S.
107
— vielleicht ohne seinen manifesten Inhalt zu ändern — eine neue
aktuelle Bedeutung gewonnen hatte. Er schloß unter seinen Traum-
gedanken eine Beziehung zu meiner Behandlung ein und entsprach
einer Erneuerung des damaligen Vorsatzes, sich einer Gefahr zu
entziehen. Wenn keine Erinnerungstäuschung von ihrer Seite im
Spiele war, als sie behauptete, den Rauch nach dem Erwachen
schon in L. verspürt zu haben, so ist anzuerkennen, daß sie meinen
Ausspruch: „Wo Rauch ist, da ist Feuer“ sehr geschickt unter die
fertige Traumform gebracht, wo er zur Überdeterminierung des
letzten Elementes verwendet erscheint. Ein unleugbarer Zufall war
es, daß ihr der letzte aktuelle Anlaß, das Verschließen des Speise-
zimmers von seiten der Mutter, wodurch der Bruder in seinem
Schlafraume eingeschlossen blieb, eine Anknüpfung an die Nach-
stellung des Herrn K. in L. brachte, wo ihr Entschluß zur Reife
kam, als sie ihr Schlafzimmer nicht verschließen konnte. Vielleicht
kam der Bruder in den damaligen Träumen nicht vor, so daß die
Rede „meine beiden Kinder“ erst nach dem letzten Anlasse in den
Trauminhalt gelangte.III) Der zweite Traum
Wenige Wochen nach dem ersten fiel der zweite Traum
vor, mit dessen Erledigung die Analyse abbrach. Er ist
nicht so voll durchsichtig zu machen wie der erste, brachte
aber eine erwünschte Bestätigung einer notwendig gewor-
denen Annahme über den Seelenzustand der Patientin, füllte
eine Gedächtnislücke aus und ließ einen tiefen Einblick in
die Entstehung eines anderen ihrer Symptome gewinnen.Dora erzählte: Ich gehe in einer Stadt, die ich nicht
kenne, spazieren, sehe Straßen und Plätze, die mir fremd
sind.59) Ich komme dann in ein Haus, wo ich wohne, gehe
auf mein Zimmer und finde dort einen Brief der Mama
liegen. Sie schreibt: Da ich ohne Wissen der Eltern vom
Hause fort bin, wollte sie mir nicht schreiben, daß der Papa59)Hierzu der wichtige Nachtrag: Auf einem der Plätze sehe
ich ein Monument.S.
108
erkrankt ist. Jetzt ist er gestorben, und wenn Du willst,60
kannst Du kommen. Ich gehe nun zum Bahnhofe und frage
etwa 100 mal: Wo ist der Bahnhof? Ich bekomme immer die
Antwort: Fünf Minuten. Ich sehe dann einen dichten Wald
vor mir, in den ich hineingehe, und frage dort einen Mann,
dem ich begegne. Er sagt mir: Noch 21/2 Stunden.61 Er
bietet mir an, mich zu begleiten. Ich lehne ab und gebe
allein. Ich sehe den Bahnhof vor mir und kann ihn nicht
erreichen. Dabei ist das gewöhnliche Angstgefühl, wenn
man im Traume nicht weiter kommt. Dann bin ich zu
Hause, dazwischen muß ich gefahren sein, davon weiß ich
aber nichts. — Crete in die Portierloge und frage ihn nach
unserer Wohnung. Das Dienstmädchen öffnet mir und ant-
wortet: Die Mama und die anderen sind schon auf dem
Friedhofe.62Die Deutung dieses Traumes ging nicht ohne Schwie-
rigkeiten vor sich. Infolge der eigentümlichen, mit seinem In-
halte verknüpften Umstände, unter denen wir abbrachen,
ist nicht alles geklärt worden, und damit hängt wieder zu-
sammen, daß meine Erinnerung die Reihenfolge der Er-
schließungen nicht überall gleich sicher bewahrt hat. Ich
schicke noch voraus, welches Thema der fortlaufenden
Analyse unterlag, als sich der Traum einmengte. Dora
warf seit einiger Zeit selbst Fragen über den Zusammen-
hang ihrer Handlungen mit den zu vermutenden Motiven
auf. Eine dieser Fragen war: Warum habe ich die ersten
Tage nach der Szene am See noch darüber geschwiegen?60)Dazu der Nachtrag: Bei diesem Worte stand ein Frage-
zeichen: willst?61)Ein zweites Mal wiederholt sie: 2 Stunden.
62)Dazu in der nächsten Stunde zwei Nachträge: Ich sehe mich
besonders deutlich die Treppe hinaufgehen, und: Nach ihrer Ant-
wort gebe ich, aber gar nicht traurig, auf mein Zimmer und lese
in einem großen Buche, das auf meinem Schreibtische liegt.S.
109
Die zweite: Warum habe ich dann plötzlich den Eltern
davon erzählt? Ich fand es überhaupt noch der Erklärung
bedürftig, daß sie sich durch die Werbung K.s so schwer
gekränkt gefühlt, zumal da mir die Einsicht aufzugehen
begann, daß die Werbung um Dora auch für Herrn K.
keinen leichtsinnigen Verführungsversuch bedeutet hatte.
Daß sie von dem Vorfalle ihre Eltern in Kenntnis gesetzt,
legte ich als eine Handlung aus, die bereits unter dem Ein-
flusse krankhafter Rachsucht stand. Ein normales Mädchen
wird, so sollte ich meinen, allein mit solchen Angelegen-
heiten fertig.Ich werde also das Material, welches sich zur Analyse
dieses Traumes einstellte, in der ziemlich bunten Ordnung,
die sich in meiner Reproduktion ergibt, vorbringen.Sie irrt allein in einer fremden Stadt, sieht Straßen und
Plätze. Sie versichert, es war gewiß nicht B., worauf ich
zuerst geraten hatte, sondern eine Stadt, in der sie nie
gewesen war. Es lag nahe, fortzusetzen: Sie können ja
Bilder oder Photographien gesehen haben, denen Sie die
Traumbilder entnehmen. Nach dieser Bemerkung stellte
sich der Nachtrag von dem Monumente auf einem Platze
ein und dann sofort die Kenntnis der Quelle. Sie hatte
zu den Weihnachtsfeiertagen ein Album mit Stadtansichten
aus einem deutschen Kurorte bekommen und dasselbe
gerade gestern hervorgesucht, um es den Verwandten, die
bei ihnen zu Gast waren, zu zeigen. Es lag in einer Bilder-
schachtel, die sich nicht gleich vorfand, und sie fragte die
Mama: Wo ist die Schachtel?63) Eines der Bilder
zeigte einen Platz mit einem Monumente. Der Spender
aber war ein junger Ingenieur, dessen flüchtige Bekannt-
schaft sie einst in der Fabrikstadt gemacht hatte. Der junge63)Im Traume fragt sie: Wo ist der Bahnhof? Aus dieser
Annäherung zog ich einen Schluß, den ich später entwickeln werde.S.
110
Mann hatte eine Stellung in Deutschland angenommen, um
rascher zur Selbständigkeit zu kommen, benützte jede Ge-
legenheit, um sich in Erinnerung zu bringen, und es war
leicht zu erraten, daß er vorhabe, seinerzeit, wenn sich
seine Position gebessert, mit einer Werbung um Dora her-
vorzutreten. Aber das brauchte noch Zeit, da hieß es
warten.Das Umherwandern in einer fremden Stadt war über-
determiniert. Es führte zu einem der Tagesanlässe. Zu
den Feiertagen war ein jugendlicher Cousin auf Besuch
gekommen, dem sie jetzt die Stadt Wien zeigen mußte.
Dieser Tagesanlaß war freilich ein höchst indifferenter.
Der Vetter erinnerte sie aber an einen kurzen ersten Auf-
enthalt in Dresden. Damals wanderte sie als Fremde herum,
versäumte natürlich nicht, die berühmte Galerie zu be-
suchen. Ein anderer Vetter, der mit ihnen war und Dresden
kannte, wollte den Führer durch die Galerie machen.
Aber sie wies ihn ab und ging allein, blieb vor
den Bildern stehen, die ihr gefielen. Vor der Sixtina ver-
weilte sie zwei Stunden lang in still träumender Be-
wunderung. Auf die Frage, was ihr an dem Bilde so sehr
gefallen, wußte sie nichts Klares zu antworten. Endlich
sagte sie: Die Madonna.Daß diese Einfälle wirklich dem traumbildenden Material
angehören, ist doch gewiß. Sie schließen Bestandteile ein,
die wir unverändert im Trauminhalte wiederfinden (sie
wies ihn ab und ging allein — zwei Stunden). Ich merke
bereits, daß „Bilder“ einem Knotenpunkte in dem Gewebe
der Traumgedanken entsprechen (die Bilder im Album —
die Bilder in Dresden). Auch das Thema der Madonna,
der jungfräulichen Mutter, möchte ich für weitere Ver-
folgung herausgreifen. Vor allem aber sehe ich, daß sie
sich in diesem ersten Teile des Traumes mit einem jungenS.
111
Manne identifiziert. Er irrt in der Fremde herum, er be-
strebt sich, ein Ziel zu erreichen, aber er wird hin-
gehalten, er braucht Geduld, er muß warten. Wenn sie
dabei an den Ingenieur dachte, so hätte es gestimmt, daß
dieses Ziel der Besitz eines Weibes, ihrer eigenen Person,
sein sollte. Anstatt dessen war es ein — Bahnhof, für den
wir allerdings nach dem Verhältnisse der Frage im Traume
zu der wirklich getanen Frage eine Schachtel einsetzen
dürfen. Eine Schachtel und ein Weib, das geht schon besser
zusammen.Sie fragt wohl hundertmal... Das führt zu einer anderen,
minder indifferenten Veranlassung des Traumes. Gestern
abends nach der Gesellschaft bat sie der Vater, ihm den
Kognak zu holen; er schlafe nicht, wenn er nicht vorher
Kognak getrunken. Sie verlangte den Schlüssel zum Speise-
kasten von der Mutter, aber die war in ein Gespräch
verwickelt und gab ihr keine Antwort, bis sie mit der un-
geduldigen Übertreibung herausfuhr: Jetzt habe ich dich
schon hundertmal gefragt, wo der Schlüssel ist. In
Wirklichkeit hatte sie die Frage natürlich nur etwa fünf-
mal wiederholt.64Wo ist der Schlüssel? scheint mir das männliche
Gegenstück zur Frage: Wo ist die Schachtel? (Siehe den
ersten Traum, S. 76.) Es sind also Fragen — nach den
Genitalien.In derselben Versammlung Verwandter hatte jemand
einen Trinkspruch auf den Papa gehalten und die Hoff-
nung ausgesprochen, daß er noch lange in bester Gesund-
heit leben möge.64)Im Trauminhalte steht die Zahl fünf bei der Zeitangabe
5 Minuten. In meinem Buche über die Traumdeutung habe ich an
mehreren Beispielen gezeigt, wie in den Traumgedanken vorkom-
mende Zahlen vom Traume behandelt werden; man findet sie
häufig aus ihren Beziehungen gerissen und in neue Zusammen-
hänge eingetragen.S.
112
heit usw. Dabei hatte es so eigentümlich in den müden
Mienen des Vaters gezuckt, und sie hatte verstanden,
welche Gedanken er zu unterdrücken hatte. Der arme
kranke Mann! Wer konnte wissen, wie lange Lebensdauer
ihm noch beschieden war.Damit sind wir beim Inhalte des Briefes im Traume
angelangt. Der Vater war gestorben, sie hatte sich eigen-
mächtig vom Haus entfernt. Ich mahnte sie bei dem Briefe
im Traume sofort an den Abschiedsbrief, den sie den
Eltern geschrieben oder wenigstens für die Eltern auf-
gesetzt hatte. Dieser Brief war bestimmt, den Vater in
Schrecken zu versetzen, damit er von Frau K. ablasse, oder
wenigstens an ihm Rache zu nehmen, wenn er dazu nicht
zu bewegen sei. Wir stehen beim Thema ihres Todes und
beim Tode ihres Vaters (Friedhof später im Traume).
Gehen wir irre, wenn wir annehmen, daß die Situation,
welche die Fassade des Traumes bildet, einer Rachephan-
tasie gegen den Vater entspricht? Die mitleidigen Ge-
danken vom Tage vorher würden gut dazu stimmen. Die
Phantasie aber lautete: Sie ginge von Haus weg in die
Fremde, und dem Vater würde aus Kummer darüber,
vor Sehnsucht nach ihr das Herz brechen. Dann wäre sie
gerächt. Sie verstand ja sehr gut, was dem Vater fehlte,
der jetzt nicht ohne Kognak schlafen konnte.65Wir wollen uns die Rachsucht als ein neues Element
für eine spätere Synthese der Traumgedanken merken.Der Inhalt des Briefes mußte aber weitere Determinie-
rung zulassen. Woher stammte der Zusatz: Wenn Du
willst?65) Die sexuelle Befriedigung ist unzweifelhaft das beste Schlaf-
mittel, so wie Schlaflosigkeit zu allermeist die Folge der Unbefrie-
digung ist. Der Vater schlief nicht, weil ihm der Verkehr mit der
geliebten Frau fehlte. Vgl. hierzu das unten Folgende: Ich habe
nichts an meiner Frau.S.
113
Da fiel ihr der Nachtrag ein, daß hinter dem Worte
„willst“ ein Fragezeichen gestanden hatte, und damit er-
kannte sie auch diese Worte als Zitat aus dem Briefe der
Frau K., welcher die Einladung nach L. (am See) enthalten
hatte. In ganz auffälliger Weise stand in diesem Briefe
nach der Einschaltung: „wenn Du kommen willst?“ mitten
im Gefüge des Satzes ein Fragezeichen.Da wären wir also wieder bei der Szene am See und
bei den Rätseln, die sich an sie knüpften. Ich bat sie, mir
diese Szene einmal ausführlich zu erzählen. Sie brachte
zuerst nicht viel Neues. Herr K. hatte eine einigermaßen
ernsthafte Einleitung vorgebracht; sie ließ ihn aber nicht
ausreden. Sobald sie nur verstanden hatte, um was es sich
handle, schlug sie ihm ins Gesicht und eilte davon. Ich
wollte wissen, welche Worte er gebraucht; sie erinnerte
sich nur an seine Begründung: „Sie wissen, ich habe nichts
an meiner Frau.“66 Sie wollte dann, um nicht mehr mit
ihm zusammenzutreffen, den Weg nach L. zu Fuß um den
See machen und fragte einen Mann, der ihr be-
gegnete, wie weit sie dahin habe. Auf seine Ant-
wort: „21/2 Stunden“ gab sie diese Absicht auf und suchte
doch wieder das Schiff auf, das bald nachher abfuhr.
Herr K. war auch wieder da, näherte sich ihr, bat sie,
ihn zu entschuldigen und nichts von dem Vorfalle zu er-
zählen. Sie gab aber keine Antwort. — Ja, der Wald im
Traume war ganz ähnlich dem Walde am Seeufer, in
dem sich die eben von neuem beschriebene Szene abge-
spielt hatte. Genau den nämlichen dichten Wald hatte sie
aber gestern auf einem Gemälde in der Sezessionsaus-
stellung gesehen. Im Hintergrunde des Bildes sah man
Nymphen.67
66)Diese Worte werden zur Lösung eines unserer Rätsel führen.
67)Hier zum drittenmal: Bild (Städtebilder, Galerie in Dres-
Freud, KrankengeschichtenS.
114
Jetzt wurde ein Verdacht bei mir zur Gewißheit. Bahn-
hof68 und Friedhof, an Stelle von weiblichen Genita-
lien, war auffällig genug, hatte aber meine geschärfte Auf-
merksamkeit auf das ähnlich gebildete „Vorhof“ gelenkt,
einen anatomischen Terminus für eine bestimmte Region
der weiblichen Genitalien. Aber das konnte ein witziger
Irrtum sein. Nun, da die „Nymphen“ dazu kamen, die
man im Hintergrunde des „dichten Waldes“ sieht, war
ein Zweifel nicht mehr gestattet. Das war symbolische
Sexualgeographie! Nymphen nennt man, wie dem Arzte,
aber nicht dem Laien bekannt, wie übrigens auch ersterem
nicht sehr gebräuchlich, die kleinen Labien im Hintergrunde
des „dichten Waldes“ von Schamhaaren. Wer aber solche
technische Namen, wie „Vorhof“ und „Nymphen“, ge-
brauchte, der mußte seine Kenntnis aus Büchern geschöpft
haben, und zwar nicht aus populären, sondern aus anatomi-
schen Lehrbüchern oder aus einem Konversationslexikon,
der gewöhnlichen Zuflucht der von sexueller Neugierde
verzehrten Jugend. Hinter der ersten Situation des Traumes
verbarg sich also, wenn diese Deutung richtig war, eine
Deflorationsphantasie, wie ein Mann sich bemüht, ins weib-
liche Genitale einzudringen.6968)den), aber in weit bedeutsamerer Verknüpfung. Durch das, was
man an dem Bilde sieht, wird es zum Weibsbilde (Wald,
Nymphen).68)Der „Bahnhof“ dient übrigens dem „Verkehre“. Die psy-
chische Umkleidung mancher Eisenbahnangst.69)Die Deflorationsphantasie ist der zweite Bestandteil dieser
Situation. Die Hervorhebung der Schwierigkeit im Vorwärtskom-
men und die im Traume empfundene Angst weisen auf die gerne
betonte Jungfräulichkeit, die wir an anderer Stelle durch die
„Sixtina“ angedeutet finden. Diese sexuellen Gedanken ergeben
eine unbewußte Untermalung für die vielleicht nur geheimgehalte-
nen Wünsche, die sich mit dem wartenden Bewerber in Deutsch-
land beschäftigen. Als ersten Bestandteil derselben Traumsituation
haben wir die Rachephantasie kennengelernt, die beiden deckenS.
115
Ich teilte ihr meine Schlüsse mit. Der Eindruck muß
zwingend gewesen sein, denn es kam sofort ein vergessenes
Stückchen des Traumes nach: Daß sie ruhig70) auf ihr
Zimmer geht und in einem großen Buch liest, welches auf
ihrem Schreibtische liegt. Der Nachdruck liegt hier auf
den beiden Details: ruhig und groß bei Buch. Ich fragte:
War es Lexikonformat? Sie bejahte. Nun lesen Kinder
über verbotene Materien niemals ruhig im Lexikon nach.
Sie zittern und bangen dabei und schauen sich ängstlich
um, ob wohl jemand kommt. Die Eltern sind bei solcher
Lektüre sehr im Wege. Aber die wunscherfüllende Kraft
des Traumes hatte die unbehagliche Situation gründlich
verbessert. Der Vater war tot und die anderen schon auf
den Friedhof gefahren. Sie konnte ruhig lesen, was ihr
beliebte. Sollte das nicht heißen, daß einer ihrer Gründe
zur Rache auch die Auflehnung gegen den Zwang der
Eltern war? Wenn der Vater tot war, dann konnte sie
lesen oder lieben, wie sie wollte. Zunächst wollte sie sich
nun nicht erinnern, daß sie je im Konversationslexikon
gelesen, dann gab sie zu, daß eine solche Erinnerung in
ihr auftauchte, freilich harmlosen Inhaltes. Zur Zeit, als
die geliebte Tante so schwer krank und ihre Reise nach
Wien schon beschlossen war, kam von einem anderen
Onkel ein Brief, sie könnten nicht nach Wien reisen,
ein Kind, also ein Vetter Doras, sei gefährlich an Blind-
einander nicht völlig, sondern nur partiell; die Spuren eines noch
bedeutsameren dritten Gedankenzuges werden wir später finden.70)Ein andermal hatte sie anstatt „ruhig“ gesagt „gar nicht
traurig“ (S. 108). Ich kann diesen Traum als neuen Beweis für
die Richtigkeit einer in der Traumdeutung (S. 299 ff., Ges. Schrif-
ten, Bd. II, S. 440 ff.) enthaltenen Behauptung verwerten, daß die
zuerst vergessenen und nachträglich erinnerten Traumstücke stets
die für das Verständnis des Traumes wichtigsten sind. Ich ziehe
dort den Schluß, daß auch das Vergessen der Träume die Er-
klärung durch den innerpsychischen Widerstand fordert.S.
116
darmentzündung erkrankt. Damals las sie im Lexikon nach,
welches die Symptome einer Blinddarmentzündung seien.
Von dem, was sie gelesen, erinnert sie sich noch den charakte-
ristisch lokalisierten Schmerz im Leibe.Nun erinnerte ich, daß sie kurz nach dem Tode der
Tante eine angebliche Blinddarmentzündung in Wien durch-
gemacht. Ich hatte mich bisher nicht getraut, diese Er-
krankung zu ihren hysterischen Leistungen zu rechnen. Sie
erzählte, daß sie die ersten Tage hoch gefiebert und den
selben Schmerz im Unterleibe verspürt, von dem sie im
Lexikon gelesen. Sie habe kalte Umschläge bekommen,
sie aber nicht vertragen; am zweiten Tage sei unter hef-
tigen Schmerzen die seit ihrem Kranksein sehr unregel-
mäßige Periode eingetreten. An Stuhlverstopfung habe sie
damals konstant gelitten.Es ging nicht recht an, diesen Zustand als einen rein
hysterischen aufzufassen. Wenn auch hysterisches Fieber
unzweifelhaft vorkommt, so schien es doch willkürlich,
das Fieber dieser fraglichen Erkrankung auf Hysterie
anstatt auf eine organische, damals wirksame Ursache zu
beziehen. Ich wollte die Spur wieder aufgeben, als sie
selbst weiterhalf, indem sie den letzten Nachtrag zum
Traume brachte: Sie sehe sich besonders deutlich die
Treppe hinaufgeben.Dafür verlangte ich natürlich eine besondere Determinie-
rung. Ihren wohl nicht ernsthaft gemeinten Einwand, daß
sie ja die Treppe hinaufgehen müsse, wenn sie in ihre im
Stocke gelegene Wohnung wolle, konnte ich leicht mit der
Bemerkung abweisen, wenn sie im Traume von der fremden
Stadt nach Wien reisen und dabei die Eisenbahnfahrt über-
gehen könne, so dürfe sie sich auch über die Stufen der
Treppe im Traume hinwegsetzen. Sie erzählte dann weiter:
Nach der Blinddarmentzündung habe sie schlecht gehenS.
117
können, weil sie den rechten Fuß nachgezogen. Das sei
lange so geblieben, und sie hätte darum besonders Treppen
gerne vermieden. Noch jetzt bleibe der Fuß manchmal
zurück. Die Ärzte, die sie auf Verlangen des Vaters kon-
sultierte, hätten sich über diesen ganz ungewöhnlichen
Rest nach einer Blinddarmentzündung sehr verwundert,
besonders da der Schmerz im Leibe nicht wieder auf-
getreten sei und keineswegs das Nachziehen des Fußes
begleitete.71Das war also ein richtiges hysterisches Symptom. Mochte
auch das Fieber damals organisch bedingt gewesen sein
— etwa durch eine der so häufigen Influenzaerkrankungen
ohne besondere Lokalisation —, so war doch sichergestellt,
daß sich die Neurose des Zufalles bemächtigte, um ihn
für eine ihrer Äußerungen zu verwerten. Sie hatte sich
also eine Krankheit angeschafft, über die sie im Lexikon
nachgelesen, sich für diese Lektüre bestraft, und mußte
sich sagen, die Strafe konnte unmöglich der Lektüre des
harmlosen Artikels gelten, sondern war durch eine Ver-
schiebung zustande gekommen, nachdem an diese Lektüre
sich eine andere, schuldvollere angeschlossen hatte, die sich
heute in der Erinnerung hinter der gleichzeitigen harm-
losen verbarg.72 Vielleicht ließ sich noch erforschen, über
welche Themata sie damals gelesen hatte.Was bedeutete denn der Zustand, der eine Perityphlitis
71Zwischen der „Ovarie“ benannten Schmerzhaftigkeit im Ab-
domen und der Gehstörung des gleichseitigen Beines ist ein soma-
tischer Zusammenhang anzunehmen, der hier bei Dora eine be-
sonders spezialisierte Deutung, d. h. psychische Überlagerung und
Verwertung erfährt. Vgl. die analoge Bemerkung bei der Analyse
der Hustensymptome und des Zusammenhanges von Katarrh und
Eßunlust.72Ein ganz typisches Beispiel für Entstehung von Symptomen
aus Anlässen, die anscheinend mit dem Sexuellen nichts zu tun
haben.S.
118
nachahmen wollte? Der Rest der Affektion, das Nachziehen
eines Beines, der zu einer Perityphlitis so gar nicht stimmte,
mußte sich besser zu der geheimen, etwa sexuellen Be-
deutung des Krankheitsbildes schicken und konnte seiner-
seits, wenn man ihn aufklärte, ein Licht auf diese gesuchte
Bedeutung werfen. Ich versuchte, einen Zugang zu diesem
Rätsel zu finden. Es waren im Traume Zeiten vorgekom-
men; die Zeit ist wahrlich nichts Gleichgültiges bei allem
biologischen Geschehen. Ich fragte also, wann diese Blind-
darmzündung sich ereignet, ob früher oder später als
die Szene am See. Die prompte, alle Schwierigkeiten mit
einem Schlage lösende Antwort war: neun Monate nachher.
Dieser Termin ist wohl charakteristisch. Die angebliche
Blinddarmzündung hatte also die Phantasie einer Ent-
bindung realisiert mit den bescheidenen Mitteln, die der
Patientin zu Gebote standen, den Schmerzen und der
Periodenblutung.73) Sie kannte natürlich die Bedeutung
dieses Termins und konnte die Wahrscheinlichkeit nicht
in Abrede stellen, daß sie damals im Lexikon über Schwan-
gerschaft und Geburt gelesen. Was war aber mit dem
nachgezogenen Beine? Ich durfte jetzt ein Erraten ver-
suchen. So geht man doch, wenn man sich den Fuß über-
treten hat. Sie hatte also einen „Fehltritt“ getan, ganz
richtig, wenn sie neun Monate nach der Szene am See
entbinden konnte. Nur mußte ich eine weitere Forderung
aufstellen. Man kann — nach meiner Überzeugung —
solche Symptome nur dann bekommen, wenn man ein
infantiles Vorbild für sie hat. Die Erinnerungen, die
man von Eindrücken späterer Zeit hat, besitzen, wie ich73)Ich habe schon angedeutet, daß die meisten hysterischen
Symptome, wenn sie ihre volle Ausbildung erlangt haben, eine
phantasierte Situation des Sexuallebens darstellen, also eine Szene
des sexuellen Verkehres, eine Schwangerschaft, Entbindung, Wochen-
bett u. dgl.S.
119
nach meinen bisherigen Erfahrungen streng festhalten
muß, nicht die Kraft, sich als Symptome durchzusetzen.
Ich wagte kaum zu hoffen, daß sie mir das gewünschte
Material aus der Kinderzeit liefern würde, denn ich kann
in Wirklichkeit obigen Satz, an den ich gerne glauben
möchte, noch nicht allgemein aufstellen. Aber hier kam die
Bestätigung sofort. Ja, sie hatte sich als Kind einmal den
selben Fuß übertreten, sie war in B. beim Heruntergehen
auf der Treppe über eine Stufe gerutscht; der Fuß, es
war sogar der nämliche, den sie später nachzog, schwoll
an, mußte bandagiert werden, sie lag einige Wochen ruhig.
Es war kurze Zeit vor dem nervösen Asthma im achten
Lebensjahre.Nun galt es, den Nachweis dieser Phantasie zu ver-
werten: Wenn Sie neun Monate nach der Szene am See
eine Entbindung durchmachen und dann mit den Folgen
des Fehltrittes bis zum heutigen Tage herumgehen, so be-
weist dies, daß Sie im Unbewußten den Ausgang der Szene
bedauert haben. Sie haben ihn also in Ihrem unbewußten
Denken korrigiert. Die Voraussetzung Ihrer Entbindungs-
phantasie ist ja, daß damals etwas vorgegangen ist,74) daß
Sie damals all das erlebt und erfahren haben, was Sie
später aus dem Lexikon entnehmen mußten. Sie sehen, daß
Ihre Liebe zu Herrn K. mit jener Szene nicht beendet war,
daß sie sich, wie ich behauptet habe, bis auf den heutigen
Tag — allerdings Ihnen unbewußt — fortsetzt. — Sie
widersprach dem auch nicht mehr.75)74)Die Deflorationsphantasie findet also ihre Anwendung auf
Herrn K., und es wird klar, warum dieselbe Region des Traum-
inhalts Material aus der Szene am See enthält. (Ablehnung,
21/2 Stunden, der Wald, Einladung nach L.)75)Einige Nachträge zu den bisherigen Deutungen: Die „Ma-
donna“ ist offenbar sie selbst, erstens wegen des „Anbeters“, der
ihr die Bilder geschickt hat, dann weil sie Herrn K.’s Liebe vorS.
120
Diese Arbeiten zur Aufklärung des zweiten Traumes
hatten zwei Stunden in Anspruch genommen. Als ich nachallem durch ihre Mütterlichkeit gegen seine Kinder gewonnen
hatte, und endlich, weil sie als Mädchen doch schon ein Kind ge-
habt hat, im direkten Hinweise auf die Entbindungsphantasie. Die
„Madonna“ ist übrigens eine beliebte Gegenvorstellung, wenn ein
Mädchen unter dem Drucke sexueller Beschuldigungen steht, was
ja auch bei Dora zutrifft. Ich bekam von diesem Zusammenhange
die erste Ahnung als Arzt der Psychiatrischen Klinik bei einem
Falle von halluzinatorischer Verworrenheit raschen Ablaufes, der
sich als Reaktion auf einen Vorwurf des Bräutigams herausstellte.Die mütterliche Sehnsucht nach einem Kinde wäre bei Fort-
setzung der Analyse wahrscheinlich als dunkles, aber mächtiges
Motiv ihres Handelns aufzudecken gewesen. — Die vielen Fragen,
die sie in letzter Zeit aufgeworfen hatte, erscheinen wie Spät-
abkömmlinge der Fragen sexueller Wißbegierde, welche sie aus
dem Lexikon zu befriedigen gesucht. Es ist anzunehmen, daß sie
über Schwangerschaft, Entbindung, Jungfräulichkeit und ähnliche
Themata nachgelesen. — Eine der Fragen, die in den Zusammen-
hang der zweiten Traumsituation einzufügen sind, hatte sie bei der
Reproduktion des Traumes vergessen. Es konnte nur die Frage
sein: Wohnt hier der Herr ***? oder: Wo wohnt der Herr ***?
Es muß seinen Grund haben, daß sie diese scheinbar harmlose
Frage vergessen, nachdem sie sie überhaupt in den Traum auf-
genommen. Ich finde diesen Grund in dem Familiennamen selbst,
der gleichzeitig Gegenstandsbedeutung hat, und zwar mehrfache,
also einem „zweideutigen“ Worte gleichgesetzt werden kann.
Ich kann diesen Namen leider nicht mitteilen, um zu zeigen, wie
geschickt er verwendet worden ist, um „Zweideutiges“ und „Un-
anständiges“ zu bezeichnen. Es stützt diese Deutung, wenn wir in
anderer Region des Traumes, wo das Material aus den Erinne-
rungen an den Tod der Tante stammt, in dem Satze „Sie sind
schon auf den Friedhof gefahren“ gleichfalls eine Wortanspielung
auf den Namen der Tante finden. In diesen unanständigen Wor-
ten wäre wohl der Hinweis auf eine zweite mündliche Quelle
gelegen, da für sie das Wörterbuch nicht ausreicht. Ich wäre nicht
erstaunt gewesen, zu hören, daß Frau K. selbst, die Verleumderin,
diese Quelle war. Dora hätte dann gerade sie edelmütig ver-
schont, während sie die anderen Personen mit nahezu tückischer
Rache verfolgte; hinter der schier unübersehbaren Reihe von Ver-
schiebungen, die sich so ergeben, könnte man ein einfaches Mo-
ment, die tief wurzelnde homosexuelle Liebe zu Frau K., vermuten.S.
121
Schluß der zweiten Sitzung meiner Befriedigung über das
Erreichte Ausdruck gab, antwortete sie geringschätzig:
„Was ist denn da viel herausgekommen? und bereitete mich
so auf das Herannahen weiterer Enthüllungen vor.Zur dritten Sitzung trat sie mit den Worten an: „Wissen
Sie, Herr Doktor, daß ich heute das letztemal hier bin?“— „Ich kann es nicht wissen, da Sie mir nichts davon ge-
sagt haben. — „Ja, ich habe mir vorgenommen, bis Neu-
jahr76) halte ich es noch aus; länger will ich aber auf die
Heilung nicht warten.“ — Sie wissen, daß Sie die Freiheit,
auszutreten, immer haben. Heute wollen wir aber noch
arbeiten. Wann haben Sie den Entschluß gefaßt? — „Vor
14 Tagen, glaube ich.“ — Das klingt ja wie von einem
Dienstmädchen, einer Gouvernante, 14 tägige Kündigung.
— „Eine Gouvernante, die gekündigt hat, war auch damals
bei K., als ich sie in L. am See besuchte.“ — So? Von der
haben Sie noch nie erzählt. Bitte, erzählen Sie.„Es war also ein junges Mädchen im Hause als Gouver-
nante der Kinder, die ein ganz merkwürdiges Benehmen
gegen den Herrn zeigte. Sie grüßte ihn nicht, gab ihm
keine Antwort, reichte ihm nichts bei Tisch, wenn er um
etwas bat, kurz, behandelte ihn wie Luft. Er war übrigens
auch nicht viel höflicher gegen sie. Einen oder zwei Tage
vor der Szene am See nahm mich das Mädchen auf die
Seite; sie habe mir etwas mitzuteilen. Sie erzählte mir
dann, Herr K. habe sich ihr zu einer Zeit, als die Frau
gerade für mehrere Wochen abwesend war, genähert, sie
sehr umworben und sie gebeten, ihm gefällig zu sein; er
habe nichts von seiner Frau usw.“ … Das sind ja die
selben Worte, die er dann in der Werbung um Sie ge-
braucht, bei denen Sie ihm den Schlag ins Gesicht ge-
76)Es war der 31. Dezember.
S.
122
geben. — „Ja. Sie gab ihm nach, aber nach kurzer Zeit
kümmerte er sich nicht mehr um sie, und sie haßte ihn
seitdem.“ — Und diese Gouvernante hatte gekündigt? —
„Nein, sie wollte kündigen. Sie sagte mir, sie habe sofort,
wie sie sich verlassen gefühlt, den Vorfall ihren Eltern
mitgeteilt, die anständige Leute sind und irgendwo in
Deutschland wohnen. Die Eltern verlangten, daß sie das
Haus augenblicklich verlasse, und schrieben ihr dann, als
sie es nicht tat, sie wollten nichts mehr von ihr wissen, sie
dürfe nicht mehr nach Hause zurückkommen.“ — Und
warum ging sie nicht fort? — „Sie sagte, sie wolle noch
eine kurze Zeit abwarten, ob sich nichts bei Herrn K.
ändere. So zu leben, halte sie sie nicht aus. Wenn sie keine
Änderung sehe, werde sie kündigen und fortgehen.“ —
Und was ist aus dem Mädchen geworden? — „Ich weiß
nur, daß sie fortgegangen ist.“ — Ein Kind hat sie von
dem Abenteuer nicht davongetragen? — „Nein.“Da war also — wie übrigens ganz regelrecht — in
mitten der Analyse ein Stück tatsächlichen Materials zum
Vorscheine gekommen, das früher aufgeworfene Probleme
lösen half. Ich konnte Dora sagen: Jetzt kenne ich das
Motiv jenes Schlages, mit dem Sie die Werbung beantwortet
haben. Es war nicht Kränkung über die an Sie gestellte
Zumutung, sondern eifersüchtige Rache. Als Ihnen das
Fräulein seine Geschichte erzählte, machten Sie noch von
Ihrer Kunst Gebrauch, alles beiseitezuschieben, was Ihren
Gefühlen nicht paßte. In dem Moment, da Herr K. die
Worte gebrauchte: Ich habe nichts von meiner Frau, die er
auch zu dem Fräulein gesagt, wurden neue Regungen in
Ihnen wachgerufen, und die Waagschale kippte um. Sie
sagten sich: Er wagt es, mich zu behandeln wie eine
Gouvernante, eine dienende Person? Diese Hochmutskrän-
kung zur Eifersucht und zu den bewußten besonnenenS.
123
Motiven hinzu: das war endlich zu viel.77 Zum Beweise,
wie sehr Sie unter dem Eindrucke der Geschichte des
Fräuleins stehen, halte ich Ihnen die wiederholten Iden-
tifizierungen mit ihr im Traume und in Ihrem Benehmen
vor. Sie sagen es den Eltern, was wir bisher nicht ver-
standen haben, wie das Fräulein es den Eltern geschrieben
hat. Sie kündigen mir wie eine Gouvernante mit 14 tägiger
Kündigung. Der Brief im Traume, der Ihnen erlaubt, nach
Hause zu kommen, ist ein Gegenstück zum Briefe der
Eltern des Fräuleins, die es ihr verboten hatten.
„Warum habe ich es dann den Eltern nicht gleich er-
zählt?“Welche Zeit haben Sie denn verstreichen lassen?
„Am letzten Juni fiel die Szene vor; am 14. Juli habe
ich’s der Mutter erzählt.“Also wieder 14 Tage, der für eine dienende Person
charakteristische Termin! Ihre Frage kann ich jetzt be-
antworten. Sie haben ja das arme Mädchen sehr wohl
verstanden. Sie wollte nicht gleich fortgehen, weil sie noch
hoffte, weil sie erwartete, daß Herr K. seine Zärt-
lichkeit ihr wieder zuwenden würde. Das muß also auch
Ihr Motiv gewesen sein. Sie warteten den Termin ab, um
zu sehen, ob er seine Werbung erneuern würde, daraus
hätten Sie geschlossen, daß es ihm Ernst war und daß er
nicht mit Ihnen spielen wollte wie mit der Gouvernante.
„In den ersten Tagen nach der Abreise schickte er noch
eine Ansichtskarte.“78Ja, als aber dann nichts weiter kam, da ließen Sie
Ihrer Rache freien Lauf. Ich kann mir sogar vorstellen,77)Es war vielleicht nicht gleichgültig, daß sie dieselbe Klage
über die Frau, deren Bedeutung sie wohl verstand, auch vom Vater
gehört haben konnte, wie ich sie aus seinem Munde gehört habe.78)Dies die Anlehnung für den Ingenieur, der sich hinter dem
Ich in der ersten Traumsituation verbirgt.S.
124
daß damals noch Raum für die Nebenabsicht war, ihn
durch die Anklage zum Hinreisen nach Ihrem Aufenthalte
zu bewegen.„… Wie er’s uns ja auch zuerst angetragen hat“, warf
sie ein. – Dann wäre Ihre Sehnsucht nach ihm gestillt
worden – hier nickte sie Bestätigung, was ich nicht er-
wartet hatte – und er hätte Ihnen die Genugtuung geben
können, die Sie sich verlangten.„Welche Genugtuung?“
Ich fange nämlich an zu ahnen, daß Sie die Angelegen-
heit mit Herrn K. viel ernster aufgefaßt haben, als Sie
bisher verraten wollten. War zwischen den K.s nicht oft
von Scheidung die Rede?„Gewiß, zuerst wollte sie nicht, der Kinder wegen, und
jetzt will sie, aber er will nicht mehr.“Sollten Sie nicht gedacht haben, daß er sich von seiner
Frau scheiden lassen will, um Sie zu heiraten? Und daß
er jetzt nicht mehr will, weil er keinen Ersatz hat? Sie
waren freilich vor zwei Jahren sehr jung, aber Sie haben
mir selbst von der Mama erzählt, daß sie mit 17 Jahren
verlobt war und dann zwei Jahre auf ihren Mann gewartet
hat. Die Liebesgeschichte der Mutter wird gewöhnlich zum
Vorbilde für die Tochter. Sie wollten also auch auf ihn
warten und nahmen an, daß er nur warte, bis Sie reif
genug seien, seine Frau zu werden.79 Ich stelle mir vor,
daß es ein ganz ernsthafter Lebensplan bei Ihnen war.
Sie haben nicht einmal das Recht zu behaupten, daß eine
solche Absicht bei Herrn K. ausgeschlossen war, und haben
mir genug von ihm erzählt, was direkt auf eine solche79)Das Warten, bis man das Ziel erreicht, findet sich im In-
halte der ersten Traumsituation; in dieser Phantasie vom Warten
auf die Braut sehe ich ein Stück der dritten, bereits angekündigten
Komponente dieses Traumes.S.
125
Absicht deutet.80 Auch sein Benehmen in L. widerspricht
dem nicht. Sie haben ihn ja nicht ausreden lassen und
wissen nicht, was er Ihnen sagen wollte. Nebstbei wäre
der Plan gar nicht so unmöglich auszuführen gewesen. Die
Beziehungen des Papa zu Frau K., die Sie wahrscheinlich
nur darum so lange unterstützt haben, boten Ihnen die
Sicherheit, daß die Einwilligung der Frau zur Scheidung
zu erreichen wäre, und beim Papa setzen Sie durch, was
Sie wollen. Ja, wenn die Versuchung in L. einen anderen
Ausgang genommen hätte, wäre dies für alle Teile die
einzig mögliche Lösung gewesen. Ich meine auch, darum
haben Sie den anderen Ausgang so bedauert und ihn in
der Phantasie, die als Blinddarmentzündung auftrat, korri-
giert. Es mußte also eine schwere Enttäuschung für Sie
sein, als anstatt einer erneuten Werbung das Leugnen und
die Schmähungen von seiten des Herrn K. der Erfolg
Ihrer Anklage wurden. Sie gestehen zu, daß nichts Sie so
sehr in Wut bringen kann, als wenn man glaubt, Sie hätten
sich die Szene am See eingebildet. Ich weiß nun, woran
Sie nicht erinnert werden wollen, daß Sie sich eingebildet,
die Werbung sei ernsthaft und Herr K. werde nicht ab-
lassen, bis Sie ihn geheiratet.Sie hatte zugehört, ohne wie sonst zu widersprechen. Sie
schien ergriffen, nahm auf die liebenswürdigste Weise mit
warmen Wünschen zum Jahreswechsel Abschied und —
kam nicht wieder. Der Vater, der mich noch einige Male
besuchte, versicherte, sie werde wiederkommen; man merke
ihr die Sehnsucht nach der Fortsetzung der Behandlung an.
Aber er war wohl nie ganz aufrichtig. Er hatte die Kur
unterstützt, solange er sich Hoffnung machen konnte, ich80)Besonders eine Rede, mit der er im letzten Jahre des Zu-
sammenlebens in B. das Weihnachtsgeschenk einer Briefschachtel
begleitet hatte.S.
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würde Dora „ausreden“, daß zwischen ihm und Frau K.
etwas anderes als Freundschaft bestehe. Sein Interesse er-
losch, als er merkte, daß dieser Erfolg nicht in meiner
Absicht liege. Ich wußte, daß sie nicht wiederkommen
würde. Es war ein unzweifelhafter Racheakt, daß sie in
so unvermuteter Weise, als meine Erwartungen auf glück-
liche Beendigung der Kur den höchsten Stand einnahmen,
abbrach und diese Hoffnungen vernichtete. Auch ihre Ten-
denz zur Selbstschädigung fand ihre Rechnung bei diesem
Vorgehen. Wer wie ich die bösesten Dämonen, die unvoll-
kommen gebändigt in einer menschlichen Brust wohnen,
aufweckt, um sie zu bekämpfen, muß darauf gefaßt sein,
daß er in diesem Ringen selbst nicht unbeschädigt bleibe.
Ob ich das Mädchen bei der Behandlung erhalten hätte,
wenn ich mich selbst in eine Rolle gefunden, den Wert
ihres Verbleibens für mich übertrieben und ihr ein warmes
Interesse bezeigt hätte, das bei aller Milderung durch
meine Stellung als Arzt doch wie ein Ersatz für die von
ihr ersehnte Zärtlichkeit ausgefallen wäre? Ich weiß es
nicht. Da ein Teil der Faktoren, die sich als Widerstand
entgegenstellen, in jedem Falle unbekannt bleibt, habe ich
es immer vermieden, Rollen zu spielen, und mich mit an-
spruchsloser psychologischer Kunst begnügt. Bei allem
theoretischen Interesse und allem ärztlichen Bestreben, zu
helfen, halte ich mir doch vor, daß der psychischen Beein-
flussung notwendig Grenzen gesetzt sind, und respektiere
als solche auch den Willen und die Einsicht des Patienten.Ich weiß auch nicht, ob Herr K. mehr erreicht hätte,
wäre ihm verraten worden, daß jener Schlag ins Gesicht
keineswegs ein endgültiges „Nein“ Doras bedeutete, sondern
der zuletzt geweckten Eifersucht entsprach, während noch
die stärksten Regungen ihres Seelenlebens für ihn Partei-
nahmen. Würde er dieses erste „Nein“ überhört und seineS.
127
Werbung mit überzeugender Leidenschaft fortgesetzt haben,
so hätte der Erfolg leicht sein können, daß die Neigung
des Mädchens sich über alle inneren Schwierigkeiten hin-
weggesetzt hätte. Aber ich meine, vielleicht ebenso leicht
wäre sie nur gereizt worden, ihre Rachsucht um so aus-
giebiger an ihm zu befriedigen. Auf welche Seite sich in
dem Widerstreite der Motive die Entscheidung neigt, ob
zur Aufhebung oder zur Verstärkung der Verdrängung,
das ist niemals zu berechnen. Die Unfähigkeit zur Er-
füllung der realen Liebesforderung ist einer der wesent-
lichsten Charakterzüge der Neurose; die Kranken sind
vom Gegensatze zwischen der Realität und der Phantasie
beherrscht. Was sie in ihren Phantasien am intensivsten
ersehnen, davor fliehen sie doch, wenn es ihnen in Wirk-
lichkeit entgegentritt, und den Phantasien überlassen sie
sich am liebsten, wo sie eine Realisierung nicht mehr zu
befürchten brauchen. Die Schranke, welche die Verdrängung
aufgerichtet hat, kann allerdings unter dem Ansturme
heftiger, real veranlaßter Erregungen fallen, die Neurose
kann noch durch die Wirklichkeit überwunden werden.
Wir können aber nicht allgemein berechnen, bei wem und
wodurch diese Heilung möglich wäre.81)81)Noch einige Bemerkungen über den Aufbau dieses Traumes,
der sich nicht so gründlich verstehen läßt, daß man seine Synthese
versuchen könnte. Als ein fassadenartig vorgeschobenes Stück läßt
sich die Rachephantasie gegen den Vater herausheben: Sie ist
eigenmächtig von Hause weggegangen; der Vater ist erkrankt,
dann gestorben… Sie geht jetzt nach Hause, die anderen sind
schon alle auf dem Friedhofe. Sie geht gar nicht traurig auf ihr
Zimmer und liest ruhig im Lexikon. Darunter zwei Anspielungen
auf den anderen Racheakt, den sie wirklich ausgeführt, indem sie
die Eltern einen Abschiedsbrief finden ließ: Der Brief (im Traume
von der Mama) und die Erwähnung des Leichenbegängnisses der
für sie vorbildlichen Tante. — Hinter dieser Phantasie verbergen
sich die Rachegedanken gegen Herrn K., denen sie in ihrem Be-
nehmen gegen mich einen Ausweg geschafft hat. Das Dienstmäd-
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Bruchstück einer Hysterieanalyse1905-005/1932
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