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DIE OKKULTE BEDEUTUNG DES TRAUMES
(1925)
Wenn der Probleme des Traumlebens kein Ende abzusehen
ist, so kann sich nur der darüber verwundern, der eben ver-
gibt, daß alle Probleme des Seelenlebens auch am Traume
wiederkehren, vermehrt um einige neue, die die besondere
Natur der Träume betreffen. Viele der Dinge, die wir am
Traum studieren, weil sie sich uns dort zeigen, haben aber
mit dieser psychischen Besonderheit des Traumes nichts oder
wenig zu tun. So ist zum Beispiel die Symbolik kein Traum-
problem, sondern ein Thema unseres archaischen Denkens,
unserer „Grundsprache“ nach des Paranoikers Schreber
trefflichem Ausdruck, sie beherrscht den Mythus und das reli-
giöse Ritual nicht minder als den Traum; kaum daß der
Traumsymbolik die Eigenheit verbleibt, vorwiegend sexuell
Bedeutsames zu verhüllen! Auch der Angsttraum braucht seine
Aufklärung nicht von der Traumlehre zu erwarten, die AngstS.
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ist vielmehr ein Neurosenproblem, es bleibt nur zu erörtern,
wie Angst unter den Bedingungen des Träumens entstehen kann.Ich meine, es ist mit dem Verhältnis des Traumes zu den
angeblichen Tatsachen der okkulten Welt auch nicht anders.
Aber da der Traum selbst immer etwas Geheimnisvolles war,
hat man ihn mit jenen anderen unerkannten Geheimnissen in
intime Beziehung gesetzt. Er hatte wohl auch ein historisches
Anrecht darauf, denn in den Urzeiten, als unsere Mythologie
sich bildete, mögen die Traumbilder an der Entstehung der
Seelenvorstellungen beteiligt gewesen sein.Es soll zwei Kategorien von Träumen geben, die den
okkulten Phänomenen zuzurechnen sind, die prophetischen
und die telepathischen. Für beide spricht eine unübersehbare
Masse von Zeugnissen; gegen beide die hartnäckige Abneigung,
wenn man will das Vorurteil, der Wissenschaft.Daß es prophetische Träume in dem Sinne gibt, daß ihr
Inhalt irgendeine Gestaltung der Zukunft darstellt, leidet
allerdings keinen Zweifel, fraglich bleibt nur, ob diese Vor-
hersagen in irgend bemerkenswerter Weise mit dem über-
einstimmen, was später wirklich geschieht. Ich gestehe, daß
mich für diesen Fall der Vorsatz der Unparteilichkeit im
Stiche läßt. Daß es irgendeiner psychischen Leistung außer
einer scharfsinnigen Berechnung möglich sein sollte, das zu-
künftige Geschehen im Einzelnen vorauszusehen, widerspricht
einerseits zu sehr allen Erwartungen und Einstellungen der
Wissenschaft und entspricht andererseits allzu getreu uralten,
wohlbekannten Menschheitswünschen, welche die Kritik als
unberechtigte Anmaßung verwerfen muß. Ich meine also,
wenn man die Unzuverlässigkeit, Leichtgläubigkeit und Un-
glaubwürdigkeit der meisten Berichte zusammenhält mit der
Möglichkeit affektiv erleichterter Erinnerungstäuschungen und
der Notwendigkeit einzelner Zufallstreffer, darf man er-
warten, daß sich der Spuk der prophetischen Wahnträume inS.
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ein Nichts auflösen wird. Persönlich habe ich nie etwas erlebt
oder erfahren, was ein günstigeres Vorurteil erwecken könnte.Anders steht es mit den telepathischen Träumen. Hier sei
aber vor allem bemerkt, daß noch niemand behauptet hat,
das telepathische Phänomen — die Aufnahme eines seelischen
Vorganges in einer Person durch eine andere auf anderem
Wege als dem der Sinneswahrnehmung — sei ausschließlich
an den Traum gebunden. Die Telepathie ist also wiederum
kein Traumproblem, man braucht sein Urteil über ihre
Existenz nicht aus dem Studium der telepathischen Träume zu
schöpfen.Unterwirft man die Berichte über telepathische Vorkomm-
nisse (ungenau: Gedankenübertragung) derselben Kritik, mit
der man andere okkulte Behauptungen abgewehrt hat, so
behält man doch ein ansehnliches Material übrig, das man
nicht so leicht vernachlässigen kann. Auch gelingt es auf diesem
Gebiete weit eher, eigene Beobachtungen und Erfahrungen zu
sammeln, die eine freundliche Einstellung zum Problem der
Telepathie berechtigen, wenngleich sie für die Herstellung
einer gesicherten Überzeugung noch nicht ausreichen mögen.
Man bildet sich vorläufig die Meinung, es könnte wohl sein,
daß die Telepathie wirklich existiert und daß sie den Wahr-
heitskern von vielen anderen, sonst unglaublichen Auf-
stellungen bildet.Man tut gewiß recht daran, wenn man auch in Sachen der
Telepathie jede Position der Skepsis hartnäckig verteidigt
und nur ungern vor der Macht der Beweise zurückweicht.
Ich glaube ein Material gefunden zu haben, welches den
meisten sonst zulässigen Bedenken entzogen ist: nicht erfüllte
Prophezeiungen berufsmäßiger Wahrsager. Leider stehen mir
nur wenige solche Beobachtungen zu Gebote, aber zwei unter
diesen haben mir einen starken Eindruck hinterlassen. Es ist
mir versagt, diese so ausführlich mitzuteilen, daß sie auch aufS.
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andere wirken könnten. Ich muß mich auf die Hervorhebung
einiger wesentlicher Punkte beschränken.Den betreffenden Personen war also — am fremden Ort
und von seiten eines fremden Wahrsagers, der dabei irgend-
eine, wahrscheinlich gleichgiltige, Praktik betrieb — etwas für
eine bestimmte Zeit vorhergesagt worden, was nicht ein-
getroffen war. Die Verfallszeit der Prophezeiung war längst
vorüber. Es war auffällig, daß die Gewährspersonen anstatt
mit Spott und Enttäuschung mit offenbarem Wohlgefallen von
ihrem Erlebnis erzählten. Im Inhalte der ihnen gewordenen
Verkündigung fanden sich ganz bestimmte Einzelheiten, die
willkürlich und unverständlich schienen, die eben nur durch
ihr Eintreffen gerechtfertigt worden wären. So sagte zum
Beispiel der Chiromant der siebenundzwanzigjährigen, aber
viel jünger aussehenden Frau, die den Ehering abgezogen
hatte, sie werde noch heiraten und mit zweiunddreißig Jahren
zwei Kinder haben. Die Frau war dreiundvierzig Jahre alt,
als sie, schwer krank geworden, mir diese Begebenheit in ihrer
Analyse erzählte, sie war kinderlos geblieben. Wenn man ihre
Geheimgeschichte kannte, die dem „Professeur“ in der Halle
des Pariser Hotels sicherlich unbekannt geblieben war, konnte
man die beiden Zahlen der Prophezeiung verstehen. Das
Mädchen hatte nach einer ungewöhnlich intensiven Vater-
bindung geheiratet und sich dann sehnlichst Kinder gewünscht,
um ihren Mann an die Stelle des Vaters rücken zu können.
Nach jahrelanger Enttäuschung, an der Schwelle einer Neurose,
holte sie sich die Prophezeiung, die — ihr das Schicksal ihrer
Mutter versprach. Auf diese traf es zu, daß sie mit zweiund-
dreißig Jahren zwei Kinder gehabt hatte. So war es also nur
mit Hilfe der Psychoanalyse möglich, die Eigentümlichkeiten
der angeblich von außen her erfolgenden Botschaft sinnvoll
zu deuten. Dann aber konnte man den ganzen, so eindeutig
bestimmten, Sachverhalt nicht besser aufklären als durch dieS.
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Annahme, ein starker Wunsch der Befragenden — in Wirk-
lichkeit der stärkste, unbewußte Wunsch ihres Affektlebens
und der Motor ihrer keimenden Neurose — habe sich durch
unmittelbare Übertragung dem mit einer ablenkenden Han-
tierung beschäftigten Wahrsager kundgegeben.Ich habe auch bei Versuchen im intimen Kreise wiederholt
den Eindruck gewonnen, daß die Übertragung von stark
affektiv betonten Erinnerungen unschwer gelingt. Getraut man
sich, die Einfälle der Person, auf welche übertragen werden
soll, einer analytischen Bearbeitung zu unterziehen, so kommen
oft Übereinstimmungen zum Vorschein, die sonst unkenntlich
geblieben wären. Aus manchen Erfahrungen bin ich geneigt,
den Schluß zu ziehen, daß solche Übertragungen besonders
gut in dem Moment zustande kommen, da eine Vorstellung
aus dem Unbewußten auftaucht, theoretisch ausgedrückt, so-
bald sie aus dem „Primärvorgang“ in den „Sekundärvorgang“
übergeht.Bei aller durch die Tragweite, Neuheit und Dunkelheit des
Gegenstandes gebotenen Vorsicht hielt ich es doch nicht mehr
für berechtigt, mit diesen Äußerungen zum Problem der Tele-
pathie zurückzuhalten. Mit dem Traum hat dies alles nur so-
viel zu tun: Wenn es telepathische Botschaften gibt, so ist
nicht abzuweisen, daß sie auch den Schlafenden erreichen und
von ihm im Traum erfaßt werden können. Ja, nach der
Analogie mit anderem Wahrnehmungs- und Gedanken-
material darf man es auch nicht abweisen, daß telepathische
Botschaften, die während des Tages aufgenommen wurden,
erst im Traum der nächsten Nacht zur Verarbeitung kommen.
Es wäre dann nicht einmal ein Einwand, wenn das tele-
pathisch vermittelte Material im Traum wie ein anderes ver-
ändert und umgestaltet würde. Man möchte gerne mit Hilfe
der Psychoanalyse mehr und besser Gesichertes über die Tele-
pathie erfahren.
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Die okkulte Bedeutung des Traumes
1900-001/1931.2