Dozent Dr. Sigm. Freud 

Wien, 
I., Maria Theresienstrasse 8.

  • S.

    28 Mai 88

    Lieber Freund u College

    Ich habe einen kleinen Anlaß Ihnen
    zu schreiben, was ich längst ohne Anlaß
    hätte thun können. Also zuerst von
    diesem Anlaß. Frau Dr Benedikt, die
    seit ihr Demaskirung als chron. cerebr.
    Neurasthenie (wen̄ Sie es auch so heißen
    wollen), seit ihrem Abortus etc bei einem
    Minimum von Behandlung eine prächtige
    Reconvalescenz durchgemacht hat u sich
    heute sehr wol befindet, sieht den
    Som̄er herannahen. Ihre alten Sympathien
    ziehen sie nach Franzensbad, ich rathe
    zu einer Wasserkur im Gebirge; da
    bat sie mich, Ihnen die Entscheidung
    zu übertragen, was ich, mit allem Bedauern
    für Sie, hiemit thue. Ich hatte den
    Vierwaldstättersee, Axenstein usw ins Auge

  • S.

    gefaßt. Bitte, wen̄ Sie einverstanden
    sind, schreiben Sie mir umgehend
    eine Karte, auf der Sie einen Namen
    eines Ortes nen̄en u seien Sie ver-
    sichert, dieser Ort wird Frau B.
    im Som̄er beherbergen. Nur bitte
    thun Sie es mir nicht an, daß Sie
    die Entscheidung mir überlassen,
    das würde doch nicht befriedigen, den̄
    die Gewalt über die Geister die
    Ihnen gebührt, läßt sich nicht über-
    tragen. Ich bitte umgehend, weil
    mein Versprechen, Ihnen zu
    schreiben, um 10 Tage älter ist als
    dieser Brief. –

    Ich habe gerade in Dame in Hypnose 
    vor mir liegen u kan̄ daher
    ruhig weiterschreiben. – Wir leben
    ziemlich glücklich in stets wachsender
    Anspruchslosigkeit weiter. Wen̄
    unsere kleine Mathilde lacht,

  • S.

    bilden wir uns, sie lachen zu hören, sei
    das Schönste, das uns widerfahren kann,
    sind sonst nicht ehrgeizig und nicht sehr
    fleißig. Die Praxis hat im Winter
    u Frühjahr etwas zugenom̄en, nim̄t
    jetzt wieder ab, erhält uns gerade
    am Leben. Die Zeit u Muße für
    Arbeiten ist auf einzelne Artikel bei
    Villaret, Stücke der Übersetzg von
    Bernheim Suggestion u ähnliche nicht
    rühmenswerte Dinge aufgegangen.
    Halt, die erste Ausarbeitg der
    „hysterischen Lähmgen ist auch fertig,
    unbestim̄t, wan̄ es die zweite wird.
    Kurz man lebt, und das Leben ist
    bekan̄tlich sehr schwierig und
    sehr complicirt u es giebt viele
    Wege zum Centralfriedhof, heißt es
    bei uns.

    Ohne Neid, aber mit wirklicher theil-
    nehmender Befriedigg sehe ich auf

  • S.

    Ihre dem Heroischen so nahe stehenden
    Bestrebungen. Erhalten Sie sich nur
    dabei, machen Sie den weiteren
    Schritt in der Organisation Ihrer
    Arbeit, sich Gehilfen aufzunehmen.

    – Die Zeit für die Hypnose ist um

    Ich grüße Sie herzlich
    in aller Eile
    Ihr
    ganz der Ihrige
    DrFreud