Die Frage der Laienanalyse1926-002/1926.01
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    Auch möchte ich Ihnen an einem Beispiel
    zeigen, wie ferne der analytischen
    Technik das Ablenken und Ausreden
    liegt. Wenn unser Patient an einem
    Schuldgefühl leidet, als ob er ein
    schweres Verbrechen begangen hätte,
    so raten wir ihm nicht, sich unter Be-
    tonung seiner unzweifelhaften
    Schuldlosigkeit über diese Gewissens-
    qual hinwegzusetzen; das hat er
    schon selbst erfolglos versucht.
    Sondern wir mahnen ihn daran, daß
    eine so starke und andauernde
    Empfindung doch in etwas Wirklichem
    begründet sein muß, was vielleicht
    aufgefunden werden kann.
     

       Es sollte mich wundern, meint der
    Unparteiische, wenn Sie durch solches
    Zustimmen das Schuldgefühl Ihres
    Patienten beschwichtigen könnten. Aber
    was sind denn Ihre analytischen
    Absichten und was nehmen Sie mit
    dem Pat. vor?
     

    II.
     

    Wenn ich Ihnen etwas Verständliches
    sagen soll, so muß ich Ihnen wol ein
    Stück einer psychologischen Lehre mit-
    teilen, die außerhalb der analy-
    tischen Kreise nicht bekannt ist oder
    nicht gewürdigt wird. Aus dieser Theorie
    wird sich leicht ableiten lassen, was wir
    von dem Kranken wollen u auf
    welche Art wir es erreichen. Ich trage
    sie Ihnen dogmatisch vor, als ob sie ein fertiges
    Lehrgebäude wäre. Glauben Sie aber nicht
    daß sie gleich als solches wie ein philoso-
    phisches System entstanden ist. Wir haben sie
    sehr langsam entwickelt, um jedes
    Stückchen lange gerungen, sie in
    stetem Kontakt mit der Beobachtung
    fortwährend modifiziert, bis sie endlich
    eine Form gewonnen hat, in der
    sie uns für unsere Zwecke zu
    genügen scheint. Noch vor einigen
    Jahren hätte ich diese Lehre in
    anderen Ausdrücken kleiden müssen.
    Ich kann Ihnen natürlich nicht
    dafür einstehen, daß wir in
    Ausdrucksform, die definitive
    bleiben wird. Die Wissenschaft ist
    keine Offenbarung, sie entbehrt lange über ihre Anfänge hin-
    weg der Attribute der Bestimmtheit, Unwandelbarkeit, Unfehlbarkeit,
     

  • S.

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    entbehrt lange über ihre Anfänge hinaus
    der Charaktere der Bestimmtheit, Un-
    wandelbarkeit, Unfehlbarkeit, nach
    denen sich das menschliche Denken
    so sehr sehnt. Aber so wie sie ist, ist sie
    alles, was wir haben können. Nehmen
    Sie hinzu, daß unsere Wissen-
    schaft sehr jung ist, kaum so alt wie
    das Jahrhundert, und daß sie sich unge-
    fähr mit dem schwierigsten Stoff
    beschäftigt, der menschlicher Forschung
    vorgelegt werden kann, so werden
    Sie sich leicht in die richtige Einstellung
    zu meinem Vortrag versetzen
    können. Unterbrechen Sie mich aber
    nach Ihrem Belieben jedesmal
    wenn Sie mir nicht folgen können
    oder wenn Sie weitere Aufklär-
    ungen wünschen.
     

       „Ich unterbreche Sie noch ehe Sie be-
    ginnen. Sie sagen Sie wollen mir
    eine neue Psychologie vortragen,
    aber ich sollte meinen die Psychologie
    ist keine neue Wissenschaft. Es hat
    genug Psychologen u. Psychologie gegeben
    und ich habe auf der Schule von
    großen Leistungen auf diesem Gebiet
    gehört.“
     

       Die ich nicht zu bestreiten gedenke. Aber
    wenn Sie näher zusehen, werden Sie
    diese großen Leistungen eher der
    Sinnesphysiologie einordnen müssen.
    Die Lehre vom Seelenleben konnte
    sich nicht entwickeln, weil sie durch
    eine einzige wesentliche Verkennung gehemmt
    war. Was umfaßt sie heute, wie sie an
    den Schulen gelehrt wird? Außer
    jenen wertvollen sinnesphysiolog.
    Einsichten eine Anzahl von Einteilungen
    und Definitionen unserer seelischen
    Vorgänge, die dank dem Sprachge-
    brauch Gemeingut aller Gebildeten
    geworden sind. Das reicht offenbar für
    die Auffassung unseres Seelenlebens
    nicht aus. Haben Sie nicht bemerkt,
    daß jeder Philosoph, Dichter Historiker
    und Biograph sich seine eigene
    Psychologie zurechtmacht, seine beson-
    deren Voraussetzungen über den
    Zusammenhang u die Zwecke der seelischen
    Akte vorbringt, alle mehr oder
     

  • S.

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    minder ansprechend u alle gleich unzuver-
    lässig? Da fehlt offenbar ein gemeinsames
    Fundament. Und daher kommt es
    auch, daß es auf psychologischem Boden
    sozusagen keinen Respekt und
    keine Autorität giebt. Jedermann
    kann da nach Belieben „wildern“. Wenn
    Sie eine physikalische oder chemische
    Frage aufwerfen, wird ein jeder
    schweigen, der sich nicht im Besitz von
    „Fachkenntnissen“ weiß. Aber wenn
    Sie eine psychologische Behauptung
    wagen müssen Sie auf Urteil und
    Widerspruch von jedermann gefaßt
    sein. Wahrscheinlich giebt es auf
    diesem Gebiet keine „Fachkenntnisse.
    Jedermann hat sein Seelenleben und
    darum hält sich jedermann für einen
    Psychologen. Aber das scheint mir kein
    genügender Rechtstitel zu sein. Man
    erzählt, daß eine Person, die sich zur
    „Kinderfrau“ anbot, gefragt wurde
    ob sie auch mit kleinen Kindern
    umzugehen verstehe. Gewiß, gab sie
    zur Antwort, ich war doch selbst
    einmal ein kleines Kind.
     

       „Und dies von allen Psychologen
    übersehene gemeinsame Fundament
    des Seelenlebens, wollen Sie durch
    Beobachtung an Kranken entdeckt
    haben?“
     

    Ich glaube nicht daß diese Herkunft unsere
    Befunde entwertet. Die Embryologie
    zB. verdiente kein Vertrauen,
    wenn sie nicht die Entstehung der ange-
    borenen Mißbildungen glatt auf-
    klären könnte. Aber ich habe Ihnen
    von Personen erzählt, deren Gedanken
    ihre eigenen Wege gehen, so daß sie gezwungen
    sind über Probleme zu grübeln, die
    ihnen furchtbar gleichgiltig sind.
    Glauben Sie, daß die Schulpsychologie
    jemals den mindesten Beitrag zur
    Aufklärung einer solchen Anomalie
    leisten konnte? Und endlich geschieht
    es uns allen, daß nächtlicher Weise
    unser Denken eigene Wege geht
    und Produkte schafft, die wir dann
    nicht verstehen, die uns befremden
    und in bedenklicher Weise an
    krankhafte Produkte erinnern. Ich
    meine unsere Träume. Das Volk hat
     

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    immer an dem Glauben festgehalten, daß Träume
    einen Sinn, einen Wert haben etwas
    bedeuten. Diesen Sinn der Tr. hat die Schul-
    psychologie nie angeben können. Sie
    wußte mit dem Traum nichts anzufangen; wenn
    sie Erklärungen versucht hat, waren
    es unpsychologische wie Zurückführung
    auf Sinnesreize auf eine ungleiche
    Schlaftiefe verschiedener Hirnpartien
    u dgl. Man darf aber sagen, eine Psychologie
    die den Tr. nicht erklären kann,
    ist auch für das Verständnis des normalen
    Seelenlebens nicht brauchbar, hat
    keinen Anspruch eine Wissenschaft
    zu heißen.
     

       „Sie werden aggressiv, also sind Sie wol an
    eine Schw Sie reizende empfindliche Stelle geraten.
    Ich habe ja gehört, daß man in der Analyse
    großen Wert auf Träume legt, sie deutet,
    Erinnerungen an wirkliche Begeb-
    heiten hinter ihnen sucht usw. Aber auch,
    daß die Deutung der Träume der
    Willkür der Analytiker ausgeliefert
    ist, und daß diese selbst mit den Streitig-
    keiten über die Art Tr zu deuten, über
    die Berechtigung aus ihnen Schlüsse zu ziehen
    nicht fertig geworden s. sind. Wenn
    das so ist, so dürfen Sie den Vorzug
    den die Analyse vor der Schulpsychologie
    gewonnen hat nicht so dick unterstreichen.“
     

       Sie haben da wirklich viel Richtiges
    gesagt. Es ist wahr, daß die Traumdeutung
    für die Theorie wie für die Praxis der
    Analyse eine unvergleichliche Wichtigkeit
    gewonnen hat. Wenn ich aggressiv er-
    scheine so ist das für mich nur ein
    Weg der Verteidigung. Wenn ich aber
    an all den Unfug denke, den manche
    Analytiker mit der Deutung der Träume
    angestellt haben, könnte ich verzagt
    werden u dem pessimistischen Ausspruch
    unseres gefeierten großen Satirikers Nestroy Recht
    geben, der lautet: Ein jeder Fortschritt
    ist nur immer halb so groß als er zuerst
    ausschaut! Aber haben Sie es je anders
    erfahren als daß die Menschen alles
    verwirren und verzerren was in
    ihre Hände fällt? Mit etwas Vor-
    sicht und Selbstzucht kann man
    die meisten der Gefahren der
    Traumdeutung sicher vermeiden.
     

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    Aber glauben Sie nicht daß ich nicht nie zu
    meinem Vortrag kommen werde, wenn
    wir uns so ablenken lassen?“
     

       „Ja Sie wollten von der fundamentalen
    Voraussetzung der neuen Psychologie
    erzählen, wenn ich Sie recht verstanden
    habe.“
     

       Damit wollte ich nicht beginnen. Ich habe
    die Absicht, Sie hören zu lassen, welche
    Vorstellung von der Struktur des
    seelischen Apparats wir uns während
    der analytischen Studien gebildet haben.
     

       „Was heißen Sie den seelischen Apparat,
    und woraus ist er gebaut, darf ich fragen?“
     

       Was der seelische Apparat ist, wird
    bald klar werden. Aus welchem Material
    er gebaut ist, danach bitte ich nicht zu
    fragen. Es ist kein psychologisches Interesse,
    kann der Psychologie ebenso gleich-
    giltig sein wie der Optik die Frage
    ob die Wände des Fernrohrs aus
    Metall oder aus Pappendeckel
    gemacht sind. Wir werden
    den stofflichen Gesichtspunkt über-
    haupt bei Seite lassen, den räum-
    lichen aber nicht. Wir stellen uns
    den unbekannten Apparat, der den
    seelischen Verrichtungen dient,
    nämlich wirklich wie ein In-
    strument vor aus mehreren Teilen
    aufgebaut – die wir Instanzen heißen –
    die ein jeder eine besondere Funktion
    versehen, und die eine feste räumliche
    Beziehung zu einander haben, d.h.
    die räumliche Beziehung, das „vor“ und
    „hinter“, „oberflächlich“ und „tief“ hat für
    uns zunächst nur den Sinn einer
    Darstellung der regelmäßigen Auf-
    einanderfolge der Funktionen. Bin
    ich noch verständlich?
     

    „Kaum, aber vielleicht verstehe
    ich es später, aber jedenfalls ist das
    eine sonderbare Anatomie der
    Seele, die es bei den Naturforschern
    doch gar nicht giebt.“
     

    Was wollen Sie, es ist eine Hilfsvorstel-
    lung wie soviele in den Wissenschaften.
    Die allerersten sind immer ziemlich roh
    gewesen. Open to revision kann
    man immer in solchen Fällen sagen. Ich werde
    ich halte es für überflüssig, mich hier
     

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    auf das populär gewordene „Als ob“ zu berufen.
    Der Wert einer solchen – Fiktion würde
    der Philosoph Vaihinger sie nennen – hängt
    davon ab, wieviel man mit ihr aus-
    richten kann.
     

       Also um fortzusetzen: Wir stellen uns auf
    den Boden der Alltagsweisheit und an-
    erkennen im Menschen eine seelische Org-
    anisation, die zwischen der seine Sinnesreize
    und die Wahrnehmung seiner Körperbe-
    dürfnisse einerseits, seine motorischen
    Akte anderseits eingeschaltet ist und
    in bestimmter Absicht zwischen ihnen ver-
    mittelt. Wir heißen diese Organisation
    sein Ich. Das ist nun keine Neuigkeit,
    jeder von uns macht seine diese An-
    nahme, wenn er kein Philosoph ist,
    und einige selbst, obwol sie Philo-
    sophen sind. Aber wir glauben nicht
    damit die Beschreibung des seelischen
    Apparats erschöpft zu haben. Außer
    diesem Ich erkennen wir ein anderes
    seelisches Gebiet, umfangreicher, großartiger
    und dunkler als das Ich, und dies heißen
    wir das Es. Das Verhältnis zwischen den
    beiden soll uns zunächst beschäftigen.
     

       Sie werden es wahrscheinlich bean-
    ständen, daß wir zur Bezeichnung un-
    serer beiden seelischen Instanzen
    oder Provinzen einfache Fürwörter
    gewählt haben, anstatt vollthönende
    griechische Namen für sie einzuführen.
    Allein wir lieben es in der
    Psychoanalyse im Kontakt mit der
    populären Denkweise zu bleiben und
    ziehen es vor, deren Begriffe wissenschaft-
    lich brauchbar zu machen, anstatt sie
    zu verwerfen. Es ist kein Verdienst
    daran, wir müssen so vorgehen, weil
    unsere Lehren von unseren Patienten
    verstanden werden sollen, die oft
    sehr intelligent sind aber nicht immer
    gelehrt. Das unpersönliche Es schließt
    sich unmittelbar an gewisse Ausdrücke
    weisen des normalen Menschen an.
    „Es hat mich durchzuckt,“ sagt man, „es
    war etwas in mir was in diesem
    Augenblick stärker war als ich.“
    („C'était plus fort que moi“).
     

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    In der Psychologie können wir uns nur mit Hilfe
    von Vergleichen beschreiben. Das ist
    nichts Besonderes, es ist auch anderwärts
    so. Aber wir müssen diese Vergleiche
    auch immer wieder wechseln, keiner hält
    uns lange aus. Wenn ich also das Verhält-
    nis zwischen Ich und Es deutlich machen
    will, so bitte ich Sie, sich vorzustellen
    das Ich sei eine Art Fassade des Es,
    ein Vordergrund, gleichsam eine
    äußerliche, eine Rindenschicht desselben.
    Der letztere Vergleich kann festgehalten
    werden. Wir wissen, Rindenschichten
    verdanken ihre besonderen Eigen-
    schaften dem modifizierenden Ein-
    fluß des äußeren Mediums, an
    das sie anstoßen. So stellen wir
    uns vor, das Ich sei die durch den
    Einfluß der Außenwelt (der Real-
    ität) modifizierte Schichte des seelischen
    Apparats, des Es. Sie sehen dabei, in
    welcher Weise wir in der Psycho-
    analyse mit räumlichen Auffassungen
    Ernst machen. Das Ich ist uns wirklich
    das Oberflächliche, das Es das Tiefere,
    von außen betrachtet natürlich. Das
    Ich liegt zwischen der Realität und
    dem Es, dem eigentlich Seelischen.
     

       „Ich will Sie noch gar nicht fragen,
    woher man das alles wissen kann. Sagen
    Sie mir zunächst was haben Sie von
    dieser Trennung eines Ich und eines
    Es, was nötigt Sie dazu?“
     

       Ihre Frage weist mir den Weg zur
    richtigen Fortsetzung. Das Wichtige und
    Wertvolle ist nämlich zu wissen, daß
    das Ich und das Es in mehreren Punkten
    ganz sehr von einander abweichen;
    es gelten im Hinterland Es andere
    Regeln für den Ablauf seelischer Akte als im
    Ich, Es verfolgt andere Absichten
    und mit anderen Mitteln. Darüber
    wäre sehr viel zu sagen, aber wollen
    Sie sich mit einem neuen Vergleich
    und einem Beispiel abfinden lassen?
    Denken Sie an den Unterschied zwischen
    der Front und dem Hinterland wie
    er sich während des Krieges herausge-
    bildet hatte. Wir haben uns damals
    nicht
     

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    gewundert, daß an der Front manches anders
    vorging als im Hinterland und daß im
    Hinterland vieles gestattet war, was
    an der Front verboten werden mußte.
    Der bestimmende Einfluß der natürlich
    der Nähe des Feindes, war natürlich die Nähe des Feindes, für das Seelen-
    leben ist es die Nähe der Außenwelt.
    (Draußen – fremd – feindlich waren ein-
    mal identische Begriffe. Und nun das
    Beispiel: Im Es giebt es keine Konflikte.
    Widersprüche, Gegensätze bestehen unbe-
    irrt neben einander u gleichen sich
    oft durch Kompromißbildungen ab. Das
    Ich empfindet in solchen Fällen einen
    Konflikt, der entschieden werden
    muß, u die Entscheidung besteht darin,
    daß eine Strebung zu Gunsten der
    anderen aufgegeben wird. Das Ich
    ist eine Organisation, ausgezeichnet
    durch ein sehr merkwürdiges Streben
    nach Vereinheitlichung, nach Synthese,
    dieser Charakter fehlt dem Es – es ist sozusagen
    zerfahren, seine einzelnen
    Strebungen verfolgen
    ihre Absichten unabhängig von und
    ohne Rücksicht auf einander.
     

       „Und wenn ein so wichtiges seelisches Hinter-
    land existiert, wie können Sie mir be-
    greiflich machen, daß es bis zur Zeit der
    Analyse übersehen wurde?“
     

       Damit sind wir zu einer Ihrer früheren
    Fragen zurückgekehrt. Die Psychologie
    hat sich den Zugang zum Gebiet des
    Es versperrt indem sie an einer Voraus-
    setzung festhielt, die nahe genug liegt
    aber doch nicht haltbar ist. Nämlich, daß
    alle seelischen Akte uns bewußt sind, daß
    Bewußtsein das Kennzeichen des Seelischen
    ist, und daß, wenn es nicht bewußte
    Vorgänge in unserem Gehirn giebt
    diese nicht den Namen seelischer Akte
    verdienen und die Psychologie nichts
    angehen.
     

    „Ich meine das ist doch selbstverständlich.“
     

       Ja, das meinen die Psychologen auch,
    aber es ist doch leicht zu zeigen, daß
    es falsch, d.h. eine ganz unzweckmäßige
    Sonderung ist. Die bequemste Selbstbe-
    obachtung lehrt, daß man Einfälle
    haben kann, die nicht ohne Vorbereit-
    ung zustande gekommen sein können.
    Aber von diesen Vorstufen Ihres Gedankens
    die doch wirklich auch seelischer Natur
     

  • S.

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    gewesen sein müssen, erfahren Sie nichts,
    in Ihr Bewußtsein tritt nur das fertige
    Resultat.
     

       „Wahrscheinlich war die Aufmerksamkeit
    abgelenkt, so daß man diese Vorbe-
    reitungen nicht bemerkt hat.“
     

       Ausflüchte! Sie kommen so um die Tat-
    sache nicht herum, daß in Ihnen
    Akte seelischer Natur, oft sehr kom-
    plizierte vorgehen können, von denen
    Ihr Bewußtsein nichts erfährt,
    von denen Sie nichts wissen. Oder sind
    Sie zu der Annahme bereit, daß ein
    wenig mehr oder weniger von
    Ihrer „Aufmerksamkeit“ hinreicht, um
    einen nicht seelischen Akt in einen
    seelischen zu verwandeln.
    Übrigens wozu der Streit? Es giebt hypnotische
    Experimente, in denen die Existenz
    solcher nicht bewußter Gedanken
    für jedermann, der lernen will,
    unwiederleglich demonstriert wird.
     

       „Ich will nicht leugnen, aber ich glaube ich
    verstehe Sie endlich. Was Sie Ich heißen
    ist das Bewußtsein und Ihr Es ist das
    sogenannte Unterbewußtsein, von
    dem jetzt soviel die Rede ist. Aber
    wozu die Maskerade durch die neuen
    Namen.
     

       Es ist keine Maskerade, diese anderen
    Namen sind unbrauchbar. Und versuchen
    Sie nicht, mir Literatur anstatt Wissen-
    schaft zu geben. Wenn jemand vom
    Unterbewußtsein spricht, weiß ich
    nicht meint er es topisch, etwas was
    in der Seele unterhalb des Bewußtseins liegt oder
    qualitativ, ein anderes Bewußtsein,
    ein unterirdisches gleichsam. Wahrschein-
    lich macht er sich überhaupt nichts klar.
    Der einzig zulässige Gegensatz ist
    der zwischen bewußt und unbewußt.
    Aber es wäre ein folgenschwerer Irrtum
    zu glauben der Gegensatz fiele mit
    der Scheidung von Ich und Es zusammen.
    Allerdings es wäre wunderschön
    wenn es so einfach wäre, unsere
    Theorie hätte dann ein leichtes
    Spiel, aber es ist nicht so einfach.
     

  • S.

    19 

    Richtig ist nur, daß alles was im Es vorgeht
    unbewußt ist und bleibt, und daß die
    Vorgänge im Ich bewußt werden
    können, sie allein. Aber sie sind
    es nicht alle, nicht immer, nicht not-
    wendig und große Anteile des Ichs
    können dauernd unbewußt bleiben.
     

       Mit dem Bewußtwerden eines seelischen
    Vorganges ist es eine komplizierte Sache.
    Ich kann es mir nicht versagen, Ihnen
    – wiederum dogmatisch – darzustellen
    was wir darüber annehmen. Sie erinnern
    sich, das Ich ist die äußere, peripherische
    Schicht des Es. Nun glauben wir an der
    äußersten Oberfläche dieses Ichs
    befinde sich eine besondere, der Außenwelt
    direkt zugewendete In-
    stanz, ein System, ein Organ durch
    dessen Erregung allein das Phänomen,
    das wir Bewußtsein heißen zustande
    kommt. Dies Organ kann ebensowol
    von außen erregt werden, nimmt
    also mit Hilfe der Sinnesorgane
    die Reize der Außenwelt auf, wie
    auch von innen her, wo es zuerst die
    Sensationen im Es und dann auch
    die Vorgänge im Ich zur Kenntnis
    nehmen kann.
     

       „Das wird immer arger und entzieht sich
    immer mehr meinem Verständnis.
    Sie haben mich doch zu einer Unter-
    redung über die Frage eingeladen
    ob auch Laien = Nichtärzte analytische
    Behandlungen unternehmen sollen. Wozu
    dann diese Auseinandersetzungen
    über gewagte, dunkle, Theorien, von
    deren Berechtigung Sie mich doch nicht
    überzeugen können.“
     

       Ich weiß, daß ich Sie nicht überzeugen
    kann. Es liegt außerhalb jeder
    Möglichkeit und darum auch
    außerhalb meiner Absicht. Wenn
    wir unseren Schülern theoretischen
    Unterricht in der Psychoanalyse geben,
    so können wir beobachten wie wenig
    Eindruck wir ihnen zunächst machen.
     

  • S.

    20

    Sie nehmen die analytischen Lehren mit
    derselben Kühle hin, wie andere
    Abstraktionen mit denen sie ge-
    nährt werden. Einige wollen vielleicht
    überzeugt werden, aber keine Spur
    davon, daß sie es sind. Aber wir
    nun verlangen auch, daß jeder, der die
    Analyse an Anderen ausüben will,
    sich vorher selbst einer Analyse
    unterwerfe. Erst im Verlauf dieser
    „Selbstanalyse“ (wie sie mißverständlich
    genannt wird), wenn sie von den
    die von der Analyse behaupteten Vorgänge am
    eigenen Leib – richtiger: an der
    eigenen Seele – thatsächlich erleben
    erwerben sie sich die Überzeugungen
    von denen sie später als Analytiker
    geleitet werden. Wie darf ich also
    erwarten, Sie, den Unparteiischen,
    von der Richtigkeit unserer
    Theorien zu überzeugen, dem ich
    nur eine derart unvollständige, verkürzte
    und darum undurchsichtige Dar-
    stellung derselben ohne Bekräftigung
    durch Ihre eigenen Erfah Erfahrungen
    vorlegen kann?
     

       Ich handle in anderer Absicht. Es ist zwischen
    uns gar nicht die Frage, ob die Analyse
    klug oder unsinnig ist, ob sie in ihren
    Aufstellungen recht hat oder in
    grobe Irrtümer verfällt. Ich rolle
    unsere Theorien vor Ihnen auf, weil
    ich Ihnen dann am besten klar machen
    kann, welchen Gedankeninhalt die Analyse
    hat, von welchen Voraussetzungen
    sie beim einzelnen Kranken ausgeht,
    u was sie mit ihm vornimmt. Dadurch
    wird dann ein ganz bestimmtes Licht
    auf die Frage der Laienanalyse
    geworfen werden. Seien Sie übrigens
    ruhig, Sie haben, wenn Sie mir soweit
    gefolgt sind das Aergste überstanden
    Alles folgende wird Ihnen leichter
    werden. Jetzt aber lassen Sie mich
    eine Atempause machen.