S.
10
Auch möchte ich Ihnen an einem Beispiel
zeigen, wie ferne der analytischen
Technik das Ablenken und Ausreden
liegt. Wenn unser Patient an einem
Schuldgefühl leidet, als ob er ein
schweres Verbrechen begangen hätte,
so raten wir ihm nicht, sich unter Be-
tonung seiner unzweifelhaften
Schuldlosigkeit über diese Gewissens-
qual hinwegzusetzen; das hat er
schon selbst erfolglos versucht.
Sondern wir mahnen ihn daran, daß
eine so starke und andauernde
Empfindung doch in etwas Wirklichem
begründet sein muß, was vielleicht
aufgefunden werden kann.
Es sollte mich wundern, meint der
Unparteiische, wenn Sie durch solches
Zustimmen das Schuldgefühl Ihres
Patienten beschwichtigen könnten. Aber
was sind denn Ihre analytischen
Absichten und was nehmen Sie mit
dem Pat. vor?
II.
Wenn ich Ihnen etwas Verständliches
sagen soll, so muß ich Ihnen wol ein
Stück einer psychologischen Lehre mit-
teilen, die außerhalb der analy-
tischen Kreise nicht bekannt ist oder
nicht gewürdigt wird. Aus dieser Theorie
wird sich leicht ableiten lassen, was wir
von dem Kranken wollen u auf
welche Art wir es erreichen. Ich trage
sie Ihnen dogmatisch vor, als ob sie ein fertiges
Lehrgebäude wäre. Glauben Sie aber nicht
daß sie gleich als solches wie ein philoso-
phisches System entstanden ist. Wir haben sie
sehr langsam entwickelt, um jedes
Stückchen lange gerungen, sie in
stetem Kontakt mit der Beobachtung
fortwährend modifiziert, bis sie endlich
eine Form gewonnen hat, in der
sie uns für unsere Zwecke zu
genügen scheint. Noch vor einigen
Jahren hätte ich diese Lehre in
anderen Ausdrücken kleiden müssen.
Ich kann Ihnen natürlich nicht
dafür einstehen, daß wir in
Ausdrucksform, die definitive
bleiben wird. Die Wissenschaft ist
keine Offenbarung, sie entbehrt lange über ihre Anfänge hin-
weg der Attribute der Bestimmtheit, Unwandelbarkeit, Unfehlbarkeit,
S.
S.
11
entbehrt lange über ihre Anfänge hinaus
der Charaktere der Bestimmtheit, Un-
wandelbarkeit, Unfehlbarkeit, nach
denen sich das menschliche Denken
so sehr sehnt. Aber so wie sie ist, ist sie
alles, was wir haben können. Nehmen
Sie hinzu, daß unsere Wissen-
schaft sehr jung ist, kaum so alt wie
das Jahrhundert, und daß sie sich unge-
fähr mit dem schwierigsten Stoff
beschäftigt, der menschlicher Forschung
vorgelegt werden kann, so werden
Sie sich leicht in die richtige Einstellung
zu meinem Vortrag versetzen
können. Unterbrechen Sie mich aber
nach Ihrem Belieben jedesmal
wenn Sie mir nicht folgen können
oder wenn Sie weitere Aufklär-
ungen wünschen.
„Ich unterbreche Sie noch ehe Sie be-
ginnen. Sie sagen Sie wollen mir
eine neue Psychologie vortragen,
aber ich sollte meinen die Psychologie
ist keine neue Wissenschaft. Es hat
genug Psychologen u. Psychologie gegeben
und ich habe auf der Schule von
großen Leistungen auf diesem Gebiet
gehört.“
Die ich nicht zu bestreiten gedenke. Aber
wenn Sie näher zusehen, werden Sie
diese großen Leistungen eher der
Sinnesphysiologie einordnen müssen.
Die Lehre vom Seelenleben konnte
sich nicht entwickeln, weil sie durch
eine einzige wesentliche Verkennung gehemmt
war. Was umfaßt sie heute, wie sie an
den Schulen gelehrt wird? Außer
jenen wertvollen sinnesphysiolog.
Einsichten eine Anzahl von Einteilungen
und Definitionen unserer seelischen
Vorgänge, die dank dem Sprachge-
brauch Gemeingut aller Gebildeten
geworden sind. Das reicht offenbar für
die Auffassung unseres Seelenlebens
nicht aus. Haben Sie nicht bemerkt,
daß jeder Philosoph, Dichter Historiker
und Biograph sich seine eigene
Psychologie zurechtmacht, seine beson-
deren Voraussetzungen über den
Zusammenhang u die Zwecke der seelischen
Akte vorbringt, alle mehr oder
S.
12
minder ansprechend u alle gleich unzuver-
lässig? Da fehlt offenbar ein gemeinsames
Fundament. Und daher kommt es
auch, daß es auf psychologischem Boden
sozusagen keinen Respekt und
keine Autorität giebt. Jedermann
kann da nach Belieben „wildern“. Wenn
Sie eine physikalische oder chemische
Frage aufwerfen, wird ein jeder
schweigen, der sich nicht im Besitz von
„Fachkenntnissen“ weiß. Aber wenn
Sie eine psychologische Behauptung
wagen müssen Sie auf Urteil und
Widerspruch von jedermann gefaßt
sein. Wahrscheinlich giebt es auf
diesem Gebiet keine „Fachkenntnisse.
Jedermann hat sein Seelenleben und
darum hält sich jedermann für einen
Psychologen. Aber das scheint mir kein
genügender Rechtstitel zu sein. Man
erzählt, daß eine Person, die sich zur
„Kinderfrau“ anbot, gefragt wurde
ob sie auch mit kleinen Kindern
umzugehen verstehe. Gewiß, gab sie
zur Antwort, ich war doch selbst
einmal ein kleines Kind.
„Und dies von allen Psychologen
übersehene gemeinsame Fundament
des Seelenlebens, wollen Sie durch
Beobachtung an Kranken entdeckt
haben?“
Ich glaube nicht daß diese Herkunft unsere
Befunde entwertet. Die Embryologie
zB. verdiente kein Vertrauen,
wenn sie nicht die Entstehung der ange-
borenen Mißbildungen glatt auf-
klären könnte. Aber ich habe Ihnen
von Personen erzählt, deren Gedanken
ihre eigenen Wege gehen, so daß sie gezwungen
sind über Probleme zu grübeln, die
ihnen furchtbar gleichgiltig sind.
Glauben Sie, daß die Schulpsychologie
jemals den mindesten Beitrag zur
Aufklärung einer solchen Anomalie
leisten konnte? Und endlich geschieht
es uns allen, daß nächtlicher Weise
unser Denken eigene Wege geht
und Produkte schafft, die wir dann
nicht verstehen, die uns befremden
und in bedenklicher Weise an
krankhafte Produkte erinnern. Ich
meine unsere Träume. Das Volk hat
S.
13
immer an dem Glauben festgehalten, daß Träume
einen Sinn, einen Wert haben etwas
bedeuten. Diesen Sinn der Tr. hat die Schul-
psychologie nie angeben können. Sie
wußte mit dem Traum nichts anzufangen; wenn
sie Erklärungen versucht hat, waren
es unpsychologische wie Zurückführung
auf Sinnesreize auf eine ungleiche
Schlaftiefe verschiedener Hirnpartien
u dgl. Man darf aber sagen, eine Psychologie
die den Tr. nicht erklären kann,
ist auch für das Verständnis des normalen
Seelenlebens nicht brauchbar, hat
keinen Anspruch eine Wissenschaft
zu heißen.
„Sie werden aggressiv, also sind Sie wol an
eineSchwSie reizende empfindliche Stelle geraten.
Ich habe ja gehört, daß man in der Analyse
großen Wert auf Träume legt, sie deutet,
Erinnerungen an wirkliche Begeb-
heiten hinter ihnen sucht usw. Aber auch,
daß die Deutung der Träume der
Willkür der Analytiker ausgeliefert
ist, und daß diese selbst mit den Streitig-
keiten über die ArtTrzu deuten, über
die Berechtigung aus ihnen Schlüsse zu ziehen
nicht fertig geworden s. sind. Wenn
das so ist, so dürfen Sie den Vorzug
den die Analyse vor der Schulpsychologie
gewonnen hat nicht so dick unterstreichen.“
Sie haben da wirklich viel Richtiges
gesagt. Es ist wahr, daß die Traumdeutung
für die Theorie wie für die Praxis der
Analyse eine unvergleichliche Wichtigkeit
gewonnen hat. Wenn ich aggressiv er-
scheine so ist das für mich nur ein
Weg der Verteidigung. Wenn ich aber
an all den Unfug denke, den manche
Analytiker mit der Deutung der Träume
angestellt haben, könnte ich verzagt
werden u dem pessimistischen Ausspruch
unseresgefeiertengroßen Satirikers Nestroy Recht
geben, der lautet: Ein jeder Fortschritt
ist nur immer halb so groß als er zuerst
ausschaut! Aber haben Sie es je anders
erfahren als daß die Menschen alles
verwirren und verzerren was in
ihre Hände fällt? Mit etwas Vor-
sicht und Selbstzucht kann man
die meisten der Gefahren der
Traumdeutung sicher vermeiden.
S.
14
Aber glauben Sie nicht daß ich
nichtnie zu
meinem Vortrag kommen werde, wenn
wir uns so ablenken lassen?“
„Ja Sie wollten von der fundamentalen
Voraussetzung der neuen Psychologie
erzählen, wenn ich Sie recht verstanden
habe.“
Damit wollte ich nicht beginnen. Ich habe
die Absicht, Sie hören zu lassen, welche
Vorstellung von der Struktur des
seelischen Apparats wir uns während
der analytischen Studien gebildet haben.
„Was heißen Sie den seelischen Apparat,
und woraus ist er gebaut, darf ich fragen?“
Was der seelische Apparat ist, wird
bald klar werden. Aus welchem Material
er gebaut ist, danach bitte ich nicht zu
fragen. Es ist kein psychologisches Interesse,
kann der Psychologie ebenso gleich-
giltig sein wie der Optik die Frage
ob die Wände des Fernrohrs aus
Metall oder aus Pappendeckel
gemacht sind. Wir werden
den stofflichen Gesichtspunkt über-
haupt bei Seite lassen, den räum-
lichen aber nicht. Wir stellen uns
den unbekannten Apparat, der den
seelischen Verrichtungen dient,
nämlich wirklich wie ein In-
strument vor aus mehreren Teilen
aufgebaut – die wir Instanzen heißen –
die ein jeder eine besondere Funktion
versehen, und die eine feste räumliche
Beziehung zu einander haben, d.h.
die räumliche Beziehung, das „vor“ und
„hinter“, „oberflächlich“ und „tief“ hat für
uns zunächst nur den Sinn einer
Darstellung der regelmäßigen Auf-
einanderfolge der Funktionen. Bin
ich noch verständlich?
„Kaum, aber vielleicht verstehe
ich es später, aber jedenfalls ist das
eine sonderbare Anatomie der
Seele, die es bei den Naturforschern
doch gar nicht giebt.“
Was wollen Sie, es ist eine Hilfsvorstel-
lung wie soviele in den Wissenschaften.
Die allerersten sind immer ziemlich roh
gewesen. Open to revision kann
manimmerin solchen Fällen sagen. Ich werde
ich halte es für überflüssig, mich hier
S.
15
auf das populär gewordene „Als ob“ zu berufen.
Der Wert einer solchen – Fiktion würde
der Philosoph Vaihinger sie nennen – hängt
davon ab, wieviel man mit ihr aus-
richten kann.
Also um fortzusetzen: Wir stellen uns auf
den Boden der Alltagsweisheit und an-
erkennen im Menschen eine seelische Org-
anisation, die zwischenderseine Sinnesreize
und die Wahrnehmung seiner Körperbe-
dürfnisse einerseits, seine motorischen
Akte anderseits eingeschaltet ist und
in bestimmter Absicht zwischen ihnen ver-
mittelt. Wir heißen diese Organisation
sein Ich. Das ist nun keine Neuigkeit,
jeder von uns machtseinediese An-
nahme, wenn er kein Philosoph ist,
und einige selbst, obwol sie Philo-
sophen sind. Aber wir glauben nicht
damit die Beschreibung des seelischen
Apparats erschöpft zu haben. Außer
diesemIcherkennen wir ein anderes
seelisches Gebiet, umfangreicher, großartiger
und dunkler als das Ich, und dies heißen
wir das Es. Das Verhältnis zwischen den
beiden soll uns zunächst beschäftigen.
Sie werden es wahrscheinlich bean-
ständen, daß wir zur Bezeichnung un-
serer beiden seelischen Instanzen
oder Provinzen einfache Fürwörter
gewählt haben, anstatt vollthönende
griechische Namen für sie einzuführen.
Allein wir lieben es in der
Psychoanalyse im Kontakt mit der
populären Denkweise zu bleiben und
ziehen es vor, deren Begriffe wissenschaft-
lich brauchbar zu machen, anstatt sie
zu verwerfen. Es ist kein Verdienst
daran, wir müssen so vorgehen, weil
unsere Lehren von unseren Patienten
verstanden werden sollen, die oft
sehr intelligent sind aber nicht immer
gelehrt. Das unpersönliche Es schließt
sich unmittelbar an gewisse Ausdrücke
weisen des normalen Menschen an.
„Es hat mich durchzuckt,“ sagt man, „es
war etwas in mir was in diesem
Augenblick stärker war als ich.“
(„C'était plus fort que moi“).
S.
16
In der Psychologie können wir uns nur mit Hilfe
von Vergleichen beschreiben. Das ist
nichts Besonderes, es ist auch anderwärts
so. Aber wir müssen diese Vergleiche
auch immer wieder wechseln, keiner hält
uns lange aus. Wenn ich also das Verhält-
nis zwischen Ich und Es deutlich machen
will, so bitte ich Sie, sich vorzustellen
das Ich sei eine Art Fassade des Es,
ein Vordergrund, gleichsam eine
äußerliche, eine Rindenschicht desselben.
Der letztere Vergleich kann festgehalten
werden. Wir wissen, Rindenschichten
verdanken ihre besonderen Eigen-
schaften dem modifizierenden Ein-
fluß des äußeren Mediums, an
das sie anstoßen. So stellen wir
uns vor, das Ich sei die durch den
Einfluß der Außenwelt (der Real-
ität) modifizierte Schichte des seelischen
Apparats, des Es. Sie sehen dabei, in
welcher Weise wir in der Psycho-
analyse mit räumlichen Auffassungen
Ernst machen. Das Ich ist uns wirklich
das Oberflächliche, das Es das Tiefere,
von außen betrachtet natürlich. Das
Ich liegt zwischen der Realität und
dem Es, dem eigentlich Seelischen.
„Ich will Sie noch gar nicht fragen,
woher man das alles wissen kann. Sagen
Sie mir zunächst was haben Sie von
dieser Trennung eines Ich und eines
Es, was nötigt Sie dazu?“
Ihre Frage weist mir den Weg zur
richtigen Fortsetzung. Das Wichtige und
Wertvolle ist nämlich zu wissen, daß
das Ich und das Es in mehreren Punkten
ganz sehr von einander abweichen;
es gelten imHinterlandEs andere
Regeln für den Ablauf seelischer Akte als im
Ich,Es verfolgt andere Absichtenund mit anderen Mitteln. Darüberwäre sehr viel zu sagen, aber wollenSie sich mit einem neuen Vergleichund einem Beispiel abfinden lassen?Denken Sie an den Unterschied zwischender Front und dem Hinterland wieer sich während des Krieges herausge-bildet hatte. Wir haben uns damalsnicht
S.
17
gewundert, daß an der Front manches anders
vorging als im Hinterland und daß im
Hinterland vieles gestattet war, was
an der Front verboten werden mußte.
Der bestimmende Einflußder natürlichder Nähe des Feindes, war natürlich die Nähe des Feindes, für das Seelen-
leben ist es die Nähe der Außenwelt.
(Draußen – fremd – feindlich waren ein-
mal identische Begriffe. Und nun das
Beispiel: Im Es giebt es keine Konflikte.
Widersprüche, Gegensätze bestehen unbe-
irrt neben einander u gleichen sich
oft durch Kompromißbildungen ab. Das
Ich empfindet in solchen Fällen einen
Konflikt, der entschieden werden
muß, u die Entscheidung besteht darin,
daß eine Strebung zu Gunsten der
anderen aufgegeben wird. Das Ich
ist eine Organisation, ausgezeichnet
durch ein sehr merkwürdiges Streben
nach Vereinheitlichung, nach Synthese,
dieser Charakter fehlt dem Es – es ist sozusagen
zerfahren, seine einzelnen
Strebungen verfolgen
ihre Absichten unabhängig von und
ohne Rücksicht auf einander.
„Und wenn ein so wichtiges seelisches Hinter-
land existiert, wie können Sie mir be-
greiflich machen, daß es bis zur Zeit der
Analyse übersehen wurde?“
Damit sind wir zu einer Ihrer früheren
Fragen zurückgekehrt. Die Psychologie
hat sich den Zugang zum Gebiet des
Es versperrt indem sie an einer Voraus-
setzung festhielt, die nahe genug liegt
aber doch nicht haltbar ist. Nämlich, daß
alle seelischen Akte uns bewußt sind, daß
Bewußtsein das Kennzeichen des Seelischen
ist, und daß, wenn es nicht bewußte
Vorgänge in unserem Gehirn giebt
diese nicht den Namen seelischer Akte
verdienen und die Psychologie nichts
angehen.
„Ich meine das ist doch selbstverständlich.“
Ja, das meinen die Psychologen auch,
aber es ist doch leicht zu zeigen, daß
es falsch, d.h. eine ganz unzweckmäßige
Sonderung ist. Die bequemste Selbstbe-
obachtung lehrt, daß man Einfälle
haben kann, die nicht ohne Vorbereit-
ung zustande gekommen sein können.
Aber von diesen Vorstufen Ihres Gedankens
die doch wirklich auch seelischer Natur
S.
18
gewesen sein müssen, erfahren Sie nichts,
in Ihr Bewußtsein tritt nur das fertige
Resultat.
„Wahrscheinlich war die Aufmerksamkeit
abgelenkt, so daß man diese Vorbe-
reitungen nicht bemerkt hat.“
Ausflüchte! Sie kommen so um die Tat-
sache nicht herum, daß in Ihnen
Akte seelischer Natur, oft sehr kom-
plizierte vorgehen können, von denen
Ihr Bewußtsein nichts erfährt,
von denen Sie nichts wissen. Oder sind
Sie zu der Annahme bereit, daß ein
wenig mehr oder weniger von
Ihrer „Aufmerksamkeit“ hinreicht, um
einen nicht seelischen Akt in einen
seelischen zu verwandeln.
Übrigens wozu der Streit? Es giebt hypnotische
Experimente, in denen die Existenz
solcher nicht bewußter Gedanken
für jedermann, der lernen will,
unwiederleglich demonstriert wird.
„Ich will nicht leugnen, aber ich glaube ich
verstehe Sie endlich. Was Sie Ich heißen
ist das Bewußtsein und Ihr Es ist das
sogenannte Unterbewußtsein, von
dem jetzt soviel die Rede ist. Aber
wozu die Maskerade durch die neuen
Namen.
Es ist keine Maskerade, diese anderen
Namen sind unbrauchbar. Und versuchen
Sie nicht, mir Literatur anstatt Wissen-
schaft zu geben. Wenn jemand vom
Unterbewußtsein spricht, weiß ich
nicht meint er es topisch, etwas was
in der Seele unterhalb des Bewußtseins liegt oder
qualitativ, ein anderes Bewußtsein,
ein unterirdisches gleichsam. Wahrschein-
lich macht er sich überhaupt nichts klar.
Der einzig zulässige Gegensatz ist
der zwischen bewußt und unbewußt.
Aber es wäre ein folgenschwerer Irrtum
zu glauben der Gegensatz fiele mit
der Scheidung von Ich und Es zusammen.
Allerdings es wäre wunderschön
wenn es so einfach wäre, unsere
Theorie hätte dann ein leichtes
Spiel, aber es ist nicht so einfach.
S.
19
Richtig ist nur, daß alles was im Es vorgeht
unbewußt ist und bleibt, und daß die
Vorgänge im Ich bewußt werden
können, sie allein. Aber sie sind
es nicht alle, nicht immer, nicht not-
wendig und große Anteile des Ichs
können dauernd unbewußt bleiben.
Mit dem Bewußtwerden eines seelischen
Vorganges ist es eine komplizierte Sache.
Ich kann es mir nicht versagen, Ihnen
– wiederum dogmatisch – darzustellen
was wir darüber annehmen. Sie erinnern
sich, das Ich ist die äußere, peripherische
Schicht des Es. Nun glauben wir an der
äußersten Oberfläche dieses Ichs
befinde sich eine besondere, der Außenwelt
direkt zugewendete In-
stanz, ein System, ein Organ durch
dessen Erregung allein das Phänomen,
das wir Bewußtsein heißen zustande
kommt. Dies Organ kann ebensowol
von außen erregt werden, nimmt
also mit Hilfe der Sinnesorgane
die Reize der Außenwelt auf, wie
auch von innen her, wo es zuerst die
Sensationen im Es und dann auch
die Vorgänge im Ich zur Kenntnis
nehmen kann.
„Das wird immer arger und entzieht sich
immer mehr meinem Verständnis.
Sie haben mich doch zu einer Unter-
redung über die Frage eingeladen
ob auch Laien = Nichtärzte analytische
Behandlungen unternehmen sollen. Wozu
dann diese Auseinandersetzungen
über gewagte, dunkle, Theorien, von
deren Berechtigung Sie mich doch nicht
überzeugen können.“
Ich weiß, daß ich Sie nicht überzeugen
kann. Es liegt außerhalb jeder
Möglichkeit und darum auch
außerhalb meiner Absicht. Wenn
wir unseren Schülern theoretischen
Unterricht in der Psychoanalyse geben,
so können wir beobachten wie wenig
Eindruck wir ihnen zunächst machen.
S.
20
Sie nehmen die analytischen Lehren mit
derselben Kühle hin, wie andere
Abstraktionen mit denen sie ge-
nährt werden. Einige wollen vielleicht
überzeugt werden, aber keine Spur
davon, daß sie es sind. Aber wir
nun verlangen auch, daß jeder, der die
Analyse an Anderen ausüben will,
sich vorher selbst einer Analyse
unterwerfe. Erst im Verlauf dieser
„Selbstanalyse“ (wie sie mißverständlich
genannt wird), wenn sievon den
die von der Analyse behaupteten Vorgänge am
eigenen Leib – richtiger: an der
eigenen Seele – thatsächlich erleben
erwerben sie sich die Überzeugungen
von denen sie später als Analytiker
geleitet werden. Wie darf ich also
erwarten, Sie, den Unparteiischen,
von der Richtigkeit unserer
Theorien zu überzeugen, dem ich
nur einederartunvollständige, verkürzte
und darum undurchsichtige Dar-
stellung derselben ohne Bekräftigung
durch Ihre eigenenErfahErfahrungen
vorlegen kann?
Ich handle in anderer Absicht. Es ist zwischen
uns gar nicht die Frage, ob die Analyse
klug oder unsinnig ist, ob sie in ihren
Aufstellungen recht hat oder in
grobe Irrtümer verfällt. Ich rolle
unsere Theorien vor Ihnen auf, weil
ich Ihnen dann am besten klar machen
kann, welchen Gedankeninhalt die Analyse
hat, von welchen Voraussetzungen
sie beim einzelnen Kranken ausgeht,
u was sie mit ihm vornimmt. Dadurch
wird dann ein ganz bestimmtes Licht
auf die Frage der Laienanalyse
geworfen werden. Seien Sie übrigens
ruhig, Sie haben, wenn Sie mir soweit
gefolgt sind das Aergste überstanden
Alles folgende wird Ihnen leichter
werden. Jetzt aber lassen Sie mich
eine Atempause machen.
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Die Frage der Laienanalyse1926-002/1926.01
1926-002/1926.01/2