Die Grenzen der Deutbarkeit 1900-001/1925.5

Freud, Sigmund (1900-001/1925.5): Die Grenzen der Deutbarkeit

Zurück zum Werk
  • S.

    [63]   

    DIE GRENZEN DER DEUTBARKEIT

    Die Frage, ob man von jedem Produkt des Traumlebens eine
    vollständige und gesicherte Übersetzung in die Ausdrucksweise
    des Wachlebens (Deutung) geben kann, soll nicht abstrakt be-
    handelt werden, sondern unter Beziehung auf die Verhältnisse,
    unter denen man an der Traumdeutung arbeitet.

    Unsere geistigen Tätigkeiten streben entweder ein nützliches
    Ziel an oder unmittelbaren Lustgewinn. Im ersteren Falle sind
    es intellektuelle Entscheidungen, Vorbereitungen zu Handlungen
    oder Mitteilungen an andere; im anderen Falle nennen wir sie
    Spielen und Phantasieren. Bekanntlich ist auch das Nützliche nur
    ein Umweg zur lustvollen Befriedigung. Das Träumen ist nun
    eine Tätigkeit der zweiten Art, die ja entwicklungsgeschichtlich
    die ursprünglichere ist. Es ist irreführend, zu sagen, das Träumen
    bemühe sich um die bevorstehenden Aufgaben des Lebens oder
    suche Probleme der Tagesarbeit zu Ende zu führen. Darum
    kümmert sich das vorbewußte Denken. Dem Träumen liegt
    solche nützliche Absicht ebenso ferne wie die der Vorbereitung
    einer Mitteilung an einen anderen. Wenn sich der Traum mit
    einer Aufgabe des Lebens beschäftigt, löst er sie so, wie es
    einem irrationellen Wunsch, und nicht so, wie es einer ver-
    ständigen Überlegung entspricht. Nur eine nützliche Absicht,
    eine Funktion, muß man dem Traum zusprechen, er soll die
    Störung des Schlafes verhüten. Der Traum kann beschrieben  

  • S.

    64

    werden als ein Stück Phantasieren im Dienste der Erhaltung des
    Schlafes.

    Es folgt daraus, daß es dem schlafenden Ich im ganzen gleich-
    gültig ist, was während der Nacht geträumt wird, wenn der
    Traum nur leistet, was ihm aufgetragen ist, und daß diejenigen
    Träume ihre Funktion am besten erfüllt haben, von denen man
    nach dem Erwachen nichts zu sagen weiß. Wenn es so oft
    anders zugeht, wenn wir Träume erinnern, — auch über Jahre
    und Jahrzehnte, — so bedeutet dies jedesmal einen Einbruch des
    verdrängten Unbewußten ins normale Ich. Ohne solche Genu-
    tuung hat das Verdrängte seine Hilfe zur Aufhebung der
    drohenden Schlafstörung nicht leihen wollen. Wir wissen, es ist
    die Tatsache dieses Einbruchs, die dem Traum seine Bedeutung
    für die Psychopathologie verschafft. Wenn wir sein treibendes
    Motiv aufdecken können, erhalten wir unvermutete Kunde von
    den verdrängten Regungen im Unbewußten; anderseits, wenn
    wir seine Entstellungen rückgängig machen, belauschen wir das
    vorbewußte Denken in Zuständen innerer Sammlung, die tags-
    über das Bewußtsein nicht auf sich gezogen hätten.

    Niemand kann die Traumdeutung als isolierte Tätigkeit üben; sie
    bleibt ein Stück der analytischen Arbeit. In dieser wenden wir je nach
    Bedarf unser Interesse bald dem vorbewußten Trauminhalt, bald dem
    unbewußten Beitrag zur Traumbildung zu, vernachlässigen auch oft
    das eine Element zugunsten des anderen. Es nützte auch nichts, wenn
    jemand sich vornehmen wollte, Träume außerhalb der Analyse
    zu deuten. Er würde den Bedingungen der analytischen Situation
    doch nicht entgehen, und wenn er seine eigenen Träume bear-
    beitet, unternimmt er seine Selbstanalyse. Diese Bemerkung gilt
    nicht für den, der auf die Mitarbeit des Träumers verzichtet und
    die Deutung von Träumen durch intuitives Erfassen erfahren
    will. Aber solche Traumdeutung ohne Rücksicht auf die Asso-
    ziationen des Träumers bleibt auch im günstigsten Falle ein
    unwissenschaftliches Virtuosenstück von sehr zweifelhaftem Wert.

  • S.

    65

    Übt man die Traumdeutung nach dem einzigen technischen
    Verfahren, das sich rechtfertigen läßt, so merkt man bald, daß der
    Erfolg durchaus von der Widerstandsspannung zwischen dem
    erwachten Ich und dem verdrängten Unbewußten abhängig ist.
    Die Arbeit unter „hohem Widerstandsdruck“ erfordert selbst, wie
    ich an anderer Stelle auseinandergesetzt habe, ein anderes Ver-
    halten des Analytikers als bei geringem Druck. In der Analyse
    hat man es durch lange Zeiten mit starken Widerständen zu
    tun, die noch nicht bekannt sind, die jedenfalls nicht überwunden
    werden können, solange sie unbekannt bleiben. Es ist also nicht
    zu verwundern, daß man von den Traumproduktionen des
    Patienten nur einen gewissen Anteil und auch diesen meist nicht
    vollständig übersetzen und verwerten kann. Auch wenn man
    durch die eigene Geübtheit in die Lage kommt, viele Träume
    zu verstehen, zu deren Deutung der Träumer wenig Beiträge
    geliefert hat, soll man gemahnt bleiben, daß die Sicherheit
    solcher Deutung in Frage steht, und wird Bedenken tragen,
    seine Vermutung dem Patienten aufzudrängen.

    Kritische Einwendungen werden nun sagen: Wenn man nicht
    alle Träume, die man bearbeitet, zur Deutung bringt, soll man
    auch nicht mehr behaupten, als man vertreten kann, und sich
    mit der Aussage begnügen, einzelne Träume seien durch Deutung
    als sinnreich zu erkennen, von anderen wisse man es nicht.
    Allein gerade die Abhängigkeit des Deutungserfolges vom Wider-
    stand enthebt den Analytiker einer solchen Bescheidenheit. Er
    kann die Erfahrung machen, daß ein anfangs unverständlicher
    Traum noch in derselben Stunde durchsichtig wird, nachdem es
    gelungen ist, einen Widerstand des Träumers durch eine glück-
    liche Aussprache zu beseitigen. Plötzlich fällt ihm dann ein bisher
    vergessenes Traumstück ein, das den Schlüssel zur Deutung
    bringt, oder es stellt sich eine neue Assoziation ein, mit deren
    Hilfe das Dunkel sich lichtet. Es kommt auch vor, daß man nach
    Monaten und Jahren analytischer Bemühung auf einen Traum

     

  • S.

    66

    zurückgreift, der zu Anfang der Behandlung unsinnig und un-
    verständlich erschien, und der nun durch die seither gewonnenen
    Einsichten eine völlige Klärung erfährt. Nimmt man aus der
    Theorie des Traumes das Argument hinzu, daß die vorbildlichen
    Traumleistungen der Kinder durchwegs sinnvoll und leicht deut-
    bar sind, so wird man sich zur Behauptung berechtigt finden, der
    Traum sei ganz allgemein ein deutbares psychisches Gebilde, wenn-
    gleich die Situation nicht immer die Deutung zu geben gestattet.

    Wenn man die Deutung eines Traumes gefunden hat, ist es
    nicht immer leicht zu entscheiden, ob sie eine „vollständige“ ist,
    d. h. ob nicht auch andere vorbewußte Gedanken sich durch
    denselben Traum Ausdruck verschafft haben. Als erwiesen hat
    dann jener Sinn zu gelten, der sich auf die Einfälle des
    Träumers und die Einschätzung der Situation berufen kann,
    ohne daß man darum den anderen Sinn jedesmal abweisen
    dürfte. Er bleibt möglich, wenn auch unerwiesen; man muß sich
    mit der Tatsache einer solchen Vieldeutigkeit der Träume
    befreunden. Diese ist übrigens nicht jedesmal einer Unvollkommen-
    heit der Deutungsarbeit zur Last zu legen, sie kann ebensowohl
    an den latenten Traumgedanken selbst haften. Der Fall, daß wir
    unsicher bleiben, ob eine Äußerung, die wir gehört, eine Aus-
    kunft, die wir erhalten haben, diese oder jene Auslegung zu-
    lassen, außer ihrem offenbaren Sinn noch etwas anderes andeuten,
    ereignet sich ja auch im Wachleben und außerhalb der Situation
    der Traumdeutung.

    Zu wenig untersucht sind die interessanten Vorkommnisse, daß
    derselbe manifeste Trauminhalt gleichzeitig einer konkreten Vor-
    stellungsreihe und einer abstrakten Gedankenfolge, die an erstere
    angelehnt ist, Ausdruck gibt. Der Traumarbeit macht es natür-
    lich Schwierigkeiten, die Vorstellungsmittel für abstrakte Gedanken
    zu finden.

    __________