• S.

    54

    dieser Theorien geht dahin, daß die Kinder aus dem
    After herauskommen. Die zweite schließt consequent mit
    der Möglichkeit an, daß Männer ebensowol Kinder
    kriegen können wie Frauen. Nach den technischen
    Regeln der Traumdeutung kann das aus dem Darm
    Herauskommen durch seinen Gegensatz: ein in
    den Darm Hineinkriechen (wie bei der Rattenstrafe)
    dargestellt werden und umgekehrt.
    Einfachere Lösungen für so schwere Zwangsideen oder
    Lösungen mit anderen Mitteln zu erwarten, ist
    man wol nicht berechtigt. Mit der Lösung, die sich uns
    ergab, war das Rattendelirium beseitigt.

     

    II


    a) Einige allgemeine Charaktere der Zwangsbildungen x)
    Meine im J. 1896 gegebene Definition der Zwangsvor=
    stellungen, sie seien „verwandelte, aus der Verdrängung
    wiederkehrende Vorwürfe, die sich immer auf eine sexuelle
    mit Lust ausgeführte Aktion der Kinder=
    jahre beziehen“ x) erscheint mir heute formell
    x) Sammlung kl. Schriften zur Neurosenlehre 1893-1906.
       p. 118.
    angreifbar obwol sie aus den besten Elementen
    zusammengesetzt ist. Sie strebte zu sehr nach Verein=
    heitlichung und nahm sich den Vorgang der Zwangs=
    kranken selbst zum Muster, welche mit der ihnen
    eigenthümlichen Neigung zur Unbestimmtheit die
    verschiedenartigsten psychischen Bildungen als „Zwangs=
    vorstellungen“ verein zusammenwerfen. x) Es ist in
    x) Der Dieser Mangel der Definition wird im Aufsatze
       selbst verbessert. Es heißt darin: „Die wiederbelebten
       Erinnerungen und die aus ihnen gebildeten Vor=
       würfe treten aber niemals unverändert ins
       Bewußtsein ein, sondern was als Zwangsvorstel=
       lung und Zwangsaffekt bewußt wird, die pathogene
       Erinnerung für das bewußte Leben substi=
       tuirt, sind Compromißbildungen zwischen den
       verdrängten und den verdrängenden Vor=
       stellungen.“ In der Definition ist also ein besonderer
       Accent auf das Wort „verwandelt“ zu
       legen.
    der That korrekter von Zwangsdenken zu sprechen
    und hervorzuheben, daß die Zwangsgebilde den

     

  • S.

    55

    Werth der verschiedenartigsten psychischen Akte haben
    können. Sie lassen sich als Wünsche, Versuchungen,
    Impulse, Reflexionen, Zweifel, Gebote und Verbote
    bestimmen. Die Kranken haben im Allgemeinen das
    Bestreben diese Bestimmtheit abzuschwächen und
    den seines Affektindex beraubten Inhalt
    als Zwangsvorstellung zu führen. Ein Beispiel
    für solche Behandlung eines Wunsches, der
    zur bloßen „Denkverbindung“ herabgesetzt
    werden sollte, bot uns unser Patient in
    einer der ersten Sitzungen. (p. xx).
    Man muß auch bald zugestehen, daß bisher nicht einmal
    die Phänomenologie des Zwangsdenkens entsprechend
    gewürdigt werden konnte. In dem sekundären
    Abwehrkampf, den der Kranke gegen die in sein
    Bewußtsein eingedrungenen „Zwangsvorstellungen“
    führt, kommen Bildungen zu Stande, die einer
    besonderen Benennung würdig sind. Man
    denke z.B. an die Gedankenreihen, die unseren Patienten
    während seiner Rückfahrt von der Waffenübung
    beschäftigten. Es sind nicht rein vernünftige Erwägungen,
    die den Zwangsgedanken entgegengesetzt werden,
    sondern gleichsam Mischlinge zwischen beiden Denkungs-
    arten, sie nehmen gewisse Voraussetzungen der
    Zwangsidee, die sie bekämpfen, in sich auf und stellen
    sich (mit den Mitteln der Vernunft) auf den
    Boden des krankhaften Denkens. Ich meine solche
    Bildungen verdienen den Namen von „Delirien“.
    Ein Beispiel, das ich an seine Stelle in der Kranken-
    geschichte einzufügen bitte, wird die Unterscheidung
    klar machen. Als unser Patient eine Zeit lang
    während seines Studiums dem beschriebenen
    tollen Treiben sich hingegeben hatte, bis in die
    späte Nacht zu arbeiten, dann für den Geist
    des Vaters die Thüre zu öffnen, dann seine
    Genitalien im Spiegel zu beschauen (p. xx),
    suchte er sich mit der Mahnung zurecht zu
    bringen, was wol der Vater dazu sagen
    würde, wenn er wirklich noch am Leben wäre.
    Aber dieses Argument hatte keinen Erfolg, so
    lange es in dieser vernünftigen Form vorgebracht
    wurde; der Spuk hörte erst auf, nachdem er
    dieselbe Idee in die Form einer deliriösen Drohung
    gebracht hatte: Wenn er diesen Unsinn noch einmal
    übe, werde dem Vater im Jenseits ein Übel
    zustoßen.

  • S.

    56

    gebracht hatte: Wenn er diesen Unsinn noch einmal
    übe, werde dem Vater im Jenseits ein Übel
    zustoßen.
    Der Werth der sicherlich berechtigten Unterscheidung
    zwischen primärem und sekundärem Abwehrkampf
    wird in unerwarteter Weise durch die Erkenntniß
    eingeschränkt, daß die Kranken den Wortlaut
    ihrer eigenen Zwangsvorstellungen nicht kennen.
    Es klingt paradox, hat aber seinen guten Sinn. Im
    Verlaufe einer Psychoanalyse wächst nämlich nicht
    nur der Muth des Kranken, sondern gleichsam
    auch der seiner Krankheit; sie getraut sich deut=
    licherer Äußerungen. Um die bildliche Darstellung
    zu verlassen, es geht wol so zu, daß der Kranke
    der sich bisher erschreckt von der Wahrnehmung
    seiner krankhaften Produktionen abgewendet
    hatte, ihnen nun seine Aufmerksamkeit schenkt
    und sie deutlicher und ausführlicher erfährt. x)
    x) bei manchen Kranken geht die Abwendung ihrer
       Aufmerksamkeit soweit, daß sie den Inhalt
       einer Zwangsvorstellung überhaupt nicht angeben,
       eine Zwangshandlung, die sie unzählige Male
       ausgeführt nicht beschreiben können.
    Eine schärfere Kenntniß der Zwangsbildungen
    gewinnt man überdieß auf zwei besonderen
    Wegen. Erstens macht man die Erfahrung, daß die
    Träume den eigentlichen Text des Zwangsgebots
    usw bringen können, der im Wachen nur ver=
    stümmelt und entstellt, wie in einer verunstalteten
    Depesche, bekannt worden ist. Diese Texte treten
    im Traum als Reden auf, entgegen der Regel
    daß Reden im Traum von Reden am Tage her=
    rühren. x) Zweitens gewinnt man in der analyt=
    x) Traumdeutung. p 255. 2 Aufl
    ischen Verfolgung einer Krankengeschichte die Über=
    zeugung, daß oft mehrere auf einander folgende
    aber im Wortlaut nicht identische Zwangsvor=
    stellungen im Grunde doch eine und dieselbe sind.
    Die Zwangsvorstellung ist das erste Mal glücklich

  • S.

    57

    abgewiesen worden, sie kehrt nun ein andermal
    in entstellter Form wieder, wird nicht erkannt
    und kann sich vielleicht gerade in Folge ihrer Entstellung
    im Abwehrkampfe besser behaupten. Die ursprüng-
    liche Form aber ist die richtige, die oft ihren Sinn
    ganz unverhüllt erkennen läßt. Hat man eine
    unverständliche Zwangsidee mühselig aufgeklärt,
    so kann man nicht selten vom Kranken hören,
    daß ein Einfall, Wunsch, Versuchung wie der konstruirte
    wirklich vor der Zwangsidee einmal aufgetreten ist,
    aber sich nicht gehalten hat. Die Beispiele hiefür aus
    der Geschichte unseres Patienten würden leider
    zu umständlich ausfallen.
    Die offiziell so bezeichnete „Zwangsvorstellung“ trägt
    also in ihrer Entstellung gegen den ursprünglichen Wortlaut die Spuren des primären Abwehrkampfes an
    sich. Ihre Entstellung macht sie nun lebensfähig, denn
    das bewußte Denken ist genöthigt, sie in ähnlicher
    Weise mißzuverstehen wie den Trauminhalt, der
    selbst ein Compromiß= u Entstehungsprodukt ist
    und vom wachen Denken weiter mißverstanden
    wird.
    Das Mißverständniß des bewußten Denkens läßt sich nun nicht
    nur an den Zwangsideen selbst sondern auch
    an den Produkten des sekundären Abwehrkampfes,
    z.B. an den Schutzformeln, nachweisen. Hiefür kann
    ich zwei gute Beispiele bringen. Unser Patient
    gebrauchte als Abwehrformel ein rasch ausgesprochenes
    aber, von einer abweisenden Handbewegung
    begleitet. Er erzählte dann einmal, diese Formel
    habe sich in letzter Zeit verändert; er sage nicht
    mehr áber sondern abér. Nach dem Grund
    dieser Fortentwicklung befragt, gab er an, das
    stumme e der zweiten Silbe gebe ihm keine
    Sicherheit gegen die gefürchtete Einmengung
    von etwas Fremdem und Gegensätzlichem, und
    darum habe er beschlossen, das e zu accentuiren.
    Diese Aufklärung, ganz im Stile der Zwangsneurose
    gehalten, erwies sich doch als unzutreffend, sie
    konnte höchstens den Werth einer Rationali-
    sirung beanspruchen; in Wirklichkeit war
    das abér eine Angleichung an Abwehr, welchen

  • S.

    58

    Terminus er aus den theoretischen Gesprächen über
    die Psychoanalyse kannte. Die Kur war also in miß=
    bräuchlicher und deliriöser Weise zur Verstärkung
    einer Abwehrformel verwendet worden. Ein
    andermal sprach er von seinem Hauptzauberwort
    das er zum Schutze gegen alle Anfechtungen aus den
    Anfangsbuchstaben aller heilkräftigen Gebete
    zusammengesetzt und mit einem angehängten „Amen“
    versehen hatte. Ich kann das Wort selbst nicht
    hierhersetzen aus Gründen, die sich sogleich ergeben
    werden. Denn, als ich es erfuhr, mußte ich bemerken,
    daß es vielmehr ein Anagramm des Namens
    seiner verehrten Dame war; in diesem Namen
    war ein S enthalten, welches er ans Ende und
    unmittelbar vor das angehängte Amen
    gesetzt hatte. Er hatte also – mit Recht zu sagen: seinen
    Samen mit der Geliebten zusammengebracht,
    d.h. mit ihrer Person in der Vorstellung onanirt.
    Diesen aufdringlichen Zusammenhang hatte er
    aber selbst nicht bemerkt; die Abwehr hatte
    sich vom Verdrängten narren lassen. Übrigens
    ein gutes Beispiel für den Satz, daß mit der Zeit
    das Abzuwehrende sich regelmäßig Eingang in
    das verschafft, wodurch es abgewehrt wird.
    Wenn behauptet wird, daß die Zwangsgedanken
    eine Entstellung erfahren haben, ähnlich wie die
    Traumgedanken ehe sie zum Trauminhalt werden,
    so darf uns die Technik dieser Entstellung inter=
    essiren und es stünde nichts im Wege, die verschiedenen
    Mittel derselben an einer Reihe von
    übersetzten und verstandenen Zwangsideen dar=
    zulegen. Auch hievon kann ich aber unter den Beding=
    ungen dieser Publikation nur einzelne Proben
    geben. Nicht alle Zwangsideen unseres Patienten
    waren so complicirt gebaut und so schwer aufzuschließen
    wie die große Rattenvorstellung. Bei anderen
    war eine sehr einfache Technik angewendet worden,
    die der Entstellung durch Auslassung – Ellipse –,
    die beim Witz so vorzügliche Anwendung findet,
    aber auch hier ihre Schuldigkeit that thut als Schutz=
    als Schutzmittel gegen das Verständniß that.

  • S.

    59

    Eine seiner ältesten und beliebtesten Zwangsideen
    (vom Wert einer Mahnung oder Warnung) lautete
    z.B.: Wenn ich die Dame heirathe, geschieht dem Vater
    ein Leid. Unglück, (im Jenseits). Setzen wir die über-
    sprungenen und aus der Analyse bekannten Zwischen-
    glieder ein, so lautet der Gedankengang: Wenn
    der Vater lebte, würde so würde er über meinen
    Vorsatz die Dame zu heirathen, ebenso wüthend
    werden wie damals in der Kinderscene, so daß
    ich wiederum eine Wuth gegen ihn bekäme und
    ihm alles böse wünschte, was sich kraft der All-
    macht meiner Wünsche an ihm erfüllen müßte.
    x) Über diese Allmacht siehe später.
    Oder ein anderer Fall von elliptischer Auflösung, gleich-
    falls einer Mahnung oder eines asketischen Verbots. Er hatte
    eine kleine (herzige) Nichte, die er sehr liebte. Eines
    Tages bekam er die Idee: Wenn du dir einen Coitus
    gestattest, wird der Ella ein Unglück geschehen (sterben).
    Mit Einsetzung des Ausgelassenen: Bei jedem Coitus
    auch mit einer Fremden mußt du doch daran
    denken, daß der Sexualverkehr in deiner Ehe
    nie ein Kind zur Folge haben wird, (die
    Sterilität seiner Geliebten). Das wird dir so leid
    thun, daß du auf die kleine Ella neidisch
    werden und der Schwester das Kind nicht gönnen
    wirst. Diese neidischen bösen Regungen müssen
    den Tod des Kindes zur Folge haben. x)
    x) An die Verwendung der Auslassungstechnik beim Witz
       will ich durch zwei Beispiele erinnern, die ich einer
       Schrift von mir entnehme. xx) „In Wien lebt ein
    xx) Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. 1905
       p. 62
       geistreicher und kampflustiger Schriftsteller, der sich durch
       die Schärfe seiner Invectiven wiederholt körperliche
       Mißhandlungen von Seiten der Angegriffenen zuge-
       zogen hat. Als einmal eine neue Missethat dieses
       Schriftstellers habituellen Gegners beredet wurde, äußerte ein
       Dritter: Wenn der X. das hört bekommt er eine
       Ohrfeige...... Der Widersinn vergeht wenn man in
       die Lücke einsetzt: Dann schreibt er einen so bissigen
       Artikel gegen den Betreffenden, daß usf. –
       Dieses elliptische Witz zeigt auch inhaltliche Übereinstimmung
       mit dem obigen ersten Beispiel.

  • S.

    60

    Die elliptische Entstellungstechnik scheint für
    die Zwangsneurose typisch zu sein; ich bin ihr auch
    bei den Zwangsgedanken anderer Patienten
    begegnet. Besonders durchsichtig und durch eine gewisse
    Ähnlichkeit mit der Struktur der Rattenvorstellung
    interessant war ein Fall von Zweifel, bei einer wesentlich
    an Zwangshandlungen leidenden Dame. Sie gieng
    mit ihrem Manne in Nürnberg spazieren und ließ
    sich von ihm in einen Laden begleiten in dem sie
    verschiedene Gegenstände fürs Kind, darunter
    auch einen Kamm, einkaufte. Der Mann, dem das
    Wählen zu lange dauerte, gab an, er habe auf dem
    Wege einige Münzen bei einem Antiquar
    gesehen, die er erwerben wolle; er werde nach-
    her nach ihr aus diesem Laden abholen. Er blieb
    aber nach ihrer Schätzung viel zu lange aus. Als
    er wiederkam und auf die Frage, wo er sich aufgehalten
    antwortete: Eben bei jenem Antiquar, bekam
    sie in demselben Moment den quälenden Zweifel,
    ob sie den fürs Kind gekauften Kamm nicht vielmehr
    seit jeher besessen habe. Natürlich verstand sie den
    simplen Zusammenhang nicht aufzudecken. Wir können
    gar nicht anders als diesen Zweifel für einen
    verschobenen erklären und den vollständigen
    unbewußten Gedanken in folgender Art konstruiren:
    Wenn es wahr ist, daß du nur beim Antiquar
    warst, wenn ich das glauben soll, dann kann ich
    ebenso glauben, daß ich diesen eben gekauften
    Kamm schon seit Jahren besitze. Also eine höhnische
    persiflierende Gleichstellung, ähnlich wie der Gedanke
    unseres Patienten: Ja so gewiß die beiden Kinder
    bekommen werden, so gewiß werde ich dem A. das
    Geld zurückgeben. Bei der Dame hieng der
    Zweifel an der ihr unbewußten Eifersucht, die
    sie annehmen ließ, ihr Mann habe das Interval
    zu einem galanten Besuch benützt.
    Eine psychologische Würdigung des Zwangsdenkens
    versuche ich diesmal nicht zu unternehmen. Sie
    würde außerordentlich sehr werthvolle Ergebnisse
    bringen und zur Klärung unserer Einsichten in das
    Wesen des Bewußten und Unbewußten
    mehr leisten als das Studium der Hysterie und

  • S.

    61

    der psychologischen Erscheinungen. Es wäre sehr wünschenswerth
    daß die Philosophen und Psychologen, welche vom Hörensagen
    her oder aus ihren conventionellen Definitionen
    scharfsinnige Lehren über das Unbewußte entwickeln
    sich vorher die entscheidenden Eindrücke aus den Erscheinungen
    des Zwangsdenkens holten; man könnte es beinahe
    fordern wenn es nicht so viel mühseliger wäre
    als die ihnen sonst vertrauten Arbeitsweisen.
    Ich werde hier nur noch anführen, daß bei der Zwangs-
    neurose gelegentlich die unbewußten seelischen Vor-
    gänge in reinster, unentstellter Form zum Be-
    wußtsein durchbrechen, daß der Durchbruch von
    den verschiedensten Stadien des unbewußten Denkprozesses
    her erfolgen kann, und daß die Zwangsvorstellungen
    im Moment des Durchbruchs meist als längst
    bestehende Bildungen erkannt werden können. Daher
    die auffällige Erscheinung, daß der Zwangskranke,
    wenn man mit ihm dem ersten Auftreten einer
    Zwangsidee nachforscht, dieselbe im Laufe der
    Analyse immer weiter nach rückwärts verlegen
    muß, immer neue erste Veranlassungen für
    sie findet.
    b) Einige psychologische Besonderheiten der Zwangs-
    kranken – ihr Verhältniß zur Realität, zum Aber-
    glauben und zum Tod.
    Ich habe hier einige seelische Charaktere der Zwangs-
    kranken zu behandeln, welche an sich nicht wichtig
    scheinen, aber auf dem Wege zum Verständniß
    von Wichtigerem liegen. Sie waren bei meinem
    Patienten sehr deutlich ausgesprochen, – ich weiß
    aber daß sie nicht seiner Individualität sondern
    seinem Leiden zuzurechnen sind und sich in ganz
    typischer Weise bei anderen Zwangskranken
    wiederfinden.
    Unser Patient war in hohem Grade abergläubisch,
    und dies zwar, obwol er ein hochgebildeter aufgeklärter
    Mann von bedeutendem Scharfsinn war und zu
    Zeiten versichern konnte, daß er von all dem
    Plunder nichts für wahr halte. Er war also
    abergläubisch und war es doch nicht und unterschied
    sich doch deutlich von den ungebildeten Abergläubischen
    die sich eins mit ihrem Glauben fühlen. Er schien

  • S.

    62

    zu verstehen, daß sein Aberglaube von seinem
    Zwangsdenken abhieng, obwol er sich zu Zeiten
    voll zu ihm bekannte. Ein so widerspruchsvolles und
    schwankendes Benehmen läßt sich am ehesten unter
    dem Gesichtswinkel eines bestimmten Erklärungsversuches
    Erklärungsversuches erfassen. Ich habe nicht gezögert
    anzunehmen, daß er betreffs dieser Dinge zwei
    verschiedene und entgegengesetzte Überzeugungen
    hatte, und nicht etwa eine noch unfertige Meinung.
    Zwischen diesen beiden Meinungen oscillirte er
    dann in sichtbarster Abhängigkeit von seiner
    sonstigen Stellung zum Zwangsleiden. Sowie er
    eines Zwanges Herr geworden war, belächelte
    er seine Leichtgläubigkeit mit überlegenem
    Verständniß, und es ereignete sich ihm nichts,
    was ihn hätte erschüttern können, und sobald er
    wieder unter die Herrschaft eines ungelösten Zwanges –
    oder was gleichwerthig ist: eines Widerstandes –
    gekommen war, erlebte er die sonderbarsten Zufälle
    welche der gläubigen Überzeugung zu Hilfe kamen.
    Sein Aberglaube war immerhin der eines
    gebildeten Mannes und sah von Abgeschmacktheiten
    wie die Angst vor dem Freitag, vor der Zahl 13 u dgl.
    ab. Er glaubte aber an Vorzeichen, an prophetische
    Träume, begegnete beständig jenen Personen, mit
    denen er sich unerklärlicher Weise eben beschäftigt
    hatte und erhielt Briefe von Correspondenten,
    die sich ihm nach den längsten Pausen plötzlich in
    geistige Erinnerung gebracht hatten. Dabei war er rechts-
    schaffen genug oder vielmehr soweit seiner offiziellen
    Überzeugung getreu, daß er Fälle nicht vergessen hatte,
    in denen die intensivsten Ahnungen zu nichts
    gekommen waren, z.B. einmal als er sich in den Sommer-
    aufenthalt begab die sichere Ahnung, er werde nicht
    mehr lebend nach Wien zurückkehren. Auch gab er
    zu, daß die größte Mehrzahl der Vorzeichen Dinge
    betrafen, die keine besondere Bedeutung
    für seine Person hatten, und daß, wenn er
    einem Bekannten begegnete, an den er sehr lange
    nicht und gerade wenige Momente vorher gedacht
    hatte, sich zwischen diesem wundersam Erschauten
    und ihm weiter nichts zutrug. Natürlich war es
    auch nicht im Stande es in Abrede zu stellen, daß

  • S.

    63

    alles Bedeutsame seines Lebens sich ohne Vorzeichen
    zugetragen hatte, sowie er z.B. vom Tode des Vaters
    ahnungslos überrascht worden war. Aber alle solche Argumente
    änderten an dem Zwiespalt seiner Überzeugungen
    nichts und erwiesen nur den Zwangscharakter seines
    Aberglaubens, der bereits aus dessen mit dem
    Widerstand gleichsinnigen Schwankungen zu erschließen
    war.
    Ich war natürlich nicht in der Lage, alle seine älteren Wundergeschichten
    rationell aufzuklären, aber für das, was sich von
    ähnlichen Dingen während der Zeit der Behandlung
    ereignete, konnte ich ihm nachweisen, daß er selbst
    beständig an der Fabrikation der Wunder be-
    theiligt sei und welcher Mittel er sich dabei bediene.
    Er arbeitete mit dem indirecten Sehen und Lesen, mit
    Vergessen und vor Allem mit Gedächtnißtäuschungen.
    Am Ende half er mir selbst, die kleinen Taschenspieler-
    künste aufzudecken, durch welche jene Wunder
    gemacht wurden. Als interessante infantile Wurzel
    seines Glaubens an das Eintreffen von Ahnungen
    und Vorhersagen ergab sich einmal die Erinnerung,
    daß die Mutter so oft, wenn ein Termin gewählt
    werden sollte, gesagt hatte: An dem und dem Tage
    kann ich nicht; da werde ich liegen müssen. Und wirklich
    lag sie an dem angekündigten Tage jedesmal zu
    Bett!
    Unverkennbar, daß es ihm ein Bedürfniß war,
    im Erleben solche Stützpunkte für seinen Aberglauben
    zu finden, daß er darum die bekannten unerklär-
    lichen Zufälligkeiten des Alltags so sehr beachtete
    und mit dem unbewußten Thun nachhalf, wo diese
    nicht ausreichten. Dies Bedürfniß habe ich bei vielen
    anderen Zwangskranken gefunden und vermuthe
    es bei noch mehreren. Es scheint mir aus dem
    psychologischen Charakter der Zwangsneurose gut
    erklärlich. Wie ich vorhin (p.xx) auseinandergesetzt,
    erfolgt bei dieser Störung die Verdrängung
    nicht durch Amnesie sondern durch Zerreißung
    von causalen Zusammenhängen in Folge von
    Affektentziehung. Eine gewisse mahnende Kraft
    – die ich an anderer Stelle mit einer endopsychischen
    Wahrnehmung verglichen habe x) – scheint nun diesen
    verdrängten Beziehungen zu verbleiben, so daß sie
    x) Zur Psychopathologie des Alltagslebens. p 117, 2 Auf. 1907

  • S.

    64

    auf dem Wege der Projektion in die Außenwelt
    eingetragen werden und dort Zeugniß ablegen für das
    im Psychischen Unterbliebene.
    Ein anderes, den Zwangskranken gemeinsames seelisches
    Bedürfniß, das mit dem eben erwähnten eine gewisse
    Verwandtschaft hat, und dessen Verfolgung tief in die
    Trieberforschung führt, ist das nach der Unsicherheit
    im Leben oder nach dem Zweifel. Die Herstellung der
    Unsicherheit ist eine der Methoden, welche die
    Neurose anwendet um den Kranken aus der
    Realität zu ziehen und von der Welt zu isoliren,
    was ja in der Tendenz jeder psychoneurotischen
    Störung liegt. Es ist wiederum überdeutlich, wieviel
    die Kranken dazuthun, um einer Sicherheit aus-
    zuweichen und in einem Zweifel verharren zu
    können; ja bei einigen findet diese Tendenz einen
    lebendigen Ausdruck in ihrer Abneigung gegen –
    Uhren, die wenigstens die Zeitbestimmung sichern
    und in ihren unbewußt ausgeführten Kunststückchen,
    jedes solche den Zweifel ausschließende Instrument
    unschädlich zu machen. Unser Patient hatte eine
    besondere Geschicklichkeit in der Vermeidung von
    Auskünften entwickelt welche einer Entscheidung in
    seinem Conflict förderlich gewesen wären. So war er
    über die für die Eheschließung maßgebendsten Ver-
    hältnisse seiner Geliebten nicht aufgeklärt, wußte
    angeblich nicht zu sagen, wer die Operation an ihr ausgeführt
    und ob sie ein- oder doppelseitig gewesen sei. Er
    wurde dazu verhalten, das Vergessene zu erinnern
    und das Vernachlässigte zu erkunden.
    Die Vorliebe der Zwangskranken für die Unsicherheit
    und den Zweifel wird für sie zum Motiv, um ihre
    Gedanken vorzugsweise an jene Themen zu heften,
    wo die Unsicherheit eine allgemein menschliche
    ist, unser Wissen oder unser Urtheil durch Noth-
    wendigkeit dem Zweifel ausgesetzt bleiben müßte. Solche Themen
    sind vor Allem: die Abstammung vom Vater, die Lebens-
    dauer, das Leben nach dem Tode und das Gedächtniß,
    dem wir ja Glauben zu schenken pflegen, ohne für seine
    Verläßlichkeit die mindeste Gewähr zu besitzen.
    x) Lichtenberg: Ob der Mond bewohnt ist, weiß der Astronom
       ungefähr mit der Zuverlässigkeit, mit der er weiß, wer
       sein Vater war, aber nicht mit der, woher er weiß, wer
       seine Mutter gewesen ist.“ – Es war ein großer Kultur-

  • S.

    64 a

    fortschritt, als die Menschen sich entschlossen, den Schluß neben
    das Zeugniß der Sinne zu stellen und vom Mutterrecht zum
    Vaterrecht überzugehen. Prähistorische Figuren in denen
    eine kleinere Gestalt auf dem Kopf einer größeren
    sitzt, stellen die Abstammung vom Vater dar; die
    mutterlose Athene entspringt aus dem Haupte des Zeus.
    Noch in unserer Sprache heißt der Zeuge vor Gericht der
    etwas beglaubigt nach dem männlichen Antheil an
    der Fortpflanzung und schon in den Hiero-
    glyphen wird der Zeuge mit dem Bilde der männlichen
    Genitalien geschrieben.
    Der Unsicherheit des Gedächtnisses bedient sich die Zwangs-
    neurose in ausgiebigster Weise zur Symptombildung; welche
    Rolle Lebensdauer und Jenseits inhaltlich im
    Denken der Kranken spielen, werden wir bald
    erfahren. Ich will als passenden Übergang vorher noch
    jenen Zug des Aberglaubens bei unserem Patienten
    besprechen, dessen Erwähnung an einer früheren
    Stelle (p. xx) gewiß bei mehr als einem Leser Befremden
    erregt haben wird.
    Ich meine die von ihm behauptete Allmacht seiner Gedanken
    und Gefühle, guten und bösen Wünsche. Die Versuchung
    diese Idee für einen Wahn zu erklären, welcher das
    Maß der Zwangsneurose überschreitet ist gewiß
    nicht gering; allein ich habe dieselbe Überzeugung bei
    einem anderen Zwangskranken gefunden, der
    seit langem hergestellt und sich normal betätigt
    und eigentlich benehmen sich alle Zwangsneurotiker
    so, als ob sie diese Überzeugung theilten. Es wird unsere
    Aufgabe sein, diese Überschätzung aufzuklären.
    Nehmen wir ohne Weiteres an, daß in diesem
    Glauben ein Stück des alten Kindergrößenwahnes
    ehrlich eingestanden wird und befragen wir unseren
    Patienten, worauf er seine Überzeugung stützt. Er
    antwortet mit der Berufung auf zwei Erlebnisse.
    Als er zum zweiten Mal in jene Wasserheilanstalt
    kam, in welcher er die erste und einzige Beeinflußung
    seines Leidens erfahren hatte, verlangte er das nämliche
    Zimmer wieder, welches seine Beziehungen zu einer
    der Pflegerinnen durch seine Lage begünstigt hatte.
    Er erhielt die Antwort, das Zimmer sei schon vergeben,
    ein alter Professor habe es bereits bezogen und
    er reagirte auf diese seine Kuraussichten sehr
    herabsetzende Nachricht mit den unfreundlichen
    Worten:

  • S.

    66

    Dafür soll ihn aber der Schlag treffen. Vierzehn Tage
    später erwachte er aus dem Schlaf, durch die Vorstellung
    einer Leiche gestört, und am Morgen hörte er, daß
    den Professor wirklich der Schlag getroffen, und daß
    man ihn etwa um die Zeit seines Erwachens aufs
    Zimmer gebracht habe. Das andere Erlebnis betraf
    ein älteres sehr liebebedürftiges Mädchen, welches
    sich sehr entgegenkommend gegen ihn benahm und ihn
    einmal direkt befragte ob er sie nicht lieb haben
    könne. Er gab eine ausweichende Antwort; einige
    Tage nachher hörte er, daß sich das Mädchen aus dem
    Fenster gestürzt hatte. Er machte sich nun Vorwürfe
    und sagte sich, es wäre in seiner Macht gelegen, sie
    am Leben zu erhalten, wenn er ihr seine Liebe
    geschenkt hätte. Auf solche Weise gewann er die
    Überzeugung von der Allmacht seiner Liebe und
    seines Hasses. Ohne die Allmacht der Liebe zu leugnen
    wollen wir hervorheben, daß es sich in beiden
    Fällen um den Tod handelt, und werden uns der nahe-
    liegenden Erklärung anschließen, daß unser Patient
    wie andere Zwangskranke gezwungen ist die
    Wirkung seiner feindseligen Gefühle in der Außen-
    welt zu überschätzen, weil seiner bewußten
    Kenntniß ein großes Stück der inneren psychischen
    Wirkung derselben Gefühle entgeht. Seine Liebe
    – oder vielmehr sein Haß ist wirklich übermächtig,
    er schafft gerade jene Zwangsgedanken die er nicht
    versteht (deren Herkunft er nicht) und gegen die er
    sich erfolglos wehrt.
    Zum Thema des Todes hatte unser Patient ein ganz besonderes
    Verhältniß. Er nahm an allen Todesfällen warmen
    Antheil, betheiligte sich pietätvoll an den Leichenbegäng-
    nissen, so daß er von den Geschwistern spöttisch der
    Leichenvogel genannt werden konnte; er brachte aber
    auch in der Phantasie beständig Leute um, um
    mit den Hinterbliebenen herzliche Theilnahme zu äußern.
    Der Tod einer älteren Schwester, als er zwischen 3 und
    4 Jahren alt war spielte in seinen Phantasien
    eine große Rolle und war in die engste Beziehung
    zu den Kinderjahren Unthaten jener Jahre gebracht
    worden. Wir wissen ferner wie frühzeitig
    der Gedanke an den Tod des Vaters ihn beschäftigt
    hatte * und dürfen seine Erkrankung selbst als Reaktion
    * (einsetzen!)

  • S.

    67

    auf dieses 15 Jahre vorher im Zwange gewünschte
    Ereigniß auffassen. Nichts anderes als eine Com-
    pensation für diese Todeswünsche gegen den Vater ist die
    befremdliche Erstreckung seiner Zwangsbeſürchtungen
    auf das „Jenseits“. Sie wurde eingeführt, als die Trauer
    um den verstorbenen Vater 1 1/2 J. später eine Auffrisch-
    ung erfuhr und sollte der Realität zum Trotze und dem
    Wunsche, der sich vorher in allerlei Phantasien versucht
    hatte, zu Liebe, den Tod des Vaters wieder aufheben.
    Wir haben den Zusatz „im Jenseits“ an mehreren
    Stellen (p xx) übersetzen gelernt mit den Worten:
    „wenn der Vater noch lebte“.
    Aber nicht viel anders als unser Patient benehmen
    sich andere Zwangskranke, denen das Schicksal nicht
    ein erstes Zusammentreffen mit dem Phänomen
    des Todes in so frühen Jahren beschieden hat. Ihre
    Gedanken beschäftigen sich unausgesetzt mit der Lebens-
    dauer und der Todesmöglichkeit Anderer, ihre
    abergläubischen Neigungen hatten zuerst keinen anderen
    Inhalt u. haben vielleicht überhaupt keinen anderen
    Herkunft. Vor allem aber bedürfen sie der Todes-
    möglichkeit zur Lösung der von ihnen ungelöst gelassenen
    Conflicte. Ihr wesentlicher Charakter ist, daß sie der
    Entscheidung zumal in Liebessachen unfähig sind; sie
    trachten jede Entscheidung hinauszuschieben und
    im Zweifel, für welche Person oder für welche
    Maßregel gegen eine Person sie die Entscheidung
    treffen sollen, muß das alte deutsche Reichsgericht ihr Vorbild
    werden, dessen Processe gewöhnlich durch den Tod der
    streitenden Parteien vor dem Richterspruch be-
    endigt wurden. So lauern sie in jedem Lebensconflict
    auf den Tod eines der für sie bedeutsamen Personen, zumeist
    einer geliebten Person, sei es eines Theils der
    Eltern, sei es eines Nebenbuhlers oder eines der
    Liebesobjekte, zwischen denen ihre Neigung schwankt.
    Mit dieser Würdigung des Todescomplexes bei der
    Zwangsneurose streifen wir aber bereits an
    das Triebleben der Zwangskranken, das uns
    jetzt beschäftigen soll.
    c) Das Triebleben und die Ableitung von
    Zwang und Zweifel.

  • S.

    68

    Wenn wir zur Kenntniß der psychischen Kräfte
    gelangen wollen, deren Gegenspiel diese Neurose
    aufgebaut hat, so müssen wir auf das zurückgreifen
    was wir über die Anlässe seiner Erkrankung im
    reifen Alter und in der Kindheit erfahren haben.
    (bei unserem Patienten) Er erkrankte in den zwanziger Jahren
    als er vor die Versuchung gestellt wurde, ein anderes
    Mädchen als die von ihm längst Geliebte zu heirathen
    und entzog sich der Entscheidung dieses Konfliktes
    durch Aufschub aller für die Vorbereitung
    erforderlichen Thätigkeiten, wozu ihm die Neurose
    die Mittel lieferte. Das Schwanken zwischen der
    Geliebten und der anderen läßt sich auf den
    Konflikt zwischen dem Einfluß des Vaters und
    der Liebe zur Dame reduciren, also auf eine
    Konfliktwahl zwischen Vater und Sexualobjekt, wie sie
    (schon der) den Erinnerungen und Zwangseinfällen
    zufolge schon in früher Kindheit bestanden hatte. Über=
    dieß ist durch sein ganzes Leben unverkennbar,
    daß in Bezug auf seine Geliebte wie auf seinen
    Vater ein Widerstreit von gewisser Liebe und
    Haß bei ihm bestand. Rachephantasien und Zwangs=
    erscheinungen wie der Verstehzwang oder die
    Hantirung mit dem Stein auf der Landstraße
    bezeugen diesen Zwiespalt in ihm, der bis zu einem
    gewissen Grad normal verständlich war, denn
    die Geliebte hatte ihm durch eine erste Abweisung
    und durch spätere Kühle Grund zu feindseligen
    Gefühlen gegeben. Aber die gleiche Zwiespältigkeit
    der Gefühle beherrschte, wie wir durch die Übersetzung
    seiner Zwangsgedanken erfahren haben, sein
    Verhältniß zum Vater, und auch der Vater mußte
    ihm in Kinderzeiten Grund zur Feindseligkeit
    gegeben haben, wie wir fast mit Sicherheit fest=
    stellen konnten. Sein aus Zärtlichkeit und Feind=
    seligkeit zusammengesetztes Verhältniß zur
    Geliebten fiel zum großen Theil in seine bewußte
    Wahrnehmung. Er täuschte sich höchstens über
    das Maß und über den Ausdruck des negativen
    Gefühls, hingegen war die einst intensiv bewußt
    gewesene Feindseligkeit gegen den Vater ihm
    längst entrückt, und konnte nur gegen seinen

  • S.

    69

    heftigsten Widerstand ins Bewußtsein zurückge=
    bracht werden. In der Unterdrückung Verdrängung
    des infantilen Hasses gegen den Vater erblicken
    wir jenen Vorgang, welcher alles weitere
    Geschehen in den Rahmen der Neurose zwang.
    Die einzeln bei unserem Patienten aufge=
    zählten Gefühlskonflikte sind nicht unabhängig
    von einander, sondern paarig mit einander ver=
    lötet. Der Haß gegen die Geliebte mußte sich zur Anhäng=
    lichkeit an den Vater summiren und umgekehrt.
    Aber die zwei Konfliktströmungen, die nach dieser
    Vereinfachung erübrigen, der Gegensatz zwischen
    dem Vater und der Geliebten und der Widerspruch
    von Liebe und Haß in jedem einzelnen Verhältniß
    haben inhaltlich wie genetisch nichts mit einander
    zu schaffen. Der erste der beiden Konflikte ent=
    spricht dem normalen Schwanken zwischen Mann
    und Weib als Objekten der Liebeswahl, welches
    dem Kinde in der berühmten Frage zuerst nahe
    gebracht wird: Wen hast du lieber, Papa oder
    Mama? und das ihn dann durchs Leben
    begleitet trotz aller Verschiedenheiten in der
    Ausbildung der Empfindungsintensitäten
    und in der Fixierung der endgiltigen Sexualziele.
    Nur verliert diese Gegensätzlichkeit normaler
    Weise bald den Charakter des scharfen Wider=
    spruches, des unerbittlichen Entweder – Oder: es
    wird Raum für die Ansprüche beider Theile
    geschaffen, obwol auch beim
    Normalen jederzeit die Werthschätzung des einen Geschlechts durch
    die Entwerthung des anderen gehoben wird.
    Fremdartiger berührt uns der andere der Konflikte
    der zwischen Liebe und Haß. Wir wissen, daß beginnende
    Verliebtheit häufig als Haß wahrgenommen wird,
    daß Liebe, der die Befriedigung versagt ist, sich
    leicht zum Theil in Haß umsetzt, und hören von den
    Dichtern, daß in stürmischen Stadien der Ver=
    liebtheit beide gegensätzliche Gefühle eine Zeit
    lang neben einander wie im Wettstreit
    bestehen können. Aber ein chronisches Neben=
    einander von Liebe und Haß gegen dieselbe
    Person, beide von höchster Intensität, setzt
    uns in Erstaunen. Wir hätten erwartet, daß

  • S.

    70

    die große Liebe längst den Haß überwunden hätte oder von
    ihm aufgezehrt worden wäre. Wirklich ist ein solcher
    Fortbestand der Gegensätze nur unter besonderen
    psychologischen Bedingungen und durch Mitwirkung
    des Unbewußten Zustandes möglich. Die Liebe
    hat den Haß nicht auslöschen, sondern nur ins
    Unbewußte drängen können, und im Unbewußten
    erhält er sich und wächst gegen die Aufhebung durch
    die Bewußtseinswirkung geschützt. Die bewußte
    Liebe pflegt unter diesen Umständen reaktions=
    weise zu einer besonders hohen Intensität anzuschwellen,
    um der ihr constant auferlegten Arbeit gewachsen zu
    sein, ihr Gegenbild im Unbewußten halten zu
    können. Eine sehr frühzeitig, in den prähistorischen
    Kinderjahren erfolgte Scheidung der beiden
    Gegensätze mit Verdrängung des einen Antheils,
    gewöhnlich des Hasses, scheint die Bedingung
    dieser befremdenden Constellation des Liebeslebens
    zu sein. x)
    x) Vgl. die Erörterungen hierüber in einer der
       ersten Sitzungen p xx.
    Wenn man eine Anzahl von Analysen Zwangskranker
    überschaut, so muß man den Eindruck gewinnen
    daß ein solches Verhalten von Liebe und Haß wie
    bei unserem Patienten zu den häufigsten, ausgesprochen=
    sten und darum wahrscheinlich bedeutsamsten Charakteren
    der Zwangsneurose gehört. Aber so verlockend es
    wäre, das Problem der „Neurosenwahl“ auf das Trieb=
    leben zu beziehen, so hat man doch Gründe genug, dieser
    Versuchung aus dem Wege zu gehen und muß sich
    sagen, daß man bei allen Neurosen die nämlichen
    unterdrückten Triebe als Symptomträger aufdeckt.
    Der von der Liebe in der Unterdrückung des Unbe=
    wußten zurückgehaltene Haß spielt doch auch eine
    große Rolle in der Pathogenese der Hysterie
    und der Paranoia. Wir kennen das Wesen der
    Liebe zu wenig, um hier eine bestimmte Entscheidung
    zu treffen, insbesondere das Verhältniß ihres
    negativen Faktors x) zur sadistischen Componente der
    x) „Ja oft habe ich den Wunsch, ihn nicht mehr unter den
       Lebenden zu sehen. Und doch, wenn das je einträfe,
       ich weiß, ich würde noch viel unglücklicher sein, so
       wehrlos, so ganz wehrlos bin ich gegen ihn,“ sagt
       Alkibiades über den Sokrates im Symposion (übersetzt
       von R. Kassner)

  • S.

    71

    Libido ist völlig ungeklärt, es hat daher etwa den Werth
    einer vorläufigen Auskunft, wenn wir sagen: in den
    besprochenen Fällen von unbewußtem Haß sei die
    sadistische Componente der Liebe constitutionell besonders
    stark entwickelt gewesen, habe darum eine vorzeitige
    und allzu gründliche Unterdrückung erfahren und
    nun leiten sich die beobachteten Phänomene der
    Neurose einerseits von der durch Reaktion in die
    Höhe getriebenen bewußten Zärtlichkeit, anderer=
    seits von dem im Unbewußten als Haß fort=
    wirkenden Sadismus ab.
    Wie immer aber dies merkwürdige Verhalten
    von Liebe und Haß zu verstehen sein mag, sein
    Vorkommen ist durch die Beobachtung an unserem
    Patienten über jeden Zweifel erhaben, und es ist
    erfreulich zu sehen, wie leicht begreiflich nun die räthsel=
    haften Vorgänge der Zwangsneurose werden. Steht
    einer intensiven Liebe ein fast ebenso starker Haß
    bindend entgegen, so muß die nächste Folge eine
    partielle Willenslähmung sein, eine Unfähigkeit
    zur Entschließung in all den Aktionen, für welche
    die Liebe das treibende Motiv sein soll. Aber die
    Unentschlossenheit bleibt nicht lange auf eine Gruppe
    von Handlungen beschränkt. Denn erstens, welche
    Handlungen eines Liebenden träten nicht mit seinem
    Hauptmotiv in Beziehung? Zweitens kommt dem
    sexuellen Verhalten eine vorbildliche Macht zu, mit
    der es umformend auf die übrigen Reaktionen
    eines Menschen wirkt, und drittens liegt es im
    psychologischen Charakter der Zwangsneurose, von
    dem Mechanismus der Verschiebung den aus=
    giebigsten Gebrauch zu machen. So breitet sich die
    Entschlußlähmung allmälig über das gesammte
    Thun des Menschen aus. x)
    Damit ist die Herrschaft von Zwang und Zweifel, wie
    sie uns im Seelenleben der Zwangskranken
    entgegentreten gegeben. Der Zweifel entspricht der
    inneren Wahrnehmung der Unentschlossenheit, welche in
    Folge der Hemmung der Liebe durch den Haß, bei jeder
    beabsichtigten Handlung sich des Kranken bemächtigt.
    Er ist eigentlich ein Zweifel an der Liebe, die ja das
    subjektiv Sicherste sein sollte, der auf alles übrige diffundirt
    und sich vorzugsweise auf das indifferenteste Kleinste
    verschoben hat. Wer an seiner Liebe zweifeln muß darf
    x) Vgl. die Vorstellung durch ein Kleinstes als Witztechnik, l. c.
       p 64.

  • S.

    72

    doch auch an allem anderen, geringeren, zweifeln? x)
    x) Hamlets Liebesbriefe an Ophelia:
       Doubt thou the stars are fire;
       Doubt that the sun doth move;
       Doubt truth to be a liar;
       But never doubt I love. (II. 2)
    Es ist derselbe Zweifel, der bei den Schutzmaßregeln zur
    Unsicherheit und zur fortgesetzten Wiederholung führt,
    um diese Unsicherheit zu bannen, der es endlich
    zu Stande bringt, daß diese Schutzhandlungen ebenso
    unvollziehbar werden wie die ursprünglich gehemmte
    Liebesentschließung. Ich mußte anfangs meiner
    Erfahrungen eine andere und allgemeinere
    Ableitung der Unsicherheit bei den Zwangskranken
    annehmen, die sich näher an die Norm anzuschließen
    schien. Wenn ich z.B. während der Abfassung eines
    Briefes durch Zwischenfragen einer anderen Person
    gestört worden bin, so empfinde ich hernach eine
    berechtigte Unsicherheit, was ich wol unter dem Einfluß
    der Störung geschrieben haben mag, und ich bin genöthigt,
    zur Sicherheit den Brief, nachdem er fertig geworden ist,
    nochmals durchzulesen. So konnte ich auch meinen,
    daß die Unsicherheit der Zwangskranken, z.B. bei
    ihren Gebeten daher rühre, daß sich ihnen unaufhörlich
    unbewußte Phantasien als Störer in die Thätigkeit
    des Betens mengten. Diese Annahme war richtig
    und ist doch leicht mit unserer früheren Behauptung
    zu versöhnen. Es trifft zu, daß die Unsicherheit, eine
    Schutzmaßregel vollzogen zu haben, von den störenden
    unbewußten Phantasien herrührt, aber diese Phantasien
    enthalten eben den gegentheiligen Impuls, der gerade
    durch das Gebet abgewehrt werden sollte. Es wird
    dieß einmal überdeutlich bei unserem Patienten, indem
    die Störung nicht unbewußt bleibt, sondern sich laut
    vernehmen läßt. Wenn er beten will: Gott schütze
    sie, so stürzt plötzlich aus dem Unbewußten ein
    feindseliges: nicht dazu heraus, und er hat errathen,
    daß es der Ansatz zu einem Fluch ist (p xx).
    Bliebe dieses „nicht“ stumm, so befände er sich auch in
    Zustande der Unsicherheit und würde sein Beten
    immer mehr verlängern; auf das Lautwerden hin
    hat er endlich das Beten aufgegeben. Ehe er das
    that, versuchte er wie andere Zwangskranke allerlei
    Methoden, um die Einmengung des Gegensatzes

  • S.

    73

    hintanzuhalten, die Verkürzung der Gebete, das beschleunigte
    Aussprechen derselben, andere bemühen sich jede
    solche Schutzaktion sorgfältig von anderem zu „isoliren“.
    Aber alle diese Techniken fruchten auf die Dauer nichts;
    hat der liebevolle Impuls in seiner Verschiebung auf
    eine geringfügige Handlung etwas durchführen können
    so wird ihm der feindselige bald auch dahin folgen
    und sein Werk wieder aufheben.
    Wenn dann der Zwangskranke die schwache Stelle in der
    Sicherung unseres Seelenlebens, die Unverläßlichkeit
    des Gedächtnisses entdeckt hat, so kann er mit ihrer
    Hilfe den Zweifel auf alles ausdehnen, auch auf bereits
    vollzogene Handlungen, die noch nicht in Beziehung zum
    Liebe=Haß=Complex standen und auf die ganze Ver=
    gangenheit. Ich erinnere an das Beispiel jener Frau,
    die eben im Laden einen Kamm für ihre kleine
    Tochter gekauft hatte, und nach dem Argwohn an ihrem
    Mann zu zweifeln begann, ob sie ihn nicht vielmehr
    schon längst besessen. Sagt diese Frau nicht direkt:
    Wenn ich an deiner Liebe zweifle (und das
    ist nur eine Projektion ihres Zweifels an der eigenen
    Liebe zu ihm) so kann ich auch daran, so kann ich
    an allem zweifeln und gibt so den verborgenen
    Sinn des neurotischen Zweifels unserem Verständniß
    Preis?
    Der Zwang aber ist ein Versuch zur Compensation
    des Zweifels und zur Correktur der unerträglichen
    Hemmungszustände, von denen der Zweifel Zeugniß
    ablegt. Ist es endlich mit Hilfe der Verschiebung ge=
    lungen irgend einen der gehemmten Vorsätze zum
    Entschluß zu bringen, so muß dieser ausgeführt
    werden; es ist freilich nicht der ursprüngliche
    mehr, aber die dort aufgestaute Energie wird
    auf die Gelegenheit, an der Ersatzhandlung ihre
    Abfuhr zu finden, nicht mehr verzichten. Sie äußert
    sich also in Geboten und Verboten, indem bald der
    zärtliche, bald der feindselige Impuls diesen Weg
    zur Abfuhr erobert. Die Spannung, wenn das
    Zwangsgebot nicht ausgeführt werden soll, ist
    eine unerträgliche und wird als höchste Angst
    wahrgenommen. Aber der Weg selbst zu der auf
    Kleinstes verschobenen Ersatzhandlung wird so
    heiß umstritten, daß diese meist nur als Schutz=
    maßregel im engsten Anschluß an einen abzu=
    wehrenden Impuls durchgesetzt werden kann.

  • S.

    74

    Durch eine Art von Regression treten ferner vorbereitende
    Akte an die Stelle der endgiltigen Entschließung,
    das Denken ersetzt das Handeln, und irgend eine
    Gedankenvorstufe der That setzt sich mit Zwangs=
    gewalt durch anstatt der Ersatzhandlung. Je nachdem
    diese Regression vom Handeln aufs Denken
    mehr oder weniger ausgeprägt ist, nimmt der Fall von Zwangsneurose
    den Charakter des Zwangsdenkens (Zwangsvor=
    stellung) oder des Zwangshandelns im engeren
    Sinne an. Diese eigentlichen Zwangshandlungen
    werden aber nur dadurch ermöglicht, daß
    in ihnen eine Art Versöhnung der beiden
    einander bekämpfenden Impulse in Compromiß=
    bildungen statt hat. Die Zwangshandlungen nähern
    sich nämlich immer mehr, und je länger das Leiden
    andauert, um so deutlicher, den infantilen Sexual=
    handlungen nach Art der Onanie. So ist es bei
    dieser Form der Neurose doch zu Liebesakten
    gekommen, aber nur mit Zuhilfenahme einer
    neuen Regression, nicht mehr zu Akten, die einer
    Person gelten, dem Objekt von Liebe und
    Haß, sondern zu autoerotischen Handlungen
    wie in der Kindheit.
    Die erstere Regression, die vom Handeln aufs
    Denken, wird durch einen anderen an der Ent=
    stehung der Neurose betheiligten Faktor
    begünstigt. Ein fast regelmäßiges Vor=
    kommniß in den Geschichten der Zwangskranken
    ist das frühzeitige Auftreten und die vorzeitige
    Verdrängung des sexuellen Schau= und Wißtriebes,
    der ja auch bei unserem Patienten ein Stück
    seiner infantilen Sexualbetätigung dirigirt. x)
    x) Hiemit hängt wahrscheinlich auch die im Durchschnitt
       recht große intellektuelle Begabung der Zwangskranken
       zusammen.
    Wir haben der Bedeutung der sadistischen Compo=
    nente für die Genese der Zwangsneurose bereits
    gedacht; wo der Wißtrieb in der Constitution des Zwangs=
    kranken überwiegt, da wird das Grübeln zum
    Hauptsymptom der Neurose. Der Denkvorgang selbst
    wird sexualisirt, indem die sexuelle Lust, die sich
    sonst auf den Inhalt des Denkens bezieht, auf den
    Denkakt selbst gewendet wird, und die Befriedigung
    beim Erreichen eines Denkergebnisses wird als
    sexuelle Befriedigung empfunden. Diese Beziehung
    des Wißtriebes zum Denkvorgängen macht

  • S.

    75

    ihn besonders geeignet, in den verschiedenen Formen
    der Zwangsneurose, an denen er Antheil hat, die
    Energie, die sich vergeblich zur Handlung durchzudringen
    bemüht, aufs Denken zu locken, wo sich die Möglichkeit
    einer andern Art von Lustbefriedigung bietet.
    So kann sich mit Hilfe des Wißtriebes die Ersatzhand=
    lung durch vorbereitende Denkakte weiter
    ersetzen. Der Aufschub im Handeln findet aber seinen
    Ersatz durch das Verweilen im Denken und der
    ganze Proceß ist schließlich mit Erhaltung all
    seiner Eigenthümlichkeiten auf ein neues Gebiet
    übersetzt wie die Amerikaner ein Haus zu „moven“
    vermögen.
    Ich würde mich nun getrauen, den lange gesuchten
    psychologischen Charakter, der den Produkten
    der Zwangsneurose das „Zwangsartige“ verleiht,
    in Anlehnung an die oben stehenden Erörterungen
    zu bestimmen. Zwanghaft werden solche Denkvor=
    gänge, welche (in Folge der Gegensatzhemmung am
    motorischen Ende der Denksysteme) mit einem –
    qualitativ wie quantitativ – sonst nur für das Handeln bestimmten Energie=
    aufwand unternommen werden, also Gedanken, die
    regressiv Thaten vertreten müssen. Die Annahme wird wol
    keinen Widerspruch erfahren, daß das Denken
    sonst aus ökonomischen Gründen mit kleineren Energie=
    verschiebungen (wahrscheinlich auf höherem Niveau) be=
    trieben wird als das zur Abfuhr und zur Ver=
    änderung der Außenwelt bestimmte Handeln.
    Was als Zwangsgedanke überstark zum Bewußtsein
    durchgedrungen ist, muß nun gegen die auflösenden
    Bemühungen des bewußten Denkens versichert
    werden. Wir wissen bereits, daß dieser Schutz durch
    die Entstellung erreicht wird, welche der Zwangs=
    gedanke vor seinem Bewußtwerden erfahren hat.
    Doch ist dieß nicht das einzige Mittel. Überdieß wird
    selten versäumt die einzelne Zwangsidee der
    Situation ihrer Entstehung zu entrücken, in welcher
    sie trotz der Entstellung am leichtesten dem Ver=
    ständniß zugänglich wäre. In dieser Absicht wird
    einerseits ein Intervall zwischen die pathogene
    Situation und die ihr abfolgende Zwangsidee
    eingeschoben, welches die Causalbeforschung des
    bewußten Denkens irre führt. Anderseits wird der
    Inhalt der Zwangsidee durch Verallgemein=
    erung aus seinen speciellen Beziehungen gelöst.

  • S.

    76

    Ein Beispiel hiefür giebt unser Patient im „Versteh=
    zwang“ (p. xx). Ein besseres vielleicht eine andere Kranke
    die sich verbot irgend welchen Schmuck zu tragen obwol
    die Veranlassung auf ein einziges Schmuckstück
    zurückgieng, um welches sie ihre Mutter beneidet
    hatte und von dem sie hoffte es würde ihr dereinst durch
    Erbschaft zufallen. Endlich dient noch zum Schutz der
    Zwangsidee gegen die bewußte Lösungsarbeit der
    unbestimmt oder zweideutig gewählte Wortlaut,
    wenn man diesen von der einheitlichen Entstellung absondern
    will. Dieser mißverstandene Wortlaut kann nun
    in die Delirien eingehen und die weiteren Fort=
    bildungen oder Ersetzungen des Zwanges werden
    an das Mißverständniß anknüpfen anstatt
    an den richtigen Text. Doch kann man beobachten, daß
    diese Delirien bestrebt sind, immer wieder neue
    Beziehungen zu dem nicht im bewußten Denken aufgenommenen
    Gehalt und Wortlaut des Zwanges zu gewinnen.
    - Einer einzigen Bemerkung wegen möchte ich noch
    zum Triebleben der Zwangsneurose zurückkehren.
    Unser Patient erwies sich auch als ein Riecher, der nach
    seiner Behauptung in der Kindheit wie ein Hund jeden
    Menschen nach dem Geruch erkannt hatte und
    dem auch heute noch x) Riechwahrnehmungen mehr
    sagten als Anderen.
    x) Ich füge hinzu, daß in seinen Kinderjahren starke kopro=
       phile Neigungen gewaltet hatten. Dazu die bereits
       betonte Analerotik. (p.xx)
    Ich habe ähnliches auch bei anderen
    Neurotikern, Zwangskranken und Hysterikern
    gefunden und gelernt der Rolle einer seit der
    Kindheit untergegangenen Riechlust in der Genese
    der Neurosen Rechnung zu tragen. x) Ganz allgemein
    x) z.B. bei gewissen Formen des Fetischismus.
    möchte ich die Frage aufwerfen, ob nicht die mit der
    Abkehrung des Menschen vom Erdboden unvermeidlich
    gewordene Verkümmerung des Geruchsinnes und
    die so hergestellte organische Verdrängung der
    Riechlust einen guten Antheil an seiner Befähigung
    zu neurotischen Erkrankungen haben kann. Es
    ergäbe sich ein Verständniß dafür, daß bei
    steigender Cultur gerade das Sexualleben die
    Opfer der Verdrängung bringen muß. Wir
    wissen ja längst, welch inniger Zusammenhang

  • S.

    77

    zwischen dem Sexualtrieb und der Funktion des Riechorgans
    hergestellt ist.
    Zum Schlusse dieser Arbeit will ich die Hoffnung aussprechen
    daß meine in jedem Sinne unvollständigen Mittheilungen
    wenigstens Anderen die Anregung bringen mögen,
    durch weitere Vertiefung in das Studium der Zwangs=
    neurose mehr zu Tage zu fördern. Das Charakteristische
    dieser Neurose, das, was sie von der Hysterie unterscheidet,
    ist meines Erachtens nicht im Triebleben, sondern
    in den psychologischen Verhältnissen zu suchen. Ich kann
    meinen Patienten nicht verlassen ohne dem Eindruck
    Worte zu leihen, daß er gleichsam in drei Persön=
    lichkeiten zerfallen war, ich würde sagen: in eine
    unbewußte und zwei vorbewußte, zwischen denen
    sein Bewußtsein oscilliren konnte. Sein Unbewußtes
    umschloß die frühzeitig unterdrückten, als leidenschaftlich
    und böse zu bezeichnenden Regungen; in seinem
    normalen Zustand war er gut, lebensfroh, überlegen, klug
    und aufgeklärt, aber in einer dritten psychischen
    Organisation huldigte er dem Aberglauben und
    der Askese, so daß er zwei Überzeugungen haben
    und zweierlei Weltanschauungen vertreten konnte.
    Diese vorbewußte Person enthielt vorwiegend die
    Reaktionsbildungen auf seine verdrängten
    Wünsche, und es war leicht vorherzusehen, daß sie
    bei weiterem Bestand der Krankheit die
    normale Person aufgezehrt hätte. Ich habe jetzt
    Gelegenheit eine an schweren Zwangshandlungen
    leidende Dame zu studiren, die in ähnlicher Weise
    in eine tolerante, heitere und in eine schwer ver=
    düsterte, asketische Persönlichkeit zerfallen ist, und
    die erstere als ihr offizielles Ich vorschiebt, während
    sie von der letzteren beherrscht wird. Beide
    psychische Organisationen haben Zugang zu ihrem
    Bewußtsein und hinter der asketischen Person
    ist das ihr völlig unbekannte Unbewußte ihres
    Wesens aufzufinden, bestehend aus uralten,
    längst verdrängten Wunschregungen.