S.
Berchtesgaden, Dietfeldhof1
18.7.08
Lieber Freund
Ich bin seit wenigen Tagen hier und erhole mich sehr rasch von allen meinen Krankheiten.
Die Aussicht, Sie auf einige Tage zu sehen und zu sprechen, ist mir sehr erfreulich. Ich nehme natürlich Ihre Termine an und werde also in der zweiten Septemberhälfte bei Ihnen sein, hoffe Sie selbst erfrischt zu finden, denn ich entbehre keineswegs der Schätzung für die harte Be lastung, die Sie auf sich genommen haben, weiß auch, daß Otto Groß ein furchtbares Übergewicht auf der Waagschale war. Nur daß ich großes Zutrauen in Ihre Kraft und Leistungsfähigkeit habe, sonst machte ich mir einen Vorwurf daraus, Sie noch durch tagelanges Ver handeln weiter in Anspruch zu nehmen. Es sind nicht meine freund schaftlichen Gefühle, die mich so denken lassen, sondern die Erwägung, daß ich Sie brauche, daß die Sache Sie nicht entbehren kann, seit der Schöpfung des >Jahrbuchs< weniger als je.
Was ich fertigmachen soll, wird hier in idealer Ruhe gemacht werden,
1 Vordruck: »Prof. Dr. Freud« (links) und diese Adresse (red:its). Die Familie Freud hatte die Sommermonate 1899 und 1902-04 in Berd:itesgaden verbrad:it (siehe Jones, Bd. I, S. 390, und Bd. II, S. 29, 71). Martin Freud berid:itet von einem dieser Som mer in seinem Bud:i Sigmund Freud, Kap. 8.
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wahrscheinlich beide Arbeiten2 für unser Periodical. Mein Benehmen betreffend Marcuse-Hirschfeld will ich gerne aufklären. Sie finden es dann wahrscheinlich nicht mehr anstößig. Die Arbeit über die >Phobie des kleinen Herbert< bedarf zur Ergänzung eines Aufsatzes über >in fantile Sexualtheorien<, in welchem Thema mir etwas zu stecken scheint, womit ein fundamentaler Fortschritt verbunden sein könnte. Nun könnte es weder in meinem Interesse noch in dem des >Jahrbuchs< sein, wenn ich es ganz und allein anfülle; soweit sind wir wohl einig. Ich brauche also noch Ablageorte. Diese können über das definitive Schicksal meiner Arbeiten nicht, wie Sie fürchten, entscheiden, weil sie nur eine Durchzugsstätte darstellen. Diese kleineren Arbeiten sollen, sobald sie eine gewisse Anzahl erreicht haben, zu einem zweiten Heft der >Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, vereinigt werden. Es ist mit dem Verleger bereits besprochen, kann in höchstens zwei Jah ren geschehen, und die Arbeiten werden nur unter dieser Bedingung anderswo abgegeben. Ich hoffe, Sie sind damit einverstanden, erbitte mir aber jedenfalls Ihre Außerung, denn ich mag es nicht, daß Sie mit meinem Vorgehen nicht zufrieden sein sollen.
Außerdem haben diese anderen Beziehungen den Wert, daß sie mir er möglichen, Arbeiten unserer Anhänger, für die in dem >Jahrbuch< kein Raum ist, unterzubringen, indem ich mich dort allmählich durch sie sub stituieren lasse.
Von Jones, dachte ich, wüßten Sie mehr, als ich wissen konnte. Ich fand ihn als Fanatiker, der mich als zaghaft belächelt und mit Ihnen wegen Ihrer Schwankungen liebevolle Nachsicht hat. Wie sein Benehmen dazu stimmt, weiß ich nicht. Ich sollte eher meinen, er belügt die anderen, nicht uns. Die Rassenmischung in unserer Schar ist mir sehr interessant; er ist Kelte und darum uns, dem Germanen und dem Mittelmeermann, nicht ganz zugänglich.
Frl. B- ist nicht nur selbst homosexuell, sondern auch für andere eine Aufreizung zur Homosexualität.
Herzlichen Gruß von Ihrem
Freud
2 Ober den »kleinen Hans« und den »Rattenmann«.