II. Krankengeschichten1895-005/1895/2
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    III. Miss Lucy R., 30 J. (Freud.)

    Ende 1892 wies ein befreundeter College eine junge Dame an mich,
    die wegen chronisch wiederkehrender eitriger Rhin-
    itiden in seiner Be-
    handlung stand. Wie sich später herausstellte, war eine Car-
    ies des
    Siebbeines die Ursache der Hartnäckigkeit ihrer Beschwerden. Zuletzt
    hatte sich die Patientin an ihn wegen neuer Symptome gewendet, die
    der kundige Arzt nicht mehr auf locale Affection schieben konnte. Sie
    hatte die Geruchswahrnehmung völlig eingebüsst und wurde von ein-
    oder zwei subjectiven Geruchsempfindungen fast unausgesetzt verfolgt.
    Sie empfand dieselben sehr peinlich, war ausserdem in ihrer Stimmung
    gedrückt, müde, klagte über schweren Kopf, verminderte Esslust und
    Leistungsunfähigkeit.

    Die junge Dame, die als Gouvernante im Hause eines Fabriks-
    directors im erweiterten Wien lebte, besuchte mich von Zeit zu Zeit
    in meiner Ordinationsstunde. Sie war Engländerin, von zarter Con-
    stitution, pigmentarm, bis auf die Affection der Nase gesund. Ihre
    ersten Mitteilungen bestätigten die Angaben des Arztes. Sie litt
    an Verstimmung und Müdigkeit, wurde von subjectiven Geruchs-
    empfindungen gequält, zeigte von hysterischen Symptomen eine ziemlich
    deutliche, allgemeine Analgesie bei intacter Tastempfindlichkeit; die
    Gesichtsfelder ergaben bei grober Prüfung (mit der Hand) keine Ein-
    schränkung. Das Innere der Nase war vollkommen analgisch und
    reflexlos. Berührungen wurden verspürt, die Wahrnehmung dieses
    Sinnesorganes war sowohl für specifische, wie für andere Reize
    (Ammoniak, Essigsäure) aufgehoben. Der eitrige Nasenkatarrh befand
    sich eben in einer Periode der Besserung.

    Bei dem ersten Bemühen, den Krankheitsfall verständlich zu
    machen, mussten sich die subjectiven Geruchsempfindungen als wieder-
    kehrende Hallucinationen der Deutung von hysterischen Dauersymptomen
    fügen. Die Verstimmung war vielleicht der zu dem Trauma gehörige
    Affect, und es musste sich ein Erlebniss finden lassen, bei dem diese
    jetzt subjectiv gewordenen Gerüche objectiv gewesen waren; dieses
    Erlebniss musste das Trauma sein, als dessen Symbole in der Erinnerung
    die Geruchsempfindungen wiederkehren. Vielleicht war es richtiger,
    die wiederkehrenden Geruchs-Hallucinationen, sammt der sie begleitenden
    Verstimmung, als Aequivalente des hysterischen Anfalls zu betrachten;
    die Natur wiederkehrender Hallucinationen macht sie ja zur Rolle von
    Dauersymptomen ungeeignet. Darauf kam es in diesem rudimentär
    ausgebildeten Falle wirklich nicht an; durchaus erforderlich war aber,

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    dass die subjectiven Geruchsempfindungen eine solche Specialisirung
    zeigten, wie sie ihrer Herkunft von einem ganz bestimmten realen
    Object entsprechen konnte.

    Diese Erwartung erfüllte sich alsbald. Auf meine Frage, was
    für ein Geruch sie zumeist verfolge, erhielt ich die Antwort: wie von
    verbrannter Mehlspeise. Ich brauchte also nur anzunehmen, es sei
    wirklich der Geruch verbrannter Mehlspeise, der in dem traumatisch
    wirksamen Erlebniss vorgekommen sei. Dass Geruchsempfindungen zum
    Erinnerungssymbol von Traumen gewählt werden, ist zwar recht unge-
    wöhnlich, allein es lag nahe, einen Grund für diese Auswahl anzugeben.
    Die Kranke war mit eitriger Rhinitis behaftet, darum die Nase und
    deren Wahrnehmungen im Vordergrund ihrer Aufmerksamkeit. Von
    den Lebensverhältnissen der Kranken wusste ich nur, dass in dem
    Hause, dessen zwei Kinder sie behütete, die Mutter fehle, die
    vor einigen Jahren an acuter schwerer Erkrankung gestorben war.

    Ich beschloss also, den Geruch nach „verbrannter Mehlspeise“
    zum Ausgangspunkt der Analyse zu machen. Die Geschichte dieser Analyse
    will ich so erzählen, wie sie unter günstigeren Verhältnissen hätte vor-
    fallen können; thatsächlich dehnte sich, was eine einzige Sitzung hätte
    werden sollen, auf mehrere aus, da die Kranke mich nur in der
    Ordination besuchen konnte, wo ich ihr wenig Zeit zu widmen hatte, und
    zog sich ein einziges solches Gespräch über mehr als eine Woche,
    da ihre Pflichten ihr auch nicht gestatteten, den weiten Weg von
    der Fabrik zu mir so oft zu machen. Wir brachen also mitten in der
    Unterredung ab, um nächstes Mal den Faden an der nämlichen Stelle
    wieder aufzunehmen.

    Miss Lucy R. wurde nicht somnambul, als ich sie in Hypnose
    zu versetzen versuchte. Ich verzichtete also auf den Somnambulismus
    und machte die ganze Analyse mit ihr in einem Zustande durch, der
    sich vom normalen vielleicht überhaupt wenig unterschied.

    Ich muss mich über diesen Punkt in der Technik meines Ver-
    fahrens eingehender äussern. Als ich im Jahre 1889 die Kliniken
    von Nancy besuchte, hörte ich den Altmeister der Hypnose, den
    Dr. Liébeault, sagen: „Ja, wenn wir die Mittel besässen, jedermann
    somnambul zu machen, wäre die hypnotische Heilmethode die mächtigste
    von allen.“ Auf der Klinik Bernheim’s schien es fast, als gäbe es
    wirklich eine solche Kunst und als könnte man sie von Bernheim
    lernen. Sobald ich aber diese Kunst an meinen eigenen Kranken zu
    üben versuchte, merkte ich, dass wenigstens meinen Kräften in dieser

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    Hinsicht enge Schranken gezogen seien, und dass, wo ein Patient nicht
    nach 1–3 Versuchen somnambul wurde, ich auch kein Mittel
    besass, ihn dazu zu machen. Der Procentsatz der Somnambulen blieb
    aber in meiner Erfahrung weit hinter dem von Bernheim angegebenen
    zurück.

    So stand ich vor der Wahl, entweder die kathartische Methode
    in den meisten Fällen, die sich dazu eignen mochten, zu unterlassen,
    oder den Versuch zu wagen, sie ausserhalb des Somnambulismus in
    leichten und selbst in zweifelhaften Fällen von hypnotischer Beein-
    flussung auszuüben. Welchem Grad von Hypnose – nach einer der
    hiefür aufgestellten Scalen – der nicht somnambule Zustand entsprach,
    schien mir gleichgiltig, da ja jede Richtung der Suggerirbarkeit von
    der anderen ohnedies unabhängig ist, und die Hervorrufung von
    Katalepsie, automatischen Bewegungen udgl. für eine Erleichterung
    in der Erweckung von vergessenen Erinnerungen, wie ich sie brauchte,
    nichts präjudicirt. Ich gewöhnte mir auch bald die Vornahme jener
    Versuche ab, welche den Grad der Hypnose bestimmen sollen, da
    diese in einer ganzen Reihe von Fällen den Widerstand der Kranken
    rege machten und mir das Zutrauen trübten, das ich für die wichtigere
    psychische Arbeit brauchte. Ueberdiess war ich bald müde geworden,
    auf die Versicherung und den Befehl: „Sie werden schlafen, schlafen
    Sie!“ immer wieder bei leichteren Graden von Hypnose den Einspruch
    zu hören: „Aber Herr Doctor, ich schlafe ja nicht“, um dann die allzu-
    heikle Unterscheidung vorbringen zu müssen: „Ich meine ja nicht den
    gewöhnlichen Schlaf, ich meine die Hypnose. Sehen Sie, Sie sind
    hypnotisirt, Sie können ja die Augen nicht öffnen udgl. Uebrigens
    brauche ich den Schlaf gar nicht“ udgl. Ich bin selbst überzeugt, dass
    viele meiner Collegen in der Psychotherapie sich aus diesen Schwierigkeiten
    geschickter zu ziehen wissen als ich; die mögen dann auch anders
    verfahren. Ich finde aber, wenn man in solcher Häufigkeit darauf
    rechnen darf, sich durch den Gebrauch eines Wortes Verlegenheit zu
    bereiten, thut man besser daran, dem Wort und der Verlegenheit aus
    dem Weg zu gehen. Wo also der erste Versuch nicht Somnambulismus
    oder einen Grad von Hypnose mit ausgesprochenen körperlichen Ver-
    änderungen ausgab, da lies ich die Hypnose scheinbar fallen, ver-
    langte nur „Concentrirung“ und ordnete die Rückenlage und willkür-
    lichen Verschluss der Augen als Mittel zur Erreichung dieser „Con-
    centrirung“ an. Ich mag dabei mit leichter Mühe zu so tiefen Graden
    der Hypnose gelangt sein, als es überhaupt erreichbar war.

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    Indem ich aber auf den Somnambulismus verzichtete, beraubte
    ich mich vielleicht einer Vorbedingung, ohne welche die kathartische
    Methode unanwendbar schien. Sie beruhte ja darauf, dass die Kranken
    in dem veränderten Bewusstseinszustand solche Erinnerungen zur Ver-
    fügung hatten und solche Zusammenhänge erkannten, die in ihrem
    normalen Bewusstseinszustand angeblich nicht vorhanden waren. Wo die
    somnambule Erweiterung des Gedächtnisses wegfiel, musste auch die
    Möglichkeit ausbleiben, eine Causalbeziehung herzustellen, die der
    Kranke dem Arzt nicht als eine ihm bekannte entgegenbrachte, und
    gerade die pathogenen Erinnerungen sind es ja, „die dem Gedächtniss
    der Kranken in ihrem gewöhnlichen psychischen Zustande fehlen oder
    nur höchst summarisch darin vorhanden sind.“ (Vorl. Mittheilung.)

    Aus dieser neuen Verlegenheit half mir die Erinnerung, dass
    ich Bernheim selbst den Beweis hatte erbringen sehen, die
    Erinnerungen des Somnambulismus seien im Wachzustand nur
    scheinbar vergessen und liessen sich durch leichtes Mahnen, ver-
    knüpft mit einem Handgriff, der einen andern Bewusstseinszustand
    markiren sollte, wieder hervorrufen. Er hatte z. B. einer Somnam-
    bulen die negative Hallucination ertheilt, er sei nicht mehr anwesend,
    hatte sich dann auf die mannigfaltigsten Weisen und durch schonungs-
    lose Angriffe ihr bemerkbar zu machen versucht. Es war nicht gelungen.
    Nachdem die Kranke erweckt war, verlangte er zu wissen, was er mit
    ihr vorgenommen, während sie geglaubt habe, er sei nicht da. Sie gab
    erstaunt zur Antwort, sie wisse von nichts, aber er gab nicht nach,
    behauptete, sie würde sich an alles erinnern, legte ihr die Hand
    auf die Stirne, damit sie sich besänne, und siehe da, sie erzählte
    endlich alles, was sie im somnambulen Zustand angeblich nicht
    wahrgenommen und wovon sie im Wachzustand angeblich nichts
    gewusst hatte.

    Dieser erstaunliche und lehrreiche Versuch war mein Vorbild.
    Ich beschloss von der Voraussetzung auszugehen, dass meine Patienten
    alles, was irgend von pathogener Bedeutung war, auch wussten, und
    dass es sich nur darum handle, sie zum Mittheilen zu nöthigen. Wenn
    ich also zu einem Punkt gekommen war, wo ich auf die Frage: „Seit wann
    haben Sie dies Symptom? Oder, woher rührt es?“ die Antwort bekam:
    „Das weiss ich wirklich nicht“, so verfuhr ich folgendermaassen. Ich legte
    der Kranken die Hand auf die Stirne oder nahm ihren Kopf zwischen
    meine beiden Hände und sagte: „Es wird Ihnen jetzt einfallen unter
    dem Druck meiner Hand. Im Augenblick, da ich mit dem Druck auf-

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    höre, werden Sie etwas vor sich sehen oder wird Ihnen etwas als
    Einfall durch den Kopf gehen, und das greifen Sie auf. Es ist das,
    was wir suchen. – Nun, was haben Sie gesehen oder was ist Ihnen
    eingefallen?“

    Als ich dieses Verfahren die ersten Male anwendete (es war
    nicht bei Miss Lucy R.), war ich selbst erstaunt, dass es mir gerade das
    lieferte, was ich brauchte, und ich darf sagen, es hat mich seither
    kaum jemals im Stich gelassen, hat mir immer den Weg gezeigt, den
    meine Ausforschung zu gehen hatte, und hat mir ermöglicht, jede
    derartige Analyse ohne Somnambulismus zu Ende zu führen. Ich
    wurde allmählich so kühn, dass ich den Patienten, die zur Antwort
    gaben: „Ich sehe nichts“ oder: „Mir ist nichts eingefallen“, erklärte: Das
    sei nicht möglich. Sie hätten gewiss das Richtige erfahren, nur glaubten
    sie nicht daran, dass es das sei, und hätten es verworfen. Ich würde
    die Procedur wiederholen, so oft sie wollten, sie würden jedesmal das
    selbe sehen. Ich behielt in der That jedesmal Recht; die Kranken hatten
    noch nicht gelernt, ihre Kritik ruhen zu lassen, hatten die auftauchende
    Erinnerung oder den Einfall verworfen, weil sie ihn für unbrauchbar,
    für eine dazwischenkommende Störung hielten, und nachdem sie ihn
    mitgetheilt hatten, ergab es sich jedesmal, dass es der richtige war.
    Gelegentlich bekam ich auch die Antwort, wenn ich die Mittheilung
    nach dem dritten oder vierten Druck erzwungen hatte: „Ja, das habe
    ich schon beim ersten Mal gewusst, aber gerade das habe ich nicht
    sagen wollen“, oder „ich habe gehofft, das wird es nicht sein.“
    Mühevoller war diese Art, das angeblich verengte Bewusstsein
    zu erweitern, immerhin weit mehr als das Ausforschen im Somnam-
    bulismus, aber sie machte mich doch vom Somnambulismus unab-
    hängig und gestattete mir eine Einsicht in die Motive, die häufig für
    das „Vergessen“ von Erinnerungen ausschlaggebend sind. Ich kann
    behaupten, dieses Vergessen ist oft ein beabsichtigtes, gewünschtes.
    Es ist immer ein nur scheinbar gelungenes.
    Vielleicht noch merkwürdiger ist mir erschienen, dass man
    angeblich längst vergessene Zahlen und Daten durch ein ähnliches
    Verfahren wiederbringen und so eine unvermuthete Treue des Gedächt-
    nisses erweisen kann.
    Die geringe Auswahl, die man bei der Suche nach Zahlen und
    Daten hat, gestattet nämlich, den aus der Lehre von der Aphasie
    bekannten Satz zur Hilfe zu nehmen, dass Erkennen eine geringere
    Leistung des Gedächtnisses ist als sich spontan besinnen.

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    Man sagt also dem Patienten, der sich nicht erinnern kann, in
    welchem Jahr, Monat und an welchem Tag ein gewisses Ereigniss
    vorfiel, die Jahreszahlen, um die es sich handeln kann, die zwölf
    Monatsnamen, die 31 Zahlen der Monatstage vor und versichert ihm,
    dass bei der richtigen Zahl oder beim richtigen Namen sich seine
    Augen von selbst öffnen würden, oder dass er dabei fühlen werde,
    welche Zahl die richtige sei. In den allermeisten Fällen entscheiden
    sich dann die Kranken wirklich für ein bestimmtes Datum und häufig genug
    (so bei Frau Cecilie N.) liess sich durch vorhandene Aufzeichnungen aus
    jener Zeit nachweisen, dass das Datum richtig erkannt war. Andere Male
    und bei andern Kranken ergab sich aus dem Zusammenhang der
    erinnerten Thatsachen, dass das so gefundene Datum unanfechtbar
    war. Die Kranke bemerkte z. B., nachdem man ihr das durch „Aus-
    zählen“ gewonnene Datum vorgehalten hatte: „Das ist ja der Geburts-
    tag des Vaters“ und setzte dann fort: „Ja gewiss, weil es der Geburtstag
    des Vaters war, habe ich ja das Ereigniss (von dem wir sprachen)
    erwartet.“

    Ich kann dieses Thema hier nur streifen. Der Schluss, den ich
    aus all diesen Erfahrungen zog, war der, dass die als pathogene
    wichtigen Erlebnisse mit all ihren Nebenumständen treulich vom
    Gedächtnis festgehalten werden, auch wo sie vergessen scheinen, wo
    dem Kranken die Fähigkeit fehlt, sich auf sie zu besinnen.1)

    1)Ich will als Beispiel für die oben geschilderte Technik des Ausforschens
    im nicht somnambulen Zustand, also bei nicht erweitertem Bewusstsein, einen Fall
    erzählen, den ich gerade in den letzten Tagen analysirt habe. Ich behandle eine
    Frau von 38 Jahren, die an Angstneurose (Agoraphobie, Todesangstanfällen u. dgl.)
    leidet. Sie hat, wie so viele dieser Kranken, eine Abneigung zuzugestehen, dass
    sie dieses Leiden in ihrem ehelichen Leben acquirirt hat, und möchte es gerne
    in ihre frühe Jugend zurückschieben. So berichtet sie mir, dass sie als 17jähriges
    Mädchen den ersten Anfall von Schwindel mit Angst und Ohnmachtsgefühl auf
    der Strasse ihrer kleinen Heimathstadt bekommen hat, und dass diese Anfälle
    sich zeitweise wiederholt haben, bis sie vor wenigen Jahren dem jetzigen Leiden
    den Platz räumten. Ich vermuthe, dass diese ersten Schwindelanfälle, bei denen
    sich die Angst immer mehr verwischte, hysterische waren, und beschliesse, in die
    Analyse derselben einzugehen. Sie weiss zunächst nur, dass dieser erste Anfall
    sie überfiel, während sie ausgegangen war, in den Läden der Hauptstrasse Ein-
    käufe zu machen. – Was wollten Sie denn einkaufen? – Verschiedenes, ich
    glaube, für einen Ball, zu dem ich eingeladen war. – Wann sollte dieser Ball
    stattfinden? – Es kommt mir vor, zwei Tage später. – Da muss doch einige
    Tage vorher etwas vorgefallen sein, was Sie aufregte, was Ihnen einen Eindruck
    machte. – Ich weiss aber nichts, es sind 21 Jahre her. – Das macht nichts,

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    Ich kehre nach dieser langen, aber unabweisbaren Abschweifung
    zur Geschichte von Miss Lucy R. zurück. Sie wurde also beim Ver-
    such der Hypnose nicht somnambul, sondern lag bloss ruhig da in

    Sie werden sich doch erinnern. Ich drücke auf Ihren Kopf, und wenn ich mit dem
    Druck nachlasse, werden Sie an etwas denken oder werden etwas sehen; das
    sagen Sie dann. . . . . . Ich nehme die Procedur vor; sie schweigt aber. . . . . . Nun,
    ist Ihnen nichts eingefallen? – Ich habe an etwas gedacht, aber das kann doch
    keinen Zusammenhang damit haben. – Sagen Sie’s nur. – Ich habe an eine
    Freundin gedacht, ein junges Mädchen, die gestorben ist; aber die ist gestorben,
    wie ich 18 Jahre alt war, also ein Jahr später. – Wir werden sehen, bleiben wir
    jetzt dabei. Was war mit dieser Freundin? – Ihr Tod hat mich sehr erschüttert,
    weil ich viel mit ihr verkehrte. Einige Wochen vorher war ein anderes junges
    Mädchen gestorben, das hat viel Aufsehen in der Stadt gemacht; also dann war
    es doch, wie ich 17 Jahre alt war. – Sehen Sie, ich habe Ihnen gesagt, man
    kann sich auf die Dinge verlassen, die einem unter dem Druck der Hand einfallen.
    Nun aber erinnern Sie sich, was für ein Gedanke war dabei, als Sie den Schwindel-
    anfall auf der Strasse bekamen? – Es war gar kein Gedanke dabei, nur ein
    Schwindel. – Das ist nicht möglich, solche Zustände gibt es nicht ohne eine
    begleitende Idee. Ich werde wieder drücken, und der Gedanke von damals wird
    Ihnen wiederkommen. – Also was ist Ihnen eingefallen? – Mir ist eingefallen:
    Jetzt bin ich die Dritte. – Was heisst das? – Ich muss bei dem Schwindel-
    anfall gedacht haben: Jetzt sterbe ich auch wie die beiden andern jungen Mäd-
    chen. – Das war also die Idee: Sie haben bei dem Anfall an die Freundin
    gedacht. Da muss Ihnen also ihr Tod einen grossen Eindruck gemacht haben. –
    Ja gewiss, ich erinnere mich jetzt, wie ich von dem Todesfalle gehört habe, war
    es mir schrecklich, dass ich auf einen Ball gehen soll, während sie todt ist. Aber
    ich habe mich so auf den Ball gefreut und war so beschäftigt mit der Einladung;
    ich habe gar nicht an das traurige Ereigniss denken wollen. (Man bemerke hier
    die absichtliche Verdrängung aus dem Bewusstsein, welche die Erinnerung an die
    Freundin pathogen macht.)

    Der Anfall ist jetzt einigermaassen aufgeklärt, ich bedarf aber noch eines
    occasionellen Momentes, welches die Erinnerung gerade damals provocirt, und
    bilde mir darüber eine zufällig glückliche Vermuthung. – Sie erinnern sich genau,
    durch welche Strasse Sie damals gegangen sind? – Freilich, die Hauptstrasse mit
    ihren alten Häusern, ich sehe sie vor mir. – Nun, und wo hatte die Freundin
    gewohnt? – In derselben Strasse, ich war eben vorbeigegangen, zwei Häuser
    weiter ist mir der Anfall gekommen. – Dann hat Sie also das Haus, während Sie
    vorbeigingen, an die todte Freundin erinnert und der Contrast, von dem Sie
    damals nichts wissen wollten, Sie neuerdings gepackt.

    Ich gebe mich noch immer nicht zufrieden. Vielleicht war doch noch etwas
    anderes im Spiel, was bei dem bis dahin normalen Mädchen die hysterische Dis-
    position wachgerufen oder verstärkt hat. Meine Vermuthungen lenken sich auf
    das periodische Unwohlsein als ein dazu geeignetes Moment, und ich frage:
    Wissen Sie, wann in dem Monat die Periode kam? – Sie wird unwillig: Das
    soll ich auch noch wissen? Ich weiss nur, sie war um diese Zeit sehr selten und

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    irgend einem Grade leichterer Beeinflussung, die Augen stetig ge-
    schlossen, die Miene etwas starr, ohne mit einem Glied zu rühren.
    Ich fragte sie, ob sie sich erinnere, bei welchem Anlass die Geruchs-
    empfindung der verbrannten Mehlspeise entstanden sei. — O ja, das
    weiss ich ganz genau. Es war vor ungefähr zwei Monaten, zwei Tage
    vor meinem Geburtstag. Ich war mit den Kindern im Schulzimmer
    und spielte mit ihnen (zwei Mädchen) Kochen, da wurde ein Brief
    hereingebracht, den der Briefträger eben abgegeben hatte. Ich erkannte
    an Poststempel und Handschrift, dass der Brief von meiner Mutter in
    Glasgow sei, wollte ihn öffnen und lesen. Da kamen die Kinder auf
    mich losgestürzt, rissen mir den Brief aus der Hand und riefen: Nein,
    Du darfst ihn jetzt nicht lesen, er ist gewiss für Deinen Geburtstag,
    wir werden ihn Dir aufheben. Während die Kinder so um mich
    spielten, verbreitete sich plötzlich ein intensiver Geruch. Die Kinder
    hatten die Mehlspeise, die sie kochten, im Stiche gelassen, und die
    war angebrannt. Seit damals verfolgt mich dieser Geruch, er ist
    eigentlich immer da und wird stärker bei Aufregung.

    Sie sehen diese Scene deutlich vor sich? — Greifbar, wie ich
    sie erlebt habe. — Was konnte Sie denn daran so aufregen? — Es
    rührte mich, dass die Kinder so zärtlich gegen mich waren. — Waren
    sie das nicht immer? — Ja, aber gerade, als ich den Brief der
    Mutter bekam. — Ich verstehe nicht, inwiefern die Zärtlichkeit der
    Kleinen und der Brief der Mutter einen Contrast ergeben haben
    sollen, den Sie doch anzudeuten scheinen. — Ich hatte nämlich die
    Absicht, zu meiner Mutter zu reisen, und da fiel es mir so schwer

    sehr unregelmässig. Wie ich 17 Jahre alt war, hatte ich sie nur einmal. — Also,
    wir werden auszählen, wann dieses eine Mal war. — Sie entscheidet sich beim
    Auszählen mit Sicherheit für einen Monat und schwankt zwischen zwei Tagen
    unmittelbar vor einem Datum, das einem fixen Festtag angehört. — Stimmt das
    irgendwie mit der Zeit des Balles? — Sie antwortet kleinlaut: Der Ball war — an
    dem Feiertag. Und jetzt erinnere ich mich auch, es hat mir einen Eindruck
    gemacht, dass die einzige Periode, die ich in diesem Jahr hatte, gerade vor dem
    Ball kommen musste. Es war der erste, zu dem ich geladen war.

    Man kann sich jetzt den Zusammenhang der Begebenheiten unschwer
    reconstruiren und sieht in den Mechanismus dieses hysterischen Anfalles hinein.
    Dieses Ergebniss war freilich mühselig genug gewonnen und bedurfte des vollen
    Zutrauens in die Technik von meiner Seite und einzelner leitender Einfälle, um
    solche Einzelheiten eines vergessenen Erlebnisses nach 21 Jahren bei einer
    ungläubigen, eigentlich wachen Patientin wiederzuerwecken. Dann aber stimmte
    Alles zusammen.

    Breuer u. Freud, Studien.

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    auf’s Herz, diese lieben Kinder zu verlassen. – Was ist’s mit Ihrer
    Mutter? Lebt sie wohl so einsam und hat Sie zu sich beschieden?
    Oder war sie krank um diese Zeit und Sie erwarteten Nachricht von
    ihr? – Nein, sie ist kränklich, aber nicht gerade krank und hat eine
    Gesellschafterin bei sich. – Warum mussten Sie also die Kinder
    verlassen? – Es war im Hause nicht mehr auszuhalten. Die Haus-
    hälterin, die Köchin und die Französin scheinen geglaubt zu haben,
    dass ich mich in meiner Stellung überhebe, haben sich zu einer
    kleinen Intrigue gegen mich vereinigt, dem Grosspapa (der Kinder)
    alles Mögliche über mich hinterbracht, und ich fand an den beiden
    Herren nicht die Stütze, die ich erwartet hatte, als ich bei ihnen
    Klage führte. Darauf habe ich dem Herrn Director (dem Vater der
    Kinder) meine Demission angeboten, er antwortete sehr freundlich,
    ich sollte es mir doch zwei Wochen überlegen, ehe ich ihm meinen
    definitiven Entschluss mittheilte. In dieser Zeit der Schwebe war
    ich damals; ich glaubte, ich würde das Haus verlassen. Ich bin
    seither geblieben. – Und fesselte Sie etwas Besonderes an die Kinder,
    ausser deren Zärtlichkeit gegen Sie? – Ja, ich hatte der Mutter,
    die eine entfernte Verwandte meiner Mutter war, auf ihrem Todten-
    bette versprochen, dass ich mich der Kleinen mit allen Kräften an-
    nehmen, dass ich sie nicht verlassen und ihnen die Mutter ersetzen
    werde. Dieses Versprechen hatte ich gebrochen, als ich gekündigt hatte.
    So schien denn die Analyse der subjectiven Geruchsempfindung
    vollendet; dieselbe war in der That dereinst eine objective gewesen,
    und zwar innig associirt mit einem Erlebniss, einer kleinen Scene, in
    welcher widerstreitende Affecte einander entgegengetreten waren, das
    Bedauern, diese Kinder zu verlassen, und die Kränkungen, welche sie
    doch zu diesem Entschlusse drängten. Der Brief der Mutter hatte sie
    begreiflicherweise an die Motive zu diesem Entschluss erinnert, da
    sie von hier zu ihrer Mutter zu gehen gedachte. Der Conflict der
    Affecte hatte den Moment zum Trauma erhoben, und als Symbol des
    Traumas war ihr die damit verbundene Geruchsempfindung geblieben.
    Es bedurfte noch der Erklärung dafür, dass sie von all den sinnlichen
    Wahrnehmungen jener Scene gerade den einen Geruch zum Symbol aus-
    gewählt hatte. Ich war aber schon darauf vorbereitet, die chronische
    Erkrankung ihrer Nase für diese Erklärung zu verwerten. Auf
    mein directes Fragen gab sie auch an, sie hätte gerade zu dieser Zeit
    wieder an einem so heftigen Schnupfen gelitten, dass sie kaum etwas
    roch. Den Geruch der verbrannten Mehlspeise nahm sie aber in

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    ihrer Erregung doch wahr, er durchbrach die organisch begründete
    Anosmie.

    Ich gab mich mit der so erreichten Aufklärung nicht zufrieden.
    Es klang ja alles recht plausibel, aber es fehlte mir etwas, ein an-
    nehmbarer Grund, weßhalb diese Reihe von Erregungen und dieser
    Widerstreit der Affecte gerade zur Hysterie geführt haben mußte.
    Warum blieb das Ganze nicht auf dem Boden des normalen psychi-
    schen Lebens? Mit anderen Worten, woher die Berechtigung zu der
    hier vorliegenden Conversion? Warum erinnerte sie sich nicht be-
    ständig an die Scene selbst, anstatt an die mit ihr verknüpfte Sen-
    sation, die sie als Symbol für die Erinnerung bevorzugte? Solche
    Fragen mochten vorwitzig und überflüssig sein, wo es sich um eine
    alte Hysterica handelte, welcher jener Mechanismus der Conversion
    habituell war. Dieses Mädchen hatte aber erst bei diesem Trauma
    oder wenigstens bei dieser kleinen Leidensgeschichte Hysterie acquirirt.

    Nun wußte ich bereits aus der Analyse ähnlicher Fälle, daß,
    wo Hysterie neu acquirirt werden soll, eine psychische Bedingung
    hiefür unerläßlich ist, nämlich, daß eine Vorstellung absichtlich
    aus dem Bewußtsein verdrängt, von der associativen Ver-
    arbeitung ausgeschlossen werde.

    In dieser absichtlichen Verdrängung erblicke ich auch den Grund
    für die Conversion der Erregungssumme, sei sie eine totale oder
    partielle. Die Erregungssumme, die nicht in psychische Association
    treten soll, findet umso eher den falschen Weg zu einer körper-
    lichen Innervation. Grund der Verdrängung selbst konnte nur eine
    Unlustempfindung sein, die Unverträglichkeit der einen zu ver-
    drängenden Idee mit der herrschenden Vorstellungmasse des Ich.
    Die verdrängte Vorstellung rächt sich aber dadurch, daß sie pa-
    thogen wird.

    Ich zog also daraus, daß Miss Lucy R. in jenem Moment der
    hysterischen Conversion verfallen war, den Schluß, daß unter den
    Voraussetzungen jenes Traumas eine sein müsse, die sie absichtlich
    im Unklaren lassen wolle, die sie sich bemühe zu vergessen. Nahm
    ich die Zärtlichkeit für die Kinder und die Empfindlichkeit gegen
    die andern Personen des Haushaltes zusammen, so ließ dies alles nur
    eine Deutung zu. Ich hatte den Muth, der Patientin diese Deutung
    mitzuteilen. Ich sagte ihr: „Ich glaube nicht, daß dies alle Gründe
    für Ihre Empfindung gegen die beiden Kinder sind; ich vermuthe
    vielmehr, daß Sie in Ihren Herrn, den Director, verliebt sind, viel-

  • S.

    100

    leicht, ohne es selbst zu wissen, dass Sie die Hoffnung in sich nähren,
    thatsächlich die Stelle der Mutter einzunehmen, und dazu kommt noch,
    dass Sie so empfindlich gegen die Dienstleute geworden sind, mit
    denen Sie Jahre lang friedlich zusammengelebt haben. Sie fürchten,
    dass diese etwas von Ihrer Hoffnung merken und Sie darüber ver-
    spotten werden.“

    Ihre Antwort war in ihrer wortkargen Weise: Ja, ich glaube, es
    ist so. – Wenn Sie aber wussten, dass Sie den Director lieben,
    warum haben Sie es mir nicht gesagt? – Ich wusste es ja nicht
    oder besser, ich wollte es nicht wissen, wollte es mir aus dem Kopf
    schlagen, nie mehr daran denken; ich glaube, es ist mir auch in
    der letzten Zeit gelungen.1)

    Warum wollten Sie sich diese Neigung nicht eingestehen?
    Schämten Sie sich dessen, dass Sie einen Mann lieben sollten? –
    O, nein, ich bin nicht unverständig prüde; für Empfindungen ist man
    ja überhaupt nicht verantwortlich. Es war mir nur darum peinlich,
    weil es der Herr ist, in dessen Dienst ich stehe, in dessen Haus ich
    lebe, gegen den ich nicht wie gegen einen andern die volle Unab-
    hängigkeit in mir fühle. Und weil ich ein armes Mädchen und er
    ein reicher Mann aus vornehmer Familie ist; man würde mich ja
    auslachen, wenn man etwas davon ahnte.

    Ich finde nun keinen Widerstand, die Entstehung dieser Neigung
    zu beleuchten. Sie erzählt, sie habe die ersten Jahre arglos in dem
    Hause gelebt und ihre Pflichten erfüllt, ohne auf unerfüllbare Wünsche
    zu kommen. Einmal aber begann der ernste, überbeschäftigte, sonst
    immer gegen sie reservirte Herr ein Gespräch mit ihr über die

    1)Eine andere und bessere Schilderung des eigenthümlichen Zustandes, in
    dem man etwas weiss und gleichzeitig nicht weiss, konnte ich nie erzielen.
    Man kann das offenbar nur verstehen, wenn man sich selbst in solch einem Zu-
    stand befunden hat. Ich verfüge über eine sehr auffällige Erinnerung dieser Art,
    die mir lebhaft vor Augen steht. Wenn ich mich bemühe, mich zu erinnern, was
    damals in mir vorging, so ist meine Ausbeute recht armselig. Ich sah damals
    etwas, was mir gar nicht in die Erwartung passte, und diese mich durch das
    Gesehene nicht im Mindesten in meiner bestimmten Absicht beirren, während doch
    diese Wahrnehmung meine Absicht hätte aufheben sollen. Ich wurde mir des
    Widerspruches nicht bewusst, und ebensowenig merkte ich etwas von dem Affect
    der Abstossung, der doch unzweifelhaft Schuld daran war, dass jene Wahrnehmung
    zu gar keiner psychischen Geltung gelangte. Ich war mit jener Blindheit bei
    sehenden Augen geschlagen, die man an Müttern gegen ihre Töchter, an Männern
    gegen ihre Ehefrauen, an Herrschern gegen ihre Günstlinge so sehr bewundert.

  • S.

    101

    Erfordernisse der Kindererziehung. Er wurde weicher und herzlicher
    als gewöhnlich, sagte ihr, wie sehr er bei der Pflege seiner verwaisten
    Kinder auf sie rechne und blickte sie dabei besonders an-
    In diesem
    Moment begann sie ihn zu lieben und beschäftigte sich selbst gerne
    mit der erfreulichen Hoffnung, die sie aus jenem Gespräch geschöpft
    hatte. Erst, als dann nichts mehr nachfolgte, als trotz ihres Wartens und
    Harrens keine zweite Stunde von vertraulichem Gedankenaustausch
    kam, beschloss sie, sich die Sache aus dem Sinn zu schlagen. Sie
    gibt mir ganz Recht, dass jener Blick im Zusammenhange des
    Gespräches wohl dem Andenken seiner verstorbenen Frau gegolten hat.
    ist sich auch völlig klar darüber, dass ihre Neigung völlig aussichtslos ist.

    Ich erwartete von diesem Gespräch eine gründliche Aenderung
    ihres Zustandes, diese blieb aber einstweilen aus. Sie war weiterhin
    gedrückt und verstimmt; eine hydropathische Cur, die ich sie gleich-
    zeitig nehmen liess, frischte sie des Morgens ein wenig auf; der Geruch
    der verbrannten Mehlspeise war nicht völlig geschwunden, wohl aber
    seltener und schwächer geworden; er kam, wie sie sagte, nur, wenn sie
    sehr aufgeregt war.

    Das Fortbestehen dieses Erinnerungssymbols liess mich vermuthen,
    dass dasselbe ausser der Hauptscene die Vertretung der vielen kleinen
    Nebenträumen auf sich genommen, und so forschten wir denn nach
    allem, was sonst mit der Scene der verbrannten Mehlspeise in
    Zusammenhang stehen mochte, gingen das Thema der häuslichen
    Reibungen, des Benehmens des Grossvaters u. a. durch. Dabei schwand
    die Empfindung des brenzligen Geruches immer mehr. Auch eine längere
    Unterbrechung fiel in diese Zeit, verursacht durch neuerliche Erkrankung
    der Nase, die jetzt zur Entdeckung der Caries des Siebbeines führte.

    Als sie wiederkam, berichtete sie auch, dass Weihnachten ihr so
    zahlreiche Geschenke von Seiten der beiden Herren und selbst von
    den Dienstleuten des Hauses gebracht habe, als ob alle bestrebt
    seien, sie zu versöhnen und die Erinnerung an die Conflicte der letzten
    Monate bei ihr zu verwischen. Dies offenkundige Entgegenkommen habe
    ihr aber keinen Eindruck gemacht.

    Als ich wieder ein anderes Mal nach dem Geruch der ver-
    brannten Mehlspeise fragte, bekam ich die Auskunft, der sei zwar
    ganz geschwunden, allein an seiner Stelle quäle sie ein anderer und
    ähnlicher Geruch, wie von Cigarrenrauch. Derselbe sei wohl auch früher
    dagewesen, aber wie gedeckt durch den Geruch der Mehlspeise. Jetzt
    sei er rein hervorgetreten.

  • S.

    102

    Ich war nicht sehr befriedigt von dem Erfolge meiner Therapie.
    Da war also eingetroffen, was man einer bloss symptomatischen Therapie
    immer zur Last legt; man hatte ein Symptom weggenommen, bloss
    damit ein neues an die freie Stelle rücken könne. Indess machte ich
    mich bereitwillig an die analytische Beseitigung dieses neuen Erinnerungs-
    symbols.

    Diesmal wusste sie aber nicht, woher die subjective Geruchs-
    empfindung stamme, bei welcher wichtigen Gelegenheit sie eine objective
    gewesen sei. „Es wird täglich geraucht bei uns“, meinte sie; „ich weiss
    wirklich nicht, ob der Geruch, den ich verspüre, eine besondere
    Gelegenheit bedeutet.“ Ich beharrte nun darauf, dass sie versuche, sich
    unter dem Drucke meiner Hand zu erinnern. Ich habe schon erwähnt,
    dass ihre Erinnerungen plastische Lebhaftigkeit hatten, dass sie eine
    „Visuelle“ war. In der That tauchte unter meinem Drängen ein Bild
    in ihr auf, anfangs zögernd und nur stückweise. Es war das Speise-
    zimmer ihres Hauses, in dem sie mit den Kindern wartet, bis die
    Herren aus der Fabrik zum Mittagsmal kommen. – Jetzt sitzen wir alle
    um den Tisch herum: die Herren, die Französin, die Haushälterin,
    die Kinder und ich. Das ist aber wie alle Tage – Sehen Sie nur
    weiter auf das Bild hin, es wird sich entwickeln und specialisiren.
    – Ja, es ist ein Gast da, der Oberbuchhalter, ein alter Herr, der die
    Kinder liebt wie eigene Enkel, aber der kommt so oft zu Mittag, das
    ist auch nichts Besonderes. – Haben Sie nur Geduld, blicken Sie
    immer nur auf das Bild, es wird gewiss etwas vorgehen. – Es geht
    nichts vor. Wir stehen vom Tisch auf, die Kinder sollen sich ver-
    abschieden und gehen dann mit uns wie alle Tage in den zweiten
    Stock. – Nun? – Es ist doch eine besondere Gelegenheit, ich erkenne
    die Scene jetzt. Wie die Kinder sich verabschieden, will der Oberbuch-
    halter sie küssen. Der Herr fährt auf und schreit ihn geradezu an.
    „Nicht die Kinder küssen.“ Dabei gibt es mir wie einen Stich in’s Herz,
    und da die Herren schon rauchen, bleibt mir der Cigarrenrauch im
    Gedächtniss.

    Diess war also die zweite, tieferliegende Scene, die als Trauma
    gewirkt und ein Erinnerungssymbol hinterlassen hatte. Woher rührte
    aber die Wirksamkeit dieser Scene? – Ich fragte: Was ist der Zeit
    nach früher, diese Scene oder die mit der verbrannten Mehlspeise? –
    Die letzte Scene ist die frühere, und zwar um fast zwei Monate. –
    Warum hat es Ihnen denn einen Stich bei dieser Abwehr des Vaters
    gegeben? Der Verweis richtete sich doch nicht gegen Sie? – Es war

  • S.

    103

    doch nicht recht, einen alten Herrn so anzufahren, der ein lieber
    Freund und noch dazu Gast ist. Man kann das ja auch ruhig sagen.
    – Also hat Sie nur die heftige Form Ihres Herrn verletzt? Haben
    Sie sich vielleicht für ihn genirt oder haben Sie gedacht, wenn er
    wegen einer solchen Kleinigkeit so heftig sein kann mit einem alten
    Freunde und Gast, wie wäre er es erst mit mir, wenn ich seine Frau
    wäre? – Nein, das ist es nicht. – Es war aber doch wegen der
    Heftigkeit? – Ja, wegen des Küssens der Kinder, das hat er nie gemocht.
    – Und nun taucht wieder unter dem Drucke meiner Hand die
    Erinnerung an eine noch ältere Scene auf, die das eigentlich wirksame
    Trauma war, und die auch der Scene mit dem Oberbuchhalter die
    traumatische Wirksamkeit verliehen hatte.

    Es hatte sich wieder einige Monate vorher zugetragen, dass eine be-
    freundete Dame auf Besuch kam, die beim Abschied beide Kinder
    auf den Mund küsste. Der Vater, der dabei stand, überwand sich wohl,
    der Dame nichts zu sagen, aber nach ihrem Fortgehen brach sein
    Zorn über die unglückliche Erzieherin los. Er erklärte ihr, er mache
    sie dafür verantwortlich, wenn jemand die Kinder auf den Mund küsse;
    es sei ihre Pflicht, es nicht zu dulden, und sie sei pflichtvergessen,
    wenn sie es zulasse. Wenn es noch einmal geschähe, würde er die
    Erziehung der Kinder anderen Händen anvertrauen. Es war die Zeit,
    als sie sich noch geliebt glaubte und auf eine Wiederholung jenes
    ersten freundlichen Gespräches wartete. Diese Scene knickte ihre
    Hoffnungen. Sie sagte sich: wenn er wegen einer so geringen Sache,
    und wo ich überdies ganz unschuldig bin, so auf mich losfahren kann,
    mir solche Drohungen sagen kann, so habe ich mich geirrt, so hat er
    nie eine wärmere Empfindung für mich gehabt. Die würde ihn Rücksicht
    gelehrt haben. – Offenbar war es die Erinnerung an diese peinliche
    Scene, die ihr kam, als der Oberbuchhalter die Kinder küssen wollte
    und dafür vom Vater zurechtgewiesen wurde.

    Als Miss Lucy mich zwei Tage nach dieser letzten Analyse
    wieder besuchte, musste ich sie fragen, was mit ihr Erfreuliches vor-
    gegangen sei.

    Sie war wie verwandelt, lächelte und trug den Kopf hoch. Einen
    Augenblick dachte ich daran, ich hätte doch die Verhältnisse irrig
    beurtheilt und aus der Gouvernante der Kinder sei jetzt die Braut
    des Directors geworden. Aber sie wehrte meine Vermuthungen ab:
    „Es ist gar nichts vorgegangen. Sie kennen mich eben nicht, Sie haben
    mich nur krank und verstimmt gesehen. Ich bin sonst immer so heiter.“

  • S.

    104

    Wie ich gestern früh erwacht bin, war der Druck von mir genommen,
    und seither bin ich wohl. – Und wie denken Sie über Ihre Aussichten
    im Hause? – Ich bin ganz klar, ich weiss, dass ich keine habe, und
    werde nicht unglücklich darüber sein. – Und werden Sie sich jetzt mit
    den Hausleuten vertragen? – Ich glaube, da hat meine Empfindlichkeit
    das Meiste dazu gethan. – Und lieben Sie den Director noch? –
    Gewiss, ich liebe ihn, aber das macht mir weiter nichts. Man kann ja
    bei sich denken und empfinden, was man will.

    Ich untersuchte jetzt ihre Nase und fand die Schmerz-
    Reflexempfindlichkeit fast völlig wiedergekehrt; sie unterschied auch
    Gerüche, aber unsicher und nur wenn sie intensiver waren. Ich muss
    aber dahingestellt lassen, in wieweit an dieser Anosmie die Erkrankung
    der Nase betheiligt war.

    Die ganze Behandlung hatte sich über 9 Wochen erstreckt.
    4 Monate später traf ich die Patientin zufällig in einer unserer
    Sommerfrischen. Sie war heiter und bestätigte die Fortdauer ihres
    Wohlbefindens.

    Epikrise.

    Ich möchte den hier erzählten Krankheitsfall nicht gering schätzen,
    wenngleich er einer kleinen und leichten Hysterie entspricht und nur
    über wenige Symptome verfügt. Vielmehr erscheint es mir lehrreich,
    dass auch eine solche, als Neurose armselige Erkrankung so vieler
    psychischer Voraussetzungen bedarf, und bei eingehenderer Würdigung
    dieser Krankengeschichte bin ich versucht, sie als vorbildlich für einen
    Typus der Hysterie hinzustellen, nämlich für die Form von Hysterie, die
    auch eine nicht hereditär belastete Person durch dazu geeignete
    Erlebnisse erwerben kann. Wohlgemerkt, ich spreche nicht von einer
    Hysterie, die unabhängig von jeder Disposition wäre; eine solche gibt
    es wahrscheinlich nicht, aber von solcher Art von Disposition sprechen
    wir erst, wenn die Person hysterisch geworden ist; sie ist vorher durch
    nichts bezeugt gewesen. Neuropathische Disposition, wie man sie ge-
    wöhnlich versteht, ist etwas anderes; sie ist bereits vor der Erkrankung
    durch das Maass hereditärer Belastung oder die Summe individueller
    psychischer Abnormitäten bestimmt. Von diesen beiden Momenten war
    bei Miss Lucy R., soweit ich unterrichtet bin, nichts nachzuweisen. Ihre
    Hysterie darf also eine acquirirte genannt werden und setzt nichts
    weiter voraus als die wahrscheinlich sehr verbreitete Eignung – Hysterie
    zu acquiriren, deren Charakteristik wir noch kaum auf der Spur sind.

  • S.

    105

    In solchen Fällen fällt aber das Hauptgewicht auf die Natur des
    Traumas, natürlich im Zusammenhang mit der Reaction der Person
    gegen das Trauma. Es zeigt sich als unerlässliche Bedingung für die
    Erwerbung der Hysterie, dass zwischen dem Ich und einer an dasselbe
    herantretenden Vorstellung das Verhältniss der Unverträglichkeit entsteht.
    Ich hoffe an anderer Stelle zeigen zu können, wie verschiedene neurotische
    Störungen aus den verschiedenen Verfahren hervorgehen, welche das
    „Ich“ einschlägt, um sich von jener Unverträglichkeit zu befreien. Die
    hysterische Art der Abwehr – zu welcher eben eine besondere Eignung
    erfordert wird – besteht nun in der Conversion der Erregung in eine
    körperliche Innervation, und der Gewinn dabei ist der, dass die un-
    verträgliche Vorstellung aus dem Ichbewusstsein gedrängt ist. Dafür
    enthält das Ichbewusstsein die durch Conversion entstandene körper-
    liche Reminiscenz, – in unserem Falle die subjectiven Geruchsempfin-
    dungen –, und leidet unter dem Affect, der sich mehr oder minder
    deutlich gerade an diese Reminiscenzen knüpft. Die Situation, die so
    geschaffen wird, ist nun nicht weiter veränderlich, da durch Verdrän-
    gung und Conversion der Widerspruch aufgehoben ist, der zur
    Erledigung des Affectes aufgefordert hätte. So entspricht der
    Mechanismus, der die Hysterie erzeugt, einerseits einem Acte mo-
    ralischer Zaghaftigkeit, andererseits stellt er sich als eine Schutz-
    einrichtung dar, die dem Ich zu Gebote steht. Es gibt Fälle genug,
    in denen man zugestehen muss, die Abwehr des Erregungszuwachses
    durch Production von Hysterie sei auch dermalen das Zweckmässigste
    gewesen; häufiger wird man natürlich zum Schlusse gelangen, dass
    ein grösseres Maass von moralischem Muth ein Vortheil für das Indi-
    viduum gewesen wäre.

    Der eigentlich traumatische Moment ist demnach jener, in dem
    der Widerspruch sich dem Ich aufdrängt und dieses die Verweisung
    der widersprechenden Vorstellung beschliesst. Durch solche Verweisung
    wird letztere nicht zunichte gemacht, sondern bloss in’s Unbewusste
    gedrängt; findet dieser Vorgang zum ersten Male statt, so ist hiemit
    ein Kern und Krystallisationsmittelpunkt für die Bildung einer vom
    Ich getrennten psychischen Gruppe gegeben, um den sich in weiterer
    Folge alles sammelt, was die Annahme der widerstreitenden Vorstellung
    zur Voraussetzung hätte. Die Spaltung des Bewusstseins in diesen
    Fällen acquirirter Hysterie ist somit eine gewollte, absichtliche, oft
    wenigstens durch einen Willküract eingeleitete. Eigentlich geschieht
    etwas anderes, als das Individuum beabsichtigt; es möchte eine Vor-