Die okkulte Bedeutung des Traumes.
— Bruchstücke aus einem neuen Werk Prof. Freuds. —
Der internationale Psychoanalytische Ver- lag übermittelt uns die Auszüge aus einem Almanachs für 1926 und stellt uns daraus die nachstehende Studie des berühmten Wiener Prof. Dr. Sigmund Freud zur Verfügung.
Wenn der Probleme des Traumlebens kein Ende ab- zusehen ist, so kann sich nur der darüber bewundern, der eben vergißt, daß alle Probleme des Seelen- lebens auch am Traume wiederkehren, ver- mehrt um einige neue, die der besonderen Natur des Traumes betreffen. Viele der Dinge, die wir am Traume studieren, weil sie sich uns dort zeigen, haben aber mit dieser psychi- schen Besonderheit des Traumes nichts oder wenig zu tun. So ist z. B. die Symbolik kein Traumproblem, sondern ein Thema unseres archaischen Denkens, unserer „Grund- sprache“, auch des Paranoikers Schreber rechtfertigt Aus- druck sie beherrscht den Mythus und das religiöse Ritual nicht minder als den Traum; kaum daß der Traumsymbolik die Eigenheit verbleibt, vorwiegend sexuell Bedeutsames zu verhüllen! Auch der Angsttraum braucht seine Auf- klärung nicht von der Traumlehre zu erwarten, die Angst ist vielmehr ein Neurosenproblem, es bleibt nur zu erörtern, wie Angst unter den Bedingungen des Träumens entstehen kann.
Ich meine, es ist mit dem Verhältnis des Traumes zu den angeblichen Tatsachen der okkulten Welt auch nicht anders. Aber da der Traum selbst immer etwas Geheimnis- volles war, hat man ihn mit jenen anderen unerkannten Geheimnissen in intime Beziehung gesetzt. Er hatte wohl auch ein historisches Anrecht darauf, denn in den Urzeiten, als unsere Mythologie sich bildete, mögen die Traumbilder an der Entstehung der Seelenvorstellungen beteiligt ge- wesen sein.
Es soll zwei Kategorien von Träumen geben, die den okkulten Phänomenen zuzurechnen sind, die pro- phetischen und die telepathischen. Für beide spricht eine unübersehbare Masse von Zeugnissen; gegen beide die hartnäckige Abneigung, wenn man will, das Vor- urteil der Wissenschaft.
Daß es prophetische Träume in dem Sinne gibt, daß ihr Inhalt irgendeine Gestaltung der Zukunft darstellt, leidet allerdings keinen Zweifel, fraglich bleibt nur, ob diese Vorhersagen in irgend bemerkenswerter Weise mit dem übereinstimmen, was später wirklich geschieht. Ich gestehe, daß mich für diesen Fall der Vorrat der Unparteilichkeit im Stiche läßt. Daß es irgendeiner psychischen Leistung außer einer scharfsinnigen Berechnung möglich sein sollte, das zukünftige Geschehen im einzelnen vorauszusehen, wider- spricht einerseits zu sehr allen Erwartungen und Einstellun- gen der Wissenschaft und entspricht anderseits allzu getreu uralten, wohlbekannten Menschentraumwünschen, die die Kritik als unberechtigte Anmaßung verwerfen muß. Ich meine also, wenn man die Ungenauigkeit, Leichtgläubigkeit und Un- glaubwürdigkeit der meisten Berichte zusammenhält mit der Möglichkeit affektiv erleichterter Erinnerungstäuschungen und der Notwendigkeit einzelner Zufallstreffer, darf man erwarten, daß sich der Spuk der prophetischen Wohnträume in ein Nichts auflösen wird. Persönlich habe ich nie etwas erlebt oder erfahren, was ein günstigeres Vorurteil erwecken könnte.
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Anders steht es mir den telepathischen Träu- men. Hier sei aber vor allem bemerkt, daß noch niemand behauptet hat, das telepathische Phänomen — die Aufnahme eines seelischen Vorganges in einer Person durch eine andere auf anderem Wege als dem der Sinneswahrnehmung — sei ausschließlich an den Traum gebunden. Die Tele- pathie ist also wiederum kein Traumproblem, man braucht sein Urteil über ihre Existenz nicht aus dem Studium der telepathischen Träume zu schöpfen.
Unterwirft man die Berichte über telepathische Vor- kommnisse sengenau: Gedankenübertragung derselben Kritik, mit der man andere okkulte Behauptungen abgewehrt hat, so behält man doch ein ansehnliches Material übrig, das man nicht so leicht vernachlässigen kann. Auch gelingt es auf diesem Gebiete weit eher, eigene Beobachtungen und Erfahrungen zu sammeln, die eine freundliche Einstellung zum Problem der Telepathie berechtigen, wenngleich sie für die Herstellung einer gesicherten Überzeugung noch nicht ausreichen mögen. Man bildet sich vorläufig die Meinung, es könne wohl sein, daß die Telepathie wirklich existiert und daß sie den Wahrheitskern von vielen anderen, sonst un- glaublichen Ausstellungen bildet.
Man tut gewiß recht daran, wenn man auch in Sachen der Telepathie jede Position der Skepsis hartnäckig ver- teidigt und nur ungern von der Macht der Beweise zurück- weicht. Ich glaube ein Material gefunden zu haben, das den meisten sonst zulässigen Bedenken entgegen ist: nicht erfüllte Prophezeiungen berufsmäßiger Wahrsager. Leider stehen mir nur wenige solcher Beobachtungen zu Gebote, aber zwei unter diesen haben wir einen starken Eindruck hinterlassen. Es ist mir versagt, diese so ausführlich mitzu- teilen, daß sie auch auf andere wirken könnten. Ich muß mich auf die Hervorhebung einiger wesentlicher Punkte be- schränken.
Den betreffenden Personen war also — an fremdem Ort und von seiten eines fremden Wahrsagers, der dabei irgendeine, wahrscheinlich gleichgültige, Praktik betrieb — etwas für eine bestimmte Zeit vorhergesagt worden, was nicht eingetroffen war. Die Gestaltzeit der Prophezeiung war längst vorüber. Es war auffällig, daß die Gewährs- personen anstatt mit Spott und Enttäuschung mit offen- barem Wohlgefallen von ihrem Erlebnis erzählten. Im Inhalte der ihnen gewordenen Verkündigung fanden sich ganz bestimmte Einzelheiten, die willkürlich und unverständ- lich schienen, die eben nur durch ihr Eintreffen gerechtfertigt worden wären. So sagte z. B. der Chiromant der Sieben- undzwanzigjährigen, aber viel jünger aussehenden Frau, die den Ehering abgezogen hatte, sie werde nach heiraten und mit zweiunddreißig Jahren zwei Kinder haben. Die Frau war dreiundvierzig Jahre alt, als sie, schwer krank geworden, mir diese Begebenheit in ihrer Analyse erzählte, sie war kinderlos geblieben. Wenn man ihre Lebensgeschichte kannte, die dem „Professor“ in der Halle des Pariser Hotels sicher- lich unbekannt geblieben war, konnte man die beiden Zahlen der Prophezeiung verstehen. Das Mädchen hatte nach einer unglücklichen intensiven Vaterbindung geheiratet und sich dann sehnlichst Kinder gewünscht, um einen Mann an die Stelle des Vaters rücken zu können. Nach jahrelanger Ent- täuschung, an der Schwelle einer Neurose, hatte sie sich die Prophezeiung, die — ihr das Schicksal ihrer Mutter ver- sprach. Auf diese traf es zu, daß sie mit zweiunddreißig Jahren zwei Kinder gehabt hatte. So war es also nur mit Hilfe der Psychoanalyse möglich, die Eigenrtümlichkeiten der angeblich von außen her erfolgenden Botschaft sinnvoll zu deuten. Dann aber konnte man den ganzen, so eindeutig bestimmten Sach- verhalt nicht besser aufklären als durch die Annahme, ein starker Wunsch der Besucherin, die Wirklichkeit der Haptik unbewußt, habe sich dem Wahrsager, der unter Motor ihrer flimmernden Neurose — habe sich durch unwillkür- liche Übertragung dem mit einer okkultenden Hantierung beschäftigten Wahrsager kundgegeben.
Ich habe auch bei Versuchen im intimen Kreise wieder- holt den Eindruck gewonnen, daß die Übertragung von stark affektiv betonten Erinnerungen unschwer gelingt. Vertraut man sich die Einsicht der Person, auf die übertragen werden soll, einer analytischen Be- arbeitung zu unterziehen, so kommen oft Übereinstimmungen zum Vorschein, die sonst unkenntlich geblieben wären. Aus Gründen Erfahrungen bin ich geneigt, den Schluß zu ziehen, daß solche Übertragungen besonders gut in dem Moment zustande kommen, da eine Vorstellung aus dem Unbewußten auftaucht, theoretisch ausgedrückt, sobald sie aus dem „Primär- vorgang“ in den „Sekundärvorgang“ übergeht.
Bei aller durch die Tragweite, Neuheit und Dunkelheit des Gegenstandes gebotenen Vorsicht hielt ich es doch nicht mehr für berechtigt, mit diesen Äußerungen zum Problem der Telepathie zurückzuhalten. Mit dem Traum hat dies alles nur so viel zu tun: Wenn es telepathische Botschaf- ten gibt, so ist nicht abzuweisen, daß sie auch den Schlafenden erreichen und von ihm im Traume erfahren werden können. Ja, nach der Analogie mit anderen Wahrnehmungs- und Gedanken- material darf man es auch nicht abweisen, daß telepathische Botschaften, die während des Tages aufgenommen wurden, erst im Traume der nächsten Nacht zur Ver- arbeitung kommen. Es wäre dann nicht einmal ein Einwand, wenn das telepathisch vermittelte Material im Traume wie ein anderes verändert und umgestaltet würde. Man möchte gerne mit Hilfe der Psychoanalyse mehr und besser Gesichertes über die Telepathie erfahren.
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