»Selbstdarstellung«1925-041/1928
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    Meine frühere Darstellung ergänzend, muß ich angeben, daß
    ich von Anfang an außer der hypnotischen Suggestion eine
    andere Verwendung der Hypnose übte. Ich bediente mich ihrer
    zur Ausforschung des Kranken über die Entstehungsgeschichte
    seines Symptoms, die er im Wachzustand oft gar nicht oder
    nur sehr unvollkommen mitteilen konnte. Dies Verfahren schien
    nicht nur wirksamer als das bloß suggestive Gebot oder Ver-
    bot, es befriedigte auch die Wißbegierde des Arztes, der doch
    ein Recht hatte, etwas von der Herkunft des Phänomens zu er-
    fahren, das er durch die monotone suggestive Prozedur aufzu-
    heben strebte.

    Zu diesem anderen Verfahren war ich aber auf folgende Weise
    gekommen. Noch im Brückeschen Laboratorium wurde ich mit
    Dr. Josef Breuer bekannt, einem der angesehensten Familienärzte
    Wiens, der aber auch eine wissenschaftliche Vergangenheit hatte,
    da mehrere Arbeiten von bleibendem Werte über die Physiologie
    der Atmung und über das Gleichgewichtsorgan von ihm herrührten.
    Er war ein Mann von überragender Intelligenz, vierzehn Jahre
    älter als ich; unsere Beziehungen wurden bald intimer, er wurde
    mein Freund und Helfer in schwierigen Lebenslagen. Wir hatten
    uns daran gewöhnt, alle wissenschaftlichen Interessen miteinander
    zu teilen. Natürlich war ich der gewinnende Teil in diesem Ver-
    hältnis. Die Entwicklung der Psychoanalyse hat mich dann seine

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    Freundschaft gekostet. Es wurde mir nicht leicht, diesen Preis
    dafür zu zahlen, aber es war unausweichlich.

    Breuer hatte mir, schon ehe ich nach Paris ging, Mitteilungen
    über einen Fall von Hysterie gemacht, den er in den Jahren 1880
    bis 1882 auf eine besondere Art behandelt, wobei er tiefe Einblicke
    in die Verursachung und Bedeutung der hysterischen Symptome
    gewinnen konnte. Das war also zu einer Zeit geschehen, als die
    Arbeiten Janets noch der Zukunft angehörten. Er las mir wieder-
    holt Stücke der Krankengeschichte vor, von denen ich den Eindruck
    empfing, hier sei mehr für das Verständnis der Neurose geleistet
    worden als je zuvor. Ich beschloß bei mir, Charcot von diesen
    Funden Kunde zu geben, wenn ich nach Paris käme, und tat dies
    dann auch. Aber der Meister zeigte für meine ersten Andeutungen
    kein Interesse, so daß ich nicht mehr auf die Sache zurückkam
    und sie auch bei mir fallen ließ.

    Nach Wien zurückgekehrt, wandte ich mich wieder der Breuer-
    schen Beobachtung zu und ließ mir mehr von ihr erzählen. Die
    Patientin war ein junges Mädchen von ungewöhnlicher Bildung
    und Begabung gewesen, die während der Pflege ihres zärtlich
    geliebten Vaters erkrankt war. Als Breuer sie übernahm, bot sie
    ein buntes Bild von Lähmungen mit Kontrakturen, Hemmungen
    und Zuständen von psychischer Verworrenheit. Eine zufällige Be-
    obachtung ließ den Arzt erkennen, daß sie von einer solchen
    Bewußtseinstrübung befreit werden konnte, wenn man sie ver-
    anlaßte, in Worten der affektiven Phantasie Ausdruck zu geben,
    von der sie eben beherrscht wurde. Breuer gewann aus dieser
    Erfahrung eine Methode der Behandlung. Er versetzte sie in tiefe
    Hypnose und ließ sie jedesmal von dem erzählen, was ihr Gemüt
    bedrückte. Nachdem die Anfälle von depressiver Verworrenheit auf
    diese Weise überwunden waren, verwendete er dasselbe Verfahren
    zur Aufhebung ihrer Hemmungen und körperlichen Störungen.
    Im wachen Zustande wußte das Mädchen so wenig wie andere
    Kranke zu sagen, wie ihre Symptome entstanden waren, und fand

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    kein Band zwischen ihnen und irgendwelchen Eindrücken ihres
    Lebens. In der Hypnose entdeckte sie sofort den gesuchten Zu-
    sammenhang. Es ergab sich, daß alle ihre Symptome auf eindrucks-
    volle Erlebnisse während der Pflege des kranken Vaters zurück-
    gingen, also sinnvoll waren, und Resten oder Reminiszenzen dieser
    affektiven Situationen entsprachen. Gewöhnlich war es so zugegan-
    gen, daß sie am Krankenbett des Vaters einen Gedanken oder
    Impuls hatte unterdrücken müssen; an dessen Stelle, in seiner
    Vertretung, war dann später das Symptom erschienen. In der Regel
    war aber das Symptom nicht der Niederschlag einer einzigen
    „traumatischen“ Szene, sondern das Ergebnis der Summation von
    zahlreichen ähnlichen Situationen. Wenn nun die Kranke in der
    Hypnose eine solche Situation halluzinatorisch wieder erinnerte
    und den damals unterdrückten seelischen Akt nachträglich unter
    freier Affektentfaltung zu Ende führte, war das Symptom weg-
    gewischt und trat nicht wieder auf. Durch dies Verfahren gelang
    es Breuer in langer und mühevoller Arbeit, seine Kranke von
    all ihren Symptomen zu befreien.

    Die Kranke war genesen und seither gesund geblieben, ja be-
    deutsamer Leistungen fähig geworden. Aber über dem Ausgang
    der hypnotischen Behandlung lastete ein Dunkel, das Breuer mir
    niemals aufhellte; auch konnte ich nicht verstehen, warum er
    seine, wie mir schien, unschätzbare Erkenntnis so lange geheim-
    gehalten hatte, anstatt die Wissenschaft durch sie zu bereichern.
    Die nächste Frage aber war, ob man verallgemeinern dürfe, was
    er an einem einzigen Krankheitsfalle gefunden. Die von ihm auf-
    gedeckten Verhältnisse erschienen mir so fundamentaler Natur, daß
    ich nicht glauben konnte, sie würden bei irgendeinem Falle von
    Hysterie vermißt werden können, wenn sie einmal bei einem
    einzigen nachgewiesen waren. Doch konnte nur die Erfahrung
    darüber entscheiden. Ich begann also die Breuerschen Unter-
    suchungen an meinen Kranken zu wiederholen und tat, besonders
    nachdem mir der Besuch bei Bernheim 1889 die Begrenzung

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    in der Leistungsfähigkeit der hypnotischen Suggestion gezeigt hatte,
    überhaupt nichts anderes mehr. Als ich mehrere Jahre hindurch
    immer nur Bestätigungen gefunden hatte, bei jedem Falle von
    Hysterie, der solcher Behandlung zugänglich war, auch bereits
    über ein stattliches Material von Beobachtungen verfügte, die der
    seinigen analog waren, schlug ich ihm eine gemeinsame Publikation
    vor, gegen die er sich anfangs heftig sträubte. Er gab endlich nach,
    zumal da unterdes Janets Arbeiten einen Teil seiner Ergebnisse,
    die Zurückführung hysterischer Symptome auf Lebenseindrücke
    und deren Aufhebung durch hypnotische Reproduktion in statu
    nascendi vorweggenommen hatten. Wir ließen 1893 eine vorläufige
    Mitteilung erscheinen: „Über den psychischen Mechanismus
    hysterischer Phänomene.“ 1895 folgte unser Buch „Studien über
    Hysterie“.

    Wenn die bisherige Darstellung beim Leser die Erwartung erweckt
    hat, die „Studien über Hysterie“ würden in allem Wesentlichen
    ihres materiellen Inhalts Breuers geistiges Eigentum sein, so ist
    das genau dasjenige, was ich immer vertreten habe und auch diesmal
    aussagen wollte. An der Theorie, welche das Buch versucht, habe
    ich in heute nicht mehr bestimmbarem Ausmaße mitgearbeitet.
    Diese ist bescheiden, geht nicht weit über den unmittelbaren Aus-
    druck der Beobachtungen hinaus. Sie will nicht die Natur der Hysterie
    ergründen, sondern bloß die Entstehung ihrer Symptome beleuchten.
    Dabei betont sie die Bedeutung des Affektlebens, die Wichtigkeit
    der Unterscheidung zwischen unbewußten und bewußten (besser:
    bewußtseinsfähigen) seelischen Akten, führt einen dynamischen Faktor
    ein, indem sie das Symptom durch die Aufstauung eines Affekts
    entstehen läßt, und einen ökonomischen, indem sie dasselbe Sym-
    ptom als das Ergebnis der Umsetzung einer sonst anderswie ver-
    wendeten Energiemenge betrachtet (sog. Konversion). Breuer
    nannte unser Verfahren das kathartische; als dessen therapeuti-
    sche Absicht wurde angegeben, den zur Erhaltung des Symptoms
    verwendeten Affektbetrag, der auf falsche Bahnen geraten und dort

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    gleichsam eingeklemmt war, auf die normalen Wege zu leiten, wo
    er zur Abfuhr gelangen konnte (abreagieren). Der praktische
    Erfolg der kathartischen Prozedur war ausgezeichnet. Die Mängel,
    die sich später herausstellten, waren die einer jeden hypnotischen
    Behandlung. Noch jetzt gibt es eine Anzahl von Psychotherapeuten,
    die bei der Katharsis im Sinne Breuers stehen geblieben sind und
    sie zu loben wissen. In der Behandlung der Kriegsneurotiker des
    deutschen Heeres während des Weltkriegs hat sie sich als abkürzendes
    Heilverfahren unter den Händen von E. Simmel von neuem bewährt.
    Von der Sexualität ist in der Theorie der Katharsis nicht viel die
    Rede. In den Krankengeschichten, die ich zu den „Studien“ bei
    gesteuert, spielen Momente aus dem Sexualleben eine gewisse Rolle,
    werden aber kaum anders gewertet als sonstige affektive Erregungen.
    Von seiner berühmt gewordenen ersten Patientin erzählt Breuer,
    das Sexuale sei bei ihr erstaunlich unentwickelt gewesen. Aus den
    „Studien über Hysterie“ hätte man nicht leicht erraten können,
    welche Bedeutung die Sexualität für die Ätiologie der Neurosen hat.

    Das nun folgende Stück der Entwicklung, den Übergang von
    der Katharsis zur eigentlichen Psychoanalyse, habe ich bereits mehr
    mals so eingehend beschrieben, daß es mir schwer fallen wird, hier
    etwas Neues vorzubringen. Das Ereignis, welches diese Zeit ein
    leitete, war der Rücktritt Breuers von unserer Arbeitsgemeinschaft,
    so daß ich sein Erbe allein zu verwalten hatte. Es hatte schon
    frühzeitig Meinungsverschiedenheiten zwischen uns gegeben, die
    aber keine Entzweiung begründeten. In der Frage, wann ein seeli-
    scher Ablauf pathogen, d. h. von der normalen Erledigung aus
    geschlossen werde, bevorzugte Breuer eine sozusagen physiologische
    Theorie; er meinte, solche Vorgänge entzögen sich dem normalen
    Schicksal, die in außergewöhnlichen – hypnoiden – Seelenzuständen
    entstanden seien. Damit war eine neue Frage, die nach der Her-
    kunft solcher Hypnoide, aufgeworfen. Ich hingegen vermutete eher
    ein Kräftespiel, die Wirkung von Absichten und Tendenzen, wie
    sie im normalen Leben zu beobachten sind. So stand „Hypnoid-

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    hysterie“ gegen „Abwehrneurose“. Aber dieser und ähnliche Gegen
    sätze hätten ihn wohl der Sache nicht abwendig gemacht, wenn
    nicht andere Momente hinzugetreten wären. Das eine derselben
    war gewiß, daß er als Internist und Familienarzt stark in Anspruch
    genommen war und nicht wie ich seine ganze Kraft der katharti-
    schen Arbeit widmen konnte. Ferner wurde er durch die Aufnahme
    beeinflußt, welche unser Buch in Wien wie im Reiche draußen
    gefunden hatte. Sein Selbstvertrauen und seine Widerstandsfähigkeit
    standen nicht auf der Höhe seiner sonstigen geistigen Organisation.
    Als z. B. die „Studien“ von Strümpell eine harte Abweisung er-
    fuhren, konnte ich über die verständnislose Kritik lachen, er aber
    kränkte sich und wurde entmutigt. Am meisten trug aber zu seinem
    Entschluß bei, daß meine eigenen weiteren Arbeiten eine Richtung
    einschlugen, mit der er sich vergeblich zu befreunden versuchte.

    Die Theorie, die wir in den „Studien“ aufzubauen versucht
    hatten, war ja noch sehr unvollständig gewesen, insbesondere das
    Problem der Ätiologie, die Frage, auf welchem Boden der patho-
    gene Vorgang entstehe, hatten wir kaum berührt. Nun zeigte mir
    eine rasch sich steigernde Erfahrung, daß nicht beliebige Affekt-
    erregungen hinter den Erscheinungen der Neurose wirksam waren,
    sondern regelmäßig solche sexueller Natur, entweder aktuelle sexuelle
    Konflikte oder Nachwirkungen früherer sexueller Erlebnisse. Ich
    war auf dieses Resultat nicht vorbereitet, meine Erwartung hatte
    keinen Anteil daran, ich war vollkommen arglos an die Unter-
    suchung der Neurotiker herangetreten. Als ich 1914 die „Geschichte
    der psychoanalytischen Bewegung“ schrieb, tauchte in mir die
    Erinnerung an einige Aussprüche von Breuer, Charcot und
    Chrobak auf, aus denen ich eine solche Erkenntnis hätte früh-
    zeitig gewinnen können. Allein ich verstand damals nicht, was
    diese Autoritäten meinten; sie hatten mir mehr gesagt, als sie
    selbst wußten und zu vertreten bereit waren. Was ich von ihnen
    gehört hatte, schlummerte unwirksam in mir, bis es bei Gelegen-
    heit der kathartischen Untersuchungen als anscheinend originelle

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    „Selbstdarstellung“

    Erkenntnis hervorbrach. Auch wußte ich damals noch nicht, daß
    ich mit der Zurückführung der Hysterie auf Sexualität bis auf die
    ältesten Zeiten der Medizin zurückgegriffen und an Plato ange-
    knüpft hatte. Ich erfuhr es erst später aus einem Aufsatz von
    Havelock Ellis.

    Unter dem Einfluß meines überraschenden Fundes machte ich
    nun einen folgenschweren Schritt. Ich ging über die Hysterie hin-
    aus und begann, das Sexualleben der sogenannten Neurastheniker
    zu erforschen, die sich zahlreich in meiner Sprechstunde einzu-
    finden pflegten. Dieses Experiment kostete mich zwar meine Be-
    liebtheit als Arzt, aber es trug mir Überzeugungen ein, die sich
    heute, fast dreißig Jahre später, noch nicht abgeschwächt haben. Man
    hatte viel Verlogenheit und Geheimtuerei zu überwinden, aber
    wenn das gelungen war, fand man, daß bei all diesen Kranken
    schwere Mißbräuche der Sexualfunktion bestanden. Bei der großen
    Häufigkeit solcher Mißbräuche einerseits, der Neurasthenie ander-
    seits, hatte ein häufiges Zusammentreffen beider natürlich nicht
    viel Beweiskraft, aber es blieb auch nicht bei dieser einen groben
    Tatsache. Schärfere Beobachtung legte mir nahe, aus dem bunten
    Gewirre von Krankheitsbildern, die man mit dem Namen Neur-
    asthenie deckte, zwei grundverschiedene Typen herauszugreifen,
    die in beliebiger Vermengung vorkommen konnten, aber doch in
    reiner Ausprägung zu beobachten waren. Bei dem einen Typus
    war der Angstanfall das zentrale Phänomen mit seinen Äquivalenten,
    rudimentären Formen und chronischen Ersatzsymptomen; ich hieß
    ihn darum auch Angstneurose. Auf den anderen Typus be-
    schränkte ich die Bezeichnung Neurasthenie. Nun war es leicht
    festzustellen, daß jedem dieser Typen eine andere Abnormität des
    Sexuallebens als ätiologisches Moment entsprach (Coitus interruptus,
    frustrane Erregung, sexuelle Enthaltung hier, exzessive Mastur-
    bation, gehäufte Pollutionen dort). Für einige besonders instruktive
    Fälle, in denen eine überraschende Wendung des Krankheitsbildes
    von dem einen Typus zum anderen stattgefunden hatte, gelang

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    es auch, nachzuweisen, daß ein entsprechender Wechsel des sexuellen
    Regimes zugrunde lag. Konnte man den Mißbrauch abstellen und
    durch normale Sexualtätigkeit ersetzen, so lohnte sich dies durch
    eine auffällige Besserung des Zustandes.

    So wurde ich dazu geführt, die Neurosen ganz allgemein als
    Störungen der Sexualfunktion zu erkennen, und zwar die soge-
    nannten Aktualneurosen als direkten toxischen Ausdruck, die Psycho-
    neurosen als psychischen Ausdruck dieser Störungen. Mein ärzt-
    liches Gewissen fühlte sich durch diese Aufstellung befriedigt. Ich
    hoffte, eine Lücke in der Medizin ausgefüllt zu haben, die bei
    einer biologisch so wichtigen Funktion keine anderen Schädigungen
    als durch Infektion oder grobe anatomische Läsion in Betracht
    ziehen wollte. Außerdem kam der ärztlichen Auffassung zugute,
    daß die Sexualität ja keine bloß psychische Sache war. Sie hatte
    auch ihre somatische Seite, man durfte ihr einen besonderen Che-
    mismus zuschreiben und die Sexualerregung von der Anwesenheit
    bestimmter, wenn auch noch unbekannter Stoffe ableiten. Es mußte
    auch seinen guten Grund haben, daß die echten, spontanen Neu-
    rosen mit keiner anderen Krankheitsgruppe so viel Ähnlichkeit
    zeigen wie mit den Intoxikations- und Abstinenzerscheinungen,
    hervorgerufen durch die Einführung und die Entbehrung gewisser
    toxisch wirkender Stoffe oder mit dem M. Basedowii, dessen Ab-
    hängigkeit vom Produkt der Schilddrüse bekannt ist.

    Ich habe später keine Gelegenheit mehr gehabt, auf die Unter-
    suchungen über die Aktualneurosen zurückzukommen. Auch von
    anderen ist dieses Stück meiner Arbeit nicht fortgesetzt worden.
    Blicke ich heute auf meine damaligen Ergebnisse zurück, so kann
    ich sie als erste, rohe Schematisierungen erkennen an einem wahr-
    scheinlich weit komplizierteren Sachverhalt. Aber sie scheinen mir
    im ganzen heute noch richtig zu sein. Gern hätte ich später noch
    Fälle von reiner juveniler Neurasthenie dem psychoanalytischen
    Examen unterzogen; es hat sich leider nicht gefügt. Um mißver-
    ständlichen Auffassungen zu begegnen, will ich betonen, daß es

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    mir ferne liegt, die Existenz des psychischen Konflikts und der
    neurotischen Komplexe bei der Neurasthenie zu leugnen. Die Be-
    hauptung geht nur dahin, daß die Symptome dieser Kranken nicht
    psychisch determiniert und analytisch auflösbar sind, sondern als
    direkte toxische Folgen des gestörten Sexualchemismus aufgefaßt
    werden müssen.

    Als ich in den nächsten Jahren nach den „Studien“ diese An-
    sichten über die ätiologische Rolle der Sexualität bei den Neurosen
    gewonnen hatte, hielt ich über sie einige Vorträge in ärztlichen
    Vereinen, fand aber nur Unglauben und Widerspruch. Breuer ver-
    suchte noch einige Male, das große Gewicht seines persönlichen
    Ansehens zu meinen Gunsten in die Wagschale zu werfen, aber
    er erreichte nichts, und es war leicht zu sehen, daß die Aner-
    kennung der sexuellen Ätiologie auch gegen seine Neigungen ging.
    Er hätte mich durch den Hinweis auf seine eigene erste Patientin
    schlagen oder irre machen können, bei der sexuelle Momente an-
    geblich gar keine Rolle gespielt hatten. Er tat es aber nie; ich
    verstand es lange nicht, bis ich gelernt hatte, mir diesen Fall
    richtig zu deuten und nach einigen früheren Bemerkungen von
    ihm den Ausgang seiner Behandlung zu rekonstruieren. Nachdem
    die kathartische Arbeit erledigt schien, hatte sich bei dem Mädchen
    plötzlich ein Zustand von „Übertragungsliebe“ eingestellt, den er
    nicht mehr mit ihrem Kranksein in Beziehung brachte, so daß er
    sich bestürzt von ihr zurückzog. Es war ihm offenbar peinlich, an
    dieses anscheinende Mißgeschick erinnert zu werden. Im Benehmen
    gegen mich schwankte er eine Weile zwischen Anerkennung und
    herber Kritik, dann traten Zufälligkeiten hinzu, wie sie in ge-
    spannten Situationen niemals ausbleiben, und wir trennten uns
    voneinander.

    Nun hatte meine Beschäftigung mit den Formen allgemeiner
    Nervosität die weitere Folge, daß ich die Technik der Katharsis
    abänderte. Ich gab die Hypnose auf und suchte sie durch eine
    andere Methode zu ersetzen, weil ich die Einschränkung der Be-

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    handlung auf hysteriforme Zustände überwinden wollte. Auch
    hatten sich mir mit zunehmender Erfahrung zwei schwere Be-
    denken gegen die Anwendung der Hypnose selbst im Dienste der
    Katharsis ergeben. Das erste war, daß selbst die schönsten Resultate
    plötzlich wie weggewischt waren, wenn sich das persönliche Ver-
    hältnis zum Patienten getrübt hatte. Sie stellten sich zwar wieder
    her, wenn man den Weg zur Versöhnung fand, aber man wurde
    belehrt, daß die persönliche affektive Beziehung doch mächtiger
    war als alle kathartische Arbeit, und gerade dieses Moment entzog
    sich der Beherrschung. Sodann machte ich eines Tages eine Er-
    fahrung, die mir in grellem Lichte zeigte, was ich längst vermutet
    hatte. Als ich einmal eine meiner gefügigsten Patientinnen, bei
    der die Hypnose die merkwürdigsten Kunststücke ermöglicht hatte,
    durch die Zurückführung ihres Schmerzanfalls auf seine Veran-
    lassung von ihrem Leiden befreite, schlug sie beim Erwachen ihre
    Arme um meinen Hals. Der unvermutete Eintritt einer dienenden
    Person enthob uns einer peinlichen Auseinandersetzung, aber wir
    verzichteten von da an in stillschweigender Übereinkunft auf die
    Fortsetzung der hypnotischen Behandlung. Ich war nüchtern genug,
    diesen Zufall nicht auf die Rechnung meiner persönlichen Unwider-
    stehlichkeit zu setzen und meinte, jetzt die Natur des mystischen
    Elements, welches hinter der Hypnose wirkte, erfaßt zu haben.
    Um es auszuschalten oder wenigstens zu isolieren, mußte ich die
    Hypnose aufgeben.

    Die Hypnose hatte aber der kathartischen Behandlung außer-
    ordentliche Dienste geleistet, indem sie das Bewußtseinsfeld der
    Patienten erweiterte und ihnen ein Wissen zur Verfügung stellte,
    über das sie im Wachen nicht verfügten. Es schien nicht leicht,
    sie darin zu ersetzen. In dieser Verlegenheit kam mir die Erinne-
    rung an ein Experiment zu Hilfe, das ich oft bei Bernheim mit-
    angesehen hatte. Wenn die Versuchsperson aus dem Somnambulis-
    mus erwachte, schien sie jede Erinnerung an die Vorfälle während
    dieses Zustands verloren zu haben. Aber Bernheim behauptete,

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    sie wisse es doch, und wenn er sie aufforderte, sich zu erinnern,
    wenn er beteuerte, sie wisse alles, sie solle es doch nur sagen,
    und ihr dabei noch die Hand auf die Stirne legte, so kamen die
    vergessenen Erinnerungen wirklich wieder, zuerst nur zögernd, und
    dann im Strome und in voller Klarheit. Ich beschloß, es ebenso
    zu machen. Meine Patienten mußten ja auch all das „wissen“,
    was ihnen sonst erst die Hypnose zugänglich machte, und mein
    Versichern und Antreiben, etwa unterstützt durch Handauflegen,
    sollte die Macht haben, die vergessenen Tatsachen und Zusammen-
    hänge ins Bewußtsein zu drängen. Das schien freilich mühseliger
    zu sein als die Versetzung in die Hypnose, aber es war vielleicht
    sehr lehrreich. Ich gab also die Hypnose auf und behielt von ihr
    nur die Lagerung des Patienten auf einem Ruhebett bei, hinter
    dem ich saß, so daß ich ihn sah, aber nicht selbst gesehen wurde.