S.
287
I) Aus der Krankengeschichte
Ein jüngerer Mann von akademischer Bildung führt sich
mit der Angabe ein, er leide an Zwangsvorstellungen schon
seit seiner Kindheit, besonders stark aber seit vier Jahren.
Hauptinhalt seines Leidens seien Befürchtungen, daß
zwei Personen, die er sehr liebe, etwas geschehen werde,
dem Vater und einer Dame, die er verehre. Außerdem ver-
spüre er Zwangsimpulse, wie z. B. sich mit einem Ra-
siermesser den Hals abzuschneiden, und produziere Ver-
bote, die sich auch auf gleichgültige Dinge beziehen. Er
habe durch den Kampf gegen seine Ideen Jahre verloren
und sei darum im Leben zurückgeblieben. Von den ver-
suchten Kuren habe ihm nichts genützt als eine Wasser-
behandlung in einer Anstalt bei **; diese aber wohl nur
darum, weil er dort eine Bekanntschaft machte, die zu
regelmäßigem Sexualverkehr führte. Hier habe er keine
solche Gelegenheit, verkehre selten und in unregel-
mäßigen Intervallen. Vor Prostituierten empfinde er Ekel.
Sein Sexualleben sei überhaupt kümmerlich gewesen,
Onanie habe nur eine geringe Rolle gespielt, im 16. oder
17. Jahre. Seine Potenz sei normal; erster Koitus mit
26 Jahren.Er macht den Eindruck eines klaren, scharfsinnigen Kop-
fes. Von mir befragt, was ihn veranlasse, die Auskünfte
über sein Sexualleben in den Vordergrund zu rücken, ant-
wortet er, das sei dasjenige, was er von meinen Lehren
wisse. Er habe sonst nichts von meinen Schriften gelesen,
aber vor kurzem beim Blättern in einem Buche von mir
die Aufklärung sonderbarer Wortverknüpfungen gefunden,22) Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1905, II. Aufl. 1919;
enthalten in Bd. IV der Ges. Schriften).S.
288
die ihn so sehr an seine eigenen „Denkarbeiten" mit seinen
Ideen gemahnt hätten, daß er beschlossen habe, sich mir
anzuvertrauen.a) Die Einleitung der Behandlung
Nachdem ich ihn am nächsten Tage auf die einzige Be-
dingung der Kur verpflichtet, alles zu sagen, was ihm durch
den Kopf gehe, auch wenn es ihm unangenehm sei,
auch wenn es ihm unwichtig, nicht dazugehörig
oder unsinnig erscheine, und ihm freigestellt, mit wel-
chem Thema er seine Mitteilungen eröffnen wolle, beginnt
er wie folgt:3Er habe einen Freund, den er außerordentlich hochstelle.
Zu dem gehe er immer, wenn ihn ein verbrecherischer
Impuls plage, und frage ihn, ob er ihn als Verbrecher ver-
achte. Der Freund halte ihn aufrecht, indem er ihm ver-
sichere, daß er ein tadelloser Mensch sei, der sich wahr-
scheinlich von Jugend auf gewöhnt habe, sein Leben unter
solchen Gesichtspunkten zu betrachten. Einen ähnlichen Ein-
fluß habe früher einmal ein anderer auf ihn geübt, ein Stu-
dent, der 19 Jahre alt war, während er 14 oder 15 Jahre
war, der Gefallen an ihm fand und sein Selbstgefühl außer-
ordentlich hob, so daß er sich als Genie vorkommen durfte.
Dieser Student wurde später sein Hauslehrer und änderte
dann plötzlich sein Benehmen, indem er ihn zum Trottel
herabsetzte. Er merkte endlich, daß jener sich für eine
seiner Schwestern interessierte und sich mit ihm nur ein-3) Redigiert nach der Niederschrift am Abend des Behandlungs-
tages in möglichster Anlehnung an die erinnerten Reden des Pa-
tienten. – Ich kann nur davor warnen, die Zeit der Behandlung
selbst zur Fixierung des Gehörten zu verwenden. Die Ablenkung
der Aufmerksamkeit des Arztes bringt dem Kranken mehr Scha-
den, als durch den Gewinn an Reproduktionstreue in der Kranken-
geschichte entschuldigt werden kann.S.
289
gelassen habe, um Zutritt ins Haus zu gewinnen. Es war
dies die erste große Erschütterung seines Lebens.
Er fährt dann wie unvermittelt fort:b) Die infantile Sexualität
„Mein Sexualleben hat sehr früh begonnen. Ich erinnere
mich einer Szene aus meinem 4. bis 5. Jahre (vom 6. Jahre
an ist meine Erinnerung überhaupt vollständig), die mir
Jahre später klar aufgetaucht ist. Wir hatten eine sehr
schöne, junge Gouvernante, Fräulein Peter.4 Die lag eines
Abends leicht bekleidet auf dem Sofa und las; ich lag
neben ihr und bat sie um die Erlaubnis, unter ihre Röcke
zu kriechen. Sie erlaubte es, wenn ich niemand etwas da-
von sagen würde. Sie hatte wenig an, und ich betastete sie
an den Genitalien und am Leibe, der mir kurios vorkam.
Seitdem blieb mir eine brennende, peinigende Neugierde,
den weiblichen Körper zu sehen. Ich weiß noch, mit wel-
cher Spannung ich im Bade, wohin ich noch mit dem Fräu-
lein und den Schwestern gehen durfte, darauf wartete, bis
das Fräulein ausgekleidet ins Wasser stieg. An mehr er-
innere ich mich vom 6. Jahre an. Wir hatten dann ein an-
deres Fräulein, auch jung und schön, die Abszesse am4) Der frühere Analytiker Dr. Alfred Adler gedachte einmal
in einem privaten Vortrag der besonderen Bedeutung, welche den
allerersten Mitteilungen der Patienten zukommt. Hier ein
Beleg dafür. Die einleitenden Worte des Patienten betonen den
Einfluß, den Männer auf ihn ausüben, die Rolle der homosexuellen
Objektwahl in seinem Leben, und lassen gleich darauf ein zweites
Motiv anklingen, welches später bedeutsam hervortreten wird, den
Konflikt und Interessengegensatz zwischen Mann und Weib. Auch
daß er die erste schöne Gouvernante mit ihrem Familiennamen
erinnert, welcher zufällig einem männlichen Vornamen gleicht, ist
in diesen Zusammenhang aufzunehmen. In Wiener Bürgerkreisen
pflegt man eine Gouvernante häufiger bei ihrem Vornamen zu
nennen und behält eher diesen im Gedächtnis.S.
290
Gesäß hatte, welche sie abends auszudrücken pflegte. Ich
lauerte auf diesen Moment, um meine Neugierde zu stillen.
Ebenso im Bade, obwohl Fräulein Lina zurückhaltender war
als die erste. (Auf eine Zwischenfrage: Ich schlief nicht
regelmäßig in ihrem Zimmer, meist bei den Eltern.) Ich er-
innere eine Szene, bei der ich 7 Jahre gewesen sein muß.5
Wir saßen am Abend, das Fräulein, die Köchin, ein anderes
Mädchen, ich und mein um 1½ Jahre jüngerer Bruder bei-
sammen. Ich vernahm plötzlich aus dem Gespräch der Mäd-
chen, wie Fräulein Lina sagte: Mit dem Kleinen könne man
das schon machen, aber der Paul (ich) sei zu ungeschickt,
er werde gewiß daneben fahren. Ich verstand nicht klar,
was gemeint war, verstand aber die Zurücksetzung und be-
gann zu weinen. Lina tröstete mich und erzählte mir, daß
ein Mädchen, welches etwas Derartiges mit einem ihr
anvertrauten Buben gemacht hatte, für mehrere Monate ein-
gesperrt worden sei. Ich glaube nicht, daß sie etwas Un-
rechtes mit mir angestellt hat, aber ich nahm mir viel Frei-
heiten gegen sie heraus. Wenn ich zu ihr ins Bett kam,
deckte ich sie auf und rührte sie an, was sie sich ruhig ge-
fallen ließ. Sie war nicht sehr intelligent und offenbar ge-
schlechtlich sehr bedürftig. 23 Jahre alt, hatte sie schon
ein Kind gehabt, dessen Vater sie später heiratete, so daß
sie heute Frau Hofrat heißt. Ich sehe sie noch oft auf der
Straße.“„Ich habe schon mit 6 Jahren an Erektionen gelitten und
weiß, daß ich einmal zur Mutter ging, um mich darüber zu
beklagen. Ich weiß auch, daß ich dabei Bedenken zu über-
winden hatte, denn ich ahnte den Zusammenhang mit
meinen Vorstellungen und meiner Neugierde und hatte da-
mals eine Zeitlang die krankhafte Idee, die Eltern wüß-5) Er gibt später die Wahrscheinlichkeit zu, daß diese Szene
1 bis 2 Jahre später vorfiel.S.
291
ten meine Gedanken, was ich mir so erklärte,
daß ich sie ausgesprochen, ohne es aber selbst
zu hören. Ich sehe hierin den Beginn meiner Krankheit.
Es gab Personen, Mädchen, die mir sehr gefielen, und die
ich mir dringendst nackt zu sehen wünschte. Ich hatte
aber bei diesen Wünschen ein unheimliches Gefühl,
als müßte etwas geschehen, wenn ich das
dächte, und ich müßte allerlei tun, um es zu
verhindern.“(Als Probe dieser Befürchtungen gibt er auf Befragen
an: Z. B. mein Vater würde sterben.) „Gedanken
an den Tod des Vaters haben mich frühzeitig und durch
lange Zeit beschäftigt und sehr traurig gestimmt.“Ich vernehme bei dieser Gelegenheit mit Erstaunen, daß
sein Vater, um den sich doch seine heutigen Zwangsbefürch-
tungen kümmern, schon vor mehreren Jahren gestorben ist.Was unser Patient in der ersten Stunde der Behandlung
aus seinem 6. oder 7. Jahre schildert, ist nicht nur, wie er
meint, der Beginn der Krankheit, sondern bereits die
Krankheit selbst. Eine vollständige Zwangsneurose, der
kein wesentliches Element mehr abgeht, zugleich der Kern
und das Vorbild des späteren Leidens, der Elementarorga-
nismus gleichsam, dessen Studium allein uns das Verhältnis
der komplizierten Organisation der heutigen Erkrankung
vermitteln kann. Wir sehen das Kind unter der Herrschaft
einer sexuellen Triebkomponente, der Schaulust, deren Er-
gebnis der mit großer Intensität immer wieder von neuem
auftretende Wunsch ist, weibliche Personen, die ihm ge-
fallen, nackt zu sehen. Dieser Wunsch entspricht der spä-
teren Zwangsidee; wenn er den Zwangscharakter noch
nicht hat, so kommt dies daher, daß das Ich sich noch
nicht in vollen Widerspruch zu ihm gesetzt hat, ihn
nicht als fremd verspürt, doch regt sich bereits von irgend-S.
292
woher ein Widerspruch gegen diesen Wunsch, denn ein
peinlicher Affekt begleitet regelmäßig das Auftauchen des-
selben.6 Ein Konflikt ist offenbar in dem Seelenleben des
kleinen Lüsternen vorhanden; neben dem Zwangswunsch
steht eine Zwangsbefürchtung innig an den Wunsch ge-
knüpft: so oft er so etwas denkt, muß er fürchten, es werde
etwas Schreckliches geschehen. Dies Schreckliche kleidet
sich bereits in eine charakteristische Unbestimmtheit, die
fortan in den Äußerungen der Neurose niemals fehlen wird.
Doch ist es beim Kinde nicht schwer, das durch solche Un-
bestimmtheit Verhüllte aufzufinden. Kann man für irgend-
eine der verschwommenen Allgemeinheiten der Zwangs-
neurose ein Beispiel erfahren, so sei man sicher, dies Beispiel
ist das Ursprüngliche und Eigentliche selbst, das durch die
Verallgemeinerung versteckt werden sollte. Die Zwangs-
befürchtung lautete also, ihrem Sinne nach wiederher-
gestellt: Wenn ich den Wunsch habe, eine Frau nackt zu
sehen, muß mein Vater sterben. Der peinliche Affekt nimmt
deutlich die Färbung des Unheimlichen, Abergläubischen
an und gibt bereits Impulsen den Ursprung, etwas zur Ab-
wendung des Unheiles zu tun, wie sie sich in den späteren
Schutzmaßregeln durchsetzen werden.Also: ein erotischer Trieb und eine Auflehnung gegen
ihn, ein (noch nicht zwanghafter) Wunsch und eine (bereits
zwanghafte) ihr widerstrebende Befürchtung, ein peinlicher
Affekt und ein Drang zu Abwehrhandlungen; das Inven-
tar der Neurose ist vollzählig. Ja, es ist noch etwas an-
deres vorhanden, eine Art von Delir- oder Wahnbil-
dung sonderbaren Inhalts: die Eltern wüßten seine Ge-
danken, weil er sie ausspreche, ohne sie selbst zu hören.6) Es sei daran erinnert, daß man den Versuch gemacht hat,
Zwangsvorstellungen ohne Rücksicht auf die Affektivität zu er-
klären!S.
293
Wir werden kaum irregehen, wenn wir in diesem kind-
lichen Erklärungsversuch eine Ahnung jener merkwürdigen
seelischen Vorgänge vernehmen, die wir unbewußte heißen
und deren wir zur wissenschaftlichen Aufhellung des dunk-
len Sachverhaltes nicht entraten können. „Ich spreche meine
Gedanken aus, ohne sie zu hören“ klingt wie eine Projek-
tion nach außen unserer eigenen Annahme, daß er Ge-
danken hat, ohne etwas von ihnen zu wissen, wie eine
endopsychische Wahrnehmung des Verdrängten.Wir erkennen es nämlich klar: Diese infantile Elementar-
neurose hat bereits ihr Problem und ihre scheinbare Ab-
surdität wie jede komplizierte Neurose eines Erwachsenen.
Was soll es heißen, daß der Vater sterben muß, wenn im
Kinde jener lüsterne Wunsch rege wird? Ist das barer Un-
sinn, oder gibt es Wege, diesen Satz zu verstehen, ihn als
notwendiges Ergebnis früherer Vorgänge und Voraussetzun-
gen zu erfassen?Wenn wir anderswo gewonnene Einsichten auf diesen
Fall von Kinderneurose anwenden, so müssen wir vermuten,
daß auch hier, also vor dem 6. Jahre, traumatische Er-
lebnisse, Konflikte und Verdrängungen vorgefallen sind,
die selbst der Amnesie verfielen, aber als Residuum diesen
Inhalt der Zwangsbefürchtung zurückgelassen haben. Wir
werden späterhin erfahren, wieweit es uns möglich ist, diese
vergessenen Erlebnisse wieder aufzufinden oder mit einiger
Sicherheit zu konstruieren. Unterdes wollen wir noch als
ein wahrscheinlich nicht gleichgültiges Zusammentreffen
betonen, daß die Kindheitsamnesie unseres Patienten gerade
mit dem 6. Jahre ihr Ende erreicht.Einen derartigen Beginn einer chronischen Zwangsneu-
rose in der frühen Kindheit mit solch lüsternen Wünschen,
an die unheimlichen Erwartungen und Neigung zu Abwehr-
handlungen geknüpft sind, kenne ich von mehreren anderenS.
294
Fällen. Er ist absolut typisch, wenn auch wahrscheinlich
nicht der einzig mögliche Typus. Noch ein Wort über die
sexuellen Früherlebnisse des Patienten, ehe wir zum In-
halte der zweiten Sitzung übergehen. Man wird sich kaum
sträuben, sie als besonders reichhaltig und wirkungsvoll
zu bezeichnen. So ist es aber auch in den andern Fällen von
Zwangsneurose, die ich analysieren konnte. Der Charakter
der vorzeitigen sexuellen Aktivität wird im Gegensatze zur
Hysterie hier niemals vermißt. Die Zwangsneurose läßt
viel deutlicher als die Hysterie erkennen, daß die Momente,
welche die Psychoneurose formen, nicht im aktuellen, son-
der im infantilen Sexualleben zu suchen sind. Das gegen-
wärtige Sexualleben der Zwangsneurotiker kann dem ober-
flächlichen Erforscher oft völlig normal erscheinen; es
bietet häufig weit weniger pathogene Momente und Abnor-
mitäten als gerade bei unserem Patienten.c) Die große Zwangsbefürchtung
„Ich denke, heute will ich mit dem Erlebnisse beginnen,
welches der direkte Anlaß für mich war, Sie aufzusuchen.
Es war im August während der Waffenübung in **. Ich
war vorher elend und hatte mich mit allerlei Zwangs-
gedanken gequält, die aber während der Übung bald
zurücktraten. Es hat mich interessiert, den Berufsoffizieren
zu zeigen, daß man nicht nur etwas gelernt hat, sondern
auch etwas aushalten kann. Eines Tages machten wir einen
kleinen Marsch von * aus. Auf der Rast verlor ich meinen
Zwicker, und obwohl ich ihn leicht hätte finden können,
wollte ich doch den Aufbruch nicht verzögern und ver-
zichtete auf ihn, telegraphierte aber an meinen Optiker nach
Wien, er solle mir umgehend einen Ersatz schicken. Auf
derselben Rast nahm ich Platz zwischen zwei Offizieren,
von denen einer, ein Hauptmann mit tschechischem Namen,S.
295
für mich bedeutungsvoll werden sollte. Ich hatte eine ge-
wisse Angst vor dem Manne, denn er liebte offenbar
das Grausame. Ich will nicht behaupten, daß er schlecht
war, aber er war während der Offiziersmenage wiederholt
für die Einführung der Prügelstrafe eingetreten, so daß ich
ihm energisch hatte widersprechen müssen. Auf dieser Rast
nun kamen wir ins Gespräch, und der Hauptmann erzählte,
daß er von einer besonders schrecklichen Strafe im Orient
gelesen habe. . . “Hier unterbricht er sich, steht auf und bittet mich, ihm
die Schilderung der Details zu erlassen. Ich versichere ihm,
daß ich selbst gar keine Neigung zur Grausamkeit habe,
ihn gewiß nicht gerne quälen wolle, daß ich ihm natürlich
aber nichts schenken könne, worüber ich keine Verfügung
habe. Ebensogut könne er mich bitten, ihm zwei Kometen
zu schenken. Die Überwindung von Widerständen sei ein
Gebot der Kur, über das wir uns unmöglich hinwegsetzen
könnten. (Den Begriff „Widerstand“ hatte ich ihm zu An-
fang dieser Stunde vorgetragen, als er sagte, er habe vieles
in sich zu überwinden, wenn er sein Erlebnis mitteilen
solle.) Ich fuhr fort: Was ich aber tun könnte, um etwas
von ihm Angedeutetes voll zu erraten, das solle geschehen.
Ob er etwa die Pfählung meine? – Nein, das nicht, son-
dern der Verurteilte werde angebunden – (er drückte sich
so undeutlich aus, daß ich nicht sogleich erraten konnte, in
welcher Stellung) – über sein Gesäß ein Topf gestülpt, in
diesen dann Ratten eingelassen, die sich – er war wieder
aufgestanden und gab alle Zeichen des Grausens und
Widerstandes von sich – einbohrten. In den After, durfte
ich ergänzen.Bei allen wichtigeren Momenten der Erzählung merkt man
an ihm einen sehr sonderbar zusammengesetzten Gesichts-
ausdruck, den ich nur als Grausen vor seiner ihmS.
296
selbst unbekannten Lust auflösen kann. Er fährt mit
allen Schwierigkeiten fort: „In dem Momente durchzuckte
mich die Vorstellung, daß dies mit einer mir
teuren Person geschehe.“7 Auf direktes Befragen gibt
er an, daß nicht etwa er selbst diese Strafe vollziehe, son-
dern, daß sie unpersönlich an ihr vollzogen werde. Nach
kurzem Raten weiß ich, daß es die von ihm verehrte Dame
war, auf die sich jene „Vorstellung“ bezog.Er unterbricht die Erzählung, um mir zu versichern, wie
fremd und feindselig sich diese Gedanken ihm gegenüber-
stellen, und mit welch außerordentlicher Raschheit alles in
ihm abläuft, was sich weiter an sie knüpft. Mit der Idee
gleichzeitig ist auch stets die „Sanktion“ da, d. h. die Ab
wehrmaßregel, der er folgen muß, damit sich eine solche
Phantasie nicht erfülle. Als der Hauptmann von jener gräß-
lichen Strafe sprach und jene Ideen in ihm aufstiegen, ge-
lang es ihm, sich beider noch mit seinen gewöhnlichen
Formeln zu erwehren, mit einem „aber“, das von einer
wegwerfenden Handbewegung begleitet ist, und mit der
Rede „Was fällt dir denn ein“.Der Plural machte mich stutzig, sowie er auch dem Leser
unverständlich geblieben sein wird. Wir haben ja bisher
nur von der einen Idee gehört, daß an der Dame die
Rattenstrafe vollzogen werde. Nun muß er zugestehen, daß
gleichzeitig die andere Idee in ihm auftauchte, die Strafe
treffe auch seinen Vater. Da sein Vater vor vielen Jahren
gestorben ist, diese Zwangsbefürchtung also noch viel un-
sinniger ist als die erste, versuchte sie sich noch eine Weile
vor dem Eingeständnis zu bergen.7) Er sagt: Vorstellung; die stärkere und wichtigere Bezeich-
nung Wunsch respektive Befürchtung ist offenbar durch
Zensur gedeckt. Die eigentümliche Unbestimmtheit aller seiner
Reden kann ich leider nicht wiedergeben.S.
297
Am nächsten Abend überreichte ihm derselbe Hauptmann
ein mit der Post angelangtes Paket und sagte: Der Ober-
leutnant A.8 hat die Nachnahme für dich ausgelegt. Du
mußt sie ihm zurückgeben. In dem Paket befand sich der
telegraphisch bestellte Zwicker. In dem Moment aber ge-
staltete sich ihm eine „Sanktion“: Nicht das Geld zu-
rückgeben, sonst geschieht das (d. h. die Phantasie von
den Ratten verwirkliche sich an Vater und Dame). Und
nach einem ihm bekannten Typus erhob sich sofort zur Be-
kämpfung dieser Sanktion ein Gebot wie ein Eidschwur:
Du mußt dem Oberleutnant A. die Kronen 3.80
zurückgeben, was er beinahe halblaut vor sich hin-
sagte.Zwei Tage später hatte die Waffenübung ihr Ende ge-
funden. Die Zeit bis dahin füllte er mit Bemühungen aus,
dem Oberleutnant A. die kleine Summe zurückzustelle,
wogegen sich immer mehr Schwierigkeiten anscheinend ob-
jektiver Natur erhoben. Zunächst versuchte er die Zah-
lung durch einen andern Offizier zu leisten, der zur Post
ging, war aber sehr froh, als dieser ihm das Geld mit der
Erklärung zurückbrachte, er habe den Oberleutnant A.
nicht auf der Post angetroffen, denn dieser Modus der Eid-
erfüllung befriedigte ihn nicht, weil er dem Wortlaute: Du
mußt dem Oberleutnant A. das Geld zurückgeben, nicht
entsprach. Endlich traf er die gesuchte Person A., die aber
das Geld mit dem Bemerken zurückwies, sie habe nichts
für ihn ausgelegt, sie habe überhaupt nicht die Post, son-
der Oberleutnant B. Er war nun sehr betroffen, daß er
seinen Eid nicht halten könne, weil dessen Voraussetzung
falsch sei, und klügelte sich sehr sonderbare Auskünfte
aus: Er werde mit beiden Herren A. und B. zur Post gehen,
dort werde A. dem Postfräulein Kronen 3.80 geben, das8) Die Namen sind hier fast indifferent.
S.
298
Postfräulein diese dem B., und er werde nach dem Wort-
laute des Eides dann dem A. die Kronen 3.80 zurück-
geben.Ich werde mich nicht verwundern, wenn das Verständnis
der Leser an dieser Stelle versagt, denn auch die ausführ-
liche Darstellung, die mir der Patient von den äußeren
Vorgängen dieser Tage und seinen Reaktionen auf sie gab,
litt an inneren Widersprüchen und klang heillos verworren.
Erst bei einer dritten Erzählung gelang es, ihn zur Ein-
sicht in diese Unklarheiten zu bringen, und die Erinnerungs-
täuschungen und Verschiebungen bloßzulegen, in die er
sich begeben hatte. Ich erspare mir die Wiedergabe dieser
Details, von denen wir das wesentliche bald nachholen kön-
nen, und bemerke noch, daß er sich am Ende dieser zweiten
Sitzung wie betäubt und verworren benahm. Er sprach mich
wiederholt „Herr Hauptmann“ an, wahrscheinlich, weil ich
zu Eingang der Stunde bemerkt hatte, ich sei selbst kein
Grausamer wie der Hauptmann M. und habe nicht die
Absicht, ihn unnötigerweise zu quälen.Ich erhielt von ihm in dieser Stunde nur noch die Auf-
klärung, daß er von Anfang an, auch bei allen früheren
Befürchtungen, daß seinen Lieben etwas geschehen werde,
diese Strafen nicht allein in die Zeitlichkeit, sondern auch
in die Ewigkeit, ins Jenseits verlegt habe. Er war bis zum
14. oder 15. Jahre sehr gewissenhaft religiös gewesen, von
wo an er sich hin zu seinem heutigen Freidenkertum ent-
wickelt hatte. Er gleiche den Widerspruch aus, indem er
sich sage: Was weißt du vom Leben im Jenseits? Was wis-
sen die anderen davon? Man kann ja doch nichts wissen,
du riskierst ja nichts, also tu’s. Diese Schlußweise hält der
sonst so scharfsinnige Mann für einwandfrei und nutzt die
Unsicherheit der Vernunft in dieser Frage solcher Art zu-
gunsten der überwundenen frommen Weltanschauung aus.S.
299
In der dritten Sitzung beendigt er die sehr charakteri-
stische Erzählung seiner Bemühungen, den Zwangseid zu
erfüllen: Am Abende fand die letzte Zusammenkunft der
Offiziere vor dem Schlusse der Waffenübung statt. Ihm
fiel es zu, für den Toast auf „die Herren von der Reserve“
zu danken. Er sprach gut, aber wie im Schlafwandel, denn
im Hintergrunde plagte ihn immer sein Eid. Die Nacht war
entsetzlich; Argumente und Gegenargumente bekämpften
einander; Hauptargument war natürlich, daß die Voraus-
setzung seines Eides, Oberleutnant A. habe das Geld für
ihn gezahlt, ja nicht zuträfe Aber er tröstete sich damit,
daß es ja noch nicht vorüber sei, da A. den morgigen Ritt
zur Bahnstation P. bis zu einer gewissen Stelle mitmachen
werde, so daß er Zeit haben werde, ihn um die Gefälligkeit
anzusprechen. Er tat es nun nicht, ließ A. abschwenken, gab
aber doch seinem Burschen den Auftrag, ihm seinen Be-
such für den Nachmittag anzukündigen. Er selbst gelangte
um ½10 Uhr vormittags zum Bahnhofe, legte sein Gepäck
ab, machte in der kleinen Stadt allerlei Besorgungen und
nahm sich vor, darauf den Besuch bei A. zu machen. Das
Dorf, in dem A. stationiert war, lag etwa eine Stunde mit
dem Wagen von der Stadt P. entfernt. Die Eisenbahnfahrt
nach dem Orte, wo sich das Postamt befand, hätte drei
Stunden betragen; so meinte er, es würde noch gerade ge-
lingen, nach Ausführung seines komplizierten Planes den
von P. nach Wien abgehenden Abendzug zu erreichen. Die
Ideen, die sich bekämpften, lauteten einerseits: es sei doch
eine Feigheit von ihm, er wolle sich offenbar nur die Un-
bequemlichkeit ersparen, von A. dieses Opfer zu verlangen
und vor ihm als Narr dazustehen, und setze sich deshalb
über seinen Eid hinweg; anderseits: es sei im Gegenteile
eine Feigheit, wenn er den Eid ausführe, da er sich dadurch
nur Ruhe vor den Zwangsvorstellungen schaffen wolle.S.
300
Wenn in einer Überlegung die Argumente einander so die
Waage hielten, so lasse er sich gewöhnlich von zufälligen
Ereignissen wie von Gottesurteilen treiben. Darum sagte
er: Ja, als ein Gepäckträger ihn auf dem Bahnhofe fragte:
Zum Zug um 10 Uhr, Herr Leutnant?, fuhr um 10 Uhr
ab und hatte so ein fait accompli geschaffen, das ihn sehr
erleichterte. Beim Kondukteur des Speisewagens nahm er
noch eine Marke für die Table d'hôte. In der ersten Station
fiel ihm plötzlich ein, jetzt könne er noch aussteigen, den
Gegenzug abwarten, mit diesem nach P. und an den Ort,
wo Oberleutnant A. sich aufhielt, fahren, mit ihm dann
die dreistündige Bahnfahrt zum Postamt machen usf. Nur
die Rücksicht auf die Zusage, die er dem Kellner gegeben,
hielt ihn von der Ausführung dieser Absicht ab; er gab
sie aber nicht auf, sondern verschob das Aussteigen auf
eine spätere Station. So schlug er sich von Station zu
Station durch, bis er zu einer gelangte, in welcher ihm
das Aussteigen unmöglich erschien, weil er dort Ver-
wandte hatte, und er beschloß, nach Wien durchzufahren,
dort seinen Freund aufzusuchen, ihm die Sache vorzu-
tragen und nach dessen Entscheidung noch mit dem Nacht-
zug nach P. zurückzufahren. Meinem Zweifel, ob das
zusammen gegangen wäre, begegnet er mit der Versiche-
rung, er hätte zwischen der Ankunft des einen und der
Abfahrt des anderen Zuges eine halbe Stunde frei gehabt.
In Wien angelangt, traf er den Freund aber nicht in dem
Gasthause, wo er ihn zu treffen erwartet hatte, kam erst
um 11 Uhr abends in die Wohnung seines Freundes und
trug ihm noch in der Nacht seine Sache vor. Der Freund
schlug die Hände zusammen, daß er noch immer zweifeln
könne, ob es eine Zwangsvorstellung gewesen sei, beruhigte
ihn für diese Nacht, so daß er ausgezeichnet schlief, und
ging mit ihm am nächsten Vormittag zur Post, um dieS.
301
Kronen 3,80 – an die Adresse des Postamtes, woselbst das
Zwickerpaket angekommen war, aufzugeben.Letztere Mitteilung gab mir den Anhaltspunkt, die Ent-
stellungen seiner Erzählung zu entwirren. Wenn er, durch
den Freund zur Besinnung gebracht, die kleine Summe
nicht an Oberleutnant A. und nicht an Oberleutnant B.,
sondern ans Postamt direkt absandte, so mußte er ja
wissen und schon bei seiner Abreise gewußt haben, daß
er niemand anderem als dem Postbeamten die
Nachnahmegebühr schuldig geblieben sei. Es ergab sich
wirklich, daß er dies schon vor der Aufforderung des
Hauptmanns und vor seinem Eide gewußt hatte, denn er
erinnerte sich jetzt, daß er einige Stunden vor der Be-
gegnung mit dem grausamen Hauptmanne Gelegenheit
hatte, sich einem andern Hauptmann vorzustellen, der ihm
den richtigen Sachverhalt mitgeteilt hatte. Dieser Offizier
erzählte ihm, als er seinen Namen hörte, er sei vor kurzem
auf dem Postamt gewesen und vom Postfräulein be-
fragt worden, ob er einen Leutnant H. (eben unseren
Patienten) kenne, für den ein Paket mit Nachnahme an-
gekommen sei. Er erwiderte verneinend, aber das Fräulein
meinte, sie habe Zutrauen zu dem unbekannten Leutnant
und werde unterdes die Gebühr selbst erlegen. Auf diese
Weise kam unser Patient in den Besitz des von ihm be-
stellten Zwickers. Der grausame Hauptmann beging einen
Irrtum, als er bei der Einhändigung des Pakets mahnte,
die Kronen 3,80 dem A. zurückzugeben. Unser Patient
mußte wissen, daß dies ein Irrtum sei. Trotzdem leistete
er den auf diesen Irrtum gegründeten Schwur, der ihm
zur Qual werden mußte. Die Episode des andern Haupt-
mannes und die Existenz des vertrauensvollen Postfräuleins
hatte er dabei sich und in der Wiedergabe auch mir unter-
schlagen. Ich gebe zu, daß sein Benehmen nach dieserS.
302
Richtigstellung noch unsinniger und unverständlicher wird
als vorher.Nachdem er seinen Freund verlassen hatte und zu seiner
Familie zurückgekehrt war, befielen ihn die Zweifel von
neuem. Die Argumente seines Freundes seien ja keine
anderen gewesen als seine eigenen, und er täuschte sich
nicht darüber, daß die zeitweilige Beruhigung nur auf den
persönlichen Einfluß des Freundes zurückzuführen war.
Der Entschluß, einen Arzt aufzusuchen, wurde auf fol-
gende geschickte Art in das Delir verwoben. Er werde
sich von einem Arzte ein Zeugnis ausstellen lassen, daß er
eines solchen Aktes, wie er ihn mit Oberleutnant A. aus-
gedacht, zu seiner Herstellung bedürfe, und dieser werde
sich durch das Zeugnis gewiß bewegen lassen, die Kronen
3,80 von ihm anzunehmen. Der Zufall, der ihm gerade
damals ein Buch von mir in die Hand spielte, lenkte seine
Wahl auf mich. Bei mir war aber von jenem Zeugnis nicht
die Rede, er forderte sehr verständig nur die Befreiung
von seinen Zwangsvorstellungen. Viele Monate später
tauchte auf der Höhe des Widerstandes wieder einmal
die Versuchung auf, doch nach P. zu fahren, den Ober-
leutnant A. aufzusuchen und mit ihm die Komödie des
Geldzurückgebens aufzuführen.d) Die Einführung ins Verständnis der Kur
Man erwarte nicht, so bald zu hören, was ich zur Auf-
hellung dieser sonderbar unsinnigen Zwangsvorstellungen
(von den Ratten) vorzubringen habe; die richtige psycho-
analytische Technik heißt den Arzt seine Neugierde unter-
drücken und läßt dem Patienten die freie Verfügung über
die Reihenfolge der Themata in der Arbeit. Ich empfing
also den Patienten in der vierten Sitzung mit der Frage:
Wie werden Sie nun fortfahren?S.
303
„Ich habe mich entschlossen, Ihnen mitzuteilen, was ich
für sehr bedeutsam halte und was mich von Anbeginn an
quält.“ Er erzählt nun sehr breit die Krankengeschichte
seines Vaters, der vor 9 Jahren an Emphysem verstarb.
Eines Abends fragte er in der Meinung, es sei ein krisen-
hafter Zustand, den Arzt, wann die Gefahr als beseitigt
gelten könnte. Die Antwort lautete: Übermorgen abends.
Es kam ihm nicht in den Sinn, daß der Vater diesen Termin
nicht erleben könnte. Er legte sich um ½12 Uhr nachts
für eine Stunde zu Bette, und als er um 1 Uhr erwachte,
hörte er von einem ärztlichen Freunde, der Vater sei ge-
storben. Er machte sich den Vorwurf, daß er beim Tode
nicht zugegen gewesen sei, der sich verstärkte, als ihm
die Pflegerin mitteilte, der Vater habe in den letzten Tagen
einmal seinen Namen genannt und an sie, als sie zu ihm
trat, die Frage gerichtet: Sind Sie der Paul? Er glaubte
bemerkt zu haben, daß die Mutter und die Schwestern sich
ähnliche Vorwürfe machen wollten; sie sprachen aber
nicht darüber. Der Vorwurf war aber zunächst kein quälen-
der; er realisierte lange Zeit die Tatsache seines Todes
nicht; es passierte ihm immer wieder, daß er sich, wenn
er einen guten Witz gehört hatte, sagte: Das muß ich dem
Vater erzählen. Auch spielte seine Phantasie mit dem
Vater, so daß er häufig, wenn es an die Türe klopfte,
meinte: Jetzt kommt der Vater, wenn er ein Zimmer be-
trat, erwartete, den Vater darin zu finden, und wiewohl
er die Tatsache seines Todes nie vergaß, hatte die Er-
wartung solcher Geistererscheinung nichts Schreckhaftes,
sondern etwas höchst Erwünschtes für ihn. Erst 1½ Jahre
später erwachte die Erinnerung an sein Versäumnis und
begann ihn entsetzlich zu quälen, so daß er sich als Ver-
brecher behandelte. Veranlassung war der Tod einer an-
geheirateten Tante und sein Besuch im Trauerhause. VonS.
304
da; an fügte er seinem Gedankengebäude die Fortsetzung
ins Jenseits an. Schwere Arbeitsunfähigkeit war die nächste
Folge dieses Anfalles9. Da er erzählt, nur die Tröstungen
seines Freundes hätten ihn damals aufrecht gehalten, der
diese Vorwürfe immer als arg übertrieben zurückgewiesen,
bediene ich mich dieses Anlasses, um ihm den ersten Ein-
blick in die Voraussetzungen der psychoanalytischen
Therapie zu geben. Wenn eine Mesalliance zwischen Vor-
stellungsinhalt und Affekt, also zwischen Größe des Vor-
wurfs und Anlaß des Vorwurfs vorliegt, so würde der
Laie sagen, der Affekt sei zu groß für den Anlaß, also
übertrieben, die aus dem Vorwurfe gezogene Folgerung,
ein Verbrecher zu sein, sei also falsch. Der Arzt sagt im
Gegenteile: Nein, der Affekt ist berechtigt, das Schuld-
bewußtsein ist nicht weiter zu kritisieren, aber es gehört
zu einem andern Inhalte, der nicht bekannt (unbewußt)
ist und der erst gesucht werden muß. Der bekannte Vor-
stellungsinhalt ist nur durch falsche Verknüpfung an diese
Stelle geraten. Wir sind aber nicht gewohnt, starke Affekte
ohne Vorstellungsinhalt in uns zu verspüren, und nehmen
daher bei fehlendem Inhalt einen irgendwie passenden
anderen als Surrogat auf, etwa wie unsere Polizei, wenn
sie den richtigen Mörder nicht erwischen kann, einen Un-
rechten an seiner Stelle verhaftet. Die Tatsache der falschen
Verknüpfung erklärt auch allein die Ohnmacht der logi-
schen Arbeit gegen die peinigende Vorstellung. Ich schließe9) Ein Verständnis dieser Einwirkung ergibt sich später aus der
genaueren Beschreibung des Anlasses. Der verwitwete Onkel hatte
jammernd ausgerufen: „Andere Männer vergönnen sich alles mög-
liche, und ich habe nur für diese Frau gelebt!“ Unser Patient
nahm an, der Onkel spiele auf den Vater an und verdächtige
dessen eheliche Treue, und obwohl der Onkel diese Deutung
seiner Worte aufs entschiedenste bestritt, war deren Wirkung
nicht mehr aufzuheben.S.
305
dann mit dem Zugeständnisse, daß sich aus dieser neuen
Auffassung zunächst große Rätsel ableiten, denn wie solle
er seinem Vorwurf, ein Verbrecher gegen den Vater zu sein,
recht geben, wenn er doch wissen müsse, daß er eigentlich
nie etwas Verbrecherisches gegen ihn begangen habe.Er zeigt dann in der nächsten Sitzung großes Interesse
für meine Darlegungen, gestattet sich aber einige Zweifel
vorzubringen: Wie eigentlich die Mitteilung, daß der Vor-
wurf, das Schuldbewußtsein, recht habe, heilend wirken
könne? – Nicht diese Mitteilung hat die Wirkung, son-
dern die Auffindung des unbekannten Inhaltes, zu dem
der Vorwurf gehört. – Ja, gerade darauf beziehe sich
seine Frage. – Ich erläutere meine kurzen Angaben über
die psychologischen Unterschiede des Bewußten
vom Unbewußten, über die Usur, der alles Bewußte
unterliegt, während das Unbewußte relativ unveränderlich
ist, durch einen Hinweis auf die in meinem Zimmer auf-
gestellten Antiquitäten. Es seien eigentlich nur Grabfunde,
die Verschüttung habe für sie die Erhaltung bedeutet.
Pompeji gehe erst jetzt zugrunde, seitdem es aufgedeckt
sei. – Ob es eine Garantie gebe, fragt er weiter, wie man
sich gegen das Gefundene verhalten werde. Der eine,
meint er, wohl so, daß er dann den Vorwurf überwinde,
der andere aber nicht. – Nein, es liege in der Natur der
Verhältnisse, daß der Affekt dann jedesmal meist schon
während der Arbeit überwunden werde. Pompeji bestrebe
man sich eben zu erhalten, solche peinigende Ideen wolle
man durchaus loswerden. – Er habe sich gesagt, ein Vor-
wurf kann ja nur durch Verletzung der eigensten persön-
lichen Sittengesetze, nicht der äußerlichen, entstehen. (Ich
bestätige, wer bloß die verletzt, fühle sich ja oft als Held.)
Ein solcher Vorgang sei also nur möglich bei einem Zer-
falle der Persönlichkeit, der von Anfang an ge-S.
306
geben sei. Ob er die Einheit der Persönlichkeit wieder-
gewinnen werde? In diesem Falle getraue er sich vieles
zu leisten, vielleicht mehr als andere. – Ich darauf: Ich
sei mit dieser Spaltung der Persönlichkeit durchaus ein-
verstanden, er möge diesen neuen Gegensatz zwischen der
sittlichen Person und dem Bösen nur mit dem vorigen,
dem Gegensatze zwischen Bewußtem und Unbewußtem,
zusammenlöten. Die sittliche Person sei das Bewußte, das
Böse unbewußt.10 – Er könne sich erinnern, daß er, ob-
wohl er sich für eine sittliche Person halte, doch ganz be-
stimmt in seiner Kindheit Dinge getan habe, die von
der andern Person ausgegangen seien. – Ich meine, er
habe da so nebenbei einen Hauptcharakter des Unbe-
wußten entdeckt, die Beziehung zum Infantilen. Das
Unbewußte sei das Infantile, und zwar jenes Stück der
Person, das sich damals von ihr abgesondert, die weitere
Entwicklung nicht mitgemacht habe und darum ver-
drängt worden sei. Die Abkömmlinge dieses verdrängten
Unbewußten seien die Elemente, welche das unwillkür-
liche Denken unterhalten, in dem sein Leiden bestehe. Er
könne jetzt noch einen Charakter des Unbewußten ent-
decken; das wolle ich ihm gerne überlassen. – Er findet
direkt nichts Weiteres, dafür äußert er den Zweifel, ob
so lange bestehende Veränderungen rückgängig zu machen
seien. Was wolle man speziell gegen die Idee vom Jenseits
tun, die doch logisch nicht widerlegt werden könne? –
Ich bestreite die Schwere seines Falles und die Bedeutung
seiner Konstruktionen nicht, aber sein Alter sei ein sehr
günstiges, und günstig sei auch die Intaktheit seiner Per-
sönlichkeit, wobei ich ein anerkennendes Urteil über ihn
ausspreche, das ihn sichtlich erfreut.10) Das ist alles zwar nur im gröbsten richtig, reicht aber zur
Einführung zunächst hin.S.
307
In der nächsten Sitzung beginnt er, er müsse etwas Tat-
sächliches aus seiner Kindheit erzählen. Nach 7 Jahren
hatte er, wie schon erzählt, die Angst, daß die Eltern
seine Gedanken erraten, die ihm eigentlich durch das
weitere Leben verblieben sei. Mit 12 Jahren liebte er ein
kleines Mädchen, Schwester eines Freundes (auf Befragen:
nicht sinnlich, er wollte sie nicht nackt sehen, sie war zu
klein), die aber mit ihm nicht so zärtlich war, wie er es
wünschte. Und da kam ihm die Idee, daß sie liebevoll mit
ihm sein würde, wenn ihn ein Unglück träfe; als solches
drängte sich ihm der Tod des Vaters auf. Er wies diese
Idee sofort energisch zurück, wehrt sich auch jetzt gegen
die Möglichkeit, es könne sich ein „Wunsch“ so geäußert
haben. Es war eben nur eine „Denkverbindung“.11 – Ich
wende ein: Wenn es kein Wunsch war, wozu das Sträuben?
– Ja, nur wegen des Inhaltes der Vorstellung, daß der
Vater sterben könne. – Ich: Er behandle diesen Wortlaut
wie den einer Majestätsbeleidigung, wobei es bekanntlich
ebenso bestraft wird, wenn jemand sagt: Der Kaiser ist
ein Esel, wie wenn er diese verpönten Worte einkleidet:
Wenn jemand sagt . . . . . ., so hat: er es mit mir zu tun.
Ich könnte ihm ohne weiteres den Vorstellungsinhalt, gegen
den er sich so sträubte, in einen Zusammenhang bringen,
der dies Sträuben ausschließen würde; z. B.: Wenn mein
Vater stirbt, töte ich mich auf seinem Grabe. – Er ist
erschüttert, ohne seinen Widerspruch aufzugeben, so daß
ich den Streit mit der Bemerkung abbreche, die Idee vom
Tode des Vaters sei ja in diesem Falle nicht zum ersten
Male aufgetreten, sie stamme offenbar von früher her,
und wir würden ihrer Herkunft einmal nachspüren müs-
sen. – Er erzählt weiter, ein zweites Mal sei ihm ein ganz11) Mit solchen Wortabschwächungen gibt sich nicht allein der
Zwangsneurotiker zufrieden.S.
308
ähnlicher Gedanke blitzähnlich ein halbes Jahr vor dem
Tode des Vaters gekommen. Er war bereits in jene Dame
verliebt,12 konnte aber wegen materieller Hindernisse nicht
an eine Verbindung denken. Da habe die Idee gelautet:
Durch den Tod des Vaters werde er vielleicht
so reich werden, daß er sie heiraten könne.
In seiner Abwehr ging er dann so weit, daß er wünschte,
der Vater solle gar nichts hinterlassen, damit kein Gewinn
diesen für ihn entsetzlichen Verlust kompensiere. Ein
drittes Mal kam dieselbe Idee, aber sehr gemildert, am
Tage vor dem Tode des Vaters. Er dachte: Ich kann jetzt
mein Liebstes verlieren, und dagegen kam der Widerspruch:
Nein, es gibt noch eine andere Person, deren Verlust dir
noch schmerzlicher wäre.13 Er verwundere sich sehr über
diese Gedanken, da er ja ganz sicher sei, der Tod des
Vaters könne nie Gegenstand seines Wunsches gewesen
sein, immer nur einer Befürchtung. – Nach dieser mit
voller Stärke ausgesprochenen Rede halte ich es für zweck-
mäßig, ihm ein neues Stückchen der Theorie vorzuführen.
Die Theorie behaupte, daß solche Angst einem ehemaligen,
nun verdrängten Wunsch entspreche, so daß man das
gerade Gegenteil von seiner Beteuerung annehmen müsse.
Es stimmt dies zum zur Forderung, daß das Unbewußte
der kontradiktorische Gegensatz des Bewußten sein solle.
Er ist sehr bewegt, sehr ungläubig, und wundert sich, wie
dieser Wunsch bei ihm möglich gewesen sein solle, wenn
ihm der Vater doch der liebste aller Menschen war. Es
leide keinen Zweifel, daß er auf jedes persönliche Glück
verzichtet hätte, wenn er dadurch des Vaters Leben hätte
retten können. Ich antworte, gerade diese intensive Liebe12) Vor zehn Jahren.
13) Ein Gegensatz zwischen den beiden geliebten Personen, Vater
und „Dame“, ist hier unverkennbar angezeigt.S.
309
sei die Bedingung des verdrängten Hasses. Bei indifferenten
Personen werde es ihm gewiß leicht gelingen, die Motive
zu einer mäßigen Neigung und ebensolchen Abneigung
nebeneinander zu halten, etwa wenn er Beamter sei und
von seinem Bureauchef denke, er sei ein angenehmer Vor-
gesetzter, aber ein kleinlicher Jurist und inhumaner Rich-
ter. Ähnlich sage doch Brutus über Cäsar bei Shake-
speare (III, 2): „Weil Cäsar mich liebte, wein' ich um
ihn; weil er glücklich war, freue ich mich; weil er tapfer
war, ehr' ich ihn; aber weil er herrschsüchtig war, er-
schlug ich ihn.“ Und diese Rede wirke bereits befremdend,
weil wir uns des Brutus Affektion für Cäsar intensiver
vorgestellt haben. Bei einer Person, die ihm näherstehe,
seiner Frau etwa, werde er das Bestreben nach einer ein-
heitlichen Empfindung haben und darum, wie allgemein
menschlich, ihre Fehler, die seine Abneigung hervorrufen
könnten, vernachlässigen, wie verblendet übersehen. Also
gerade die große Liebe lasse es nicht zu, daß der Haß
(karikiert so bezeichnet), der wohl irgendeine Quelle haben
müsse, bewußt bleibe. Ein Problem sei es allerdings, woher
dieser Haß stamme; seine Aussagen deuteten selbst auf die
Zeit hin, in welcher er gefürchtet, daß die Eltern seine
Gedanken erraten. Anderseits könne man auch fragen,
warum die große Liebe nicht den Haß habe auslöschen
können, wie man es so von gegensätzlichen Regungen ge-
wohnt sei. Man könne nur annehmen, daß der Haß doch
mit einer Quelle, einem Anlaß in einer Verbindung stehe,
die ihn unzerstörbar mache. Also einerseits schütze ein
solcher Zusammenhang den Haß gegen den Vater vor
dem Untergange, anderseits hindere die große Liebe ihn
am Bewußtwerden, so daß ihm eben nur die Existenz im
Unbewußten übrigbleibe, aus der er sich doch in einzelnen
Momenten blitzähnlich verdrängen könne.S.
310
Er gibt zu, daß dies alles ganz plausibel anzuhören ist,
hat aber natürlich keine Spur von Überzeugung.14 Er
möchte sich die Frage erlauben, wie es zugehe, daß eine
solche Idee Pausen machen könne, mit 12 Jahren für einen
Moment komme, dann mit 20 Jahren wieder und zwei
Jahre später von neuem, um von da an anzuhalten. Er
könne doch nicht glauben, daß inzwischen die Feindselig-
keit erloschen gewesen sei, und doch habe sich in den
Pausen nichts von Vorwürfen gezeigt. Ich darauf: Wenn
jemand so eine Frage stellt, so hat er auch schon die
Antwort bereit. Man braucht ihn nur weitersprechen zu
lassen. Er setzt nun in anscheinend lockerem Zusammen-
hange fort: Er sei der beste Freund des Vaters gewesen,
wie dieser seiner; bis auf wenige Gebiete, auf denen Vater
und Sohn einander auszuweichen pflegen (was meint er
wohl?), sei die Intimität zwischen ihnen größer gewesen
als jetzt mit seinem besten Freunde. Jene Dame, um deren
wegen er den Vater in der Idee zurückgesetzt, habe er
zwar sehr geliebt, aber eigentlich sinnliche Wünsche, wie
sie seine Kindheit erfüllten, hätten sich in bezug auf sie
nie geregt; seine sinnlichen Regungen seien in der Kind-
heit überhaupt viel stärker gewesen als zur Zeit der
Pubertät. – Ich meine nun, er habe jetzt die Antwort
gegeben, auf die wir warteten, und gleichzeitig den dritten
großen Charakter des Unbewußten aufgefunden. Die Quelle,
aus welcher die Feindseligkeit gegen den Vater ihre Un-14) Es ist niemals die Absicht solcher Diskussionen, Überzeugung
hervorzurufen. Sie sollen nur die verdrängten Komplexe im Be-
wußtsein einführen, den Streit um sie auf dem Boden bewußter
Seelentätigkeit anfachen und das Auftauchen neuen Materials aus
dem Unbewußten erleichtern. Die Überzeugung stellt sich erst nach
der Bearbeitung des wiedergewonnenen Materials durch den Kran-
ken her, und solange sie schwankend ist, darf man das Material
als nicht erschöpft beurteilen.S.
311
zerstörberkeit beziehe, sei offenbar von der Natur sinn-
licher Begierden, dabei habe er den Vater irgendwie
als störend empfunden. Ein solcher Konflikt zwischen
Sinnlichkeit und Kindesliebe sei ein durchaus typischer.
Die Pausen habe es bei ihm gegeben, weil infolge der
vorzeitigen Explosion seiner Sinnlichkeit zunächst eine so
erhebliche Dämpfung derselben eingetreten sei. Erst als
sich wieder intensive verliebte Wünsche bei ihm eingestellt
hätten, sei diese Feindseligkeit aus der analogen Situation
heraus wieder aufgetreten. Ich lasse mir übrigens von ihm
bestätigen, daß ich ihn weder auf das infantile noch auf
das sexuelle Thema gelenkt habe, sondern daß er selb-
ständig auf beide gekommen sei. – Er fragt nun weiter,
warum er nicht zur Zeit der Verliebtheit in die Dame
einfach bei sich die Entscheidung gefällt, die Störung dieser
Liebe durch den Vater könne gegen seine Liebe zum Vater
nicht in Betracht kommen. – Ich antwortete: Es ist schwer
möglich, jemand in absentia zu erschlagen. Um jene Ent-
scheidung zu ermöglichen, hätte ihm der beanstandete
Wunsch damals zum ersten Male kommen müssen; es war
aber ein altverdrängter, gegen den er sich nicht
anders benehmen konnte als vorher, und der darum der
Vernichtung entzogen blieb. Der Wunsch (den Vater als
Störer zu beseitigen) müßte in Zeiten entstanden sein, in
denen die Verhältnisse ganz anders lagen, etwa daß er
den Vater damals nicht stärker liebte als die sinnlich be-
gehrte Person, oder daß er einer klaren Entscheidung nicht
fähig war, also in sehr früher Kindheit, vor 6 Jahren, ehe
seine kontinuierliche Erinnerung einsetzte, und das sei eben
für alle Zeiten so geblieben. – Mit dieser Konstruktion
schließt die Erörterung vorläufig ab.In der nächsten, der siebenten Sitzung, greift er dasselbe
Thema wieder auf. Er könne nicht glauben, daß er je denS.
312
Wunsch gegen den Vater gehabt habe. Er erinnere sich
einer Novelle von Sudermann, die ihm einen tiefen Ein-
druck gemacht, in welcher eine Schwester am Kranken-
bette der andern diesen Todeswunsch gegen sie verspüre,
um deren Mann heiraten zu können. Sie töte sich dann,
weil sie nach solcher Gemeinheit nicht verdiene zu leben.
Er verstehe das, und es sei ihm ganz recht, wenn er an
seinen Gedanken zugrunde gebe, den er verdiene es nicht
anders.15 Ich bemerke, es sei uns wohl bekannt, daß den
Kranken ihr Leiden eine gewisse Befriedigung gewähre,
so daß sie sich eigentlich alle partiell sträuben, gesund zu
werden. Er möge nicht aus den Augen verlieren, daß eine
Behandlung wie die unserige unter beständigem
Widerstande vor sich gehe; ich werde ihn immer
wieder daran erinnern.Er will jetzt von einer verbrecherischen Handlung spre-
chen, in der er sich nicht erkenne, an die er sich aber ganz
bestimmt erinnere. Er zitiert ein Wort von Nietzsche:
„Das habe ich getan“, sagt mein Gedächtnis,
„das kann ich nicht getan haben“, sagt mein
Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt
das Gedächtnis nach.16 „Darin hat also mein Ge-
dächtnis nicht nachgegeben." – Eben weil Sie zur Selbst-
bestrafung aus Ihren Vorwürfen Lust ziehen. – „Mit
meinem jüngeren Bruder – ich bin ihm jetzt wirklich
gut, er bereitet mir gerade große Sorge, indem er eine
Heirat machen will, die ich für einen Unsinn halte; ich15) Dies Schuldbewußtsein enthält den offenbarsten Widerspruch
gegen sein anfängliches Nein, er habe den bösen Wunsch gegen
den Vater nie gehabt. Es ist ein häufiger Typus in der Reaktion
gegen das bekanntgewordene Verdrängte, daß sich an das erste
Nein der Ablehnung alsbald die zunächst indirekte Bestätigung
anschließt.16) Jenseits von Gut und Böse, IV, 68.
S.
313
hab' schon die Idee gehabt, hinzureisen und die Person
umzubringen, damit er sie nicht heiraten kann – habe ich
als Kind viel gerauft. Daneben hatten wir einander sehr
lieb und waren unzertrennlich, aber mich beherrschte offen-
bar Eifersucht, denn er war der stärkere, schönere und
darum beliebtere.“ – Sie haben ja schon eine solche Eifer-
suchtsszene mit Fräulein Lina mitgeteilt. – „Also nach
einer solchen Gelegenheit, gewiß vor 8 Jahren, denn ich
ging noch nicht in die Schule, in die ich mit 8 Jahren ge-
kommen bin, tat ich folgendes: Wir hatten Kindergewehre
von der bekannten Konstruktion; ich lud meines mit dem
Ladstock, sagte ihm, er solle in den Lauf hineinschauen,
er werde etwas sehen, und als er hineinschaute, drückte
ich los. Es traf ihn auf die Stirne und machte ihm nichts,
aber es war meine Absicht gewesen, ihm sehr wehe zu
tun. Ich war dann ganz außer mir, warf mich auf den
Boden und fragte mich: Wie habe ich das nur tun können?
– Aber ich habe es getan.“ – Ich benutze die Gelegen-
heit, um für meine Sache zu plädieren. Wenn er eine
solche, ihm so fremde Tat im Gedächtnis bewahrt habe,
so könne er doch nicht die Möglichkeit in Abrede stellen,
daß in noch früheren Jahren etwas Ähnliches, was er heute
nicht mehr erinnere, gegen den Vater vorgekommen sei.
– Er wisse noch von anderen Regungen der Rachsucht
gegen jene Dame, die er so sehr verehre und von deren
Charakter er eine begeisterte Schilderung gibt. Sie könne
vielleicht nicht leicht lieben, sie spare sich ganz für den
einen auf, dem sie einmal angehören werde; ihn liebe sie
nicht. Als er dessen sicher wurde, gestaltete sich ihm eine
bewußte Phantasie, er werde sehr reich werden, eine
andere heiraten und dann mit ihr einen Besuch bei der
Dame machen, um sie zu kränken. Aber da versagte ihm
die Phantasie, denn er mußte sich eingestehen, daß ihmS.
314
die andere, die Frau, ganz gleichgültig sei, seine Gedanken
verwirrten sich, und am Ende wurde ihm klar, daß diese
andere sterben solle. Auch in dieser Phantasie findet er,
wie in dem Anschlag gegen den Bruder, den Charakter
der Feigheit, der ihm so entsetzlich ist.17 – Im weiteren
Gespräche mit ihm mache ich geltend, daß er sich ja
logischerweise für ganz unverantwortlich für alle diese
Charakterzüge erklären müsse, den all diese verwerflichen
Regungen stammten aus dem Kinderleben, entsprächen den
im Unbewußten fortlebenden Abkömmlingen des Kinder-
charakters, und er wisse doch, daß für das Kind die
ethische Verantwortlichkeit nicht gelten könne. Aus der
Summe der Anlagen des Kindes entstehe der ethisch ver-
antwortliche Mensch erst im Laufe der Entwicklung.18
Er bezweifelt aber, daß alle seine bösen Regungen von
dieser Herkunft sind. Ich verspreche, es ihm im Laufe der
Kur zu beweisen.Er führt noch an, daß sich die Krankheit seit dem Tode
des Vaters so enorm gesteigert hat, und ich gebe ihm
insofern recht, als ich die Trauer um den Vater als Haupt-
quelle der Krankheitsintensität anerkenne. Die Trauer hat
in der Krankheit gleichsam einen pathologischen Ausdruck
gefunden. Während eine normale Trauer in 1 bis 2 Jahren
ihren Ablauf erreicht, ist eine pathologische wie seine in
ihrer Dauer unbegrenzt.Soweit reicht, was ich aus dieser Krankengeschichte
ausführlich und in der Reihenfolge erzählen kann. Es deckt
sich ungefähr mit der Exposition der über 11 Monate ver-
laufenden Behandlung.17) Was späterhin seine Erklärung finden soll.
18) Ich bringe diese Argumente nur vor, um mir wieder von
neuem bestätigen zu lassen, wie ohnmächtig sie sind. Ich kann es
nicht begreifen, wenn andere Psychotherapeuten berichten, daß sie
mit solchen Waffen die Neurosen erfolgreich bekämpfen.S.
315
e) Einige Zwangsvorstellungen und deren Übersetzung
Zwangsvorstellungen erscheinen bekanntlich entweder un-
motiviert oder unsinnig, ganz wie der Wortlaut unserer
nächtlichen Träume, und die nächste Aufgabe, die sie
stellen, geht dahin, ihnen Sinn und Halt im Seelenleben
des Individuum zu geben, so daß sie verständlich, ja
eigentlich selbstverständlich werden. Man lasse sich in
dieser Aufgabe der Übersetzung niemals durch den An-
schein der Unlösbarkeit beirren; die tollsten oder absonder-
lichsten Zwangsideen lassen sich durch gebührende Ver-
tiefung lösen. Zu dieser Lösung gelangt man aber, wenn
man die Zwangsideen in zeitlichen Zusammenhang mit
dem Erleben des Patienten bringt, also indem man er-
forscht, wenn die einzelne Zwangsidee zuerst aufgetreten
ist und unter welchen äußeren Umständen sie sich zu
wiederholen pflegt. Bei Zwangsideen, die es, wie so häufig,
zu keiner Dauerexistenz gebracht haben, vereinfacht sich
dementsprechend auch die Lösungsarbeit. Man kann sich
leicht überzeugen, daß nach der Aufdeckung des Zu-
sammenhanges der Zwangsidee mit dem Erleben des Kran-
ken alles andere Rätselhafte und Wissenswerte an dem
pathologischen Gebilde, seine Bedeutung, der Mechanismus
seiner Entstehung, seine Abkunft von den maßgebenden
psychischen Triebkräften unserer Einsicht leicht zugäng-
lich wird.Ich beginne mit einem besonders durchsichtigen Beispiel
des bei unserem Patienten so häufigen Selbstmord-
impulses, welches sich in der Darstellung beinahe von
selbst analysiert: Er verlor einige Wochen im Studium
infolge der Abwesenheit seiner Dame, welche abgereist
war, um ihre schwer erkrankte Großmutter zu pflegen.
„Mitten im eifrigsten Studium fiel ihm da ein: Das Gebot,S.
316
sich den ersten möglichen Prüfungstermin im Semester zu
nehmen, könne man sich ja gefallen lassen. Wie aber, wenn
dir das Gebot käme, dir den Hals mit dem Rasiermesser
abzuschneiden? Er merkte sofort, daß dieses Gebot bereits
erflossen war, eilte zum Schrank, um das Rasiermesser
zu holen, da fiel ihm ein: Nein, so einfach ist das nicht.
Du mußt19 hinreisen und die alte Frau umbringen. Da
fiel er vor Entsetzen auf den Boden.“Der Zusammenhang dieser Zwangsidee mit dem Leben
ist hier im Eingange des Berichtes anhalten. Seine Dame
war abwesend, während er angestrengt für eine Prüfung
studierte, um die Verbindung mit ihr eher zu ermöglichen.
Da überfiel ihn während des Studiums die Sehnsucht nach
der Abwesenden und der Gedanke an den Grund ihrer
Abwesenheit. Und nun kam etwas, was bei einem normalen
Menschen etwa eine unmutige Regung gegen die Groß-
mutter gewesen wäre: Muß die alte Frau gerade jetzt
krank werden, wo ich mich nach ihr so schrecklich sehne!
Etwas Ähnliches, aber weit Intensiveres muß man nun bei
unserem Patienten supponieren, einen unbewußten Wut-
anfall, der sich gleichzeitig mit der Sehnsucht in den Aus-
ruf kleiden könnte: Oh, ich möchte hinreisen und die alte
Frau umbringen, die mich meiner Geliebten beraubt! Dar-
auf folgt das Gebot: Bring dich selbst um, als Selbst-
bestrafung für solche Wut- und Mordgelüste, und der
ganze Vorgang tritt unter heftigstem Affekt in umge-
kehrter Reihenfolge – das Strafgebot voran, am
Ende die Erwähnung des strafbaren Gelüstes — in das
Bewußtsein des Zwangskranken. Ich glaube nicht, daß
dieser Erklärungsversuch gezwungen erscheinen kann oder
viel hypothetische Elemente aufgenommen hat.Ein anderer, länger anhaltende: Impuls zum gleichsam
19) Ich ergänze hier: „vorher“.
S.
317
indirekten Selbstmord war nicht so leicht aufzuklären‚ weil
er seine Beziehung zum Erleben hinter einer der äußer-
lichen Assoziationen, wie sie unserem Bewußtsein so sehr
anstößig erscheinen, verbergen konnte. Eines Tages kam
ihm im Sommeraufenthalte plötzlich die Idee, er sei zu
dick, er müsse abmagern. Er begann nun, noch vor der
Mehlspeise vom Tische aufzustehen, ohne Hut in der
Sonnenglut des Augusts auf die Straße zu rennen und
dann im Laufschritt auf die Berge zu steigen, bis er
schweißüberströmt haltmachen mußte. Hinter dieser Ab-
magerungssucht kam auch die Selbstmordabsicht einmal
unverhüllt zum Vorschein, als ihm auf einem scharfen
Abhang plötzlich das Gebot laut wurde, da herunterzu-
springen, was sicherer Tod gewesen wäre. Die Lösung
dieses unsinnigen Zwangshandelns ergab sich unserem Pa-
tienten erst, als ihm plötzlich einfiel, zu jener Zeit sei
auch die geliebte Dame in dem Sommeraufenthalte ge-
wesen, aber in Begleitung eines englischen Vetters, der sich
sehr um sie bemühte und auf den er sehr eifersüchtig war.
Der Vetter hieß Richard und wurde, wie in England
allgemein üblich, Dick genannt. Diesen Dick wollte er
nun umbringen, er war auf ihn viel eifersüchtiger und
wütender, als er sich eingestehen konnte, und darum legte
er sich zur Selbstbestrafung die Pein jener Abmagerungs-
kur auf. So verschieden dieser Zwangsimpuls auch vom
vorigen direkten Selbstmordgebot zu sein scheint, ein be-
deutsamer Zug ist den beiden gemeinsam, die Entstehung
als Reaktion auf eine ungeheure, vom Bewußtsein nicht
zu erfassende Wut gegen eine Person, die als Störerin der
Liebe auftritt.2020) Die Verwendung von Namen und Worten zur Herstellung
der Verknüpfung zwischen den unbewußten Gedanken (Regungen,
Phantasien) und den Symptomen geschieht bei der ZwangsneuroseS.
318
Andere Zwangsvorstellungen, wiederum nach der Ge-
liebten orientiert, lassen doch anderen Mechanismus und
andere Triebabkunft erkennen. Zur Zeit der Anwesenheit
seiner Dame in seinem Sommeraufenthalte produzierte er
außer jener Abmagerungssucht eine ganze Reihe von
Zwangstätigkeiten, die sich wenigstens teilweise direkt auf
ihre Person bezogen. Als er einmal mit ihr auf einem
Schiffe fuhr, während ein scharfer Wind ging, mußte er
sie nötigen, seine Kappe aufzusetzen, weil sich bei ihm
das Gebot gebildet hatte, es dürfe ihr nichts ge-
schehen.21 Es war eine Art von Schutzzwang, der auch
andere Blüten trieb. Ein andermal stellte sich bei ihm
während eines Zusammenseins im Gewitter der Zwang ein,
zwischen Blitz und Donner bis 40 oder 50 gezählt zu
haben, wofür ihm jedes Verständnis abging. Am Tage,
als sie abreiste, stieß er mit dem Fuße gegen einen auf
der Straße liegenden Stein und mußte ihn nun auf die
Seite räumen, weil ihm die Idee kam, in einigen Stunden
werde ihr Wagen auf derselben Straße fahren und viel-
leicht an diesem Stein zu Schaden kommen, aber einige
Minuten später fiel ihm ein, das sei doch ein Unsinn, und
er mußte nun zurückgehen und den Stein wieder an
seine frühere Stelle mitten auf der Straße legen. Nach
ihrer Abreise bemächtigte sich seiner ein Verstehzwang,
der ihn allen den Seinigen unausstehlich machte. Er nötigte
sich, jede Silbe, die irgend jemand zu ihm sprach, genau
lange nicht so häufig und so rücksichtslos wie bei Hysterie. Doch
habe ich gerade für den Namen Richard ein anderes Beispiel bei
einem vor langer Zeit analysierten Kranken in Erinnerung. Nach
einem Zwiste mit seinem Bruder begann er zu grübeln, wie er sich
seines Reichtums entledigen könne, er wolle nichts mehr mit Geld
zu tun haben usf. Sein Bruder hieß Richard (richard im fran-
zösischen: ein Reicher).21) Zu ergänzen: woran er Schuld haben könnte.
S.
319
zu verstehen, als ob ihm sonst ein großer Schatz entginge.
So fragte er immer: Was hast du jetzt gesagt? Und wenn
man es ihm wiederholte, meinte er, es habe doch das
erstemal anders gelautet, und blieb unbefriedigt.Alle diese Erzeugnisse der Krankheit hängen von einer
Begebenheit ab, welche damals sein Verhältnis zur Ge-
liebten dominierte. Als er sich vor dem Sommer von ihr
in Wien verabschiedete, legte er eine ihrer Reden so aus,
als ob sie ihn vor der anwesenden Gesellschaft verleugnen
wollte, und war darüber sehr unglücklich. Im Sommer-
aufenthalte gab es Gelegenheit zur Aussprache, und da
konnte die Dame ihm nachweisen, daß sie mit jenen von
ihm mißverstandenen Worten ihn vielmehr vor Lächerlich-
keit bewahren wollte. Er war nun wiederum sehr glück-
lich. Den deutlichsten Hinweis auf diesen Vorfall enthält
der Verstehzwang, der so gebildet ist, als ob er sich ge-
sagt hätte: Nach dieser Erfahrung darfst du jetzt nie
wieder jemanden mißverstehen, wenn du dir überflüssige
Pein ersparen willen Aber dieser Vorsatz ist nicht nur
von dem einen Anlaß her verallgemeinert, er ist auch
– vielleicht wegen der Abwesenheit der Geliebten – von
ihrer hochgeschätzten Person auf alle anderen minder-
wertigen Personen verschoben. Der Zwang kann auch nicht
allein aus der Befriedigung über die von ihr empfangene
Aufklärung hervorgegangen sein, er muß noch etwas
anderes ausdrücken, denn er läuft ja in den unbefriedigen-
den Zweifel an der Wiedergabe des Gehörten aus.Die anderen Zwangsgebote leiten auf die Spur dieses
andern Elementes. Der Schutzzwang kann nichts anderes
bedeuten als die Reaktion – Reue und Buße – gegen
eine gegensätzliche, also feindselige Regung, die sich vor
der Aufklärung gegen die Geliebte gerichtet hatte. Der
Zählzwang beim Gewitter deutet sich durch das beige-S.
320
brachte Material als eine Abwehrmaßregel gegen Be-
fürchtungen, welche Lebensgefahr bedeuteten. Durch die
Analysen der ersterwähnten Zwangsvorstellungen sind wir
bereits darauf vorbereitet, die feindseligen Regungen
unseres Patienten für besonders heftig, von der Art der
sinnlosen Wut, zu schätzen, und dann finden wir, daß
diese Wut gegen die Dame auch nach der Versöhnung
ihren Beitrag zu den Zwangsbildungen stellt. In der
Zweifelsucht, ob er richtig gehört, ist der fortwirkende
Zweifel dargestellt, ob er wohl diesmal die Geliebte richtig
verstanden hat und ihre Werte mit Recht als Beweis ihrer
zärtlichen Neigung auffassen darf. Der Zweifel des Ver-
stehzwanges ist Zweifel an ihrer Liebe. Es tobt in unserem
Verliebten ein Kampf zwischen Liebe und Haß, die der
gleichen Person gelten, und dieser Kampf wird plastisch
dargestellt in der zwanghaften, auch symbolisch bedeut-
samen Handlung, den Stein von dem Wege, den sie be-
fahren soll, wegzuräumen und dann diese Liebestat wieder
rückgängig zu machen, den Stein wieder hinzulegen, wo
er lag, damit ihr Wagen an ihm scheitere und sie zu
Schaden komme. Wir verstehen diesen zweiten Teil der
Zwangshandlung nicht richtig, wenn wir ihn nur als kritische
Abwendung vom krankhaften Tun auffassen, wofür er
sich selbst ausgeben möchte. Daß auch er sich unter der
Empfindung des Zwanges vollzieht, verrät, daß er selbst
ein Stück des krankhaften Tuns ist, welches aber von
dem Gegensatz zum Motiv des ersten Stückes bedingt
wird.Solche zweizeitige Zwangshandlungen, deren erstes
Tempo vom zweiten aufgehoben wird, sind ein typisches
Vorkommnis bei der Zwangsneurose. Sie werden vom be-
wußten Denken des Kranken natürlich mißverstanden und
mit einer sekundären Motivierung versehen – rationali-S.
321
siert.22 Ihre wirkliche Bedeutung liegt aber in der Dar-
stellung des Konfliktes zweier annähernd gleich großer
gegensätzlicher Regungen, soviel ich bisher erfahren konnte,
stets des Gegensatzes von Liebe und Haß. Sie beanspruchen
ein besonderes theoretisches Interesse, weil sie einen neuen
Typus der Symptombildung erkennen lassen. Anstatt, wie
es bei Hysterie regelmäßig geschieht, ein Kompromiß zu
finden, welches beiden Gegensätzen in einer Darstellung
genügt, zwei Fliegen mit einem Schlag trifft,23 werden hier
die beiden Gegensätze, jeder einzeln, befriedigt, zuerst
der eine und dann der andere, natürlich nicht ohne daß
der Versuch gemacht würde, zwischen den beiden einander
feindseligen eine Art von logischer Verknüpfung – oft
mit Beugung aller Logik – herzustellen.24Der Konflikt zwischen Liebe und Haß tat sich bei
unserem Patienten auch durch andere Anzeichen kund.
Zur Zeit seiner wiedererwachenden Frömmigkeit richtete er
sich Gebete ein, die allmählich bis zu 1½ Stunden in An-
spruch nahmen, weil sich ihm – ein umgekehrter Bileam –22) Vgl. Ernest Jones, Rationalisation in every-day life. Jour-
nal of abnormal psychology, 1908.23) Vgl. Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur: Bisexu-
alität. (Enthalten in Bd V der Ges. Schriften.)24) Ein anderer Zwangskranker berichtete mir einmal, er sei im
Parke von Schönbrunn mit dem Fuße auf einen im Wege liegenden
Ast gestoßen, den er nun in die den Weg begrenzende Hecke
schleuderte. Auf dem Heimwege überkam ihn plötzlich die Sorge,
in der neuen Lage könnte der jetzt vielleicht etwas vorragende Ast
zum Anlasse eines Unfalles für jemand werden, der nach ihm an
derselben Stelle vorbeigehe. Er mußte von der Trambahn ab-
springen, in den Park zurückeilen, die Stelle aufsuchen und den
Ast in die frühere Lage zurückbringen, obwohl es jedem anderen
als dem Kranken einleuchten würde, daß die frühere Lage doch
für einen Passanten gefährlicher sein müßte als die neue im Ge-
büsche. Die zweite feindselige Handlung, die sich als Zwang durch-
setzte, hatte sich vor dem bewußten Denken mit der Motivierung
der ersten, menschenfreundlichen, geschmückt.S.
322
in die frommen Formeln immer etwas einmengte, was sie
ins Gegenteil verkehrte. Sagte er z.B.: Gott schütze
ihn – so gab der böse Geist schnell ein „nicht" dazu.25
Einmal kann ihm dabei die Idee, zu fluchen; da werde sich
doch gewiß ein Widerspruch einschleichen; in diesem Ein-
fälle brach sich die ursprüngliche, durch das Gebet ver-
drängte Intention Bahn. In solcher Bedrängnis fand er den
Ausweg, die Gebete abzustellen und sie durch eine kurze
Formel zu ersetzen, die aus den Anfangsbuchstaben oder
Anfangssilben verschiedener Gebete zusammengebraut war.
Diese sprach er dann so rasch aus, daß ihm nichts da-
zwischen fahren konnte.Er brachte mir einmal einen Traum, der die Darstellung
desselben Konfliktes in der Übertragung auf den Arzt ent-
hielt: Meine Mutter ist gestorben Er will kondolieren, fürch-
tet aber, daß er dabei das impertinente Lachen produ-
zieren wird, das er schon wiederholt bei Todesfällen gezeigt
hat. Er schreibt darum lieber eine Karte mit p. c. aber diese
Buchstaben verwandeln sich ihm beim Schreiben in p. f.26Der Widerstreit seiner Gefühle gegen seine Dame war
zu deutlich, als daß er sich seiner bewußten Wahrnehmung
gänzlich hätte entziehen können, wenngleich wir aus den
Zwangsäußerungen desselben schließen dürfen, daß er für
die Tiefe seiner negativen Regungen die richtige Schätzung
nicht besaß. Die Dame hatte seine erste Werbung vor zehn
Jahren mit einem Nein beantwortet. Seither wechselten
Zeiten, in denen er sie intensiv zu lieben glaubte, mit
anderen, in welchen er gleichgültig gegen sie fühlte, auch
in seinem Wissen miteinander ab. Wenn er im Laufe der25) Vergleiche den ähnlichen Mechanismus der bekannten sakri-
legischen Einfälle der Frommen.26) Dieser Traum gibt die Aufklärung des so häufigen und als
rätselhaft betrachteten Zwangslachens bei Traueranlässen.S.
323
Behandlung einen Schritt tun sollte, welcher ihn dem Ziele
der Bewerbung näher brachte, so äußerte sich sein Wider-
stand gewöhnlich zuerst in der Überzeugung, er habe sie
eigentlich gar nicht so lieb, die freilich bald überwunden
wurde. Als sie einmal in schwerer Krankheit zu Bette lag,
was seine äußerste Teilnahme hervorrief, brach bei ihrem
Anblicke der Wunsch bei ihm durch: so soll sie immer
liegenbleiben. Er deutete sich diesen Einfall durch das
spitzfindige Mißverständnis, er wünsche nur darum ihr
beständiges Kranksein, damit er die Angst vor wieder-
holten Krankheitsanfällen loswerde, die er nicht ertragen
könne!27 Gelegentlich beschäftigte er seine Phantasie mit
Tagträumen, die er selbst als „Rachephantasien" erkannte
und deren er sich schämte. Weil er meinte, daß sie einen
großen Wert auf die soziale Stellung eines Bewerbers legen
würde, phantasierte er, daß sie einen solchen Mann in
amtlicher Position geheiratet habe. Er tritt nun in dasselbe
Amt ein, bringt es dort viel weiter als jener, der zu seinem
Untergebenen wird. Eines Tages hat dieser Mann eine
unlautere Handlung begangen. Die Dame fällt ihm zu
Füßen, beschwört ihn, ihren Mann zu retten. Er verspricht
es, eröffnet ihr, daß er nur aus Liebe zu ihr in das Amt
eingetreten sei, weil er einen solchen Moment voraus-
gesehen habe. Jetzt sei mit der Rettung ihres Mannes seine
Mission erfüllt; er lege sein Amt nieder.In anderen Phantasien, des Inhaltes, daß er ihr einen
großen Dienst leiste u. dgl., ohne daß sie erfahre, daß er
es sei, anerkannte er bloß die Zärtlichkeit, ohne den zur
Verdrängung der Rachsucht bestimmten Edelmut nach
Muster des Dumasschen Grafen von Monte Christo nach27) Ein Beitrag eines andern Motivs zu diesem Zwangseinfalle
ist nicht abzuweisen: des Wunsches, sie wehrlos gegen seine Ab-
sichten zu wissen.S.
324
dieser seiner Herkunft und Tendenz zu würdigen. Übrigens
gestand er zu, daß er gelegentlich unter sehr deutlichen
Impulsen stehe, der von ihm verehrten Dame etwas an-
zutun. Diese Impulse schwiegen meist in ihrer Gegenwart
und träten in ihrer Abwesenheit hervor.f) Die Krankheitsveranlassung
Eines Tages erwähnte unser Patient flüchtig eine Be-
gebenheit, in welcher ich sofort die Krankheitsveranlassung,
wenigstens den rezenten Anlaß des noch heute anhaltenden
Krankheitsausbruches vor etwa 6 Jahren erkennen mußte.
Er selbst hatte keine Ahnung, daß er etwas Bedeutsames
vorgebracht hatte; er konnte sich nicht erinnern, der Be-
gehenheit, die er übrigens niemals vergessen hatte, einen
Wert beigelegt zu haben. Dieses Verhalten fordert eine
theoretische Würdigung heraus.Bei Hysterie ist es Regel, daß die rezenten Anlässe der
Erkrankung der Amnesie ebenso verfallen wie die infan-
tilen Erlebnisse, mit deren Hilfe jene ihre Affektenergie in
Symptome umsetzen. Wo ein völliges Vergessen unmöglich
ist, da wird die rezente traumatische Veranlassung doch
von der Amnesie angenagt und zum mindesten ihrer be-
deutsamsten Bestandteile beraubt. Wir sehen in solcher
Amnesie den Erweis der stattgehabten Verdrängung Anders
ist es in der Regel bei der Zwangsneurose. Die infantilen
Voraussetzungen der Neurone mögen einer – oft nur un-
vollständigen – Amnesie verfallen sein; die rezenten An-
lässe der Erkrankung finden sich dagegen im Gedächtnis
erhalten. Die Verdrängung hat sich hier eines andern,
eigentlich einfacheren Mechanismus bedient; anstatt das
Trauma zu vergessen, hat sie ihm die Affektbesetzung
entzogen, so daß im Bewußtsein ein indifferenter, für un-
wesentlich erachteter Vorstellungsinhalt erübrigt. DerS.
325
Unterschied liegt im psychischen Geschehen, das wir hinter
den Phänomenen konstruieren dürfen; der Erfolg des Vor-
Ganges ist fast der nämliche, denn der indifferente Erinne-
rungsinhalt wird nur selten reproduziert und spielt in der
bewußten Gedankentätigkeit der Person keine Rolle. Zur
Unterscheidung der beiden Arten der Verdrängung können
wir zunächst nur die Versicherung des Patienten verwenden,
er habe die Empfindung, daß er das eine immer gewußt,
das andere seit langer Zeit vergessen habe.28Es ist darum kein seltenes Vorkommnis, daß Zwangs-
kranke, die an Selbstvorwürfen leiden und ihre Affekte
an falsche Veranlassungen geknüpft haben, dem Arzt auch
von den richtigen Mitteilung machen, ohne zu ahnen, daß
ihre Vorwürfe nur von diesen letzteren abgetrennt sind. Sie
äußern dabei gelegentlich verwundert oder selbst wie
prahlerisch: Daraus mache ich mir aber gar nichts. So
war es auch in dem ersten Falle von Zwangsneurose, der
mir vor vielen Jahren das Verständnis des Leidens er-
öffnete. Der Patient, ein Staatsbeamter, der an ungezählten
Bedenklichkeiten litt, derselbe, von dem ich die Zwangs-
handlung an dem Ast im Schönbrunner Park berichtet
habe, fiel mir dadurch auf, daß er mir für den Besuch
in der Sprechstunde stets reine und glatte Papiergulden
überreichte. (Wir hatten damals in Österreich noch kein28) Man muß also zugeben, daß es für die Zwangsneurose
zweierlei Wissen und Kennen gibt, und darf mit dem gleichen
Rechte behaupten, der Zwangskranke „kenne“ seine Traumen, wie,
daß er sie nicht „kenne“. Er kennt sie nämlich, insofern er sie
nicht vergessen hat, er kennt sie nicht, da er nicht ihre Bedeutung
erkennt. Es ist im normalen Leben oft auch nicht anders. Die
Kellner, die den Philosophen Schopenhauer in seinem Stamm-
gasthaus zu bedienen pflegten, „kannten“ ihn in gewissem Sinne
zu einer Zeit, da er sonst in und außerhalb Frankfurts unbekannt
war, aber nicht in dem Sinne, den wir heute mit der „Kenntnis“
von Schopenhauer verbinden.S.
326
Silbergeld.) Als ich einmal bemerkte, man erkenne doch
gleich den Staatsbeamten an den nagelneuen Gulden, die
er von der Staatskasse beziehe, belehrte er mich, die Gulden
seien keineswegs neu, sondern in seinem Hause gebügelt
(geplättet) werden. Er mache sich ein Gewissen daraus,
jemand schmutzige Papiergulden in die Hand zu geben;
da klebten die gefährlichsten Bakterien daran, die dem
Empfänger Schaden bringen können. Mir dämmerte da-
mals bereits in unsicherer Ahnung der Zusammenhang der
Neurosen mit dem Sexualleben, und so wagte ich es, den
Patienten ein andermal zu befragen, wie er es in diesem
Punkte hielte. Oh, alles in Ordnung, meinte er leichthin,
ich leide keinen Mangel. Ich spiele in vielen guten Bürger-
häusern die Rolle eines lieben alten Onkels, und die benütze
ich, um mir von Zeit zu Zeit ein junges Mädchen für eine
Landpartie auszubitten. Ich richte es denn so ein, daß wir
den Zug versäumen und auf dem Lende übernachten müs-
sen. Ich nehme dann immer zwei Zimmer, ich bin sehr
nobel; aber wenn das Mädchen zu Bett ist, komme ich zu
ihr und masturbiere sie mit meinen Fingern. – Ja, fürch-
ten Sie denn nicht, daß Sie ihr schaden, wenn Sie mit Ihrer
schmutzigen Hand in ihren Genitalien herumarbeiten? –
Da brauste er aber auf: Schaden? Was soll es ihr denn
schaden? Keiner hat es noch geschadet, und jeder war es
recht. Einige von ihnen sind jetzt schon verheiratet, und es
hat ihnen nicht geschadet. – Er nahm meine Beanstandung
sehr übel auf und kam nie wieder. Ich konnte mir aber den
Kontrast zwischen seiner Bedenklichkeit bei den Papier-
gulden und seine Rücksichtslosigkeit beim Mißbrauch der
ihm anvertrauten Mädchen nur durch eine Verschie-
bung des Vorwurfsaffekts erklären. Die Tendenz dieser
Verschiebung war deutlich genug; wenn er den Vorwurf dort
beließ, wohin er gehörte, so mußte er auf eine sexuelle Be-S.
327
friedigung verzichten, zu der er wahrscheinlich durch starke
infantile Determinanten gedrängt war. Er erzielte also durch
die Verschiebung einen namhaften Krankheitsgewinn.Auf die Krankheitsveranlassung bei unserem Patienten
muß ich aber nun ausführlicher eingehen. Seine Mutter war
als entfernte Verwandte in einer reichen Familie auf-
gezogen worden, die ein großes industrielles Unternehmen
betrieb. Sein Vater trat gleichzeitig mit der Heirat in den
Dienst dieses Unternehmens und gelangte so eigentlich in-
folge seiner Ehewahl zu ziemlichem Wohlstand. Durch
Neckereien zwischen den in vortrefflicher Ehe lebenden
Eltern hatte der Sohn erfahren, daß der Vater einem hüb-
schen armen Mädchen aus bescheidener Familie den Hof
gemacht hatte, eine Zeitlang bevor er die Mutter kennen-
lernte. Dies die Vorgeschichte. Nach dem Tode des Vaters
teilte die Mutter eins Tages dem Sohne mit, es sei zwi-
schon ihr und ihren reichen Verwandten die Rede von
einer Zukunft gewesen, und einer der Vettern habe seine
Bereitwilligkeit ausgedrückt, ihm eine seiner Töchter zu
geben, wenn er seine Studien beendigt habe; die geschäft-
liche Verbindung mit der Firma werde ihm dann auch in
seinem Berufe glänzende Aussichten eröffnen. Dieser Plan
der Familie entzündete in ihm den Konflikt, ob er seiner
armen Geliebten treu bleiben oder in die Fußstapfen des
Vaters treten und das schöne, reiche, vornehme Mädchen,
das ihm bestimmt worden, zur Frau nehmen solle. Und
diesen Konflikt, der eigentlich ein solcher zwischen seiner
Liebe und dem fortwirkenden Willen des Vaters war, löste er
durch Erkrankung, richtiger gesagt: er entzog sich durch die
Erkrankung der Aufgabe, ihn in der Realität zu lösen.2929) Es ist hervorzuheben, daß die Flucht in die Krankheit ihm
durch die Identifizierung mit dem Vater ermöglicht wurde. Diese
gestattete ihm die Regression der Affekte auf die Kindheitsreste.S.
328
Der Beweis für diese Auffassung liegt in der Tatsache,
daß hartnäckige Arbeitsunfähigkeit, die ihn die Beendigung
seiner Studien um Jahre aufschieben ließ, der Haupterfolg
der Erkrankung war. Was aber der Erfolg einer Krankheit
ist, das lag in der Absicht derselben; die anscheinende
Krankheitsfolge ist in Wirklichkeit die Ursache, das Motiv
des Krankwerdens.Meine Aufklärung fand begreiflicherweise bei dem Kran-
ken zunächst keine Anerkennung. Er könne sich eine solche
Wirkung des Heiratsplanes nicht vorstellen, derselbe habe
ihm seinerzeit nicht den mindesten Eindruck gemacht. Im
weiteren Verlaufe der Kur mußte er sich aber auf einem
eigentümlichen Wege von der Richtigkeit meiner Ver-
mutung überzeugen. Er erlebte mit Hilfe einer Über-
tragungsphantasie als neu und gegenwärtig, was er aus der
Vergangenheit vergessen hatte, oder was nur unbewußt bei
ihm abgelaufen war. Aus einer dunkeln und schwierigen
Periode der Behandlungsarbeit ergab sich endlich, daß er
ein junges Mädchen, welches er einmal auf der Stiege mei-
nes Hauses angetroffen, zu meiner Tochter erhoben hatte.
Sie erregte sein Wohlgefallen, und er imaginierte, daß ich
nur darum so liebenswürdig und unerhört geduldig mit
ihm sei, weil ich ihn zum Schwiegersohn wünsche, wobei
er den Reichtum und die Vornehmheit meines Hauses bis
zu dem ihm zum Vorbild passenden Niveau erhöhte. Gegen
diese Versuchung stritt aber in ihm die unauslöschliche
Liebe zu seiner Dame. Nachdem wir eine Reihe der schwer-
sten Widerstände und ärgsten Beschimpfungen überwunden
hatten, konnte er sich der überzeugenden Wirkung der vol-
len Analogie zwischen der phantasierten Übertragung und
der damaligen Realität nicht entziehen. Ich gebe einen
seiner Träume aus dieser Zeit wieder, um den Stil seiner
Darstellung an einer Probe zu zeigen. Er sieht meine Toch-S.
329
ter vor sich, aber sie hat zwei Dreckpatzen anstatt der
Augen. Für jeden, der die Sprache der Träume versteht,
wird die Übersetzung leicht sein: Er heiratet meine
Tochter nicht ihrer schönen Augen, sondern
ihres Geldes wegen.g) Der Vaterkomplex und die Lösung der Rattenidee
Von der Krankheitsveranlassung reiferer Jahre führte
ein Faden zurück in die Kindheit unseren Patienten. Er
fand sich in einer Situation, wie sie nach seinem Wissen
oder Vermuten der Vater vor seiner eigenen Eheschließung
bestanden hatte, und konnte sich mit dem Vater identifi-
zieren. Noch in anderer Weise spielte der verstorbene Vater
in die rezente Erkrankung hinein. Der Krankheitskonflikt
war im Wesen ein Widerstreit zwischen dem fortwirkenden
Willen des Vaters und seiner eigenen verliebten Neigung.
Nehmen wir Rücksicht auf die Mitteilungen, die der Patient
in den ersten Stunden der Behandlung gemacht hatte, so
können wir die Vermutung nicht abweisen, daß dieser
Widerstreit ein uralter gewesen sei und sich schon in den
Kinderjahren des Kranken ergeben habe.Der Vater unseres Patienten war nach allen Auskünften
ein ganz vortrefflicher Mann. Er war vor der Heirat Unter-
offizier gewesen und hatte eine aufrichtige soldatische Art
sowie eine Vorliebe für derbe Ausdrücke als Niederschlag
aus diesem Stücke seines Lebens behalten. Außer den Tu-
genden, die der Leichenstein an jedermann zu rühmen
pflegt, zeichnete ihn ein herzlicher Humor und eine gütige
Nachsicht gegen seine Mitmenschen aus; es steht gewiß
nicht im Widerspruche mit diesem Charakter, stellt sich
vielmehr als Ergänzung zu ihm dar, daß er jäh und heftig
sein konnte, wie den Kindern, solange sie klein und schlimm
waren, gelegentlich zu sehr empfindlichen ZüchtigungenS.
330
verhalf. Als die Kinder heranwuchsen, wich er von anderen
Vätern darin ab, daß er sich nicht zur unantastbaren Auto-
rität emporheben wollte, sondern in gutmütiger Offenheit
die kleinen Verfehlungen und Mißgeschicke seines Lebens
ihrer Mitwissenschaft preisgab. Der Sohn übertrieb gewiß
nicht, wenn er aussprach, sie hätten miteinander verkehrt
wie die besten Freunde, bis auf einen einzigen Punkt (vgl.
S. 310). An diesem einen Punkte mußte es wohl gelegen sein,
wenn den Kleinen der Gedanke an den Tod des Vaters mit
ungewöhnlicher und ungebührlicher Intensität beschäftigte
(S. 291), wenn solche Gedanken im Wortlaute seiner kind-
lichen Zwangsideen auftraten, wenn er sich wünschen konnte,
der Vater möge sterben, damit ein gewisses Mädchen, durch
Mitleid erweicht, zärtlicher gegen ihn werde (S. 308).Es ist nicht zu bezweifeln, daß auf dem Gebiete der
Sexualität etwas zwischen Vater und Sohn stand, und daß
der Vater in einen bestimmten Gegensatz zu der frühzeitig
erwachten Erotik des Sohnes geraten war. Mehrere Jahre
nach dem Tode des Vaters drängte sich dem Sohne, als er
zum ersten Male die Lustempfindung eines Koitus erfuhr,
die Idee auf: das ist doch großartig; dafür könnte man
seinen Vater ermorden! Dies zugleich ein Nachklang und
eine Verdeutlichung seiner kindlichen Zwangsideen. Kurz
vor seinem Tode hatte der Vater übrigens direkt gegen die
später dominierende Neigung unseres Patienten Stellung ge-
nommen. Er merkte, daß er die Gesellschaft jener Dame
aufsuchte, und riet ihm von ihr mit den Worten ab, es sei
nicht klug, und er werde sich nur blamieren.Zu diesen vollkommen gesicherten Anhaltspunkten kommt
anderes hinzu, wenn wir uns zur Geschichte der onanisti-
schen Sexualbetätigung unseres Patienten wenden. Es be-
steht auf diesem Gebiete ein noch nicht verwerteter Gegen-
satz zwischen den Ansichten der Ärzte und der Kranken.S.
331
Letztere sind alle darin einig, die Onanie, unter der sie die
Pubertätsmasturbation verstehen, als Wurzel und Urquell
all ihrer Leiden hinzustellen; die Ärzte wissen im all-
gemeinen nicht, wie sie darüber denken sollen, aber unter
dem Eindrucke der Erfahrung, daß auch die meisten spä-
ter Normalen in den Pubertätsjahren eine Weile onaniert
haben, neigen sie in ihrer Mehrzahl dazu, die Angaben der
Kranken als grobe Überschätzungen zu verurteilen. Ich
meine, daß die Kranken auch hierin eher recht haben als
die Ärzte. Den Kranken dämmert hier eine richtige Ein-
sicht, während die Ärzte in Gefahr sind, etwas Wesentliches
zu übersehen. Es verhält sich gewiß nicht so, wie die Kran-
ken ihren Satz selbst verstehen wollen, daß die fast typisch
zu nennende Pubertätsonanie für alle neurotischen Störun-
gen verantwortlich zu machen sei. Der Satz bedarf der
Deutung. Aber die Onanie der Pubertätsjahre ist in Wirk-
lichkeit nichts anderes als die Auffrischung der bisher stets
vernachlässigten Onanie der Kinderjahre, welche zumeist
in den Jahren von 3 bis 4. oder 5 eine Art von Höhepunkt
erreicht, und diese ist allerdings der deutlichste Ausdruck
der sexuellen Konstitution des Kindes, in welcher auch wir
die Ätiologie der späteren Neurosen suchen. Die Kranken
beschuldigen unter solcher Verhüllung also eigentlich ihre
infantile Sexualität, und darin haben sie vollauf recht. Das
Problem der Onanie wird hingegen unlösbar, wenn man die
Onanie als eine klinische Einheit auffassen will und daran
vergißt, daß sie die Abfuhr der verschiedenartigsten
Sexualkomponenten und der von ihnen gespeisten Phanta-
sien darstellt. Die Schädlichkeit der Onanie ist nur zum
geringen Anteil eine autonome, durch ihre eigene Natur he-
dingte. Der Hauptsache nach fällt sie mit der pathogenen
Bedeutung des Sexuallebens überhaupt zusammen. Wenn
so viele Individuen die Onanie, d. h. ein gewisses AusmaßS.
332
dieser Betätigung, ohne Schaden vertragen, so lehrt diese
Tatsache nichts anderes, als daß bei ihnen die sexuelle Kon-
stitution und der Ablauf der Entwicklungsvorgänge im
Sexualleben die Ausübung der Funktion unter den kultu-
rellen Bedingungen gestattet hat,30 während andere infolge
ungünstiger Sexualkonstitution oder gestörter Entwicklung
an ihrer Sexualität erkranken, d. h. die Anforderungen zur
Unterdrückung und Sublimierung der sexuellen Kompo-
nenten nicht ohne Hemmungen und Ersatzbildungen erfüllen
können.Unser Patient war in seinem Onanieverhalten recht auf-
fällig; er entwickelte keine Pubertätsonanie und hätte also
nach gewissen Erwartungen ein Anrecht darauf gehabt,
frei von Neurose zu bleiben. Dagegen trat der Drang zur
onanistischen Betätigung im 21. Jahre bei ihm auf, kurze
Zeit nach dem Tode des Vaters. Er war sehr be-
schämt nach jeder Befriedigung und schwor ihr bald wie-
der ab. Von da an trat die Onanie nur bei seltenen und sehr
merkwürdigen Anlässen wieder auf. „Besonders schöne
Momente, die er erlebte, oder besonders schöne Stellen, die
er las, riefen sie hervor. So z. B. als er an einem schönen
Sommernachmittag einen Postillon in der Innern Stadt so
herrlich blasen hörte, bis ein Wachmann es ihm untersagte,
weil in der Stadt das Blasen verboten sei! Oder ein ander-
mal, als er in ‚Dichtung und Wahrheit‘ las, wie sich der
junge Goethe in zärtlicher Aufwallung von der Wirkung
eines Fluches befreite, den eine Eifersüchtige über die aus-
gesprochen, welche nach ihr seine Lippen küssen würde.
Lange hatte er sich wie abergläubisch durch diesen Fluch
abhalten lassen, jetzt aber zerriß er die Fessel und küßte
sein Lieb herzlich ab.“30) Vgl. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 1905, (Bd. V der
Ges. Schriften.)S.
333
Er verwunderte sich nicht wenig, daß er gerade bei sol-
chen schönen und erhebenden Anlässen zur Masturbation
gedrängt worden sei. Ich mußte aber aus diesen beiden Bei-
spielen als das Gemeinsame das Verbot und das Sichhinaus-
setzen über ein Gebot herausheben.In denselben Zusammenhang gehörte auch sein sonder-
bares Benehmen zu einer Zeit, da er für eine Prüfung stu-
dierte und mit der ihm liebgewordenen Phantasie spielte,
der Vater lebe noch und könne jeden Moment wiederkom-
men. Er richtete es sich damals so ein, daß sein Studium
auf die spätesten Nachtstunden fiel. Zwischen 12 und 1 Uhr
nachts unterbrach er sich, öffnete die auf die Hausflur füh-
rende Tür, als ob der Vater davor stünde, und betrachtete
dann, nachdem er zurückgekommen war, im Spiegel des
Vorzimmers seinen entblößten Penis. Dies tolle Treiben
wird unter der Voraussetzung verständlich, daß er sich so
benahm, als ob er den Besuch des Vaters um die Geister-
stunde erwartete. Zu seinen Lebzeiten war er eher ein fau-
ler Student gewesen, worüber sich der Vater oft gekränkt
hatte. Nun sollte er Freude an ihm haben, wenn er als
Geist wiederkam und ihn beim Studieren traf. An dem
andern Teile seines Tuns konnte der Vater aber unmöglich
Freude haben; damit trotzte er ihm also und brachte so in
einer unverstandenen Zwangshandlung die beiden Seiten
seines Verhältnisses zum Vater nebeneinander zum Aus-
drucke, ähnlich wie in der späteren Zwangshandlung vom
Steine auf der Straße gegen die geliebte Dame.Auf diese und ähnliche Anzeichen gestützt, wagte ich die
Konstruktion, er habe als Kind im Alter von 6 Jahren
irgendeine sexuelle Missetat im Zusammenhange mit der
Onanie begangen und sei dafür vom Vater empfindlich ge-
züchtigt worden. Diese Bestrafung hätte der Onanie aller-
dings ein Ende gemacht, aber anderseits einen unauslösch-S.
334
lichen Groll gegen den Vater hinterlassen und dessen Rolle
als Störer des sexuellen Genusses für alle Zeiten fixiert.
(Vgl. die ähnlichen Vermutungen in einer der ersten Sitzun-
gen S. 293.) Zu meinem großen Erstaunen berichtete nun
der Patient, ein solcher Vorfall aus seinen ersten Kinder-
jahren sei ihm von der Mutter wiederholt erzählt worden
und offenbar darum nicht in Vergessenheit geraten, weil
sich so merkwürdige Dinge an ihn knüpften. Seine eigene
Erinnerung wisse allerdings nichts davon. Die Erzählung
aber lautete: Als er noch sehr klein war – die genauere
Zeitbestimmung ließe sich noch durch das Zusammentreffen
mit der Todeskrankheit einer älteren Schwester gewinnen
– soll er etwas Arges angestellt haben, wofür ihn der
Vater prügelte. Da sei der kleine Knirps in eine schreck-
liche Wut geraten und habe noch unter den Schlägen den
Vater beschimpft. Da er aber noch keine Schimpfwörter
kannte, habe er ihm alle Namen von Gegenständen gegeben,
die ihm einfielen, und gesagt: du Lampe, du Handtuch, du
Teller usw. Der Vater hielt erschüttert über diesen elemen-
taren Ausbruch im Schlagen inne und äußerte: Der Kleine
da wird entweder ein großer Mann oder ein großer Ver-
brecher!31 Er meint, der Eindruck dieser Szene sei sowohl
für ihn wie für den Vater ein dauernd wirksamer gewesen.
Der Vater habe ihn nie wieder geprügelt; er selbst leitet
aber ein Stück seiner Charakterveränderung von dem Er-
lebnisse ab. Aus Angst vor der Größe seiner Wut sei er
von da an feige geworden. Er hatte übrigens sein ganzes
Leben über schreckliche Angst vor Schlägen und verkroch
sich vor Entsetzen und Empörung, wenn eines seiner Ge-
schwister geprügelt wurde.31) Die Alternative war unvollständig. An den häufigsten Aus-
gang so vorzeitiger Leidenschaftlichkeit, an den in Neurose, hatte
der Vater nicht gedacht.S.
335
Eine erneuerte Nachfrage bei der Mutter brachte außer
der Betätigung dieser Erzählung die Auskunft, daß er da-
mals zwischen 3 und 4 Jahre alt war, und daß er die Strafe
verdient, weil er jemanden gebissen hatte. Näheres er-
innerte auch die Mutter nicht mehr; sie meinte recht un-
sicher, die von dem Kleinen beschädigte Person möge die
Kinderfrau gewesen sein; von einem sexuellen Charakter
des Delikte war in ihrer Mitteilung nicht die Rede.32Indem ich die Diskussion dieser Kindheitsszene in die
32) Man hat es in den Psychoanalysen häufig mit solchen Be-
gebenheiten aus den ersten Kinderjahren zu tun, in denen die in-
fantile Sexualtätigkeit zu gipfeln scheint und häufig durch einen
Unfall oder eine Bestrafung ein katastrophales Ende findet. Sie
zeigen sich schattenhaft in Träumen an, werden oft so deutlich,
daß man sie greifbar zu besitzen vermeint, aber sie entziehen sich
doch der endgültigen Klarstellung, und wenn man nicht mit be-
sonderer Vorsicht und mit Geschick verfährt, muß man es un-
entschieden lassen, ob eine solche Szene wirklich vorgefallen ist.
Auf die richtige Spur der Deutung wird man durch die Erkenntnis
geführt, daß von solchen Szenen mehr als eine Version, oft sehr
verschiedenartige, in der unbewußten Phantasie des Patienten auf-
zuspüren sind. Wenn man in der Beurteilung der Realität nicht
irregehen will, muß man sich vor allem daran erinnern, daß die
„Kindheitserinnerungen“ der Menschen erst in einem späteren
Alter (meist zur Zeit der Pubertät) festgestellt und dabei einem
komplizierten Umarbeitungsprozeß unterzogen werden, welcher der
Sagenbildung eines Volkes über seine Urgeschichte durchaus analog
ist. Es läßt sich deutlich erkennen, daß der heranwachsende
Mensch in diesen Phantasiebildungen über seine erste Kindheit
das Andenken an seine autoerotische Betätigung
zu verwischen sucht, indem er seine Erinnerungsspuren auf
die Stufe der Objektliebe hebt, also wie ein richtiger Geschicht-
schreiber die Vergangenheit im Lichte der Gegenwart erblicken
will. Daher die Überfülle von Verführungen und Attentaten in
diesen Phantasien, wo die Wirklichkeit sich auf autoerotische Be-
tätigung und auf Anregung dazu durch Zärtlichkeiten und Strafen
beschränkt. Ferner wird man gewahr, daß der über seine Kindheit
Phantasierende seine Erinnerungen sexualisiert, d. h.,
daß er banale Erlebnisse mit seiner Sexualbetätigung in Beziehung
bringt, sein Sexualinteresse über sie ausdehnt, wobei er wahr-S.
336
Fußnote verweise, führe ich an, daß durch deren Auf-
tauchen seine Weigerung, an eine prähistorisch erworbene
und später latent gewordene Wut gegen den geliebten Va-
ter zu glauben, zuerst ins Wanken geriet. Ich hatte nur eine
stärkere Wirkung erwartet, denn diese Begebenheit war
ihm so oft auch vom Vater selbst erzählt worden, daß ihre
Realität keinem Zweifel unterlag. Mit einer Fähigkeit, die
Logik zu beugen, welche bei den sehr intelligenten Zwangs-
kranken jedesmal höchst befremdend wirkt, machte er
aber immer wieder gegen die Beweiskraft der Erzählung
geltend, er erinnere sich doch nicht selbst daran. Er mußte
sich also die Überzeugung, daß sein Verhältnis zum Vater-scheinlich den Spuren des wirklich vorhandenen Zusammenhanges
nachfährt. Daß es nicht die Absicht dieser Bemerkungen ist, die
von mir behauptete Bedeutung der infantilen Sexualität nachträg-
lich durch die Reduktion auf das Sexualinteresse der Pubertät
herabzusetzen, wird mir jeder glauben, der die von mir mitgeteilte
„Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“ im Gedächtnis
hat. Ich beabsichtige nur, technische Anweisungen zur Auflösung
jener Phantasiebildungen zu geben, welche dazu bestimmt sind, das
Bild jener infantilen Sexualbetätigung zu verfälschen.Nur selten ist man wie bei unserem Patienten in der glücklichen
Lage, die tatsächliche Grundlage dieser Dichtungen über die Urzeit
durch das unerschütterliche Zeugnis eines Erwachsenen festzustel-
len. Immerhin läßt die Aussage der Mutter den Weg für mehr-
fache Möglichkeiten offen. Daß sie die sexuelle Natur des Ver-
gehens, für welches das Kind gestraft wurde, nicht proklamierte,
mag seinen Grund in ihrer eigenen Zensur haben, welche bei allen
Eltern gerade dieses Element aus der Vergangenheit ihrer Kinder
auszuschalten bemüht ist. Es ist aber ebenso möglich, daß das
Kind damals wegen einer banalen Unart nicht sexueller Natur
von der Kinderfrau oder der Mutter selbst zurechtgewiesen und
dann wegen seiner gewalttätigen Reaktion vom Vater gezüchtigt
wurde. Die Kinderfrau oder eine andere dienende Person wird in
solchen Phantasien regelmäßig durch die vornehmere der Mutter
ersetzt. Wenn man sich in die Deutung der diesbezüglichen Träume
des Patienten tiefer einließ, fand man die deutlichsten Hinweise
auf eine episch zu nennende Dichtung, in welcher sexuelle Gelüste
gegen Mutter und Schwester und der frühzeitige Tod dieserS.
337
wirklich jene bewußte Ergänzung erforderte, erst auf
dem schmerzhaften Wege der Übertragung erwerben. Es
kam bald dazu, daß er mich und die Meinigen in Träumen,
Tagesphantasien und Einfällen aufs gröblichste und un-
flätigste beschimpfte, während er mir doch mit Absicht
niemals etwas anderes als die größte Ehrerbietung ent-
gegenbrachte. Sein Benehmen während der Mitteilung die-
ser Beschimpfungen war das einen Verzweifelten. „Wie
kommen Herr Professor dazu, sich von einem schmierigen,
hergelaufenen Kerl wie ich so beschimpfen zu lassen? Sie
müssen mich hinauswerfen; ich verdiene es nicht besser.“
Bei diesen Reden pflegte er vom Diwan aufzustehen undSchwester mit jener Züchtigung des kleinen Helden durch den
Vater zusammengebracht wurden. Es gelang nicht, dieses Gewebe
von Phantasieumhüllungen Faden für Faden abzuspinnen; gerade
der therapeutische Erfolg war hier das Hindernis. Der Patient war
hergestellt, und das Leben forderte von ihm mehrfache, ohnedies
zu lange aufgeschobene Aufgaben in Angriff zu nehmen, die mit
der Fortsetzung der Kur nicht verträglich waren. Man mache mir
also aus dieser Lücke in der Analyse keinen Vorwurf. Die wissen-
schaftliche Erforschung durch die Psychoanalyse ist ja heute nur
ein Nebenerfolg der therapeutischen Bemühung, und darum ist
die Ausbeute oft gerade bei unglücklich behandelten Fällen am
größten.Der Inhalt des kindlichen Sexuallebens besteht in der auto-
erotischen Betätigung der vorherrschenden Sexualkomponenten, in
Spuren von Objektliebe und in der Bildung jenes Komplexes, den
man den Kernkomplex der Neurosen nennen könnte, der
die ersten zärtlichen wie feindseligen Regungen gegen Eltern und
Geschwister umfaßt, nachdem die Wißbegierde des Kleinen, meist
durch die Ankunft eines neuen Geschwisterchens, geweckt worden
ist. Aus der Uniformität dieses Inhaltes und aus der Konstanz der
späteren modifizierenden Einwirkungen erklärt es sich leicht, daß
im allgemeinen stets die nämlichen Phantasien über die Kindheit
gebildet werden, gleichgültig wieviel oder wie wenig Beiträge das
wirkliche Erleben dazu gestellt hat. Es entspricht durchaus dem
infantilen Kernkomplex, daß der Vater zur Rolle des sexuellen
Gegners und des Störers der autoerotischen Sexualbetätigung ge-
langt, und die Wirklichkeit hat daran zumeist einen guten Anteil.S.
338
im Zimmer herumzulaufen, was er zuerst mit Feinfühligkeit
motivierte; er bringe es nicht über sich, so gräßliche Dinge
zu sagen, während er behaglich daliege. Er fand aber bald
selbst die triftigere Erklärung, daß er sich meiner Nähe
entziehe, aus Angst, von mir geprügelt zu werden. Wenn
er sitzen blieb, so benahm er sich wie einer, der sich in ver-
zweifelter Angst vor maßlosen Züchtigungen schützen will;
er stützte den Kopf in die Hände, deckte sein Gesicht mit
dem Arme, lief plötzlich mit schmerzlich verzerrten Zügen
davon usw. Er erinnerte, daß der Vater jähzornig gewesen
war und in seiner Heftigkeit manchmal nicht mehr wußte,
wieweit er gehen durfte. In solcher Schule des Leidens ge-
wann er allmählich die ihm mangelnde Überzeugung, die
sich jedem andern nicht persönlich Beteiligten wie selbst-
verständlich ergeben hätte; dann war aber auch der Weg
zur Auflösung der Rattenvorstellung frei. Eine Fülle von
bisher zurückgehaltenen tatsächlichen Mitteilungen wurde
nun auf der Höhe der Kur zur Herstellung des Zusammen-
hanges verfügbar.In der Darstellung desselben werde ich, wie angekün-
digt, aufs äußerste verkürzen und resümieren. Das erste
Rätsel war offenbar, weshalb die beiden Reden des tsche-
chischen Hauptmannes, die Rattenerzählung und die Auf-
forderung, dem Oberleutnant A, das Geld zurückzugeben,
so aufregend auf ihn gewirkt und so heftige pathologische
Reaktionen hervorgerufen hatten. Es war anzunehmen, daß
hier „Komplexempfindlichkeit“ vorlag, daß durch jene
Reden hyperästhetische Stellen seines Unbewußten unsanft
berührt worden waren. So war es auch; er befand sich, wie
jedesmal im militärischen Verhältnisse, in einer unbewuß-
ten Identifizierung mit dem Vater, der selbst durch meh-
rere Jahre gedient hatte und vieles aus seiner Soldatenzeit
zu erzählen pflegte. Nun gestattete der Zufall, der bei derS.
339
Symptombildung mithelfen darf wie der Wortlaut beim
Witz, daß eines der kleinen Abenteuer des Vaters ein wich-
tiges Element mit der Aufforderung des Hauptmannes ge-
meinsam hatte. Der Vater hatte einmal eine kleine Summe
Geldes, über die er als Unteroffizier verfügen sollte, im
Kartenspiele verloren (Spielratte) und wäre in arge Be-
drängnis gekommen, wenn ein Kamerad sie ihm nicht vor-
gestreckt hätte. Nachdem er das Militär verlassen und
wohlhabend geworden war, suchte er den hilfreichen Kame-
raden auf, um ihm das Geld zurückzugeben, fand ihn aber
nicht mehr. Unser Patient war nicht sicher, ob ihm die
Rückerstattung überhaupt je gelang; die Erinnerung an
diese Jugendsünde des Vaters war ihm peinlich, da doch
sein Unbewußtes von feindseligen Ausstellungen am Cha-
rakter des Vaters erfüllt war. Die Worte des Hauptmannes:
Du mußt dem Oberleutnant A. die Kronen 3.80 zurück-
geben, klangen ihm wie eine Anspielung an jene unein-
gelöste Schuld des Vaters.Die Mitteilung aber, daß das Postfräulein in Z. die
Nachnahme mit einigen für ihn schmeichelhaften Worten
selbst erlegt hatte,33 verstärkte die Identifizierung mit dem
Vater auf einem andern Gebiete. Er trug jetzt nach, daß in
dem kleinen Orte, wo sich auch das Postamt befand, die
hübsche Wirtstochter dem schmucken jungen Offizier viel
Entgegenkommen gezeigt hatte, so daß er sich vornehmen
konnte, nach Schluß der Manöver dorthin zurückzukom-
men, um seine Chancen bei dem Mädchen zu verfolgen.
Nun war ihr in dem Postfräulein eine Konkurrentin erstan-33) Vergessen wir nicht, daß er dies erfahren hatte, ehe der
Hauptmann die (unberechtigte) Aufforderung der Rückzahlung an
Oberleutnant A. an ihn richtete. Es ist dies der für das Verhältnis
unentbehrliche Punkt, durch dessen Unterdrückung er sich die
heilloseste Verwirrung bereitete und mir eine Zeitlang den Ein-
blick in den Sinn des Ganzen verwehrte.S.
340
den; er konnte, wie der Vater in seinem Eheroman, schwan-
ken, welcher von beiden er nach dem Verlassen des
Militärdienstes seine Gunst zuwenden sollte. Wir merken
mit einem Male, daß seine sonderbare Unschlüssigkeit, ob
er nach Wien reisen oder an das Ort des Postamtes zurück-
kehren solle, seine beständigen Versuchungen, auf der Reise
umzukehren (vgl. S. 300), nicht so sinnlos waren, wie sie
uns zuerst erscheinen mußten. Für sein bewußtes Denken
war die Anziehung des Ortes Z., an dem sich das Postamt
befand, durch das Bedürfnis motiviert, dort mit Hilfe des
Oberleutnants A. seinen Eid zu erfüllen. In Wirklichkeit
war das im nämlichen Ort befindliche Postfräulein der
Gegenstand seiner Sehnsucht und der Oberleutnant nur
ein guter Ersatz für sie, da er am selben Ort gewohnt und
selbst den militärischen Postdienst versehen hatte. Als er
dann hörte, nicht der Oberleutnant A., sondern ein anderer
Offizier B. habe in dem Tage bei der Post amtiert, zog er
auch diesen in seine Kombination und konnte sein Schwan-
ken zwischen den beiden ihm gnädig gesinnten Mädchen nun
in den Delirien mit den beiden Offizieren wiederholen.34Bei der Aufklärung der Wirkungen, welche von der
Rattenerzählung des Hauptmannes ausgingen, müssen wir
uns enger an den Ablauf der Analyse halten. Es ergab sich
zunächst eine außerordentliche Fülle von assoziativem Ma-
terial, ohne daß vorläufig die Situation der Zwangsbildung
durchsichtiger wurde. Die Vorstellung der mit den Ratten
vollzogenen Strafe hatte eine Anzahl von Trieben gereizt,34) [Zusatz 1923:] Nachdem der Patient alles dazu getan hatte,
die kleine Begebenheit von der Rückzahlung der Nachnahme für
den Zwicker zu verwirren, ist es vielleicht auch meiner Darstel-
lung nicht gelungen, sie ohne Rückstand durchsichtig zu machen.
Ich reproduziere darum hier eine kleine Karte, durch die Mr. und
Mrs. Strachey die Situation zu Ende der Waffenübung verdeutlichen-
lichen wollten. Meine Übersetzer haben mit Recht bemerkt, daßS.
341
eine Menge von Erinnerungen geweckt, und die Ratten
hatten darum in dem kurzen Intervalle zwischen der Er-
zählung des Hauptmannes und seiner Mahnung, das Geld
zurückzugeben, eine Reihe von symbolischen Bedeutungen
erworben, zu welchen in der Folgezeit immer neue hinzu-
traten. Mein Bericht über all dies kann freilich nur sehr
unvollständig ausfallen. Die Rattenstrafe rüttelte vor allem
die Analerotik auf, die in seiner Kindheit eine große Rolle
gespielt hatte und durch jahrelang fortgesetzten Wurmreizdas Benehmen des Patienten noch immer unverständlich ist, solange
man nicht ausdrücklich anführt, daß Oblt. A. früher am Ort des
Postamtes Z. gewohnt und dort die militärische Post versehen
hatte, daß er aber in den letzten Tagen der Übung dieses Amt an
Obst. B. abgegeben und nach A. versetzt werden war. Der „grau-
same“ Hauptmann wußte noch nichts von dieser Änderung, daher
sein Irrtum, die Nachnahme sei an Obst. A. zurückzuzahlen.[Skizze: Ort der Waffenübung nach Wien
Bahnhof P
Dorf in dem A. stationiert war
Postamt Z
1 Stunde
3 Stunden ]S.
342
unterhalten werden war. Die Ratten kamen so zur Bedeu-
tung: Geld,35 welcher Zusammenhang sich durch den Ein-
fall Raten zu Ratten anzeigte. Er hatte sich in seinen
Zwangsdelirien eine förmliche Rattenwährung eingesetzt;
z. B. als ich ihm auf Befragen den Preis einer Behandlungs-
stunde mitteilte, hieß es bei ihm, was ich ein halbes Jahr
später erfuhr: soviel Gulden soviel Ratten. In diese Sprache
wurde allmählich der ganze Komplex der Geldinteressen,
die sich an die Erbschaft nach dem Vater knüpften, um-
gesetzt, d.h. alle dahingehörigen Vorstellungen wurden
über diese Wortbrücke Raten – Ratten ins Zwanghafte
eingetragen und dem Unbewußten unterworfen. Diese Geld-
bedeutung der Ratten stützte sich überdies auf die Mah-
nung des Hauptmannes, den Betrag der Nachnahme zurück-
zugeben, mit Hilfe der Wortbrücke Spielratte, von der aus
der Zugang zur Spielverfehlung des Vaters aufzufinden war.Die Ratte war ihm aber auch als Träger gefährlicher In-
fektionen bekannt und konnte darum als Symbol für die
beim Militär so berechtigte Angst vor syphilitischer
Infektion verwendet werden, wohinter allerlei Zweifel
an der Lebensführung des Vaters während seiner militäri-
schen Dienstzeit versteckt waren. In anderem Sinne: Trä-
ger der syphilitischen Infektion war der Penis selbst, und
so wurde die Ratte zum Geschlechtsglied, für welche Ver-
wendung sie noch ein anderes Anrecht geltend machen
konnte. Der Penis, besonders der des kleinen Kindes, kann
ohne weiteres als Wurm beschrieben werden, und in der
Erzählung des Hauptmannes wühlten die Ratten im After,
wie in seinen Kinderjahren die großen Spulwürmer. So
ruhte die Penisbedeutung der Ratten wiederum auf der
Analerotik. Die Ratte ist ohnedies ein schmutziges Tier,35) Vgl. „Charakter und Analerotik“. (Enthalten in Bd. V der
Ges. Schriften.)S.
443
das sich von Exkrementen nährt und in Kanälen lebt, die
den Abfall führen.36 Es ist ziemlich überflüssig, anzufüh-
ren, welcher Ausbreitung das Rattendelirium durch diese
neue Bedeutung fähig wurde. „Soviel Ratten – soviel Gul-
den", konnte z.B. als eine treffliche Charakteristik eines
ihm sehr verhaßten weiblichen Gewerbes gelten. Hingegen
ist es wohl nicht gleichgültig, daß die Einsetzung des Penis
für die Ratte in der Erzählung des Hauptmannes eine Situa-
tion von Verkehr per anum ergab, die ihm in ihrer Be-
ziehung auf Vater und Geliebte besonders widerlich er-
scheinen mußte. Trat diese Situation in der Zwangsan-
drohung wieder auf, welche sich nach der Mahnung des
Hauptmannes bei ihm gestaltete, so erinnerte dies unver-
kennbar an gewisse bei den Südslawen gebräuchliche Flüche,
deren Wortlaut man in der von P. S. Krauß herausgegebe-
nen „Anthropophyteia“ nachlesen kann. All dieses Material
und noch anderes reihte sich übrigens mit dem Deckeinfall
„heiraten“ in das Gefüge der Rattendiskussian ein.Daß die Erzählung von der Rattenstrafe bei unserem Pa-
tienten alle vorzeitlich unterdrückten Regungen eigensüch-
tiger und sexueller Grausamkeit in Aufruhr brachte, wird
ja durch seine eigene Schilderung und durch seine Mimik
bei der Wiedererzählung bezeugt. Doch fiel trotz all dieses
reichen Materials so lange kein Licht auf die Bedeutung
seiner Zwangsidee, bis eines Tages die Rattenmamsell
aus Ibsens „Klein Eyolf“ auftauchte und die Folgerung
unabweisbar machte, in vielen Ausgestaltungen seiner
Zwangsdelirien bedeuteten die Ratten auch Kinder.3736) Wer diese Sprünge der neurotischen Phantasie kopfschüt-
telnd ablehnen will, der sei an ähnliche Capriccios erinnert, in
denen sich die Phantasie der Künstler gelegentlich ergeht,
z. B. an die Diableries érotiques von Le Poitevin.37) Ibsens Rattenmamsell ist ja sicherlich von dem sagen-
haften Rattenfänger von Hameln abgeleitet, der zuerst die RattenS.
344
Forschte man nach der Entstehung dieser neuen Bedeutung,
so stieß man sofort auf die ältesten und bedeutsamsten
Wurzeln. Bei einem Besuche am Grabe des Vaters hatte
er einmal ein großes Tier, das er für eine Ratte hielt, am
Grabhügel vorbeihuschen gesehen.38 Er nahm an, sie käme
aus dem Grabe des Vaters selbst und hätte soeben ihre
Mahlzeit von seinem Leichnam eingenommen. Von der Vor-
stellung der Ratte bleibt als unzertrennlich, daß sie mit
scharfen Zähnen nagt und beißt;39 die Ratte ist aber nicht
etwa ohne Strafe bissig, gefräßig und schmutzig, sondern
sie wird von den Menschen, wie er oft mit Grausen ge-
sehen hatte, grausam verfolgt und schonungslos erschlagen.
Oft hatte er Mitleid mit solchen armen Ratten verspürt.
Nun war er selbst ein so ekelhafter, schmutziger, kleiner
Kerl gewesen, der in der Wut um sich heißen konnte und
dafür fürchterlich gezüchtigt worden war (vgl. Seite 334).
Er konnte wirklich sein ganz „natürlich Ebenbild“40 in
der Ratte finden. Das Schicksal hatte ihm in der Erzählung
des Hauptmannes sozusagen ein Komplexreizwort zugeru-
fen, und er versäumte nicht, mit seiner Zwangsidee darauf
zu reagieren.Ratten waren also Kinder nach seinen frühesten und
ins Wasser lockt und dann mit denselben Mitteln die Kinder der
Stadt auf Nimmerwiederkehr verführt. Auch Klein Eyolf stürzt
sich unter dem Banne der Rattenmamsell ins Wasser. Die Ratte
erscheint in der Sage überhaupt nicht so sehr als ekelhaftes, son-
dern als unheimliches, man möchte sagen chthonisches Tier, und
wird zur Darstellung der Seelen Verstorbener verwendet.38) Eines der auf dem Wiener Zentralfriedhofe so häufigen
Erdwiesel.39) „Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten.
Bedarf ich einen Rattenzahns.
– – – – –
Noch einen Biß, so ist's geschehn“ – sagt Mephisto.40) Auerbachs Keller.
S.
345
folgenschwersten Erfahrungen. Und nun brachte er eine
Mitteilung, die er lange genug aus dem Zusammenhange
femgehalten hatte, die aber jetzt das Interesse, das er für
Kinder haben mußte, voll aufklärte. Die Dame, die er
durch so lange Jahre verehrte und zu heiraten sich doch
nicht entschließen konnte, war infolge einer gynäkologischen
Operation, der Entfernung beider Ovarien, zur Kinderlosig-
keit verurteilt; es war dies sogar für ihn, der Kinder außer-
ordentlich liebte, der Hauptgrund seines Schwankens.Erst jetzt wurde es möglich, den unbegreiflichen Vorgang
bei der Bildung seiner Zwangsidee zu verstehen; mit Zu-
hilfenahme der infantilen Sexualtheorien und der Symbolik,
die man aus der Deutung von Träumen kennt, ließ sich
alles sinnreich übersetzen. Als der Hauptmann auf der
Nachmittagsrast, bei der er seinen Zwicker einbüßte, von
der Rattenstrafe erzählte, packte ihn zuerst nur der grau-
sam lüsterne Charakter der vorgestellten Situation. Aber
sofort stellte sich die Verbindung mit jener Kinderszene
her, in der er selbst gebissen hatte; der Hauptmann, der für
solche Strafen eintreten konnte, rückte ihm an die Stelle des
Vaters und zog einen Teil der wiederkehrenden Erbitte-
ung auf sich, die sich damals gegen den grausamen Vater
empört hatte. Die flüchtig auftauchende Idee, es könnte
einer ihm lieben Person etwas dergleichen geschehen, wäre
zu übersetzen durch die Wunschregung: Dir sollte man so
etwas tun, die sich gegen den Erzähler, dahinter aber
schon gegen den Vater richtete. Als ihm dann 1½ Tage
später41 der Hauptmann das mit Nachnahme eingelangte
Paket überreicht und ihn mahnt, die 3 Kronen 80 Heller41) Nicht am nächsten Abend, wie er zuerst erzählte. Es ist
ganz unmöglich, daß der bestellte Zwicker noch am selben Tage
angelangt wäre. Er verkürzt diese Zwischenzeit in der Erinnerung,
weil in ihr die entscheidenden Gedankenverbindungen sich her-S.
346
dem Oberleutnant A. zurückzugeben, weiß er bereits, daß
der „grausame Vorgesetzte" sich irrt, und daß er niemand
anderem als dem Postfräulein verpflichtet ist. Es liegt ihm
also nahe, eine höhnische Antwort zu bilden wie: Je frei-
lich, was fällt dir denn ein? oder: Ja, Schnecken, oder:
Ja, einen Schmarren42 werd’ ich ihm das Geld zurück-
geben, Antworten, die er nicht hätte aussprechen müssen.
Aber aus dem unterdes aufgerührten Vaterkomplex und
der Erinnerung an jene Infantilszene gestaltet sich ihm die
Antwort: Ja, ich werde dem A. das Geld zurückgeben,
wenn mein Vater und meine Geliebte Kinder bekommen,
oder: So wahr mein Vater und die Dame Kinder bekommen
können, so gewiß werde ich ihm das Geld zurückgeben.
Also eine höhnende Beteuerung an eine unerfüllbare ab-
surde Bedingung geknüpft.43Aber nun war das Verbrechen begangen, die beiden ihm
teuersten Personen, Vater und Geliebte, von ihm geschmäht;
das forderte Strafe, und die Bestrafung bestand in dem
Auferlegen eines unmöglich zu erfüllenden Eides, der den
Wortlaut des Gehorsams gegen die unberechtigte Mahnung
des Vorgesetzten einhielt: Jetzt mußt du wirklich
dem A. das Geld zurückgeben. Im krampfhaften Ge-
horsam verdrängte er sein besseres Wissen, daß der Haupt-
mann seine Mahnung auf eine irrige Voraussetzung gründe:
„Ja, du mußt dem A. das Geld zurückgeben, wie der Stell-
vertreter des Vaters verlangt hat. Der Vater kann nicht
irren.“ Auch die Majestät kann nicht irren, und wenn siestellten, und weil er die in sie fallende Begegnung mit dem
Offizier verdrängt, der ihm vom freundlichen Benehmen des Post-
fräuleins erzählte.42) Wienerisch.
43) Die Absurdität bedeutet also auch in der Sprache des
Zwangsdenkens Hohn so wie im Traume. Siehe „Traumdeutung“
(Ges. Schriften, Bd. II, S. 361f.).S.
347
einen Untertan mit einem ihm nicht gebührenden Titel an-
gesprochen hat, so trägt er fortan diesen Titel.Von diesem Vorgange gelangt in sein Bewußtsein nur un-
deutliche Kunde, aber die Auflehnung gegen das Gebot des
Hauptmannes und der Umschlag ins Gegenteil sind auch im
Bewußtsein vertreten. (Zuerst: Nicht das Geld zurück-
geben, sonst geschieht das . . . [die Rattenstrafe], und dann
die Verwandlung in den gegenteiligen Eidauftrag als Strafe
für die Auflehnung.)Man vergegenwärtige sich noch die Konstellation, in
welche die Bildung der großen Zwangsidee fiel. Er war
durch lange Abstinenz sowie durch das freundliche Ent-
gegenkommen, auf das der junge Offizier bei den Frauen
rechnen darf, libidinös geworden, war überdies in einer.
gewissen Entfremdung von seiner Dame zur Waffenübung
eingerückt. Diese Libidosteigerung machte ihn geneigt, den
uralten Kampf gegen die Autorität des Vaters wieder auf-
zunehmen, und er getraute sich, an sexuelle Befriedigung
bei anderen Frauen zu denken. Die Zweifel am Andenken
des Vaters und die Bedenken gegen den Wert der Geliebten
hatten sich gesteigert; in solcher Verfassung ließ er sich
zur Schmähung gegen beide hinreißen, und dann bestrafte
er sich dafür. Er wiederholte damit ein altes Vorbild. Wenn
er dann nach Schluß der Waffenübung so lange schwankt,
ob er nach Wien reisen oder bleiben und den Eid erfüllen
solle, so stellt er damit in einem die beiden Konflikte dar,
die ihn von jeher bewegt hatten, ob er dem Vater gehor-
sam, und ob er der Geliebten treu bleiben solle.44Noch ein Wort über die Deutung des Inhaltes der Sank-
44) Es ist vielleicht interessant hervorzuheben, daß der Gehor-
sam gegen den Vater wiederum mit der Abwendung von der Dame
zusammenfällt. Wenn er bleibt und dem A. das Geld zurückgibt,
so hat er die Buße gegen den Vater erfüllt und gleichzeitig seineS.
348
tion: sonst wird an den beiden Personen die Rattenstrafe
vollzogen. Sie ruht auf der Geltung zweier infantiler
Sexualtheorien, über die ich an anderer Stelle Auskunft ge-
geben habe.45 Die erste dieser Theorien geht dahin, daß die
Kinder aus dem After herauskommen; die zweite schließt
konsequent mit der Möglichkeit an, daß Männer ebenso-
wohl Kinder kriegen können wie Frauen, Nach den tech-
nischen Regeln der Traumdeutung kann das Aus-dem-
Darm-Herauskommen durch seinen Gegensatz: ein In-den-
Darm-Hineinkriechen (wie bei der Rattenstrafe) dargestellt
werden und umgekehrt.Einfachere Lösungen für so schwere Zwangsideen oder
Lösungen mit anderen Mitteln zu erwarten, ist man wohl
nicht berechtigt. Mit der Lösung, die sich uns ergab, war
des Rattendelirium beseitigt.II) Zur Theorie
a) Einige allgemeine Charaktere der Zwangsbildungen46
Meine im Jahre 1896 gegebene Definition der Zwangs-
vorstellungen, sie seien „verwandelte, aus der Verdrängung
wiederkehrende Vorwürfe, die sich immer auf eine sexuelle,
mit Lust ausgeführte Aktion der Kinderjahre beziehen“,47
erscheint mir heute formell angreifbar, obwohl sie aus denDame gegen die Anziehung eines anderen Magneten verlassen. Der
Sieg in diesem Konflikte verbleibt der Dame, allerdings mit Unter-
stützung der normalen Besinnung.45) Vgl. „Über infantile Sexualtheorien“ (Bd. V der Ges. Schr.).
46) Verschiedene der hier und im nächsten Abschnitte behandel-
ten Punkte sind in der Literatur der Zwangsneurose bereits er-
wähnt worden, wie man aus dem gründlichen Hauptwerke über
diese Krankheitsform, dem 1904 veröffentlichten Buch von L. Lö-
wenfeld, „Die psychischen Zwangserscheinungen“, ersehen kann.47) „Weitere Bemerkungen über die Abwehrneuropsychosen“
(Bd. I der Ges. Schriften).
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Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose1909-004/1932
1909-004/1932/1