlichkeit unwider-
    ruflich mit den Interessen und Problemen der Neuropathologie verband.

    ‎— ——]—]]— — –· ෴෴෴

  • S.

    = e Le

    Ich muss noch einige Worte zur Rechtfertigung jener Anmer-
    kungen hinzusetzen, die in kleinerem Druck gehalten, in ganz unregel-
    mässiger Vertheilung den Fluss der Darstellung Charcot's unter-
    brechen. Dieselben rühren von mir her und enthalten theils Erläu-
    terungen des Textes und weitere Literaturangaben. zum anderen
    Theil aber kritische Einwände und Randglossen, wie sie sich dem
    Zuhörer aufdringen könnten. Ich hoffe, man wird diese Bemerkungen
    nicht so auffassen, als wollte ich meine Ansichten in irgend einer Weise
    über die des gefeierten Meisters stellen. dem ich auch persönlich als
    Schüler verpflichtet bin. Vielmehr nehme ich blos jenes Recht zur
    Kritik in Anspruch, dessen sich z. B. jeder Referent in einer Fach-
    zeitung ohne Rücksicht auf seine eigene Würdigkeit bedient. Es
    gibt in der Neuropathologie noch so viel ungeklårte und bestreitbare
    Dinge, deren Erkenntniss durch Discussion nur gewinnen kann, und
    ich habe mir die Freiheit genommen. über einige dieser Punkte, die
    in den Vorträgen berührt sind, die Discussion zu eröffnen. Dass ich
    dies mit meinen eigenen Ansichten thue. insoferne dieselben von den
    Lehren der Salpetriere abweichen, ist wohl natürlich. Der Leser
    Charcot’s hat aber keinen Anlass. meinen Bemerkungen in diesem
    Zusammenhange mehr Aufmerksamkeit zu schenken. als sie sonst
    selbstständig beanspruchen könnten. |

    In der Uebertragung dieser Vorträge habe ich mich bemüht —
    nicht den unvergleichlich klaren und dabei so edlen Stil Charcot's
    nachzuahmen, was mir unerreichbar geblieben wäre — sondern den
    Charakter der freien Rede möglichst wenig zu verwischen.

    Wien, im Juni 1892.

    Dr. Sigm. Freud.