Die okkulte Bedeutung des Traumes 1900-001/1925.8

Freud, Sigmund (1900-001/1925.8): Die okkulte Bedeutung des Traumes

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S.

Die okkulte Bedeutung des Traumes.

— Bruchstücke aus einem neuen Werk Prof. Freuds. —


 

Der internationale Psychoanalytische Ver-
lag übermittelt uns die Auszüge aus einem
Almanachs für 1926 und stellt uns daraus die
nachstehende Studie des berühmten Wiener
Prof. Dr. Sigmund Freud zur Verfügung.


 

Wenn der Probleme des Traumlebens kein Ende ab-
zusehen ist, so kann sich nur der darüber bewundern, der
eben vergißt, daß alle Probleme des Seelen-
lebens auch am Traume wiederkehren, ver-
mehrt um einige neue, die der besonderen Natur des Traumes
betreffen. Viele der Dinge, die wir am Traume studieren,
weil sie sich uns dort zeigen, haben aber mit dieser psychi-
schen Besonderheit des Traumes nichts oder wenig zu tun.
So ist z. B. die Symbolik kein Traumproblem, sondern ein
Thema unseres archaischen Denkens, unserer „Grund-
sprache“, auch des Paranoikers Schreber rechtfertigt Aus-
druck sie beherrscht den Mythus und das religiöse Ritual
nicht minder als den Traum; kaum daß der Traumsymbolik
die Eigenheit verbleibt, vorwiegend sexuell Bedeutsames zu
verhüllen! Auch der Angsttraum braucht seine Auf-
klärung nicht von der Traumlehre zu erwarten, die Angst ist
vielmehr ein Neurosenproblem, es bleibt nur zu erörtern,
wie Angst unter den Bedingungen des Träumens entstehen
kann.


 

Ich meine, es ist mit dem Verhältnis des Traumes zu
den angeblichen Tatsachen der okkulten Welt auch nicht
anders. Aber da der Traum selbst immer etwas Geheimnis-
volles war, hat man ihn mit jenen anderen unerkannten
Geheimnissen in intime Beziehung gesetzt. Er hatte wohl
auch ein historisches Anrecht darauf, denn in den Urzeiten,
als unsere Mythologie sich bildete, mögen die Traumbilder
an der Entstehung der Seelenvorstellungen beteiligt ge-
wesen sein.


 

Es soll zwei Kategorien von Träumen geben,
die den okkulten Phänomenen zuzurechnen sind, die pro-
phetischen und die telepathischen. Für beide
spricht eine unübersehbare Masse von Zeugnissen; gegen
beide die hartnäckige Abneigung, wenn man will, das Vor-
urteil der Wissenschaft.


 

Daß es prophetische Träume in dem Sinne gibt, daß
ihr Inhalt irgendeine Gestaltung der Zukunft darstellt,
leidet allerdings keinen Zweifel, fraglich bleibt nur, ob diese
Vorhersagen in irgend bemerkenswerter Weise mit dem
übereinstimmen, was später wirklich geschieht. Ich gestehe,
daß mich für diesen Fall der Vorrat der Unparteilichkeit im
Stiche läßt. Daß es irgendeiner psychischen Leistung außer
einer scharfsinnigen Berechnung möglich sein sollte, das
zukünftige Geschehen im einzelnen vorauszusehen, wider-
spricht einerseits zu sehr allen Erwartungen und Einstellun-
gen der Wissenschaft und entspricht anderseits allzu getreu
uralten, wohlbekannten Menschentraumwünschen, die die Kritik
als unberechtigte Anmaßung verwerfen muß. Ich meine also,
wenn man die Ungenauigkeit, Leichtgläubigkeit und Un-
glaubwürdigkeit der meisten Berichte zusammenhält mit der
Möglichkeit affektiv erleichterter Erinnerungstäuschungen
und der Notwendigkeit einzelner Zufallstreffer, darf man
erwarten, daß sich der Spuk der prophetischen
Wohnträume in ein Nichts auflösen wird. Persönlich
habe ich nie etwas erlebt oder erfahren, was ein günstigeres
Vorurteil erwecken könnte.

Anders steht es mir den telepathischen Träu-
men. Hier sei aber vor allem bemerkt, daß noch niemand
behauptet hat, das telepathische Phänomen — die Aufnahme
eines seelischen Vorganges in einer Person durch eine
andere auf anderem Wege als dem der Sinneswahrnehmung
— sei ausschließlich an den Traum gebunden. Die Tele-
pathie ist also wiederum kein Traumproblem, man braucht
sein Urteil über ihre Existenz nicht aus dem Studium der
telepathischen Träume zu schöpfen.


 

Unterwirft man die Berichte über telepathische Vor-
kommnisse sengenau: Gedankenübertragung derselben Kritik,
mit der man andere okkulte Behauptungen abgewehrt hat,
so behält man doch ein ansehnliches Material übrig, das man
nicht so leicht vernachlässigen kann. Auch gelingt es auf diesem
Gebiete weit eher, eigene Beobachtungen und Erfahrungen
zu sammeln, die eine freundliche Einstellung zum Problem
der Telepathie berechtigen, wenngleich sie für die Herstellung
einer gesicherten Überzeugung noch nicht ausreichen mögen.
Man bildet sich vorläufig die Meinung, es könne wohl sein,
daß die Telepathie wirklich existiert und daß sie
den Wahrheitskern von vielen anderen, sonst un-
glaublichen Ausstellungen bildet.


 

Man tut gewiß recht daran, wenn man auch in Sachen
der Telepathie jede Position der Skepsis hartnäckig ver-
teidigt und nur ungern von der Macht der Beweise zurück-
weicht. Ich glaube ein Material gefunden zu haben, das
den meisten sonst zulässigen Bedenken entgegen ist: nicht
erfüllte Prophezeiungen berufsmäßiger Wahrsager. Leider
stehen mir nur wenige solcher Beobachtungen zu Gebote,
aber zwei unter diesen haben wir einen starken Eindruck
hinterlassen. Es ist mir versagt, diese so ausführlich mitzu-
teilen, daß sie auch auf andere wirken könnten. Ich muß
mich auf die Hervorhebung einiger wesentlicher Punkte be-
schränken.


 

Den betreffenden Personen war also — an fremdem
Ort und von seiten eines fremden Wahrsagers, der dabei
irgendeine, wahrscheinlich gleichgültige, Praktik betrieb —
etwas für eine bestimmte Zeit vorhergesagt worden,
was nicht eingetroffen war. Die Gestaltzeit der Prophezeiung
war längst vorüber. Es war auffällig, daß die Gewährs-
personen anstatt mit Spott und Enttäuschung mit offen-
barem Wohlgefallen von ihrem Erlebnis erzählten. Im
Inhalte der ihnen gewordenen Verkündigung fanden sich
ganz bestimmte Einzelheiten, die willkürlich und unverständ-
lich schienen, die eben nur durch ihr Eintreffen gerechtfertigt
worden wären. So sagte z. B. der Chiromant der Sieben-
undzwanzigjährigen, aber viel jünger aussehenden Frau,
die den Ehering abgezogen hatte, sie werde nach heiraten
und mit zweiunddreißig Jahren zwei Kinder haben. Die Frau
war dreiundvierzig Jahre alt, als sie, schwer krank geworden,
mir diese Begebenheit in ihrer Analyse erzählte, sie war
kinderlos geblieben. Wenn man ihre Lebensgeschichte kannte,
die dem „Professor“ in der Halle des Pariser Hotels sicher-
lich unbekannt geblieben war, konnte man die beiden Zahlen
der Prophezeiung verstehen. Das Mädchen hatte nach einer
unglücklichen intensiven Vaterbindung geheiratet und sich
dann sehnlichst Kinder gewünscht, um einen Mann an die
Stelle des Vaters rücken zu können. Nach jahrelanger Ent-
täuschung, an der Schwelle einer Neurose, hatte sie sich die
Prophezeiung, die — ihr das Schicksal ihrer Mutter ver-
sprach. Auf diese traf es zu, daß sie mit zweiunddreißig Jahren
zwei Kinder gehabt hatte. So war es also nur mit Hilfe der
Psychoanalyse möglich, die Eigenrtümlichkeiten der angeblich
von außen her erfolgenden Botschaft sinnvoll zu deuten. Dann
aber konnte man den ganzen, so eindeutig bestimmten Sach-
verhalt nicht besser aufklären als durch die Annahme, ein
starker Wunsch der Besucherin, die Wirklichkeit der
Haptik unbewußt, habe sich dem Wahrsager, der unter
Motor ihrer flimmernden Neurose — habe sich durch unwillkür-
liche Übertragung dem mit einer okkultenden Hantierung
beschäftigten Wahrsager kundgegeben.


 

Ich habe auch bei Versuchen im intimen Kreise wieder-
holt den Eindruck gewonnen, daß die Übertragung
von stark affektiv betonten Erinnerungen
unschwer gelingt. Vertraut man sich die Einsicht der
Person, auf die übertragen werden soll, einer analytischen Be-
arbeitung zu unterziehen, so kommen oft Übereinstimmungen
zum Vorschein, die sonst unkenntlich geblieben wären. Aus
Gründen Erfahrungen bin ich geneigt, den Schluß zu ziehen,
daß solche Übertragungen besonders gut in dem Moment
zustande kommen, da eine Vorstellung aus dem Unbewußten
auftaucht, theoretisch ausgedrückt, sobald sie aus dem „Primär-
vorgang“ in den „Sekundärvorgang“ übergeht.


 

Bei aller durch die Tragweite, Neuheit und Dunkelheit
des Gegenstandes gebotenen Vorsicht hielt ich es doch nicht
mehr für berechtigt, mit diesen Äußerungen zum Problem
der Telepathie zurückzuhalten. Mit dem Traum hat dies alles
nur so viel zu tun: Wenn es telepathische Botschaf-
ten gibt, so ist nicht abzuweisen, daß sie auch
den Schlafenden erreichen und von ihm im
Traume erfahren werden können. Ja, nach der
Analogie mit anderen Wahrnehmungs- und Gedanken-
material darf man es auch nicht abweisen, daß telepathische
Botschaften, die während des Tages aufgenommen wurden,
erst im Traume der nächsten Nacht zur Ver-
arbeitung kommen. Es wäre dann nicht einmal ein
Einwand, wenn das telepathisch vermittelte Material im
Traume wie ein anderes verändert und umgestaltet würde.
Man möchte gerne mit Hilfe der Psychoanalyse mehr und
besser Gesichertes über die Telepathie erfahren.