Die okkulte Bedeutung des Traumes 1900-001/1931.2

Freud, Sigmund (1900-001/1931.2): Die okkulte Bedeutung des Traumes

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    DIE OKKULTE BEDEUTUNG DES TRAUMES

    (1925)

    Wenn der Probleme des Traumlebens kein Ende abzusehen
    ist, so kann sich nur der darüber verwundern, der eben ver-
    gibt, daß alle Probleme des Seelenlebens auch am Traume
    wiederkehren, vermehrt um einige neue, die die besondere
    Natur der Träume betreffen. Viele der Dinge, die wir am
    Traum studieren, weil sie sich uns dort zeigen, haben aber
    mit dieser psychischen Besonderheit des Traumes nichts oder
    wenig zu tun. So ist zum Beispiel die Symbolik kein Traum-
    problem, sondern ein Thema unseres archaischen Denkens,
    unserer „Grundsprache“ nach des Paranoikers Schreber
    trefflichem Ausdruck, sie beherrscht den Mythus und das reli-
    giöse Ritual nicht minder als den Traum; kaum daß der
    Traumsymbolik die Eigenheit verbleibt, vorwiegend sexuell
    Bedeutsames zu verhüllen! Auch der Angsttraum braucht seine
    Aufklärung nicht von der Traumlehre zu erwarten, die Angst

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    ist vielmehr ein Neurosenproblem, es bleibt nur zu erörtern,
    wie Angst unter den Bedingungen des Träumens entstehen kann.

    Ich meine, es ist mit dem Verhältnis des Traumes zu den
    angeblichen Tatsachen der okkulten Welt auch nicht anders.
    Aber da der Traum selbst immer etwas Geheimnisvolles war,
    hat man ihn mit jenen anderen unerkannten Geheimnissen in
    intime Beziehung gesetzt. Er hatte wohl auch ein historisches
    Anrecht darauf, denn in den Urzeiten, als unsere Mythologie
    sich bildete, mögen die Traumbilder an der Entstehung der
    Seelenvorstellungen beteiligt gewesen sein.

    Es soll zwei Kategorien von Träumen geben, die den
    okkulten Phänomenen zuzurechnen sind, die prophetischen
    und die telepathischen. Für beide spricht eine unübersehbare
    Masse von Zeugnissen; gegen beide die hartnäckige Abneigung,
    wenn man will das Vorurteil, der Wissenschaft.

    Daß es prophetische Träume in dem Sinne gibt, daß ihr
    Inhalt irgendeine Gestaltung der Zukunft darstellt, leidet
    allerdings keinen Zweifel, fraglich bleibt nur, ob diese Vor-
    hersagen in irgend bemerkenswerter Weise mit dem über-
    einstimmen, was später wirklich geschieht. Ich gestehe, daß
    mich für diesen Fall der Vorsatz der Unparteilichkeit im
    Stiche läßt. Daß es irgendeiner psychischen Leistung außer
    einer scharfsinnigen Berechnung möglich sein sollte, das zu-
    künftige Geschehen im Einzelnen vorauszusehen, widerspricht
    einerseits zu sehr allen Erwartungen und Einstellungen der
    Wissenschaft und entspricht andererseits allzu getreu uralten,
    wohlbekannten Menschheitswünschen, welche die Kritik als
    unberechtigte Anmaßung verwerfen muß. Ich meine also,
    wenn man die Unzuverlässigkeit, Leichtgläubigkeit und Un-
    glaubwürdigkeit der meisten Berichte zusammenhält mit der
    Möglichkeit affektiv erleichterter Erinnerungstäuschungen und
    der Notwendigkeit einzelner Zufallstreffer, darf man er-
    warten, daß sich der Spuk der prophetischen Wahnträume in

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    ein Nichts auflösen wird. Persönlich habe ich nie etwas erlebt
    oder erfahren, was ein günstigeres Vorurteil erwecken könnte.

    Anders steht es mit den telepathischen Träumen. Hier sei
    aber vor allem bemerkt, daß noch niemand behauptet hat,
    das telepathische Phänomen — die Aufnahme eines seelischen
    Vorganges in einer Person durch eine andere auf anderem
    Wege als dem der Sinneswahrnehmung — sei ausschließlich
    an den Traum gebunden. Die Telepathie ist also wiederum
    kein Traumproblem, man braucht sein Urteil über ihre
    Existenz nicht aus dem Studium der telepathischen Träume zu
    schöpfen.

    Unterwirft man die Berichte über telepathische Vorkomm-
    nisse (ungenau: Gedankenübertragung) derselben Kritik, mit
    der man andere okkulte Behauptungen abgewehrt hat, so
    behält man doch ein ansehnliches Material übrig, das man
    nicht so leicht vernachlässigen kann. Auch gelingt es auf diesem
    Gebiete weit eher, eigene Beobachtungen und Erfahrungen zu
    sammeln, die eine freundliche Einstellung zum Problem der
    Telepathie berechtigen, wenngleich sie für die Herstellung
    einer gesicherten Überzeugung noch nicht ausreichen mögen.
    Man bildet sich vorläufig die Meinung, es könnte wohl sein,
    daß die Telepathie wirklich existiert und daß sie den Wahr-
    heitskern von vielen anderen, sonst unglaublichen Auf-
    stellungen bildet.

    Man tut gewiß recht daran, wenn man auch in Sachen der
    Telepathie jede Position der Skepsis hartnäckig verteidigt
    und nur ungern vor der Macht der Beweise zurückweicht.
    Ich glaube ein Material gefunden zu haben, welches den
    meisten sonst zulässigen Bedenken entzogen ist: nicht erfüllte
    Prophezeiungen berufsmäßiger Wahrsager. Leider stehen mir
    nur wenige solche Beobachtungen zu Gebote, aber zwei unter
    diesen haben mir einen starken Eindruck hinterlassen. Es ist
    mir versagt, diese so ausführlich mitzuteilen, daß sie auch auf

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    andere wirken könnten. Ich muß mich auf die Hervorhebung
    einiger wesentlicher Punkte beschränken.

    Den betreffenden Personen war also — am fremden Ort
    und von seiten eines fremden Wahrsagers, der dabei irgend-
    eine, wahrscheinlich gleichgiltige, Praktik betrieb — etwas für
    eine bestimmte Zeit vorhergesagt worden, was nicht ein-
    getroffen war. Die Verfallszeit der Prophezeiung war längst
    vorüber. Es war auffällig, daß die Gewährspersonen anstatt
    mit Spott und Enttäuschung mit offenbarem Wohlgefallen von
    ihrem Erlebnis erzählten. Im Inhalte der ihnen gewordenen
    Verkündigung fanden sich ganz bestimmte Einzelheiten, die
    willkürlich und unverständlich schienen, die eben nur durch
    ihr Eintreffen gerechtfertigt worden wären. So sagte zum
    Beispiel der Chiromant der siebenundzwanzigjährigen, aber
    viel jünger aussehenden Frau, die den Ehering abgezogen
    hatte, sie werde noch heiraten und mit zweiunddreißig Jahren
    zwei Kinder haben. Die Frau war dreiundvierzig Jahre alt,
    als sie, schwer krank geworden, mir diese Begebenheit in ihrer
    Analyse erzählte, sie war kinderlos geblieben. Wenn man ihre
    Geheimgeschichte kannte, die dem „Professeur“ in der Halle
    des Pariser Hotels sicherlich unbekannt geblieben war, konnte
    man die beiden Zahlen der Prophezeiung verstehen. Das
    Mädchen hatte nach einer ungewöhnlich intensiven Vater-
    bindung geheiratet und sich dann sehnlichst Kinder gewünscht,
    um ihren Mann an die Stelle des Vaters rücken zu können.
    Nach jahrelanger Enttäuschung, an der Schwelle einer Neurose,
    holte sie sich die Prophezeiung, die — ihr das Schicksal ihrer
    Mutter versprach. Auf diese traf es zu, daß sie mit zweiund-
    dreißig Jahren zwei Kinder gehabt hatte. So war es also nur
    mit Hilfe der Psychoanalyse möglich, die Eigentümlichkeiten
    der angeblich von außen her erfolgenden Botschaft sinnvoll
    zu deuten. Dann aber konnte man den ganzen, so eindeutig
    bestimmten, Sachverhalt nicht besser aufklären als durch die

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    Annahme, ein starker Wunsch der Befragenden — in Wirk-
    lichkeit der stärkste, unbewußte Wunsch ihres Affektlebens
    und der Motor ihrer keimenden Neurose — habe sich durch
    unmittelbare Übertragung dem mit einer ablenkenden Han-
    tierung beschäftigten Wahrsager kundgegeben.

    Ich habe auch bei Versuchen im intimen Kreise wiederholt
    den Eindruck gewonnen, daß die Übertragung von stark
    affektiv betonten Erinnerungen unschwer gelingt. Getraut man
    sich, die Einfälle der Person, auf welche übertragen werden
    soll, einer analytischen Bearbeitung zu unterziehen, so kommen
    oft Übereinstimmungen zum Vorschein, die sonst unkenntlich
    geblieben wären. Aus manchen Erfahrungen bin ich geneigt,
    den Schluß zu ziehen, daß solche Übertragungen besonders
    gut in dem Moment zustande kommen, da eine Vorstellung
    aus dem Unbewußten auftaucht, theoretisch ausgedrückt, so-
    bald sie aus dem „Primärvorgang“ in den „Sekundärvorgang“
    übergeht.

    Bei aller durch die Tragweite, Neuheit und Dunkelheit des
    Gegenstandes gebotenen Vorsicht hielt ich es doch nicht mehr
    für berechtigt, mit diesen Äußerungen zum Problem der Tele-
    pathie zurückzuhalten. Mit dem Traum hat dies alles nur so-
    viel zu tun: Wenn es telepathische Botschaften gibt, so ist
    nicht abzuweisen, daß sie auch den Schlafenden erreichen und
    von ihm im Traum erfaßt werden können. Ja, nach der
    Analogie mit anderem Wahrnehmungs- und Gedanken-
    material darf man es auch nicht abweisen, daß telepathische
    Botschaften, die während des Tages aufgenommen wurden,
    erst im Traum der nächsten Nacht zur Verarbeitung kommen.
    Es wäre dann nicht einmal ein Einwand, wenn das tele-
    pathisch vermittelte Material im Traum wie ein anderes ver-
    ändert und umgestaltet würde. Man möchte gerne mit Hilfe
    der Psychoanalyse mehr und besser Gesichertes über die Tele-
    pathie erfahren.