Eine erfüllte Traumahnung 1899-101/1899

Freud, Sigmund (1899-101/1899): Eine erfüllte Traumahnung

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  • S.

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    Eine erfüllte Traumahnung.

    Frau B., eine ausgezeichnete, auch kritische Person erzählt in anderem
    Zusam̄enhange, keineswegs tendenziös, dass sie einmal vor Jahren
    geträumt, sie treffe ihren früheren Hausarzt u Freund, Dr Kapper
    in der Kärntnerstrasse vor dem Laden von Hies. Am nächsten Vor-
    mittag geht sie durch diese Straße u trifft die bezeichnete Person
    wirklich an der geträumten Stelle. Soweit das Argument.

    Ich bemerke noch, dass dieses wunderbare Zusam̄entreffen seine
    Bedeutung durch kein nachfolgendes Ereigniß erwies, also aus
    dem Zukünftigen nicht zu rechtfertigen ist.

    Zur Analyse dient das Examen, welches feststellt, daß der Beweis nicht
    zu führen ist, sie hätte diesen Traum am Morgen nach der Traumnacht
    überhpt vor dem Spaziergang erin̄ert. Ein solcher Beweis wäre die
    Niederschrift oder Mittheilg des Traumes vor seiner Erfüllung
    gewesen. Die Dame muß sich vielmehr ohne Einwendung folgende
    Darstellung des Sachverhaltes gefallen lassen, die mir die wahr-
    scheinlichere ist: Sie ist eines Vormittags in der K.straße spazieren
    gegangen und hat vor dem Laden von Hies ihren alten Hausarzt
    begegnet. Als sie ihn sah, bekam sie die Überzeugg, sie habe die
    letzte Nacht von eben diesem Zusam̄entreffen an der nämlichen
    Stelle geträumt. Nach den für die Deutung neurotischer Symptome
    geltenden Regeln muß diese Überzeugg eine berechtigte sein.
    Der Inhalt derselben darf eine Umdeutung erleiden.

    Die Vergangenheit der Frau B. enthält folgende Geschichte, zu der Dr
    Kapper in Beziehung steht. Sie wurde jung, ohne volle Einwilligg an
    einen älteren aber vermögenden Mann verheiratet, der einige
    Jahre nachher sein Vermögen verlor, an Tbc erkrankte u starb.
    Die junge Frau erhielt sich und den Kranken mehrere Jahre lang
    durch Musikunterricht. Sie fand Freunde im Unglück; einer derselben
    war der Hausarzt Dr Kapper, der dem Man̄ seine Pflege widmete
    u ihr den Weg zu den ersten Lektionen ebnete. Ein anderer war
    ein Advokat, auch ein Dr K., der die desolaten Verhältniße des ruinirten
    Kaufmannes in Ordnung brachte, dabei aber um die Liebe der
    jungen Frau sich bewarb und auch – zum ersten u einzigen Mal –
    die Leidenschaft in ihr entflam̄te. Aus dieser Liebesbeziehung, die 
    wurde kein rechtes Glück; die Bedenken ihrer Erziehung und Denkungs-
    art verdarben der Frau und später der Witwe die Hingebung. In
    demselben Zusam̄enhange, der obigen Traum einschließt, erzählt
    Frau B. von einer wirklichen Begebenheit jener unglücklichen
    Zeit, in der sie nach ihrer Schätzg ein merkwürdiges Zusam̄en-
    treffen sieht. Sie befand sich in ihrem Zim̄er, auf dem Boden
    knieend, den Kopf auf einen Sessel gelegt und schluchzte in leiden-
    schaftlicher Sehnsucht nach ihrem Freund u Helfer, dem Advokaten
    als dieser im nämlichen Moment die Thüre öffnete, um sie
    zu besuchen. Wir werden nichts Merkwürdiges in diesem Zusam̄en-
    treffen finden, wen̄ wir überlegen, wie oft sie seiner so gedacht
    u wie oft er sie besucht haben mag. Auch finden sich solche
    wie verabredete Zufälligkeiten in allen Liebesgeschichten. Doch
    ist dieses Zusam̄entreffen wahrscheinlich der eigentliche Inhalt
    ihres Traumes u die einzige Begründung ihrer Überzeugung,
    daß ein jener Traum eingetroffen sei.

  • S.

    Zwischen jener Szene vom Eintreffen des Wunsches u jenem Traum
    liegen mehr als 25 Jahre. Frau B. ist unterdeß Witwe eines
    zweiten Mannes geworden, der ihr ein Kind u Vermögen hinter-
    ließ. Die Neigung der alten Dame hängt im̄er noch an dem
    Manne Dr K., der jetzt ihr Rathgeber u der Verwalter ihres
    Vermögens ist und den sie häufig zu sehen gewöhnt ist. Nehmen
    wir an, sie habe in den Tagen vor dem Traum seinen Besuch
    erwartet, er sei aber – es ist ihm nicht mehr so dringlich wie einst –
    ausgeblieben. Dann kann sie leicht in der Nacht einen
    Sehnsuchtstraum gehabt haben, der sie in frühere Zeiten zurückver-
    setzt. Sie träumt dan̄ wahrscheinlich von einem Rendezvous
    aus der Zeit der Leidenschaft, u die Kette der Traumgedanken
    läuft zurück bis zu jenem Mal, wo er ohne Verabredung gerade
    in dem Moment gekom̄en, da sie sich nach ihm gesehnt. Solche
    Träume dürften sich jetzt oft bei ihr ereignen; sie sind ein Theil der
    späten Bestrafung, die dem Weib für seine Grausamkeit in
    jungen Jahren zu Theil wird. Aber als Abköm̄linge einer
    unterdrückten Strömung und mit Reminiscenzen an die Rendez-vous
    erfüllt, an die sie seit ihrer zweiten Verheiratung nicht gerne
    mehr denkt, werden solche Träume nach dem Erwachen wieder
    beseitigt. So wird es auch unserem angeblich prophetischen Traum
    ergangen sein. Sie geht dan̄ aus u begegnet an einer an sich
    gleichgiltigen Stelle der Kärntnerstrasse ihren alten Hausarzt Dr Kapper
    Sie hat ihn sehr lange nicht gesehen, er ist mit den Erregungen jener
    glücklich unglücklichen Periode in̄ig verknüpft, er war auch ein
    Helfer, wir dürfen annehmen, er ist in ihren Gedanken u vielleicht
    auch in Träumen eine Deckperson, hinter der sie die geliebtere
    des anderen Doktor K. verbirgt. Diese Begegnung will nun
    die Erin̄erung an den Traum wecken. Es sollte in ihr heißen: Richtig,
    ich habe ja heute von meinem Rendezvous mit Dr K. geträumt.
    Aber diese Erin̄erung muß sich dieselbe Entstellg gefallen lassen, der
    der Traum nur dadurch entgangen ist, daß er gar nicht in der
    Erinnerung bewahrt wurde. Für den geliebten K. schiebt sich der
    indifferente K. ein, der an den Traum erin̄ert; der Inhalt des Traumes
    das Rendez-vous überträgt sich auf den Glauben, dass sie von dieser
    bestim̄ten Stelle geträumt hat, denn ein Rendez-vous besteht darin,
    daß zwei Personen zur gleichen Zeit an die nämliche Stelle kom̄en.
    Wenn dabei dan̄ der Eindruck zu Stande kom̄t, dass ein Traum in Erfüllg
    gegangen ist, so bringt sie mit ihm nur die Erin̄erung zur Geltung,
    daß in jener Scene, wo sie sich weinend nach seiner Gegenwart
    sehnte, ihre Sehnsucht wirklich sofort in Erfüllung gegangen ist.

    So ist die nachträgliche Traumschöpfg, die allein die prophetischen Träume
    ermöglicht, auch nichts anderes als eine Form der Censurirung,
    die dem Traum das Durchdringen zum Bewußtsein ermöglicht.

    10 Nov.99